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(112 KB)   Jung verheiratet: lda und Friedrich von Bodelschwingh / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt   Jung verheiratet: lda und Friedrich von Bodelschwingh / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt
TITELJung verheiratet: lda und Friedrich von Bodelschwingh


INFORMATIONÜber die Verlobung mit seiner Kusine Ida von Bodelschwingh am 08.10.1860 berichtete Friedrich von Bodelschwingh in einem Brief an einen Mitarbeiter in Paris folgendermaßen: "Kaum auf heimatlichem Boden angekommen, hat mich der liebe Gott ungehofft, ungeahnt, unerwartet in den Bräutigamsstand geworfen." [1]

Bodelschwingh, der m Herbst 1860 durch das Ravensberger Land reiste, um für die Mission in Paris zu werben, hatte zwar aus seiner Zuneigung zu seiner Kusine keinen Hehl gemacht, doch war sie bislang seinem Vetter Wilhelm von Diest versprochen gewesen. Dieser sah es aber als seine Pflicht an, so Diest nach einer Aussprache mit Bodelschwingh, Ida freizugeben, da er keine Hoffnung habe, die Einwilligung ihrer Eltern zur Hochzeit zu bekommen. [2] Von der eigentlichen Brautwerbung Bodelschwinghs ist nur ein Briefkonzept an seinen Onkel Karl von Bodelschwingh, der von 1851 bis 1858 und von 1862 bis 1866 preußischer Finanzminister war, erhalten. In diesem undatierten Schreiben, das vermutlich Ende September 1860 verfaßt wurde, heißt es:
"Nachdem ich soeben ausführlich mit meiner guten Mutter geredet und ihre fröhliche Einstimmung zu diesen Zeilen erhalten habe, wende ich mich getrost an Dich und die liebe Tante mit einer recht großen Bitte; ich bitte Euch herzlich: 'Gebt mir Eure Ida!' ... Ich kann Euch für Euer Kind nur eine sehr bescheidene irdische Stellung versprechen; sie muß wirklich in bezug auf die äußeren Lebensverhältnisse eine ziemliche Stufe abwärts steigen, wenn sie mir folgen will; mein gegenwärtiger Beruf und meine Vermögensverhältnisse gebieten mir, mich herunterzuhauen zu den Niedrigen." [3]

Nach der Heirat am 18.04.1861 auf Haus Heide bei Unna fuhr das junge Paar nach Paris. Aufgrund der schweren Geburt ihres ersten Kindes am 07.02.1863 mußte Ida schwer erkrankt nach Deutschland zurückkehren. Während eines Besuches in Velmede im Sommer 1863 übernahm Bodelschwingh die Vertretung des Pastors im benachbarten Dellwig. Die dortige Gemeinde wählte ihn wenig später zu ihrem zweiten Pfarrer. Nachdem Bodelschwingh in Paris einen Nachfolger gefunden hatte, verließ er Ende April 1864 die Hügelkirche von La Villette.

Im Dorf Dellwig, das knapp 2.000 Kirchenmitglieder zählte, versuchte Bodelschwingh zunächst - wie bereits zuvor in Gramenz - gegen die "Unsitte des Alkoholgenusses" vorzugehen. Er untersagte beispielsweise der Gemeinde, nach Taufen, Trauungen und Begräbnissen Feste zu organisieren. Das traditionelle Schützenfest wollte er durch ein Missionsfest ersetzen. In seiner Gemeinde gründete er einen Bibelkreis und einen pietistisch ausgerichteten "Gesang- und Jünglingsverein". In der Gemeinde blieb Bodelschwingh umstritten: eine starke Opposition wollte auf die bislang üblichen Traditionen und Feste nicht verzichten.

Unter Bodelschwinghs Leitung erschien dann seit Januar 1865 der "Westfälische Hausfreund". Dieses "Sonntagsblatt für die Grafschaft Mark" sollte den Lesern erbauliche religiöse Geschichten und einen wöchentlichen Überblick über die politischen Geschehnisse bieten. Die kirchlich und politisch konservativ ausgerichtete Zeitung bezog gegen den wirtschaftlichen Liberalismus, wie er im Manchestertum mit der Verelendung der Arbeitermassen zu Tage trat, Stellung. Ebenso wandte sich das Blatt gegen eine Aufweichung der bibelorientierten Theologie. Die politische Zielsetzung blieb stets die Stärkung des monarchischen Staatsgedankens und des preußischen Königtums der Hohenzollern. Bodelschwinghs Anliegen war es, im "Westfälischen Hausfreund" "gegen den Strom der Zeit an den Heiligtümern unseres Glaubens festzuhalten und aus diesem Glauben christliche deutsche Sitte und Zucht, christliche deutsche Treue und Einfalt, das Erbteil ehrenfester Vorfahren zu bewahren und zu pflegen, oder, wo solche Tugenden ausgerottet sind, sie wieder zu pflanzen." [4]

Bodelschwingh selbst verstand sich als ein Bewahrer der lutherischen Bekenntnistreue. Eine liberale oder kritische Theologie, die sich vom Biblizismus entfernte, lehnte er ab. Mit großem Interesse widmete sich die Zeitung der sozialen Frage. In den Artikeln wurde ein Verbot der Sonntags- und Kinderarbeit gefordert. In der genossenschaftlichen Selbsthilfe der Arbeiter sollten die sozialen Probleme gelöst werden. Eine Besserung der Lage der Arbeiter versprach sich Bodelschwingh von einer Missionierung von Arbeitgebern und Arbeitern.

Als freiwilliger Feldprediger im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 und im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verband Bodelschwingh seinen Patriotismus mit dem Ziel, eine pietistisch religiöse Erneuerung der Gesellschaft herbeizuführen. Die Kriege bezeichnete er als "Heimsuchung Gottes", deren Ursachen im gottlosen Materialismus zu suchen seien. Nach Beendigung des preußisch-österreichischen Konfliktes sprach er sich für "Friedensdankfeste" aus, in denen Gott für das Erreichte gedankt werden sollte. Diesen Gedanken von Friedensfesten griff er im Frühjahr 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg, ohne die Ursachen des Krieges zu erkennen, wieder auf, um an einem fest verankerten Tag einen Nationalfeiertag zu institutionalisieren, der zur Buße und Einkehr ermahnen sollte. Mit einem neuen Feiertag zur sittlichen Erhebung des Volkes sollte die ganze Nation in das christliche Erziehungswerk einbezogen werden. "Bodelschwinghs Vorbild für die Erneuerung der weltlichen Feste waren die Kirchenfeste. Wie diese dem Kirchenvolk die einzelnen Stationen des Lebens, Leidens und Triumphes des Herrn auf dieser Erde Jahr für Jahr neu ins Gedächtnis einprägen, so sollte nach Bodelschwinghs Willen der Nationalfeiertag die Nation an die Großtaten und schweren Opfer der nationalen Vergangenheit und die Verpflichtungen, die für sie daraus gegenüber Gott und der Nation erwuchsen, erinnern." [5]

Bodelschwingh konnte sich aber mit der Idee eines religiösen Nationalfeiertages nicht durchsetzen. Das an seiner Stelle gefeierte Sedanfest wurde als der Siegestag über den "Erzfeind" Frankreich begangen. Diese nationale Überhöhung ohne religiöse Sinngebung lehnte Bodelschwingh ab.


[1] Friedrich von Bodelschwingh, Briefwechsel I, a.a.O., S. 66.
[2] Vgl. Manfred Hellmann, "Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt", a.a.O., S. 56.
[3] Friedrich von Bodelschwingh, Briefwechsel I, a.a.O., S. 65.
[4] Zit. nach Manfred Hellmann, "... sonst sterben sie drüber!" Perspektiven aus dem
Leben des Friedrich von Bodelschwingh, Bielefeld-Bethel 1983, S. 39.
[5] Hartmut Lehmann, Friedrich von Bodelschwingh und das Sedanfest. Ein Beitrag
zum nationalen Denken der politisch aktiven Richtung im deutschen Pietismus des
19. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 202 (1966), S. 512-573, hier S. 557.


TECHNIKFoto
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OBJEKT-PROVENIENZBethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung
FOTO-PROVENIENZMünster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt


QUELLE    Bernard, Johannes | Friedrich von Bodelschwingh | Dia 05, S. 25-27
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.8   1850-1899
Sachgebiet8.2   Sozialpolitik
8.4   Sozialfürsorge, Fürsorgeeinrichtungen
DATUM AUFNAHME2004-02-24
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