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VERFASSER[Klötzer, Ralf / Bröcker, Christiane]
TITEL1648-2048 - Konflikte lösen, Frieden entwickeln


ORTMünster
JAHR1998


ONLINE-TEXT350 Jahre Westfälischer Friede - Ein Thema für die Schule
SEITES. 7-60


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350 Jahre Westfälischer Friede
Ein Thema für die Schule

[Autor: Ralf Klötzer]

Geschichte wird gemacht -Vom Erinnern zum Handeln

Der Frieden ist unverzichtbare Grundlage allen menschlichen Zusammenlebens, doch er ist keine Selbstverständlichkeit, denn er hat den Ausgleich von Interessen zur Voraussetzung. Die große Bedeutung des Westfälischen Friedens von 1648 ist unter anderem darin zu sehen, daß er - erstmalig in der Geschichte der europäischen Friedensschlüsse - auf Kompromissen aller Vertragsparteien beruhte.

Was ist Frieden? Antworten auf diese Frage zu finden, könnte ein Ziel der schulischen Auseinandersetzung mit dem Jubiläum sein. Doch wie können rationale Erkenntnisse zum Handeln befähigen? Was kann ich, was können wir tun, um den Frieden zu fördern? Viele Menschen und Gruppen in unserer Stadt und Region und in der Welt zeigen uns, daß es möglich ist, dem Nachdenken über den Frieden Handlungen folgen zu lassen, die zur Entwicklung des Friedens beitragen.

Großes Engagement vieler Initiativen, Institutionen und Einzelpersonen ging dem Jubiläum von 1998 voraus. Das Ergebnis ist beachtlich. Wer in Münster, in Osnabrück oder in der Region lebt, wird an 1648 erinnert werden. So werden Schülerinnen und Schüler 1998 auch ohne schulische Impulse dem Frieden von 1648 begegnen. Aufgrund der Vielzahl der Veranstaltungen ist zu erwarten, daß der Westfälische Frieden Stadtgespräch sein wird, an dem sich auch Schülerinnen und Schüler beteiligen werden. Wenn es in der Schule gelingt, die Friedenskenntnisse und Friedensfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler zu erweitern und zu stärken, dann wird sich die Feier des Friedens im Jubiläumsjahr gelohnt haben.


Annäherung an ein geschichtliches Ereignis

Für die Stadt Münster ist der Westfälische Friede von 1648, ähnlich wie für Osnabrück, ein Höhepunkt der Stadtgeschichte, der zurecht erinnert und gefeiert wird. Nach der gescheiterten Täuferherrschaft (1534/35) erlebte Münster mit dem fünfjährigen Friedenskongreß und dem Friedensschluß von 1648 zum zweiten Mal ein Ereignis von europäischer Bedeutung. Oft werden diese beiden Ereignisse in plakativer Vereinfachung gegenübergestellt. So kann man hören, unter den Täufern sei Münster zu einem Ort der Intoleranz geworden, der Friede von 1648 hingegen habe die Toleranzentwicklung in Europa eingeleitet.

Doch die Täufer in Münster, die ihr Programm einer christlichen Gesellschaftsordnung als ein Gegenprogramm zu den realen Herrschaftsverhältnissen der Zeit entwickelten, waren durchaus nicht intoleranter als ihre Gegner, die die Täuferstadt durch Krieg und Eroberung vernichteten. In der Gesellschaft der nach 1520 auseinandergebrochenen christlichen Einheit war eine Gleichberechtigung religiös-gesellschaftlicher Orientierungen noch undenkbar.

Und 1648? Unter dem Druck der Nachbarmächte Schweden und Frankreich hatten sich der Kaiser und seine katholischen Verbündeten 1648 bereitgefunden, ihre protestantischen Gegner im Reich - neben den Lutheranern jetzt auch die Calvinisten - als politische Partner zu akzeptieren. Außerdem wurde den Landesherren, allerdings nicht dem Kaiser in seinen zum Haus Habsburg gehörenden Ländern, das Recht entzogen, ihre Untertanen zum Bekenntniswechsel zu zwingen. Noch war Toleranz nicht mehr als die wechselseitige Respektierung der konfessionellen Dreiteilung Deutschlands unter Nichtzulassung aller weiteren Bekenntnisse.

Unmittelbar hinter dem münsterschen Rathaus mit seinem Friedenssaal steht seit dem Jubiläum "1200 Jahre Münster", das 1993 begangen wurde, die Skulptur "Toleranz durch Dialog". Sie ist ein Werk des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida, der sie für den Rathausinnenhof schuf, um sie mit dem Friedenssaal als dem historischen Ort der feierlichen Beschwörung des spanisch-niederländischen Friedens von 1648 in Beziehung zu setzen. Über die historische Anknüpfung hinaus läßt sich das Kunstwerk Chillidas als ein Appell verstehen, Toleranz einzuüben, indem wir mit allen, deren Einstellungen und Verhaltensweisen uns fremd sind, in Dialog treten.


Geschichte hat Zukunft

Jeder Krieg und jeder Frieden hat Geschichte. Das Jubiläum "350 Jahre Westfälischer Friede" ist aber für Münster, Osnabrück und die gesamte Region eine Herausforderung, über die Erinnerung an den Frieden von 1648 hinaus den Frieden als Aufgabe für die Zukunft anzunehmen.

Die heutigen Schülerinnen und Schüler haben die Perspektive, im Jahr 2048 das Jubiläum "400 Jahre Westfälischer Frieden" zu erleben. Wir müssen uns mit ihnen fragen, was getan werden kann, damit sie 2048 im Frieden leben werden.
Wer dauerhaften Frieden will, braucht weiten Blick und langen Atem, und der Frieden, den wir den Menschen in 50 Jahren wünschen, muß heute vorbereitet werden. Konflikte gehören zum Leben. Es ist notwendig, sie zu beachten, ihre Ursachen zu erkennen, ihre Strukturen zu durchschauen und an gewaltfreien Lösungen zu arbeiten, denn - so der Buchtitel einer der wichtigsten friedenspädagogischen Einführungen - Gewalt muß nicht sein. [1]

Auf allen gesellschaftlichen Ebenen kann man beobachten, daß unbearbeitete Konflikte noch nach Generationen aufbrechen können. Krieg, Völkermord und Vertreibungen im ehemaligen Jugoslawien haben wieder daran erinnert. Zur Arbeit für den Frieden gehört deshalb die persönliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit vergangenen, aber unvergessenen Konflikten, Gewalterfahrungen und Kriegen.


Friedensstadt Münster

Zur Arbeit für den Frieden gehört aber auch das Anknüpfen an Friedenstraditionen. Insofern kann das Jubiläum 1998 durchaus dazu beitragen, die Arbeit für den Frieden anzustoßen und voranzubringen. Der Westfälische Frieden wurde nicht rein zufällig in Münster und Osnabrück geschlossen. Als Kongreßstädte hatte man zwei benachbarte, konfessionsverschiedene, vom Krieg weitgehend verschonte Städte ausreichender Größe in der Grenzzone der Einflußgebiete der kriegführenden Parteien gesucht und gefunden. Damit erhielten zwei der im europäischen Vergleich weniger bedeutenden Städte die Gelegenheit, dem europäischen Frieden im wörtlichen Sinne den Boden zu bereiten.

1648 wurden Münster und Osnabrück zu Städten des Friedens, und sie sind es noch, denn ihre historische Identität hat die Jahrhunderte überdauert. Im Friedenssaal des münsterschen Rathauses hat das kollektive Gedächtnis der Stadt eine starke, fast allen Menschen in der Stadt bekannte Stütze.

Aber viele wissen nicht, daß in der münsterschen Ratskammer, dem heutigen "Friedenssaal", am 15.05.1648 die feierliche Beschwörung des spanisch-niederländischen Friedens erfolgte, der den achtzigjährigen Krieg zwischen Spanien und den sieben nordniederländischen Provinzen beendete und diesen die staatliche Souveränität brachte. Weitgehend unbekannt ist auch, daß die Friedensverträge von Münster (Kaiser/Frankreich) und Osnabrück (Kaiser/Schweden) am 24.10.1648 nicht im Rathaus von Münster, sondern in den Gesandtenquartieren und im Bischofshof am Domplatz besiegelt und unterschrieben wurden.



1648 - "Friede soll sein"

Pax sit Christiana, universalis et perpetua ...
(Es soll ein christlicher, allgemeiner und fortdauernder Friede sein ...)
Mit diesen Worten beginnt der erste Artikel der lateinisch abgefaßten Friedensverträge von Münster und Osnabrück. Was verstanden die Vertragsparteien unter einem christlichen Frieden? Sie bezogen sich auf die Einheit der Christen, die zwar in den konfessionellen Auseinandersetzungen seit dem 16. Jahrhunderts zerbrochen war, aber als gesellschaftliches Leitbild noch Gültigkeit hatte. Einen allgemeinen und fortdauernden Frieden konnten sie mit Recht erhoffen, denn die Verträge von Münster und Osnabrück schufen eine ausgewogene, auf Kompromissen beruhende Friedensordnung für Deutschland und Europa. Die schon wenig später folgenden europäischen Kriege entstanden aus neuen machtpolitischen Bedingungen.

Vertragsparteien waren in Münster der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation ( Ferdinand III.) und die "Krone Frankreich" (König  Ludwig XIV.) und in Osnabrück der Kaiser und die "Krone Schweden" (Königin  Christina), jeweils mit den verbündeten Kurfürsten, Fürsten und übrigen Reichsständen. 1648 gelang ihnen die Überwindung schwerer deutscher und europäischer Konflikte, die in den Dreißigjährigen Krieg geführt und seine lange Dauer bewirkt hatten. Doch bevor mit dem Westfälischen Frieden eine konfessionell-politische Ordnung für das Reich und eine neue Mächteordnung für Europa gefunden war, hatten Millionen Menschen ihr Leben verloren.

Unbeschreibliche Verwüstungen waren das Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges. Viele Dörfer waren dem Erdboden gleich gemacht, Städte niedergebrannt, ganze Landstriche entvölkert. Der Krieg war das Schicksal einer ganzen Generation. In den großen Schlachten kamen viele Tausend Männer ums Leben, von denen ein großer Teil zum Kriegsdienst gepreßt worden war. Wo immer Besatzungstruppen stationiert waren, erhoben sie Kriegssteuern, die die Landbevölkerung auf die Dauer wirtschaftlich ruinierten. Nach verlorenen Schlachten zogen die versprengten Soldaten marodierend durch die Lande und verübten unzählbare Morde, Vergewaltigungen, Plünderungen, Zerstörungen. Viele Menschen, an denen die direkte Gewalt vorübergezogen war, überlebten die folgenden Seuchen oder den Hunger nicht.

In Münster und Osnabrück wurde ein europäischer Krieg beendet, der als deutscher Krieg begonnen hatte und im Kern ein deutscher Krieg geblieben war, nicht nur, weil er sich fast ausschließlich in Deutschland ereignete. Die Konflikte, um die es zunächst ging, waren die Reichskonflikte um das Verhältnis von Kaiser und Reichsständen [2] im allgemeinen und von katholischen und protestantischen Reichsständen im besonderen.


Kriegsursachen

Die Ursachen des Dreißigjährigen Kriegs wurzelten in den Konflikten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die im frühen 17. Jahrhundert vielen als politisch nicht mehr lösbar erschienen, nämlich der zum Teil militanten Konfessionalisierung auf katholischer und protestantischer Seite und den wachsenden Gegensätzen zwischen der Zentralgewalt des Kaisers und den Partikulargewalten der Reichsfürsten. In den Kampf der Konfessionen war die katholische Seite im Anschluß an das Konzil von Trient (1545-1563) eingetreten, als sie eine breit angelegte katholische Reformation (die Gegenreformation) begann. Auf protestantischer Seite waren es weniger die Lutheraner als die im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts erstarkenden Calvinisten, die sich zum Ziel setzten, den Katholizismus zu schwächen.

Parallel zu den konfessionell motivierten Auseinandersetzungen arbeiteten sowohl der Kaiser als auch die Partikulargewalten am Ausbau der Machtstrukturen in ihren Ländern und an der Stärkung ihrer Position im Reich. Dabei spielte der Kaiser strukturbedingt eine Doppelrolle als relativ schwache, an Kompetenzerweiterung interessierte Zentralgewalt und - auf der Grundlage seiner habsburgischen Erbländer - als der mächtigste unter den Reichsfürsten.

In den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts spitzten sich die konfessionellen Auseinandersetzungen im Reich zu und führten zur Bildung konfessioneller Bündnisse (protestantische Union 1608, katholische Liga 1609). Jetzt ließ sich nicht mehr übersehen, daß der Augsburger Religionsfriede von 1555 auf beiden Seiten die Ansprüche nicht befriedigte, die an dieses "Reichsgrundgesetz" gestellt wurden. Auf dem Augsburger Reichstag von 1555 war die lutherische Konfession ("Augsburger Bekenntnis") reichsrechtlich anerkannt worden. Für die kämpferisch eingestellten Katholiken unter der theologischen Führung der Jesuiten war der Religionsfriede von 1555 ein aus der Not geborenes Zugeständnis, das sie bei nächster Gelegenheit revidieren wollten. Für die Calvinisten aber war er als "Reichsgrundgesetz" indiskutabel, denn sie galten, da ihr Bekenntnis nicht zugelassen war, weiterhin als Ketzer.

In den letzten zehn Jahren vor dem Beginn des Krieges war die politische Lage im Reich höchst gespannt. Aufgrund einer langen Vorgeschichte sich verschärfender Interessenkonflikte konnte es nicht überraschen, daß die Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und den Protestanten im zu Habsburg gehörenden Königreich Böhmen in den großen Krieg mündeten. Der Hinauswurf kaiserlicher Beamter im Jahr 1618 ("Prager Fenstersturz") - sie landeten unversehrt im Mist - war Ausdruck der konfessionellen und politischen Autonomiebestrebungen der mehrheitlich protestantischen Adligen in Böhmen, die kurz darauf den calvinistischen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum böhmischen König wählten. Den böhmischen Separatismus beantwortete der Kaiser mit Kriegsgewalt.


Kriegsverlauf

Im Böhmisch-Pfälzischen Krieg, der sich zu Beginn der 1620er Jahre bis nach Norddeutschland ausweitete (Schlacht von Stadtlohn, 06.08.1623), waren die Truppen der katholischen Mächte - der Kaiser konnte sich vor allem auf bayerische Hilfe stützen - unter der militärischen Führung des Grafen Tilly den Armeen der protestantischen Fürsten und Söldnerführer überlegen. Deshalb traten zur Unterstützung der protestantischen Partei im Reich zuerst Dänemark (1625-1629), dann Schweden (1630-1648) und schließlich Frankreich (1635-1648) in den Krieg gegen den Kaiser und seine Verbündeten ein. Diesen ausländischen Kriegsparteien ging es vor allem um die Wahrung der eigenen Machtposition in Europa. An einer Stärkung der deutschen Fürsten waren sie interessiert, um die kaiserlich-habsburgische Hegemonie in Europa zu verhindern.

Bereits 1629 schied Dänemark mit dem Frieden von Lübeck wieder aus dem Krieg aus. Zu diesem Zeitpunkt war die kaiserliche Machtposition in Norddeutschland aufgrund der Erfolge der Armeen Tillys und des kaiserlichen Feldherrn Wallenstein gefestigter als vor dem dänischen Kriegseintritt. Durch das Restitutionsedikt verlangte der Kaiser die Rekatholisierung der von protestantischen Obrigkeiten seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eingezogenen geistlichen Besitzungen. König Gustav Adolph von Schweden sah in dieser Situation die schwedische Vormachtstellung im Ostseeraum gefährdet und erschien mit einem Heer in Deutschland. Unter seiner Führung hatte die protestantische Seite die ersten bedeutenden Erfolge. Das schwedische Heer, das den König und Feldherrn im November 1632 in der Schlacht bei Lützen verlor, gelangte bis weit nach Süddeutschland.

Eine Wendung trat mit der Niederlage der Schweden in der Schlacht bei Nördlingen ein. In deren Folge gelang es dem Kaiser, den Frieden von Prag (1635) abzuschließen, der erneut die kaiserliche Position stärkte, indem er führende Protestanten wie den Kurfürsten von Sachsen aus der antikaiserlichen Koalition herauslöste. Diese Erstarkung der habsburgischen Macht wurde zum Anlaß für den Kriegseintritt Frankreichs. Nach anfänglichen kaiserlichen Erfolgen führten eine Serie von französischen Erfolgen in Süddeutschland, die Besetzung fast des gesamten Reichsgebietes durch französische und schwedische Truppen und die allgemeine Erschöpfung zur Bereitschaft, Frieden zu schließen. Ein Präliminarvertrag, in dem die Kriegsparteien Friedensverhandlungen vereinbarten, wurde an Weihnachten 1641 in Hamburg unterzeichnet.


Der Westfälische Frieden

Die Friedensverhandlungen bevollmächtigter Gesandter begannen 1643 in Münster und Osnabrück. Da die Kriegsparteien weiterhin die militärische Entscheidung suchten, pflegten die Verhandlungen allein im Winter gute Fortschritte zu machen, im Sommer aber zu stagnieren. So zog sich der Kongreß fünf Jahre lang hin, und es war immer wieder unsicher, ob die Unterhändler überhaupt zum Erfolg kommen würden.

Die schließlich am 24.10.1648 in Münster besiegelten Verträge von Münster und Osnabrück bilden ein Ganzes in zwei Teilen. Die territorialen Bestimmungen beziehen sich im kaiserlich-französischen Vertrag von Münster [3] hauptsächlich auf Süddeutschland und im kaiserlich-schwedischen Vertrag von Osnabrück, [4] in dem sich auch die meisten Bestimmungen zur Neuordnung der Reichsverfassung finden, hauptsächlich auf Norddeutschland.

Frankreich erhielt die lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdun (sie befanden sich schon seit 1552 de facto in französischem Besitz), das Elsaß mit bestimmten Herrschaftsrechten über zehn Reichsstädte, den Sundgau sowie die auf dem rechten Rheinufer gelegene Stadt Breisach. Schweden erhielt Vorpommern mit Rügen und Stralsund, die Stadt Wismar sowie die geistlichen Fürstentümer Bremen und Verden, die in Herzogtümer umgewandelt wurden. Während die linksrheinischen Territorien, die an Frankreich fielen, aus dem Reich ausschieden (allein die Reichszugehörigkeit der zehn elsässischen Reichsstädte blieb erhalten), blieben die norddeutschen, an Schweden übertragenen Länder im Reichsverband, so daß Schweden Zugang zu den Reichstagen erhielt.

Der Westfälische Frieden stärkte Frankreich und Schweden als europäische Großmächte und erklärte sie zu Garantiemächten des Vertragswerks, er schwächte aber den Kaiser und zersplitterte das Reich in souveräne Staaten und Kleinstaaten, die das Recht zum Abschluß von außenpolitischen Bündnissen erhielten und durch Kaiser und Reich nur noch lose zusammengehalten wurden. Deshalb ist der Westfälische Frieden in der deutschen Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert als Schaden für Deutschland interpretiert worden.

Demgegenüber wird heute hervorgehoben, daß die Einigung einen dauerhaften Frieden im Reich ermöglichte, der bis zur Auflösung der alten europäischen Ordnung in der napoleonischen Zeit, also bis zum Ende des alten Reiches im Jahr 1806, wirksam blieb. Inzwischen wird der Westfälische Frieden auch in seiner generellen Bedeutung für die neuzeitliche europäische Entwicklung gewürdigt, da er das Weltbild einer von Kaisertum und Papsttum geführten christlichen Universalordnung, das im Mittelalter entwickelt worden war und den Verhältnissen nicht mehr entsprach, durch eine Staatenordnung ablöste.

Nicht alle Verhandlungsvorhaben gelangen. So konnten sich Spanien und Frankreich in Münster nicht einigen und setzten ihren Krieg bis 1659 ("Pyrenäenfrieden") fort. Ohne einen spanisch-französischen Frieden war auch der Konflikt zwischen Spanien und dem nach Unabhängigkeit strebenden Portugal, das von Frankreich unterstützt wurde, nicht beizulegen.

Aber der Frieden zwischen Spanien und den Niederlanden, der den achtzigjährigen Unabhängigkeitskrieg der sieben nordniederländischen Provinzen ("Generalstaaten") beendete, kam 1648 in Münster zustande. Er wurde am 15.05.1648, einige Monate vor Unterzeichnung der Friedensverträge des Kaisers mit Frankreich und Schweden, in der münsterschen Ratskammer ("Friedenssaal") feierlich beschworen. Dieser "vrede van Münster" bedeutete die Anerkennung der Souveränität der nördlichen Niederlande. Damit schieden die Niederlande aus dem Reich aus. Wenig später wurde im kaiserlich-französischen Vertrag auch die Selbständigkeit der Schweiz bestätigt. Diesen Erfolg hatte der Basler Bürgermeister  Johann Rudolf Wettstein als Vertreter der Eidgenossenschaft in Münster erreicht.


Gesandte in Münster

Auch die übrigen während der langwierigen Friedensverhandlungen erzielten Erfolge waren dem Geschick und der Geduld der bevollmächtigten Gesandten zu verdanken. Vieler dieser Unterhändler wurden porträtiert. Ihre Bilder hängen bis heute im Friedenssaal des münsterschen Rathauses. Maßgeblichen Anteil am Gelingen hatten außerdem die neutralen Vermittler - der päpstliche Gesandte  Fabio Chigi und der venetianische Gesandte  Alvise Contarini. Beide haben den Kongreßverlauf vor allem in Münster, aber auch in Osnabrück geprägt. Da die Verhandlungspartner direkte Kontakte scheuten, spielten die Vermittler, über die die Einigungsversuche liefen, eine sehr wichtige Rolle.

Auf kaiserlicher und französischer Seite waren je drei Gesandte in Münster anwesend. Die kaiserliche Delegation wurde zunächst von  Johann Ludwig von Nassau-Hadamar geleitet. Die Verhandlungserfolge waren jedoch im wesentlichen die Leistung des zwei Jahre nach Verhandlungsbeginn in Münster eingetroffenen Grafen  Maximilian von Trauttmansdorff und Weinsberg und von  Isaac Volmar. An der Spitze der französischen Delegation stand der Herzog von Longueville,  Henri II. de Bourbon-Orléans. Wichtigste Verhandlungsführer waren  Claude de Mesmes Comte d'Avaux und  Abel Servien.

Anfänglich lehnten die Franzosen den Juristen  Isaac Volmar als Verhandlungspartner ab und verlangten die Ersetzung des Bürgerlichen durch einen Adligen. Viel Energie wandten die Delegationen auf, um - nicht immer erfolgreich - Rangstreitigkeiten zu klären. Mehrfach nahm die spanische Delegation an Veranstaltungen nicht teil, weil sie gezwungen gewesen wäre, den Franzosen den protokollarischen Vortritt zu lassen. Wer zweispännig fuhr, zog sich die Verachtung der Gegenseite zu. Deshalb legten die Delegationsmitglieder auch die kürzesten Entfernungen innerhalb der Stadt, mochte es sich auch nur um hundert Meter handeln, sechsspännig zurück. Allen Beteiligten war wichtig, durch ihr Verhalten ihre Stellung und den Rang der Souveräne, die sie vertraten, zu repräsentieren.

Dies war sehr kostspielig.  Johann Ludwig von Nassau-Hadamar bezog Einkünfte von jährlich 8.000 Talern. Nach fünf Jahren hatte er mit 89.000 Talern mehr als das Doppelte seiner Bezüge als Eigenleistung erbracht. Daraus ist ersichtlich, daß die Gesandten ihr Privatvermögen einsetzen mußten, um auf der internationalen Bühne der Friedensverhandlungen von Münster und Osnabrück bestehen zu können.

Aber es kam nicht nur darauf an zu repräsentieren. Für den Verhandlungserfolg waren diplomatische Erfahrung und Übereinstimmung mit den politischen Zielen des Auftraggebers unabdingbar. Die kaiserlich-französischen Verhandlungen brachte  Maximilian von Trauttmansdorff und Weinsberg in der relativ kurzen Zeit seiner anderthalbjährigen Anwesenheit in Münster voran, indem er den Franzosen als Entschädigungsleistung das Elsaß anbot. Und nicht zufällig waren bei Vertragsunterzeichnung auf französischer Seite  Henri II. de Bourbon-Orléans und  Claude de Mesmes Comte d'Avaux nicht mehr in Münster, denn sie gehörten der Adelsopposition gegen Kardinal Mazarin an, der für den König  Ludwig XIV., der noch ein Kind war, die französische Politik bestimmte, und waren inzwischen zurückgerufen worden.

Weit über hundert Gesandte - die Bevollmächtigten des Kaisers sowie die Vertreter von Königreichen, Fürstentümern, Herrschaften, Republiken und Städten - waren im Verlauf der fünf Kongreßjahre in Münster anwesend. Manche von ihnen, vor allem die französischen Gesandten, hatten großes Gefolge, so daß Münster während des Kongresses ungefähr 2.000 bis 3.000 Fremde beherbergte. Dies war sehr viel für eine Stadt mit einer Bevölkerung von etwa 10.000 bis 12.000 Menschen.

Unterkunft fanden die Vornehmsten zum Beispiel in einer der Kurien am Domplatz ( Johann Ludwig von Nassau-Hadamar,  Henri II. de Bourbon-Orléans,  Claude de Mesmes Comte d'Avaux) oder in einem anderen Adelshof ( Maximilian von Trauttmansdorff und Weinsberg im Schlebrüggeschen Hof in der Königsstraße, der spanische Gesandte  Antoine Brun im Gravenhorster Hof am Krummen Timpen), manche auch in den Klöstern ( Fabio Chigi bei den Minoriten, der spanische Gesandte  Gaspar de Bracamonte y Guzman bei den Observanten). Die acht Vertreter der niederländischen Generalstaaten wohnten gemeinsam im Krameramtshaus auf dem Alten Steinweg. Viele andere waren jedoch in bescheideneren Privatquartieren untergebracht. Daß es kein Kongeßzentrum gab, war kein Mangel, da die Verhandlungen auf schriftlichem Wege oder in kleinen Gesprächsrunden geführt wurden.


Toleranz?

Gebietsabtretungen sicherten den Frieden zwischen dem Kaiser auf der einen und Frankreich und Schweden auf der anderen Seite. Für den inneren Frieden im Reich waren jedoch diejenigen im Osnabrücker Vertrag enthaltenen Regelungen entscheidend, die das Verhältnis der Konfessionsparteien betrafen. Durch drei Bestimmungen gelang es, die Feindschaft zwischen den Konfessionen zu überwinden.
  • Das Bekenntnis der Calvinisten (Reformierten) wurde neben dem katholischen und dem lutherischen Bekenntnis als gleichberechtigt zugelassen. Damit wurde das Nebeneinander verschiedener christlicher Konfessionen bekräftigt und auf Dauer etabliert.
  • Als "Normaljahr" für die Konfessionszugehörigkeit von Territorien, Städten, Gemeinden und Korporationen wurde das Jahr 1624 festgesetzt. Die konfessionellen Verhältnisse, die infolge des weiteren Kriegsverlaufs verändert worden waren, mußten wieder auf den Stand vom 01.01.1624 zurückgeführt werden. Für strittige Fälle war der Rechtsweg vorgeschrieben. Diese Bestimmung galt allerdings nicht für die habsburgischen Länder des Reiches (Österreich, Böhmen, Schlesien), für die der Kaiser sich die Rekatholisierung vorbehielt.
  • Für die Reichsversammlungen (Reichstage) wurde ein Verfahren vorgeschrieben, durch das konfessionelle Auseinandersetzungen lösbar wurden. Solche Auseinandersetzungen sollten in Zukunft statt durch Mehrheitsentscheidung nur noch durch Kompromiß der Konfessionsparteien beigelegt werden. Indem die konfessionellen Gruppen - die katholischen und protestantischen Reichsstände - getrennt zu beraten (itio in partes) und mit der anderen Seite zu einer Einigung zu kommen hatten, war das Überstimmen der konfessionellen Gegner nicht mehr möglich.

Durch diese Regelungen wurde das Nebeneinander und der territoriale Besitzstand der Konfessionen in Deutschland dauerhaft gesichert, denn die Obrigkeiten verloren das Recht, die Konfession in ihrem Herrschaftsbereich zu ändern. Zudem war ein begrenzter Minderheitenschutz gewährleistet, indem konfessionellen Minderheiten, sofern sie einer der zugelassenen Konfessionen angehörten, das Abhalten von privaten Gottesdiensten gestattet wurde. Außerdem erhielten sie das Recht der Auswanderung unter Mitnahme des Vermögens. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts blieb die konfessionelle Aufteilung Deutschlands, wie sie der Westfälische Frieden vorschrieb, bestehen, und trotz der Durchmischungen des 19. und 20. Jahrhunderts sind die ehemaligen konfessionellen Grenzen heute noch fast überall erkennbar.

Der Gedanke der Toleranz wurde in Deutschland erst seit dem Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert entwickelt. Das gleichberechtigte Nebeneinander der drei Hauptkonfessionen, das der Westfälische Frieden unter Ausschluß der sogenannten Brüdergemeinden, der Täufer/Mennoniten und aller anderen evangelischen Bekenntnisse gebracht hatte, war nicht mehr als ein erster Schritt in die Richtung der Verwirklichung von Toleranz. Es darf aber nicht übersehen werden, daß die Konfessionen sich mit diesem Schritt nicht aufeinander zu, sondern voneinander weg bewegten.


1648 - Krieg und Frieden in Europa

Von der neueren Forschung wird der Dreißigjährige Krieg als Staatenbildungskrieg definiert. Zugleich ist unstrittig, daß erst die Erschöpfung der Kriegsparteien zur Voraussetzung eines vertraglich ausgehandelten Friedens wurde, der dem neuzeitlichen Europa als einer Staatengemeinschaft die Grundlage schuf. In der Gesamtbeurteilung von Krieg und Frieden darf deshalb über dem berechtigten Lob des Friedenswerkes der Kontext der Gewalt nicht vergessen werden, in dem sich die vertragschließenden Parteien endlich zu einer neuartigen, pragmatischen und auf Kompromissen beruhenden Einigung bereitfanden.

In den schweren und langanhaltenden Konflikten des Dreißigjährigen Krieges wurden ganze Landstriche vor allem in Mitteleuropa verwüstet. Die direkte Gewalt, aber auch Hunger und Seuchen führten zu millionenfachem Sterben, von dem sich Deutschland im 17. Jahrhundert kaum erholte. Mußten die Mächtigen erst den Weg der Gewalt beschreiten, mußten erst die Grenzen der Gewalt erreicht werden, bevor tragfähige Kompromisse ausgehandelt werden konnten? Die Freude über den Frieden kann das Übermaß des Kriegsleids kaum kompensieren.


1998 - Krieg beenden, Konflikte lösen

Nie wieder Krieg! Die nach dem Zweiten Weltkrieg von vielen Menschen mit großer Überzeugung artikulierte Hoffnung, den Frieden als das höchste gesellschaftliche Gut auf Dauer bewahren zu können, ist auch am Ende des 20. Jahrhunderts im weltweiten Maßstab ein unerfüllter Wunsch geblieben. An den Westfälischen Frieden zu erinnern kann heißen, den Frieden - wie es das Leitwort des Jubiläums formuliert - "als Aufgabe" zu sehen und erkennbar zu machen.

Die doppelte Aufgabe der Menschheit, die herrschenden Kriege zu beenden und den Frieden zu stärken und weiterzuentwickeln, ist groß, sehr groß. Aber die Vision vom Frieden, die aus Friedenserfahrungen und Friedenshoffnungen entsteht, gibt Kraft und befähigt zum Handeln. Jeder Krieg läßt sich beenden, und immer läßt sich der Frieden stärken und weiterentwickeln. Jeder Mensch hat kleine oder größere Handlungsmöglichkeiten und insofern eine Mitverantwortung für den Frieden.

Gegenwärtig sind es ungefähr 30 Kriege und mehr als doppelt so viele "bewaffnete Konflikte" in der Welt, die beendet werden müssen. [5] Nicht nachvollziehbar ist das Leid, das Millionen Menschen in den Kriegen erfahren, die 1998 andauern. Was läßt sich davon durch Zahlen ausdrücken? In den Kriegen der letzten zehn Jahre sind zwei Millionen Kinder getötet worden. An sehr vielen Kriegen sind auch Kinder als Soldaten beteiligt.

Obwohl täglich Kriegsnachrichten zu hören und zu lesen sind, ist das Wissen über die bewaffneten Auseinandersetzungen in der Welt allgemein sehr gering. Nur die wenigsten der lang andauernden Kriege werden durch die Medien einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht. Was wissen selbst überdurchschnittlich interessierte Menschen über die Kriege in Sierra Leone (über 20.000 Tote seit 1991), im Sudan (über 1.300.000 Tote seit 1983), in Kashmir (über 20.000 Tote seit 1990), in Tadschikistan (über 50.000 Tote seit 1992)?


Arbeit für den Frieden

Im besten Fall beenden die Konfliktparteien einen Krieg durch Verhandlung und Kompromiß. Oft können Außenstehende einen Beitrag zur Beendigung des Krieges leisten. Nicht nur die Vereinten Nationen und die Regierungen der mächtigen Staaten der Welt sind gefordert, einen Beitrag zur Beendigung bewaffneter Konflikte zu leisten. Immer mehr wird inzwischen anerkannt, daß die sogenannten zivilgesellschaftlichen Organisationen, die Nichtregierungsorganisationen (NRO), [6] erfolgreiche, ja unverzichtbare Arbeit für den Frieden leisten, indem sie Aufgaben wahrnehmen, die die Staaten und die Staatengemeinschaft nicht erfüllen.

Aktiv für den Frieden eintretende Menschen haben Kampfhandlungen unterbunden, indem sie sich zwischen die bewaffneten Konfliktparteien begeben haben. Solcher Einsatz von Menschen gegen den Krieg kann sicher nur in Ausnahmefällen ein Mittel zur Begrenzung der Gewalt sein. Die Möglichkeiten, auf die Beendigung der Kriege in der Welt hinzuwirken, sind jedoch viel zahlreicher. Die Ächtung des Exports von Waffen und militärischer Technologie in die Krisen- und Konfliktregionen der Welt ist eine in Deutschland immer wieder und mit Nachdruck thematisierte Forderung der Friedensbewegung.

Zu den heimtückischsten Waffen gehören Minen. In Angola, Mosambik, Afghanistan, Kambodscha und in vielen anderen Ländern, in denen Kriege beendet werden konnten, geht der Krieg weiter, den diese Waffen, selbständig geworden, gegen die Menschen im Land führen. Seit Jahren weisen humanitäre Organisationen auf diesen Zusammenhang hin und fordern Unterstützung in Anti-Minen-Kampagnen, in denen der generelle Verzicht auf Entwicklung, Produktion und Export von Minen und die internationale Finanzierung der notwendigen Minenräumung gefordert werden. Diese Arbeit, 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, muß auf nicht absehbare Zeit fortgesetzt werden, denn selbst in optimistischen Schätzungen wird davon ausgegangen, daß die Minenräumung in den am stärksten betroffenen Ländern zumindest drei Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Weiterhin aber beteiligen sich auch deutsche Firmen an Entwicklung, Produktion und Export von Minen.

Die Kriege der Gegenwart sind immer seltener Kriege zwischen Staaten. Meist handelt es sich um Auseinandersetzungen innerhalb von Staaten, deren Gesell-schaftsgefüge instabil geworden ist - zum Beispiel nach der Auflösung der sozialistischen Systeme (Rußland/Tschetschenien) oder im Zuge der sogenannten zweiten Dekolonialisierungsphase (Somalia, Kongo). Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten der Vereinten Nationen ist es für die Gemeinschaft der Staaten der Welt ohnehin schwierig, zur Beendigung von Kriegen beizutragen. Nahezu unmöglich ist es jedoch, in die Kriege und bewaffneten Konflikte innerhalb von Staaten deeskalierend einzugreifen, wenn dies - wie zuletzt in Algerien - von den Staatsführungen abgelehnt wird.


Vom Wissen zum Tun

Von den Kriegen und Konflikten der Welt lesen, sehen und hören wir Nachrichten in sehr unterschiedlicher Dichte. Von manchen ist über die in Deutschland verbreiteten Massenmedien kurzfristig sehr viel, von anderen weniger, von den meisten jedoch kaum etwas zu erfahren. Dies widerspricht der längst weit vorangeschrittenen Entwicklung zur Einen Welt, die nicht nur Programm der Solidarität zwischen Menschen in reichen und armen Ländern ist. Wirtschaftliche und soziale Globalisierungsprozesse sind in vollem Gange. In dem Maße, wie die Welt zur Einen Welt wird, rücken auch entfernte Konflikte näher.

Auch die Schulen wirken, zum Beispiel durch Partnerschaften, seit langem für die Integration der Einen Welt. Diese Arbeit ist, wie die Ausstellung in der Stadtbücherei "Münstersche Schulen in der Einen Welt" im November 1997 der Öffentlichkeit gezeigt hat, schon weit vorangeschritten. Durch Kontakte zu Menschen in Kriegs- und Konfliktgebieten lassen sich diese Ansätze erweitern. Wer von Menschen, die fern sind, weiß, dem sind sie nicht mehr fern. Auf der Grundlage von Informationen und Kontakten kann die Bereitschaft zum Engagement tragfähig werden, denn Kinder und Jugendliche sind mit notleidenden Menschen in hohem Maße solidarisch.

Militärische Lösungen tragen immer den Keim weiterer Gewaltanwendung in sich. Gerade innerstaatliche Kriege und bewaffnete Konflikte, die heute vorherrschen, können nur durch den Aufbau und die Stabilisierung einer zivilen Gesellschaft überwunden werden. Gruppen und Organisationen, die sich mit den Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung seit Jahren und mit Erfolg, zum Beispiel in Guatemala oder in Bosnien, für Beendigung des Krieges, die Bewältigung des Geschehenen, Versöhnung zwischen den Konfliktparteien und einen demokratischen gesellschaftlichen Aufbau einsetzen, benötigen Unterstützung, um ihre Einsätze auszuweiten. Noch sind die Methoden der zivilen Konflikt-bearbeitung viel zu wenig bekannt, und es fehlt an materiellen und personellen Kapazitäten. Auch hier kann konkrete Friedensarbeit ansetzen.


Ursachen gewaltsam ausgetragener Konflikte

In Bosnien wurde der Frieden Europas in der jüngsten Vergangenheit am stärksten beschädigt. Noch ist der dortige Frieden nur unzureichend gesichert, denn er hängt weiterhin von der Präsenz der internationalen Truppen ab. Gerade aufgrund der überaus großen Gewalterfahrung der Menschen und der weiterhin vorhandenen Gewaltbereitschaft läßt sich noch nicht absehen, wie das in drei Territorien aufgespaltene Bosnien den Weg des Friedens finden kann.

Der Zerfall Jugoslawiens mit den Kriegen zwischen Serbien und Kroatien und zwischen den Serben, Kroaten und Muslimen Bosniens hat gezeigt, daß die nationale Orientierung auch europäische Gesellschaften noch immer in Kriege hineinreißen kann. Viele der gegenwärtigen Kriege und Konflikte in der Welt sind national motiviert. Obwohl Staat und Nation sich durchaus nicht decken müssen, wie aus Geschichte und Gegenwart ersichtlich ist, hat die Idee der Nation doch eine so starke sinnstiftende Kraft, daß sie in vielen Fällen herangezogen wird, sogar den Krieg zu legitimieren.

Vorstellungen sowohl von Volk oder Nation als auch von Konfession oder Religion werden zwar dafür nutzbar gemacht und mißbraucht, Menschen für den Krieg gegen Menschen anderer Nation oder Religion zu mobilisieren. Es sollte aber nicht übersehen werden, daß oftmals andere Ursachen einem Konflikt zugrunde liegen.

In innerstaatlichen Kriegen wird im allgemeinen um eine Neubestimmung der kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Macht und letztlich um den Status von Personen und gesellschaftlichen Gruppen gerungen. Der Begriff "Bürgerkrieg" benennt solche Konflikte im allgemeinen unzutreffend, da er die meist nicht gegebene Gleichwertigkeit der Konfliktparteien suggeriert.

Um Kriege zu beenden, bedarf es deshalb in vielen Fällen einer Vermittlung von außen, die in der Lage ist, die Ansprüche der Konfliktparteien in einem Kompromiß zusammenzuführen. Es gibt zum Aushandeln von Kompromissen keine Alternative, wenn der Frieden dauerhaft und die darauf begründete Gesellschaftsform demokratisch sein soll.


Strukturelle Gewalt

Gewalt läßt sich zwar gewaltsam unterdrücken, doch wird auf diese Weise die gesellschaftliche Entwicklung behindert oder sogar unmöglich gemacht. Es kommt darauf an, Gewaltbereitschaft abzubauen. Dies kann letztlich nur durch Integration der gewaltbereiten Kräfte in eine gewaltfreie zivile Gesellschaft gelingen. Dazu muß die Gesellschaft allen Individuen und sozialen Gruppen einen Platz einräumen. So selbstverständlich diese Forderung erscheinen mag, so unerfüllt ist sie doch im allgemeinen.

Insofern eine Gesellschaft einigen ihrer Mitglieder die kulturelle, soziale, ökonomische oder politische Partizipation verwehrt, herrscht in ihr strukturelle Gewalt. Fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze, mangelhafte Integration ausländischer Menschen oder die sozialökonomische Benachteiligung von Frauen sind bekannte Beispiele für strukturelle Gewaltphänomene in der Gesellschaft, in der wir leben. Für die Entwicklung des innergesellschaftlichen Friedens, aber auch für die Minderung direkter Gewalt, ist es unabdingbar, strukturelle Gewalt abzubauen.

Ein Beispiel soll dies veranschaulichen. Das allgemeine gesellschaftliche Dominanzverhältnis zwischen Männern und Frauen ist ein strukturelles Gewaltverhältnis. Nicht zufällig werden extreme Gewaltdelikte in der großen Mehrzahl von Männern und in überproportional vielen Fällen von Männern an Frauen begangen. Von dem Ziel, strukturelle und direkte Gewalt der Männer gegen die Frauen zu mindern, sind wir allerdings noch weit entfernt. Auch die Kriege der Welt werden fast ausschließlich von Männern geführt. Da der Anteil der zivilen Opfer der Kriege im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark angestiegen ist, sind auch in dieser Hinsicht die Frauen immer mehr zu Opfern der Männergewalt geworden. In einigen Kriegen (Korea, Vietnam, Bosnien) wurden Frauen in großer Zahl systematisch vergewaltigt und ermordet.

Wer einen Blick für strukturelle Gewaltverhältnisse entwickelt, wird besser und nachhaltiger gegen direkte Gewalt und für den Frieden eintreten können. Jugendliche Gewalttäter sind in vielen Fällen Opfer struktureller und zum Teil auch direkter Gewalt. Eine Gesellschaft, die in vielen Bereichen jungen Menschen die Mitgestaltung der Zukunft erschwert hat, schlägt nicht nur das innovative Potential der jungen Menschen in den Wind, sondern bereitet möglicherweise schwerwiegenden Konflikten den Boden.

Arbeit für den Frieden muß an der strukturellen Gewalt ansetzen, denn den meisten Konflikten liegen konfliktträchtige Strukturen zugrunde. Ob es um Landverteilung in Brasilien, um Kinderarbeit in der Teppichindustrie oder um Gifteinsatz in der Plantagenwirtschaft geht - in einer globalisierten Welt entfalten sich auch immer mehr Gewaltstrukturen im globalen Maßstab.


Wege der Konfliktlösung

Aber es ist eine langwierige Sache, strukturelle Bedingungen zu verändern. Aktuelle Konflikte drängen sich in den Vordergrund und müssen gelöst werden. Streit muß geschlichtet, die widerstreitenden Interessen müssen zum Ausgleich gebracht werden. Dazu bedarf es einer Kultur der kompetenten Vermittlung, denn nicht immer wird es den Streitenden gelingen, den Konflikt selbständig zu lösen.

Traditionelle Konfliktregelungsmechanismen sind in den zunehmenden Individualisierungstendenzen der Gesellschaft untergegangen. Vielleicht ist das auch gut so, denn was hat das Machtwort des Familienvaters früherer Generationen zur Förderung des Friedens beigetragen? Gegenwärtig kommt es darauf an, kommunikative Strukturen der Konfliktregelung neu zu schaffen. Das gilt in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, vor allem aber im öffentlichen Raum, auf allen Ebenen der Gesellschaft und schließlich auch zwischen den Gesellschaften und zwischen den Staaten.

Ist es verwunderlich, daß es den Vereinten Nationen nur ansatzweise gelingt, Weltkonflikte erfolgreich beizulegen? Im großen wie im kleinen ist ein Defizit an erprobten und bewährten Konfliktregelungsmechanismen festzustellen. Seit Jahrtausenden und Jahrhunderten hat das Recht den Stärkeren in seine Grenzen gewiesen in seinem Bestreben, die Schwächeren zu unterdrücken. Dieser Prozeß, die zwischenmenschlichen und mehr und mehr auch die internationalen Beziehungen durch Recht zu regeln, ist nicht abgeschlossen. Auf zwischenstaatlicher Ebene - der Westfälische Frieden hat hier 1648 einen Anfang gemacht - muß noch sehr viel erreicht werden, bis die internationalen Gerichtshöfe mit Kompetenzen ausgestattet sind und Recht durchsetzen können.

Immer wird es darum gehen, den Schwächeren durch das Recht zu ihrem Recht zu verhelfen - sei es den zum Tode Verurteilten zu ihrem Recht auf Leben oder den mitwohnenden Fremden zu ihrem Recht auf Bürgerschaft. Noch ungeklärt ist, wie weit das Recht der Staatengemeinschaft gehen wird, in sogenannte innerstaatliche Konflikte einzugreifen. Die Frage, wo die Souveränität des Staates endet, weist Parallelen auf zu der zur Zeit diskutierten Frage, welche öffentlichen Eingriffe in das Privatleben (zum Beispiel bei Gewalt in der Ehe) erforderlich und geboten sind.

Aus dem Leben der Menschen sind Konflikte, auch wenn viele vermeidbar sein mögen, nicht wegzudenken. Fähigkeiten zur Vermeidung, Entschärfung, Überwindung und Lösung von Konflikten entwickelt zu haben, gehört zu den bedeutendsten sozialen Leistungen der Kulturen. Nach der Auflösung traditioneller gesellschaftlicher Hierarchien werden gegenwärtig neue Formen der Konfliktbearbeitung erprobt und angewandt. Schiedsmänner und Schiedsfrauen vermitteln in privaten Streitfällen, um eine außergerichtliche Einigung zu ermöglichen. Zunehmend werden Gruppenkonflikte durch Mediation bearbeitet, durch ein Verfahren der Vermittlung also, das ebenfalls darauf zielt, zerstrittenene Parteien auf dem Konfliktlösungsweg voranzubringen. Es kommt darauf an, einen Konflikt als Lernchance zu nutzen. Um so weniger wird es nötig sein, ihn mit Gewalt zu lösen - oder ihn aus dem Bewußtsein zu verdrängen, um dem Problem seiner Bearbeitung vermeintlich zu entgehen.


2048 - Interessen ausgleichen, Frieden entwickeln

So wichtig wie die Beendigung von Kriegen durch tragfähige Friedensschlüsse ist die Förderung des Friedens durch stetigen Interessenausgleich und gewaltfreie Konfliktlösung. Der Frieden zwischen den Menschen und Staaten muß entwickelt werden, denn nur der lebendige Frieden ist ein sicherer Frieden.

Ein Jubiläum bietet die Gelegenheit zur Rückbesinnung. Doch das Jubiläum eines bedeutenden Friedensschlusses, unter das Leitwort "Frieden als Aufgabe" gestellt, ist zugleich eine Gelegenheit vorauszuschauen, die erwartbare Lebenszeit der heutigen Kinder und Jugendlichen ganz in den Blick zu nehmen und zu überlegen, was heute für den Frieden im 21. Jahrhundert getan werden muß. Noch fällt es schwer, die Ziffernfolge 2-0-4-8 überhaupt als Jahreszahl zu erkennen. Aber fünfzig Jahre sind keine lange Zeitspanne, weniger als ein Lebensalter.

Man muß realistischerweise davon ausgehen, daß die Menschheit den Krieg auch im 21. Jahrhundert nicht überwinden wird. Vollkommener Frieden zeichnet sich auch in ferner Zukunft nicht ab. Die meisten der Menschen, die im Jahr 2048 Konflikte gewaltsam austragen werden, sind noch nicht einmal geboren. Sie werden aber in Strukturen hineinwachsen, in denen die politische, soziale und ökonomische Möglichkeit, Kriege zu führen, weiterhin gegeben ist. Es kommt darauf an, die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen so zu gestalten und zu beeinflussen, daß Kriege verhindert oder zumindest begrenzt und möglichst rasch beendet werden können. Zu diesem Zweck müssen die Vereinten Nationen politisch gestärkt und ihre exekutiven Möglichkeiten erweitert werden.

Aber das genügt nicht, so wichtig auch die globalen Rahmenbedingungen sind. Um dem Ziel einer friedlicheren Welt näher zu kommen, müssen positive Entwicklungen in Europa und in allen Weltregionen, Staaten, Staatengruppen und Kulturkreisen gefördert werden.


Europa im 21. Jahrhundert

Eine herausragende Entwicklung für den Frieden in der Welt war in den letzten zehn Jahren die Auflösung des Ost-West-Konflikts, der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit geprägt hat, der vielfachen Tod brachte, ganze Gesellschaften gelähmt entließ und in seinen Auswirkungen noch lange spürbar bleiben wird. Schon ist der Ost-West-Konflikt nicht mehr Teil der Lebensgeschichte heutiger Kinder und Jugendlicher. Im zehnten Jahr nach seinem Ende ist festzustellen, daß die sich eröffnenden Möglichkeiten, Ost-West-Kontakte zu knüpfen und auf Partnerschaften und Freundschaften hinzuarbeiten, bisher nur in wenigen Ansätzen genutzt worden sind. Da die Teilung Europas durch Deutschland verlief, besteht gerade in Deutschland die Fremdheit zwischen Ost und West in vielerlei Hinsicht noch fort. Politisch ist die deutsche Einheit zwar vollzogen, gesellschaftlich entwickelt sie sich jedoch nur langsam und benötigt noch viel Förderung unter Einsatz von Phantasie und Engagement.

Wer das notwendige Zusammenwachsen Europas will, wird gut daran tun, über die Pflege der Kontakte zu den traditionellen europäischen Partnerländern hinaus auch die Integration der ost- und südosteuropäischen Länder zu fördern. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die europäische Integration aus deutscher Sicht mit Schritten zu einer deutsch-französischen Freundschaft, die die seit dem Dreißigjährigen Krieg immer wieder neu entfachte Gegnerschaft dieser Nachbarn überwand. Heute jedoch entscheidet sich die weitere Entwicklung Europas an seinen Rändern. Zum einen muß der Prozeß des Zusammenwachsens die schwächeren Partner (Portugal, Griechenland, Irland und andere) einbeziehen. Zum anderen muß der sich verschärfenden Tendenz der Abschließung Europas entgegengewirkt werden, damit die Gemeinschaftsbildung nicht zu Lasten der Beziehungen zu außereuropäischen Ländern erfolgt.

Der Prozeß der europäischen Integration ist in vollem Gange. Er ist unumkehrbar und wird weitergehen. Mit dem Schengener Abkommen [7] hat Europa allerdings die äußeren Grenzen weitgehend geschlossen und denen, die in Europa Zuflucht suchen, das Hereinkommen sehr schwer oder unmöglich gemacht. Damit folgt auch die europäische Staatengemeinschaft dem immer wiederkehrenden sozialen Muster, daß nämlich die Integration von zuvor weitgehend selbständigen Individuen, Gruppen, Gesellschaften und Staaten im allgemeinen mit einer Abschließung nach außen einhergeht. Zur deutschen Staatsbildung im Jahr 1871 zum Beispiel kam es nach preußisch-deutschen Kriegen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/1871). Man hatte die Nachbarn zu Feinden erklärt, um die deutsche Integration zu verwirklichen.


Grenzen schaffen Nachbarn

So erfordert die europäische Integration, will sie die Fehler der Geschichte nicht wiederholen, einen sehr bewußten Umgang mit den östlichen und südöstlichen Nachbarn, aber auch mit den Nachbarn an der Südküste des Mittelmeers. Rußland und die Türkei, aber auch Marokko oder Algerien werden und sind schon unsere Nachbarn. Je weiter die europäische Integration voranschreitet, desto selbstverständlicher wird die Gemeinschaft zum Beispiel zwischen Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland und desto notwendiger ist die Wahrnehmung der neuen Nachbarn jenseits der Grenzen des politisch fast schon zusammengewachsenen Europas.

Schnell wurden die beiden deutschen Staaten vereinigt, aber nur langsam entwickelt sich die Annäherung an die Länder Osteuropas. Unabhängig von den Organisationsformen (EU, OSZE, NATO) hängt die friedliche Entwicklung Europas ganz wesentlich von der Einbeziehung der osteuropäischen Länder einschließlich Rußlands ab. Nicht zuletzt aus der im Verhältnis zu Rußland noch keineswegs geklärten europäischen Identität bezieht auch die gegenwärtige Diskussion um die Osterweiterung der NATO ihre Brisanz.

Wenn Rußland seinen Platz in einem größeren Europa einnehmen soll, so gilt dies ebenso für die kleineren osteuropäischen Länder von Estland bis Bulgarien. In einzelnen dieser Länder, zum Beispiel in Weißrußland, gibt die jüngste staatliche Entwicklung mehr Anlaß zur Besorgnis als zur Hoffnung. Um so wichtiger ist es, auf der gesellschaftlichen Ebene innereuropäische Kontakte und Freundschaften zu den Menschen dieser Länder aufzubauen, zu pflegen und zu festigen.

Weiter ist die Frage der Einbeziehung der Türkei in die europäische Integration von Bedeutung für die europäische Zukunft. Der Weg der Türkei nach Europa ist durch die vielen Menschen aus der Türkei bereitet, die in Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern mittlerweile in drei Generationen leben und ihre Beziehungen zur türkischen Heimat noch aufrecht erhalten.

Europa ist über Rußland wie über die Türkei mit Asien verbunden. Es wird sicherlich darauf ankommen, diese beiden Länder als Brücken zwischen den Kontinenten zu stärken. Nicht zuletzt die Kriege in Tschetschenien und Kurdistan geben Anlaß, von der Bindung dieser Länder an Europa auch Impulse für den Frieden im westlichen Asien zu erwarten.


Umgang mit Flüchtlingen

Auf lange Sicht kann die Mauer, die die europäischen Länder vor einigen Jahren an ihren Grenzen errichteten, kein friedensfördernder Beitrag zum Abbau der Weltkonflikte sein. Immer mehr Menschen in den Konfliktgebieten der Erde verlassen ihre Heimat und suchen Zuflucht an fremden Orten, suchen Möglichkeiten, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Nur wenigen wird Asyl in einem europäischen Land gewährt. Abgewiesen und in ihre Heimat zurückgeschickt, erleiden viele weitere Verfolgung. Aufgrund gescheiterter Hoffnungen auf eine Lebensperspektive haben sich Menschen in der Abschiebehaft das Leben genommen. Das umstrittene Kirchenasyl ist ein humanitärer Versuch, Flüchtlingen und anderen ausländischen Menschen in Einzelfällen zu einem Bleiberecht zu verhelfen.

Seit vielen Jahren bemüht sich die Stadt Münster, unterstützt durch die Flüchtlingshilfegruppen, den gesetzlich gegebenen Spielraum im Interesse der Flüchtlinge zu nutzen. In Erwartung der sich mit Sicherheit weiter vergrößernden Flüchtlingszahlen ist es dringend erforderlich, daß die reichen Länder neue Wege der Zusammenarbeit mit den armen Ländern beschreiten. Es wird immer notwendiger werden, Flüchtlinge aufzunehmen, vor allem aber wird den Fluchtursachen politisch begegnet werden müssen.

Neben den zwischenstaatlichen werden es mehr und mehr innerstaatliche Konflikte sein, die Menschen zu Flüchtlingen machen. Weiterhin mit Gewalt und mit Waffen ausgetragen, können solche Konflikte oft erst nach Jahrzehnten der Zerstörungen beigelegt werden. Wer den Frieden in der Welt stärken möchte, muß die gewaltfreie Konfliktlösung unterstützen und darf nicht tatenlos zuschauen, wie Menschen gezwungen werden, aus ihrem Heimatland zu flüchten.


Die Welt ist reich für alle

In der Einen Welt sind alle gefordert, ihren Beitrag zum Ausgleich der Interessen zu leisten. Das verlangt die Bereitschaft, eigene materielle, kulturelle, geistige und gesellschaftliche Besitztümer und Errungenschaften mit anderen, im allgemeinen zunächst fremden Menschen zu teilen. Im Geben und Nehmen können beide Seiten eine friedliche und freundschaftliche Partnerschaft entwickeln.

Seit Jahrzehnten arbeitet die den Frieden durch Verständigung und Partnerschaft fördernde Eine-Welt-Bewegung an einer kulturellen Evolution. Es kommt darauf an, erkennbar zu machen, daß in der Einen Welt das Wohlleben weniger auf Kosten vieler keine Zukunft hat. Fast noch unbehelligt genießen diejenigen, die die wirtschaftliche Macht haben, die Reichtümer der Welt nahezu allein. Aber die selbstgemachten globalen Probleme der natürlichen Umwelt und der gesellschaftlichen Verhältnisse erfordern konsequentes Umdenken und rasches Handeln. Ziel muß eine verantwortungsvolle und solidarische Nutzung der Ressourcen dieser Welt sein.


Das Bild des Fremden

Es entstehen gegenwärtig neue, zukunftsfähige Weltbilder, aber noch sind die alten Bilder stark. Jahrhundertelang wurden die kolonialisierten Länder, ihre Reichtümer und ihre Menschen, als Ressourcen der überlegenen Imperien betrachtet. Noch die Not- und Entwicklungshilfe, der sich die reichen Länder im Zuge der Dekolonialisierung vor einigen Jahrzehnten verschrieben, basiert auf dem Bild des fremden Anderen und den aus diesem Konstrukt hergeleiteten Überlegenheitsvorstellungen. Die wahre, menschliche Identität des als fremd definierten Anderen zu sehen, bedeutet, die Herrschaft über die Welt aufgeben zu müssen.

Aus Fremden werden Freunde, das ist im globalen Maßstab noch Vision, doch zugleich schon, wie die wachsende Zahl der interkulturellen Begegnungen und Freundschaften erweist, eine realistische Vorstellung. Viele Kinder und Jugendliche, vor allem in Großstädten, leben und lernen heute in kulturenübergreifenden sozialen Zusammenhängen. Hieraus erwächst insbesondere den Schulen eine Chance für die Zukunft: Die früher noch fremd waren, leben heute nebenan, in derselben Straße, in derselben Stadt, im selben Land und können gemeinsam für den Frieden eintreten.


Lokale Agenda 21

Gerechtigkeit könnte der Leitbegriff einer neuen Ethik werden, deren Ziel es ist, den Frieden zu entwickeln. In einer Situation, in der andere nicht einmal die Möglichkeit haben zu überleben, ist es unrecht, den Reichtum der Welt allein zu beanspruchen. Solange die mächtigen Staaten und die sozialen Eliten in vielen armen Ländern die Weltwirtschaft und den Welthandel zu ihren Gunsten organisieren, werden die armen Länder ihre ökonomische Eigenständigkeit nicht erreichen.

Die Produktion von Waffensystemen, die die ganze Menschheit mehrfach vernichten können, Raubbau und Zerstörung der natürlichen Ressourcen und das Leben auf Kosten anderer sind keine tragfähigen gesellschaftlichen Leitbilder. Überall auf der Welt wird gegenwärtig die Bereitschaft zu einer global verträglichen Lebensgestaltung größer. 1992 hat die Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro die Kommunen aufgefordert, eine "Lokale Agenda 21" aufzustellen und darin den Handlungsbedarf für die ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung im 21. Jahrhundert verbindlich zu formulieren. Auch Münster ist seit einigen Jahren Teil der weltweiten Bewegung der Kommunen auf dem Weg zu einer tragfähigen Entwicklung.

Als Bindeglied zwischen einer veränderten individuellen Lebensgestaltung und den notwendigen Regelungen auf staatlicher und überstaatlicher Ebene hat die Lokale Agenda 21 große Bedeutung. Sie als Regelwerk kommunalen Handelns zu verabschieden, in Zukunft fortzuschreiben und als Maßstab für die Entwicklung im 21. Jahrhundert anzuwenden, ist auch für Münster eine große Chance.

Dem weltweiten Prozeß der Arbeit an den Lokalen Agenden liegt die Erkenntnis zugrunde, daß alle Länder der Welt einen großen Entwicklungsbedarf haben. Es hat sich erwiesen, daß die Scheidung der Welt in entwickelte und unterentwickelte Länder ein Irrtum war und nicht nur zur Lösung der globalen Probleme wenig beigetragen hat, sondern sogar für die dramatische Verschärfung der Probleme mitverantwortlich zu machen ist. Auch die hochindustrialisierten Länder brauchen Entwicklung hin zu einer weltweit tragfähigen Ökonomie.

Im Kern wird die erforderliche Veränderung einen Wechsel der Orientierung mit sich bringen müssen. An die Stelle der angestrebten Quantitäten müssen Qualitäten treten, statt Maximierung muß es um Optimierung gehen. Das Ziel wird sein, gut zu leben statt immer mehr zu konsumieren. Fast schon unabhängig von Zeit und Raum sich alles leisten zu können, ist kein Modell für eine Verbrauchswirtschaft der Zukunft. In dem Maße, wie die Welt durch Nachrichten und Verkehr zusammengerückt ist, ging das Bewußtsein von Ort und Entfernung verloren. Ein Gegenkonzept ist die Regionalisierung. In kleineren, überschaubaren Kreisläufen wird es für alle Menschen möglich sein, unter Schonung der Natur auf Dauer tragfähig zu wirtschaften und zu konsumieren.


In 50 Jahren: 400 Jahre Westfälischer Frieden

Auch heute sind, wie zu allen Zeiten, Bedrohungen des Weltfriedens zu befürchten, obwohl immer mehr über die Mechanismen von Kriegen und Konflikten bekannt ist. Aber die Kultur der Streitschlichtung und gewaltfreien Konfliktlösung, die nicht nur auf der Ebene der Vereinten Nationen und anderer Staatengemeinschaften, sondern auch auf der Ebene der freien, regierungsunabhängigen Organisationen entstanden ist, gibt Anlaß zu verhaltenen Hoffnungen auf Gewaltbegrenzungen. Das Lernen für den Frieden wird nicht vergeblich sein.

Über Krieg und Frieden wird nicht allein auf der politischen Bühne entschieden. Vielmehr müssen der Wille und die Fähigkeit zum Frieden in allen gesellschaftlichen Bereichen verankert werden. Auf die im allgemeinen große Bereitschaft junger Menschen, Frieden zu üben, sollte die Schule mit friedenspädagogischen Angeboten reagieren. Der Wille zum Frieden muß ergänzt werden durch die erlernbaren Fähigkeiten, Konflikte gewaltfrei zu lösen und Interessen zum Ausgleich zu bringen. Es kommt darauf an, Frieden zu üben - im doppelten Wortsinn, denn für den Frieden einzutreten, kann auch gelernt werden.


Frieden lernen - Impulse für den Unterricht

Den lebendigen Frieden im Schulalltag gewährleisten alle, die einer Schulgemeinschaft angehören, indem sie sich für Verständigung und freundschaftlichen Umgang einsetzen. Aber die in der Gesellschaft vorhandenen offenen und verdeckten Gewaltverhältnisse finden ihre Entsprechung auch in der Schule.

Deshalb fordert die Entwicklung einer sozial belastbaren und toleranten Schulgemeinschaft von allen Beteiligten die tägliche Bereitschaft zu tragfähigen Kompromissen. Das Vorhandensein von unterschiedlichen Interessen als den "Normalfall der Demokratie" zu akzeptieren, muß auch im schulischen Alltag gelernt werden. Eine auf Interessenausgleich angelegte soziale Kultur bildet das notwendige Fundament, damit in der Schule konkretes friedenspolitisches Engagement wachsen kann.

In fast allen Bereichen der unterrichtlichen Arbeit kann der Frieden ein Thema sein. Im folgenden werden Impulse gegeben, Friedensbildung und Friedenserziehung in allen Schularten, Schulstufen und Fächern, besonders aber im fächerübergreifenden Unterricht und in Projekten zu betreiben.


Schulprojekte

Für den fächerübergreifenden handlungs- und projektorientierten Unterricht bietet das Friedensthema viele Möglichkeiten. Es muß nicht notwendigerweise eingegrenzt, sondern könnte im Gegenteil explizit erweitert werden, etwa als "Frieden - Gerechtigkeit - Umwelt - Entwicklung". Unter dem Titel "Friedensbotschaften" könnte darauf hingearbeitet werden, Ergebnisse nach außen zu tragen, und unter dem Titel "Den Frieden fördern - Den Frieden verwirklichen" könnte die Schule anstreben, konkrete Arbeit für den Frieden zu leisten.

Auch die Themenfelder "Interkulturelles Lernen", "Eine Welt" oder "Lokale Agena 21" lassen sich im Jubiläumsjahr und darüber hinaus in den größeren Rahmen des Friedensthemas stellen. Es wird darauf ankommen, eigene Beiträge der Schülerinnen und Schüler zur Friedens- und Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft anzuregen und zu unterstützen.

Für die zeitliche Organisation der Projektdurchführung bieten sich verschiedene Möglichkeiten an. Die geschlossene Durchführung in Projekttagen oder einer Projektwoche wird vielleicht in den meisten Fällen den Vorzug erhalten. Daneben ist aber auch ein wiederkehrender wöchentlicher, monatlicher oder halbjährlicher Projekttag denkbar, der es ermöglicht, das Friedensthema kontinuierlich zu bearbeiten.


Musik

Die musikalische Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden läßt sich bis zu den Anfängen der Musik und durch alle Kulturen verfolgen und spiegelt in besonderer Weise die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Immer ist Musik auch eine Kriegs-, vor allem aber eine Friedenssprache der Menschen und Völker gewesen.

Die Vereinnahmung von Musik für militärische Zwecke kann ebenso thematisiert werden wie der Widerstand der als "entartet" ausgegrenzten und verfolgten Musiker gegen den Nationalsozialismus oder die Lieder der Friedensbewegung, die seit den 60er Jahren die Generation der heutigen Lehrerinnen und Lehrer prägten.

Große Kompositionen wie Messen und Sinfonien, aber auch Kirchen- und Kinderlieder ("Maikäfer flieg ..."), haben den Frieden zum Thema. Im Jubiläumsjahr werden zahlreiche Aufführungen zu hören sein. Viele Werke entstanden in Auseinandersetzung mit den Erfahrungen des Dreißigjährigen Kriegs und des Westfälischen Friedens oder des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

Alle Kulturen haben Musik, und Musik ist eine universale Sprache. Wer offen ist für Klänge, Tonfolgen und Rhythmen anderer Kulturen, schafft damit eine Brücke der Verständigung mit anderen Menschen. Zudem bieten sich musikalische Aktivitäten für internationale Begegnungen an, denn in kaum einem Bereich kann so unkompliziert über Sprachbarrieren hinweg kommuniziert werden wie im Bereich der Musik.


Kunst

Gerade für jüngere Schülerinnen und Schüler bietet die künstlerische Umsetzung von Gedanken und Empfindungen zum Frieden sehr viele Möglichkeiten. Anregend kann die Auseinandersetzung mit der Darstellung des Friedens in klassischen Werken der Grafik, Malerei und Skulptur sein. Ein Besuch der großen Ausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa" in Münster und Osnabrück (ab 24.10.1998) ist zu empfehlen. Gegenwartskunst zum Friedensthema wird 1998 in vielen Ausstellungen gezeigt.

Kunst hat Kriege mit vorbereitet, und Kunst kann Friedensarbeit leisten. Im öffentlichen Raum der meisten Städte, so auch in Münster, finden sich Beispiele dafür (Kriegerdenkmäler; "Toleranz durch Dialog" im Rathausinnenhof; "Das gegenläufige Konzert" im Zwinger).


Sport / Bewegung

Manche Sportarten sind aus Übungen zur Kampfertüchtigung hervorgegangen und haben ihren Kampfcharakter bewahrt. Aber heute steht der Sport unter dem sehr starken Leitbild von Verständigung und Freundschaft, wenn die sportliche Betätigung auch - nicht nur im Hochleistungssport - oft von Konkurrenzdenken bestimmt wird. Begriffen wie Sieg und Niederlage haftet noch eine kriegerische Konnotation an.

Mehr als manche anderen Fächer hat der Sportunterricht, der die Gemeinschaftsfähigkeit auf besondere Weise fördern kann, erzieherische Aufgaben. Durch Regelbeachtung und das Fairneßgebot werden Schülerinnen und Schüler unterstützt, die Rechte anderer zu respektieren und die eigene Friedensfähigkeit zu entwickeln. Im Sport treten Konflikte unmittelbarer hervor und lassen sich leichter lösen als in anderen Situationen. Spiele ohne Gewinner und Verlierer können viel zur Förderung einer offenen, niemanden ausschließenden Kooperationsbereitschaft beitragen.

Münstersche Schulen veranstalten einen jährlichen Solidaritätslauf der Einen Welt. Den Möglichkeiten gemeinsamer sportlicher Betätigung unter dem Friedensthema sind keine Grenzen gesetzt.


Sprache / Deutsch

Worte machen den Krieg, aber auch den Frieden möglich. Kriegs- und Friedensworte, von denen die Sprache übervoll ist, lassen sich untersuchen. In Reden und Schriften wurden Kriege legitimiert und vorbereitet, aber auch die Sehnsucht nach Frieden zum Ausdruck gebracht. Friedenspreisträgerinnen und Friedenspreisträger haben sich in ihren Werken und Reden für den Frieden eingesetzt. In Tages- und Wochenzeitungen, in Zeitschriften, im Radio und im Fernsehen ist der Frieden jeden Tag ein Thema.

An Literatur zum Thema Frieden herrscht kein Mangel. Der "Simplicissimus" von Grimmelshausen, der die Erfahrungen des Autors aus dem Dreißigjährigen Krieg verarbeitet, gehört zu den bedeutendsten Werken der deutschen Literatur. Bert Brecht hat mit seinem Stück "Mutter Courage und ihre Kinder" das literarische Erbe Grimmelshausens angetreten. Günter Grass hat die Friedensverhandlungen des Westfälischen Friedens in seiner Erzählung "Das Treffen in Telgte" aktualisiert. Gedichte gegen den Krieg und Lieder für den Frieden sind in großer Zahl geschrieben worden. Zahlreiche Kinder- und Jugendbücher thematisieren den Frieden. Ein "Lastenfahrrad", von der Pädagogischen Arbeitsstelle des Schulamts und von der Stadtbücherei beladen, wird 1998 Bücher zum Friedensthema auch in die Schulen bringen.


Geschichte

Das Jubiläum "350 Jahre Westfälischer Friede" macht Geschichte für ein Jahr zum Hauptfach. Zu unrecht nehmen der Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Frieden in Lehrplänen und Schulgeschichtsbüchern nur geringen Raum ein, denn sie können als Schlüsselereignisse der europäischen Geschichte betrachtet werden. Als historisches Scharnier zwischen Mittelalter und Moderne interpretiert, kommt ihnen eine große didaktische Bedeutung zu. Unter den verschiedensten Apekten nicht nur der Sozial-, Religions- oder Verfassungsgeschichte bieten sich Längsschnitte an.

In Münster liegt es nahe, an den Orten des Friedens (Rathaus, Krameramtshaus, Gesandtenquartiere, ehemaliger Bischofshof) und in den historischen Ausstellungen die didaktischen Fäden aufzunehmen. Hier berühren sich Stadtgeschichte und europäische Geschichte. Einen anderen Zugang bietet die Alltagsgeschichte. Wie haben Menschen den Krieg erlebt: Männer, Frauen und Kinder auf dem Land oder in der Stadt, Söldner, Troßjungen, Marketenderinnen, Offiziere, Diplomaten, Kriegsveteranen, Witwen? Viele Anregungen wird die Kinder- und Jugendausstellung "Vivat Pax - Es lebe der Friede" bieten, die im Frühjahr 1998 in Münster und im Herbst 1998 in Osnabrück gezeigt wird.


Geographie

Wie der Krieg hat auch der Frieden einen Raumbezug. Die globalen Raummuster sind die Grundlage der Aufteilung der Welt in Konflikt- und Friedenszonen und deren Veränderungen. Durch die weltweiten Fluchtbewegungen kommt es zu großräumigen Überschneidungen der Konflikt- und Friedenszonen. Unter gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen ist der Geographieunterricht die notwendige Ergänzung zum Geschichts- und Politikunterricht, zumal er die höchst wichtige Aufgabe erfüllt, ein Raumbild der Welt zu vermitteln.

Ein sinnvoller Einstieg in die Thematik kann die Fragestellung der Grenze sein. Grenzen sind immer relativ, sie strukturieren den Raum und sind ein Grundfaktor der Gesellschaftsbildung des Menschen. Nicht sie zu leugnen oder aufzulösen, sondern sie durchlässig zu machen, wird im allgemeinen das politische Ziel sein.

Der Gesamtkomplex "Eine Welt - Umwelt - Entwicklung" gehört zum Themenbereich des zukünftigen Friedens. Wie der Politikunterricht kann auch der Geographieunterricht viel zur Beantwortung der Fragen zukünftigen Gestalt der Welt beitragen.


Politik / Sozialwissenschaften

Frieden und Krieg stehen nicht in der Macht des einzelnen, sondern sind von kollektiven Interessen und politisch-gesellschaftlichen Bedingungen abhängig. Welche gesellschaftlichen Gruppen wollen aus welchen Gründen den Krieg oder den Frieden? Für die Erziehung zum Frieden ist das Durchschauen gesellschaftlicher Interessen von höchster Bedeutung.

Das Friedensthema kann von verschiedenen leitenden Fragestellungen her erschlossen werden. Konzepte der militärischen und der zivilen Friedenswahrung lassen sich gegenüberstellen. Ertragreich erscheint auch die Bündelung der Problematik unter Themen wie Gewalt/Gewaltbegrenzung, Konflikt/Konfliktlösung oder Flucht/Asyl. Hochaktuell ist die Untersuchung von Krieg und Frieden als eines Problems innerhalb von Staaten. Durch die innerstaatlichen bewaffneten Konflikte wird das Phänomen des Staates als einer gesellschaftlichen Organisationsform, die von innen unter einen Druck geraten kann, der zur Auflösung des Staates führt (zum Beispiel Somalia), neu faßbar.

Schließlich aber könnte der Frieden das Hauptthema im Unterricht sein. Mögliche Aspekte reichen von der Friedenswahrung durch Verträge über die klassischen Instrumente der Friedenssicherung (militärische Abschreckung, Diplomatie, Bündnisse) bis zu Konzepten des gewaltfreien Widerstands und zum politischen Pazifismus, der den bewaffneten Frieden ablehnt.


Religion / Ethik / Philosophie

In kaum einem anderen Fach wird es so leicht fallen, den Frieden zu thematisieren, wie in Religion. Der konziliare Prozeß "Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung" wird sich weiter entwickeln und mit Sicherheit ein Dauerthema der christlichen Kirchen bleiben. Den Einstieg in den Unterricht über den Frieden können die Fragen nach dem Ich, dem Du, dem Wir, dem Ihr bilden, über die sich Egoismus, Aggressionen, Gewalt und Feindbilder, aber auch Gemeinschaft, Verständigung und Solidarität thematisieren lassen.

Auch eine kritische Betrachtung der Rolle der Religion in Krieg und Frieden ist erforderlich. Nicht nur in vergangenen Jahrhunderten, auch in der Gegenwart werden Menschen mit Waffen getötet, für die göttlicher Segen erbeten wurde.

Zugleich ist der Frieden eine zentrale Botschaft der Religionen, und in allen Religionen gibt es Traditionen, die den Menschen zum inneren Frieden als einer Voraussetzung für den äußeren Frieden führen wollen (Mystik, Yoga, Zen). Nicht zuletzt bietet es sich an, die Konfessionsbildung und die Entwicklung religiöser Toleranz im Christentum auch im Religionsunterricht zu behandeln.


Latein

Caesars "De bello Gallico" ist ein Standardwerk im Lateinunterricht. Es lohnt sich, den Text einmal von einer höheren Warte zu betrachten, um zu erfassen, welche Bedeutung der Krieg für das römische Imperium hatte. Mit "befrieden" meinten die römischen Kriegsherren "unterwerfen", und insofern war die "Pax Romana" des Augustus ein Zustand relativer Befriedung nach erfolgten Unterwerfungen. Vor dem Hintergrund des kriegerischen Römischen Reiches haben Friedenstexte aus der Feder von Cicero oder Seneca eine um so größere Bedeutung.

Zur Lektüre bieten sich auch die Verträge von Münster und Osnabrück an, die in einer konsequent am klassischen Latein orientierten Sprache der weltlichen, durch den Humanismus geschulten Juristen verfaßt sind. In ihnen findet sich, da die Staaten der frühen Neuzeit daran interessiert waren, sich von der Kirche unabhängig zu machen, keine Spur des mittelalterlichen Kirchenlateins. Hugo Grotius' "De iure belli ac pacis libri tres", ein Standardwerk des 17. Jahrhunderts vor allem des Rechts im Krieg, ist für einen fächerübergreifenden Unterricht mit Geschichte, Politik und Religion zu empfehlen.


Englisch

Texte von Thomas Hobbes und John Locke befassen sich mit dem entfesselten Krieg und der Stabilisierung der politischen Verfassung als einer Grundvoraussetzung für den Frieden. Ähnlich wie für den Deutschunterricht lassen sich für den Englischunterricht Texte zum Frieden in großer Zahl finden. Es bietet sich an, in Zusammenarbeit mit dem Musikunterricht die englischsprachigen Friedenslieder der 60er Jahre zu behandeln.

Im 20. Jahrhundert wird die Diskussion über Krieg und Frieden in der Welt sehr stark von den USA bestimmt, so daß auch in dieser Hinsicht das Englische vom Amerikanischen als Weltsprache abgelöst worden ist. Die Kriegs- und Friedenspolitik der USA seit dem Ersten Weltkrieg hat alle Teile der Welt beeinflußt. Auch in Zukunft werden die USA führend mitbestimmen, welche Konflikte in der Welt aus ihren regionalen Bedingtheiten herausgelöst und zu Weltthemen gemacht werden. Ebenfalls bedienen sich die Vereinten Nationen der neuen Weltsprache des amerikanischen Englisch.


Französisch

Münster versteht sich als Stadt des Westfälischen Friedens, aber es gibt kaum ein öffentliches Bewußtsein darüber, daß gerade Deutsche und Franzosen hier im Jahr 1648 eine Partnerschaft des Friedens eingegangen sind. Spätere Feindschaften haben diese gemeinsame Friedenstradition fast ausgelöscht. Der Unterricht kann den Beitrag des münsterschen Friedensvertrags zwischen dem Kaiser und Frankreich und den jeweiligen Verbündeten zu einer bald wieder aufgegebenen deutsch-französischen Verständigung thematisieren. Die in französischer Sprache abgefaßten königlichen Vollmachten für die französischen Gesandten sind Bestandteil des münsterschen Friedensvertrags. Sie bieten sich für die Behandlung im Unterricht an.

Heute gilt die deutsch-französische Freundschaft allgemein als wichtige Voraussetzung für das Gelingen der europäischen Integration. Gleichwohl sind die beiden Länder in vielerlei Hinsicht sehr verschieden und werden verschieden bleiben. Als ehemalige Kolonialmacht hat Frankreich nicht nur Verantwortung, sondern auch Einflußmöglichkeiten in den Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent, vor allem in Nord-, West- und Zentralafrika.


Andere Sprachen

Auch im Russisch-, Spanisch- oder Niederländischunterricht gibt es viele Möglichkeiten, das Friedensthema einzubringen. In den von der Sowjetunion dominierten sozialistischen Systemen war der Friede ein spezifischer Propagandabegriff, der noch als Name der Raumstation "Mir" bekannt bleiben wird. Durch Intensivierung der deutsch-russischen Beziehungen, auch durch Schulpartnerschaften, kann ein wichtiger Beitrag für den Frieden geleistet werden. Rußland hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts wesentlich mitgeprägt. Heute schon spricht die Geschichtswissenschaft vom "kurzen" 20. Jahrhundert, das 1917 mit der russischen Revolution begann und 1989 mit dem Auseinanderfallen der Sowjetunion endete.

Spanien und die Niederlande waren Vertragspartner im Rahmen des Friedenskongresses von Münster und kamen außerhalb des "eigentlichen" Westfälischen Friedens zur Einigung. Das Gemälde Gerard Ter Borchs, das die am 15.05.1648 in der münsterschen Ratskammer - dem heutigen "Friedenssaal" - erfolgte Beschwörung des spanisch-niederländischen Friedens darstellt, ist in vielen Publikationen abgebildet. Die Entlassung der nördlichen Niederlande in die staatliche Unabhängigkeit war allerdings ein Frieden ohne Freundschaft. In der Folgezeit wurden die beiden Länder zu Konkurrenten in der Kolonialisierung der Welt.

Als Ergebnis der Kolonialgeschichte ist Spanisch heute eine Weltsprache, und viele Schülerinnen und Schüler lernen Spanisch mit dem Interesse an Lateinamerika. Auf diesem Kontinent haben sich im 20. Jahrhundert sehr viele Kriege ereignet. Gegenwärtig gehen viele Länder wie El Salvador oder Guatemala, die jahrzehntelangen Krieg erleiden mußten, den Weg des Friedens.

Für viele Menschen in den Niederlanden gilt Münster als der Geburtsort ihres Staates. Nicht zuletzt durch den Prozeß der europäischen Integration, für den die Niederlande einen wichtigen Beitrag geleistet haben, hat sich die gegenwärtige deutsch-niederländische Freundschaft entwickelt. In Auseinandersetzung mit den Errungenschaften der niederländischen Gesellschaft - dem liberalen Denken, der republikanischen Staatsauffassung und der kulturellen Offenheit - können deutsche Schülerinnen und Schüler ihren Blick auf friedensfördernde gesellschaftliche Bedingungen schärfen.


Naturwissenschaftliche Fächer

Auch in den naturwissenschaftlichen Fächern kann der Friede thematisiert werden. Seit die "klassische" Umweltpädagogik - ein Feld der naturwissenschaftlichen Fächer, vor allem der Biologie, aber auch der Chemie, der Physik und der Geographie - vor etwa zehn Jahren mit der Friedens- und Entwicklungspädagogik zu verschmelzen begann, ist es nicht mehr schwierig, zum Beispiel das Arbeiten und Lernen im Schulgarten in die Auseinandersetzung mit weiteren Problemkreisen (Ernährung, Welthandel, Klima, Umweltgifte, Hunger, Flüchtlinge) hineinzunehmen.

Frieden ist eine Gewähr für die ungestörte Entwicklung der Organismen und des Menschen. Aber nicht nur im Krieg, sondern auch im bewaffneten Frieden, in dem wir leben, haben atomare, chemische und biologische Waffen ihr großes Vernichtungspotential entfaltet und bedrohen die Natur und den Menschen.

Seuchen und Krankheiten als Folge von Migrationen, Wassermangel und Nahrungsmittelknappheit haben in manchen Kriegszeiten mehr Menschen getötet als die direkte Gewalt. In welchen Zusammenhängen stehen Kriege und Krankheiten?

Friedensschlüsse werden vertraglich vereinbart. Wie wurden im 17. Jahrhundert Pergament, Papier, Tinte, Siegelwachs, Siegelstempel und Siegelschnüre hergestellt? Was ist die im wörtlichen Sinne materielle Basis der Verträge von Münster und Osnabrück?



Anmerkungen

[1] Günther Gugel / Uli Jäger, Gewalt muß nicht sein.
Eine Einführung in friedenspädagogisches Denken und Handeln. Verein für Friedenspädagogik Tübingen e. V., 2. Auflage, Tübingen 1995.
[2] Reichsstände waren die auf den Reichstagen vertretenen Kurfürsten, Fürsten,
(Reichs-)Ritter und (Reichs-)Städte. Sie waren reichsunmittelbar, d. h. keiner Zwischengewalt, sondern Kaiser und Reich direkt verpflichtet.
[3] Instrumentum Pacis Monasteriense (IPM - Münsterscher Friedensvertrag).
[4] Instrumentum Pacis Osnabrugense (IPO - Osnabrücker Friedensvertrag).
[5] Jahrbuch Frieden 1997. Konflikte, Abrüstung, Friedensarbeit, München 1996, S. 113-116.
[6] Engl.: non government organisations (NGO).
[7] Das nach dem luxemburgischen Städtchen Schengen benannte Abkommen vereinheitlicht die Maßnahmen der EU-Mitglieder in der Abwehr illegaler Einwanderungen.


QUELLE    [Klötzer, Ralf / Bröcker, Christiane] | 1648-2048 - Konflikte lösen, Frieden entwickeln | S. 7-60

DATUM AUFNAHME2006-10-16
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