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(201 KB)   Schmiesing-Kerssenbrock, Maria und Julia: Zeichnung der Anna Katharina Emmerick nach Angaben einer engen Freundin, um 1860 / Dülmen, Stadtarchiv   Informationen zur Abbildung

Schmiesing-Kerssenbrock, Maria und Julia: Zeichnung der Anna Katharina Emmerick nach Angaben einer engen Freundin, um 1860 / Dülmen, Stadtarchiv
FAMILIEEmmerick
VORNAMEAnna Katharina


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1774   Suche
GEBURT ORTBsch. Flamschen bei Coesfeld
TAUFE DATUM1774-09-08
KONFESSIONkath.
TOD DATUM1824-02-09   Suche
TOD ORTDülmen


VATEREmmerick, Bernd
MUTTERHillers, Anna


BIOGRAFIEAn Anna Katharina Emmerick schieden sich schon zu ihren Lebzeiten die Geister. Die Augustinernonne, Tochter armer Köttersleute aus Coesfeld, war ihren zeitgenössischen Verehrern ein frommes Vorbild, eine gottbegnadete, leidende Prophetin, ja eine Heilige. Ihren Kritikern hingegen war sie ein Ärgernis, eine betrügerische Schwärmerin, die sich über Gebühr aufspiele und die wundergläubigen Menschen ihrer Umgebung zum Narren halte.

Vergessen ist sie bis heute nicht. Zahlreiche Pilger suchen Jahr für Jahr die Stätten ihres Lebens in Coesfeld und Dülmen auf. Als "Mystikerin des Münsterlandes" wird sie im In- und Ausland verehrt - eine Verehrung freilich, in die sich nicht selten Wundersucht und Sensationslust, Kitsch und Schwärmerei mischen.

Über kaum eine Frau ist soviel gerätselt, soviel geschrieben worden wie über Anna Katharina Emmerick. Akten und Bücher über die "Seherin von Dülmen" füllen ganze Bibliotheken. Doch merkwürdig genug: Sämtliche Zeugnisse über ihr Leben stammen aus zweiter Hand. Die Berichte sind mehr oder minder stark eingefärbt von den jeweiligen Interessen der Zeitgenossen, die sie verehrend oder gar wundersüchtig, mißtrauisch oder ablehnend, jedenfalls aber voreingenommen beobachteten. Wer war diese Frau, die soviel Aufsehen erregte?

Anna Katharina Emmerick wurde im September 1774 als fünftes Kind der Bauersleute Bernd und Anna Emmerick geb. Hillers geboren. Ihr genaues Geburtsdatum ist unbekannt, ihre Taufe ist unter dem 08.09.1774 im Kirchenbuch eingetragen.

"Neben Spiel und Arbeit", so heißt es in einer Lebensbeschreibung über ihre Kindheit, "pflegte sie schon früh eine selbständige Frömmigkeit, in der sie das biblische Heilsgeschehen eigenartig bildhaft wie eine Augenzeugin erlebte."

Als Magd arbeitete sie auf einem größeren Hof ihrer Verwandten, absolvierte dann drei Lehrjahre als Näherin, ehe sie durch die Bauerschaften zog, um als Wandernäherin ihren Unterhalt zu verdienen. Ursprünglich wollte sie in ein Kloster eintreten, war damit jedoch auf den Widerstand ihrer Eltern gestoßen. Ihr Vater, so erinnert sich Anna Katharina Emmerick später, habe ihr gesagt: "Wenn Du dich morgen willst begraben lassen, so will ich die Begräbniskosten bezahlen, aber um ins Kloster zu gehen, gebe ich dir nichts!" Auch ihre Mutter habe gewarnt, das Klosterleben habe "etwas höchst Beschwerliches", und ein armes Bauernmädchen wie sie würde verachtet und verstoßen werden.

Diese Warnung sollte sich bewahrheiten, als Anna Katharina Emmerick 1802 in das Dülmener Augustinerinnenkloster Agnetenberg eintrat. Das Leben innerhalb der Klostermauern entsprach kaum ihren hochgesteckten frommen Erwartungen.

Durch ein Edikt Napoleons wurde das Kloster 1811 aufgehoben. Als letzte Nonne des Konvents verließ Anna Katharina Emmerick das Kloster; der in Dülmen lebende Klosterseelsorger Abbé Lambert nahm die mittellose und kränkliche Frau als Haushälterin bei sich auf. Als "Jungfer Emmerick", als "Annthrienken", wie die Leute sie nannten, lebte sie hier in ärmlichen Verhältnissen.

Weithin bekannt wurde sie erst, als sich seit dem Sommer 1812 an ihren Händen und Füßen und um ihren Kopf blutende Wunden zeigten, die nicht abheilten. Im März 1813 wurde dies in Dülmen bekannt. In Windeseile verbreitete sich das Gerücht im Dorf, "Jungfer Emmerick" trage die Wundmale Jesu an ihrem Leibe. Als Dorfbewohner ihrem Pfarrer Rensing davon berichteten, meinte er, daß sei eine "unbedeutende Nonnerei". Der skeptische Geistliche änderte sein Urteil, nachdem er sie mehrfach aufgesucht und mit ihr gesprochen hatte: "Ihre Religionsbegriffe sind so weit von religiöser Schwärmerei entfernt, daß jeder, der ihre Erziehung und Bildung kennt, nicht genug bewundern kann, wie sie zu so reinen Begriffen gekommen ist."

Ihre Wundmale erregten Aufsehen im Land, vor allem bei der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit. Anna Katharina Emmerick selbst blieb ausgesprochen nüchtern gegenüber den Wundmalen, die sie anfangs zu verbergen und zu verschweigen gesucht hatte. Als  Bernhard Overberg, der Schulreformer und Leiter des Münsteraner Priesterseminars sie aufsuchte, erklärt sie ihm, sie habe nie um die Wunden gebetet; und  Overberg berichtet weiter: "Daß Gott ihr diese äußeren Male gegeben, darüber hätte sie sich mehrmals gegen Gott beklagt, hätte aber keinen Trost erhalten."

Kurz nach Bekanntwerden des "Dülmener Wunders" ordnete der Generalvikar von Münster,  Clemens August Droste zu Vischering, eine kirchliche Untersuchung an. Zurückhaltend erklärte er: Er habe nur zu untersuchen, ob hier Betrug vorliege oder nicht; ob es sich bei den Phänomenen um etwas Natürliches oder etwas Übernatürliches handele, habe er nicht zu erforschen. In diesem Sinne schließt wenige Wochen später der kirchliche Untersuchungsbericht: "Die Wunden bluten von selber, ohne menschliches Zutun, und die Stigmatisierte lebt in beinahe völliger Nahrungslosigkeit."

Der Vorwurf des Betruges war damit nicht aus der Welt. Weit über das Münsterland hinaus wurde in der Öffentlichkeit über den "Fall Emmerick" gestritten. Im Sommer 1819 beraumte auch die preußische Regierung eine Untersuchung an. Vier Wochen lang wurde Anna Katharina Emmerick von ihrer Umwelt abgeschottet und strengstens bewacht. Die Nonne erkrankte darunter schwer. Nach vier Wochen ließ der Coesfelder Landrat  von Bönninghausen die Untersuchung abbrechen. Das Ergebnis fiel nicht anders aus als die kirchliche Untersuchung.

Unterdessen reisten Besucher von nah und fern nach Dülmen. Das Lager der kränklichen Nonne wurde zum Pilgerort für neugierige und sensationslüsterne, für unbekannte und berühmte Zeitgenossen. Hochrangige kirchliche Persönlichkeiten fanden sich am Krankenbett ebenso ein wie zahlreiche Schriftsteller.

Auch der romantische Dichter Clemens von Brentano machte sich auf den Weg ins Münsterland. Ursprünglich beabsichtigte er, nur einige Wochen in Dülmen zu bleiben - er blieb fünfeinhalb Jahre, bis zum Tod Anna Katharina Emmericks am 09.02.1824. Dem Dichter vertraute sie ihre religiösen Gesichte an, Visionen vor allem über biblische Begebenheiten. Den ständigen Gedankenaustausch mit der Nonne hielt Brentano, tief beeindruckt und fasziniert, in einem Tagebuch auf insgesamt rund 14.000 Seiten fest.

1833, neun Jahre nach ihrem Tod, veröffentlichte er daraus einen dichterisch ausgeschmückten Auszug unter dem Titel "Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi. Nach den Betrachtungen der gottseligen A. K. Emmerick". Zwei weitere Teile wurden erst nach dem Tod Brentanos veröffentlicht; diese Werke fanden als katholische Erbauungsliteratur rasch einen großen Leserkreis. Bis heute ist umstritten, inwieweit der schwärmerisch-romantische Brentano die Aussagen der Nonne verläßlich wiedergegeben hat.

Über die Wunderberichte und Visionen gerieten freilich andere Züge der Augustinernonne ins Hintertreffen. Nur wenige wissen beispielsweise um ihre durchaus kritische Sicht von Kirche und Christentum ihrer Zeit. "Es ist eine traurige Sache", so äußerte sie beispielsweise, "daß das Christentum bei dem großen Haufen zum Schattenbild geworden ist. Glauben Sie mir, die Heiden und Türken, ja die Wilden, welche an Gott glauben und nach Naturgesetzen oder nach ihren beigebrachten Begriffen tugendhaft leben, stehen besser vor Gott dem Herrn als wir. Wir haben die Gnade und achten sie nicht."

Unvoreingenommen äußerte sie sich auch über ihre eigenen mystischreligiösen Visionen: "Ich habe den Dienst des Nächsten immer für die höchste Tugend gehalten. Gesichte machen niemand selig. Man muß Liebe und Geduld und die anderen Tugenden üben." Und an anderer Stelle meinte die fromme Frau sogar: "Die wahre Religion besteht nicht in vielem Beten, sondern in Erfüllung seiner Pflicht." Aus dieser Sicht bemerkte sie zur kirchlichen Ablaßpraxis, das Gewinnen von Ablässen sei "nichts ohne gute Werke".

Diese und ähnliche Äußerungen sind bis heute, anders als ihre Stigmatisierungen, kaum bekannt. Vor wenigen Jahren erst bemerkte der Münsteraner Theologe Peter Hünermann, das Bild der Anna Katharina Emmerick erscheine heute, aus einem Abstand von rund 150 Jahren, "korrekturbedürftig".

QUELLE  Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 51f.
PROJEKT  Lebensbilder westfälischer Frauen
AUFNAHMEDATUM2003-08-07


PERSON IM INTERNET  Website "Anna Katharina Emmerick"
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Zeit3.6   1750-1799
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16.6.5   Domkapitel / Klöster / Stifte, Klosterleben
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DATUM ÄNDERUNG2010-04-08
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