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Johannes Gronowski / Paderborn, Stadtarchiv
FAMILIEGronowski
VORNAMEJohannes
TITELDr. h. c.
BERUF / FUNKTIONOberpräsident der Provinz Westfalen


GESCHLECHTmännlich
GEBURT DATUM1874-02-04   Suche
GEBURT ORTGraudenz/Westpreußen
TAUFNAMEJohannes Franz
KONFESSIONkath.
EHEPARTNER1904: Pott-Eckardt, Sophia (gest. 05.02.1943)
TOD DATUM1958-08-27   Suche
TOD ORTPaderborn
TODESURSACHEHerzleiden
BEGRÄBNIS ORTPaderborn, Westfriedhof


VATERGronowski, August Franz (gest. 09.09.1873)
MUTTERPeplinska, Maria


ÄMTER / FUNKTIONEN | Westfalen, Provinz (Preußen) <1815-22.08.1946> | Oberpräsident (OP) | 11 | 1922-05-08 - 1933-02-22
28.04.1922: Ernennung; 08.05.1922 Amtsantritt; 22.02.1933: Versetzung in den einstweiligen Ruhestand; 06.10.1933: Enlassung gemäß § 4 "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 07.04.1933
| Münster, Regierungsbezirk | Regierungspräsident/in (RP) | 16 | 1932-07-22 - 1932-09
kommissarisch


BIOGRAFIE"Wir müssen hindurch durch die Wüste und darum herzhaft in die Speichen gepackt, Zähne zusammenbeißen und etwas Vertrauen auf Gott und die eigene Lebenskraft, Das ist wertvoller und erfolgreicher als Wehklagen und Parteigezänk." So rief es Johannes Gronowski den Abgeordnetem zu, als er angesichts der kritischen wirtschaftlichen und finanziellen Lage der Provinz am 19.04.1931 in seiner Eigenschaft als Staatskommissar traditionsgemäß den 77. Westfälischen Provinziallandtag eröffnete. Es sind dies zu Tatkraft und Entschlossenheit in schwerer Zeit aufrufende Worte eines Mannes, der mit großer Willensstärke und Unbeugsamkeit in grundsätzlichen Dingen, mit Selbstachtung und in tiefer Religiosität gegründeter Selbstlosigkeit seinen eigenen Lebensweg gemeistert hatte. In einer Zeit krisenhafter Übergänge hat Gronowski in vielfältigen Ämtern des Staates, der katholischen Arbeiterbewegung, der Zentrumspartei und der CDU gedient. Er stieg vom Arbeiter bis zum Oberpräsidenten auf, ohne daß ihn diese Berufung besonders beglückt hätte. Vielmehr übernahm er diese Aufgabe mehr aus staatspolitischem Pflichtbewußtsein und aus Gründen der Parteiräson denn aus Neigung und Ehrgeiz. Seine Vorliebe gehörte zeitlebens der katholischen Arbeiterbewegung, deren Probleme er "vor Ort" kennengelernt und zu deren Lösung er ein gutes Stück beigetragen hat.


1.

Johannes Franz Gronowski wurde als erstes Kind des Arbeiters August Franz Gronowski und dessen Frau Maria, geb. Peplinska am 04.02.1874 in der westpreußischen Kreisstadt Graudenz geboren. Der Vater erlebte die Geburt seines Sohnes nicht mehr; er starb am 09.09.1873 an einer schweren Infektionskrankheit im Alter von 35 Jahren. Das verschärfe die ohnehin bescheidene wirtschaftliche Situation des Elternhauses noch mehr. Die Mutter war auf sich allein angewiesen, da weder ihre noch die Familie ihres Mannes finanziell unterstützen konnte. So mußte der Junge, kaum schulpflichtig, sie fast täglich Brennholz aus dem Wald holen und während der Schulferien täglich zwölf Stunden für 50 Pfennig, mit zunehmendem Alter etwas mehr, beim Bauern arbeiten. Ein ganzes Schuljahr wurde ihm geschenkt, damit er sich die notwendige Kleidung zur Erstkommunion verdienen konnte.

Nach Abschluß der Volksschulzeit verließ Gronowski mit fünfzehn Jahren das Elternhaus und ging in die "Fremde" nach Berlin, wo er Maschinen- und Bauschlosser lernte. Damals hatte die Woche noch sieben Arbeitstage, und Gronowski war froh, wenn ihn sein Lehrherr jeden zweiten Sonntag zwei Stunden vom Schraubstock entließ, um die Messe besuchen zu können. In dieser Zeit hatte er auch die ersten Kontakte mit dem Kolpingverein.

Nach der Gesellenprüfung 1892 begannen die üblichen Wanderjahre, die ihn quer durch Deutschland und schließlich nach Dortmund führten, wo er als Maschinenschlosser in der Eisenbahnhauptwerkstatt arbeitete. Hier wurde erstmals Gronowskis Strebsamkeit, aber auch seine politische Aufgeschlossenheit und Tatkraft deutlich. Er qualifizierte sich durch Abendkurse zum Werkführer einer Abteilung von 52 Handwerkern und Arbeitern. Gleichzeitig schloß er sich der noch in den Anfängen stehenden katholischen Arbeiterbewegung an. Fest gegründet in seiner Religiosität, hatte Gronowski sein künftiges Wirkungsfeld gefunden: die katholische Arbeiterbewegung. 1904 heiratete er Sophie Pott-Eckardt; aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.

Gronowski hat sich immer stolz dazu bekannt, den schwierigen und oft entbehrungsreichen Weg des Autodidakten gegangen zu sein. Er eignete sich wie so viele der damaligen Führer der sozialistischen und der christlichen Arbeiterbewegung in Abendkursen das geistige Rüstzeug an. Vor allem besuchte er die Unterrichtskurse des 1890 gegründeten, als religiöse und sozialpolitische Massenschulungsstätte für die deutschen Katholiken konzipierten "Volksverein für das katholische Deutschland" in Mönchengladbach, der schon bald den Ruf besaß, "im besten Sinne eine Volksuniversität" zu sein. 1895 war Gronowski so weit, daß er an dem fünftägigen "praktisch-sozialen Kursus" des Volksvereins teilnehmen konnte, der sich speziell mit der Arbeiterfrage befaßte. Später absolvierte er auch den "Großen Kursus" in Mönchengladbach, der sich über zehn Wochen erstreckte und von dem späteren Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns geleitet wurde.

Gronowski hat eine besondere Befriedigung darin empfunden, seine Erfahrungen an Jüngere weitergeben zu können. Unter dem unmittelbaren Eindruck des "praktisch-sozialen Kursus" richtete er mit Gesinnungsfreunden 1895 in Dortmund das erste "Volksbüro" ein, das die Arbeiter in Angelegenheiten der Sozialversicherung und des Arbeitsschutzes sowie in Schul-, Steuer- und Militärsachen beriet. Darüber hinaus sollte das Büro das katholische Vereins- und Verbandsleben insgesamt beleben und vor allem dem Volksverein den Weg ebnen.

Dieses Vereinsleben befand sich in Dortmund in jener Zeit in einem desolaten Zustand. Nach dem Abklingen des Kulturkampfes stagnierte der organisatorische Ausbau. Bei politischen Wahlen konnten kaum genügend Mitglieder als "Hilfstruppen" des katholischen Kandidaten mobilisiert werden. Bedeutsamer waren die Folgen in sozialer Hinsicht. Da die katholischen Vereine traditionellen Stils keine ernsthaften Anstrengungen unternahmen, um den religiösen und sozialen Herausforderungen begegnen und "an der eigenen Schulung und Durchbildung" arbeiten zu können, vermochten sie die katholische Arbeiterschaft kaum anzusprechen. Hier nun setzten einige Geistliche und Laien an. Sie steckten sich für die katholische Sozialarbeit die Ziele, dem Arbeiter durch die Vermittlung eines soliden religiösen und geistigen Fundaments, durch Information und Hilfestellungen für den beruflichen Alltag und durch Vertretung der Interessen der katholischen Arbeiterschaft im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Raum zu helfen.

Dazu bedurfte es allerdings einer strafferen Organisierung als bisher. Deshalb sollten Arbeitervereine, christliche Gewerkschaften und die Zentrumspartei verstärkt die Belange der katholischen Arbeiter vertreten. Gegner waren die Sozialisten und Liberalen als Gewerkschaften und Parteien. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Schaffung eines Arbeitersekretariats in Dortmund, dessen Leitung Gronowski am 01.04.1902 übernahm. An beiden Entscheidungen hatten vor allem der Generalsekretär des Volksvereins, Brauns, und der 1898 als Kaplan nach Dortmund versetzte spätere Generalvikar der Diözese Paderborn, Professor Joseph Rosenberg, mitgewirkt.

Zunächst war das Arbeitersekretariat nur ein Einmann-Betrieb, ohne gesicherte und ausreichende Geldmittel und ohne die notwendige Büroausstattung. Gronowski mußte also Pionierarbeit leisten, deren Erfolgsaussichten alles andere als günstig waren. Galt doch Dortmund in katholischen Kreisen aufgrund des vergleichsweise hohen Organisationsgrades der sozialistischen Arbeiterschaft als "verlorener Posten". An erster Stelle standen Fragen des Rechts- und Arbeitsschutzes für die Mitglieder. Hinzu kam der Aufbau der Organisation, die helfen sollte, sobald wie möglich in Dortmund einen katholischen Arbeiterverein zu gründen.

Parallel zu seinen Verpflichtungen als Arbeitersekretär arbeitete Gronowski in der Zentrumspartei auch kommunalpolitisch mit. Diese unmittelbare und offene Verbindung von katholischer Verbandstätigkeit und parteipolitischem Engagement war damals für die katholischen Arbeitersekretäre eine Selbstverständlichkeit. Gronowski hat dies später in der ihm eigenen unprätentiösen und unverfänglichen Weise so formuliert: "Niemand darf glauben, daß der erste christliche Arbeitersekretär in Dortmund nur Rechtsschutz erteilte und den Aufbau der ... Organisationen vervollständigte. O nein, er mußte auch Hilfe leisten bei allen politischen Wahlen." 1905 wurde er in die Dortmunder Stadtverordnetenversammlung gewählt, wo er mit 31 Jahren zu den jüngsten Abgeordneten zählte und sich als Delegierter der III. Abteilung gegenüber den Vorurteilen der im Stadtrat dominierenden Gruppe "von Bildung und Besitz", wie Gronowski die Vertreter der Nationalliberalen Partei bezeichnete, behaupten mußte.

Am 06.05.1906 wurde der erste katholische Arbeiterverein in Dortmund mit 58 Mitgliedern gegründet. Damit war das erste Teilziel erreicht, doch beteiligte sich Gronowski an dem weiteren Ausbau des Vereins nur noch kurze Zeit hauptamtlich. Denn gut zwei Jahre später, am 01.10.1908, berief ihn die Dortmunder Zentrumspartei zu ihrem Parteisekretär.


2.

Seine Tätigkeit als Parteisekretär des Bezirks Dortmund-Hörde war vor allem mühevolle Kleinarbeit: Eintreiben der Mitgliedsbeiträge, Kontakte mit Ortsgruppenverbänden, Anstöße und Hilfen zum Aufbau neuer Bezirke, Organisation der Wahlkämpfe. Dennoch war Gronowski alles andere als ein subalterner Funktionärstyp, der erst auftragsgemäß aktiv wurde. Er hat seine Rolle als Parteifunktionär immer auch politisch verstanden. So bereitete er Schulungstage und Wahlkämpfe nicht nur organisatorisch vor, sondern trat in ihnen auch als Redner auf. Dabei kam ihm gerade im rheinisch-westfälischen Industriegebiet zustatten, mit Land und Leuten sehr vertraut zu sein. Allerdings, ein theoretischer Kopf, der Resolutionen entwirft und programmatische Erklärungen verfaßt, ist Gronowski nicht gewesen. Seine Stärke war die Empfindsamkeit für die konkreten wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Arbeiterschaft und der christlich-nationalen Arbeiterbewegung.

Noch im Jahr seiner Berufung zum Parteisekretär wurde Gronowski in der Stichwahl mit den Stimmen der SPD gegen den Kandidaten der Nationalliberalen Partei für den Landkreis Dortmund in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt. Er hatte den Sprung ins Abgeordnetenhaus nicht planmäßig angesteuert, sondern war ebenso wie die Partei überrascht, nachdem das Zentrum in den vorausgegangenen Reichstagswahlen von 1907 in Dortmund nicht die erhofften Mandate hatte erringen können. Der Erfolg Gronowskis erklärt sich in erster Linie aus seiner Tätigkeit als Arbeitersekretär, die ihm unter den Arbeitern zu seiner relativ großen Popularität verhalf und ihn auch für die SPD nach dem Scheitern ihres eigenen Kandidaten wählbar gemacht hatte.

Im Abgeordnetenhaus in Berlin hat er sich durch seine Sachkompetenz für sozialpolitische und arbeitsrechtliche Fragen Anerkennung über den Kreis seiner Parteifreunde hinaus erworben. Als 1913 Neuwahlen anstanden, sicherte ihm die Fraktionsspitze seine Wiederwahl durch eine Kandidatur in der Zentrumshochburg Mönchengladbach, da die Partei, wie die "Kölnische Zeitung" schrieb, "diesen Arbeiterabgeordneten ... der Zentrumsfraktion erhalten will" und andererseits ein erneuter Erfolg in Dortmund fraglich schien. Gronowski gehörte zu den regelmäßigen Sprechern seiner Fraktion. Außer zu sozialpolitischen und arbeitsrechtlichen Problemen äußerte er sich gelegentlich auch zu so traditionellen Themen der Zentrumspartei wie der Kultur-, Schul- und Kirchenpolitik. Dabei war er kein guter Redner. Was er sagte, war zwar inhaltsreich und durchdacht, besaß aber wenig Pathos, wenig Brillanz, in der Wortwahl eher schmucklos und einfach in den Denkfiguren. Gronowskis Stärke lag in der Debatte, im Hin und Her der Argumente, und er beherrschte auch die Technik des parlamentarischen Zwischenrufes. Leidenschaftlich und polemisch scharf wurde er, wenn es um Fragen der Lohn- und der Rentenpolitik ging.

Gronowski war ein entschiedener Gegner der sozialistischen Klassenkampfideologie. Infolgedessen beurteilte er das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer auch nicht in Freund-Feind-Kategorien. Er war davon überzeugt, daß bei gutem Willen von beiden Seiten und durch bestimmte, institutionell verankerte Mitspracherechte der Arbeiter die "Klassengegensätze" überbrückbar und sogar lösbar seien. Durch die gemeinsame Arbeit in allerdings nicht paritätisch besetzten Ausschüssen hoffte er auf die gegenseitige Erkenntnis, "daß nicht alle Werksbesitzer, nicht alle Grubenherren Ausbeuter und Feinde der Arbeiter sind" und daß "nicht alle Arbeiter, auch nicht alle organisierten Arbeiter, der Sozialdemokratie angehören". Gronowski war zuversichtlich, daß die fundamentalen Gegensätze zwischen Unternehmer und Arbeiter, die er sah und im Unterschied zu der Mehrzahl seiner Parteifreunde als Klassengegensätze bezeichnete, in erster Linie durch eine fortschrittliche Sozial- und Arbeitspolitik überwunden und gelöst werden könnten. Dazu gehörten für ihn eine gerechtere, leistungsbezogene Lohnpolitik, Arbeitszeitverkürzungen, eine bessere Versorgung im Rentenalter, aber auch die Koalitionsfreiheit und das Streikrecht, das er allerdings nur als ultima ratio in Tarifauseinandersetzungen angewandt wissen wollte.

Von einer Sozialpolitik, die sich an den Interessen und Bedürfnissen der Arbeiterschaft orientierte, erhoffte sich Gronowski eine zweifache Wirkung: die Aussöhnung der Masse der Arbeiterschaft mit der geltenden Staatsordnung und deren Sicherung durch eben diese Reformpolitik. Gronowski verstand Sozialpolitik also nicht, wie Teile der sozialistischen Gewerkschaften und der SPD, als Brücke zu einer grundlegend anderen Staats- und Gesellschaftsordnung, sondern als eine zentrale Möglichkeit der Systemerhaltung. Darüber hinaus hegte er die Hoffnung, auf diese Weise den Zulauf zu den sozialistischen Gewerkschaften aufzufangen und mehr und mehr Arbeiter für die christlichen Gewerkschaften zu gewinnen. Seine Vorstellungen von der politischen und geistigen Emanzipation des Arbeiterstandes berührten sich mit denen der sozialistischen Gewerkschaften. Aber die Kluft zwischen beiden war doch erheblich; sie hatte staatspolitische, ideologische und vor allem religiöse Gründe. Auch Gronowski diskriminierte die SPD als "Umsturzpartei" und die sozialistisch organisierten Arbeiter als staatsgefährdend, lehnte aber andererseits das Mittel der Ausnahmegesetze ab. Statt dessen plädierte er für eine politische Bekämpfung der SPD, bei der er in dem Ruf stand, immer dann von seiner Fraktion ans Rednerpult geschickt zu werden, "wenn irgendein Trumpf gegen die Sozialdemokratie ausgespielt werden soll...".

Wenn Gronowski in der Sozial- und Arbeitspolitik auch fortschrittliche, für seine Fraktion durchaus nicht immer repräsentative Positionen vertrat, so war er doch in seinen Grundanschauungen ein gemäßigter, auf Ausgleich bedachter Politiker. Er wich keiner Kontroverse aus, aber er suchte die Konfrontation nicht. Kein vorsichtig taktierender, nach allen Seiten sich absichernder Parlamentarier, neigte er dazu, Gutwilligkeit und Kompromißbereitschaft des Gegners zu überschätzen, was ihn teilweise daran hinderte, Entscheidungen als Machtfragen zu erkennen. Dies zeigt sich beispielhaft an seiner Einstellung zum preußischen Dreiklassenwahlrecht. Obwohl grundsätzlich ein Gegner dieses Wahlverfahrens, kämpfte er nicht mit jener Entschlossenheit und Kompromißlosigkeit für dessen Beseitigung, mit der er und seine politischen Freunde etwa in Fragen der Kultur- und Kirchenpolitik auftraten. Er kritisierte sogar das Verhalten der SPD als zu aggressiv und warf ihr vor, das Wahlrecht benutzen zu wollen,
"um ihre politische Kraft und Macht ausüben zu können... Sie brauchen bloß an den 10. Februar 1910 zu denken, als Sie den Herrn Reichskanzler von Bethmann Hollweg in einer Weise empfingen, die ein Bergmann mit der allerniedrigsten Schulbildung in einer öffentlichen Versammlung sich schämen würde anzuwenden. Dieses Verhalten und ihre sonstige Agitationsart hat der Idee des gleichen Wahlrechts den allergrößten Schaden zugefügt, und dann wundern Sie sich, wenn die Stimmung für das Reichstagswahlrecht allmählich abgeflaut ist."

Politischer Radikalismus gleich welcher Spielart war Gronowski zuwider, und er verurteilte nationalistische Übersteigerungen, wie sie in der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges auch in seiner Partei zu beobachten waren. Vielmehr trat er für eine schrittweise und behutsame Demokratisierung des öffentlichen Lebens ein, ohne die monarchische Spitze als Verfassungsinstitution grundsätzlich in Frage zu stellen. Es sieht so aus, als ob auch Gronowski wie zahlreichen anderen katholischen Arbeiterführern die parlamentarische Monarchie als vorläufiges Ziel einer Verfassungsreform vorschwebte. Insofern fiel es ihm nicht sonderlich schwer, sich nach der Novemberrevolution auf dem Boden der neuen politischen Realitäten zurechtzufinden.


3.

Gronowski hat die revolutionären Vorgänge, die zur Republik von Weimar führten, nicht bejaht, doch wies er alle Versuche nachdrücklich zurück, ihren Repräsentanten den Zusammenbruch des alten Systems anzulasten. Die Ursache dafür sah er, wie er am 20.02.1920 vor der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung sagte, in dem
"Geist, der in Preußen geherrscht hat. Wenn Kreuz und Leid ... gleichmäßig von Hoch und Niedrig im Kriege und in der Heimat getragen worden wäre, ... die moralische Kraft des deutschen Volkes hätte ausgereicht, um uns wenigstens vor diesem größten Unglück (der Revolution, d. Vf.) zu bewahren; ... und wenn etwas mehr bescheidener Geist auf der rechten Seite geherrscht hätte, etwas mehr staatsbürgerliche Gesinnung, etwas mehr Anpassungsvermögen, weniger Hochmut und weniger Überhebung, ... der Mann im Schützengraben und der Mann in der Grube und am Martinsofen hätte manches mit in Kauf genommen und in eine neue bessere Zeit mit hinübergerettet."

Sich an dem Aufbau der neuen Staatsordnung zu beteiligen, hatte Gronowski keinen Moment gezögert. Allerdings war seine Mitarbeit, wie dies für den größten Teil seiner Partei zutraf, überwiegend von der Sorge bestimmt, "Schlimmeres verhüten zu wollen". Darunter verstand er vor allem die Aufgabe, eine "sozialistische Diktatur" abzuwenden und "durch eine Volksregierung zu ersetzen". Deshalb verlangte er, rücksichtslos gegen die Anhänger der Spartakusgruppe und der USPD vorzugehen, und verteidigte das Zusammengehen mit der SPD als notwendiges Übel. Das Bild vom "führerlosen Reichswagen", von Gronowski in einer parlamentarischen Rede gebraucht, wurde insofern der politischen Wirklichkeit nicht voll gerecht, aber es entsprach einer im Zentrum weit verbreiteten Vorstellung und diente nicht zuletzt dazu, die Koalition mit der bisher heftig bekämpften SPD vor sich und den Parteianhängern zu rechtfertigen.

Zugleich verstand Gronowski die durch die revolutionären Ereignisse geschaffene Situation aber auch als Chance für die Realisierung längst überfälliger politischer und gesellschaftlicher Reformen. So plädierte er in der brisanten Frage der inneren Struktur des Reiches für eine umfassende Revision der Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen Reich und Ländern mit dem Ziel eines starken deutschen Einheitsstaates. Die Einzelstaaten sollten auf zentrale Souveränitätsrechte zugunsten des Reiches verzichten. Die preußische Staatsregierung forderte er dazu auf, freiwillig den ersten Schritt in diese Richtung zu tun. Darüber hinaus trat er für eine Demokratisierung der öffentlichen Verwaltung ein und unterstützte die darauf abzielenden Bemühungen des preußischen Innenministers Severing. Die von deutschnationalen Abgeordneten vorgebrachten Bedenken, Parteizugehörigkeit dürfe bei der Besetzung von Beamtenstellen keine Rolle spielen, wies er 1920 in der Landesversammlung erregt mit der Bemerkung zurück: den
"Herrschaften paßt die ganze Richtung nicht, ihnen paßt die Sozialpolitik des Zentrums nicht, Ihnen paßt die Steuer-, Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht, Ihnen paßt die Demokratie nicht und Ihnen paßt die Republik nicht ... Sie piepmeiern und jammern vergangenen Zeiten nach, statt aufzubauen. Darauf kommt es an. Sie sehnen sich nach den Zeiten, wo der Mensch noch nach Stand, Rang, Vermögen, nach Kleidung, Titel und Ordenszeichen unterschieden wurde. Das machen wir einfach nicht mit. Jede Partei hat nach der Revolution Opfer der Überzeugung bringen müssen, aber Sie scheinen Leute in Ihren Kreisen zu haben und aufzunehmen, die während des Krieges, nach dem Kriege und während der Revolution auch nicht einen Funken hinzugelernt haben."

Gronowski warnte schon frühzeitig vor den Gefahren, die der jungen Republik durch den politischen Radikalismus drohten. Er machte hier keinen Unterschied zwischen extremen linken oder rechten Gruppen, die er in der KPD und in der DNVP repräsentiert sah und denen er im Landtag am 18.11.1921 entgegenrief: "Wenn man Sie von rechts und die von links in einen Sack tut und durcheinander schüttelt und den Sack öffnet, kommt Deutschlands Unglück immer zuerst heraus."

Während seine Mitarbeit an der Neuordnung der staatlichen Verhältnisse ursprünglich primär aus der Furcht vor einer Linksentwicklung motiviert war, wurde Gronowski nicht zuletzt unter dem Eindruck der subversiven Aktionen der erklärten Gegner der Weimarer Republik und der organisierten Hetze gegen einzelne ihrer Exponenten wie Matthias Erzberger zu einem überzeugten und kämpferischen Verteidiger des republikanischen Staatswesens. Es sprach für sein politisches Einfühlungsvermögen, daß er schon sehr früh in der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung die Parteien auf ihre Schlüsselrolle bei der Aufgabe hinwies, zwischen der neuen politischen Ordnung und der Bevölkerung ein Vertrauensverhältnis zu schaffen. Als eine wesentliche Voraussetzung dazu bezeichnete er die Tätigkeit und Selbstdarstellung der Abgeordneten. Deshalb appellierte er anläßlich der Haushaltsberatungen am 15.12.1919 an das Parlament, nicht einen "Wettlauf um die Gunst der Wähler zu veranstalten", um so den Verdacht zu erwecken, "eine Einrichtung der Gefälligkeitsschwätzerei und Umschmeichelung zu sein".

Diese und andere Äußerungen machen deutlich, daß Gronowski seit Beginn seiner parlamentarischen Tätigkeit im Jahre 1908 erheblich an politischem Profil, an Urteilskraft auch für grundlegende Zusammenhänge und an Sachkenntnis gewonnen hatte. Aus dem ursprünglich vor allem sozialpolitisch engagierten Arbeiter- und Parteisekretär war ein über die Tagesaktualitäten und politischen Rivalitäten hinaus denkender Politiker geworden. In der preußischen Zentrumspartei hatte er sich bis in die erste Reihe vorgearbeitet. Die Wertschätzung, die er dort besaß, zeigte sich auch in seiner Wahl zum stellvertretenden Parteivorsitzenden. 1921 spielte er eine Rolle in den interfraktionellen Gesprächen und führte die Verhandlungen mit der SPD, die zur Bildung des Kabinetts Stegerwald führten. Wiederholt sah ihn die Partei für leitende staatliche Aufgaben vor, die Gronowski aber ausschlug. Er lehnte sogar das ihm von der Fraktion angetragene Amt des Ministers für Volkswohlfahrt im zweiten Kabinett des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Otto Braun ab, für das er zweifellos qualifiziert gewesen wäre; es übernahm dann sein Parteifreund, der Gewerkschaftssekretär Heinrich Hirtsiefer.


4.

Von 1919 bis 1921 gehörte Gronowski dem Westfälischen Provinziallandtag an. Als der Oberpräsident der Provinz seit Juli 1919, Dr. Bernhard Würmeling (Zentrum), aus Altersgründen ausscheiden mußte, nominierte die Fraktion einstimmig Gronowski als Nachfolger. Auch dieses Mal zögerte er lange, gab aber schließlich dem Drängen der Parteifreunde nach. Mit Beschluß vom 28.04.1922 ernannte das Staatsministerium Gronowski zum neuen Oberpräsidenten. Er blieb zwar weiterhin (bis zu dessen Auflösung im Jahre 1933) Mitglied des Preußischen Landtags, ohne dort aber noch einmal aus Rücksicht auf sein Amt das Wort zu ergreifen.

Seiner Ernennung waren in der Öffentlichkeit und in den beteiligten regionalen Organen der Selbstverwaltung und der Zentrumspartei ungewöhnlich heftige Auseinandersetzungen vorausgegangen, die in der Geschichte des Westfälischen Oberpräsidiums ohne Beispiel sind. Die Kontroverse entzündete sich sowohl an der Frage nach der fachlichen Qualifikation des Kandidaten als auch an dem politischen Entscheidungsprozeß, der seiner Berufung vorausgegangen war. Darüber hinaus sahen westfälische Organisationen und Gruppen der politischen Rechten in dem "Fall Gronowski" eine willkommene Gelegenheit, um die republikanische Beamtenpolitik grundsätzlich zu attackieren.

Auf Grund der politischen Mehrheitsverhältnisse in der Provinz hatte die Zentrumsfraktion des Landtags den Posten für ihre Partei beansprucht, ohne auf ernste Widerstände anderer Parteien zu stoßen. Sie einigte sich am 18.01.1922 auf Gronowski, ohne vorher Kontakt mit den westfälischen Parteiorganisationen aufzunehmen. Wenig später wurde bekannt, daß mehrere maßgebliche westfälische Zentrumspolitiker und Ortsverbände gegen eine Berufung Gronowskis waren, so der Vorstand der Zentrumspartei in Münster und die sechs Zentrumsmitglieder des Provinzialausschusses. Gerade ihr negatives Votum aber hatte besonderes Gewicht und komplizierte die Situation erheblich. Denn nach Artikel 86 der preußischen Verfassung sollte die Besetzung der Stellen des Oberpräsidenten und der Regierungspräsidenten in einer Provinz im Einvernehmen mit dem Provinzialausschuß erfolgen. In ihm aber verfügte das Zentrum über die Mehrheit. Angesichts dieser Sachlage war das isolierte Vorgehen der Landtagsfraktion tatsächlich voreilig und taktisch ungeschickt.

An der breiten, publizistisch wie versteckt geführten Kampagne gegen die Ernennung Gronowskis beteiligten sich sogar Blätter der Zentrumspartei wie etwa der in Münster erscheinende "Westfälische Merkur": "Es sind neben politischen Gesichtspunkten doch auch noch ethische (!) vorhanden, die stark ins Gewicht fallen. Abgeordneter Gronowski z. B. als Kurator der Universität bislang ist der Oberpräsident Kurator der Universität - wäre einfach unmöglich." Selbst die Dortmunder "Tremonia" tat sich anfänglich schwer, schlug sich aber schließlich eindeutig auf die Seite Gronowskis. Lediglich die Presse der christlichen Gewerkschaften und der katholischen Arbeitervereine sprach sich vorbehaltlos für seine Nominierung aus. Im Organ des Deutschen Gewerkschaftsbundes "Der Deutsche" tat dies beispielsweise Heinrich Brüning, damals Geschäftsführer der christlichen Gewerkschaften. Der entschiedenste Widerstand ging von einzelnen alteingesessenen westfälischen Adelsfamilien und agrarischen Standesorganisationen aus. So drohte der teils zentrumsorientierte, teils stark unter deutschnationalen Einflüssen stehende Westfälische Bauernverein in einer Resolution: "Die westfälischen Bauern sind nicht gewillt, sich einen Arbeitersekretär als Oberpräsidenten gefallen zu lassen."

Für das konservative Münster und die festgefügte münsterländische Gesellschaft war der Gedanke unvorstellbar, die Provinz von einem Angehörigen des Arbeiterstandes und nicht des westfälischen Altadels oder des gehobenen Bürgertums repräsentiert zu wissen, wie dies seit 1815, seit denn ersten Oberpräsidenten Ludwig von Vincke, traditionell der Fall war. Hinzu kam, daß Gronowski kein gebürtiger Westfale war. Den eigentlichen Stein des Anstoßes bildete der Klassenunterschied, die soziale Herkunft Gronowskis, obwohl angeblich sachliche Argumente wie die fehlenden Laufbahnvoraussetzungen und die komplizierte politische, wirtschaftliche, soziale und vor allem konfessionelle Struktur der Provinz als Hindernisse in den Vordergrund geschoben wurden. Letztlich richteten sich die Widerstände gegen eine Öffnung der staatlichen Verwaltung und die Besetzung leitender Ämter durch sogenannte "Außenseiter" oder Parteibuchbeamte.

Gronowski hat zu all den gegen ihn erhobenen Bedenken geschwiegen. Es ist anzunehmen, daß er das Ausmaß und das Niveau der Kampagne nicht vorhergesehen hatte, die ihn und seine Familie zutiefst verletzten. Andernfalls hätte er wohl kaum der Nominierung durch seine Partei zugestimmt. Selbst die liberale "Kölnische Zeitung", die ihn ablehnte, kritisierte die Schärfe der Auseinandersetzungen und schrieb: "Damit geschieht Herrn Gronowski Unrecht. Diesen ehrt seine Zurückhaltung und seine Bescheidenheit."

Mit Schreiben vom 15.03.1922 forderte der preußische Innenminister Severing den Landeshauptmann der Provinz Westfalen, Dieckmann, auf, im Provinzialausschuß umgehend das Einvernehmen mit der Ernennung Gronowskis herzustellen. Jetzt mußte sich zeigen, ob Gronowskis Kandidatur von seinen eigenen Parteifreunden zu Fall gebracht werden würde. Seit dem Beschluß der Landtagsfraktion vom 18.01.1922 hatten aber zwischen ihr und den westfälischen Parteistellen offensichtlich Gespräche stattgefunden. Denn der Provinzialausschuß sprach sich am 08.04.1922 in geheimer Abstimmung mit sieben Stimmen für die Ernennung Gronowskis aus. Zwei Abgeordnete stimmten mit "Nein", sechs mit "Enthaltung". Nun stand der Berufung Gronowskis nichts mehr im Wege. Als ihn das Preußische Staatsministerium am 28.04.1922 zum Oberpräsidenten ernannt hatte, schrieb die "Westdeutsche Arbeiter-Zeitung": "Ein ekelhafter Streit fand damit ein gutes Ende."


5.

Das Amt des Oberpräsidenten, im Zuge der preußischen Provinzialreform zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus dem Institut des Provinzialministers hervorgegangen, war von Anfang an nicht so sehr als eine Behörde mit administrativen Kompetenzen gedacht (diese lagen überwiegend bei den Regierungspräsidenten), sondern als die politische Vertretung sowohl der Ministerien in der Provinz als auch der Provinz gegenüber den Ministerien. Der Oberpräsident bildete keine eigene Instanz zwischen Ministerium und Provinzialbehörden, sondern stellte eine Art "eingeschobene(r) Zwischeninstanz" dar und war, so Fritz Hartung, ein verwaltungsorganisatorischer "Luxus", den sich außer Preußen kein anderer deutscher oder europäischer Staat leistete. Als ständiger Kommissar des Ministeriums in der Provinz hatte der Oberpräsident vornehmlich ausführende, kontrollierende und konsultierende Aufgaben. Ihm unterstanden das höhere Schulwesen, das Medizinalwesen und das Konsistorium. Gegenüber dem Regierungspräsidenten besaß er zwar ein gewisses Instruktionsrecht, war aber nicht dessen vorgesetzte Behörde. Der Oberpräsident war ermächtigt (was in der streckenweise labilen politischen Lage der Weimarer Republik von Bedeutung sein konnte), allgemeine Sicherheits- und in gesetzlich geregeltem Umfang auch Militärmaßnahmen zu treffen, sofern sie über die Grenze des einzelnen Regierungsbezirks hinausgingen. Bei der Anordnung militärischer Maßnahmen handelte der Oberpräsident gemeinsam mit dem Kommandierenden General des Armeekorps der Provinz. In diesem Zusammenhang sind auch die Befugnisse hervorzuheben, die der Oberpräsident im Rahmen der republikanischen Schutzgesetze besaß. So konnte er antirepublikanische Versammlungen, Kundgebungen und Aufzüge verhindern, links- oder rechtsextreme Verbände auflösen sowie Zeitungen verbieten, die Hetzartikel gegen den Staat oder seine Repräsentanten veröffentlichten.

Aufgrund der besonders zugeschnittenen politischen und rechtlichen Stellung, die Reinhard Koselleck auf die zugespitzte Formel gebracht hat: "Der Oberpräsident herrschte, aber administrierte nicht", lebte das Amt entscheidend von der persönlichen Autorität und der politischen Integrationsfähigkeit seines Trägers. Als Gronowski angetreten war, veröffentlichte die Essener Zeitung "Das freie Wort" einen Artikel, in dem es unter anderem hieß:
"Nun residiert Herr Johannes Gronowski im Schloß zu Münster. Ob ihm so wohl dabei ist? Wenn der Herr Oberpräsident durch die herrlichen Säle des prächtigsten deutschen Oberpräsidiums schreitet und von Säulen und Bildern in träumender Dämmerung sich erzählen läßt von vergangenen Zeiten, dann werden die Zeugen des Einst ihm berichten von den vielen, vielen Jahrzehnten, da das Schloß zu Münster der Sammelpunkt Westfalens großer Bürger war... Zum Oberpräsidenten von Westfalen kam der Adel, der nicht zu Hofe ging... Es kamen die westfälischen Großindustriellen, die zum Hofe in Berlin nicht geladen waren... Es kamen Westfalens große Kaufleute... Johannes Gronowski, werden diese Leute zu Dir kommen? Bisher ist es noch gelungen, den größten Teil des westfälischen Adels bei der Stange (d. h. bei der Zentrumspartei) zu halten. Wie wird es werden, nachdem durch diese Partei dem westfälischen Adel seine Repräsentationsstätte genommen?"

Für die Anhänger dieser Vergangenheit mußte Gronowskis Amtsverständnis allerdings eine einzige Enttäuschung sein. Denn ein so gelagertes Traditionsgefühl konnte sich bei ihm sowohl aus persönlichen Gründen als auch infolge seiner politischen Erfahrungen nicht herausbilden. Gronowski wandte keinen Gedanken daran, das Oberpräsidium zur "Repräsentationsstätte" eines einzelnen Standes auszugestalten, weder für den des Adels noch des Bürgertums noch der Arbeiterschaft. Allenfalls könnte man sagen (um im Bilde des Artikels zu bleiben), daß Gronowski hoffte, das Oberpräsidium zur Drehscheibe einer auf Ausgleich und Zusammenarbeit auch über Parteigrenzen hinweg ausgerichteten Tätigkeit zu machen.

Obwohl er das soziale Umfeld nie vergaß, aus dem er gekommen war, hat Gronowski während seiner Amtszeit peinlich darauf geachtet, nicht in den Verdacht eines Standes- und Interessenvertreters zu kommen. Dies schloß nicht aus, daß er sich nach wie vor in besonderem Maße den Problemen der wirtschaftlich und sozial Benachteiligten zuwandte. Während der Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen, als das Schloß in Münster mehr den Charakter eines "Hauses der offenen Tür" denn des Amtssitzes des höchsten Beamten der Provinz hatte, antwortete er auf die ministerielle Anfrage, ob und wie viele ausgewiesene Beamte er aufnehmen könnte: "War der Fremdenverkehr vor der Besatzung in meiner Privatwohnung groß, so gleicht jetzt zuweilen mein Haus einem Gasthof! Nur der große Salon ist frei; es fehlen aber geeignete Möbel. Alle übrigen Räume sind belegt."

Es wäre allerdings zu kurz gefaßt, Gronowskis Wirken ausschließlich oder überwiegend unter sozialer bzw. humanitärer Perspektive zu bewerten. "Wichtig ist nicht, was er getan hat, sondern wie er getan hat, was er getan hat", schreibt Klaus Gruna. Denn das politische Amt des Oberpräsidenten hat Gronowski ganz als die politische Aufgabe des Wirkens für den republikanisch-demokratischen Staat aufgefaßt. Er tat dies freilich nicht auf spektakuläre Weise. Daran hinderte ihn schon seine persönliche Bescheidenheit und die Aufrichtigkeit seines Wesens, die respektiert und anerkannt wurden. Als 1923 weite Teile der Provinz durch französische und belgische Truppen besetzt wurden und sich in der Bevölkerung spontan eine Stimmung zeigte, "die zunächst in manchem an den August 1914 erinnerte" (Hagen Schulze), wahrte Gronowski den Blick für das, was politisch machbar und zu verantworten war. Er warnte vor "chauvinistischen Ausschreitungen" und "phrasenhaftem Patriotismus", mit dem niemand gedient sei, und rief dazu auf, in dieser Situation die Parteipolitik aus dem Spiel zu lassen. "Die Leiden und Lasten standhaft und trotzig ertragen, wenn notwendig, darben und entbehren, das ist sichtbare Vaterlandsliebe."

Der Ruhrkampf konfrontierte die westfälischen Behörden mit einer Fülle von politisch brisanten und diffizilen Problemen, zu deren Lösung im Einzelfall nicht immer auf die zentralen Anweisungen der Regierung des Reiches oder Preußens zurückgegriffen werden konnte. Auf die Initiative Gronowskis hin konstituierte sich daher am 08.02.1923 in Hamm ein "Westfälischer Besatzungsausschuß" aus Beamten des Oberpräsidiums, der Regierung in Münster, verschiedener Landratsämter sowie von Kommunalbehörden. Dieser sollte die Behörden und Beamten in Besatzungsangelegenheiten beraten. Man erhoffte, dadurch Rechtsfragen zu klären und ein koordiniertes Reagieren auf französische Maßnahmen zu sichern. Die Tätigkeit des Ausschusses erwies sich als durchaus sinnvoll und hilfreich. Er wurde zu einer Clearing-Stelle für die "vor Ort" auftauchenden Probleme. Wie die Sitzungsprotokolle zeigen, bot der Ausschuß Gronowski die günstige Gelegenheit, in direktem Kontakt mit maßgebenden Politikern und Beamten der Provinz Vorbehalte gegen seine Person abzubauen und sogar Vertrauenspunkte zu sammeln. Er leitete die Zusammenkünfte ohne hochtönende Formulierungen. Seine Gradlinigkeit und Offenheit, ohne taktisches Lavieren und hintergründige Glätte, ließen auch seine Gegner nicht unbeeindruckt.

Gronowski hat die Widerstände aus Westfalen und aus Münster gegen seine Ernennung zu Recht nicht nur als Widerstand gegen seine Person gewertet, sondern auch als Ausdruck der Distanz und der Ablehnung der neuen Staatsordnung, die er repräsentierte. Insofern mußte es großes Aufsehen erregen, als bekannt wurde, daß er Reichspräsident Friedrich Ebert aufgefordert hätte, zum Verfassungstage am 10.08.1924 nach Münster zu kommen. Gronowski, der Ebert bei einem Zusammentreffen in Berlin spontan eingeladen hatte, verstand den Besuch des Reichspräsidenten als Demonstration für die Republik und hoffte, daß er das Defizit an republikanischem Bewußtsein in Münster und im Münsterland positiv beeinflussen würde. Doch bewirkte er genau das Gegenteil, da die tonangebenden politischen und gesellschaftlichen Gruppen Münsters die Einladung als eine politische Provokation auffaßten. Schon im Vorfeld des Besuches kam es zu skandalösen Vorfällen und peinlichen Stellungnahmen. So gab Oberbürgermeister Georg Sperlich in einer Sitzung des Rates am 24.07.1924 bekannt, daß er vergeblich versucht habe, den Oberpräsidenten von seiner Einladung abzubringen. Immerhin versicherte er, die Stadt werde "den Herrn Reichspräsidenten und den Herrn Reichskanzler feierlich ... empfangen". Dagegen reagierten die Sprecher von DVP und DNVP mit kategorischer Ablehnung. Die Verfassung sei für sie weder ein Grund zu einem politischen Festakt, noch seien sie bereit, Finanzmittel der Stadt dafür zu bewilligen. Das Zentrum gab sich indifferent. Ausdrückliche Zustimmung fand die Einladung lediglich bei der SPD-Fraktion, die erklärte, die Arbeiterschaft "werde ihre Ehre darin legen, den Reichspräsidenten zu empfangen".

Der Besuch Eberts verlief dann ohne Zwischenfälle. Ob er allerdings die von Gronowski erhoffte Wirkung gehabt hat, erscheint zweifelhaft. Für die politisch dezidiert rechts stehenden Gruppen blieb die Oberpräsidentschaft Gronowskis jeden falls ein fortwährendes Ärgernis und er selbst eine persona non grata. Sie warfen ihm mehr oder weniger verschleiert Amtsmißbrauch vor und unterstellten ihm, auf eine Aufsplitterung des Zentrums in Münster in "eine rote und eine bürgerliche" Partei hinzuarbeiten mit dem Ziel, die Stadt "auf dem Umwege über eine radikalisierte Kommunalpolitik" politisch erobern zu wollen, Vorwürfe, die ebenso unbegründet wie politisch durchsichtig waren.

Auch konnten solche Attacken nicht verwischen, daß Gronowskis Wirken in der Provinz weitreichend Anerkennung fand. Sein Arbeitspensum war enorm. Ein Privatleben hat es für ihn während seiner Amtszeit so gut wie nicht gegeben. Da er sein Abgeordnetenmandat im Landtag beibehalten hatte, pendelte er während der Sitzungsperioden ständig zwischen Münster und Berlin. In Münster lief daher der Satz um, daß der Oberpräsident sich tagsüber der Provinz widme und nachts seinen Berliner Verpflichtungen nachkomme. Gronowski konnte diese Doppelbelastung allerdings nur tragen, weil er in seiner Familie einen unbedingten Rückhalt hatte und sich im Amt auf einen ihm loyal ergebenen Beamtenstab verlassen konnte. Dies gilt namentlich für den zweiten Mann im Oberpräsidium, Oberpräsidialrat Bruno Weber, der bereits seit 1904 dort tätig und mit den Problemen der Provinz eng vertraut war. Sein Wissen und seine verwaltungspraktische Routine sind Gronowski eine entscheidende Hilfe gewesen. Weber wurde zu seinem wichtigsten Berater, ohne aber der naheliegenden Versuchung zu verfallen, in die Rolle einer "grauen Eminenz" zu schlüpfen.

In seinen zahlreichen öffentlichen Reden hat Gronowski immer wieder um Vertrauen für den Staat geworben, dem er diente. Das zeigen seine Ansprachen, die er auf den gleichermaßen traditionsbewußt organisierten wie orientierten Festakten in Münster 1926 anläßlich des 100. Zusammentritts des Westfälischen Provinziallandtages und 1931 zur Erinnerung an den 100. Todestag des Reichsfreiherrn vom und zum Stein hielt. In diesem Zusammenhang sind auch die Grußworte zu erwähnen, die er 1927 an die Teilnehmer des 66. Katholikentages in Dortmund und drei Jahre später an die des Katholikentages in Münster richtete. Er hob dabei insbesondere die Freiheiten hervor, die katholische Kirche und ihre Gläubigen "im neuen Volksstaate" besäßen, und appellierte ausdrücklich an die katholische Arbeiterschaft, nach Kräften mitzuarbeiten. Dabei warnte er die Katholiken vor einer selbstgerechten Haltung und scheute sich nicht, die selbstkritische Frage zu stellen: "Ja, wir sind gewachsen an Bedeutung und Zahl! Ob wir auch an Liebe zueinander gewachsen sind? Diese Frage zu beantworten, erkläre ich mich nach den Erlebnissen der letzten zehn Jahre für befangen."

Ein wichtiges Forum, von dem aus Gronowski zu Problemen der Provinz Stellung nahm, war der Westfälische Provinziallandtag. Dieser trat in der Regel einmal im Jahr für etwa eine Woche zusammen und wurde vom Oberpräsidenten als Staatskommissar eröffnet und geschlossen. Da Gronowski von 1919 bis 1921 selbst dem Landtag angehört hatte, dort also kein Unbekannter war, hofften die provinziellen Selbstverwaltungsorgane nicht ohne Grund, gerade bei ihm Verständnis für ihre Aufgaben und Interessen zu finden. Diese Erwartungen sind nicht enttäuscht worden. Gronowski hat, von der Praxis seiner Vorgänger zum Teil abweichend, sich nicht darauf beschränkt, den Landtag, wie das seine Aufgabe war, mit allgemein gehaltenen Erklärungen zu eröffnen. Viehmehr lassen seine Ansprachen erkennen, daß er sich zwar mit den anstehenden Vorlagen eingehend vertraut machte und gelegentlich dezidiert Stellung bezog. Er hat es aber immer vermieden, vor dem Landtag einen etatistischen Ton anzuschlagen.

In seine Amtszeit fielen zwei Problemkomplexe, mit denen sich der gemeinhin mit haushaltsrechtlichen und verwaltungstechnischen Routineangelegenheiten befaßte Provinziallandtag auseinanderzusetzen hatte. Es handelte sich einmal um die in der Anfangsphase der Weimarer Republik mit dem Namen von Bill Drews verbundenen und später im Zusammenhang mit der umfassenden Reichsreformdiskussion entwickelten Reformvorschläge für die regionale Selbstverwaltung; zum anderen ging es um die kommunale Gebietsreform im westfälischen Industriegebiet, die in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre erfolgte - Probleme also von erheblicher Brisanz, die den Zusammenhalt der Provinz belasten konnten.

Gronowski hat frühzeitig versucht, auf die zwangsläufig heterogenen Standpunkte der Beteiligten ausgleichend einzuwirken. Er tat dies sowohl an die Adresse des in der Sache federführenden Preußischen Innenministeriums als auch an die der betroffenen Gemeinden. Als es dennoch zu erheblichen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Gemeinden kam, warnte er im Provinziallandtag vor den unberechenbaren Folgen für die Provinz, wenn aus den "Reibungsflächen Brandstellen" entstehen sollten:
"Weder die Staatsregierung noch der Gesetzgeber haben gewollt, daß Land gegen Stadt, Stadt gegen Stadt, Oberbürgermeister gegen Oberbürgermeister aufstehen und mit Wort und Schrift in den Kampf ziehen. Genug des grausamen Spiels, das geeignet ist, ein gut nachbarliches Verhältnis zu trüben oder gar zu zerstören. Alle, insbesondere jene Männer, die an verantwortlicher Stelle stehen, haben das Recht, ihre Meinung zu äußern, aber sie haben mehr als andere Sterbliche die Pflicht, jede Meinungsverschiedenheit ritterlich auszutragen... Wir alle sind doch aufeinander angewiesen: Gemeinden, Kreise, Städte, Provinz, Staat und Reich!"

Immerhin konnte Gronowski die Regierung in Berlin von ihrem ursprünglichen Plan abbringen, die im Rahmen der Eingemeindungen freiwerdenden Beamten und Angestellten über die ganze Provinz zu verteilen. Er erreichte, daß diese statt dessen von den vergrößerten Gemeinden aufgenommen wurden. Diese Lösung bedeutete zwar, wie er selbst zugestand, für die betroffenen Städte eine erhebliche finanzielle Belastung, aber sie bewahrte zahlreiche Familien vor erheblichen Härten, die mit einer Versetzung zwangsläufig verbunden gewesen wären.

Im Gegensatz zu seinem Engagement in regionalen Reformfragen ist Gronowski, soweit erkennbar, in der allgemeinen Diskussion über die Reorganisation der preußischen inneren Verwaltung nicht nennenswert hervorgetreten. Bemerkenswert erscheint lediglich daß er für eine Beibehaltung und sogar Stärkung des Amtes des Regierungspräsidenten plädierte. Im übrigen vertrat er die Auffassung, daß Konfliktfälle zwischen dem Oberpräsidenten und dem Regierungspräsidenten "mit entsprechender Vernunft und dem erforderlichen Takt ... spielend leicht ohne ministerielle Erlasse geregelt werden" könnten. Als die Mehrzahl der preußischen Oberpräsidenten in diesem Zusammenhang auf eine bessere Besoldung drängte und auf die höheren Gehälter der Regierungspräsidenten hinwies, schrieb Gronowski an den Rand der Vorlage die für ihn bezeichnende Marginalie: "Diese Stelle soll geändert werden. Es darf nicht der Gedanke aufkommen, als wenn die OP (Oberpräsidenten, d.Vf.) den RP (Regierungspräsidenten, d.Vf.) den geringen Vorsprung nicht gönnen."

Den Anstieg der nationalsozialistischen Wählerstimmen und den Einzug von Nationalsozialisten in die Parlamente hat Gronowski mit Sorge registriert. Dabei beunruhigte ihn weniger die Anfälligkeit der Arbeiterschaft als die der bürgerlichen Kreise. Der organisierten Arbeiterschaft attestierte er sogar ausdrücklich besonnene Haltung und politische Reife trotz der wirtschaftlichen Not und des Wirkens politischer Demagogen, Gronowski schöpfte den Spielraum seiner Kompetenzen als Oberpräsident voll aus und verbot antirepublikanische Kundgebungen sowie Zeitungen, die Hetzartikel gegen den Staat veröffentlichten. Gleichzeitig exponierte er sich in den Wahlkämpfen für das Zentrum und unterstützte nachdrücklich die Politik Brünings, mit dem ihn ein vertrauensvolles Verhältnis verband. Wie dieser, so war auch Gronowski davon überzeugt, daß die Reichsregierung Brüning 1932 "hundert Meter vor dem Ziel" vornehmlich an den Intrigen der ostelbischen Agrarfronde gescheitert sei.

Mit der Demissionierung Brünings und der Kanzlerschaft Franz von Papens schienen auch die Tage Gronowskis als Oberpräsident gezählt. Zwar verwaltete er seit dem 22.07.1932 das Regierungspräsidium in Münster mit, nachdem der bisherige Regierungspräsident Amelunxen einen Tag zuvor im Zuge des mit dem Staatsstreich in Preußen veranlaßten Revirements in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden war. Aber in den Kreisen der Präsidialregierung galt Gronowski nun als "ein verbrauchter Mann". Er sollte in nächster Zeit durch den ehemaligen Staatssekretär der Reichskanzlei, Hermann Pünder, abgelöst werden. Da dieser es aber ablehnte, seine "Hand dazu (zu)bieten, dem verdienten alten christlichen Gewerkschaftler, der ein Jahrzehnt lang vorbildlich diesen Posten in Münster innehatte, wehe zu tun", wie er später in seinen Memoiren schrieb, wurde der Wechsel zurückgestellt. Statt dessen wollte man warten, bis Gronowski, der zu diesem Zeitpunkt 58 Jahre alt war, die Pensionsgrenze erreichte.

Aber mit der Machtübernahme durch Hitler und der Betrauung Görings mit dem Preußischen Innenministerium war die Ablösung Gronowskis nur noch eine Frage der Zeit. Da er sich gerade jetzt in den Wahlkämpfen als Redner für das Zentrum engagierte, waren Konflikte mit seinem Dienstherrn absehbar. Göring mied indes die offene politische Konfrontation und versetzte Gronowski am 22.02.1933 in den einstweiligen Ruhestand, nachdem dieser es abgelehnt hatte, ein von Göring angeordnetes Zeitungsverbot zu vollstrecken. Das Verbot galt einem Teil der Zentrumspresse, in dem am 16.02.1933 ein Aufruf der Zentrumspartei zum Schutz der Verfassung erschienen war. Gronowski, der versucht haben soll, Göring von seiner Anweisung wieder abzubringen, begründete seine Weigerung mit dem Satz: "Ich müßte meine Vergangenheit verleugnen, wenn ich meinen Namen unter ein Verbot der Wahrheit setzen würde", und überließ die Durchführung seinem Vizepräsidenten Weber. In nationalsozialistischen Organen wie der Essener "National-Zeitung" wurde dagegen der ganze Vorgang so dargestellt, als hätte Gronowski von sich aus das Entlassungsgesuch eingereicht, um gegen das Verbot der Zentrumspresse zu protestieren.

Zum Nachfolger ernannte die preußische Kommissariatsregierung den Präsidenten der Landwirtschaftskammer von Westfalen und Landrat a. D. Ferdinand Freiherr von Lüninck, der der DNVP angehörte. Neben parteiinternen Rivalitäten und Gründen der politischen Opportunität verhinderten (so die Aussage des älteren Bruders Lünincks, Hermann Freiherr von Lüninck) die entschiedenen Interventionen des in Münster stationierten Armeekorps die in Aussicht genommene Berufung eines Parteifunktionärs zum Oberpräsidenten und gaben den Ausschlag für die Wahl Ferdinand Lünincks. Vergeblich hatte Gronowski diesen vor einer Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten gewarnt, die verhängnisvolle politische und persönliche Konsequenzen haben müsse.

Lüninck gab wenige Tage später, am 27.02.1933, eine Pressekonferenz, auf der er seinen Vorgänger folgendermaßen würdigte:
"Weit über zehn Jahre hat Gronowski den Posten des obersten politischen Staatsbeamten der Provinz Westfalen innegehabt. Es wäre sinnlos, hier zu verhehlen, daß zwischen seiner und meiner Anschauung in politischen Dingen tiefgehende Verschiedenheiten und Gegensätze bestehen. Dies ist für mich aber kein Hindernis, gern und mit Anerkennung auszusprechen, daß Oberpräsident Gronowski sich stets hat leiten lassen von dem ernsten Bestreben, alles ihm Mögliche zu tun, um der Bevölkerung der ihm anvertrauten Provinz in der Schwere dieser Zeit nach Kräften zu helfen. Die Schlichtheit seines Wesens, die offene Ehrlichkeit seines Charakters, das Einstehen für seine Überzeugung hat ihm bei aller Gegensätzlichkeit der Anschauungen mit Recht die menschlichen Sympathien erworben, denen eine gerade und aufrichtige Natur stets gewiß sein kann. Wenn die gesamtpolitische Entwicklung nunmehr sein Scheiden aus dem bisherigen Amt auch unvermeidlich gemacht hat, so empfinde ich es doch als eine Pflicht der Ritterlichkeit, auch dem politischen Gegner den Dank und die Anerkennung nicht zu versagen, auf die seine pflichttreue, lange Amtsführung und seine menschlichen Eigenschaften ihm einen Anspruch geben."

Form und Inhalt dieser Würdigung waren 1933 bei "Machtwechsel" auch auf der mittleren und lokalen Ebene nicht die Regel. Aber trotz der Genugtuung, die Gronowski darüber empfunden haben mag, dürfte er die Worte Lünincks zwiespältig und mit Bitterkeit aufgenommen haben. Schließlich repräsentierte Lüninck jene politische und gesellschaftliche Schicht Westfalens, die Gronowski in den zurückliegenden Jahren politisch und persönlich zugesetzt hatte wie sonst niemand. Für ihn begannen damit die bitteren Jahre der inneren Emigration. Verleumdungen in der NS-Presse und Drohungen durch Rollkommandos der SA veranlaßten ihn, wenige Monate später Münster zu verlassen und nach Köln zu ziehen. Das Innenministerium hatte ihn am 06.10.1933 wie viele andere aufgrund des Paragraphen 4 des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 07.04.1933 mit sofortiger Wirkung entlassen. Dieser Paragraph konnte auf Beamte angewendet werden, "die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten...". Darüber hinaus war mit dem Paragraphen 4 eine Kürzung des Ruhegehaltes um 25 Prozent verbunden. Der Vorwurf der nationalen Unzuverlässigkeit hat Gronowski zutiefst getroffen. Die Bemühungen von Freunden und Geistlichen, unter ihnen der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning, im Ministerium die volle Pension für Gronowski durchzusetzen, scheiterten an Göring. An diesen, wie Berning angeregt hatte, ein Gnadengesuch zu richten, lehnte Gronowski ab. Er wollte nicht um einen Anspruch bitten, den er sich durch seinen Staatsdienst erworben hatte. Mithin sah er sich gezwungen, für die Regierungsbezirke Arnsberg und Minden eine Vertretung für Wein, Kaffee und Tee zu übernehmen, um seine siebenköpfige Familie durchbringen zu können.

Gronowski hat sich während der nationalsozialistischen Diktatur jeder politischen Tätigkeit enthalten, um seine Familie nicht zu gefährden. Er pflegte Verbindungen zu einigen wenigen politischen Freunden, insbesondere zu Kollegen aus der katholischen Arbeiterbewegung. Nicht wenige, denen er in den vergangenen Jahren beigesprungen war, versagten sich ihm jetzt oder wandten sich von ihm ab. Als er in Köln ausgebombt war, zog er nach Paderborn. Hier verlor er durch einen Luftangriff ein zweites Mal seinen Besitz und wurde selbst verschüttet. Er erlitt eine Trommelfellverletzung und den Teilverlust des Gehörs. Anfang 1943 starb seine Frau. Das Kriegsende erlebte Gronowski in einem Lazarett.


6.

Bereits im Sommer 1945 begann für Gronowski eine neue Phase politischer Aktivität. Das Amt des Oberpräsidenten, für das er neben Carl Severing und Rudolf Amelunxen im Gespräch war, lehnte er aus Alters- und Krankheitsgründen ab. Dagegen schloß er sich in Paderborn einer örtlichen christlich-demokratischen Partei an und wurde auf dem Gründungsparteitag der CDU in Bochum am 02.09.1945 in den Vorstand der neuen Partei gewählt. Eine Wiederbegründung des Zentrums hielt er aus mehreren Gründen nicht für sinnvoll und politisch erfolgreich. Er lehnte deshalb eine Mitarbeit in der Westfälischen Zentrumspartei ab, die sich neu konstituierte. In einem persönlich abgefaßten Aufruf zu den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen vom 15.09.1946 und 13.10.1946, "Warum ich dabei bin", rechtfertigte er seine Entscheidung. Man könne nicht dort wieder anfangen, wo man 1933 aufgehört habe. Es müsse eine neue Partei geschaffen werden,
"die unabhängig ist von der Vergangenheit. Eine Partei, die nicht belastet ist durch politische Vorgänge, die wir täglich verteidigen müßten. Die Jugend und die heimkehrenden Soldaten wollen eine neue politische Heimat haben, die christlich ist und deutsch und demokratisch! ... Die in Ehren abgekämpfte Zentrumstruppe bedarf auf dem politischen Kampfplatz dringend der Ablösung... Wir wollen in die Tat umsetzen, was viele Millionen Deutscher herbeisehnen: die Vereinigung der evangelischen und katholischen Christen auf politischem, sozialem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet."

Ähnlich argumentierte Gronowski am 02.03.1948 in einem Brief an den in den USA lebenden Brüning und verteidigte die Gründung der CDU als "eine politische Notwendigkeit ersten Ranges. Der Streit Rom-Wittenberg ist Gott sei Dank erstickt ...".

Gerade das interkonfessionelle Argument spielte für Gronowski eine entscheidende Rolle. Er sah daher in der Konstituierung von Sondergruppen in der CDU zugleich die Gefahr, daß eines Tages auch die Katholiken und die evangelischen Christen in der CDU ihre eigenen Tagungen veranstalten würden. Deshalb hat Gronowski auch die Bildung von Einheitsgewerkschaften begrüßt, ohne freilich die Existenz einer christlichen Gewerkschaft oder der katholischen Arbeiterbewegung für überflüssig zu halten.

Als der Vorsitzende des Landesverbandes Westfalen der CDU, der Dortmunder Zeitungsverleger Lambert Lensing, im März 1946 auf Druck der britischen Militärregierung sein Amt niederlegte, übernahm Gronowski, bedrängt von seiner Partei, den Vorsitz. Inzwischen 73 Jahre alt, hat er das Amt von Anfang an als eine schwere Bürde empfunden, die noch durch die besonderen Verhältnisse der Nachkriegssituation verstärkt wurde. Gronowski besaß keine persönlichen politischen Ambitionen mehr. Seine Hauptaufgabe als Vorsitzender sah er darin, die verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen Interessenlagen in die Partei zu integrieren, Flügelbildungen zu vermeiden und immer wieder die historische Tragweite des politischen Zusammengehens von Katholiken und Protestanten zu betonen. Die Organisationsarbeit überließ er so gut wie ganz seinem Geschäftsführer Paul Steup. Obwohl der Parteivorsitz für Gronowski "längst... zu ein(em) Kreuz geworden war", wie er dem Vorstandsmitglied und ehemaligen preußischen Kultusminister Otto Boelitz gegenüber gestand, ließ er sich 1948 zu einer zweiten Amtsperiode überreden. Erst im April 1951 zog er sich von allen Parteiämtern zurück.

Darüber hinaus war Gronowski Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen. Er gehörte sowohl dem 1946 von der Militärregierung ernannten als auch dem am 20.04.1947 ersten gewählten Parlament an, ohne aber dort (soweit sich feststellen ließ) ein einziges Mal das Wort zu ergreifen. 1948 konnte er wie kurz zuvor sein sozialdemokratischer Kollege Severing auf eine über vierzigjährige Tätigkeit als Abgeordneter zurückblicken. Mit Severing hatte Gronowski neben der Herkunft aus dem gleichen sozialen Milieu und dem Wirken in der Arbeiterbewegung die Art gemeinsam, politisch-soziale Probleme praktisch und nicht theoretisch anzugehen. Seit dem gemeinsam durchgestandenen Ruhrkampf (Severing als preußischer Innenminister, Gronowski als westfälischer Oberpräsident) verband beide Männer ein fast vertrauensvolles Verhältnis. Obwohl Gronowski 1950 für die zweite Wahlperiode nicht mehr kandidierte, kehrte er über die Reserveliste der Partei am 28.12.1953 für den verstorbenen Josef Schrage noch einmal für ein halbes Jahr in den Landtag zurück. Gronowski starb am 27.08.1958 im Alter von 84 Jahren an einem schweren Herzleiden in Paderborn.

Johannes Gronowski gehört zu den Männern der katholischen Arbeiterbewegung, die als Arbeitersekretäre Bewußtseinsbildung für die sozialen Probleme der Zeit betrieben, sich nach der Novemberrevolution von 1918 im überwiegenden Maße zum demokratisch-parlamentarischen System bekannten und nach 1945 nachdrücklich für das damals ungewisse Wagnis einer interkonfessionellen Partei eingetreten sind. Insofern besitzt sein Wirken im deutschen Verbandskatholizismus und in hohen staatlichen Ämtern exemplarischen Charakter für den Beitrag, die die katholische Arbeiterbewegung zur Bewältigung der politischen und sozialen Probleme Deutschlands seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts beigetragen hat und der bis heute weder historisch genügend aufgearbeitet noch angemessen gewürdigt worden ist. Die Tendenz, Gronowski als einen Politiker zu beschreiben, "der doch zuerst Mensch war" (Gruna), trifft zweifellos einen wesentlichen Charakterzug, aber erfaßt nicht dessen spezifisch politischen und sozialen Beitrag als Arbeiter- und Parteisekretär, als Oberpräsident und als Parteiführer. Gronowski mußte zu all den Ämtern, die er ausgeübt hat, nicht aber zur Übernahme politischer und sozialer Verantwortung gedrängt werden, der er sich immer gestellt hat. Aber er legte keinen Wert darauf, daß dies im Rampenlicht der Öffentlichkeit geschah. Als Praktiker orientierte er sich stets an den konkreten menschlichen Bedürfnissen, weniger an ideologischen Disputen und Lehrsätzen. Er plädierte für ein extensiv verstandenes Subsidiaritätsprinzip, das aber die führende Rolle des Staates in der Sozialpolitik nicht in Frage stellte. Hier liegt ein Ansatzpunkt für die Auffassung, die 1927 in das vom Zentrum verabschiedete "sozialpolitische Manifest" mit der Forderung nach Ausweitung der "staatlichen Sozialpolitik... zur sozialen Staatspolitik" Eingang fand. Daß Gronowski in seiner Amtszeit als Oberpräsident nicht durch spektakuläre Maßnahmen glänzt, lag weniger an ihm selbst als an der Konstruktion des Amtes; zudem hatte er wie alle seine Vorgänger in der westfälischen Öffentlichkeit mit dem Nimbus zu kämpfen, der bis heute Westfalens ersten Oberpräsidenten Ludwig von Vincke umgibt. Schwächen Gronowskis in der technisch-taktischen Handhabung des Amtes werden mühelos aufgewogen durch die in der historischen Rückschau besonders ins Gewicht fallende Weise der politischen Führung des Amtes. Sie orientierte sich vorbehaltlos an der Verfassung und an den Ansprüchen der parlamentarischen Demokratie und darf nicht als eine Politisierung der Behörde mißverstanden werden.


Das Portrat Johannes Gronowski erschien in verkürzter Form zuerst als WDR-Sendung (26.08.1978), dann gedruckt in "Entscheidungen im Westen", Beiträge zur neueren Landesgeschichte, Bd. 7, hrsg. v. W. Först, Köln u. Berlin 1979. Es basiert auf ungedruckten Quellen in: Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Staatsarchiv Münster, Verwaltungsarchiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Münster, Geheimes Staatsarchiv Berlin-Dahlem, Stadtarchiv Dortmund sowie auf Materialien der Familie Gronowski (Paderborn). Benutzt wurden außerdem Bestände aus dem Institut für Zeitungsforschung Dortmund. Darüber hinaus wurden die Reden berücksichtigt, die Gronowski als Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus, im Preußischen Landtag und als Oberpräsident im Provinziallandtag von Westfalen gehalten hat.

Karl Teppe
 

QUELLE  Teppe, Karl | Johannes Gronowski |
AUFNAHMEDATUM2004-03-16
 
Weitere Biografie/n:
  Lilla, Joachim | Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918-1945/46) | S. 164 f.


PERSON IM INTERNETBiografien, Literatur und weitere Ressourcen zur Person mit der GND: 116865598
  Akten der Reichskanzlei der Weimarer Republik (1919-1933)
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  Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)


QUELLE    Möller, Horst | Die preußischen Oberpräsidenten 1918/19-1933 | S. 327
  Lilla, Joachim | Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918-1945/46) | S. 164f.
   | Köln Westfalen 1180-1980 | Bd. 1, S. 481
  Teppe, Karl | Johannes Gronowski |
  Grothmann, Detlef | Johannes Gronowski (1871-1958) |
  Haunfelder, Bernd | Nordrhein-Westfalen | S. 174f.

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Zeit3.8   1850-1899
3.9   1900-1949
3.10   1950-1999
Ort1.1   Nordrhein-Westfalen (NRW) <1946 - >
1.2   Dortmund, Stadt <Kreisfr. Stadt>
2.30   Brandenburg/Preußen, KFtm. / KgR. < - 1918>
2.30.37   Westfalen, Provinz (Preußen) <1815-22.08.1946>
Sachgebiet3.8   Oberpräsidium/Regierungpräsidium, Präsidenten, Mitarbeiter
3.19   Politikerin/Politiker, Abgeordnete/Abgeordneter
10.6.5   Gewerkschaften, Arbeitervereine, Interessenverbände
DATUM AUFNAHME2003-10-10
DATUM ÄNDERUNG2014-09-24
AUFRUFE GESAMT5582
AUFRUFE IM MONAT49