PERSON

FAMILIEWeber
VORNAMEMarianne


VERWEISUNGSFORMgeb. Schnitger
GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1870-08-02   Suche
GEBURT ORTOerlinghausen bei Bielefeld
EHEPARTNER20.09.1893, Oerlinghausen: Weber, Prof. Dr. Max [Emil Maximilian] (Erfurt 21.04.1864 - 14.06.1920 München), Soziologe, Eltern: Max Weber und Helene Fallenstein
TOD DATUM1954-03-14   Suche
TOD ORTHeidelberg


VATERSchnitger, Eduard, Dr. med.
MUTTERWeber, Anna


BIOGRAFIE

"Ich stand wieder vor einer Aufgabe..."
Marianne Weber (1870-1954), Wissenschaftlerin und Frauenrechtlerin

"Deutsche Mütter sollen ihre Töchter zu geistiger und wirtschaftlicher Selbständigkeit erziehen, aber auch zu hohen Ansprüchen an das ethische Niveau der Männer, die ihrer begehren. (...) Wir wollen unsere Töchter nicht, wie es noch immer geschieht, ahnungslos in die Arme des Mannes werfen. Wir wollen ihnen endlich die Bildung und geistige Selbständigkeit mitgeben, die sie befähigt, später auch ihren Söhnen nicht nur Pflegerinnen, sondern geistige Kameradinnen zu sein, in der festen Überzeugung, daß jede Steigerung der Achtung vor der Frau, nicht als Geschlechtswesen, sondern als Mensch auch die sittliche Kultur des Mannes steigert."[1]
Diese frauenpolitischen Forderungen erhob im Jahre 1907 die damals siebenunddreißigjährige Marianne Weber auf dem Evangelisch-Sozialen Kongreß in Straßburg vor einem vorwiegend männlichen Publikum, das zu zwei Dritteln aus evangelischen Pfarrern bestand. Sie erhielt für ihren Vortrag zu sexualethischen Prinzipienfragen "stürmischen langanhaltenden Beifall", und auch in der anschließenden Diskussion pflichtete das Publikum ihren Ausführungen in weiten Teilen bei.

Marianne Weber gehört zu den führenden Theoretikerinnen der ersten deutschen Frauenbewegung dieses Jahrhunderts, und ihr Engagement in der sogenannten "bürgerlichen" Frauenbewegung konzentrierte sich auf rechtliche, bildungspolitische und sittliche Fragen, die mit dem Geschlechterverhältnis in Verbindung standen. So äußerte sie sich zu so unterschiedlichen Themen wie der historischen Entwicklung des Eherechts, der Debatte um koedukative Erziehung und zur Sexualethik.

Ihr wissenschaftliches und politisches Wirken steht aber in zweierlei Hinsicht im Schatten. Zum einen werden in der Frauenbewegungsgeschichte Mariannes Aktivitäten meist nur in Verbindung mit ihrer Mitstreiterin und Freundin Gertrud Bäumer erwähnt. Zum anderen treten ihre Persönlichkeit und ihr vielfältiges Engagement in der Frauen- und Jugendbewegung, als Abgeordnete der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) sowie im zeitgenössischen intellektuellen Milieu hinter der Geltung ihres Ehemannes zurück, des berühmten Soziologen Max Weber, dessen Ehefrau und Biographin sie war.


Eine bürgerliche Kindheit und Jugend in Oerlinghausen und Lemgo

Marianne Webers Kindheit und Jugend verlief teilweise dramatisch: Schon früh hatte sie ihre Mutter verloren, und zum Vater konnte sie keine Beziehung aufbauen. Sie wurde am 2. August des Jahres 1870 in Oerlinghausen bei Bielefeld geboren. Ihre Mutter Anna Schnitger (geb. Weber) war die älteste Tochter des Leinenindustriellen Carl David Weber und seiner Ehefrau Marianne (geb. Niemann). Anna Schnitger starb 1875 bei der Geburt ihrer zweiten Tochter. Mariannes Vater, der Arzt Eduard Schnitger, war psychisch labil und konnte nach dem Tod seiner Frau seine Tochter nicht selbst erziehen. Daher wurde die Dreijährige zu ihrer Großmutter Dorette Schnitger und der unverheirateten Tante Florentine nach Lemgo gegeben und dort erzogen.

Der Vater hatte sich in Lage bei Detmold niedergelassen. Die gelegentlichen Besuche dort waren für Marianne emotional belastend, zumal sie über die psychische Verfassung ihres Vaters nicht aufgeklärt war. Während ihrer Jugendjahre mußte sie miterleben, wie zwei Brüder des Vaters psychisch erkrankten und in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wurden. Marianne berichtete, daß sie für ihren Onkel Carl selbst die Wärter aus "der Irrenanstalt in Brake"[2] geholt habe. Carl Schnitger begründete später als Patient der von Bodelschwinghschen Anstalten die heute noch existierende "Bielefelder Brockensammlung", eine Sammelstelle für gut erhaltenen Hausrat und Kleidung.

Die frühen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen mögen Marianne Weber geholfen haben, in ihrem späteren Leben mit der Nervosität und den Depressionen ihres Ehemannes umzugehen. Trotz dieser schwierigen Umstände beschrieb sie ihre Kindheit in den Lebenserinnerungen als "glücklich".[3] Den Kontakt zur mütterlichen Familie in Oerlinghausen behielt sie durch Ferienaufenthalte bei ihrem Großvater und ihrer Tante Alwine Möller.

Bis zum siebzehnten Lebensjahr besuchte Marianne Weber die höhere Mädchenschule in Lemgo, deren Vorsteherin ihre Tante Flora war. Ihre weitere Ausbildung verlief nach dem klassischen Muster weiblich-bürgerlicher Erziehung mit begrenzten Bildungsmöglichkeiten. So besuchte sie zum Beispiel auf Betreiben ihres Großvaters Carl David Weber zwei Jahre ein vornehmes Mädchenpensionat in Hannover. Angestrebtes Erziehungsziel bürgerlicher Mädchenbildung im 19. Jahrhundert war die Vorbereitung auf ein Leben als "Hausfrau, Gattin und Mutter". Dementsprechend konzentrierte sich der Unterricht auf "Schöngeistiges", etwa Fremdsprachen, Literatur, Klavier-und Tanzunterricht sowie auf Konzert- und Kunstausstellungsbesuche. Mit neunzehn Jahren hatte sie ihre schulische Ausbildung, die in ihren Lebenserinnerungen recht überschwenglich beschrieben sind, abgeschlossen und zog zu ihrer Tante Alwine nach Oerlinghausen.

Trotz eines starken Bildungsstrebens fehlte ihr nach eigener Aussage die Motivation, eine "standesgemäße" Berufsausbildung als Lehrerin oder Krankenschwester zu beginnen. Ökonomisch abgesichert durch den reichen Großvater, entfiel für sie der Zwang zur Erwerbstätigkeit, und sie entschied sich für ein sogenanntes Haustochterdasein. Marianne litt jedoch sehr schnell unter der Nutzlosigkeit ihrer Existenz. Während sie im hannoverschen Pensionat einen geregelten Tagesablauf gehabt und geistige Anregungen erhalten hatte, empfand sie ihr Dahinleben als "geisttötend und langweilig".[4] In ihren Lebenserinnerungen schrieb sie dazu:
"Ich füllte keine Lücke, ich übernahm häusliche Pflichten, deren Erfüllung zwar hilfreich, aber nicht notwendig war. Oh, wie ich mich dabei langweilte - dieses Staubwischen in kaum benutzten, blanken Räumen, die regelmäßige Wäsche der Topfpflanzen und dergleichen mehr."[5]
Gelegentliche Ausflüge in das nahe Bielefeld waren für sie zwar "erquickend", aber nicht erfüllend.

Im Winter 1890/1891 verbrachte Marianne einige Wochen bei ihren Verwandten Helene Weber (geb. Fallenstein) und Max Weber senior in Berlin. Angeregt durch ihren Großstadtaufenthalt beschloß Marianne, der von ihr empfundenen provinziellen Langeweile zu entkommen und stellte Überlegungen an, in welcher Weise sie sich weiterbilden könnte. Ein Studium im Ausland kam für sie nicht in Frage. Von einer weiteren musikalischen Ausbildung riet Mariannes Klavierlehrer W. Lamping ab, dazu sei sie "zu nervös und nicht begabt genug", daher entschied sie sich für eine Zeichenausbildung.[6] Im Frühjahr 1892 erhielt sie dafür die Zustimmung ihres Großvaters und übersiedelte zur Familie Weber nach Berlin.

Während ihres zweiten Aufenthaltes verliebte sie sich in Max Weber junior, den sie als wenig attraktiv, jedoch "männlich"[7] beschrieb. Max Weber fühlte sich ebenfalls zu Marianne hingezogen. Er pflegte aber seit einigen Jahren regen Briefkontakt zu seiner Cousine Emmy Baumgarten aus Straßburg, die er dort während seiner Militärdienstzeit kennengelernt hatte. Sowohl seine Tante Ida Baumgarten als auch Max Webers Mutter Helene hatten auf eine Verbindung zwischen Max und Emmy gehofft. Max Weber war sich zunächst nicht über seine Gefühle im klaren, und so besuchte er seine Cousine, um sich auszusprechen. Vor der Verlobung von Max und Marianne führten außerdem Ida Baumgarten und Helene Weber eine ausführliche Korrespondenz. Am 20.09.1893 fand dann die Hochzeit von Marianne Schnitger und Max Weber in Oerlinghausen statt.


Ehe mit Max Weber, Frauenbewegung, Freundschaftsbeziehungen

Durch ihre Eheschließung erhielt Marianne Weber die Möglichkeit, ihren intellektuellen Interessen nachzugehen. Ihr Ehemann wollte eine gleichberechtigte Partnerin an seiner Seite haben und schrieb ihr kurz vor der Hochzeit: "Wir stehen frei und gleich zueinander."[8] Zunächst lebte das Ehepaar in Berlin, bis Max Weber im Jahre 1894 einem Ruf an die Freiburger Universität folgte. Dort erregte das wissenschaftliche Interesse seiner Ehefrau einiges Aufsehen. Marianne Weber schrieb rückblickend:
"Ja, ich wollte auch nicht nur gewisse untergeordnete Hilfsdienste leisten, sondern endlich studieren, vor allem Philosophie und die Wissenschaft meines Mannes."[9]
Als ihr Ehemann 1897 in Heidelberg die Nachfolge von Karl Knies antrat, schloß sie sich dort der Frauenbewegung an. Sie gründete und leitete den "Verein zur Ausbreitung der modernen Frauenideale", die Heidelberger Sektion des Vereins "Frauenstudium - Frauenbildung". Ihre Organisation trat in Konkurrenz zu einem bestehenden Heidelberger Frauenverein, in dem nach traditionellem Muster die Frauen handarbeiteten, Basare organisierten und dessen Vorsitzender ein Mann war. Bei Marianne Weber hingegen wurde nicht gestrickt, sondern diskutiert, beispielsweise über die Entwicklung der deutschen und europäischen Frauenbewegung.

Ihre Motivation, sich der Frauenbewegung anzuschließen, erklärte Marianne aus dem Bedürfnis heraus, sich sinnvoll in gesellschaftlicher Verantwortlichkeit zu betätigen. Sie wollte außerdem als "junge, glücklich verheiratete Frau" deutlich machen, daß frauenrechtlerische Positionen nicht "zum Anliegen der zu kurz gekommenen, unverheirateten Frauen gestempelt werden konnten".[10] Eine grundlegende Forderung war für sie die Zulassung von Frauen zum Universitätsstudium. Das Frauenstudium wurde im Deutschen Kaiserreich erst zwischen 1903 und 1908 offiziell möglich. Freiburg und Heidelberg waren die ersten Universitäten, an denen Frauen ab 1901 studieren konnten. Das Habilitationsrecht erhielten Frauen in Deutschland erst im Jahre 1920.

Marianne Weber hat im Gegensatz zu einigen ihrer Freundinnen wie Else von Richthofen, Gertrud Bäumer und Marie Baum keinen akademischen Abschluß erwerben können. Sie studierte als Hospitantin bei Max Webers Freiburger Kollegen, dem Philosophen Aloys Riehl, und vor allem bei Heinrich Rickert, als dessen Schülerin sie sich bezeichnete. Ihre schriftstellerische Arbeit begann eher mit philosophisch orientierten Fragestellungen als mit speziell feministischen. Im Jahr 1900 erschien ihre Untersuchung "Fichtes Sozialismus und die Marxsche Doktrin", die Max Weber herausgab. Für eine Frau ohne gymnasiale Ausbildung ist diese wissenschaftliche Arbeit eine besondere Leistung.

Im selben Jahr wurde ihre Freundin Else von Richthofen zur ersten Fabrikinspektorin in Baden und ganz Deutschland ernannt. Dieses Ereignis hob Marianne Weber als besondere Genugtuung für die Frauenbewegung hervor, da Else von Richthofen mit ihrer Tätigkeit einen wichtigen Beruf für die Frauen erobert hatte und sie sich für die Interessen der "weiblichen Arbeiterschaft" einsetzen konnte.[11] Else von Richthofen (1874-1972) und Marianne Weber hatten sich während ihres Freiburger Studiums kennengelernt. Beide Frauen gehörten zur ersten Generation von Studentinnen, die sich gegen die spöttische Herablassung, mit der einige Studenten sie bedachten, zusammenschlössen und sich als "Pionierinnen" verstanden. Sie war Webers erste Studentin und Doktorandin. Das Ehepaar Weber blieb mit Else von Richthofen lebenslang befreundet. Vermittelt durch Marianne Webers Kontakte, lernte Else von Richthofen in ihrer weiteren Studienzeit in Berlin 1898/1899 führende Vertreterinnen der Frauenbewegung kennen, wie zum Beispiel Helene Lange, Alice Salomon und Gertrud Bäumer. Else von Richthofen verkehrte auch im Haus der Familie Weber und war kurze Zeit mit Alfred Weber, dem jüngeren Bruder von Max, verlobt. Nach Auflösung dieser Verlobung und dem Abschluß ihres Studiums arbeitete sie als Fabrikinspektorin. 1902 heiratete sie den Nationalökonomen Edgar Jaffe und gab ihre Berufstätigkeit auf.

Die Beziehung Marianne Webers zu Else von Richthofen ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Ihre Freundschaft überdauerte sechs Jahrzehnte, obwohl sie sehr wesensverschieden waren, unterschiedliche Auffassungen über die Geschlechterbeziehung im Hinblick auf das Verhältnis von Ethik und Erotik besaßen und beide Frauen Max Weber liebten.

Mariannes enge Freundin gehörte zu den Protagonistinnen der sexuellen Befreiungsbewegung der Jahrhundertwende, der sogenannten "Neuen Ethik". Diese Bewegung propagierte die Veränderung des Geschlechterverhältnisses durch die freie Entfaltung der Sexualität. Die Anhänger der neuen Sexualethik traten u.a. für die Anerkennung nichtehelicher Lebensgemeinschaften ein, thematisierten Sexualaufklärung und Empfängnisverhütung und forderten eine gleichberechtigte sexuelle Persönlichkeitserfahrung für die Frauen. Bürgerliche Werte wie "Treue" und "Verantwortung", sowie die Lebensform "Ehe" wurden grundsätzlich in Frage gestellt. Im Heidelberger Freundeskreis wurde der Auseinandersetzung um Ethik und Erotik breiter Raum gegeben. Während Marianne und Max ihr Ideal der "lebenslangen monogamen Ehe" in gegenseitiger Verantwortung verteidigten, war Else Anhängerin der Ideen von Otto Gross (1877-1920), die Marianne als "sexuellen Kommunismus" bezeichnete. Otto Gross war Psychiater und einer der ersten Schüler Sigmund Freuds. Sein Lehrer verstieß ihn jedoch, weil er durch Gross den Ruf der Psychoanalyse gefährdet sah. Gross kritisierte die patriarchal strukturierte monogame Ehe mit dem Ideal der sexuellen Treue als Unterdrückung der natürlichen Triebe, die bei Frauen und Männern langfristig zur Gefährdung ihrer psychischen Gesundheit führe.

Das Ehepaar Weber diskutierte leidenschaftlich mit seinen Freundinnen über deren Hinwendung zur "Erotischen Bewegung". Einerseits verteidigten sie ihre eigenen Ideale, andererseits aus Faszination an der "unbürgerlichen Abenteuerwelt". Während Marianne Weber öffentlich gegen die geforderte "freie Liebe" argumentierte und als Frauenrechtlerin die Institution Ehe als rechtlichen Schutz für Frauen befürwortete, nahm sie bei der Beurteilung ihrer Freundin eine gemilderte Position ein.

Marianne unterstützte Else auch, als diese mit Otto Gross einen Sohn hatte. Sie bemühte sich ebenfalls bei ihrem Mann um Verständnis für die Situation der gemeinsamen Freundin, und auf ihre Initiative hin übernahm Max Weber die Patenschaft von Peter Jaffe. Else stand nicht nur in enger Beziehung zu Marianne, sondern auch zu Max Weber. Ihr latent erotisches Verhältnis verwandelt sich 1919/1920 in eine Liebesbeziehung. In der soziologischen Forschungsliteratur zu Max Weber wird darüber spekuliert, ob Marianne von dem erotischen Verhältnis wußte und ob Max auch eine Trennung von seiner Frau in Erwägung gezogen hat. Es ist wohl anzunehmen, daß Marianne ihren Ehemann sowie ihre Freundin genau kannte und als sensible Frau Beziehungsveränderungen durchaus wahrgenommen, aber trotzdem dazu geschwiegen hat. Weiteren Aufschluß über die Liebesbeziehung zwischen Else Jaffe-von Richthofen und Max Weber wird erst die Veröffentlichung von Webers Briefen im Rahmen der Max-Weber-Gesamtausgabe geben können.

In der Biographie, die Marianne über ihren Mann schrieb, dem "Lebensbild", wird sowohl über diese Dreiecksbeziehung als auch über das rivalisierende Verhältnis zwischen den Brüdern Max und Alfred um die Gunst von Else nichts berichtet. Das von Marianne Weber geschriebene "Lebensbild" wird in der Forschung insgesamt kritisch beurteilt, weil die Autorin als "verehrende Ehefrau" Webers Persönlichkeit distanzlos und sentimental charakterisiert. Außerdem schilderte Marianne ihre "Gefährtenschaft" mit Max als Musterehe und sicherte sich als Ehefrau in ihrer Version seiner Lebensgeschichte einen programmatischen Platz.

Unberücksichtigt bleibt bei dieser Beurteilung der Entstehungszusammenhang ihrer Monographie. Marianne Weber erlitt nach dem Tod ihres Mannes einen "schweren inneren Zusammenbruch".[12] Sie schrieb die Biographie ihres Mannes aus zwei Beweggründen: Einerseits wollte sie Max Webers Persönlichkeit und sein Lebenswerk der Nachwelt erhalten, andererseits gab ihr die Arbeit an dem "Lebensbild" die Möglichkeit, das "undeutbare Geschehen" zu verarbeiten.[13] Marianne Weber schilderte im "Lebensbild" nicht die Erfolgsgeschichte eines genialen Gelehrten, sondern Max Webers Kampf "um seine geistige Gesundheit und intellektuelle Kreativität", verbunden mit einer "Familiensaga".[14]

Max Weber litt seit 1897 an Schlaflosigkeit und Depressionen. Er war infolgedessen zeitweilig völlig arbeitsunfähig. Sein Gesundheitszustand erlaubte ihm in den folgenden siebzehn Jahren nur bedingt eine Lehrtätigkeit an der Universität. Max Webers Krankheit bestimmte die Lebensführung des Ehepaars. Aufgrund längerer Sanatoriumsaufenthalte lebten Max und Marianne Weber jährlich ein paar Wochen getrennt. Im Jahre 1903 legte er sein Ordinariat nieder und nahm erst wieder 1918 einen Lehrauftrag an der Universität Wien an und wechselte 1919 nach München.

Als Auslöser für Webers Depression wird sein unverarbeitetes Schuldgefühl am Tode seines Vaters betrachtet. Während eines Besuchs der Eltern Max und Helene Weber kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn über das dominante und egoistische Verhalten des Vaters gegenüber seiner Mutter. Max Weber verwies den Vater sogar des Hauses. Wenige Wochen später stirbt der Vater, ohne daß es zu einer Versöhnung gekommen war. Diese Ereignisse stürzten Max Weber in eine schwere Krise.[15]

Marianne erlebte die Krankheit ihres Mannes sicherlich als belastend aber auch als ein verbindendes Element ihrer Ehe, weil das Ehepaar dadurch sehr stark aufeinander bezogen lebte. Das Engagement in der Frauenbewegung gab ihr seelischen Rückhalt und erleichterte ihre psychischen Belastungen:
"Das Leben bot mir so viele Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Das Erkenntnisstreben blieb unvermindert lebhaft... Max Weber nahm auch an der Arbeit im Bereich der Frauenbewegung den wärmsten Anteil und leistete mir, wann immer es Schwierigkeiten gab, ritterlichen Beistand. Ja, die Anerkennung der Frau als eines zu vollwertiger Gültigkeit bestimmten Wesens wurde ihm zum dringlichen Anliegen... diese Fülle verlieh mir die Kraft, um das über Max Weber, als dem Mittelpunkt meines Daseins hereinbrechende Verhängnis einer vieljährigen schweren Neurose ihm tragen zu helfen und mit ihm zu bewältigen."[16]
Mariannes öffentliche Tätigkeit in der Frauenbewegung wurde durch ihren Ehemann unterstützt, der die Interessen seiner Frau förderte; sie wurde aber auch durch ihre selbständig arbeitenden Haushälterinnen ermöglicht. Frauenpolitisch setzte sie sich für diese Berufsgruppe ein, indem sie 1901 eine Rechtsschutzstelle für Frauen gründete, die sich besonders um die Belange von Kellnerinnen und Dienstmädchen kümmerte. Neben ihren Organisationsaktivitäten widmete sich Marianne Weber aber auch weiterhin der schriftstellerischen Arbeit. In ihrem ersten feministischen Essay: "Die Beteiligung der Frau an der Wissenschaft", kritisierte sie die Einseitigkeit männlicher Forschung und bemängelte,
"daß die wissenschaftliche Betrachtung der menschlichen Kulturentwicklung sich ausschließlich durch die Brille der einen Hälfte der Kulturmenschheit vollzieht".[17]
Nachdem der Gesundheitszustand von Max Weber sich langsam
stabilisiert hatte, unternahm das Ehepaar in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg zahlreiche Auslandsreisen, u. a. nach Italien, England, Spanien, USA. Die Reise in die Vereinigten Staaten (1904) hatte auf Marianne einen besonderen Eindruck gemacht, weil die Frauenemanzipation dort wesentlich weiter fortgeschritten war. Das amerikanische Vorbild bestärkte ihre Auffassung, daß die Gleichstellung der Frauen in der Öffentlichkeit eine Bedingung für ihre Emanzipation in der Familie ist. Entschieden setzte sie sich daher für die rechtliche Gleichstellung der Frau in der Ehe, für die Einlösung staatsbürgerlicher Gleichberechtigung und für gleiche Bildungs- und Ausbildungschancen ein. Wissenschaftlich hat sie sich mit dem Problem von rechtlichen Normen und deren Auswirkungen auf die Lebenssituation von Frauen in ihrer Studie "Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung" auseinandergesetzt. Dieser vielzitierte "Klassiker" entstand in siebenjähriger Arbeit und ist das Hauptwerk Marianne Webers. Mit dieser Studie wurde Marianne Weber zur anerkannten Expertin für Rechts- und Sittlichkeitsfragen in der Frauenbewegung.

Die Anregung, sich mit dem rechtsgeschichtlichen Thema zu befassen, hatte Marianne von ihrem Ehemann erhalten. Er gab ihr Literaturhinweise und diskutierte mit ihr, was sie manchmal als sehr anstrengend empfand. So schrieb sie ihrer Schwiegermutter Helene:
"Ich fange allmählich auch wieder an zu arbeiten - es handelt sich nun hauptsächlich darum, Maxens 'Desiderate' zu erfüllen - er ist so gräßlich anspruchsvoll, schleppt noch Haufen historischer Literatur herbei - ich bin manchmal fuchsteufelswild - folge ihm aber schließlich doch, da er ja Recht hat."[18]

Ein weiteres Anliegen Mariannes bestand darin, eine neue Form akademischer Geselligkeit einzuführen, die eine gleichberechtigtere Unterhaltung zwischen Frauen und Männern ermöglichen sollte. Als eine der ersten Frauen im akademischen Milieu ihrer Zeit führte sie Frauen und Männer - meist Professorenehefrauen und deren Männer - zu intellektuellen Gesprächen zusammen. Sie sträubte sich gegen die tradierte Geheimratsgeselligkeit, die nach dem Abendessen vorsah, daß Frauen und Männer sich getrennt ins Damen- bzw. Rauchzimmer zurückzogen. Um den Besucherstrom in der Ziegelhäuser Landstraße in überschaubare Bahnen zu lenken, richteten Webers 1910 ihren sonntäglichen "Jour" ein, zu dem sich Freundinnen, Kollegen Max Webers und deren Ehefrauen, Gelehrte aller Disziplinen und Künstlerinnen einfanden. Zu den bedeutendsten Frauen des Kreises gehörten Marie Baum, Gertrud Bäumer, Gertrud Jaspers, Gertrud Simmel, Camilla Jellinek und Marianne Weber.

Die Gastgeberin hatte sich durch Schriften und öffentliche Vorträge zur Frauenfrage bereits einen Namen gemacht, als ein unangenehmer Vorfall ihren Bekanntheitsgrad erhöhte. Auslöser einer öffentlich in der Heidelberger Zeitung geführten Auseinandersetzung zwischen Marianne Weber und dem jüngeren Heidelberger Privatdozenten Arnold Rüge war ein beleidigender Kommentar Ruges, den er nach einer Diskussionsveranstaltung des Heidelberger Frauenvereins formulierte. In der Veranstaltung wurde das Modell Lily Brauns von Haushaltsgenossenschaften, das sogenannte "Einküchenhaus", diskutiert. Rüge schrieb:
"Heute gibt es noch keine Frauenbewegung, sondern nur eine tosende Revolution derer, die nicht Frauen sein können und nicht Mütter sein wollen. Die Frauenbewegung heute - und glänzend dokumentierte das der Heidelberger Frauentag - ist eine Bewegung, die sich zusammensetzt aus alten Mädchen, sterilen Frauen, Witwen und Jüdinnen, die aber, welche Mütter sind und die Pflichten der Mütter erfüllen, sind nicht dabei."[19]
Marianne Weber forderte Rüge in einem offenen Brief auf, die Namen derjenigen Frauen zu nennen, gegen die er seine Diffamierungen aufrechterhalten wolle. Die Unverschämtheit dieser Äußerung brachte sie in Rage, und außerdem fühlte sie sich als kinderlos gebliebene Frau besonders angegriffen. Rüge reagierte nicht, daraufhin verfaßten Marianne und Max Weber einen Brief, der unter ihrem Namen veröffentlicht wurde. Der Adressat beschwerte sich und monierte, Max Weber "verberge sich hinter seiner Frau". Der Streit zog sich monatelang hin, wurde öffentlich in der Heidelberger Presse ausgetragen und mündete schließlich in einem Rechtsstreit zwischen Arnold Rüge und Max Weber.

Die Polemik Ruges kann sicherlich nicht als repräsentativ für die gesamte männliche Öffentlichkeit gelten, denn er gehörte später zu den Anhängern des 1912 in Weimar gegründeten "Deutschen Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation". Sein Kommentar erhielt aber, wie Marianne bemerkte, "den Beifall eines großen Teils der Männerwelt".[20] Die Philosophische Fakultät der Heidelberger Universität beschäftigte sich ebenfalls mit dieser Auseinandersetzung, rügte ihren Dozenten aber lediglich wegen der unpassenden Form seiner Meinungsäußerung. Der geschilderte Disput zeigt, welchem Legitimationszwang und Anpassungsdruck und welchen Anfeindungen Frauenrechtlerinnen ausgesetzt waren.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges, im August 1914, stimmten Marianne und Max Weber in die allgemeine Kriegsbegeisterung mit ein. Sie betrachteten den Krieg als Herausforderung für die deutsche Nation und als verbindendes Gemeinschaftserlebnis. Marianne beschrieb im Februar 1915 ihre Gefühle in einem anonym erschienenen Beitrag in "Die Frau". Sie bekannte:
"Wir sind Volk geworden, und die hier stehen, sind meine Brüder, und ich bin es, für die sie kämpfen, leiden und sterben müssen, und es ist meine Ehre, die solche Opfer heischt. Heiße Liebe steigt in mir auf; sie gilt nicht mehr diesen und jenen, sondern allen, die ihrer bedürfen und sie begehrt nichts als liebend zu dienen. Ich will mich vernichten in dieser Gemeinschaft."[21]
Eine nationalistische Gesinnung war durchaus typisch für die Mehrheit der Frauen in der älteren deutschen Frauenbewegung. Das Ehepaar Weber stellte sich unverzüglich den Anforderungen der Kriegssituation. Marianne engagierte sich im Heidelberger "Nationalen Frauendienst", und ihr Ehemann richtete Reservelazarette ein. Vereinigt durch das alle Klassen übergreifende Projekt "Krieg", arbeiteten im nationalen Frauendienst (NFD) erstmals Vertreterinnen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung zusammen.[22]

Die Kriegsunterstützung erfolgte nicht nur im Interesse nationaler Pflichterfüllung, sondern auch in der Hoffnung, daß den Frauen nach 100 Jahren Kampf das Wahlrecht zugesprochen würde. Durch den Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Novemberrevolution erlangten die Frauen dann tatsächlich das politische Mitspracherecht: Als eine der ersten Entscheidungen verkündete der "Rat der Volksbeauftragten" am 12.11.1918 das Frauenstimmrecht in Deutschland.

Nach dem Ersten Weltkrieg trat das Ehepaar Weber in die politische Arena, um am demokratischen Aufbau der Republik mitzuwirken. Sie gehörten zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Diese Partei bekannte sich zur neuen Republik und wollte eine Brücke zwischen dem Bürgertum und der Arbeiterschaft bilden. Marianne Weber gelang es, als Abgeordnete der DDP in die verfassunggebende Nationalversammlung von Baden gewählt zu werden. Zuvor hatte sie mit ihren Mitstreiterinnen aus der Frauenbewegung fast täglich an verschiedenen Orten Aufklärungsarbeit geleistet, um die "Frauenmassen an die Wahlurne zu bringen".[23] Ihre Anstrengungen hatten Erfolg, fast 90 % der weiblichen Wahlberechtigten machten am 19.01.1919 von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Marianne Weber war in der badischen verfassunggebenden Nationalversammlung die einzige Frau ihrer Fraktion. Sie ist vermutlich die erste Frau gewesen, die in einem deutschen Parlament das Wort ergriffen hat.

Mit dem Frauenwahlrecht war die prinzipielle Frage aufgeworfen worden, ob eine eigene Frauenpartei gegründet werden sollte oder ob sich die Frauen in die bestehenden und neuen politischen Parteien integrieren sollten. Auch im Bund Deutscher Frauenvereine gab es Stimmen, die eine Frauenpartei befürworteten. Marianne wies diese Forderung als Separatismus zurück und bestand darauf, daß "Frauen nicht nur solidarische Frauen-, sondern Menschheitsinteressen"[24] verbinden. Zugleich warb sie für ein überparteiliches gemeinsames Handeln von Frauen in der politischen Arbeit, das "sittlichen Idealen" verpflichtet war. Ausgehend von der weiblichen Sonderart, beschreibt Marianne Weber, wie der Einfluß von Frauen dazu beitragen soll, sowohl die parlamentarischen Arbeitsformen als auch gesamtgesellschaftliche Zielsetzungen zu verändern. Wenn Frauen sich wie Männer verhielten, bliebe ihre Beteiligung für den Wiederaufbau wirkungslos. Sie schrieb:
"Niemals dürfen wir uns deshalb zu der unter Männern üblichen parteipolitischen Kampfmethode herablassen, die darin besteht, daß z.B. die Wählerschaft nicht durch eindrucksvolle Vertretung der eigenen Parteiziele, sondern auch durch Verunglimpfung der Ziele und Personen der Gegenparteien umworben wird."[25]
Auch im politischen Bereich beharrte Marianne auf ethischen Prinzipien, die der Sache dienen sollten und nicht den persönlichen Eitelkeiten einzelner Personen. Viele Parlamentarier beurteilten die politischen Aktivitäten von Frauen skeptisch, und Marianne bemerkte, daß sie für einige Abgeordnete ihrer Fraktion ein "lästiger Eindringling in den männlichen Herrschaftsbereich"[26] war. Als Schriftführerin ihrer Fraktion blieb sie sechs Monate im badischen Parlament. Sie beendete diese Arbeit, um mit Max nach München zu ziehen, der dort nach langjähriger Krankheit wieder einen Ruf angenommen hatte.

Im Jahre 1919 wurde Marianne zur Vorsitzenden des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) berufen. Sie betrachtete diesen Erfolg jedoch mit gemischten Gefühlen, obwohl die Position innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung sehr angesehen war. Mariannes skeptische Beurteilung ihrer Wahl zur ersten Vorsitzenden war von dem Wissen bestimmt, eigentlich die zweite Wahl zu sein. Ursprünglich sollte ihre Freundin Alice Salomon diese Position einnehmen. Während des Ersten Weltkrieges hatte es zwischen Alice Salomon und Gertrud Bäumer Meinungsverschiedenheiten wegen Salomons internationaler Beziehungen gegeben. Ein weiterer Grund für Marianne Webers Wahl zur Vorsitzenden bestand in der antisemitischen Haltung einiger Frauenvereine, die Alice Salomon nicht als konsensfähige Nachfolgerin erscheinen ließ.[27]
"Ich stand wieder vor einer Aufgabe, die mir in jener Lebensphase als zu schwer erschien. Aber die Führerin und Freundin Gertrud Bäumer befahl, und es zeigte sich wieder einmal, daß ein Mensch mehr kann, als er zu können glaubt, wenn er will, was er soll."[28]

Witwenschaft und die Weimarer Jahre

Der plötzliche Tod ihres Mannes am 14.06.1920 löste bei Marianne Weber eine schwere Lebenskrise aus. Eine öffentliche Tätigkeit in der Frauenbewegung war ihr zunächst nicht mehr möglich. Marianne zog sich für einige Jahre von der Frauenbewegung und aus dem gesellschaftlichen Leben Heidelbergs zurück. In einer Passage ihrer Schrift "Die Frauen und die Liebe" beschreibt sie, welche Folgen Witwenschaft für Frauen haben kann. Zweifellos tragen ihre Ausführungen autobiographische Züge:
"Die typische Frau wird durch den vorzeitigen Verlust eines geliebten Mannes meist in den Abgrund der Vernichtung gestürzt, aus dem sie sich erst nach langem Ringen zwischen Tod und Leben mühsam wieder emporarbeitet."[29]
Marianne Weber verarbeitete diese Krise, indem sie Max Webers Schriften herausgab und seine Biographie verfaßte. Zur Verfasserin seiner Biographie fühlte sie sich berufen, denn "niemand war derart von seinem Wesen erfüllt, wie seine Frau"[30]. Die Juristische Fakultät der Heidelberger Universität verlieh Marianne Weber 1922 den "Ehrendoktor der Rechte" für die Herausgabe der Editionen und ihre eigene wissenschaftliche Studie "Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung".

Ihre schriftstellerische und editorische Arbeit, die Erziehung von vier Pflegekindern und der Kontakt zu ihren Freundinnen gaben Marianne in den Jahren nach Max Webers Tod inneren Halt. Eine der letzten gemeinsamen Entscheidungen des Ehepaars betraf die Annahme der vier Waisen Albert, Klara, Hermann und Max, Kinder von Lili Schäfer. Sie war Max' Lieblingsschwester und hatte Ostern 1920 Selbstmord begangen.

Bereits 1921 war Marianne von München nach Heidelberg zurückgekehrt und ein Jahr später bezog sie, trotz finanzieller Schwierigkeiten wieder das Fallensteinsche Haus, in dem sie mit Max ihre "reichsten Jahre" verlebt hatte. Infolge der Inflation mußte sie mit ihrem Geld haushalten und die Versorgung der Kinder brachte zusätzliche finanzielle Belastungen. Marianne wurde von Freundinnen mit Kleidungsspenden und Geldbeträgen für die Kinder unterstützt.

Nach einigen Jahren zurückgezogener Lebensführung trat Marianne wieder in die Öffentlichkeit. Mitte der zwanziger Jahre etablierte sie erneut ihre sonntäglichen "Geister-Tees". An der Salongeselligkeit nahmen mehr Frauen als Männer teil. Der sogenannte "Marianne-Weber-Kreis" umfaßte siebzig bis achtzig Personen. Vierzehntägig traf sich jeweils die Hälfte davon.

Die Gastgeberin wählte ihren Kreis sorgfältig aus, sie strebte eine "produktive" Geselligkeit an und bemerkte
"Geselligkeit ist keine Einrichtung zur Wohlfahrtspflege, sie untersteht ihrer Eigengesetzlichkeit wie alle geformte Kultur und verträgt nur einen kleinen Einschuß von Nächstenliebe, wenn sie nicht ihren Sinn verlieren soll."[31]
Die Zusammenkünfte folgten einem bestimmten Ritual. In der ersten Stunde sammelten sich die Gäste bei Tee und Kuchen, dann wurde ein Vortrag gehalten mit anschließender Diskussion.

Die Gastgeberin betrachtete es als ihre Aufgabe, die Diskussion anzuregen, mit "kleinen herrscherlichen Eigenheiten" führte sie den Kreis, wie Marie Baum berichtete.[32] Bewundert wurde Mariannes Fähigkeit Menschen anzuziehen, immer neue Freunde zu gewinnen und somit den Kreis fast dreißig Jahre lang als einen der gesellschaftlichen Mittelpunkte Heidelbergs zusammenzuhalten.

Intensive menschliche Beziehungen und geistige Auseinandersetzungen waren Marianne Webers Lebenselexier. Seit 1926 hielt sie wieder öffentliche Vorträge. Als Rednerin über soziale und sexualethische Themen war sie in den letzten Jahren der Weimarer Republik sehr gefragt. Ihr Engagement richtete sich vor allem gegen die "freie Liebe" und sie sprach sich für "sittliche Ideale" aus. Sie tolerierte eine abweichende Lebensführung, wandte sich aber gegen eine gesetzliche Anerkennung "befristeter" Liebes- und Lebensverhältnisse, die nicht auf gegenseitigen Verpflichtungen beruhten.

Das umfangreiche Tages- und Wochenprogramm befriedigte Mariannes Tatendrang, führte aber auch zu innerlichen Konflikten, da sie fürchtete, ihren Pflegekindern nicht gerecht zu werden. Eine enge Freundin, Marie Kaiser, bewunderte Mariannes Energien, schätzte sie aber gleichzeitig als genußsüchtig ein, mit einem starken Bedürfnis nach vielen Menschen. Im Weberschen Haus fanden nicht nur die Schäfer-Kinder, die Marianne 1927 adoptierte, ein Heim, sie nahm auch mehrere jüngere Mitglieder der verwandten Familien Baumgarten und Mommsen auf, sowie einige nicht verwandte junge Frauen. Außerdem pflegte sie enge Freundinnen-Beziehungen zu Marie Kaiser, Anna Neumeyer, Gertrud Simmel sowie zu Else Jaffe-von Richthofen.


Nationalsozialismus und Nachkriegsjahre

Die öffentlichen Aktivitäten Marianne Webers endeten mit der Selbstauflösung des "Bundes Deutscher Frauenvereine" 1933, der "alten freiheitlichen Frauenbewegung".[33] Die Organisation entging so ihrer Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten. Marianne zog sich in die Privatsphäre zurück.

Noch vor der Machtergreifung begann sie mit ihrem später populärsten Buch: "Die Frauen und die Liebe", das aber erst 1935 veröffentlicht wurde. Das Buch behandelt verschiedene Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, nicht nur das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern auch Frauenfreundschaften und die verschiedenen Arten von Mutterschaft. Marianne verarbeitete vor allem persönliche Erfahrungen. In ihrer Kindheit und Jugend hatte sie als Halbwaise soziale Mutterschaft erfahren. Während der Krankheit von Max und später als Witwe gaben ihr Freundschaftsbeziehungen notwendigen emotionalen Rückhalt, aber auch intellektuelle Impulse.

Der Salon Marianne Webers konnte sich während des Nationalsozialismus, nach einer kurzen Pause, weiterhin treffen, politische Aussprachen fanden jedoch nicht statt. Marianne Weber war wahrscheinlich an aktiven Hilfsmaßnahmen während des Nationalsozialismus nicht beteiligt. Aufgrund ihrer Freundschaft mit der Jüdin Anna Neumeyer schrieb sie:
"Wer jüdische Freunde hatte, konnte, wenn er sein Leben retten wollte, nichts anderes tun, als ihnen die Treue halten, im Geheimen helfen und ihr abgründiges Schicksal in seiner Seele bewegen."[34]
Als Anna Neumeyer sich 1941 nach ihrem Deportationsbefehl gemeinsam mit ihrem Ehemann das Leben nahm, geriet Marianne in eine schwere Depression: "Dieser Tod wurde zum schweren Vorwurf, - daß man ihn überlebte, war Schuld."[35]
1948 erschienen ihre "Lebenserinnerungen". Bis 1952 wurden die sonntäglichen Treffen in der Heidelberger Villa weitergeführt.

Am 14.03.1954 starb Marianne Weber im Alter von 84 Jahren in Gegenwart ihrer Freundin Else Jaffe-von Richthofen in Heidelberg. In einem Nachruf schrieb Dorothee von Velsen:
"Marianne Weber war eine philosophische Natur. Das Denken um des Denkens willen, die Seinserhellung bildeten den tragenden Grund auch in den Zeiten des tiefsten Schmerzes. (...) Ihr Geist, ihre Hingabe an überpersönliche Güter aber weht in den Schriften, die sie uns zurückläßt, und die Zeugnis geben von dem Streben einer ganzen Generation."[36]

Anmerkungen

[1] Die Verhandlungen des 18. Evangelisch-Sozialen Kongresses 1907, S. 124.
[2] Weber 1948, S. 37.
[3] Ebda, S. 33.
[4] Ebda, S. 49.
[5] Ebda, S. 48.
[6] Ebda, S. 52.
[7] Weber 1926, S. 185.
[8] Ebda, S. 197.
[9] Weber 1948, S. 54.
[10] Ebda, S. 55.
[11] Weber 1926, S. 242.
[12] Baum 1986, S. 213.
[13] Weber 1948, S. 55.
[14] Roth 1989, S. XIII.
[15] Vgl. Gilcher-Holtey 1988, S. 142-154, S. 149.
[16] Weber 1948, S. 56.
[17] Weber 1906, S. 5. [18] Lepsius, S. 89.
[19] Weber 1926, S. 435.
[20] Ebda, S. 435.
[21] Weber 1915, S. 258.
[22] Die Frauenbewegung hat sich an der Kriegsfrage gespalten. Die im Bund Deutscher Frauenvereine organisierten Frauen ermöglichten durch die Einrichtung des Nationalen Frauendienstes (NFD) die Kriegsführung und lehnten eine Beteiligung am ersten Internationalen Friedenskongreß in Den Haag 1915 ab.
[23] Weber 1948, S. 82.
[24] Bund Deutscher Frauenvereine 1919, S. 2.
[25] Weber 1919, S. 2.
[26] Weber 1948, S. 86.
[27] Vgl. Greven-Aschoff 1981, S. 112.
[28] Weber 1948, S. 112.
[29] Weber 1935, S. 228.
[30] Weber 1948, S. 125.
[31] Ebda, S. 206.
[32] Marie Baum in der Einführung zu: Der Marianne-Weber-Kreis 1958, S. 11.
[33] Weber 1948, S. 455.
[34] Ebda, S. 479.
[35] Ebda, S. 443.
[36] Velsen 1954, S. 149.

Literatur

BAUM, MARIE (Hrsg.)
Ricarda Huch. Briefe an die Freunde, Zürich 1986.

Bund Deutscher Frauenvereine, Protokolle der Sitzungen des Gesamtvorstandes, Hamburg 16. 9. 1919.

GILCHER-HOLTEY, INGRID
Max Weber und die Frauen, in: Gneuss, Christian und Koeke, Jürgen (Hrsg.): Max Weber. Ein Symposion, München 1988.

GREVEN-ASCHOFF, BARBARA
Die bürgerliche Frauenbewegung 1894-1933, Göttingen 1981.

LEPSIUS, RAINER M. UND MOMMSEN, WOLFGANG J. (Hrsg.)
Max-Weber-Gesamtausgabe, Bd. 5. Briefe 1906-1908, Tübingen 1990.

ROTH, GÜNTER
Marianne Weber und ihr Kreis. Einleitung in: Max Weber. Ein Lebensbild, München 1989, 3. Auflage. S. IX-LXXI.

VELSEN, DOROTHEE VON
Marianne Weber gestorben, in: Mädchenbildung und Frauenschaffen, 4/1954.

Die Verhandlungen des 18. Evangelisch-Sozialen Kongresses, Göttingen 1907.

WEBER, MARIANNE
Fichtes Sozialismus und die Marxsche Doktrin, Tübingen 1900.
Beruf und Ehe, Berlin 1906.
Die Beteiligung der Frau an der Wissenschaß, Berlin 1906.
Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung, Tübingen 1907.
(anonym) Erlebnisse der Seele, in: Die Frau, 22/1915.
Die Beteiligung am geistigen und sittlichen Wiederaufbau unseres Volkslebens,
in: Die Frau, 27/1919.
Frauenfragen und Frauengedanken, Tübingen 1919.
Max Weber - ein Lebensbild, Tübingen 1926.
Die Idee der Ehe und der Ehescheidung, Frankfurt 1929.
Die Ideale der Geschlechtergemeinschaft, Berlin 1930.
Die Frauen und die Liebe, Königsstein 1935.
Erfülltes Leben, Heidelberg 1946.
Lebenserinnerungen, Bremen 1948.

DER MARIANNE-WEBER-KREIS
Festschrift für Georg Poersgen zum 60. Geburtstag, Heidelberg 1958.

Monika Lenniger

QUELLE   | "Was für eine Frau!" | S. 153-170
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