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(121 KB)   Nadelfabrik St. Witte, Iserlohn, Stefanstraße, Villa Bellevue, Stennerstraße und Villa Carl Witte, Gartenstraße, Ansicht (Vogelschau) von Südwesten, um 1875 / Iserlohn, Stadtarchiv   Nadelfabrik St. Witte, Iserlohn, Stefanstraße, Villa Bellevue, Stennerstraße und Villa Carl Witte, Gartenstraße, Ansicht (Vogelschau) von Südwesten, um 1875 / Iserlohn, Stadtarchiv
TITELNadelfabrik St. Witte, Iserlohn, Stefanstraße, Villa Bellevue, Stennerstraße und Villa Carl Witte, Gartenstraße, Ansicht (Vogelschau) von Südwesten, um 1875
DATIERUNG1875 [um]


INFORMATIONDie Gestalt der Gebäude ist wirklichkeitsgetreu wiedergegeben, ihre Anordnung ist dagegen idealisierend dargestellt. Ausgehend von dem Fabrikgebäude wurde die Villa Bellevue um ca. 90 Grad gegen Westen gedreht. Die Villa Carl Witte wurde vom Betrachter aus gesehen nach Westen versetzt. Die topographische Lage der Gebäude ist korrekt abgebildet. Die beiden Villen befinden sich auf der "Stennert" bzw. "Tyrol" genannten Erhebung nördlich der Innenstadt, während die Nadelfabrik östlich davon im Baarbachtal, dem sogenannten Weingarten, liegt.

Die residenzartige Anordnung der Villen über der Fabrikanlage in einer alle Gebäude einschließenden Parklandschaft spiegelt zugleich die Aufsichts- und Kontrollfunktion des Fabrikherrn wider. So residieren die neuen Herren, die nach eigenem Selbstverständnis das Erbe des alten Adels angetreten haben.


Nadelfabrik Stephan Witte, Stefanstraße

Die Anfänge der um 1785 gegründeten Firma St. Witte & Co. sind in den Beteiligungen an verschiedenen Schleifmühlen zu suchen, die ursprünglich von dem Nadelfabrikanten Conrad von der Becke eingerichtet worden waren. Diese Schleifmühlen standen am Schluß eines viele Stationen umfassenden, dezentralen und arbeitsteiligen, auch teilweise heimgewerblichen Herstellungsprozesses von Nähnadeln. Die einzelnen Produktionsschritte waren: Schneiden, Geraderichten, Köpfe- und Öhrschlagen, Härten, Polieren, Zählen, Packen. Die Witteschen Schleif- und Poliermühlen lagen in der unmittelbaren Umgebung Iserlohns, am Westiger-, Caller- und Ihmerter Bach.

Die Besitzer der Schleifmühlen befanden sich, da sie schließlich über die fertigen Nadeln verfügten, in einer monopolartigen Position. Aus dieser Position heraus begannen einige damit, allmählich einzelne Produktionsstufen zusammenzufassen. Am Ende dieses Prozesses stand die Fabrik mit dem arbeitsteiligen Produktionsablauf. Voraussetzungen für diese Entwicklung waren die zunehmende Verwendung von Arbeits- und Werkzeugmaschinen, der Einsatz der Dampfmaschine als Antriebsmaschine, vor allem aber die Beschaffung des erforderlichen Kapitals. Eine ähnliche Entwicklung ist auch bei der Kettenproduktion zu beobachten. In der Regel begannen hier die Besitzer der Rollfaßanlagen - in Rollfässern wurden die fertigen Ketten poliert - damit, die dezentrale Produktion an einem zentralen Ort zusammenzufassen.

Nach 1827 gingen die Inhaber dazu über, Teile der Nadelproduktion zu zentralisieren. Hierzu wurden am Ohl in unmittelbarer Nähe der Wohnhäuser der Familie Witte zunächst drei turmartige Fabrikhäuser errichtet. Über Produktionsabläufe und Arbeitsbedingungen liegt ein aufschlußreicher Augenzeugenbericht vor:
"Die alte Fabrik bestand in der Hauptsache aus mehreren hohen, teilweise fünfstöckigen Fachwerkgebäuden mit steilen Treppen, dunklen Räumen und engen Winkeln. Damals wurden in der Fabrik viele Kinder, oft schon vom 7. Lebensjahr an, beschäftigt. Sie hatten es nicht leicht, da ihnen nicht nur das Reinigen und Putzen der Fabrikräume, das Anmachen und Unterhalten der Oefen und Oellampen, das Herbeischaffen und Kleinmachen von Holz, das Einspannen der Nadeln in Zangen beim Bläuen aufgetragen wurde; sondern sie wurden auch zu den vielen Transportarbeiten von einem Fabrikationsraum zum anderen benutzt, so daß sie den ganzen Tag treppauf und treppab zu laufen hatten, und oft soll - nach den Erzählungen alter Leute, die die damalige Zeit in der Nadelfabrik am Ohl noch miterlebt haben - die Behandlung dieser Kinder zu wünschen übrig gelassen haben, wenn sie nicht 'Werk halten' konnten."

Die beengte Lage der Witteschen Nähnadelfabrik zwischen Ohl und Westertor ließ spätestens zu Beginn der 1860er Jahre die Entscheidung reifen, nach einem Grundstück zu suchen, das sich für den Bau eines neuen Fabrikgebäudes eignete. Mit dem nach 1864 errichteten Neubau parallel zur Baarstraße konnten endgültig alle Arbeitsschritte zusammengefaßt und der Zentralantrieb durch die Dampfmaschine rationell verwirklicht werden. So war es jetzt möglich, Schritt für Schritt die maschinelle Fertigung einzuführen. Zunächst konnte jedoch durch den neuen Standort am nahen Baarbach die Wasserversorgung und über einen eigenen Gleisanschluß die Kohleanlieferung für die Dampfmaschine verbessert werden.

Mit der Gründung eines Preß- und Stanzwerkes 1893 versuchten die Inhaber den wiederholten Absatzeinbrüchen bei der Nadelproduktion entgegenzuwirken. Zunächst wurden Riemen- und Seilscheiben aus gepreßten Stahlblechen hergestellt. Gravierende Absatzschwierigkeiten veranlaßten den Unternehmer Friedrich Kirchhoff jedoch, diese Fertigung aufzugeben und die Produktion auf Puffer für Eisenbahnwagen, gepreßte Waggonteile sowie Achshalter und Konsolenlager für Güterwagen umzustellen. Diese Entscheidung war die Voraussetzung für den Fortbestand der Firma und die Sicherung des Firmenstandorts in Iserlohn - auch nach der Aufgabe der Nadelfertigung im Dezember 1954.

Nach langer und kontrovers geführter Diskussion wurde das architektur- und technikgeschichtlich bedeutsame Baudenkmal an der Stefanstraße "nach Abwägung öffentlicher Interessen" 1982 abgebrochen. Der Gebäudekomplex mußte einer Straßenverlegung weichen. Die Firma selbst wurde in das neue Gewerbegebiet Sümmern-Rombrock verlegt, nur das 1970 errichtete Verwaltungsgebäude verblieb an der Stefanstraße.


Villa Bellevue, Stennerstraße

Erläuterung s. Bild 2  Medien


Villa Carl Witte, Gartenstraße 48

Den Bauantrag für dieses Gebäude stellte 1867 der Fabrikant Carl Witte. Damit wurde die erste Villa auf dem Tyrol errichtet. Der Architekt ist nicht bekannt. Es ist jedoch anzunehmen, daß die Villa nach einem Entwurf des Iserlohner Bauunternehmers Otto Schmidt ausgeführt wurde, da eine stilistische Ähnlichkeit mit der gegenüberliegenden Villa Ebbinghaus/Möllmann, die 1870 vom genannten Bauunternehmer errichtet wurde und heute die städtische Musikschule beherbergt, festzustellen ist. 1969 wurde die Villa Witte abgebrochen.

Carl Witte (1830-1891) war Mitinhaber der Nadelfabrik St. Witte. Im Erbauungsjahr 1867 wurde ihm der Titel "Kommerzienrat" verliehen.

Vor ihm erhielten diese Auszeichnung sein Onkel Hermann Witte, der darüber hinaus auch noch mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Iserlohn bedacht wurde, sowie sein Großvater Stephan Witte. Carl Witte war Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats, ferner war er Vorsitzender der Sektion VI der Berufsgenossenschaft Feinmechanik. Er wohnte bis zu seinem Umzug in die Gartenstraße im Haus Ohl 7.

Die Funktion der hier dargestellten Gebäude wurde für jeden Betrachter erkennbar durch die unterschiedliche architektonische Gestaltung der Fassade verdeutlicht. Die Fassade der Villa Bellevue gestaltete der Architekt im Stil der Renaissance. Er folgte damit den Vorstellungen des zu Wohlstand und Einfluß gekommenen bürgerlichen Mittelstands. Mit der Übernahme dieses Stils knüpfte man bewußt an die Blütezeit des städtischen Bürgertums im 15. und 16. Jahrhundert an. Der Neorenaissancestil wurde in Kunsthandwerk und Architektur geradezu zum deutschen National- und Volksstil. Neben den bürgerlichen Wohnbauten wurden viele Behörden und Schulgebäude in der Zeit nach 1870 in diesem Stil errichtet. In Iserlohn folgten diesen Gestaltungsprinzipien das Rathaus (1875), das Postgebäude (1882), das Gesellschaftshaus der Bürgergesellschaft (1897) und als Beispiel für die Schulgebäude die Königl. Fachschule für Metallindustrie (1900).

Der aufwendig gestalteten Fassade der Villa steht die schlichte und fast kühle Architektur der Nadelfabrik an der Stefanstraße im Stil des preußischen Klassizismus gegenüber. Den Vorübergehenden sowie den hier Arbeitenden sollte immer gegenwärtig sein, daß an diesem Ort Ordnung und Disziplin herrschen. Die Anordnung der Gebäude - die Villen, entrückt auf einer Anhöhe, über der im Tal liegenden Fabrik - spiegelt zugleich den Anspruch immerwährender Aufsicht und Kontrolle wider.


Anhang

Aus dem Reisebericht des Regierungspräsidenten H. F. A. Graf von ltzenplitz (Arnsberg) vom 30.07.1845:

"Dicht bei der Stadt [Menden] liegt die bedeutende Papierfabrik des H. Ebbinghaus und die Fabrik von Schmöle & Romberg, welche 50-80 Arbeiter beschäftigt und in welcher Messing und Bronze gefertigt wird. Dasselbe Haus besitzt eine zweite Fabrik in Iserlohn, weiche die Produkte der ersteren weiter verarbeitet.

Nach etwa 3stündigem Aufenthalt ging es über die Bahrstraße nach Iserlohn. Die Bahrstraße (sogenannt nach dem davon entlang fließenden Bahrbach) ist auf Actien, mit geringem Zuschuß aus Staatsfonds vor kurzem gebaut und vor ca. 1 Jahr eröffnet. Der Bau ist von dem Oberwegebaumeister Nietze in Limburg geleitet, dabei aber bedeutend der Anschlag überschritten. An derselben liegt 1 Stunde an Iserlohn eine Fabrik für Schirmzwingen und dergleichen, und näher an Iserlohn ein Felsenkeller. Iserlohn wird etwa nach 9 Uhr erreicht. Bei der Ankunft im 'Deutschen Haus' wurden der Bürgermeister, mehrere Stadtverordnete und Fabrikanten (darunter der Director des Landes- und Stadt-Gerichts) der Kreisphysicus und der Rector der Schule versammelt gefunden. Die Versammelten sprachen einstimmig den Wunsch aus, daß die projectierte Ruhr-Sieg-Eisenbahn die Richtung durch das Lennethal gegeben werden möchte, damit Iserlohn, welches sein Eisen aus Siegen und die Kohlen von der Ruhr beziehe, aus dieser Sache Vortheil ziehen könne. Auch wurde die größere Bedeutung des Lennethales von der Bedeutung von Iserlohn im Vergleich zum Vollmethal gedacht. Als eine besonders zu berücksichtigende Angelegenheit wurde sodann das Verhältniß der Schule erwähnt, welche einer Erweiterung, vor Allem aber der Anstellung eines 3ten Lehrers dringend bedarf. Nach der Angabe des Bürgermeisters steht die Realisierung der letzteren Maaßregel ganz nahe bevor, da von den Stadtverordneten die für Schulzwecke bewilligten Summe ganz kürzlich um ca. 400 Rtlr. auf 700 Rtlr. erhöht worden.

Am Donnerstag den 31. Juli früh wurde zunächst die Bronzewaarenfabrik des Herrn Kommerzienraths Ebbinghaus unter dessen eigener Leitung in Augenschein genommen.

In derselben werden besonders fein gepreßte Bronzesachen gefertigt und zwar in folgender Weise. Ein Messing- oder Tombackblech wird unter schwere, eiserne Stampfen gelegt, welche das zu druckende Muster in erhabener (Stahl-, Kupfer- oder Messing-) Arbeit enthalten, während das entsprechend vertiefte Muster auf der festen Unterlage angebracht ist. zunächst werden 3-4 Bleche zusammen unter die Stampfe gebracht, sodann die auf diese Art vorgepreßten Stücke jedes einzeln, um das Muster scharf auszuprägen. Sobald dies statt gefunden, werden die Bleche geglüht, dann in einer Scheidewasserlösung gereinigt und hiernach, je nach der Art des Musters und der Feinheit des Gegenstandes, poliert oder vergoldet, endlich zum Theil auch noch weiter zu Uhrschildern, Kruzifixen usw. verarbeitet. Die verarbeiteten Gegenstände gehen nach Deutschland, Italien, Spanien und America, dagegen nicht nach England oder Frankreich.

Um diesem Fabrikationszweig einen noch größeren Schwung zu geben, muß es vor Allem nöthig sein, die Erfindung neuer Muster durch Gewährung eines mehrjährigen Schutzes auf das Eigenthum eines solchen Fabrik-Musters zu befördern. In Bezug auf Spanien und den Absatz dorthin erscheint besonders ein politischer Schutz der dort Reisenden durch Consule und diplomatische Agenten sehr wünschenswerth.

Eine neue Absatzquelle erscheint sich demnächst in Rußland zu eröffnen. Nach Beendigung dieser Besichtigung wurde die Fabrik von Schmäle & Romberg besucht, welche Eisen, Neusilber Messing, Bronze und Stahlwaaren liefert, namentlich Gegenstände zum Pferdegeschirr, Wagenbeschlag, Schnallen, bronzene Knöpfe, Sporen und dergleichen. Auch die Erzeugnisse dieser Fabrik gehen nach Nordamerica, Mexico, Spanien usw. Auch messingne Einsatzgewichte werden in dieser Fabrik gemacht und bemerkten bei diesem Artikel die Fabricanten, daß merkwürdigerweise die Aichungskosten solcher Gewichte in der diesseitigen Provinz bedeutend theurer wären als z.B. in der Provinz Sachsen, namentlich in Magdeburg, so daß es vortheilhafter wäre dort eichen zu laßen und den Transport zu tragen.

Die Nadelfabrik von Stephan Witte & Co., welche sodann besucht ward, ist vielleicht die bedeutendste derartige Anstalt auf dem Continent. Die Dräthe aus welchem die Nadeln gefertigt werden, sind auf einer in der Nähe der Stadt belegenen Hütte gezogen. Dieselben werden in Stücke geschnitten, welche jedes die doppelte Länge der zu fertigenden Nadel haben, diese Stücke werden dann zunächst durch Glühen erweicht und in diesem Zustand gerade gedrückt. Hierauf werden die Spitzen von beiden Enden angeschliffen, dann unter schweren Stampfen in der Mitte jedes Drathes 2 Ösen eingeprägt, welche unter anderen Stampfen durchgeschlagen werden. Sobald hierauf die Nadelöhren befeilt und zu 2 bisher zusammenhängenden Nadeln von einander gebrochen sind, werden sie in große Paquete gepackt und geschliffen, wozu die Vorrichtungen in der in Becke stehenden Fabrik jedoch nicht vorhanden waren. Sodann werden sie auf kleinen Eisenplatten geglüht, kommen hierauf in ein Oelbad, werden nochmals in einer Trommel angewärmt und endlich in Seifwasser gewaschen. Wenn dann die Öhre nochmals nachgebohrt und die Nadeln sortiert sind, werden sie zum Verkauf in die Briefe verpackt. In dieser Fabrik sind ziemlich viele Kinder beschäftigt.

Die ebenfalls in Augenschein genommene Fabrik von Herrmann Löbbecke liefert ähnliche Artikel wie die von Schmöle & Romberg, beschäftigt nur 60 Arbeiter.

Der Aufenthalt in Iserlohn wurde mit einem Besuch bei der Wwe. des Fabricanten Piepenstock beschlossen, welche zusammen mit ihrem Schwager Ditsch mehreren Fabriken im Lennethal vorsteht.

Zwischen 10 und 11 Uhr wurde Iserlohn verlassen und in Begleitung zu dem 1 Meile entfernten Gute Edelburg des H. Löbbecke gefahren, welcher außer diesem noch die Güter Hämern [Hemer] und Clusenstein besitzt, mit einem Areal von 3000 Morgen Wald, 800 Morgen Aecker und 400 Morgen Wiesen. In Edelburg sind die Rieselwiesen sehenswerth, bei denen der Umbau zum Theil 120 Rtlr. per Morgen gekostet hat. Herr Löbbekke ein liebenswürdiger, noch junger Mann, der mit einer Loebbecke aus Braunschweig verheirathet ist, soll ein guter Landwirth sein, ist auch Director des landwirtschaftl. Kreisvereins in Iserlohn."

Quelle: NW-Staatsarchiv Münster, RP Arnsberg, Nr. 450, fol. 24r-26r.


TECHNIKLithografie
FORMATjpg
MASZE10 x 6 cm


FOTO-PROVENIENZIserlohn, Stadtarchiv


QUELLE    Bettge, Götz | Kommerzienrat Friedrich Hermann Herbers | Dia 05, S. 28-34
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.8   1850-1899
Ort1.8.6   Iserlohn, Stadt
DATUM AUFNAHME2004-02-25
AUFRUFE GESAMT539
AUFRUFE IM MONAT10