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(119 KB)   Die Emporenkirche bzw. der Johanneschor im Westwerk von Kloster Corvey, 1995 / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/S. Sagurna   Die Emporenkirche bzw. der Johanneschor im Westwerk von Kloster Corvey, 1995 / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/S. Sagurna
TITELDie Emporenkirche bzw. der Johanneschor im Westwerk von Kloster Corvey, 1995
DATIERUNG1995


INFORMATIONZwei Treppen in den Türmen führen von der Durchgangshalle bzw. "Krypta" in das Hauptgeschoß des Westwerkes. Eine Urkunde von 1481 spricht von dessen Altar: altare de ghewiget ys yn de ere sünthe Johanes babtisten up dem Thorne in unse munster tho Corueye geleghen. Deshalb bezeichnet man diesen Kirchenteil als Johanneschor. So wie sich sein Innenraum dem heutigen Besucher darbietet, wurde er bis 1965 rekonstruiert und restauriert. Dabei errichtete man die um 1600 entfernte Ostwand über dem Altar 1951völlig neu. Die drei übrigen Arkadenwände wurden, soweit sie vermauert waren, 1959 wieder geöffnet und ergänzt. Zum Teil stellte man neue Säulen mit modernen Kapitellen in die oberen Bögen.

Der quadratische Innenraum reicht über zwei Stockwerke. Ihn trennen an allen vier Seiten dreifach gegliederte Arkadenwände von seitenschiffartigen gewölbten Nebenräumen. Diese tragen im Süden, Westen und Norden ungewölbte Emporen. Im Osten aber fehlt ein Emporengeschoß. Darum konnte man im Mittelalter, als es noch keine Orgel gab, nach Osten in das Kirchenschiff blicken. Besonders die große Mittelöffnung vor der Westempore fällt dem aufmerksamen Betrachter auf. Sie ist nicht durch eine Säule geteilt und bis zum Boden heruntergezogen. Nach oben schließt eine flache stuckierte Balkendecke aus der Zeit um 1600 den Mittelraum ab. Bauspuren weisen jedoch darauf hin, daß die ursprüngliche Decke höher lag. Der Raum darüber konnte aus statischen Gründen wegen der großen Spannweite nur beschränkt genutzt werden.

Über die Verwendung solcher "Westwerke" gibt es vielfache und teilweise widersprüchliche Annahmen. Sie sollen als Westchor, Pfarrkirche, Kaiserkirche, Wehrkirche u.a. gedient haben. In Corvey weist die Westempore nicht nur die große Mittelöffnung auf, sie weitet sich hier zudem durch die Einbeziehung des Mittelrisaliten um eine mittelachsige Westnische. Der Platz in der Mittelöffnung kann für einen Herrschersitz benutzt worden sein. Die Situation gleicht nämlich derjenigen des zu 936 nachweisbaren Emporenthrones im Aachener Münster. In Corvey konnte man von hier durch die östliche Arkadenwand des Zentralraumes und durch die ebenfalls offene Ostwand des Westbaus bis zu den Altären des Mittelschiffs und des Chors blicken. Wie bei der Krönung Ottos I. 936 in Aachen gilt dann auch in Corvey, daß eine hochgestellte Persönlichkeit "von hier aus alle sehen und von allen wiederum gesehen werden konnte" (Widukind, Sachsengeschichte 2,1). Andere Verwendungen der Emporenkirche, etwa als Versammlungsraum, sind dadurch natürlich nicht ausgeschlossen.

Wie das Untergeschoß so läßt auch der Mittelraum Überlegungen zur geistlichen Bedeutung zu. Sein Umriß ist quadratisch, der Raumeindruck ist würfelförmig, er hat zwölf torartige Bögen. Diese Einzelheiten entsprechen der Beschreibung des himmlischen Jerusalem in der Offenbarung des Johannes. Es heißt dort in den Versen 21, 10ff.:
"Die heilige Stadt Jerusalem hat eine große und hohe Mauer, sie hat zwölf Tore, ... im Osten drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore. Und die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine und auf ihnen die zwölf Namen der Apostel ... Und die Stadt bildet ein Viereck, und ihre Länge ist so groß wie ihre Breite; ... ihre Länge, Breite und Höhe sind gleich."

Das 9. Jahrhundert stand solchen Baugedanken offen gegenüber. Das zeigt in Corveys Umgebung der Corbier Mönch Paschasius Radbertus. Der Theologe war neben Adalhard und Wala an der Gründung Corveys beteiligt. Er feierte das Gelingen an der Weser mit einem Vergleich: Corvey entsprach - nach geistlichen Qualitäten - einem himmlischen Jerusalem. Indem man nun das biblische Vorbild auf Erden mehr oder weniger, aber mit bezeichnenden Eigenarten nachgestaltete, erbaute man Räume, die zur Bitte um das Kommen von Vater, Sohn und heiligem Geist paßten. Hier sollte sich Gott auf Erden leichter zeigen oder wenigstens intensiver wirken können.


TECHNIKFoto
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FOTO-PROVENIENZMünster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/S. Sagurna


QUELLE    Krüger, Karl Heinrich | Das Kloster Corvey | Dia 07, S. 23-25
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Ort2.4.5   Höxter, Stadt
Sachgebiet16.6.5   Domkapitel / Klöster / Stifte, Klosterleben
DATUM AUFNAHME2004-02-25
AUFRUFE GESAMT4687
AUFRUFE IM MONAT15