PERSON

(87 KB)   Pauline von Mallinckrodt (1817-1881) / Paderborn, Kongregation der Schwestern der Christlichen Liebe; Aschendorff-Verlag   Informationen zur Abbildung

Pauline von Mallinckrodt (1817-1881) / Paderborn, Kongregation der Schwestern der Christlichen Liebe; Aschendorff-Verlag
FAMILIEMallinckrodt, von
VORNAMEPauline


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1817-06-03   Suche
GEBURT ORTMinden
KONFESSIONkath.
TOD DATUM1881-04-30   Suche
TOD ORTPaderborn
TODESURSACHELungenentzündung
BEGRÄBNIS ORTPaderborn, St. Konraduskapelle


VATER Mallinckrodt, Detmar Karl von
MUTTERHartmann, Bernhardine von (gest. 1834)


BIOGRAFIEAm 21.08.1849 wurde in Paderborn auf Initiative von Pauline von Mallinckrodt die "Kongregation der Schwestern der christlichen Liebe" gegründet. Diese katholische Frauengenossenschaft hatte sich vor allem der Blindenfürsorge verschrieben. Später kam die Mädchenerziehung hinzu, wodurch gerade Frauen aus dem ländlichen Raum eine berufliche Tätigkeit ermöglicht wurde. Dem unermüdlichen Einsatz der Gründerin verdankte die Kongregation ihr rasches Anwachsen. "Menschenfreundin" und "Mutter der Blinden" wurde Pauline von Mallinckrodt genannt. Wer war diese Frau?

Pauline von Mallinckrodt entstammt einer weitverzweigten westfälischen Landadelsfamilie. Geistliche und Mönche zählen ebenso zu ihren Vorfahren wie Richter, Tuchhändler und vor allem Juristen. Pauline von Mallinckrodt wurde am 03.06.1817 in Minden geboren. Ihr Vater  Detmar Karl von Mallinckrodt war protestantischer preußischer Beamter, ihre katholische Mutter stammte aus der angesehenen Paderborner Familie Hartmann. Die Mutter bestand auf der katholischen Taufe der Tochter, obwohl die damaligen Gesetze vorschrieben, daß Kinder preußischer Beamter der Religion des Vaters anzugehören hätten.

Als Pauline sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Aachen ins katholische Rheinland. Der Vater wurde dort Regierungsvizepräsident. Zur Familie gehörten neben Pauline ihr 1819 geborener Bruder Georg, der spätere Besitzer des Gutes Böddeken bei Wewelsburg, ihr 1821 geborener Bruder  Hermann, später einer der führenden Politiker der katholischen Zentrumspartei, sowie schließlich ihre 1826 geborene Schwester Bertha, die später den Münsteraner Juristen Alfred Hüffer heiratete.

Pauline von Mallinckrodt besuchte in Aachen die katholische höhere Töchterschule St. Leonhard, anschließend ein französisches Internat. Zu ihren Lehrerinnen gehörte die Dichterin  Luise Hensel, die einen großen Eindruck auf sie und ihre Schülerinnen machte. Die. Frömmigkeit und das ausgeprägte karitative Engagement Luise Hensels beeinflußte die jungen Mädchen so stark, daß neben Pauline von Mallinckrodt auch die Aachener Fabrikantentöchter Clara Fey und Franziska. Schervier jeweils eine katholische Frauengenossenschaft gründeten; darüber hinaus traten viele Schülerinnen anderen Frauengenossenschaften bei.

In Aachen erlebte Pauline die tiefgreifenden Veränderungen der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert. Nach der Säkularisation von 1803 war die weltliche Macht der Kirche massiv beschnitten, waren die kirchlichen Besitztümer enteignet worden. Seit den 1820er Jahren hatte die katholische Kirche mit der Erneuerung des religiösen und kirchlichen Lebens begonnen. Aachen zählte neben Koblenz, Bonn, Münster und Paderborn zu den wichtigsten Zentren dieses religiösen Aufbruchs im damaligen Preußen.

Angesichts der Massenarmut in Stadt und Land beteiligte sich Pauline von Mallinckrodt, wie viele andere Frauen des katholischen Bürgertums, an der ehrenamtlichen Armenfürsorge. Dieser Einsatz konnte zunächst noch nicht zu ihrem Lebensinhalt werden. Nach dem Tod der Mutter im Jahre 1834 mußte sie sich zunächst um die jüngeren Geschwister und um den Haushalt kümmern. Dazu gehörten auch zahlreiche repräsentative Aufgaben, die sich aus der Stellung des Vaters als Regierungsvizepräsident ergaben.

In dieser Zeit schlug sie die Verbindung zu einem protestantischen Mann aus, denn bereits im Alter von 18 Jahren stand ihr Entschluß fest, Ordensschwester zu werden. Dieser Wunsch wurzelte in einer tiefen Religiosität, aber auch in dem Willen nach tätiger christlicher Nächstenliebe. Zunächst schwankte sie zwischen einem beschaulichen Dasein in einem Frauenorden und einer Verbindung von religiösem Leben und aktivem sozialen Engagement in einer Frauenkongregation. Dazu sagte sie selbst bereits 1840: "Indessen seit längerer Zeit scheint es mir, als wenn meine Individualität mehr für ein werktätiges Leben paßte."

So wie sie empfanden viele Frauen in der damaligen Zeit. Allein in Preußen wurden zwischen 1808 und 1875 insgesamt 22 neue katholische Frauengenossenschaften gegründet.

Aber noch konnte Pauline von Mallinckrodt ihren Lebensplan nicht verwirklichen. Nach der Pensionierung des Vaters 1839 zog die Familie auf das Gut Böddeken bei Wewelsburg im Hochstift Paderborn. Pauline von Mallinckrodt wurde Gutsherrin. Hier vor allem lernte sie die Sorgen und Nöte der ländlichen Bevölkerung kennen. Sie half den Menschen mit ihren medizinischen Kenntnissen, die sie in Aachen erworben hatte. Den Winter verbrachte die Familie in ihrem Paderborner Haus in der Nähe der Busdorfkirche.

Hier begann Pauline mit ihrer karitativen Arbeit, der sie sich nach dem Tod des Vaters 1842 und der Auflösung des elterlichen Hauses in vollem Umfang widmete. Auf zahlreichen Reisen, insbesondere nach Frankreich und Belgien, hatte sie sich umfassend über die kirchliche und weltliche Armen- und Krankenfürsorge sowie über das Erziehungswesen informiert. Sie besichtigte viele Schulen und karitative Einrichtungen. Darüber hinaus stand sie in ständigem Kontakt mit Ordensschwestern und sozialreformerisch orientierten Priestern.

Diese Kenntnisse setzte Pauline von Mallinckrodt in Paderborn in die Tat um. Sie gründete einen Frauenverein zur Pflege armer Kinder, und sie eröffnete eine Kleinkinderbewahranstalt. 1842 nahm sie die ersten blinden Kinder in ihre Obhut, erlernte selbst die Blindenschrift und sorgte für die schulische Ausbildung ihrer Schützlinge. Im Jahr 1847 wurde nach ihren Ideen die Provinzial-Blindenanstalt in Paderborn eröffnet. Noch heute befindet sich diese Einrichtung an ihrem damaligen Standort in der Nähe des Kassler Tores.

Trotz dieses Erfolges suchte die gerade dreißigjährige Frau weiter nach einer Verbindung zwischen ihren karitativen Tätigkeiten und ihrer tiefen Religiosität. Schließlich reifte in ihr der Gedanke, selbst eine religiöse Frauengenossenschaft zu gründen. Pauline verfaßte Statuten und legte darin als Ziel die Pflege und Erziehung armer Kinder fest. Sie holte die Erlaubnis des Bischofs und des preußischen Staates ein. Im August 1849 war es endlich soweit: Zusammen mit vier Freundinnen ließ sich Pauline von Mallinckrodt vom Paderborner Bischof als Ordensschwester einkleiden.

Im Mittelpunkt der Arbeit der "Schwestern der christlichen Liebe" - im Volksmund auch "Liebesschwestern" genannt - stand zwar die Blindenfürsorge, doch rasch kamen andere Aufgaben hinzu. Dazu gehörten in begrenztem Umfang Armen- und Krankenpflege, vor allem aber die Mädchenerziehung. Im Jahr 1871, 22 Jahre nach der Gründung, unterhielten die Schwestern bereits zwölf Volksschulen für Mädchen, acht höhere Töchterschulen sowie vier Waisenhäuser mit eigenen Schulen vor allem in Westfalen und im Rheinland.

Pauline war Generaloberin der Kongregation. Sie kümmerte sich intensiv um die einzelnen Niederlassungen, schrieb Briefe an die Schwestern und organisierte die Arbeit. Von besonderer Wichtigkeit für den Erfolg war die Ausbildung der Schwestern. Damals standen nur sehr wenige staatliche Ausbildungsstätten für Lehrerinnen zur Verfügung. So wurden die Schwestern im Paderborner Mutterhaus ausgebildet, anschließend legten sie in Münster das staatliche Lehrerinnenexamen ab. Auf diese Weise eröffnete Pauline von Mallinckrodt vielen jungen Frauen vor allem aus dem ländlichen Raum eine Chance zur Berufsausbildung und -Ausübung, zu der sie im weltlichen Leben kaum eine Chance gehabt hätten.

Das Wachstum der Kongregation wurde durch den Kulturkampf in Preußen zu Beginn der 1870er Jahre jäh gestoppt. In dieser Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche suchte der preußische Staat den Einfluß der katholischen Kirche auf das gesellschaftliche Leben zu begrenzen. Dazu wurden zahlreiche Gesetze erlassen. Das Ordensgesetz von 1875 beispielsweise verbot alle katholischen Orden und Kongregationen mit Ausnahme solcher Genossenschaften, die sich ausschließlich der Krankenpflege widmeten.

Auch die "Schwestern der christlichen Liebe" mußten mit einem Verbot rechnen. Pauline von Mallinckrodt unternahm alles, um dies zu verhindern, doch ohne Erfolg: 1877 wurde das Paderborner Mutterhaus von Staats wegen aufgelöst. Nur die kranken Schwestern durften bleiben, alle übrigen Schwestern mußten Preußen verlassen. Sie siedelten nach Belgien über, wo Pauline von Mallinckrodt in dem Örtchen Mont St. Guibert ein Haus gekauft hatte.

Durch Kontakte nach Chile und in die USA erreichte die Generaloberin, daß zahlreiche Schwestern dort ihre in Preußen verbotene Arbeit fortsetzen konnten. Pauline selbst reiste eigens in diese Länder, um den Aufbau von Niederlassungen zu organisieren. Auf diese Weise konnte sie den Erhalt ihres Lebenswerkes außerhalb Preußens erreichen.

1880 kehrte sie nach zahlreichen Reisen und gesundheitlich stark angegriffen nach Paderborn zurück. Erst sieben Jahre später wurde der Sitz des Mutterhauses wieder hierher verlegt. Doch dies sollte Pauline von Mallinckrodt nicht mehr erleben. Am 30.04.1881 starb sie nach kurzer Krankheit im Alter von 63 Jahren in Paderborn.

Zu diesem Zeitpunkt gehörten zu der von ihr gegründeten Frauenkongregation 402 Schwestern, die in 42 Häusern, davon 23 in den USA und 8 in Chile, zahllose Blinde und Kranke betreuten. Pauline von Mallinckrodt hat wie viele oft in Vergessenheit geratene Frauen einen erheblichen Anteil an der Erneuerung des religiösen Leben der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert. Noch heute arbeiten in Paderborn die "Schwestern der christlichen Liebe" im Sinne ihrer Gründerin in der Blindenfürsorge.

Relinde Meiwes

QUELLE  Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 72-74
PROJEKT  Lebensbilder westfälischer Frauen
AUFNAHMEDATUM2004-09-09


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QUELLE    Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 72-74
  Schulte, Wilhelm | Westfälische Köpfe | S. 191
   | Biographien bedeutender Dortmunder | S. 141-144
  Schütte, Friedrich | Westfalen in Amerika | S. 092-107

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Zeit3.7   1800-1849
3.8   1850-1899
Ort2.7.8   Paderborn, Stadt
Sachgebiet6.8.8   Frauen
8.4   Sozialfürsorge, Fürsorgeeinrichtungen
16.6.3   Geistliche, Rabbiner, Ordensleute
16.6.5   Domkapitel / Klöster / Stifte, Klosterleben
DATUM AUFNAHME2003-08-22
DATUM ÄNDERUNG2010-09-20
AUFRUFE GESAMT7220
AUFRUFE IM MONAT29