PERSON

FAMILIEHauptmann
VORNAMEElisabeth


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1897-06-20   Suche
GEBURT ORTPeckelsheim bei Warburg
EHEPARTNER(I) 1931: Hacke, Friedrich (Scheidung 03.1932);
(II) 09.02.1949, Los Angeles: Dessau, Paul (Scheidung 1952)
TOD DATUM1973-04-20   Suche
TOD ORTBerlin


VATERHauptmann, Clemens
MUTTERDiestelhorst, Josephine


BIOGRAFIE

Elisabeth Hauptmann (1897-1973),
Schriftstellerin, Dramaturgin, Muse

Am 20.06.1897 in Peckelsheim (Westfalen) geboren, war Elisabeth Hauptmann die zweite Tochter des Landarztes Dr. Clemens Hauptmann und seiner amerikanischen Frau Josephine Diestelhorst-Hauptmann. Daß die Kinder auf dem Lande wohnten, hieß nicht, daß sie keine Bildung genossen: Der Vater trug den Titel "Sanitätsrat" und hatte in Göttingen studiert, die Mutter Josephine ist als Adoptivkind bei der österreichischen Emigrantenfamilie Diestelhorst in New York aufgewachsen und ging vor der Jahrhundertwende nach Europa, um Klavier zu studieren. Hier lernte sie den entfernten Verwandten Dr. Clemens Hauptmann kennen, heiratete ihn und folgte ihm nach Peckelsheim, wo Dr. Hauptmann die Praxis seines Vaters übernahm.[1]

Schon als Kind war Elisabeth eine Leseratte. Gefördert wurde die Liebe zu Büchern dadurch, daß die Mutter ihren Kindern Irma, Elisabeth und Frank zu Weihnachten und zum Geburtstag immer Bücher schenkte. In einem autobiographischen Aufsatz schrieb Elisabeth von ihren "Leseerlebnissen im Elternhaus":
"Ich kann mich nicht daran erinnern, wie und wann ich lesen und schreiben gelernt habe, aber ich erinnere mich haargenau an mein erstes Lieblingsbuch und an meinen Lieblingsleseplatz."[2]
Dieses Refugium befand sich auf der Treppe zum Dachboden neben der 'Rumpelkammer', wo ein Teil des Büchernachlasses ihres Großvaters aufbewahrt wurde und wo sie lange ungestört lesen konnte. Das eigenwillige Mädchen riß die Illustrationen aus ihren Lieblingsbüchern Eulenspiegel, Münchhausen, Reineke Fuchs und Don Quichote heraus, "weil sie mir etwas vorwegnahmen, was ich mir selber ausdenken wollte"[3].

Prägend in der Kindheit wird auch das gespannte Verhältnis gewesen sein, in das sich der Vater mit der Kirche in der Gemeinde verwickelt sah. Er, der aus einer alten katholischen Familie stammte, hatte eine Ausländerin geheiratet, die dazu Protestantin war. Als Arzt wurde er von der katholischen Kirche boykottiert. Diese Erfahrung trug zu Hauptmanns "antikirchliche(r) Einstellung" bei, wie sie in einem kurzen Lebenslauf in ihrem Nachlaß schrieb[4] - und wahrscheinlich auch zu ihrer späteren Überzeugung als Kommunistin.

Die Hauptmann-Kinder lernten Englisch und Französisch, hatten Klavierstunden und waren im Sommer auf der Insel Wight in England, wo sie nur Englisch sprachen.[5] Der jüngere Bruder mußte schließlich das Gymnasium verlassen, seine Vorliebe galt der "Jagd und (dem) Herumstrolchen mit Altersgenossen"[6]. Der Vater, der selber als junger Mann nicht studieren wollte, verprügelte den Sohn, wobei sich Elisabeth und die Schwester Irma dazwischenwarfen und den Vater an die eigenen Jugendsünden erinnerten, die sie in alten Briefen gelesen hatten. "Das war alles sehr wenig schön", erinnert sich Elisabeth Hauptmann[7].

Die Töchter besuchten nicht das Gymnasium. Als Mädchen ging Hauptmann zur Volksschule in Peckelsheim, wechselte dann zum Lyzeum und Oberlyzeum und absolvierte schließlich die Seminarklasse in den Erziehungs- und Bildungsanstalten Droyssig bei Zeitz, wo sie 1918 das Lehrerinnenexamen bestand. Eine Lehrstelle in der Stadt suchte sie aber nicht, sondern ging nach Pommern an die deutsch-polnische Grenze, wo sie als Hauslehrerin bei Freunden Arbeit fand. Während des Aufenthalts dort erlebte sie die Militarisierung durch deutsche Freiwilligenverbände und beobachtete den zunehmenden Nationalismus, dazu auch das karge harte Leben der polnischen Saisonarbeiter. "Politisch waren mir durch meinen Aufenthalt auf den Gütern in der damaligen 'Grenzmark' die Augen aufgegangen", schrieb Hauptmann in ihrem Lebenslauf[8]. Es war eine politische und soziale Bewußtseinsbildung, die in Westfalen - weit von der östlichen Streitgrenze - nicht möglich gewesen wäre. In ihrer Ballade von 1920:
"Das Vergnügen",[9] beschrieb sie ihren Widerwillen, den sie auf einem Maskenball beim Anblick der Ballgäste, des Saales und der vergnügungssüchtigen Offiziere empfand: "Inoffiziell / Benehmen sans gène /.../ Ach, der Platz wird immer enger / Ach, nun wird mir immer bänger / .../ An einem Tisch gegenüber der Tür / 3 kleine Mädchen - 10 Offizier! /... / Rings um wird allerhand aufgetischt / Rings um da wird es sehr gemischt..."
Vier Jahre lang hielt sie es in Pommern aus. Dann wollte sie studieren und übersiedelte 1922 nach Berlin. Ihre Schwester Irma war schon 1921 nach Amerika gegangen und heiratete dort in St. Louis (Missouri). Der Vater unterstützte Elisabeth beim Studieren nicht, und deshalb arbeitete sie als Sekretärin in Berlin, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Durch ihre Kommilitonen kam sie zum erstenmal in Berührung mit marxistischer Literatur. 1924 lernte sie den Stückeschreiber Bertolt Brecht auf einer Party kennen. Weil sie ihm sehr genau zuhörte und sich Notizen macht, war er beeindruckt; sie habe bei der ersten Begegnung aber nur geschwiegen, weil sie stark erkältet gewesen sei, und von seinen radikalen Ideen sei sie mehr "verblüfft" als begeistert gewesen.[10] Verblüfft war sie vielleicht,doch ebenso interessiert, und Anfang 1925 kam es zu einer ständigen Mitarbeit Hauptmanns bei Brecht als Sekretärin, Schriftstellerin und seine Vertreterin beim Verlag. Ihr Interesse und Fleiß bedingten das angenehme Arbeitsverhältnis:
"Sie hatte offenbar am besten verstanden - oder auch die wenigsten Schwierigkeiten gehabt -, sich auf Brechts Arbeitsweise einzustellen."[11]
Weil sowohl Hauptmann als auch Brecht Privates nicht vor der Öffentlichkeit zeigten, gibt es wenige authentische Aussagen über ihre Beziehung, doch scheint sie von Anfang an persönlich wie auch beruflich sehr eng gewesen zu sein.

Der Verleger Gustav Kiepenheuer stellte sie als Brecht-Assistentin an, um mit Brecht als erstes seine Gedichtsammlung "Die Hauspostille" fertig zu schreiben und druckfertig vorzubereiten. Hier begann bereits der Teil ihrer schriftstellerischen Arbeit, die nicht immer angemessen anerkannt wurde: So sind beispielsweise zwei Manuskripte für Song-Texte in den "MahagonnyGesängen", die einen Teil der nur unter Brechts Namen erschienenen "Hauspostille" bilden, mit dem Namen Hauptmanns gezeichnet: Auf dem Manuskript des "Alabama-Songs" im BrechtArchiv steht "Gedicht von Hauptmann"[12], und auf dem Manuskript für den "Benares-Song" kann man "v. Hauptmann" lesen[13]. Doch bestand sie nie darauf, daß ihr die Songs zugeschrieben wurden; Hauptmann drängte sich nie in den Vordergrund, sie arbeitete bescheiden mit.

Hauptmann hatte auch die entscheidende Idee, mit der das Stück "Mann ist Mann" weiterkam: "das war mein erster wichtiger Einfall für ein Brechtstück!" liegt dem Manuskript als Zettel bei[14]. Auf einer Seite des Manuskriptes steht "Peckelsheim/ Westfalen, Kreis Warburg"[15], wo Hauptmann die Arbeit sogar beim kurzen Besuch zu Hause fortsetzte. Das erste vollständige Manuskript für "Mann ist Mann" heißt das "Hauptmann-Manuskript", weil Brecht es ihr auf der ersten Seite widmete:
"das sind die hauptmanuskripte des lustspiels "mann ist mann" oder "galgei" nebst dem viele jahre vorher geschriebenen "urgalgeianfang". ich schenke es am ende des jahres 1925 beß hauptmann, die dieses ganze jahr ohne lohn mit mir gearbeitet hat. es ist ein schwieriges stück gewesen, und sogar das zusammenstellen des manuskriptes aus 20 pfund papier war schwerarbeit..."[16]
Obwohl Hauptmanns Zusammenarbeit mit Brecht in fast allen seinen frühen Stücken anerkannt wird, z. B. "Mann ist Mann", "Ozeanflug", "Der Jasager, der Neinsager" und "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", ist die Mitarbeit im Zusammenhang mit der "Dreigroschenoper" besonders erwähnenswert. 1927 hatte Hauptmann das englische Stück "The Beggar's Opera" übersetzt und Brecht als Idee für ein Stück vorgelegt. Den Theatermanager Ernst Joseph Aufricht interessierte Hauptmanns Übersetzung: "Diese Geschichte roch nach Theater", schrieb er.[17] So kam Hauptmanns Arbeit zusammen mit Brecht und dem Komponisten Kurt Weill als "Die Dreigroschenoper" zustande, die ihr größter Erfolg wurde.

Lange war die Autorenfrage des Musicals "Happy End"[18] nicht gelöst, für das Brecht die Fabel 1928 in einem Brief an Elisabeth Hauptmann aufgeschrieben hatte. In den späten 20er Jahren beschäftigte sich Hauptmann mit der Geschichte der großen amerikanischen Kapitalisten und der Heilsarmee,
"und alle zusammen hatten wir Lust, die Serie der überdimensionalen Hollywood-Happy-Ends durch ein eigenes Super-gigant-Happy-End zu mißkreditieren ... Es entstand zunächst eine Kurzgeschichte von mir"[19]
. Die Kurzgeschichte von 1928 hat den Titel "Bessie Soundso" und handelt von einem Mitglied einer Heilsarmeetruppe, der Titelheldin, die 1906 durch eine Protestaktion mehrere Bürger vor dem Erdbeben in San Francisco rettet und von der Religion sehr enttäuscht wird. Die Idee von einem starken 'Heilsarmeemädchen' erweiterte Brecht dann zu einer Fabel über die Heilsarmeefrau "mimosenbess" - "Bess" hat er Hauptmann genannt (vgl. Widmung zu "Mann ist Mann"). Mit Hilfe von Brecht und dem Mitarbeiter Emil Hesse-Burri schrieb Hauptmann die Komödie "Happy End". Anfang September 1929 kam sie unter dem Pseudonym "Dorothy Lane", mit Hauptmann als "Bearbeiterin", Brecht als Autor der Songs und Kurt Weill als Komponist, zur Aufführung und war ein Mißerfolg. Helene Weigel hatte mitgespielt und, um das Stück besser ideologisch zu "untermauern", sie hatte während des noch nicht fertig geschriebenen dritten Aktes "vulgär-marxistische Provokationen" von der Bühne vorgelesen. Das Stück wurde wenig später abgesetzt[20].

Hauptmann behauptete, die Komödie habe von einer Kurzgeschichte von "Dorothy Lane" gestammt, die sie in einer alten amerikanischen Zeitschrift gelesen habe[21]. Abgesehen davon, daß Hauptmann ihre eigene Geschichte "Bessie Soundso" als Muster für "Happy End" erwähnt, ist sie in dem Vertrag mit Ernst Aufricht als Autorin zu finden:
"Die Autorin überträgt der Bühnenleitung das Recht zur alleinigen Uraufführung in deutscher Sprache des Werkes "Happy End" von Elisabeth Hauptmann (Pseudonym Dorothy Lane) in dem Theater am Schiffbauerdamm in Berlin."[22]
Als sie gemeinsam an "Happy End" arbeiteten, war Hauptmann vier Jahre mit Brecht zusammen. Brecht war von seiner ersten Frau geschieden und hatte außer Hauptmann eine Gruppe von Freundinnen, u. a. die Schauspielerin Helene Weigel, mit der er bereits zwei Kinder hatte. Am 10.04.1929 heiratete er Helene Weigel, was die anderen Frauen empörte. Hauptmann war anscheinend am härtesten betroffen, denn sie versuchte, Selbstmord zu begehen[23]. Das einzige, was Hauptmann von dieser Zeit erwähnt, findet sich in einem offensichtlich autobiographischen Fragment aus den 50er Jahren, "Gedanken am Sonntagmorgen":
"Hundertfünfundzwanzig Sonntage war sie davon allein gewesen, den ganzen Tag, und manchmal hatte sie gedacht, sie ertrage es nicht mehr. Einmal hatte sie es auch nicht mehr ertragen, es war da noch mehr zusammengekommen, aber das war nicht in dieser Wohnung gewesen, sondern in einem kleinen Loch von einem Zimmer, da hatte sie Pech gehabt: es hatte jemand ausgerechnet in jener Nacht in dem Gebäude gearbeitet und hatte sie anscheinend stöhnen gehört. Und dann war der Arzt gekommen, und in drei Tagen war sie wieder beieinander."[24]
Durch die Beziehung zu Brecht intensivierte Hauptmann ihr eigenes Studium des Marxismus und trat 1929 der KPD bei. Sie war Frauenleiterin ihrer Zelle in Charlottenburg und beteiligte sich an Flugblätterherstellung und -verteilung. Zwischen 1928 und 1931 veröffentlichte sie mindestens vier Kurzgeschichten, drei davon in der Berliner Zeitschrift "Uhu".

1931 heiratete Hauptmann den Redakteur Friedrich Hacke, doch hat sie sich bereits im März 1932 wieder scheiden lassen. Die Arbeit für und mit Brecht wurde immer umfangreicher: 1930 übernahm Hauptmann die Redaktion von Brechts Zeitschrift "Versuche" (Heft 1-8), eine Aufgabe, die sie bis 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, erfüllte. Hauptmann blieb noch in Berlin, nachdem Brecht am 28.02.1933 geflohen war. Es kam jedoch auch bei ihr zu einer Serie von Hausdurchsuchungen, bis sie im November desselben Jahres verhaftet, aber kurz darauf wieder freigelassen wurde. Sie fuhr danach sofort in Richtung Paris und setzte wenig später nach Amerika über, wo ihre Schwester mit ihrem amerikanischen Mann in St. Louis wohnte.

In zahlreichen Briefen berichtet Hauptmann von ihrer ersten Begeisterung über Amerika. Allerdings hatte sie Schwierigkeiten mit der Schwester, bei der sie kurz Unterkunft fand und die kein Verständnis für den Kommunismus als Gesellschaftssystem aufbrachte. Sie haben sich zerstritten, als auch noch Briefe aus Moskau für Hauptmann ankamen. Hauptmann fand schließlich eine kleine Wohnung für sich allein.

Zu Brecht wollte sie noch den Mitarbeiterkontakt erhalten. 1934 in einem Brief aus St. Louis an Brecht erwähnte sie ihre Übersetzungen chinesischer Gedichte aus dem Englischen von Arthur Waley, die sie Brecht bald darauf schickte:
"Meinen Sie mit chin. Kriegslyrik die paar Sachen, die ich damals (in Berlin) aus dem von (Arthur) Waley herausgegebenen Band übersetzte? ... vielleicht kann ich den Band in der Public Library auftreiben, wenn es sich um diesen handelt ..."[25].
1958 veröffentlichte Brecht dann "Sechs chinesische Gedichte" in "Das Wort", einer Emigranten-Zeitschrift in Moskau, ohne allerdings Hauptmann zu erwähnen.[26] Wenn man diese Gedichte mit Hauptmanns Übersetzungen vergleicht, die als Typoskripte im Elisabeth-Hauptmann-Archiv aufzufinden sind, geht eindeutig hervor, daß Brecht seine Übersetzungen von ihr hatte.

Obwohl sie wegen der großen Entfernung zu Brecht nun voll über ihre Zeit zum Schreiben verfügte, konnte sich Hauptmann als alleinstehende Schriftstellerin in den USA nicht etablieren. 1934 suchte Hauptmann vergeblich Verlagsarbeit in New York City. Dort empfahlen ihr die Verlagshäuser, durch eine "Agency" Verlagskontakte herzustellen; doch verlangte die "Agency", daß sie Erfolg in Deutschland nachweise. Obwohl ihre Kurzgeschichten in Deutschland bereits veröffentlicht waren, fanden sie sich in verschiedenen Zeitschriften verstreut, und ihre Anzahl war ohnehin gering. Nur eine Geschichte mit dem Titel "Gastfeindschaft" war in eine Anthologie aufgenommen worden.[27] Sie schrieb Brecht über ihre Arbeitssorgen mit der Bitte um Tantiemen für das Stück "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe", an dem sie vor der Immigration arbeitete und für das sie einen "Grundeinfall" gehabt hatte:
"... wenn ich dann auch im weiteren Verlauf (des Stückes "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe") unwichtig war bis auf einen Grundeinfall im Treatment, die Pferde, was aufzuschreiben ich mich wirklich schaeme, so moechte ich gern beteiligt sein mit dem Dreigroschensatz. Sie können es rubrizieren als Mitarbeiterbeteiligung oder als Vertriebsprovision."[28]
Zu dieser Zeit spielte Hauptmann auch mit dem Gedanken, nach Moskau zu ziehen, wie aus einem Brief an Brecht vom 14. Oktober 1933 hervorgeht:
"ich sehe, dass es nur zwei Moeglichkeiten gibt - entweder mich wo hinsetzen und was zu Ende machen oder nach der Soviet Union zu gehen"[29].
Ab 1935 verbesserte sich dann ihre finanzielle Lage etwas, als sie ein Stellenangebot als Lehrerin an der Missouri University in St. Louis annahm, wo sie bis 1940 unterrichtete. Viel verdiente sie nicht, wie sie an Brecht schrieb: "Es ist nur eine Frage des Überlebens (nicht des Lebens!)."[30] Ab und zu konnte sie einen Artikel veröffentlichen, wie sie ebenfalls an Brecht schrieb: "Ich habe hier neulich einen eigenen Artikel für 40 Dollar angebracht, aber ich glaube kaum, dass ich das wiederholen kann."[31] In St. Louis gab sie ansonsten noch Privatstunden und arbeitete auch an einem College für Schwarze, eine Erfahrung, die sie in der Geschichte "Als Lehrerin in den USA" beschrieb[32]. Eine weitere literarische Verarbeitung ihrer Amerika-Erfahrungen ist auch die Geschichte "Im Greyhound unterwegs", die von Hauptmanns dreiundvierzigstündiger Busreise nach New York City handelt und die ihre "Erfahrung in der Negerfrage" widerspiegelt[33]. Hauptmann fing in Amerika auch ein Französisch-Studium an:
"Und dann fand ich, daß mir nicht nur das Unterrichten hier Spaß machte, sondern auch das Zur-Schule-Gehen..."[34]
Die Ausbildung als Lehrerin hatte sich als Broterwerb verdient gemacht. Doch wollte sich Hauptmann als Schriftstellerin etablieren und zog 1941 schließlich nach New York City. Sie wurde bei der antifaschistischen Gruppe "Council for a Democratic Germany" tätig und begann unerwartet noch eine weitere Mitarbeit. Sie lernte nämlich den sozialistischen Emigranten Horst Baerensprung kennen, mit dem sie dann auch zusammenwohnte. Vor der Machtübernahme Hitlers war Baerensprung Polizeichef in Braunschweig gewesen und hatte sich dann lange in China aufgehalten, bevor er nach New York gezogen war und Artikel und Essays über China und Japan schrieb.[35] Für die amerikanische CBS-Kurzwelle schrieb Hauptmann zusammen mit Baerensprung eine Anti-Nazi-Sendung. Für Baerensprung verfaßte sie auch die erste Version eines Stückes mit dem Titel "Dahlmann" über Baerensprungs Großvater, der einer von den Göttinger Professoren, den "Göttinger 7", gewesen war, die 1837 gegen absolutistische Zustände protestiert hatten und von der Universität Göttingen entlassen worden waren.[36]

Brecht, der nach Los Angeles gezogen war und 1945 kurz New York besuchte, wollte Hauptmann wieder als Mitarbeiterin verpflichten, doch hatte Hauptmann keine Zeit, wie die dänische Mitarbeiterin Ruth Berlau erzählt:

"Als Brecht in der amerikanischen Emigration von Kalifornien nach New York kam, wo ich lebte und wo auch Elisabeth Hauptmann zu erreichen war, sagte ich zu ihr: 'Du kannst Deutsch schreiben, ich nicht. Du kannst Englisch schreiben, ich nicht. Kannst du nicht zwei Stunden in der Woche, oder lieber zweimal zwei Stunden in der Woche, für Brecht arbeiten?' Elisabeth Hauptmann antwortete: 'Zwei Stunden für Brecht? Wer für Brecht arbeitet, arbeitet nicht unter vierundzwanzig Stunden am Tag!'"[37]
Dennoch konnte Hauptmann den Wunsch, wieder Teil des Brecht-Kollektivs zu sein, nicht auf Dauer unterdrücken, und da sie ohnehin in New York oft krank wurde, ging sie 1946 nach Los Angeles, um sich in dem warmen Klima zu erholen und die Arbeit mit Brecht fortzuführen.[38] Bei Brecht traf sie den deutschen Komponisten Paul Dessau, und im Frühjahr 1948, nur wenige Wochen bevor er Brecht nach Berlin folgte, heirateten sie.

1949 gelang es auch Hauptmann, wieder nach Berlin zu ziehen. Die Eltern waren schon gestorben, ihr Bruder 1944 im Krieg gefallen, und die Schwester blieb mit ihrem Mann in Amerika. Brecht war schon seit einem Jahr in Berlin, Paul Dessau seit einigen Monaten. Hauptmann wollte wieder im Brecht-Kreis, diesmal im Berliner Ensemble, tätig werden, doch es dauerte lange, bevor sie eine kleine Stelle dort bekam. Inzwischen wurde sie Redakteurin von Brechts Reihen "Stücke", "Gedichte" und wieder für die Zeitschrift "Versuche". Es war schwer für sie, an Brecht heranzukommen, da er neue Freunde und Mitarbeiter hatte. Ebenfalls schwierig gestaltete sich die Beziehung zu ihrem Mann, der ein Verhältnis mit einer anderen Frau hatte. 1952 kam es zur Scheidung.

Hauptmann arbeitete gern mit den jungen Dramaturgen am Berliner Ensemble. Manfred Wekwerth, ehemaliger Leiter des Berliner Ensembles und "Brecht-Schüler" schrieb über Hauptmann:
"Nach Brechts Tod verschwindet der Name E. H. nicht. Sie, die wahrscheinlich beste, zuverlässigste und bescheidenste Schülerin von Brecht, wird nun zur besten Lehrerin der Brecht-Schule (um dieses von Brecht verbotene Wort zu benutzen). Besson, Palitzsch, Wekwerth, die man als Brecht-Schüler bezeichnet sogar jetzt noch, wo doch einige nahe fünfzig sind -, sie könnte man ebenso als Hauptmann-Schüler bezeichnen ... Vom alten Theater her ist man gewohnt, nur das Resultat zu sehen. Man sagt: der große XY, die große XY. Wir wollen das gutheißen und beibehalten. Doch wir wollen es ergänzen: warum nicht die große E. H."[39]
Für das Berliner Ensemble übersetzte und bearbeitete sie u. a. "Die Erste Reiterarmee" von W. Wischnewski (1952) und das Filmszenarium "Die Matrosen von Kronstadt" nach Wischnewski (1957); "Don Juan" von Molière übersetzte sie unter Mitarbeit von Brecht und Benno Besson, einem Dramaturgen des Ensembles (1952); "Hirse für die Achte" (1954) bearbeitete sie nach einem chinesischen Volksstück: "Lebensmittel" von Dr. Yüan Miao-Tse[40]. Ihre Übersetzung des Stückes "The Recruiting Officer" von G. Farquhar hieß auf Deutsch "Pauken und Trompeten" (1955, Mitarbeit: Brecht und Besson). "Zwei Herren aus Verona" von Shakespeare (1961) und "Volpone" von Ben Jonson (1962) bearbeitete sie mit Benno Besson, der ihr ständiger Mitarbeiter wurde.[41]

In dem Literaturarchiv der ehemaligen DDR-Akademie der Künste gibt es ein Elisabeth-Hauptmann-Archiv, wo Hauptmanns Nachlaß in Sammelmappen liegt. Der Nachlaß enthält viele Geschichten und Novellen von ihr, die in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht wurden, sowie etwa zehn Hörspiele (u. a. "Die Rolle des Schauspielers Seami", 1931) und viele Fragmente, Übersetzungen und Ideen für Geschichten, die nie bearbeitet wurden. In den meisten Geschichten stehen Frauen im Mittelpunkt einer Gesellschaft, die von Männern bestimmt wird: Die Geschichte "Julia ohne Romeo" über den Aufstieg eines Kapitalisten James G. Luck und das Scheitern seiner Beziehung zur Titelheldin wurde 1926 unter dem Pseudonym "Catherine Ux" in der Zeitschrift "Das Leben" in Leipzig veröffentlicht; "Er soll dein Herr sein", von der Hausfrau Erna Tucker handelnd, die ihren Lebensunterhalt, das Geschäft ihres Mannes, durch List rettet, erschien 1929 in der Berliner Zeitschrift "Uhu"; "Auf der Suche nach Nebeneinnahmen" wurde 1931 in "Uhu" gedruckt und beschreibt den Weg einer Frau in die Prostitution. Andere Geschichten wurden zum erstenmal in dem Band "Julia ohne Romeo: Geschichten, Stücke, Aufsätze, Erinnerungen" veröffentlicht.

Franz Hofmann schreibt in dem Nachwort zu "Julia ohne Romeo", daß Elisabeth Hauptmanns eigenes Schreiben nur Nebensache für sie gewesen sei: "Im Vordergrund stand die Arbeit mit und für Brecht."[42] Hauptmanns Arbeit mit Brecht kann man als die einer Muse beschreiben, indem sie
"Ideen beisteuerte, Entwürfe begutachtete (oder auch ausführte), Manuskripte las und Änderungen vorschlug..."[43]
Es wird klar, daß Hauptmann wenig Zeit hatte, ihr eigenes Potential als Schriftstellerin zu verwirklichen. In dem DEFA-Dokumentarfilm "Die Mitarbeiterin" sagte sie über den Versuch, ihre eigenen Geschichten zu schreiben:
"Brecht ermunterte das sehr, aber es war sehr schwer, neben der Arbeit mit ihm etwas Eigenes zu arbeiten trotz, aller Ermunterung und auch gelegentlicher Hilfe."
Um mögliche Kritik Brecht gegenüber zu mildern, sagte sie:
"... ich wollte eigentlich 'was anderes sagen, damit es nicht so aussieht, als ob die Mitarbeiter ausgebeutet wurden. Wir hatten ja unendlich viel davon ..., er hat einem ja auch geholfen ..., wir wußten alle, daß er sehr viel mehr wußte als wir- selbstverständlich!"[44]
Hauptmanns Bescheidenheit kann einen kaum deutlicheren Ausdruck finden. Dennoch hatte sie immer wieder daran gedacht, sich als Schriftstellerin zu etablieren:
"In den 20er Jahren hatte ich ja Pläne, die habe ich eigentlich bis heute nicht vergessen ... Ich wäre sehr froh, wenn ich die Arbeit, die ich jetzt habe, die sich noch mit Brecht befaßt, wenn ich das endlich los hätte, so daß ich wirklich 'mal zurückschauen könnte, um ein paar Sachen 'rauszusuchen, und 'mal überlege, was an den(en) dran war. Ich glaube, daß an vieles viel dran war ... heute noch."[45]
Aber diese Pläne hat sie nie verwirklicht. Am 20.04.1973 starb Hauptmann in Berlin. Sie wurde auf dem Dorotheenfriedhof beigesetzt, nicht weit von Brecht und Helene Weigel. Im Testament hat sie den Berliner Freunden und Mitarbeitern die weiteren Tantiemen vererbt, anstatt sie den Verwandten zu überlassen.

Die westfälische Heimat hat im Laufe des Lebens von Elisabeth Hauptmann keine große Rolle mehr gespielt. Aber die Jugend im elterlichen Hause hat sie entscheidend geprägt: Dort wurde ihre Liebe zur Literatur geweckt, dort erwarb sie ihre kritische Einstellung der Kirche gegenüber, die ihren Weg in den Kommunismus vorbereitete. Und wenn die Eltern es vermocht hätten, ihrer Tochter Elisabeth mehr Selbstbewußtsein zu vermitteln, dann hätte aus ihr eine große Schriftstellerin werden können.


Anmerkungen

[1] Hauptmann 1976, S. 203.
[2] Ebda, S. 201.
[3] Ebda, S. 202.
[4] Elisabeth Hauptmann, Nachlaß, Mappe 278/5, Elisabeth-Hauptmann-Archiv im Literaturarchiv der Akademie der Künste, Berlin (weitere Zitate mit EHA und Mappenangabe).
[5] Fuegi 1992, S. 177.
[6] Hauptmann 1976, S. 204.
[7] Ebda.
[8] EHA 278/5.
[9] Bertolt Brecht, Nachlaß, Mappe 352, Bertolt-Brecht-Archiv, Berlin, Seite 16 (weitere Zitate mit BBA, Mappen- und Seitenangabe).
[10] Völker 1976, S. 101.; Bunge 1985, S. 304. [11] BBA 451/84.
[12] BBA 451/60.
[13] EHA 12.
[14] BBA 150/38.
[15] BBA 150/01.
[16] Aufricht 1966,S. 56.
[17] Hauptmann 1976, S. 65f.
[18] Ebda, S. 245.
[19] Aufricht 1966, S. 88.
[20] Hauptmann 1976, S. 246.
[21] EHA 498.
[22] Mittenzwei 1986, Bd. 1, S. 306.
[23] Hauptmann 1976, S. 227.
[24] Bertolt Brecht, Nachlaß, Mappe 480, "Bertolt Brecht Collection", Houghton Library, Harvard University, Seite 84 (weitere Zitate mit BBC, Mappen- und Seitenangabe).
[25] Brecht 1938, S. 87-89.
[26] Herzfelde 1932, S. 155.
[27] BBC 480/89-96.
[28] BBC 480/75.
[29] BBC 480/21.
[30] BBC 480/20.
[31] Hauptmann 1976, S. 221.
[32] Ebda, S. 208.
[34] Ebda, S. 225.
[35] EHA 146, 148, 149.
[36] Beutin 1984, S. 203.
[37] Bunge 1985, S. 13.
[38] Lyon 1980, S. 211.
[39] Wekwerth 1973, S. 88.
[40] EHA 419.
[41] Albrecht 1974, S. 200.
[42] Hauptmann 1976, S. 238f.
[43] Rinne 1989, S. 32.
[44] DEFA-Film 1972.
[45] Ebda.


Literatur

ALBRECHT, GÜNTER, u. a.
Schriftsteller der DDR, Leipzig 1974.

AUFRICHT ERNST JOSEPH
Erzähle,damit du dein Recht erweist. Aufzeichnungen eines Berliner Theaterdirektors, München 1966.

BEUTIN, WOLFGANG, u. a.
Deutsche Literaturgeschichte, 2. Ausgabe, Stuttgart 1984.

BRECHT, BERTOLT
Bertolt-Brecht-Nachlaß, Bertolt-Brecht-Archiv, Berlin. Bertolt Brecht papers, Bertolt Brecht Colleetion, Houghton Library, Harvard, Cambridge (Massachussetts, USA).
Gesammelte Werke, hrsg. von Elisabeth Hauptmann, 20 Bde., Frankfurt am Main 1967.
Übersetzungen. Sechs chinesische Gedichte, in: Das Wort, literarische Monatsschrift, Bd. 8/ August 1938.

BUNGE, HANS
Brechts Lai Tu. Erinnerungen und Notate von Ruth Berlau, Darmstadt und Neuwied 1985.

"Die Mitarbeiterin - Gespräche mit Elisabeth Hauptmann", Dir. Karlheinz Mund, Prod. Dieter König, DEFA-Studio für Kurzfilme, Deutscher Fernsehfunk, 1. Programm, Berlin 3. Dezember 1972.

FUEGI, JOHN
Brecht and Co. An Archeology of Voices, Manuskript, 1992.

HAUPTMANN, ELISABETH
Elisabeth-Hauptmann-Nachlaß, Elisabeth-Hauptmann-Archiv, Literaturarchiv der Akademie der Künste, Berlin. Julia ohne Romeo. Geschichten, Stücke, Aufsätze, Erinnerungen, hrsg. von
Rosemarie Hill und Rosemarie Eggert, Berlin 1976.

HECHT, WERNER
Brecht. Vielseitige Betrachtungen, Berlin 1978.

HERZFELDE, WIELAND (Hrsg.)
Dreißig neue Erzähler des neuen Deutschland, Berlin 1932.

LYON, JAMES K.
Bertolt Brecht in Amerika, Princeton 1980.

MITTENZWEI, WERNER
Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln, 2 Bde., Berlin und Weimar 1986.

RINNE, OLGA
Und wer küßt mich, fragt die Muse. Frauen finden ihre eigene Kreativität, Zürich 1989.

SCHUMACHER, ERNST UND RENATE
Das Leben Bertolt Brechts in Wort und Bild, Berlin 1979.

VÖLKER, KLAUS
Bertolt Brecht. Eine Biographie, München 1976.

WALL, RENATE
Verbrannt, Verboten, Vergessen: kleines Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen, 1933 - 1945, Köln 1988.

WEKWERTH, MANFRED
Schriften. Arbeit mit Brecht, Berlin 1973.

WIEDENMANN, URSULA
Frauen im Schatten. Mitarbeiterinnen und Mitautorin. Das Beispiel der literarischen Produktion Bertolt Brechts, in: Deutsche Literatur von Frauen, hrsg. von Gisela Brinker-Gabler, München 1988.

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