PERSON

FAMILIEHarkort
VORNAMELouisa Catharina
BERUF / FUNKTIONUnternehmerin


VERWEISUNGSFORMgeb. Märcker
GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1718-10-02   Suche
GEBURT ORTHattingen
EHEPARTNER1748 Johann Caspar Harkort (1716-1761)
TOD DATUM1795-03-15   Suche
TOD ORTHagen, Landgut Harkort


VATERMärcker, Johann Christoph


BIOGRAFIE"Es ist mir unmöglich, die Empfindungen des Jammers und der Schmerzen zu erklären, welche den 10ten Februarius des Abends um 9 Uhr meine Seele und mein Haus erfüllet haben. Die allerheiligste Vorsehung riß mir und meinen fünf unmündigen Kindern den Herrn Johan Caspar Harkort, diesen besten Ehegatten und zärtlichsten Vater, in dem 45sten Jahr seines Lebens und in dem 13ten unserer zufriedenen Ehe nach einer langwierigen Schwachheit durch den Tod von der Seite."

Mit diesen Sätzen gab Louisa Catharina Harkort im Februar 1761 den Tod ihres Mannes, des Hagener Gutsbesitzers und Unternehmers, bekannt. Sein Tod war ein schwerer Schlag für die 43jährige Frau. Allein stand sie nun da, völlig auf sich gestellt, mit fünf unmündigen Kindern, von denen das jüngste zwei Jahre, das älteste gerade sieben Jahre alt war.

Auch das Gut Harkort, auf dem sie mit ihrer Familie lebte, hatte sie nun allein zu verwalten. Das Gut, unweit von Hagen im Ennepetal gelegen, war mit seinem umfangreichen Besitz an Äckern, Wiesen und Wäldern eines der größten Landgüter weit und breit.

Dies zusammengenommen hätte schon die ganze Arbeitskraft der Witwe erfordert. Doch damit nicht genug: Sie war nun auch allein verantwortlich für das Handelsunternehmen Harkort, das weit über Hagen hinaus bekannt und geschätzt war.

Die großbäuerlichen Vorfahren ihres Mannes hatten die Handlung in den Jahrzehnten zuvor aufgebaut. Die Geschäftsverbindungen reichten bis nach Elberfeld, Wesel und Lübeck, wo die Harkorts schon früh eine eigene Geschäftsniederlassung gegründet hatten. Gehandelt wurde mit Fleisch und Getreide aus der westfälischen Landwirtschaft, mit Eisen- und Stahlwaren wie Sägen, Nägel oder Draht aus den Schmieden im märkischen und bergischen Land. Vor allem aber handelten die Harkorts mit Sensen.

Mehrere Schmiede im Hagener Umland, die nebenbei als kleine Kötter von der Landwirtschaft lebten, standen bei ihnen unter Vertrag. Die Harkorts lieferten das Roheisen, streckten auch den Lohn vor, und erhielten von den Hammerschmieden die Sensen, die sie dann in den ganzen norddeutschen Raum hinein vertrieben und sogar an der Ostseeküste entlang bis ins Baltikum absetzten.

Daß sie selbst einmal dieses Geschäft betreiben und das Gut verwalten sollte, hätte sich die verwitwete Frau nie träumen lassen. Geboren im Jahr 1718, stammte sie aus einer Familie, die mit Landwirtschaft, Schmieden und Sensenhandel nichts zu tun hatte. Ihr Vater, Johann Christoph Märcker aus Hattingen, war Arzt in Essen, ihre Mutter stammte von einem Gut bei Wetter. Andere Verwandte waren Juristen bei der preußischen Regierung. .Die "Märckerin", so wurde Louisa Catharina nach ihrem Geburtsnamen genannt, hatte eine großbürgerliche Erziehung genossen.

1748 hatte sie Johann Caspar Harkort geheiratet, den Haupterben des wohlhabenden Unternehmens. Acht Kinder hatte sie zur Welt gebracht, von denen drei schon früh verstarben. Ein gutes dutzend Jahre hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann auf Gut Harkort gelebt. In dieser Zeit, so scheint es, eignete sich die "Märckerin" jene unternehmerischen Fähigkeiten an, die sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes brauchte und zu gebrauchen wußte.

Als sie das Erbe antrat, herrschte Krieg im Land - der Siebenjährige Krieg. Französische Truppen zogen durch das märkische Land, beschlagnahmten Waren, erhoben besondere Abgaben und quartierten sich auf Höfen, Gütern und in städtischen Haushalten ein. Die "Märckerin" ließ ihre familiären Beziehungen spielen. Schon im Oktober 1761, also acht Monate nach dem Tode ihres Mannes, hatte sie den Schutzbrief eines französischen Marschalls erwirkt; darin untersagte er seinen Soldaten bei Todesstrafe, das "Chateau de Harikort" zu plündern oder "Schaden anzurichten in den Gärten, Obsthöfen, am Vieh, an den Möbeln und Gegenständen in den Nebengebäuden".

Mit diesem Papier in Händen konnte das Gut ungehindert weiter bewirtschaftet werden. Auch den Handel mit Sensen und anderen Eisenwaren führte die "Märckerin" nahezu ungestört fort. Die Geschäfte liefen gut. Kurz nach Kriegsende konnte sie von einer Verwandten das Gut Schede in Wetter vollständig erwerben, nachdem ihr Mann schon zehn Jahre zuvor einen Teil des Gutes angekauft hatte.

Nach dem Ende des Krieges 1763 blieben die Sensen die wichtigsten Handelsprodukte des Harkort-Unternehmens. Doch der Handel brachte sie bisweilen an den Rand der Verzweiflung. Ihrem Freund Hülsenbeck in Rostock schrieb sie beispielsweise im Frühjahr 1770. "Um des Himmels willen, wo will es dann endlich hinaus? Nicht genug, daß man eine Zeitlang fast ganz ohne Verdienst Handel treiben mußte. Man weiß dazu nicht, wem länger zu trauen ist, und muß immer in Furcht leben, alles zu verlieren. Gott wolle es bald ändern, sonst gehen hiesige Fabriken gänzlich zugrunde. Wie ist es denn in aller Welt möglich, (in Rostock) einen Bund Sensen für 3 Taler 36 Stüber zu verkaufen, nachdem sie bis Lübeck schon 3 Taler 31 Stüber kosten, und hinzu käme noch die Fracht von Lübeck bis Rostock? Sollten solche Menschen nicht würdige Kandidaten fürs Tollhaus sein?"

Das Geschäft der Harkort wurde überdies durch wachsende Konkurrenz gefährdet. Zwar waren die Sensen aus den märkischen Hammerschmieden bei den Bauern Westfalens und Norddeutschlands durchaus beliebt. Insgeheim mußte die "Märckerin" allerdings zugestehen, daß in der österreichischen Steiermark bessere Sensen geschmiedet wurden. Die Steiermärker Sensen waren aus Stahl gefertigt, sie waren robuster, dünner und leichter als die schweren westfälischen Eisensensen.

Kurzentschlossen besorgte sich Louisa Catharina Harkort einige Mustersensen aus der Steiermark. Auch forderte sie den besten Stahl an, der zu bekommen war. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es ihren Schmieden, Sensen zu produzieren, die "im Schneiden besser als alle jemals gehabten" waren, so die Unternehmerin. 1774 ließ sie auf dem Gut Harkorten einen neuen wassergetriebenen Schmiede-Hammer errichten. An zwei Feuern fertigten hier sechs Arbeiter jährlich 8000 Sensen der teureren"Steiermärker Qualität", darüber hinaus noch weitere 3600 märkische Sensen.

Die "Steiermärker Sensen" aus den Harkortschen Hammerschmieden verkauften sich bestens, und das nicht nur in Westfalen und Norddeutschland. Im Juni 1775 beispielsweise lieferte die "Märckerin" 1300 Stück nach.. St. Petersburg.

Unter der klugen und berechnenden Hand der Witwe Harkort blühte das Unternehmen auf. Um 1780 betrieb sie auf Gut Harkorten und in der ländlichen Umgegend vier Hammerwerke, in denen je nach Bedarf und Profitaussichten Rohstahl oder Stabeisen hergestellt wurde.

Weitere fünf Sensenhämmer schmiedeten aus dem Material die Sensen mit dem geschätzten Harkort-Stempel. 31 Arbeiter produzierten jährlich 65 t Eisen, 50 t Stahl und rund 21000 Sensen im Wert von 8 000 Reichstalern. Von einer der Harkort-Hammerschmieden ist überliefert, daß sie bei Lohn- und Selbstkosten von jährlich rund 400 Reichstalern etwa die gleiche Summe als Gewinn abwarf.

1780 sicherte die Witwe die Nachfolge des Familien-Unternehmens. Mit ihren beiden Söhnen, dem 26jährigen Johan Caspar und dem 24jährigen Peter Nicolaus, schloß sie einen Partnerschaftsvertrag. Louisa Catharina Harkort blieb zu einem Drittel an der "Compagnie-Handlung" beteiligt; für sich beanspruchte sie unter anderem die Einkünfte aus den Gütern und Grundstücken. Außerdem behielt sie sich vor, jederzeit in die Geschäftsbücher einsehen und in allen Vorgängen mitentscheiden zu dürfen.

Davon machte sie in den folgenden Jahren Gebrauch. Als beispielsweise die Ruhr schiffbar gemacht wurde, zögerte sie nicht lange und erwarb 1783 ein stattliches Schiff mit drei Mann Besatzung. Ruhraufwärts transportierte dieses Schiff Roheisen aus Koblenzer und Neuwieder Eisenhütten bis nach Herdecke; dort wurde das Roheisen auf Frachtwagen verladen und in die Harkortschen Hammerschmieden gebracht. Ruhrabwärts wurde das Harkort-Schiff mit Eisenwaren, aber auch mit Getreide oder Tuchwaren beladen.

Der Transport über die Ruhr war nicht nur schneller als der Landweg - die Unternehmerin umging damit auch die bis dahin fälligen hohen Landzölle. Stattdessen freilich gab es nicht selten Ärger mit den Schiffsleuten. Dem Schiffer Caspar in Hittorf beispielsweise, den sie für ein Jahr in Dienst gestellt hatte, schrieb sie um 1785 in einem Brief "Mein werter Herr Caspar! An den Unkosten muß gesparet werden, sonst wird mir die Wasserfahrt leid. Ich bemerke ungern, daß ich das Ein- und Ausladen noch bezahlen soll und die Schiffer nur müßige Zuschauer dabei sein sollen! Sodann soll ich auch Armengeld, Zollknechts-Geld und wer weiß wie viele Sachen noch bezahlen. Lieber Herr Caspar! Wir können uns beiderseits entbehren - aber auch nützlich sein. Lassen Sie uns doch im Einverständnis bleiben. Ich gönne Ihnen zwar Ihren Nutzen und habe Ihnen ja die 6 Stüber, so die Schiffer in Cöln nach Wiesdorf geben müssen, zugekehrt, und das sind ja auch 8 Talker auf ihr Schiffvoll. Lassen Sie mir nun auch einen kleinen Vorteil, der mir gebühret für meine viele Mühe, die ich mit dieser Sache habe."

Ein gutes Dutzend Jahre noch hielt die Unternehmerin das Heft in Händen. Als Louisa Catharina Harkort am 15. März 1795 auf dem Landgut nahe Hagen starb, hinterließ sie ihren Söhnen und Töchtern eine blühende "Compagnie-Handlung".

Das Firmenarchiv des Unternehmens Harkort, und damit auch die Unterlagen aus der Zeit der "Märckerin", ist nahezu vollständig erhalten und neuerdings archivalisch erschlossen, bislang jedoch nicht wissenschaftlich ausgewertet. Eine erste, ergänzungsbedürftige Darstellung der Unternehmengeschichte, verfaßt von Ellen Soeding, erschien 1957. Aus den von ihr veröffentlichten Dokumenten, aus den spärlichen statistischen Angaben und den zitierten Briefen geht freilich die wohl bedeutendste Leistung der Louisa Catharina Harkort bereits hervor: Die Unternehmerin hat es nicht dabei belassen, das Erbe ihres Mannes lediglich zu verwalten. Vielmehr gelang es der Witwe Harkort, mit Tatkraft, Geschick und einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein den Bestand des Handelsunternehmens zu sichern und den Wohlstand des Harkort-Clans zu vermehren.

QUELLE  Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 39-41
PROJEKT  Lebensbilder westfälischer Frauen
AUFNAHMEDATUM2003-08-05


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QUELLE    Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 39-41
  Ellerbrock, Karl-Peter / Bessler-Worbs, Tanja | Industriepioniere, Wirtschaftsbürger und Manager | S. 057-061

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Zeit3.5   1700-1749
3.6   1750-1799
Ort1.3.4   Hattingen, Stadt
1.4   Hagen, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet10.6.1   Unternehmen, Unternehmer
DATUM AUFNAHME2003-08-05
DATUM ÄNDERUNG2014-09-22
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