PERSON

FAMILIEPictorius
VORNAMEGottfried Laurenz
BERUF / FUNKTIONArchitekt


GESCHLECHTmännlich
GEBURT DATUM[1663]
TAUFE DATUM1663-12-10
TAUFE ORTMünster
TOD DATUM1729-01-17   Suche
TOD ORTMünster
BEGRÄBNIS ORTMünster, Überwasserkirche


BIOGRAFIESohn des fürstbischöflich münsterischen Ingenieurs Peter Pictorius d.Ä, (um 1626-1685), erfuhr er seine Ausbildung wohl bei seinem Vater; 1681 wirkte er in Vechta als "Conducteur" bei der Anlage der Contrescarpe (Ringwall) um die Zitadelle. Nach dem Tode des Vaters (Februar 1685) wurde er am 01.03.1686, damals im Leutnantsrang, wohl nach seiner Rückkehr aus Ungarn, wo er im Regiment des Generals von Schwartz den Feldzug gegen die Türken 1685 mitgemacht hatte, zum Landingenieur ernannt. Seine Offizierscharge übte er bei der Infanterie, nicht bei der Artillerie aus. Als Infanterieoffizier nahm er auch an den Feldzügen von 1689 bis 1697 gegen die Franzosen und Türken (1692/1693) teil, seit spätestens 1697 als Hauptmann und Kompaniechef unter dem Generalleutnant Schwartz. Zwar stand sein Regiment erneut ab 1703 im Feld, doch dürften ihm seine Verpflichtungen als Landingenieur und Architekt des Fürstbischofs eine erneute Kriegsteilnahme erspart haben. 1709 wurde er zum Major befördert unter Versetzung zum Landregiment, das nur Garnisonstruppen stellte, so daß er daheim Dienst leisten konnte. Schließlich erhielt er 1721 ein Patent als Obristleutnant; inzwischen war die Offiziersstelle praktisch eine Sinekure.

Bis zum Frieden von Rijswijck 1697 indes ist - bis auf Planungen für die Stadtbefestigung zu Münster und Gutachten über die Landesfestungen 1688 - über eine Tätigkeit als Ingenieur und Architekt kaum etwas überliefert; zivile Bauaufgaben wie die Planungen für Schloß Ahaus (ab 1690) hatte der Fürstbischof Friedrich Christian (reg. 1688-1706) dem Kapuzinerbruder Ambrosius von Oelde (gest. 1705) übertragen. Wegen ihrer stilistischen Ähnlichkeit mit der Pfarrkirche zu Capelle (1698-1701) wird auch die Pfarrkirche zu Südkirchen (1691-1695) G. L. Pictorius zugeschrieben (B. Bußkamp). Als aber der Bischof daran ging, das von ihm 1694 erworbene Schloß Nordkirchen durch einen Neubau in modernen Formen zu ersetzen, übertrug er diese Aufgabe bei einer ersten, fünftägigen Baubesprechung im Mai 1697 dem Hauptmann Pictorius.

Die erste ausgeführte Bauplanung war indes die für den Stadthof des Herrn von Beverförde zu Werries, einen Neffen des Fürstbischofs. Die Grundsteinlegung erfolgte 1699; der Hof war 1703 fertiggestellt. Dieser Bau, die erste Dreiflügelanlage nach dem französischen Hôtel-Typ in Münster, war eine ziemlich exakte Kopie nach dem damals modernen Architekturtraktat "Cours d‘Architecture" des Augustin-Charles d‘Aviler (1691) und löste einen Bauboom in Münster aus. Pictorius hatte so seine Vertrautheit mit der modernen Barockarchitektur erwiesen und avancierte zum Stararchitekten des Münsterlandes.

Noch 1699 lieferte er die Pläne für den dreiflügeligen Neubau des Prämonstratenserstiftes Cappenberg, der von 1699 bis 1722 realisiert wurde, in der Schlußphase unter Beteiligung seines jüngeren Bruders Peter (1673-1735). Es folgte der Bau des Merveldter Hofes, des größten hochbarocken Adelshofes in Münster, allerdings mit einem relativ konservativen Raumprogramm. Etwa gleichzeitig begann der Bau des Hauses Lütkenbeck, das unmittelbar nach der Vollendung 1720 leider abbrannte. Die großzügige Anlage, bei der das Herrenhaus mit seinen flankierenden Türmen und den Stallgebäuden einen großen Ehrenhof bildete, den gerundete Galerien und zwei Pavillons für das Gutsgericht und die Kapelle stadtseitig schlossen, ist möglicherweise unter Beteiligung von Lambert Friedrich Corfey geplant worden und wäre dann das früheste Beispiel für die Kooperation mit diesem guten Kenner hochbarocker Architekturtheorien.

Bald nach 1700 erfolgte wohl auch die Umbauplanung für den Cochenheimer Hof am Neuplatz (1756 an die Familie von Galen verkauft). Von 1703 bis 1707 wurde die Landsbergsche Kurie an der Pferdegasse in Münster nach Plänen des G. L. Pictorius errichtet, auch dies ein Dreiflügelbau mit Ehrenhof nach französischem Typ.

1703 begann nach mehrfachen Umplanungen der Bau des Schlosses Nordkirchen, das nach seinen Plänen unter der Bauleitung seines Bruders Peter Pictorius d.J. bis 1720 entstand. Als das "westfälische Versailles" wurde es zum Inbegriff der vornehm zurückhaltenden, aristokratischen westfälischen Barockarchitektur, die vor allem vom niederländischen Klassizismus und französischem Dekor geprägt ist; Nordkirchen gilt als sein Hauptwerk.

Unter den weiteren Werken des Gottfried Laurenz Pictorius sind zu vermuten die Prämonstratenserstifte Varlar (ab etwa 1704) und Clarholz (1705/06), archivalisch bezeugt sind ein Lusthaus (1705) und eine Orangerie (1709) im Residenzgarten am Fraterhaus in Münster und der Umbau des Fürstlichesn Hofes mit einer Dekoration des Hofssales (um 1710). Es folgte der Neubau des Münzgebäudes nahe dem Buddenturm (1712), der Bau der Vorburg zu Sassenberg und einer Orangerie (1713), Planungen für Domherrenkurien, u.a. für die Kettelersche Kurie und Kurien für den Dompropst und für die Domherren von Twickel (um 1713, in Konkurrenz zu Lambert Friedrich Corfey), der Bau des Landsberger (später Großer Schmisinger) Hofes an der Neubrückenstraße (1713-1716) und Planungen für den Steinfurter Hof am Alten Steinweg (um 1716/1717, gemeinsam mit Corfey), die Erweiterung des Hauses Borg bei Rinkerode (ab 1717), die Vorburg des Hauses Stapel bei Havixbeck (1719), ein Spielhaus (wohl mit einer Kegelbahn) im Lustgarten der fürstlichen Residenz am Fraterhaus in Münster (1720), die Pfarrkirchen in Nordkirchen (1715-19) und Rinkerode (ab 1719, beide gemeinsam mit seinem Bruder Peter), Burgsteinfurt (1720/1721) und Ahsen (1720-1723). 1717 erhielt er den Auftrag, das Jesuitenkolleg Büren als schloßartige Dreiflügelanlage zu errichten, das bis 1720 nach seinen Plänen weitgehend fertiggestellt wurde; die Planungen Schlauns waren dem Orden zu aufwendig gewesen. Schließlich errichtete Pictorius vor den Toren der Stadt Münster im Auftrag des Domherrn Friedrich Christian von Galen die sog. Friedrichsburg (1723-1726) und besorgte die Neuausstattung des "Alten Chores", d.h. des Westchores im Dom zu Münster (1726/1727).

An technischen Bauten sind außer den genannten Festungsplanungen 1688 nachweisbar die Besichtigung der Münze am Roggenmarkt (1702), die Prüfung der Schiffbarmachung der Ems bei Rheine (1702), Umbauplanungen für das münsterische Rathaus als Hauptwache (1708), ein Bericht über Schloß Bentheim (1711), Entwürfe für die Kasematte der Zitadelle Vechta (1713), für die Wassermühle zu Ahaus (1717) sowie als stadtplanerische Leistung die Straßenvermessung und -neupflastererung in Münster (1720-1726/1729), wobei 1721 eine neue steinerne Aabrücke am Bispinghof und 1722 die diagonal über den Domplatz führenden Straße angelegt wurde; schließlich die Vermessung der Grenze zur Herrschaft Steinfurt (1722), die Reparatur des Mühlendammes zu Rheine (1723) und Gutachten für den Bau des Max-Clemens-Kanals (1723/1724), die ihm aber die fürstliche Ungnade zuzogen - es ist eine mangels gründlicher Recherchen sicher lückenhafte Aufzählung.

Die enge Zusammenarbeit der Brüder Gottfried Laurenz und Peter d.J. Pictorius, etwa bei den Pfarrkirchen in Nordkirchen und Rinkerode, macht eine Unterscheidung ihrer Werke schwierig; Karl Eugen Mummenhoff hat bei dem jüngeren, der in seiner Jugend Italien bereist haben muß, 1721 eine Domvikarie übernahm und die Priesterweihe empfing, eine Vorliebe für aufwendigere Wanddekorationen ermittelt. Allerdings ist sein Werk noch kaum erforscht. Bisher können dem jüngeren der beiden Brüder zugeschrieben werden die Abtei Marienfeld (1699-1702), Haus Tenking bei Rhede (um 1710), ein Gartenkasino zu Nordkirchen (1718, später von Schlaun zur "Oranienburg" umgebaut), eine Spielbahn und eine Fasanerie zu Ahaus (1720/1721), Planungen für den Nordkirchener Hof in Münster (um 1721/23), der Umbau des Heessener Hofes in Münster (ab 1724), der Bau von Haus Altenkamp bei Aschendorf (1728-1736), Haus Herzford bei Lingen (1732-1734), die Domdechanei in Münster (um 1732/1733) - heute Bischöflicher Hof und leider nach der Kriegszerstörung verändert wieder aufgebaut - sowie die Ludgeruskapelle in Billerbeck (1732-34).

Eine gründliche Würdigung der Leistungen des Architekten und Ingenieurs Gottfried Laurenz Pictorius und seines Bruders Peter fehlt; eine Dissertation über das Werk des älteren von Jörg Niemer wird demnächst erscheinen. Ob den Brüdern weitere Bauten wie die Abtei zu Langenhoprst und Bürgerhäuser in Münster und Warendorf zugeschrieben werden können, bedarf weiterer Forschungen. Gemeinsam mit Lambert Friedrich Corfey haben die Brüder Pictorius die Architektur eines noblen, niederländisch beeinflußten Barock in Westfalen eingewurzelt und einem Genie wie Schlaun den Weg bereitet.


Literatur

Karl E. Mummenhoff, Schloß Nordkirchen, München / Berlin o.J. (1975); Helmut Lahrkamp, Corfey und Pictorius. Notizen zur Barockarchitektur Münsters 1700-1722, in: Westfalen 58, 1980, S. 139-152; Regine von Schopf, Barockgärten in Westfalen, Worms 1988; Barbara Bußkamp, Johann Conrad Schlaun 1695-1773. Die Sakralbauten, Münster 1992; Karl Noehles, Haus Altenkamp. Ein Dokument zur Geschichte des Emslandes, in: Gerd Steinwascher (Hg.), Geschichte der Stadt Aschendorf, Aschendorf 1992, S. 244-269; Michael Mette, Studien zu den barocken Klosteranlagen in Westfalen, Bonn 1993 (mit Vorsicht zu benutzen); Hans J. Böker, Vorläufer und Konkurrenten - Pictorius und Corfey, in: Klaus Bußmann / Florian Matzner / Ulrich Schulze (Hg.), Johann Conrad Schlaun 1695-1773. Architektur des Spätbarock in Europa, Begleitbuch zur Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster 1995, Stuttgart 1995, S. 623-637 (mit Vorsicht zu benutzen); Siegfried Rudigkeit, Die Baumeister der Jesuiten in Westfalen, ebd. S. 639-645; Marcus Weidner, Landadel in Münster 1600-1760, 2 Bde., Münster 2000; Hermann Terhalle, Die Tätigkeit der Brüder Gottfried Laurenz und Peter Pictorius als Baumeister im fürstbischöflichen Amt Ahaus, in: ders., Quellen und Studien zur Geschichte Vredens und seiner Umgebung IV, Vreden 2001 (=Beitrage des Heimatvereins Vreden zur Landes- und Volkskunde 60), S. 113-124; Gerd Dethlefs, "weylen dieses Werck zur Splendeur der Kirchen gereichet". Die Planungen von Corfey und Pictorius für die Kettelersche Doppelkurie am Domplatz zu Münster, in: Udo Grote (Hg.), Westfalen und Italien. Festschrift für Karl Noehles zum 80. Geburtstag, Petersberg 2002, S. 153-171; Inga Kleinknecht, Die barocke Gartenanlage des Klosters Clarholz, in: Johannes Meier / Jochen Ossenbrink (Hg.), Leben unter dem Krummstab. Die Kirchspiele Clarholz, Lette und Beelen im 18. Jahrhundert, Bielefeld 2003, S. 185-260, hier S. 218-230; eine 2002 abgeschlossene Dissertation von Jörg Niemer ist im Druck.

Gerd Dethlefs
AUFNAHMEDATUM2004-05-17


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DATUM AUFNAHME2004-05-17
DATUM ÄNDERUNG2011-03-28
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