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(69 KB)   Rathaus Münster / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt   Rathaus Münster / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt
TITELRathaus Münster


INFORMATIONAm Schnittpunkt zweier wichtiger Fernhandelsstraßen auf einem Hügel an der Aa, wo bereits im 3. Jahrhundert eine germanische Siedlung bestanden hatte, errichtete Karl der Große im Verlauf der Sachsenkriege anstelle einer sächsischen Siedlung des 7. Jahrhunderts namens "Mimigernaford" eine Befestigung. 792 übertrug Karl das westliche Sachsenland dem Friesen Liudger als Missionsgebiet, der 793 in Mimigernaford ein Kloster gründete, das die Grundlage des 805 konstituierten Bistums Münster bildete. Nach gelegentlichen Aufenthalten von fahrenden Kaufleuten besonders zu den beiden Diözesansynoden im Frühjahr und Herbst - deshalb bis heute die Bezeichnung "Send" für die münstersche Kirmes - entstand Ende des 10. Jahrhunderts eine Kaufmannssiedlung mit einer St. Lambertus geweihten Kirche am Nordostrand der Domburg, die im 12. Jahrhundert in südlicher Richtung um einen neuen Markt - dem seit etwa 1600 sogenannten Prinzipalmarkt - erweitert wurde.

Die weitere Stadtentwicklung Münsters ist geprägt von dem Gegensatz zwischen dem bischöflichen Landesherrn, der zugleich als Stadtherr fungierte, und dem stetig wachsenden Selbstbewußtsein der städtischen Gemeinschaft. Letztere konnte sich schon zwischen 1151 und 1168 von der bischöflichen Vogteigerichtsbarkeit befreien und erhielt ein eigenes Stadtgericht mit Schöffenkollegium, wobei das Amt des Stadtrichters zunächst noch von Dienstleuten des Bischofs besetzt wurde. Bereits 1184 ließ das Gremium der Schöffen eine Kommunalsteuer (schot) von den Einwohnern einziehen; im Jahr 1250 ist erstmals ein Rathaus (domus civium) erwähnt. Wann Münster das Stadtrecht verliehen wurde, ist nicht genau zu datieren, doch läßt dessen Übertragung auf Bielefeld einen Zeitpunkt um 1210 vermuten. Nach außen demonstriert die Vollendung der Stadtmauer um 1200 den Abschluß des Stadtwerdungsprozesses. 1278 war Bischof Everhard gezwungen dem Rat der Stadt weitere Rechte und Privilegien zu übertragen, so daß diese sich schließlich im Besitz der Wehrhoheit, dem Markt- und Steuerrecht sowie der Rechtspflege befand. Seit dieser Zeit residierten die Bischöfe praktisch nur noch vorübergehend in der Stadt. Die politische und wirtschaftliche Bedeutung Münsters seit dem 13. Jahrhundert zeigt sich vor allem in der führenden Rolle bei den westfälischen Städtebündnissen und in der Hanse beim Aufbau des Handels im gesamten mittel- und nordeuropäischen Raum.

Das Rathaus von Münster steht am Prinzipalmarkt, direkt gegenüber dem Hauptzugang zur Domimmunität, dem ehemals stark befestigten Michaelistor. Mit der Wahl dieses Standortes und auch der prächtigen Ausstattung der Giebelfassade des Rathauses bekundeten die selbstbewußten Bürger ihre politische Stärke und ihren Selbstbehauptungswillen gegenüber dem Stadtherrn.

Das erste Rathaus ist in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erbaut worden und bestand zunächst aus einem schlichten, zweigeschossigen, unterkellerten Steinhaus aus Bruchsteinmauerwerk, das etwas zurückgelegen mit der Traufe dem Prinzipalmarkt zugewandt stand. Diesem Steinhaus war eine vermutlich in Fachwerkbauweise errichtete Halle vorgesetzt, die den Bürgern als Versammlungsort diente. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde die Bürgerhalle durch ein zweigeschossiges Giebelhaus aus Baumberger Sandsteinquader ersetzt, dessen Obergeschoß für Feste und als Verkaufsraum der Tuchhändler genutzt wurde. Das Steinhaus wie das Giebelhaus behielten zunächst getrennte Dächer. Erst 1576 beim Umbau der Ratskammer wurden deren Seitengiebel abgetragen, ein neuer rückwärtiger Dreistaffelgiebel aus Backstein errichtet und das Dach des vorderen Hauses bis zu diesem durchgezogen.

lm Erdgeschoß des Steinhauses befand sich die Ratskammer, der sich zweimal wöchentlich die Ratsherren versammelten, die gleichzeitig als oberste Gerichtsbehörde tätig waren, wovon noch heute Richtertisch und Schranke zeugen. Unter der Laube vor der Bürgerhalle dagegen tagte bis Anfang des 17. Jahrhunderts das Niedergericht mit dem vom Bischof ernannten Stadtrichter, dem aber zwei städtische Schöffen als Richteherren zur Seite gestellt waren. Im Jahr 1648 wurde in der Ratskammer der Spanisch-Niederländische Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg beeidet, weshalb sie seit dem 18. Jahrhundert als "Friedenssaal" bezeichnet wird. Im Obergeschoß über dem Friedenssaal lag die Rüstkammer, in der der städtischen Waffenbesitz aufbewahrt wurde.

Mit seinem Marktgiebel gehört das Rathaus zu den bedeutendsten Profanarchitekturen der Gotik in Europa. Vor der Bürgerhalle im Erdgeschoß befindet sich eine Laube, die sich in vier steilen Arkadenbögen zum Prinzipalmarkt und mit je einem Bogen zu den Seiten öffnet. Die Bögen werden von kräftigen Rundpfeilern auf polygonalen Sockeln mit skulpierten Kapitellen getragen. An der Nordecke der Laube wird bis heute während des Sends ein Holzarm dem "Sendschwert" als Symbol der städtischen Marktfreiheit angebracht. Den Abschluß des Erdgeschosses bildet ein kräftiges Gesims mit reichem Laubwerk sowie phantasievollen Menschen-, Tier- und Zwittergestalten. Das Hauptgeschoß mit dem heutigen Ratssaal besitzt entsprechend der Laube vier große Spitzbogenfenster, zwischen denen schmale Blendfelder liegen. Die dreibahnigen Fenster sind mit reichem Maßwerk aus Drei- und Vierpässen - wobei die beiden nördlichen Fenster etwas üppiger ausfallen - sowie mit feinprofilierten Gewänden und blattwerkgeschmückten Archivolten ausgestattet.

Über dem ausladenden Hauptgesims beginnt der Treppengiebel, der den vierteiligen Rhythmus der unteren Geschosse durchbricht und in sieben, durch profilierte Streben gerahmte und sich zur Mitte hin erhöhende, vertikale Achsen aufsteigt. Die eingetieften Wandfelder sind durch Blendnischen, Maßwerkfenster und Wappenschilde gegliedert. Letztere zeigen zwischen den von Greifen gehaltenen Stifts- und Stadtwappen in der Mitte das Reichswappen. Die drei vermauerten Speicherluken der Mittelstaffel erinnern an die ehemalige Funktion des Dachraumes als Warenlager der Kaufleute. Große Vielgestaltigkeit entwickelt die Fassade vor allem an den Rändern durch ihre aufgelöste Silhouette. Auf den äußeren Staffelabsätzen befinden sich geschwungene Maßwerkbrücken, und die profilierten Streben laufen in schlanken, figurbekrönten Fialen aus. Der größte Formenreichtum entfaltet sich aber an der Spitze des Giebels: Die drei in einer Höhe zusammengefaßten Mittelstaffeln enden in einem steinernen Schrein mit den Figuren von Christus und Maria, der von wimperggerahmten Maßwerkfenstern eingefaßt wird.

Wie schon die Übernahme gotischer Kirchenbauformen der Fassade einen ausgeprägt sakralen Charakter verleiht, so orientierte sich auch der Figurenschmuck des Giebels ursprünglich an der ausgeprägten Alltagsreligiösität des Mittelalters. Doch führten bereits Restaurierungsarbeiten früherer Jahrhunderte vermutlich aus ikonologischer Unkenntnis beim Ersetzen von verwitterten Figuren zu einer Entstellung des Sinngehaltes des Skulpturenprogrammes. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Rathaus bis auf Teile der Umfassungsmauern, der Seitenwände sowie der Arkaden zerstört. Der Wiederaufbau in den Jahren 1950-1958 hatte eine freie Kopie der historischen Schaufront zum Ziel, wobei auf einzelne Teile des historischen Figurenschmuckes verzichtet wurde, so daß dessen Sinngehalt noch undeutlicher wurde.

Die Figuren stehen heute entsprechend ihrer allegorischen Bedeutung in einer hierarchischen Gliederung, in deren Kontext ein Abbild des himmlischen Jerusalem sichtbar wird. Auf den unteren Fialen befinden sich zwei nach dem Messias Ausschau haltende Wächter, die die Erwartung symbolisieren. Moses als Präfiguration Jesu Christi und Elias als Vorbote des Messias stehen in der Mitte, auf der Stufe der Verheißung. Die Erfüllung versinnbildlichen die vier Thronengel auf den höchsten Fialen und der sogenannte "Himmlische Schrein" mit der Krönung Marias durch ihren Sohn. Unterhalb des Schreines steht als Repräsentant der irdischen Gewalt die Statue Karls des Großen, dessen Aufstellung ebenfalls die Unabhängigkeit der Stadt vom bischöflichen Landesherrn dokumentieren sollte.


Literatur

M. Bröker/A. Pohlmann
Das Rathaus - Münsters Wahrzeichen zwischen Gründung, Zerstörung und Wiederaufbau, Münster 1988.

W. Ueffing
Der Figurenschmuck der alten Rathausfassade zu Münster, in: Westfalen 60, Münster 1982, S. 201-214.


TECHNIKFoto
FORMATjpg


FOTO-PROVENIENZMünster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt


QUELLE    Killing, Anke | Historische Rathäuser in Westfalen | Dia 04, S. 21-24
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Ort3.5   Münster, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet3.11   Städte und Gemeinden, Ober-/Bürgermeister/Ober-Bürgermeisterin, Mitarbeiter
15.8   Architektur, Baudenkmäler, Architekt/Architektin
DATUM AUFNAHME2004-02-26
AUFRUFE GESAMT1778
AUFRUFE IM MONAT30