TEXT

TITEL1648: Krieg und Frieden in Europa


ORTMünster
JAHR1998


ONLINE-TEXTKühlmann, Wilhelm: Krieg und Frieden in der Literatur des 17. Jahrhunderts
SEITEBd. 2, S. 329-337


TEXT

I. "Straf nu die Tyranney ..." - Politische Poesie zwischen Protest, Panegyrik und Melancholie



Nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag war aus dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. der bemitleidete oder hämisch verspottete "Winterkönig" geworden. Auf Heidelberg, die geistige Hauptstadt des deutschen Calvinismus und der antikatholischen Allianz, marschierten die Truppen der Liga zu, flankiert von den Spaniern auf der linken Rheinseite. Julius Wilhelm Zincgref (1591-1635), Dichter, Publizist und pfälzischer Beamter, sah sich und die Stadt im Februar 1621 auf allen Seiten "von Blitzen erschreckt". [1] Bald darauf berichteten Briefe wie die des Professors Konrad Schoppius über die vergebliche Hoffnung und das traurige Schicksal der Belagerten, als Tillys Truppen das verzagte Häuflein der Verteidiger überwanden: "Zerstoben ist die Universität, so daß du kaum Überreste sehen kannst." [2] Der junge Schlesier Martin Opitz (1597-1639), später als "Vater der deutschen Dichtung" gerühmt, war schon vorher aus Heidelberg in die Niederlande ausgewichen. In der Pfalz wie später in Schlesien oder Sachsen zerstreute sich der Kreis jener jungen Gelehrten, die Programm und Praxis der neuen deutschsprachigen Poesie verkörperten. Opitz' Weg führte bis nach Siebenbürgen, Paul Fleming (1609-1640) hatte das Glück, dem Unheil zeitweise auf einer Gesandtschaftsreise bis nach Persien aus dem Wege gehen zu können, Andreas Gryphius (1616-1664) rettete sich ins feste Danzig und studierte dann in Leiden. Grimmelshausen (ca. 1622-1676), schon als Kind in den Kriegsstrudel gezogen, arbeitete sich auf der Ochsentour des Soldaten hoch. Erst später, aus der Distanz von mehr als zwanzig Jahren, verwob er Erlebtes in die fiktive Autobiographie seines "Simplicissimus".

Opitz' flammendes Gebet, Gott solle die Spanier "vom Rheinstrom treiben"(1620) [3], blieb eine wirkungslose Stimme im militärischen Desaster. Manche Texte der protestantischen Patrioten mußten einstweilen in der Schublade verschwinden, und Tod wie Emigration dezimierten die Zahl derer, auf die eine "deutsche Muse" hätte zählen können. Zincgref konnte sich wie andere Pfälzer, wie später auch manche Badener oder Württemberger nach Straßburg zurückziehen, fiel jedoch am Ende in die Hand von Marodeuren, die ihm tödliche Wunden beibrachten. Es war der Vormärzdichter Ferdinand Freiligrath (1810-1876), der 1843 in einer poetischen Vision auf dem Friedhof von St. Goar in Zincgref den wahlverwandten Streiter für deutsche "Freiheit" wiederauferstehen ließ: [4]
"Ich war in meinen Tagen
Ein Dichter, weitgenannt;
Ich habe frisch geschlagen
Die Leier durch das Land.
In wüsten Kriegesläuften
Mut singend stand ich da,
Ach, in der blutersäuften.

Auch die Biographie Georg Rudolf Weckherlins (1584-1653) verlief durchaus exzentrisch. Als diplomatischer Vertreter des Protestantismus ließ er sich 1630 in London einbürgern und brachte es bis zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt: ein Dichter deutscher Zunge als Amtsvorgänger des großen John Milton. Erst in den Amsterdamer Werkausgaben von 1641 und 1648 ließ sich das ganze Spektrum seiner Versdichtungen studieren, darunter ein Zyklus "Heroischer" Sonette und anderer Gedichte. [5] Er wurde eingeleitet von Versen, die unter dem markanten Titel "An das Teutschland" die Hoffnung des protestantischen Patriotismus jenseits aller Reichsromantik nur noch am Glaubenseifer einiger Fürsten festmachen konnten. Gewissensfreiheit verschmilzt hier mit der Parole fürstlicher Libertät, und alle aufkommende Skepsis wird noch entkräftet von den Kategorien einer klaren Front zwischen Tyrannei und Unterdrückung: [6]
"Zerbrich das schwere Joch / darunder du gebunden /
O Teutschland / wach doch auff / faß wider einen muht /
Gebrauch dein altes hertz / vnd widersteh der wuht /
Die dich / vnd die freyheit durch dich selbs überwunden."


Weckherlin benutzte die damals in Deutschland brandneue Form des Sonetts, um eine dichterische Heldengalerie protestantischer Kämpfer zu entwerfen. In den Mittelpunkt rückt selbstverständlich Gustav Adolf von Schweden. Im hohen Ton der antikisierenden Panegyrik wird er, "der Teutschen Freyheit hertz", göttergleich an den Sternenhimmel versetzt. Ob freilich das folgende Preisgedicht auf Richelieu ("Frankreich, dein ist der Sieg ...") gerade am Oberrhein überall Beifall gefunden hätte, ist zu bezweifeln. Selbst "altdeutsch" und lutherisch gesinnte Patrioten wie der Satiriker Johann Michael Moscherosch (1601-1669) bewunderten zwar die französische Kulturpolitik und die in deutschen Augen ganz ungewohnte Machtentfaltung einer höfisch zentralisierten Staatsnation [7]; wie man sich aber zu den französischen Expansionsgelüsten zu stellen habe, blieb im Straßburger Rat und im Umkreis politisch sensibler Akademiker höchst umstritten. Das Ja zu Frankreichs Hilfe gegen gewaltsame Rekatholisierungsversuche vertrug sich mit deutlicher Abwehr französisierender Alamode-Kultur.

Auch am Oberrhein sammelte sich schließlich in der sogenannten "Aufrichtigen Tannengesellschaft" eine kleine Gruppe junger Literaten, die es den großen Literatursozietäten, namentlich der "Fruchtbringenden Gesellschaft", gleichtun wollte. Während sich in die Reichsstadt Straßburg nach der Schlacht bei Nördlingen (1634) Flüchtlingswellen ergossen, wurden hier die Visionen vergangener Reichsherrlichkeit reaktiviert - nicht ungebrochen, aber doch getragen von einer Empörung, die den Krieg als verdiente Gottesstrafe und als Entmächtigung des längst "undeutschen" Deutschlands beklagten. Rompler von Löwenhalt (1605-ca. 1676) griff in seinem leidenschaftlichen Appell an "Das Rasend Teutschland" (1634) über höfische Stilkonventionen zurück auf die derbe Bildersprache der Reformationszeit: [8]
"Nun zeigt der Himmel recht / wie wohl ihm dein Vergaffen
In Eitelkeit / behagt. Gelt-gelt! Sie ziehen dir
Die Narrenkappen ab / und gerben dir darfür
Das Leder also bloß! Da liegst du ganz beraubet /
Und ist dir freilich wohl das Aufsatz-Haar [die Perücke] bestaubet.
Mit Füssen tritt man dich auf deinem eignen Mist /
Darauf doch jeder Hahn sonst Herr und Meister ist."

Bei allen Wendungen des politisch-militärischen Kräfteringens blieb die literarisch-publizistische Öffentlichkeit beherrscht von den Stimmen der Protestanten. Sie dominierten im überwiegend städtischen Druckgewerbe, ein Vorteil, dessen Spuren sich bis in die spätere liberale Geschichtsschreibung hinein verfolgen läßt. Mußte sich der "Winterkönig" immerhin noch die Häme manch reichstreuer Lutheraner gefallen lassen, erregte die Eroberung Magdeburgs durch Tilly (1631) einen fast einhelligen Sturm der Entrüstung, der sich in zahlreichen Flugblättern und Flugschriften, darin eingeschlossen zunächst aufmunternde, dann wütende Liedpropaganda, seine Bahn brach. [9] Aus Tilly, dem bärbeißigen, persönlich wohl eher integren katholischen Feldherrn, wurde ein Feindbild aufgebaut, das die verhängnisvollen Fehleinschätzungen der Magdeburger - des Rats, der Prediger, vor allem des Stadtkommandanten - verschwieg. Manchmal schwangen in der publizistischen Kampagne, die sich an den Greuelbildern der geplünderten und verbrannten Elbmetropole entzündete, noch Erinnerungen an den hochgerühmten Widerstand mit, den die von Exekutionstruppen des Kaisers belagerte Stadt am Ende des Schmalkaldischen Krieges (1547) geleistet hatte. Ein bekanntes Gedicht jener Zeit, eine nun als Vorausdeutung verstandene Elegie des Humanistendichters Petrus Lotichius Secundus (1528-1560) [10], wurde aktualisierend ins Deutsche übersetzt und flankierte wohlmeinende Appelle, das "arme Mägdelein" (so etymologisch aus "Magde-Burg") solle die ungebetenen "Freier" zum Teufel jagen. [11]
"In Magdeburg, der festen,
Ist manch Jungfräulein fein,
Sie bitten vor die Christen,
Den Spaniern sind sie feind."

Selbst einer der Großen der "Fruchtbringenden Gesellschaft", Diederich von dem Werder (1584-1657), Tasso-Übersetzer und später Autor einer an die "Querela Pacis" des Erasmus von Rotterdam anknüpfenden Friedensrede (1639) [12], verstärkte mit einem in heroische Alexandriner gefaßten "TrawerLied / Uber die klägliche Zerstörung der Löblichen und Uhralten Stadt Magdeburg" den Druck der antikatholischen Agitation. In atemlosen Wortreihen wird jene Emotionalität aufgepeitscht, die sich dann in einer flammenden Invektive wider Tilly, den "rasend-alten Hund", den Unmenschen und Schänder der "jungfräulichen" Reichsstadt entlädt: [13]
"Die gülden' EhrenCron / und Jungfräwlicher Krantz /
Auff deinem gelben Haar: Jetzt ligstu da gestrecket
Als ein' ermordte Braut / bist uberall bedecket
Mit Eisen / Asch / und Blut / erschrecklich / blaß / verbrendt /
Geschwollen / stinckicht / schwartz / unflätig / und zerschendt /
Zerschendt durch Nothzucht auch / durch Nothzucht so zerrüttet /
Daß sich die Sonn' entsetzt / die Erde drob erschüttet /
Der Himmel selbst erschrickt. Gottloser BulenKnecht /
Es werden ja für dich die drey HöllHuren recht/
Ihr Bräutigam zu seyn: Mit solchem Brand und Morden
Ist auch des Plutons Weib selbst nicht geraubet worden.
Du ALTER KAHLKOPF / du verdientest / daß das Schiff
Charontis mit dir stracks in seinen Abgrund lieff."

Daß Tilly bald darauf in der Schlacht von Breitenfeld (1631) von Gustav Adolf besiegt wurde, bewirkte kompensatorische Erleichterung, zumal unter den jungen Leipziger Dichtern wie etwa Georg Gloger (geb. 1603). Glogers Spottverse rekapitulierten genau die gängigen Stereotype: [14]
"Denn wer sich Blutvoll säufft / hat gar kein recht Geschicke;
Und wer Jungfrawen schändt / hat weder Stern noch Glücke.
Drümb heist er billich nun / wie ers verdienet hat /
Ein Hurer / Trunckenpolt / und flüchtiger Soldat."

Daß Gloger im Oktober 1631 in Leipzig "am hitzigen Fieber" starb, von seinem Freund Paul Fleming in einem bewegenden Nachruf betrauert [15], lenkt freilich den Blick auf die Tatsache, daß man, von Magdeburg abgesehen, hinter schützenden Stadtmauern vor militärischer Gewalt meist einigermaßen sicher lebte. Es waren verheerende Seuchenzüge, die gerade in den von Flüchtlingen vollgestopften Städten wüteten und insgesamt mehr Opfer forderten als die Schlachten und Scharmützel.

Und die Katholiken, und deren so gelehrte, literarisch so geübte "Kampftruppe", die Jesuiten? Der größte Jesuitendichter deutscher Zunge, Friedrich Spee von Langenfeld (geb. 1591), starb 1635 in Trier bei der Pflege pestkranker Soldaten. Mit seiner virtuose Sprachspiele, mystische Bildtraditionen und raffinierte Mittel der religiösen Affektsteuerung vereinigenden Gedichtsammlung "Trutznachtigall" beteiligte er sich ebensowenig am publizistischen Schlagabtausch wie in seiner so wirkungsträchtigen Denkschrift gegen die Hexenverfolgung ("Cautio Criminalis", anonym 1631) oder in seinen auf die Bedürfnisse intimer Frömmigkeit zugeschnittenen Erbauungswerken. Wer die poetischen Reaktionen des katholischen Deutschlands auf das Zeitgeschehen studieren möchte, wird zum lateinischen OEuvre des bedeutendsten deutschen Jesuitendichters, des über die nationalen Grenzen hinaus gelesenen Jacob Balde (1604-1668) greifen müssen. Geboren im Elsaß, genauer: im vorderösterreichischen Ensisheim, beklagte er, mittlerweile am Münchner Hof, in seinen "horazischen" Oden die "Verwüstung Deutschlands" [16], trauerte - meist ohne giftige Polemik - über den Verlust der Heimat oder den Fall Breisachs [17], sah sich schließlich sogar - als kaisertreuer Elsässer nicht ohne innere Konflikte - direkt in die Verhandlungen Bayerns mit Claude Même Graf d'Avaux verwickelt, dem französischen Diplomaten, der Baldes Lyrik hoch zu schätzen wußte. [18] Ein ehrgeiziges literarisches Gegenstück gegen die protestantische Agitation stellte Baldes epische Ausmaße annehmendes Trauergedicht zu Ehren Tillys dar. [19] In der Vorrede dieses Werkes berichtet Balde, wie er in Ingolstadt, ein paar Häuser entfernt, von dessen Tod (30.4.1632) bestürzende Nachricht erhielt. Die Schilderung birgt eine denkwürdige Konstellation: der imponierendste katholische Dichter der Epoche unter denen, die sich im Sterberaum des - in der ersten Kriegsphase jedenfalls - bedeutendsten katholischen Feldherrn versammelten: [20]
"Wir treten ein - man gewährt uns Zutritt in das innerste Gemach; wir knieen nieder und sprechen ein Gebet für die Seele des Verstorbenen. [...] Die Hände, unter der Brust ruhend, hielten mit verschlungenen Fingern ein Cruzifix. Die Stirne hoch, die Brauen breit, die Nase etwas gebogen und noch immer kriegerisch, der Mund unvergleichlich würdevoll, der Bart stachelig und grau, in reichen Wurzeln männlich um Wangen und Kinn sprossend, das dichte Haupthaar kunstlos emporgesträubt. Zur rechten Seite des Bettes sah man, an einer lauchgrünen Schärpe hangend, das Schwert des Helden, bei dessen Berührung sich Jeder schon kühn, tapfer und siegreich dünkte."


II. Die Antipoden - Gustav Adolf und Wallenstein in der literarischen Öffentlichkeit



Daß Gustav Adolf als protestantische Heilandsgestalt verehrt wurde, hat nicht nur mit seinen Leistungen und Taten zu tun, sondern gleichermaßen mit einer geschickten Öffentlichkeitsarbeit, ja mit einem von Text- und Bildmedien getragenen Prozeß der Mythisierung, der in der neueren deutschen Geschichte seinesgleichen sucht. In zahlreichen Liedern, Lobgedichten, Predigten, selbstverständlich auch in Flugblättern und Flugschriften [21] verbreitete man die tröstliche Kunde vom "heroisch christlichen Gemüt" eines uneigennützigen Helfers, in dessen Gestalt sich (nach Jeremias 4,5-7) die alte Prophezeiung vom "Löwen aus Mitternacht" [22] zu erfüllen schien: [23]
"Gott zu Lob vnd mit seim Beystand /
Wil ich mit Ritterlicher Hand /
Meins Glaubensgenossen im Teutschland /
Erretten auß Trangsal und Band."

Was sich in solchen unbeholfenen Versen zur glaubhaften Absicht und Botschaft verdichtete, fand auf der ästhetisch anspruchsvolleren Ebene der Literatur hundertfachen Widerhall, nicht zuletzt in erbaulichen Wanderanekdoten und Produkten szenischer Phantasie, die sich um Frömmigkeit und gerechte Strenge des idealen christlichen Herrschers rankten. Gustav Adolfs angebliches Gebet vor der Schlacht bei Lützen erreichte als Kampf- und Trostgesang fast jenen Grad an identitätsstiftender Wirkungskraft, wie sie sonst allenfalls den Liedern Luthers zukommen mochte. [24]
"Verzage nicht, du Häuflein klein,
Ob schon die Feinde willens sein,
Dich gänzlichen zu verstören,
Und suchen deinen Untergang,
Darvon dir wird ganz angst und bang;
Es wird nicht lang mehr währen."

Während der schwedische Siegeszug durch die "Pfaffengasse" bis nach Bayern von Huldigungsadressen der evangelischen Geistlichkeit und der erfreuten oder entsetzten Obrigkeit in Stadt und Land begleitet, dabei selbstverständlich in der propagandistischen Publizistik je nach Parteienstandpunkt weidlich ausgebeutet wurde, entstanden auch Texte, die dem einfachen Söldner - als Garanten und Nutznießer unverhofften Kriegsglücks unter den Fittichen des "neuen deutschen Herkules" - in den Mund gelegt wurden. Ein "Soldatesca-Lied" oder auch "schönes Lied der schwedischen Soldaten" vom Jahre 1632 gibt einen Eindruck von jener Art fromm verbrämter Versifikation, die das Auf und Ab des Kriegsglücks in zweckgerichtete Begeisterung ummünzte: [25]
"Ade, noch eins gesoffen,
Der Kaiser führt den Krieg,
Der Schwed ist aufgebrochen,
Gott geb ihm guten Sieg.
Blanker Soldat
In unserm Ornat
Frisch auf, Soldat,
Gott helf uns früh und spat."

Um so schmerzlicher wirkte die Nachricht von Gustav Adolfs Tod in der Schlacht bei Lützen (16. November 1632). Den früheren Dank- und Rettungspredigten, den Hilferufen und Preisgesängen gesellte sich nun in Vers und Prosa eine Flut von Trauer- und Kondolenzliteratur hinzu, der sich kaum ein protestantischer Autor entziehen wollte. In ihrer Grundstruktur gehorchten fast all diese Texte der Topik der Beileidspoesie [26], in welcher der Schmerz der Betroffenen ausgemalt, die "Tugenden" des Verstorbenen mit allen Mitteln traditioneller Herrscherpanegyrik vergegenwärtigt [27], schließlich die christlichen Trostgründe in Erinnerung gerufen werden mußten. Auf Gustav Adolf waren dabei im Modus gedanklicher Analogisierung und typologischer Übertragbarkeit vor allem jene Beispielfiguren zu beziehen, die einst wie Gideon das Volk Israel errettet oder wie Scipio oder Cäsar die Größe des alten Rom verkörpert hatten und deren Tod nicht nur als historisches Unglück, sondern gleichsam als kosmische Katastrophe, als Zusammenbruch der glückverheißenden Weltordnung zu bejammern war: [28]
"Der Held / der Siegesfürst / die Kron in Israel /
Der König ist dahin / er ist gestorben schnell:
Er leider hat der frewd deß Sieges nicht genossen /
O weh / der grossen noth / er hat sein Blut vergossen /
Sein Blut / sein edles Blut / daß er sampt Reich vnd Kron
Gewaget hat für vns vnd die Religion.
Ach schawet an den leib wie liegt er außgezogen
Nach dem der hohe Geist von jhm' hinweg geflogen /
Hie ist sein tapffre Brust / hier ist sein Angesicht /
Hie sind die starcken Arm / hie seiner Augen liecht.
Seht / hie liegt Hannibal, Hector, vnd Alexander,
Gottfriedus, Carolus, vnd David mit einander /
Hie Keyser Julius, hie Josua der Held /
Hie Scipio von Rom / hie liegt das Haupt der Welt.
Hie liegt die Frommigkeit / die Gottesforcht daneben /
Hie liegt Gerechtigkeit / mit wahrer Lieb' vmbgeben;
Lauff Fama, lauff geschwind / fleug schnell durch alle Land'
Und mach deß Helden Todt / (ach weh) der Welt bekandt."


Während Gustav Adolf als christlicher und gerechter Friedensbringer von der Aura weltlicher Heiligkeit umgeben und sein Unglück sogar vom poetisch imaginierten Mitgefühl der trauernden Natur begleitet wurde, erregte die vom Kaiser befohlene Ermordung Wallensteins noch größere publizistische Verlegenheit, als es die ohnehin vergleichsweise spärliche literarische Resonanz auf seinen Aufstieg und seine Siegestaten vermuten läßt. [29] Ob Wallenstein die meinungsbildende Rolle der Literatur und Publizistik unterschätzte, ob sein immer wieder gespanntes Verhältnis zu den katholischen Mächten selbst die politischen Sympathisanten kaum zu vorbehaltloser Identifikation einlud oder ob die rätselhaften, in Schillers bekanntem Drama (1798) [30] mit unübertroffener Subtilität gezeichneten Seiten seiner Persönlichkeit eher Ratlosigkeit, kaltes Erstaunen und furchtsame Bewunderung als stimulierende Bilder literarischer Huldigung und parteilicher Idolisierung hervorriefen, mag im einzelnen abzuwägen sein.

Jedenfalls verwundert es nicht, daß, wenn überhaupt, in den eher spärlichen lyrischen Nachrufen andere Kategorien in Anspruch genommen wurden als in der Gustav-Adolf-Panegyrik. Das intellektuell wie ästhetisch anspruchsvollste, in horazischen Odenstrophen abgefaßte Gedicht auf Wallensteins Tod schrieb wohl der erwähnte Jesuit Jacob Balde, also ein Autor aus dem engsten Umkreis des bayrischen Herzogs Maximilian I., Wallensteins Intimfeind. [31] Die Geschichte des kaiserlichen Generalissimus entspricht hier dem zwangsläufigen Geschick jener, die in ihrer "Schlechtigkeit" ihr Glück nicht zu nutzen wissen. Krösus, Crassus, Hannibal und Polykrates präformieren die Hybris eines Feldherrn, der an seiner Größe zugrunde gehen mußte, ja eigentlich gleicht Wallenstein - hier wohl die politisch scharfsichtigste Diagnose Baldes - dem römischen Prätorianerpräfekten Sejan. Wie Tacitus in seinen "Annalen" berichtete, wurde Sejan umgebracht auf Geheiß des Kaisers Tiberius, der ihn zuerst begünstigte und sich dann verraten vorkam. Protestantische Autoren faßten sich in der Regel knapper, in halb verlegenem, halb spöttisch-pointiertem Resümee. Johann Rist (1607-1667), renommierter literarischer Repräsentant des norddeutschen Protestantismus, machte aus Wallenstein den Helden eines "Trauerspiels", dessen schreckliches Ende zu besinnlicher Reflexion anleiten sollte: [32]
"Was ist dieß Leben doch? Ein Trawrspiel ists zu nennen /
Da ist der Anfang gut / auch wie wirs wünschen können /
Das Mittel voller Angst / das End' ist Hertzeleid
Ja wol der bittre Todt / O kurtze Fröligkeit!
Dieß thut uns Wallenstein in seinem Spiel erweisen /
Der Kaeyser pflag ihn selbst anfenglich hoch zu preisen
Als' eine Seul deß Reichs (so nand' ihn FERDINAND)
Der Teutschen Furcht unnd Zwang / deß Kaeysers rechter Hand.
Bald aber / wie sein Glaub' unnd Trew fieng an zu wancken
Verkehrte sich das Spiel / man wandte die Gedancken
Auff seinen Untergang / der Tag gebahr die Nacht /
Das Trawrspiel hatt' ein End' unnd er ward umbgebracht.
So tumlet sich das Glück / so leufft es hin unnd wieder
Den einen macht es groß / den andren drückt es nieder
Sein End' ist offt der Todt. O selig ist der Mann
Der sich der Eitelkeit deß Glücks entschlagen kan."


Größeren politischen Scharfblick bewies der Schlesier Daniel Czepko (1605-1660), sonst vor allem als Verfasser religiöser Epigramme bekannt, die sich im Einflußbereich mystischer Literatur dem Konfessionsgezänk längst entzogen hatten. Unter dem Titel "Ehrsucht nechster Todtengräber. Wallsteinischer Tod" setzte er an den Schluß eines Vierzeilers illusionslos das neue Schlagwort, dessen Aktualität selbst den religiösen Eiferern nach und nach einleuchten mußte: [33]
"Der alles wust allein, was er durch andre that,
Und zwar von Friedland kam, doch Krieg und Streit erhaben:
Liegt ohne Titul dar. Fragstu, wer ihn begraben?
Deutsch weiß ich's nicht, sonst heist es la raison d'Estat."



III. Kriegsklage und Friedenssehnsucht



Neben den Kirchen- und Andachtsliedern von Autoren wie Paul Gerhardt (1607-1676), in denen sich Ausdrucksformen einer mehr und mehr verinnerlichten, an intimer Gotteserfahrung gelegenen Frömmigkeit verbreiteten, gehört gewiß das lyrische Werk des Schlesiers Andreas Gryphius bis heute zu den ansonsten eher schütteren Erinnerungsbeständen der Literatur des 17. Jahrhunderts. Als Kind erlebte Gryphius die Drangsal der schlesischen Rekatholisierung, im Alter hatte er als Syndikus der glogauischen Stände für den Interessenausgleich zwischen der kaiserlichen Macht und den Rechtsansprüchen der schlesischen Territorien zu sorgen. Daß Gryphius treuer Lutheraner blieb, setzte ihn in Distanz zum calvinistischen Aktivismus. Leitbilder christlicher Geduld und Kreuzestheologie [34] gingen bei Gryphius über in die Verherrlichung eines stoizistisch verstandenen "hohen Geistes". Seine Dichtungen propagierten intellektuelle und moralische Souveränität im freien, affektlosen Überblick über das verwirrte Weltgeschehen, das in heilsgeschichtlicher Perspektive als Theater der Eitelkeit ("Vanitas") zu durchschauen und zu entwerten war.

Von Gryphius stammt ein in zwei Fassungen überliefertes Sonett, das - rhetorisch durchkonstruiert und von konkreten Anlässen abstrahierend - so eindrucksvoll wie kaum ein anderes literarisches Dokument eine Bilanz der kollektiven Katastrophe zog: "Thränen des Vaterlandes /Anno 1636." [35] Anders als in dem oben zitierten Text von Weckherlin wird der Begriff "Vaterland" hier nicht allein den Protestanten reserviert. Es geht nicht um spezifische "Erlebnisse", sondern um den im apokalyptischen Klang der "Posaune" angekündigten Zusammenbruch der politischen und sozialen Ordnung, symbolisiert von "Kirche" und "Rathaus", zugleich um ein schon in der Versrhythmik ("Das vom Blutt fette Schwerdt") sinnlich verdichtetes Tableau ungeheurer Not, moralischer Verwilderung und elementarer Heimsuchung. Imaginiert wird der Standpunkt eines Betrachters ("Hir durch die Schantz"), dessen trauernder Blick die Gewißheit des geschichtlichen Augenblickes ("Dreymal sind schon sechs Jahr") impliziert. Erst im letzten Vers weist Gryphius auf das, was argumentativ noch wichtiger erscheint als das Bewußtsein des allgemeinen Ruins: die bittere Erkenntnis, "das auch der Seelenschatz / so vilen abgezwungen". In erster Linie ist hier wohl die von Habsburg betriebene Zwangskatholisierung gemeint. Jedoch blieb Gryphius auch nicht verborgen, daß im Zuge der allgemeinen Desillusionierung konfessionelle Glaubensfestigkeit und christliche Heilssorge erschüttert wurden, auch daß sich viele einer dogmatisch verdächtigen, oft mystisch oder theosophisch akzentuierten Frömmigkeit zuwandten. Pflichtgetreue Seelsorger berichteten schaudernd und zum denkwürdigen "Warnungsexempel" von den Anfechtungen des konfessionellen Opportunismus nicht nur in Schlesien, sondern auch unter den wechselnden Machtverhältnissen in Süddeutschland: [36]
"Zu Kitzingen war ein Bürger und Büttner, Hans Megel. Der erklärte den Würzburgischen Commissären, er wolle päpstisch werden. Als ihm aber das Gewissen aufwachte und ihn Hans Graser, sein Gevatter [...] erinnert hatte, warum er das gethan habe, geriet er darüber in Melancholie und wollte sich aus Verzweiflung selber ermorden. Er riß sich mit einem Messer eine Wunde in den Leib, daß ihm die Därme herausliefen. [...] Die Kapuziner, die ihn besuchten, schalt er Diebe und Seelenmörder, und sagte, sie seien die Ursache dieses seines Jammers."

Was Gryphius in vielgerühmten "Zentnerworten" mit unvergleichlichem Nachdruck als Signatur einer Unheilsepoche zur Sprache brachte, findet seine alltagsweltliche Illustration in einer Fülle autobiographischer Aufzeichnungen, Briefe und örtlicher Chroniken. Dies erst neuerdings einigermaßen überschaubare Quellenmaterial [37] umfaßt Diarien der Mächtigen und Diplomaten [38] ebenso wie etwa die Tagebücher des literarisch höchst produktiven Jeremias Drexel (1581-1638), als Jesuit Militärseelsorger beim bayerischen Feldzug von 1620 [39], oder die Notate von Stadtschreibern und geistlichen wie weltlichen Amtspersonen. Hier sind die Augenzeugenberichte jener Greuel zu lesen, unter denen vor allem das flache Land zu leiden hatte und die Grimmelshausen in den Anfangskapiteln seines "Simplicissimus"-Romans in die Perspektive verfremdender Naivität rückte. Gewiß, es gab Landschaften, die zeitweilig vom Kriege unberührt blieben, und unter den Städten durften sich manche durchaus als Kriegsgewinnler betrachten. In den umkämpften Territorien unterschied sich jedoch bald das Maß feindlicher Grausamkeiten nicht mehr von der Serie der Plünderungen, der Erpressungen und Vergewaltigungen, mit denen sich auch die jeweils verbündeten Truppen, oft unbezahlt, hungrig und beutegierig, ihren Anteil am Kriegskuchen sichern wollten.

Johann Valentin Andreae (1586-1654), einer der intellektuellen Führer der württembergischen Lutheraner, in seiner Jugend Mitautor der Rosenkreuzerschriften, berichtete als Pfarrer von Calw, wie die blühende Stadt im September 1634 drangsaliert wurde und schließlich niederbrannte. Seine Prosaschilderung (Straßburg 1635), unter dem Titel "Threni Calvenses" mit einem angehängten vielstrophigen "Klagelied" als publizistisches Fanal an eine breitere Öffentlichkeit, vor allem an die befreundeten Nachbarstädte, gerichtet, umfaßt nicht nur Rechtfertigungen, Hilferufe und den Vermerk ganz persönlicher Verluste (unter anderem einer beachtlichen Kunstsammlung), sondern auch eine sehr genaue Aufnahme der in der Katastrophe drohenden sozialen Anarchie und ökonomischen Ausweglosigkeit: [40]

Das [d. i. Hunger und Pest, W. K.] ist aber noch nicht alle unsere Not. Sie wissen, daß all unsere Nahrung in Wollenarbeit und in der Färberei bestanden, und wenn diese noch verloren, aber nur verhindert werden sollte, daß uns alsdann das Messer an die Kehle gesetzt werde, und daß mit gedachter Arbeit unsere Nahrung stehe und falle. Bei aller der Verwüstung und Seltenheit von Leuten, sind doch noch von dieser Profession 243 Meister vorhanden, die alle zu ihrem größten Verdruß und Schaden feiern müssen. Zu diesen kommen noch in der allernächsten Nachbarschaft 64, die ebenso als wir, ohne Arbeit sind. Doch ist dieses alles nicht das Ende der Trübsal. Denn wie jener in seiner Fabel recht gesagt, daß, wenn man dem Magen die Nahrung versage, alle Glieder darunter Not leiden, so kann man auch von Calw sagen, daß, wenn diese gesperrt ist, die ganze Nachbarschaft sich verbluten und umkommen müsse. Von dieser Stadt hingen ringsherum 1200 Zeugmacher, und ebensoviel, ja wohl noch mehrere 1000 Spinnerinnen ab, wie ich aus den Registern gewiß weiß. Wenn Calw Hunger leidet, so müssen die meisten derselben mit uns Hunger leiden. Es glaubt es niemand, als wer das Wehklagen dieser Leute hört.

Mancherorts berichteten Zeitgenossen von Fällen des Kannibalismus. [41] Die Seuchen bewirkten ein übriges, auch unter den Gelehrten. Der Tübinger Professor Wilhelm Schickard (1592- 1635), ein Freund Andreaes, renommierter Mathematiker, Geograph und Sprachwissenschaftler, schilderte in einem Brief vom 29. September: [42]
"Auch wenn du also heimkehrst (wir hoffen alle, daß es bald geschehe), wirst du vom Vaterhaus nichts übrig sehen, als vielleicht ein paar durcheinandergeworfene Steine, vermischt mit Asche und verkohlten Balken. Nicht wird dich bei der Heimkehr die liebe Schwester begrüßen, was sie so ersehnte. Als sie durch den schrecklichen Brand vertrieben wurde, zog sie mit ihren drei Kindern zu mir, ich nahm sie in brüderlicher Nächstenliebe auf und gab ihr Wohnung und Nahrung, und wir glaubten schon, nach jenem Schicksalsschlag etwas aufatmen zu können, als die grausame Pest uns diesen Trost ganz unerwartet völlig zunichte machte. Am vergangenen Matthäustag (dem 21. September) starb nämlich zuerst nach nicht mehr als zweitägiger Krankheit ihre Tochter Gretchen, ein hochbegabtes Kind, für das ich große Hoffnungen hegte, kaum drei Tage später (am 25. des Monats, der uns immer Tod bringt) folgte die Mutter selbst und wurde folgenden Tags in einem Massengrab mit mehreren am gleichen Tag Verstorbenen begraben [...]."

Knapp einen Monat später starb Schickard selbst an der Pest. Klagen über die Greuel des Krieges traten mehr und mehr an Stelle des konfessionspolitischen Fanatismus. Mancher Dichter schlüpfte in die Rolle des alttestamentlichen Propheten, als neuer Jeremias, und deutete das Zeitgeschehen als göttliche Strafe für politische und private Sünden. Es entsprach solch theokratischer Geschichtsdeutung, wenn Poesie mit aktuellem Bezug die kanonischen Bußpsalmen nachahmte, sich in schlichten oder kunstvolleren "Betliedern" verwirklichte oder gar wie bei Josua Stegmann (1588-1632) in der Kombination mit Prosatexten als wohldurchdachter Zyklus in Erscheinung trat, in dem sich das ganze Gefühlsspektrum zwischen totaler Kriegsverzweiflung und religiöser Friedenshoffnung ausbreitete. Stegmanns Gebete beschwören wider alle Machenschaften des Teufels die Eintracht und Friedfertigkeit der Regenten, ohne Ansehen der Konfession. Seine Bitten wirken wie ein literarischer Vorentwurf gelingender Friedensverhandlungen: [43]
"O du Hertzog des Friedens / Hilff daß alle Regenten und Oberherrn einträchtig und friedfertig seyn / Gerechtigkeit und den Frieden lieben / die Einigkeit suchen und ihr nachjagen / Wehre dem höllischen Störenfried / dem Teufel / daß er nicht den Saamen der Uneinigkeit außstreue / Mißtrawen anrichte / und alles Elend stiffte. Stewre allen Friedhässigen Leuten / die zum Krieg und Unruh Lust haben / zu Zwietracht und Unfriede Anlaß geben / mach ihre Anschläge zu nichte / und laß sie in ihrem Vornehmen zu Schanden werden / verbinde die Hertzen aller Potentaten unnd Oberherren mit dem Bande der Liebe / mit dem Bande des Friedens / mit dem Bande der Einigkeit / daß der Friede daher fliesse wie ein Bach / und die Versöhnligkeit wie ein Strom sich ergiesse."

Am Ende dieser Friedensvision stehen die Wiederherstellung der sozialen Ordnung, der Sieg der Gerechtigkeit, ja die "güldne Zeit" als Inbegriff des einstmals Selbstverständlichen: [44] e>"Heiliges Himmels=Kind / der du wider zur Stelle /
Bringest die güldne Zeit / der du machst wider helle /
Dieses Landes trübe Lufft / machst lachen unser Feld /
Dardurch der Böse Straff / Hoffnung der Fromm erhält /
Von dem man nichts bey uns in viel Jahren vernommen /
O Fried / glücklicher Fried / wir heissen dich willkommen /
Weil du ankompst so bald tief ins vergessens Fluth /
Versencket unser Zänck / man wider bawen thut /
Die Mawren so zerstört / Der Raht sich nieder setzet /
Sein Scharlach wieder nimpt und sein Macht das Gesetze."
Es gab seit etwa Mitte der dreißiger Jahre kaum eine Region, deren prominente literarische Vertreter nicht den Typus des Bußgedichts oder der poetischen "Querela Germaniae" gepflegt hätten. Kollektive Wünsche und kollektives Entsetzen äußerten sich in schlichten Liedstrophen, pointierten Kurzgedichten, ausladenden Elegien oder allegorischen Versepisteln und im Wechsel von religiöser Inbrunst, satirisch gefärbtem Sarkasmus oder politisch-patriotischer Meditation. Von fast ganz Deutschland ließe sich eine literarische Landkarte zeichnen, deren dichte Markierungen die Korrespondenz von Kriegserfahrung und poetisch-moralischer Reaktion verdeutlichen würde.

Ob Czepko in Schlesien [45], ob Justus Georg Schottelius (1612-1676), der große Sprachtheoretiker, im Braunschweigischen [46], ob Georg Greflinger (ca. 1620-1677), der Journalist, ehemalige Soldat und Verfasser eines in seiner Art einzigartigen Versepos über den Krieg [47], in Danzig und Hamburg [48], ob Johann Klaj und Georg Philipp Harsdörffer, die Größen der avancierten Nürnberger Dichtkunst [49], ob schließlich Johann Rist mit seinem Schauspiel "Das Friedewünschende Teutschland" (1647) [50], alle nutzten in wechselnder Akzentuierung die Dialektik von Kriegsklage und Friedensappell. Moscherosch in Straßburg zum Beispiel sandte zu Rists Schauspiel ein Begleitgedicht, das ohne verhüllenden stilistischen "Schwulst" die Situation des römisch-deutschen Reiches im Bild des todkranken Körpers vor Augen führte: [51]
"Teutschland ist zur Neige kommen,
Worden eine Barbarei
Und verfluchte Wüstenei,
Ihm ist Kraft und Saft benommen.
Teutschland und das Römisch Reich
Sind in so betrübtem Wesen,
Weil die Welt steht, nicht gewesen,
Dem fast toten Körper gleich,
Einem Körper, der da lieget,
Kann nicht von der Lagerstatt
Und mit Not den Atem hat,
Sich vor Weh zur Grube bieget."


Hier und da lassen sich derartige Dichtungen schon vor den endgültigen Friedensverhandlungen recht genau mit politischen Ereignissen und diplomatischen Aktivitäten koordinieren. Dies gilt besonders für einen der berühmtesten Texte aus der Feder Paul Flemings, für die in deutscher und lateinischer Sprache als Flugschrift veröffentlichte allegorische Versepistel "Schreiben vertriebener Frau Germanien an ihre Söhne oder die Churfürsten, Fürsten und Stände in Deutschland". [52] Im direkten Rekurs auf analoge Darstellungsmuster des älteren Humanismus entwirft Fleming ein Plädoyer für die Einigkeit des Reiches. Mutter Deutschland, einsam und notleidend, wendet sich an ihre Kinder, die, statt sich gegen den äußeren Feind zu wenden, ihren eigenen Untergang verursachen. Dabei kombiniert Fleming Reminiszenzen an das Vorbild der tapferen Niederländer mit gängigen Gedanken des aus Tacitus' "Germania" herausgesponnenen patriotischen Germanenmythos. Im Munde der zur welken und schwindsüchtigen Gestalt degenerierten Sprecherfigur steigt die Erinnerung an den seit Ulrich von Hutten (1488-1523) verkündeten Ruhm des Arminius (des Cheruskers) auf, der einst die Römer besiegte, ein Kontrast zur Gegenwart ebenso wie das ironisch-sarkastische Zitat des Sprichworts von "deutscher Treue". "Mich schmerzt auf allen Seiten / der dreigespaltene Riß in der Religion", seufzt "Frau Germanien". Lösungen hat Fleming nicht anzubieten. Was der Dichtung aufgetragen wird, ist Bewußtseinsänderung, Sensibilisierung der Mächtigen gegenüber der Misere der Zustände, ist Sympathielenkung und Steuerung der Phantasie und der Emotionen - in Passagen wie: [53]
"Das Zeichen ist nicht gut, in dem ich bin geboren,
weil Volk und Reich und ich auf Eins in Trümmern gehn.
Es hat die Götterzunft zusammen sich verschworen,
daß ich in solcher Angst soll so verlassen stehn.
Es war ein böser Fall, als von dem falschen Stiere
die Mutter ward geraubt. (Und, wie sie oft erzählt,
war sie gleich mit mir schwer!) Daher ich, wie ich spüre,
bin, eh' ich geboren, zum Räuberpreis erwählt.
Hier stößt, dort hält man mich, bald werd' ich da gezupfet.
Ich bin der Meinen Spiel. Gleich wie der Wolf das Schaf,
der Geier ein jung Huhn und Taube grimmig rupfet,
so fleischet mich die Welt. Ich bin in steter Straf'
und doch ohn' alle Schuld. Ich wuste nichts von Dienen,
als ich noch meine war. Itzt bin ich mehr als Magd.
Ich muß zu meinem Leid' auch Einen mir versühnen,
der mich nicht Mutter heißt, der mich ohn' Ende plagt.
So vieler Herren Grim, so viel Uneinigkeiten,
die töten vollends mich, die vor ich röchle schon."


Daß in diesem Gedicht die Kriegsparteien und Territorien säuberlich benannt werden, ja daß "Frau Germanien" vorschlägt, ihre Not dem "hohen [Kaiser] Ferdinand" vorzutragen, deutete auf den aktuellen Anlaß und den publizistischen Kontext des Dichtwerks hin. [54] Fleming schrieb - nach der Landung Gustav Adolfs - in Vorbereitung und für das Publikum des sogenannten Leipziger Konvents (Februar 1631), der dazu dienen sollte, die Schwäche des Reichs zu überwinden und Verhandlungen in Regensburg vorzubereiten. Insofern darf diese Versepistel ihrem Gehalt nach als Vorspiel jener Stimmen bezeichnet werden, die fünfzehn Jahre später den Weg zu den Friedensverhandlungen in Osnabrück und Münster begleiteten. Die vorweggenommenen Friedensphantasien, die Hoffnungen auf Ordnung und Glück, ließen sich dann mit gesichertem Realitätsbezug in die Literatur der Friedensfeiern umsetzen. Noch in den Friedensdichtungen Klajs wurde "Teutschland" als eine "verzweifelte" Frau eingeführt, die "mit eitel Todesgedancken umgehet". [55] Flemings allegorisches Elendsportrait blieb abrufbar, durfte jedoch im anbrechenden "Freudenfest" vorläufig vergessen werden.



ANMERKUNGEN -  Siglenliste für Literaturangaben

*Ausgespart werden hier jene Sektoren des literarischen Lebens, die in den benachbarten Aufsätzen behandelt werden: von Wolfgang Harms, Klaus Garber, Hartmut Laufhütte und Wilhelm Schmidt-Biggemann. Bevorzugt werden Zitatnachweise aus leicht erreichbaren Anthologien: Maché/Meid 1980; Haufe 1985. Die älteren Texte werden vorlagengetreu zitiert, jedoch ist die Schreibung der Umlaute (ä, ö, ü) den heutigen Gepflogenheiten angeglichen. Die lateinischen Texte wurden übersetzt. Aus den erwähnten Werken können leider nur Auszüge abgedruckt werden. - Beachtung verdient der knappe Überblick von van Ingen 1985. Für die weiterführende Einzelforschung und für die Biographie bzw. Bibliographie der Autoren verweise ich auf folgende Handbücher: Dünnhaupt 1990ff.; Killy 1988ff.; Steinhagen/Wiese 1984.
1. Aus dem lateinischen Trauergedicht auf den Tod eines Heidelberger Professors. Zincgref schildert hier die Angst und Verzweiflung in der Stadt; s. Kühlmann 1981.
2. Aus einem lateinischen Brief an den Altdorfer Professor Jeremias Hölzlin, Heidelberg, den 26. September 1622, zitiert nach dem Abdruck in Winkelmann 1886.
3. Maché/Meid 1980, S. 21.
4. Freiligrath o.J., hier III, Vaterländische Lieder, S. 11-13; Auszug.
5. Weckherlin 1894/95, I, S. 422-440, II (nach der erweiterten Ausgabe von 1648), S. 306-339.
6. Zitiert nach Weckherlin 1972, S. 189; vgl. die Interpretation von Meid 1982a.
7. Vgl. Kühlmann/Schäfer 1983, S. 112-129.
8. Zitiert nach Rompler 1647, S. 87-90, hier S. 90.
9. Vgl. Lahne 1931; für die Magdeburger Ereignisse wie auch für die im folgenden genannten historischen Akteure und Vorgänge verweise ich auf Harms 1980ff.
10. Ad Joachimum Camerarium Pabenbergensem. De obsidione vrbis Magdeburgensis (Elegiarum Liber II., 4). Mit deutscher Übersetzung und Kommentar in Kühlmann/Seidel/Wiegand 1997, S. 458-465; zur Rezeption s. Sperberg-McQueen 1981; ferner Lenz 1987.
11. Auszug aus "Ein schön Lied von der Stadt Magdeburg" (1629), zitiert nach Ditfurth 1882, Nr. 51, S. 121f. (Strophen 11-13).
12. Dünnhaupt 1990ff., VI, S. 4258-60, Nr. 16.1-16.4; Dünnhaupt 1973.
13. Maché/Meid 1980, S. 49-51, hier Auszug, S. 50.
14. Maché/Meid 1980, S. 53; Auszug aus "Generals Tyllis drey Tugenden in Laster verkehret".
15. Dazu im einzelnen Entner 1989, S. 263-275.
16. Zu benutzen sind Balde 1990; vgl. hier II (in der Sammlung "Sylvae" als Liber IV.), S. 86-100 "Threni [...] videntis vastationem Germaniae".
17. Lyricorum Liber I. Ode XXXVI. "Auctoris Melancholia. Quum è campis redux, audiret, Brisacum à Duce Vinmario occupatum", in: Balde 1990, I, S. 54f.
18. D'Avaux ist gewidmet Liber IX. der "Sylvae", s. Balde 1990, II, S. 289-380; hier und sonst im Gesamtwerk zahlreiche Referenzen auf Personen und Ereignisse sowohl des Krieges als auch der Friedensverhandlungen - wie etwa Sylvae, Liber IX., Ode XXI., S. 341-343 "Ad Illustrissimos Pacificatores Monasterii Congregatos" (Auf die in Münster versammelten erlauchten Unterhändler des Friedens); zur politischen Lage und ihrer Reflexion bei Balde s. Breuer 1980; zur weiteren Forschung zusammenfassend Kühlmann 1988a.
19. Balde 1990, VIII, S. 1-332 "Magnus Tillius Redivivus sive M. Tillij Parentalia".
20. Zitiert nach der deutschen Übersetzung von Westermayer 1868, S. 46-49 (Auszug). Tillys Herz wurde später in der Wallfahrtskirche von Altötting beigesetzt. In subtiler Anspielung auf den Namen "Tilly" schrieb Balde ein Gedicht auf die Linde (Tilia!) vor dieser Wallfahrtskirche "Origo arboris Tiliae, ante Sacellum Oetingae stantis" (Liber Epodon, Ode VII., Balde 1990, I, S. 274-278); dazu die Interpretation von Schäfer 1986.
21. Neben Harms 1980ff. sind heranzuziehen Pfeffer 1993, speziell S. 89-93; Wang 1975, bes. S. 102-117; Tschopp 1991; einen guten Eindruck von der Breite der Publizistik bietet Hohenemser 1966, Kap. XXIII, S. 307-388.
22. Dazu Edighoffer 1967.
23. Nach einem Einblattdruck der Ulmer Stadtbibliothek, zitiert nach Spiegel 1977, S. 184; Auszug: 1. Strophe.
24. Königlicher Schwanengesang, so Ihre Majest[ät] vor dem Lützenschen Treffen inniglichen zu Gott gesungen, zitiert nach Haufe 1985, I, S. 222; das Lied wird Jacob Fabricius, dem Beichtvater Gustav Adolfs, zugeschrieben.
25. Zitiert hier nach Haufe 1985, I, S. 221.
26. Dazu Krummacher 1974.
27. Dazu Verweyen 1976.
28. Auszug aus Johann Rist "Als der Durchleuchtigster und Unuberwindtlichster Fürst und Außerwehlter Heldt Gottes GUSTAVUS ADOLPHUS MAGNUS [...] gantz Ritterlich vor die Evangelische Warheit unnd Teutsche Freyheit streitendt / war umbkommen / und auß dem Vergänglichen in die Ewigkeit auffgenommen"; zitiert nach dem Abdruck in Schöne 1968, S. 339-344, hier S. 343.
29. Zur Reaktion auf Wallensteins Ermordung s. Mann 1971, bes. S. 1137-1154; eine Zusammenstellung bietet Frenzel 1970, S. 766-769; beachtenswert ist das lateinische Drama des Flamen Vernulaeus 1637; dazu kommen Beispiele der Liedpublizistik wie etwa "Ein Valet Liedlein vor Walenstein", s. Ditfurth 1882ff., Nr. 108f., S. 270-273.
30. Vgl. die zusammenfassende Analyse von Hinderer 1983a.
31. Jacob Balde "Ad Cl. Virum Domitium Bascaudum, Stoicum, Cum de Alberti Wallensteinii, Fridlandiae Ducis, funesto exitu verba fecisset" (Lyr. Liber II., 37; Balde 1990, I, S. 102f.); Text, Übersetzung (nach Herder) und Interpretation von Kühlmann 1982a.
32. Johann Rist, Als die wunderbahre / oder vielmehr ohnverhoffte Zeitung erschallete / daß der Hertzog von Friedland zu Eger wehre ermordet worden, zitiert nach Maché/Meid 1980, S. 70f.
33. Zitiert nach Maché/Meid 1980, S. 198.
34. Grundlegend zur geistigen Position Gryphius', Mauser 1976.
35. Text in Maché/Meid 1980, S. 116; neue Interpretation mit kompletter Aufarbeitung der Forschung von Verweyen 1997.
36. Dietwar 1887, S. 62.
37. Vgl. Krusenstjern 1997.
38. Etwa das Tagebuch des Fürsten Christian II. von Anhalt- Bernburg (1599-1656), in Krusenstjern 1997, Nr. 34 A, S. 65f.
39. Im Auszug abgedruckt in Pörnbacher 1986, II, S. 321-327; Krusenstjern 1997, Nr. 41, S. 76f.
40. Zitiert nach Andreä 1934, hier S. 6; vgl. Krusenstjern 1997, Nr. 10 B, S. 44f.
41. Berühmt wurde der spätere Bericht aus der Feder des Dichters, Opitz-Freundes und späteren Zweibrücker Präfekten Venator 1638; vgl. das Kurzreferat von Volkmann 1936, S. 24f., und den zusammenfassenden Artikel Kühlmann 1992.
42. Zitiert (Auszug) nach Seck 1987, S. 46; vgl. Seck 1978.
43. Zitiert nach Gryphius 1987. Die Erstauflage von Stegmanns "Christliches GebetBüchlein/ Auff die bevorstehende Betrübte Kriegs / Theurung und SterbensZeiten [...] gerichtet" erschien wohl 1626 (nicht erhalten); es folgten dann verschiedene Auflagen in Rinteln (1627), Nürnberg und Frankfurt/Main; der Zyklus im Neudruck, wie angegeben, S. 179-202, hier S. 188f.
44. Gryphius 1987, S. 203; Anfang der "Schluß=Reimen".
45. Czepko 1989; vgl. zu den Kriegsereignissen dort auch den Zyklus "Überschrifften seltsamer Geschichte", S. 351-373.
46. Lamentatio Germaniae Expirantis, Der nunmehr hinsterbenden Nymphen Germaniae elendeste Todesklage, Braunschweig 1640; s. Dünnhaupt 1990ff., V, S. 3827, Nr. 5.
47. In neuer Ausgabe Greflinger 1983.
48. Greflinger 1640; vgl. die Angaben bei Dünnhaupt 1990ff., III, S. 1681f., Nr. 1.1.-1.5.
49. Vgl. Klaj 1968; Harsdörffer 1647.
50. Vgl. die Angaben und Nachweise bei Dünnhaupt 1990ff., V, S. 3397f., Nr. 39.1.-39.6.; hier auch Nr. 3.1.-3.4. (zur "Irenaromachia, Das ist Eine newe Tragico-comaedia Von Fried und Krieg", zuerst 1630) oder Nr. 13. I, II (zu "Kriegs- und FriedensSpiegel", zuerst 1640); Rists Friedensspiele sind greifbar in Rist 1967ff.
51. Zitiert nach Haufe 1985, I, S. 217f.
52. Der Einzeldruck nachgewiesen bei Dünnhaupt 1990ff., II, S. 1488, Nr. 18; hier zitiert nach Fleming 1865, S. 102-110; dazu heranzuziehen der Textabdruck in Fleming 1969, S. 112-121; vgl. Sperberg-McQueen 1985.
53. Fleming 1865, Auszug aus S. 104-110.
54. Vgl. dazu auch Entner 1989, S. 180-205.
55. Klaj 1968, S. 119.


QUELLE     | 1648: Krieg und Frieden in Europa | Bd. 2, S. 329-337
PROJEKT    1648 - Westfälischer Friede

DATUM AUFNAHME2005-11-02
AUFRUFE GESAMT7015
AUFRUFE IM MONAT29