MEDIEN

(82 KB)   Bodelschwinghsche Anstalt in Bethel, um 1910 / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt   Bodelschwinghsche Anstalt in Bethel, um 1910 / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt
TITELBodelschwinghsche Anstalt in Bethel, um 1910
DATIERUNG1910 [um]


INFORMATIONDiese Teilansicht des Anstaltskomplexes von 1910, dem Todesjahr Bodelschwinghs, zeigt das Zentrum Bethels mit der Zionskirche, dem Diakonissenhaus, der Diakonenanstalt, dem Gemeindehaus und einigen Pflege- und Krankenhäusern. Daneben sind Handwerksstätten und Versorgungseinrichtungen wie ein Kaufhaus und eine Poststelle zu erkennen. Zu dieser Zeit gab es in Bethel bereits 67 Pflegehäuser mit rund 4.000 Plätzen, darunter fast 2.000 für Epilepsiekranke, 30 Wirtschaftsgebäude und 80 Wohnhäuser. [1]

Als Bodelschwingh im Januar 1872 seinen Dienst in Bielefeld in der "Anstalt für Epileptische" antrat - seine offizielle Amtseinführung erfolgte am 25.02.1872 in der Neustädter Kirche -, setzte er im Vorstand den Beschluß durch, die "Westfälische Diakonissenanstalt" räumlich mit der Anstalt für Epilepsiekranke zu verbinden. Etwa gleichzeitig wurden dieser Diakonissenanstalt die Korporationsrechte verliehen, die auch das Recht zum Sammeln von Spenden beinhalteten. Unmittelbar darauf begann Bodelschwingh mit dem Bau eines neuen Diakonissenmutterhauses, das den Namen "Sarepta" erhielt. 1874 beschloß er gegen die Intentionen des Vorstandes, die "Anstalt für Epileptische" wie zuvor schon das Pflegehaus in "Beth-El" (Haus Gottes) umzubenennen. Dieser Name gab schließlich der gesamten Einrichtung den Namen. Im neuen Diakonissenhaus waren zunächst epilepsiekranke Kinder untergebracht. Im Heimtrakt wurde eine eigene Kapelle eingerichtet, damit auch die schwer erkrankten Menschen an den Gottesdiensten teilnehmen konnten. Zur Einweihung der Kapelle predigte Bodelschwingh über eine Textstelle aus dem Evangelium, die von der Wunderheilung des Lahmen am Teich Bethesda berichtet. Er verstand die Anstalt als eine Gemeinde von Kranken und Gesunden, aber auch als eine Gemeinde der Dienenden und Lernenden, die eine Einheit darstellt. [2]

Das Haus Bethel und das Mutterhaus Sarepta, das 1875 bereits 130 kranke Menschen aufnehmen konnte, bildeten den Kern und den Anfang beim Aufbau dieser diakonischen Gemeinde. Bei fast jedem Jahresfest konnte ein neues Haus eingeweiht oder ein Grundstein gelegt werden. Bis 1884 wurden insgesamt elf Heimstätten geschaffen, die alle biblische Orts- und Landschaftsnamen erhielten. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, daß auch die kranken und elenden Menschen in die Heilsgeschichte Gottes eingeordnet sind. In dieser Zeit entstanden mehrere handwerkliche Einrichtungen und ein landwirtschaftlicher Betrieb, die die Anstaltsversorgung sicherstellen sollten. Der Hof erhielt den biblischen Namen "Hebron", die Werkstatt der Schuhmacher wurde "Horeb" und die Gärtnerei "Saron" genannt. Weitere Werkstätten entstanden für Maler, Buchbinder und Sattler.

Die Pflege und Therapie an den Kranken verknüpfte Bodelschwingh, soweit es ihm möglich war, mit manuellen Arbeiten. In den Werk- und Heimstätten sollte den behinderten Menschen das Gefühl vermittelt werden, daß durch ihre Arbeit der Lebensunterhalt gesichert wird und für alle Anstaltsangehörigen ein Nutzen entsteht. In diese rasante Aufbauphase fällt auch die Gründung des ersten Waisenhauses in Westfalen, das zugleich eine Ausbildungsstätte für Diakonissen darstellte. Über Bethel hinaus wurden eine Außenstation des Waisenhauses im benachbarten Brackwede und eine Tochteranstalt des Diakonissenmutterhauses in Bielefeld-Stadt ins Leben gerufen. Bethel verstand sich in der Praxis der Pflege an den kranken Menschen als eine konfessionell geführte Gemeinde, die aber auch Angehörige anderer Konfessionen als Pflegebedürftige aufnahm. Die Anstalten entwickelten sich weit über die Provinz Westfalen hinaus zu einem Zentrum für epileptisch erkrankte Menschen. Bodelschwingh selbst hielt auf dem "Armenpfleger Kongreß" 1883 in Dresden das Hauptreferat zum Thema "Über die öffentliche Fürsorge für Epileptische". Eine seiner Thesen lautete, daß in der Epilepsie-Therapie nicht die ärztliche, sondern die pädagogische und seelsorgerische Arbeit Priorität haben müsse. Die Pflege der Epileptischen müsse der freien Liebestätigkeit überlassen bleiben,
"daß nicht die ärztliche, sondern die pädagogische und seelsorgerische Arbeit in derselben die erste Stelle einnehme und daß es darum auch am besten eine kirchlichkonfessionelle Anstalt sein müsse, nicht eine staatliche oder ständische." [3]

Bodelschwingh beschrieb die besondere Aufgabe der Gemeinde von Bethel, die sich von anderen Gemeinden dadurch unterscheide, daß das Sterben von Menschen in ihr gegenwärtig sei. Hauptaufgabe sei eine kirchliche Begleitung, die eine Tröstung durch die Religion ermögliche:
"Schon die mehr als 70.000 epileptischen Anfälle, die wir in einem Jahr unter uns beobachten und die alle die Gestalt des Todes mehr oder weniger an sich tragen, geben ihr gar ein ernstes Gepräge, und die nicht seltene Erfahrung, daß ein Anfall mit dem Tode endet, oder daß ein scheinbar gesunder Kranker am Morgen als Leiche zwischen seinen Gefährten gefunden wird, - erinnert alle unablässig an die Nähe des Todes. Sind doch von 618 Epileptischen unserer Kolonie nur 10 über 50 und 29 über 40 Jahre alt, während 440 unter 30 Jahren zählen." [4]

Als Erfolg wertete Bodelschwingh die Therapie mit "Bromkali". Die medizinische Arbeit in Bethel sei erfolgreich, da sich die epileptischen Anfälle auf etwa ein Viertel reduziert hätten,
"welche vor der Aufnahme in die Anstalt vorgekommen waren, und infolgedessen also auch, wenn nicht häufige Genesung oder entschiedene Besserung, doch ein Stillstand der Krankheit herbeigeführt und ein Versinken im Blödsinn oder Irrsein verhütet werden." [5]

Die Anstalten von Bethel wurden schließlich auch für stellenlose Landarbeiter und Handwerker zum Anziehungspunkt. Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts gab es im Deutschen Reich zahllose Obdach- und Arbeitslose, die in den diakonischen und karitativen Einrichtungen um Almosen nachsuchten. Bodelschwingh, der milde Gaben für eine Entwürdigung des Menschen hielt und statt dessen den Leitspruch "Arbeit statt Almosen" ausgab, entschloß sich 1882 zur Gründung einer Arbeiterkolonie. In dieser Kolonie sollten die Arbeiter kurzzeitig eine Beschäftigung finden, um einen Wiedereinstieg in das Arbeitsleben zu erhalten. Für die Beschaffung eines Geländes in der Senne wenige Kilometer von Bethel entfernt - erhielt Bodelschwingh von den Westfälischen Provinzialverbänden ein unverzinsliches Darlehen in Höhe von 64.000 Reichsmark. Die Schirmherrschaft übernahm der mit Bodelschwingh seit der gemeinsam verbrachten Jugendzeit freundschaftlich verbundene Kronprinz Friedrich Wilhelm. Die Kolonie erhielt in Anlehnung seines Namens die Bezeichnung "Wilhelmsdorf". In einem Schreiben äußerte der Kronprinz den Wunsch, daß auch in weiteren Provinzen Arbeiterkolonien dieser Art entstehen.

Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf bot zu Beginn 200 Arbeitern Beschäftigung und Heimat. In der Folgezeit gründete Bodelschwingh, durch den Erfolg ermuntert, weitere Kolonien in mehreren preußischen Provinzen.


[1] Vgl. Johannes Busch (Hg.), Dies ist Bethel, Bielefeld 1992, S. 123.
[2] Vgl. Manfred Hellmann, "Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt", a.a.O., S. 93.
[3] Friedrich von Bodelschwingh, Ausgewählte Schriften II, a.a.O., S. 59.
[4] Ebd. S. 62.
[5] Ebd. S. 45-46.


FORMATjpg


OBJEKT-PROVENIENZBethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung
FOTO-PROVENIENZMünster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt


QUELLE    Bernard, Johannes | Friedrich von Bodelschwingh | Dia 07, S. 30-32
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.9   1900-1949
Ort2.1   Bielefeld, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet8.2   Sozialpolitik
8.4   Sozialfürsorge, Fürsorgeeinrichtungen
DATUM AUFNAHME2004-02-24
AUFRUFE GESAMT3229
AUFRUFE IM MONAT4