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TITEL350 Jahre Westfälischer Friede - Entscheidungsprozesse, Weichenstellungen und Widerhall eines europäischen Ereignisses


ORTMünster
JAHR[1998]


ONLINE-TEXTGrußworte zur Eröffnung: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Veranstaltungsgesellschaft "350 Jahre Westfälischer Friede" mbH, Dr. Manfred Scholle, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe
SEITES. 07-09


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Landesdirektor Manfred Scholle
Vor 350 Jahren tagten hier in Münster und in Osnabrück für etwa vier Jahre Gesandte aus über 150 Ländern und Territorien Deutschlands und Europas, um einen bald 30 Jahre dauernden Krieg zu beenden. Westfalen, zu dem damals beide Städte gehörten, sollte dem europäischen Vertragswerk seinen Namen geben. Der Westfälische Friede ist von epochaler Bedeutung für die deutsche und europäische Geschichte: Er steht für die erste europäische Friedensordnung, für die föderale Struktur Deutschlands, für die Entwicklung zu religiöser Toleranz und für den Primat der Politik über das für die Zeit so typische Denken in religiös-konfessionellen Bahnen.

Westfalen selbst spielt dagegen im Westfälischen Frieden nur eine untergeordnete Rolle. Doch hat er auch hier deutliche Spuren hinterlassen. Der Westfälische Friede hat wesentlich dazu beigetragen, daß die beiden Verhandlungsstädte Münster und Osnabrück heute in zwei verschiedenen Bundesländern liegen.

Auf der einen Seite bestimmte er für das Fürstbistum Osnabrück, daß sich als Landesherrn ein katholischer Fürstbischof und ein Prinz aus dem evangelischen Haus Braunschweig-Lüneburg abwechseln sollten. Damit wurde das Hochstift dem Einflussbereich der Welfen zugewiesen. Auf der anderen Seite fiel das Fürstbistum Minden an Brandenburg. Etwa zur selben Zeit erbte Brandenburg mit dem Herzogtum Kleve auch die westfälischen Grafschaften Mark und Ravensberg. Minden-Ravensberg und die Grafschaft Mark gingen Anfang des 19. Jahrhunderts in der preußischen Provinz Westfalen auf. Osnabrück dagegen wurde Teil des Königreichs und der späteren preußischen Provinz Hannover. In der heutigen Bundesrepublik Deutschland, deren föderale Struktur ebenfalls ein Erbe des Westfälischen Friedens ist, gehören die beiden Kongreßstädte Münster und Osnabrück den beiden Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen an.

Das europäische Jubiläum des Westfälischen Friedens 1998 stellte die politisch Verantwortlichen nun vor die Aufgabe, beide Teile Altwestfalens angesichts einer großen Aufgabe wieder zusammenzufügen. Die Planungen sahen vor, das Jubiläum zum Anlaß zu nehmen, um einerseits die Forschung über den Westfälischen Frieden zu fördern und andererseits die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Dem ersten Ziel dienen zwei wissenschaftliche Kongresse, der Historikerkongreß, den wir heute eröffnen, und ein weiterer interdisziplinärer Kongreß 1998 an der Universität Osnabrück; als Höhepunkt des Jubiläums wird am 24. Oktober 1998 die Europaratsausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa" ihre Pforten öffnen. In bewußter Anknüpfung an den historischen Anlaß wird sie in zwei Teilen gleichzeitig in Münster und Osnabrück gezeigt.

Es ergab sich au der Sache selbst, daß das europäische Jubiläum nur von den beiden Städten und den beiden Regionen Osnabrücker Land und Westfalen gemeinsam zu realisieren war und daß zusätzlich die Unterstützung durch die beiden Bundesländer und des Bundes erforderlich war. Um alle Beteiligten in geeigneter Form einzubinden, haben deshalb die Städte Münster und Osnabrück, der Kreis Steinfurt, der Landkreis Osnabrück und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe 1994 die "Veranstaltungsgesellschaft 350 Jahre Westfälischer Friede mbH" gegründet. Die Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen und das Bundesministerium des Innern fördern das Vorhaben, indem sie zwei Drittel der veranschlagten Kosten als Zuschuß beisteuern.

Das erste Ziel der Gesellschaft war es, Mittel für den von Herrn Professor Duchhardt vorbereiteten Historikerkongreß bereitzustellen. Wir sind stolz darauf, daß uns dieser erste große Schritt auf dem Weg zum Jubiläum geglückt ist und daß ich Sie hier als Aufsichtsratsvorsitzender im Namen der fünf Gesellschafter begrüßen darf. Ihre Arbeit wird nicht nur die Forschung über den Westfälischen Frieden voranbringen, sie wird zugleich Gewähr dafür bieten, daß die Vorbereitung der Jubiläumsausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa" auf den aktuellen Stand der internationalen Forschung aufbauen kann.

Es freut mich, daß der Kongreß, der in Münster stattfindet, am Mittwoch nach Osnabrück fahren und dabei auch das Umland besuchen wird. Sie werden Haus Marck besichtigen, einen vorübergehenden Verhandlungsort des Friedenskongresses im Kreis Steinfurt, den Friedenssaal in Osnabrück besuchen und zur Schelenburg im Landkreis Osnabrück fahren. Ich wünsche Ihnen für den Kongreß viel Erfolg und hoffe, daß sie von hier schöne Eindrücke von Westfalen und dem Osnabrücker Land mitnehmen werden.

Schließlich möchte ich Ihnen, sehr verehrter Herr Professor Duchhardt, danken, daß sie die Vorbereitung und Durchführung dieses internationalen Kongresses übernommen haben. Es freut mich besonders, daß sich die Tagung mit drei Abendvorträgen auch an ein öffentliches Publikum wendet. Gerade weil der Westfälische Friede seit dem 19. Jahrhundert als Tiefpunkt der deutschen Geschichte, als "Totenschein des Reichs" galt, ist es wichtig, auch die Öffentlichkeit rechtzeitig über die Neubewertung durch die Forschung zu informieren und die Bedeutung des Westfälischen Friedens für die europäische Geschichte deutlich zu machen. Deshalb ist zu wünschen, daß alle drei öffentlichen Vorträge auf entsprechende Resonanz stoßen.

Ich bin überzeugt, daß die Auseinandersetzung mit dem Westfälischen Frieden und seiner Bedeutung für Münster, für Europa und für die Entwicklung der Toleranz, das Interesse für das Jubiläum 1998 und die Bereitschaft, zu seinem Gelingen beizutragen, stärken wird.

Um die Bedeutung des Jubiläums und insbesondere des Historikerkongresses zu würdigen, sind Sie, Herr Ministerpräsident, und Sie, sehr geehrte Frau Ministerin, aus Düsseldorf und Hannover hierher nach Münster gekommen. Ich danke Ihnen dafür, daß Sie durch Ihre persönliche Teilnahme den Rang, den das Jubiläum für die beiden Bundesländer hat, deutlich machen, und ich darf Sie nun um ein Grußwort bitten.

Dr. Manfred Scholle


QUELLE     | 350 Jahre Westfälischer Friede - Entscheidungsprozesse, Weichenstellungen und Widerhall eines europäischen Ereignisses | S. 07-09
PROJEKT    1648 - Westfälischer Friede

DATUM AUFNAHME2005-11-08
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