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(82 KB)   Marie Schmalenbach (1835-1924), Pfarrfrau im ostwestfälischen Mennighüffen, mit ihrer ältesten Tochter Magdalene / Bielefeld, Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen / A. Sigmund, Hamburg   Informationen zur Abbildung

Marie Schmalenbach (1835-1924), Pfarrfrau im ostwestfälischen Mennighüffen, mit ihrer ältesten Tochter Magdalene / Bielefeld, Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen / A. Sigmund, Hamburg
FAMILIESchmalenbach
VORNAMEMarie


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1835-06-23   Suche
GEBURT ORTHoltrup [Porta Westfalica-Holtrup]
EHEPARTNER1856: Schmalenbach, Theodor
TOD DATUM1924-03-24   Suche
TOD ORTMennighüffen [Löhne-Mennighüffen]


VATERHuhold, Ferdinand
MUTTERMinette, Christiane


BIOGRAFIE"Brich herein, süßer Schein" - so lautet die Titelzeile eines der am meisten gesungenen Kirchenlieder in Ostwestfalen. Verfaßt wurde der Text von einer Frau, die viele Jahre im Pfarrhaus des Bauerndorfs Mennighüffen lebte: Marie Schmalenbach, geborene Huhold. Sie war eine hochgebildete Frau - interessiert an Literatur, Theologie und am politischen Zeitgeschehen. Doch im ländlichen Minden-Ravensberg konnte sie diesen Interessen kaum angemessen nachgehen - weil sie eine Frau war, und weil anderes von ihr erwartet wurde.

Marie Schmalenbach wurde am 23.06.1835 als Tochter des Pfarrers Ferdinand Huhold und seiner Ehefrau Christiane Minette in Holtrup geboren. Elf Kinder hatte das Ehepaar, von denen sieben früh starben. Ihre Kinder- und Jugendzeit verbrachte Marie in Bauern- und Heuerlingsdörfern im Minden-Ravensberger Land. Von Holtrup aus führte der Beruf des Vaters die Familie über Vlotho nach Hausberge.

Seit ihrer frühesten Jugend verschlang Marie Huhold Bücher, auch in englisch und französisch, und sie verfaßte selbst Gedichte, die sie im Kreise der Verwandtschaft vortrug. Vor allem der Vater bemühte sich darum, die geistigen Interessen seiner Tochter zu fördern. Er unterrichtete sie selbst und ließ sie sogar an den politischen und theologischen Gesprächen mit seinen Kollegen teilhaben. Eine höhere Mädchenschule konnte sie in dieser ländlichen Umgebung nicht besuchen.

Kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag schickten Huholds ihre Tochter für zwei Monate zu Verwandten nach Hamburg. Diese vermögende Familie engagierte für ihre Nichte einen Englischlehrer, führte sie in Konzerte, ins Theater und in die Oper. Der Gegensatz hätte größer kaum sein können: Hier das ländliche, von der Erweckungsbewegung streng religiös geprägte Leben in Minden-Ravensberg, dort die kulturell aufgeschlossene Welt der hanseatischen Großstadt. Um ihren widersprechenden Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, begann die Siebzehnjährige in dieser Zeit, ein Tagebuch zu führen, dem sie sich bis ins hohe Alter anvertraute.

Zurück in Hausberge wurde Marie wieder auf den Platz verwiesen, der für eine bürgerliche Frau vorgesehen war: ein Leben als Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Drei Monate lebte sie als Haustochter in einer befreundeten Pfarrfamilie, um dort die Führung eines Haushalts zu erlernen. Danach blieb ihr, wie fast allen ihren bürgerlichen Altersgenossinnen, nichts weiter übrig, als auf einen Ehemann zu warten.

Diesen Lebensweg stellte Marie nie in Frage. Zu selbstverständlich war er, und zu gering waren die Alternativen. Unverheiratete Frauen hatten allenfalls noch die wenig angesehene Möglichkeit, als Erzieherin in einer wohlhabenden Familie zu arbeiten. Eine wirkliche Alternative zur Ehe entwickelte sich erst zum Ende des 19. Jahrhunderts mit der Lehrerinnenausbildung - kam also für Marie gar nicht erst in Betracht.

Im Juli 1854 lernte die gerade neunzehnjährige Marie Huhold den damaligen Hilfsprediger Theodor Schmalenbach kennen - und verliebte sich Hals über Kopf in den vier Jahre älteren Mann. Zwei Monate später verlobten sich die beiden, zwei Jahre später heirateten sie und zogen nach Minden, wo Theodor Schmalenbach Hilfsprediger wurde. 1863 schließlich zog das Ehepaar in das knapp 2000 Einwohner zählende Bauerndorf Mennighüffen, wo Theodor Schmalenbach eine Stelle als Pfarrer angenommen hatte. Zum Pfarrhaus gehörte auch eine kleine Landwirtschaft.

Mit begeisterten Vorstellungen war die junge Frau in die Ehe gegangen. Aus ihrem christlichen Glaubensverständnis heraus basierte eine Ehe für sie ganz selbstverständlich auf Liebe und die gegenseitige Achtung der Persönlichkeit; vor allem hoffte sie in ihrem Ehemann einen angemessenen Gesprächspartner gefunden zu haben, mit dem sie sich über ihre theologischen und politischen Fragen austauschen konnte, wie sie es schon während der Verlobungszeit in einem regen Briefwechsel getan hatten.

Doch schon kurz nach der Eheschließung offenbarten sich ihre Vorstellungen als bloßes Wunschdenken. Theodor Schmalenbach machte berufliche Karriere, die ihn zu häufiger Abwesenheit vom Pfarrhaus zwang: Er wurde Pfarrer, später darin Superintendent des Kirchenkreises Herford, und er war politisch tätig in der Christlich-Konservativen Partei Minden-Ravensbergs, die er bald als Vorsitzender leitete.

Seine Ehefrau ließ er an seiner Arbeit und seinen Gedanken kaum teilhaben. Marie Schmalenbach litt sehr darunter, doch war es ihr unmöglich, das Verhalten ihres Ehemannes zu kritisieren. Zu sehr hatte sie die gesellschaftlich und kirchlich geforderte Unterordnung der Frau unter den Willen des Mannes für ihre eigene Ehe akzeptiert.

Ihre Pflichten lagen einzig und allein im Haushalt und in der Erziehung der Kinder. Diese Aufgaben empfand Marie jedoch von Anfang an als unbefriedigende, ja unerträgliche Belastung, so sehr sie sich auch bemühte. Innerhalb von sechs Jahren - zwischen 1858 und 1864 - brachte sie fünf Töchter und einen Sohn zur Welt, der bereits im ersten Lebensjahr starb. Im Haushalt und bei der Erziehung der Kinder gingen Marie stets zwei Hausmädchen zur Hand. Häufig kamen ihre Mutter oder ihre jüngere Schwester Luise aus Hausberge angeeilt, um ihr im Haushalt zu helfen.

Die Pfarrfrau fühlte sich von der Erziehung der Kinder überfordert, wie sie ihrem Ehemann in einem Brief vorsichtig gestand: Sie schrieb, daß ihr die Kinder zwar durchaus "eine Freude seien, die sie jedoch nicht so ganz bewältigen" könne. Ehrlicher vertraute sie ihrem Tagebuch an, daß ihr die Kinder im großen und ganzen eine regelrechte Last waren. Die Töchter lebten zum Teil mehrere Wochen hintereinander bei Maries Eltern oder bei Bekannten. Als die älteste Tochter Magdalene 1868 in Herford zur Schule ging und dort bei Bekannten lebte, äußerte Marie erleichtert. "ja eine wunderbare Güte Gottes, die dieses also gefügt, denn es ist für Magdalene kein besserer Verbleib als bei ihrer neuen Tante Mathilde und der guten Elisabeth Kuhlo und für mich welch eine Erleichterung."

Sich ein anderes Betätigungfeld zu suchen und etwa in der Gemeinde die Kranken und Alten zu betreuen, galt zur damaligen Zeit für die Ehefrau eines Pfarrers als unpassend. Zu großes Engagement der Pfarrersfrau wurde von kirchlicher Seite argwöhnisch beäugt, da damit die angeblich von Gott gewollte Unterordnung der Frau in Gefahr gesehen wurde. Solch eine Tätigkeit kam für Marie wohl auch kaum in Betracht.

Zeit ihres Lebens vermißte sie in dem Dorf Mennighüffen Kontakte zu Menschen, die auch ihren Bedürfnissen nach theologischen, politischen und literarischen Gesprächen nachkommen konnten. Sie lebte ein einsames, zurückgezogenes Leben und hatte kaum Kontakt zu den Menschen im Dorf, die überwiegend in der Landwirtschaft und im Heimgewerbe arbeiteten.

Eine wirklich persönlich befriedigende Lebenserfüllung konnte Marie Schmalenbach nur finden, wenn sie sich zum Lesen und zum Schreiben ihrer Gedichte zurückzog. Bis zu ihrem Tod verfaßte sie regelmäßig Gedichte. Die überwiegende Mehrzahl zeugen von einer intensiven geistigen Auseinandersetzung mit Fragen der Religion und der Frömmigkeit. Seit Ende der 1880er Jahre erhielten ihre Verse einen regelmäßigen Platz in der in Berlin erscheinenden konservativen Frauenzeitschrift "Martha"; sporadisch erschienen einige Gedichte in der ebenfalls in Berlin herausgegebenen Tageszeitung "Der Reichsbote".

1882 gab der Gütersloher Verleger Bertelsmann sogar eine 260 Seiten starke Sammlung ihrer Gedichte unter dem Titel "Tropfen aus dem Wüstenquell" heraus. Doch eine Laufbahn als Schriftstellerin war für Marie damit nicht geebnet. Bertelsmann, der mit der Familie Schmalenbach persönlich befreundet war, hatte das Gedichtbändchen wohl mehr aus Gefälligkeit herausgegeben. Marie selbst verfolgte mit dem Dichten wohl auch weniger professionelle Interessen. Vielmehr betrachtete sie es als innere Befriedigung.

Daß Marie mit ihren Interessen keinesfalls der zeitgenössischen weiblichen Bestimmung einer Ehefrau, Hausfrau und Mutter entsprach, erzeugte bei ihr starke Gewissenskonflikte. Hier dürfte auch eine Ursache für ihre Krankheiten zu suchen sein. Denn fast ständig wurde sie geplagt von Kopf- und Rückenschmerzen, von Fußbeschwerden, Schmerzen an der rechten Hand, Zahnschmerzen sowie eine allgemeine körperliche Schwäche. Ihr Hausarzt konnte organische Ursachen nie feststellen.

So tragisch diese Krankheiten waren und so wenig Marie die Ursachen durchschauen konnte - sie waren für die Pfarrfrau die einzige Chance, von der unliebsamen Hausarbeit zu fliehen in die Welt der Bücher und Zeitungen, der Gedichte und des Tagebuchs. "Schreiben, ja Schreiben ist ein gutes Ding - es bringt das aufgeregte kleine Menschenkind in etwa zur Ruhe und ist wie ein Löffelchen Arznei manchmal", notierte sie in ihrem Tagebuch.

Wegen ihrer Krankheiten machte sie immer wieder lange Kuraufenthalte in Bad Oeynhausen oder Bad Pyrmont, fuhr zu Erholung zu ihrer Verwandtschaft nach Hamburg zu Bekannten und Freundinnen oder zu ihren Eltern nach Hausberge. Diese Wochen erlebte sie als geistige und persönliche Bereicherung. Hier konnte sie Kontakte zu interessanten Menschen knüpfen und sich über Literatur, Theologie und Politik austauschen. Marie Schmalenbach konnte durch diese Aufenthalte immer wieder erleben, was es hieß, dem Haushalt, den Kindern und dem ländlich-provinziellen Mennighüffen den Rücken zu kehren.

Ihre Tagebücher zeigen, daß sie sich immer wieder hin- und her gerissen fühlte zwischen dem, was von ihr als Ehefrau, Hausfrau und Mutter in der ländlichen, pietistisch geprägten Umgebung erwartet wurde und dem, was ihr einzig und allein wirkliche Befriedigung im Leben gab. In ihrer wohl bedrückendsten und zugleich aussagekräftigsten Tagebucheintragung aus dem Jahr 1868 schrieb sie:
"Ich bin - nun was bin ich? Ein dreiundreißigjähriges Weib bin ich und Mutter von vier lebenden Töchtern, aber was ich nicht bin, wiegt schwerer, als das, was ich bin; denn mein Thun entspricht nicht meinem Sein. Ich kann sagen: Ich bin Frau und bin es doch nicht; Mutter, und bin es doch nicht, Hausfrau und bin es auch nicht. Was bin ich nun? Ja, ich weiß es nicht. Krank bin ich und was dem Kranksein folgt; nicht thun kann ich die Arbeit, die mein wartet. Ach, das ist's ja gerade: Die Arbeit, die vor mir liegt, kann ich nicht thun - andre Arbeit könnte ich wol thun, kann aber die Verhältnisse selber mir nicht schaffen - sondern muß nun müßig am Wege stehen und so will auch das Leben nicht bei mir bleiben, das heißt ich fühle meine Kräfte sich in Nichts verzehren und fürchte, ich werde kränker anstatt gesünder."

Am 10.03.1924 starb Marie Schmalenbach in Mennighüffen im hohen Alter von 88 Jahren. Ihr Grabstein steht noch heute neben dem ihres Mannes, den sie um 23 Jahre überlebt hat, auf dem Kirchhof der Mennighüffener Kirche.

Kerstin Stockhecke

QUELLE  Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 94-96
PROJEKT  Lebensbilder westfälischer Frauen
AUFNAHMEDATUM2004-09-09


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QUELLE    Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 94-96

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ40   Biografie (Einzelperson/Familie)
Zeit3.7   1800-1849
3.8   1850-1899
3.9   1900-1949
Sachgebiet15.7   Literatur, Schriftstellerin/Schriftsteller
DATUM AUFNAHME2003-10-10
DATUM ÄNDERUNG2010-12-13
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