PERSON

FAMILIEKoppen
VORNAMELuise


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1855-06-11   Suche
GEBURT ORTBerleburg
TOD DATUM1922-01   Suche
TOD ORTBerlin
TODESURSACHELungenentzündung


BIOGRAFIE

"... Das war etwas Feines und Schönes"
Luise Koppen (1855 - 1922), Zwischen romantischer Frauenfreundschaft und lesbischer Identität

Zwei Frauen verlieben sich ineinander. Vielleicht sollte ich besser im Stile des 19. Jahrhunderts sagen: Sie sind sich innigst zugetan.

Frauenliebe und Frauenfreundschaft wurde im Laufe der Zeit von der Gesellschaft unterschiedlich bewertet. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt es als völlig "normal", daß Frauen ihre liebevollen Gefühle mit Frauen teilten. Zwischen ihrer weiblichen und der männlichen Lebenswelt bestand eine große Diskrepanz. Die Bestimmung der Frauen - Hausfrau, Mutter und Gattin - war zwar auf den Mann ausgerichtet, ihren Alltag teilten sie allerdings bis zum Zeitpunkt der Eheschließung und oft darüber hinaus mit Frauen. Die ihnen zugeschriebene große Emotionalität lebten sie mit Freundinnen, Müttern, Schwestern, Cousinen, Töchtern. Zu den wesentlichen Charaktereigenschaften von Frauen im 19. Jahrhundert gehörte die Fähigkeit, tiefe, innige Frauenfreundschaften einzugehen[1] und sich einander ihre zärtlichen Gefühle mitzuteilen.

Romantische Frauenfreundschaft[2]/Frauenliebe war gesellschaftlich akzeptiert, offene weibliche Homosexualität jedoch nicht. Wenn zwei Frauen neben Alltag, Arbeit und Emotionen auch ihre Sexualität miteinander erlebten, überschritten sie die gesellschaftlich tolerierte Grenze der Moral. Da Frauen jedoch jegliches sexuelles Begehren überhaupt abgesprochen wurde, drohte ihnen selten die Gefahr der Diskriminierung, solange sie ihre Erlebnisse für sich behielten. Es gibt leider wenig Aussagen von Freundinnen darüber, welche Rolle sexuelle Bedürfnisse in ihrer Beziehung spielten. Sie haben sich Gedanken über Erotik und Leidenschaft wahrscheinlich gar nicht zugestanden und daher diese Möglichkeit der Bereicherung vermutlich nicht bedacht, sondern sich mit der "rein seelischen" Liebe begnügt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfuhren Frauenliebe und -freundschaft eine neue Beurteilung. Durch die inzwischen bestehende Frauenbewegung hatten die Beziehungen zwischen Frauen an gesellschaftspolitischer Relevanz und Brisanz gewonnen. Engagiert traten Frauen mit ihren Forderungen nach Bildung, Wahlrecht, ökonomischer Unabhängigkeit und verbesserten Lebensbedingungen für alle Frauen in die Öffentlichkeit. Die Energien für ihre politische Arbeit schöpften viele Frauen aus den Beziehungen zu ihren Freundinnen und Lebenspartnerinnen. Ein gravierendes Hindernis gegen die Durchsetzung der Ziele der Frauenbewegung war - paradoxerweise - die Entdeckung der weiblichen Sexualität durch die männlichen Sexualwissenschaftler. Diese stellten fest, daß Frauen, die ihre traditionelle Rolle ablehnen, sich auch sexuell nicht mehr den Männern unterordnen wollen. Statt dessen würden sie ihr Begehren auf andere Frauen richten, und das sei abnorm. Innige Freundinnenbeziehungen wurden jetzt als "homosexuell" pathologisiert[3] und die Frauen als "Perverse" der Diskriminierung ausgeliefert. Um nicht als "Lesbierin" abgeurteilt und gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden, reagierten die betroffenen Frauen mit Verschweigen ihrer Liebesbeziehungen und großer Vorsicht, indem sie in der Öffentlichkeit distanziert miteinander umgingen.

Ein lesbisches Selbstverständnis entwickelten Frauen erst in der Zeit der Weimarer Republik, die als die "goldenen Zwanziger Jahre" in Erinnerung bleiben sollte. Zumindest in einer Großstadt wie Berlin mit ihrer neuen Moral und Politik war scheinbar alles möglich, alles erlaubt, und somit auch eine intensiv blühende Lesbenkultur[4]. Die zahlreichen Bücher, Zeitschriften und Adressen von Lokalen für Gleichgesinnte und Damenklubs beweisen, wie vielfältig und verbreitet das Angebot war.

Diese unterschiedlichen Bewertungen von Frauenliebe und Frauenfreundschaft stifteten viel Verwirrung und hatten auch Einfluß auf das Leben der Schriftstellerin Luise Koppen.


Kinderleben in einer kleinen Residenz

Geboren wurde Luise Koppen am 11.06.1855 in Berleburg im Sauerland. Bereits zwei Jahre später erhielt ihr Vater eine Pfarrstelle in Detmold, wohin er mit Frau und Tochter übersiedelte.
"Hier blühte ihr, der Aeltesten, ein Kreis fröhlicher und anmutiger Schwestern und sie hat es immer als ein besonderes Glück angesehen, daß sie in einem kinderreichen Hause groß wurde."[5]
Luise galt als ein sehr ernsthaftes Kind, das nicht herumtollte, aber auffallend phantasievoll war. Umgeben von ihren zahlreichen Schwestern erzählte sie leidenschaftlich gern selbsterfundene, spannende Geschichten. Während der Grundschulzeit, in der Töchtervorschule, entdeckte sie ihre besondere Fähigkeit für das Gedichtevortragen. Ihre Vorliebe für die Literatur entwickelte sie demnach bereits in ihrer Kindheit. Später besuchte sie die Höhere Töchterschule in Detmold, und erhielt dort die bestmögliche Schulbildung für ein Mädchen in dieser Zeit.

Ihre Kindheitserinnerungen erschienen 1922 als eines ihrer letzten Bücher mit dem Titel "Kinderleben in einer kleinen Residenz". Es handelt sich hier nicht um ihre Autobiographie, sondern um verschiedene humorige Erzählungen, wobei sie eigene Erlebnisse mit einigen recht eigenwilligen Menschenportraits abwechselt. Hintergrund dieser Geschichten ist die Residenzstadt Detmold mit ihrer Fürstenfamilie ("Fürstens") und den Häusern
"mit den blanken Scheiben, weißen Vorhängen und Fuchsien, in denen das helläugige Rürgertum sein stilles Glück und seine kleinen Sorgen lebte".[6]
Den Menschen bringt Luise Koppen sehr viel Sympathie entgegen, in der Beschreibung ihrer kleinen und großen Schwächen klingt allerdings stets ein leicht ironischer Unterton mit.

In der Erzählung "Miles Freundin" schildert sie eine Frauenbeziehung: Mile und Luise, in absolut gegensätzlichen Verhältnissen geboren und von ganz unterschiedlicher Wesensart, sind sich gegenseitig die ideale Ergänzung. Wie selbstverständlich teilen sie ihr Leben miteinander, unterstützen sich und machen Erfahrungen, zu denen sie ohne die andere keine Möglichkeit gehabt hätten. Als Luise verheiratet wird, sind die beiden Freundinnen zwar nicht begeistert, aber an ihrer Beziehung und ihrem Alltag wird sich schließlich nichts ändern, denn Mile zieht einfach mit ein in das Haus der neuen Eheleute. Die beiden Frauen gehören zusammen, das geben sie allen Beteiligten deutlich zu verstehen.[7]

Wenn es sich hierbei um eine authentische Geschichte gehandelt hat, werden die Bewohnerinnen Detmolds und nach Veröffentlichung des Buches vermutlich ebenfalls die Leserinnen, diese Freundinnenbeziehung als eine romantische und somit "harmlose" Frauenfreundschaft gewertet haben. Einige waren sicherlich erstaunt über die Entschiedenheit und das Selbstbewußtsein der zwei Frauen, das nicht dem gängigen Weiblichkeitsklischee entsprach, mit weiblicher Homosexualität werden es die wenigsten in Verbindung gebracht haben.


Frauenraum Höhere Töchterschule

Frauen, die im 19. Jahrhundert eine von Männern ökonomisch unabhängige und selbständige Lebensform suchten, hatten keine große Auswahl. Ein Beruf, der ihnen offenstand und in dem sie als sehr kompetent galten, war das Lehramt (selbstverständlich nur an Mädchenschulen).
"Daß Lehrerinnen, bei edler Weiblichkeit, einen vorzugsweise wohlthätigen Einfluß auf das Gemüthsleben der Mädchen auszuüben geneigt sind, kann wohl kaum verabredet werden, und es zeigt sich dieser Einfluß unverkennbar in der stillen Sinnigkeit vieler durch Lehrerinnen gebildeter weiblicher Wesen."[8]
Im Alter von 19 Jahren bestand Luise Koppen das Examen am Lehrerinnenseminar in Elberfeld, und sie wurde sofort an der Detmolder "Höheren Töchterschule" angestellt. "Manche ältere Detmolderin wird Luise Koppens gern gedenken, der geliebten Lehrerin"[9] erinnerte sich eine ehemalige Schülerin des Oberlyzeums vor nunmehr sechzig Jahren an sie. Und Luise Koppen liebte ihren Beruf, vor allem weil sie ausschließlich von Schülerinnen umgeben war, denen sie gerne ihr Wissen vermittelte. Auch ihnen erzählte sie selbsterdachte Geschichten, besonders vor den Ferien oder auf Schulausflügen[10]. Bewundernd hörten ihr die Mädchen zu, und im Unterricht versuchten sie durch besonderen Fleiß ihre Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Schülerinnen schwärmten für ihre Lehrerin, denn von ihr wußten sie sich ernst genommen, gefördert und geliebt.

Luise Koppen verbrachte ihren Arbeitsalltag in einem eindeutigen Frauenraum, also in Zusammenhängen, wo sich Frauen ausschließlich auf Frauen und Mädchen bezogen. Nach fast 25 Jahren Lehrtätigkeit, in der sie zur Oberlehrerin befördert worden war, verließ sie die Höhere Töchterschule. Sie beendete ihr Dienstverhältnis, weil sie, wie sie es selbst ausdrückte, ihr eigentliches Wesen entfalten wollte: als Schriftstellerin zu leben[11].


Frauenfreundschaft/Frauenliebe: Fürstin Elisabeth und Frida Schanz

Das hohe Kirchenamt ihres Vaters ermöglichte Luise Koppen den Zugang zur Fürstenfamilie "zur Lippe", eine persönliche Beziehung entwickelte sich jedoch einzig mit der Fürstin Elisabeth (1833 -1897). Diese Frauenfreundschaft war sehr eng und herzlich und endete erst mit dem Tod von Elisabeth. In Erinnerung an die geliebte Freundin schrieb Luise Koppen unmittelbar danach deren Biographie, die verdeutlicht, wie gut sie einander kannten. Luise beschreibt zwar ihre persönlichen Erlebnisse mit Elisabeth, aber in verallgemeinerter Form, wie z.B. den Umgang mit ihren Freundschaften:
"War ihr also jemand sympathisch, so blieb sie ihm freundlich gesonnen, und fand sie ihn dann treu und zuverlässig, knüpfte sie einmal das Band der Freundschaft, so war es für allezeit. Sie ging mit ihren Freunden im wahren Sinne des Wortes durch gute und böse Gerüchte, durch Freud und Leid. Die Fürstin besaß aber auch alle Eigenschaften, die zu einer treuen Freundin gehörten."[12]
Ihre innige Beziehung mag Anlaß für die bösen Gerüchte gewesen sein, die die Freundinnen durchstehen mußten. Sie versicherten sich ihre gegenseitige Unentbehrlichkeit und ihre ewige Treue. Ihre intensiven Gefühle brachte Elisabeth zum Ausdruck, als sie schrieb:
"Ich danke Ihnen so sehr innig für alles, was sie mir gewesen sind, und bitte Sie, bleiben Sie es mir für allezeit. Und: Sie wissen ja, daß Ihre Liebe und Freundschaft ein Sonnenstrahl für mein Leben ist."[13]
Anfang der 1890er Jahre begann die Freundschaft zwischen Luise Koppen und Frida Schanz (1859-1944). Zunächst kannten sie sich jahrelang nur als Brieffreundinnen. Luise Koppen hatte der zu dieser Zeit bereits bekannten Schriftstellerin Frida Schanz geschrieben, und als Anknüpfungspunkt einige von deren Gedichte gewählt. Nach Jahren dieser "fast überirdisch schönen Brieffreundschaft"[14] lernten sie sich endlich persönlich kennen. In Erinnerung daran schrieb Frida Schanz: "Wir sahen auf den ersten Blick: das war etwas Feines und Schönes."[15]

Bei dieser ersten Begegnung, in der Freude, daß sie einander gefunden hatten, entdeckten sie nicht nur ihre Liebe zueinander, sondern auch die ihnen gemeinsame Liebe zur schriftstellerischen Arbeit. Von nun an wurde das Schreiben der Freundin genauso wichtig wie das eigene. Während ihres ersten Besuches in Berlin verfaßte Luise Koppen ein dickes Kinderbuch: "Das Dorli", und Frida Schanz übernahm sofort die Aufgabe, für das Manuskript einen Verlag zu finden. In Stuttgart bei "Levy & Müller" war sie erfolgreich. Dieser Verlag übernahm anschließend stets die Herausgabe von Luise Koppens Kinderbüchern.

Die Freundinnen schrieben auch gemeinsam - bezeichnenderweise zwei Bücher für junge Mädchen: "Weltkind und Waldkind" und "Wachsende Kräfte".
"Beide Werke geben Zeugnis von dem innigen Sichverstehen, das die beiden Dichterinnen verband. Man kann kaum herausfinden, was von der Einen und der Anderen beigesteuert ist."[16]
Als Luise Koppen für die Veröffentlichung ihrer sogenannten Erwachsenenbücher einen neuen Verlag benötigte, war wieder Frida Schanz aktiv und hatte diesmal bei "Trowitzsch & Sohn, Berlin" Erfolg. Um sich zu sehen, sich auszutauschen, neue Buchprojekte zu besprechen, aber auch um ihre Sorgen und Freuden miteinander zu teilen, reisten die beiden Frauen häufig zwischen Detmold und Berlin hin und her, was zur damaligen Zeit erhebliche Strapazen bedeutete. Zeitweise wohnte Frida Schanz auch in Detmold, als langfristige Perspektive konnte sie sich das Leben dort allerdings nicht vorstellen. So entschloß sich Luise Koppen 1910, nach Berlin zu ziehen, um der Freundin nah zu sein.


Nach Berlin der Liebe wegen

Das Leben in der Großstadt unterschied sich völlig von der beschaulichen Kleinstadtidylle Detmolds. In Berlin tat sich für Luise Koppen eine neue weitere Welt auf, in der sie sich unendlich wohl fühlte. Hier lernte sie interessante Künstlerinnen kennen, besuchte Theater und Kunstausstellungen. Endlich konnte sie ihre geliebte Freundin sehen, so oft und so lange sie beide wollten. Sie betätigte sich weiterhin als Buchautorin. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete sie zusätzlich als Redakteurin bei der Zeitschrift "Daheim, die illustrierte Wochenschrift zur Belehrung und Unterhaltung". Wieder war es Frida Schanz, die ihr zu diesem Arbeitsplatz verhalf; hier wurden sie Kolleginnen. Zusätzlich übernahm Luise Koppen die verantwortliche Stelle als Herausgeberin für die Zeitschriften "Die deutsche Frau" und "Frauenerwerb". Überall galt sie als unermüdliche und rastlos schaffende Mitarbeiterin. Die Zeitschriften bildeten für sie ein zusätzliches Forum zur Veröffentlichung ihrer Erzählungen. Die Leserinnen mochten ihre Geschichten und ihren Humor, "diese leiseste Art, unglaubliche Schrulligkeiten unter heimlichen Lächeln todernst zu erzählen"[17].

Frauenbeziehungen standen zwar nicht im Mittelpunkt ihres Schreibens, aber verschwiegen hat sie sie nicht. Immer wieder tauchen in ihren Geschichten Frauen auf, die wie selbstverständlich ihr Leben mit einer oder mehreren anderen Frauen teilen und sich nicht für das Fehlen von Männern rechtfertigen müssen. Dabei konnte es den Frauen in ihren Büchern und Geschichten durchaus passieren, daß sie ihre Wichtigkeit füreinander unterschiedlich einschätzten, wie Dorchen und Lieschen in "Die Schwestern"[18]: Dorchen kann ohne Lieschen nicht leben, Lieschen muß sich allerdings für einige Jahre von Dorchen befreien. Sie zieht in eine ferne Stadt, wertet diese Zeit als die glücklichste ihres Lebens, kehrt trotzdem nach einem Schicksalsschlag zu Dorchen zurück und läßt sich für den Rest ihres Lebens von ihr versorgen.

Frida Schanz ging mit diesem Thema innerhalb ihrer schriftstellerischen Arbeit auf die gleiche Weise um wie Luise Koppen. Eine Ausnahme bildete der Roman "Wolken", wo die gesellschaftliche Diskriminierung von homosexuellen Frauen direkt angesprochen wird, aber unbewertet bleibt.

Luise Koppen und Frida Schanz lebten in Berlin, in der Stadt, in der die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg am intensivsten spürbar waren. Die Menschen sprühten vor Lebensübermut und ließen die alten Moralvorstellungen nicht mehr gelten. Für die Frauen hatte sich Grundsätzliches verändert. Sie erhielten das Wahlrecht, mehrere Berufe standen ihnen offen, sie konnten studieren. Sie befreiten sich aus dem Korsett der ihnen zugeschriebenen weiblichen Tugenden und entdeckten neue, ihnen bislang verwehrte Lebensformen. Jetzt bekannten sich Freundinnen, die ihre Beziehung als romantische Frauenfreundschaft bezeichnet hatten, öffentlich zu ihrer lesbischen Identität. Berlin entwickelte sich im Lauf der 1920er Jahre zum Zentrum einer facettenreichen Lesbenkultur.

Zumindest die ersten Anfänge dieser vieles verändernden Zeit erlebte Luise Koppen noch. Inwieweit diese gesellschaftliche Umbruchstimmung ihr privates Leben beeinflußt hat, ist leider nicht dokumentiert, auch in ihrer Literatur sind davon keine Spuren zu finden. Sie starb im Januar 1922 in Berlin an einer tückischen Grippe, die mit einer schweren Lungenentzündung verbunden war. Frida Schanz schrieb ihr in der Zeitschrift "Daheim" ein paar öffentliche Abschiedsworte, die ihre Trauer über ihren persönlichen Verlust ebenso deutlich machten, wie auch die Freude über die Bereicherung, die diese Beziehung für ihr Leben bedeutet hat. Diese Liebesbeziehung, die durch die Initiative von Luise Koppen entstanden war, "die sich durch Blumen und liebe Briefe herangepirscht"[19] hatte, dauerte dreißig Jahre.

In den beiden in Ostwestfalen veröffentlichten Nachrufen (Lippische Landeszeitung und Lippischer Dorfkalender) wurde Luise Koppen von den Lipperinnen stolz als "die Unsere" in Anspruch genommen, schließlich hatte sie doch ihre "Werde-und Wachsejahre" in Detmold verbracht und die Stadt durch ihre Geschichten bekannt gemacht. Ihre männerlose, frauenidentifizierte Lebensweise wurde nicht kritisiert. Daß sie der weiblichen Normierung als Gattin, Hausfrau und Mutter zuwiderhandelte und in ihrer Biographie kein einziges männliches Wesen auftauchte, zu dem eine unerfüllte Beziehungssehnsucht interpretiert werden konnte[20], wurde ihr wohl auch deshalb verziehen, weil durch die Stellung des Vaters als Pfarrer bzw. Superintendent innerhalb der Kleinstadthierarchie sehr weit oben rangierte. Außerdem hatte Luise Koppen durch ihre Tätigkeit als Oberlehrerin und Schriftstellerin auch selbst ein hohes Ansehen erlangt. Auf diese Weise war ein relativ geschützter Freiraum entstanden.

Luise Koppen lebte ausschließlich in Frauenzusammenhängen (Familie, Mädchenschule, Lehrerinnenseminar, Frauenredaktionen, Frauenbeziehungen), wobei ihre Frauenfreundschaften - allerdings wurde der Begriff "Freundschaft" der Intensität der Beziehungen nicht gerecht - niemals provozierend wirkten, sondern selbstverständlich. Heute kann ich sie in eine Reihe mit den Frauen aller Zeiten stellen, denen die Liebe zu Frauen ein wichtiger und wesentlicher Lebensinhalt war und die ihr Leben in einem lesbischen Kontext verbrachten.


Anmerkungen

[1] Vgl. Faderman 1990, S. 160.
[2] Den Begriff "romantische Frauenfreundschaft" benutze ich in Anlehnung an Lillian Faderman, 1990.
[3] Vgl. Westphal 1870; oder Kraft-Ebing 1886.
[4] Vgl. Claus 1987 und 1989; Hacker 1987; Meyer 1981; Vogel 1985.
[5] Oesterhaus 1923, S. 73. [6] Geißler 1913, S. 288.
[7] Vgl. "Miles Freundin", in: Koppen 1922, S. 120.
[8] Schreiben d. königl. Regierung..., in: Ravensberger Blätter, Heft 1/1987, S. 15.
[9] Niemöller 1936, S. 366.
[10] Vgl. Oesterhaus 1923, S. 73.
[11] Vgl. Oesterhaus 1922.
[12] Koppen 1897, S. 74. [13] Ebda, S. 80.
[14] Schanz 1922.
[15] Ebda.
[16] Oesterhaus 1923, S. 75.
[17] Schanz 1922.
[18] Vgl. "Die Schwestern", in: Koppen 1908, S. 67-106.
[19] Schanz 1922.
[20] Ein beliebtes Mittel der Literaturgeschichtsschreibung, um Lebensläufe von
möglicherweise lesbischen Frauen "passend" zu interpretieren.


Literatur

CLAUS, DORIS
Selbstverständlich lesbisch in der Zeit der Weimarer Republik. Eine Analyse der Zeitschrift "Die Freundin", unveröff. Magisterarb., Univ. Osnabrück 1987.

Wenn die Freundin ihrer Freundin lila Veilchen schenkt, in: Roebling, Irmgard
(Hrsg.): Lulu, Lilith, Mona Lisa ..., Pfaffenweiler 1989, S. 19-31

FÄDERMAN, LILLIAN
Köstlicher als die Liebe der Männer. Romantische Frauenfreundschaft und Liebe zwischen Frauen von der Renaissance bis heute, Zürich 1990.

GEISSLER, MAX
Führer durch die deutsche Literatur des 20. (!) Jahrhunderts, Weimar 1913, S. 288.

HACKER, HANNA
Frauen und Freundinnen. Studien zur "weiblichen Homosexualität" am Beispiel Österreich 1870-1938, Weinheim; Basel 1987

KOPPEN, LUISE
Erinnerungsblätteran Elisabeth Fürstin zur Lippe, Detmold 1897. Kinderleben in einer kleinen Residenz, Berlin 1922. Kleinstadtzauber, Berlin 1908.

KRAFT-EBING, RICHARD VON
Psychopathia Sexualis mit besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, Stuttgart 1886.

LÜTZEN, KARIN
Was das Herz begehrt. Liebe und Freunschaft zwischen Frauen, Hamburg 1990.

MEYER, ADELE (Hrsg.)
Lila Nächte. Die Damenklubs der Zwanziger Jahre, Köln 1981.

NIEMOELLER, CLARA
Luise Koppen, in: Menschen vom lippischen Boden, Detmold 1936, S. 366-367.

OESTERHAUS, BERTHA
Luise Koppen, in: Lippische Landeszeitung, 156. Jg./1922; Nr. 19 vom 22. Januar 1922.
Luise Koppen, in: Lippischer Dorfkalender, N. F.; 8. Jg./1923, S. 73-76.

SCHANZ, FRIDA
Luise Koppen, in: Daheim, 58. Jg/ 1922; Nr. 21/22, S. 14.

SCHANZ, FRIDA
Wolken. Tagebuch einer jungen Frau, Leipzig 1907.

Schreiben der königlichen Regierung in Arnsberg an das Provinzial-Schul-Kollegium in Münster vom 1. Juli 1851, zit. nach: Ravensberger Blätter, Heft 1/1987, S. 15.

VOGEL, KATHARINA
Die Theorie vom Dritten Geschlecht als Grundlage für ein neues Selbstverständnis von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, unveröff. Diplomarb., Univ. Berlin 1985.

WESTPHAL, CARL
Die conträre Sexualempfindung. Symptom eines neuropathischen (psychopatiscben) Zustandes, in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Bd. II, Berlin 1869, S. 73-108.

Doris Claus

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