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(145 KB)   Die soziale Not der Landarbeiter: Auszug aus einem Brief von Friedrich von Bodelschwingh an den Vater, 1854
 / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt   Die soziale Not der Landarbeiter: Auszug aus einem Brief von Friedrich von Bodelschwingh an den Vater, 1854
 / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt
TITELDie soziale Not der Landarbeiter: Auszug aus einem Brief von Friedrich von Bodelschwingh an den Vater, 1854
DATIERUNG1854


INFORMATIONIn Gramenz angekommen, wurde Friedrich von Bodelschwingh mit der Verwaltung von zwei Vorwerken betraut. Die soziale Not der Landarbeiter, Tagelöhner und früheren Pächter, die aus finanzieller Not ihren seit Generationen angestammten Besitz verlassen mußten, war auch in Gramenz unübersehbar. Die Landwirtschaft befand sich in einer Phase der Kapitalisierung, die viele Erbpächter und Erbzinsleute entwurzelte. Sie mußten praktisch als Landarbeiter oder Tagelöhner auf den neu entstandenen Großgrundbesitzungen Tätigkeiten suchen. Dieses "Bauernlegen" führte zu tiefen sozialen Spannungen auf dem Lande zwischen Herren und Bauern, großen und kleinen Bauern, Besitzern und Besitzlosen. [1] Zu den Gutsbesitzern, die ihren Grundbesitz zum Teil rücksichtslos vergrößerten, zählte auch der Oberpräsident von Pommern, Ernst Senfft von Pilsach.

In Gramenz beobachtete Bodelschwingh, daß dort einige Gutsinspektoren die Not der Landbevölkerung noch zusätzlich ausnutzten. In einem Brief an seinen Vater, abgefaßt am Himmelfahrtstag 1852, sprach er von einer "Inspektoren-Kamarilla", die die Tagelöhner so in Schulden stürze, daß sie ausschließlich für die Zinsen arbeiten müßten. Seine Aufgabe sah er dann, diese Not zu lindern: "Bei diesen Leuten, die unter rohen Inspektorhänden auf etwas brutale Weise verkümmert und verkommen waren, war es meine erste Sorge, wenigstens dem gröbsten Elend abzuhelfen." [2] Dabei scheute sich Bodelschwingh selbst nicht, die Haushaltsführung der Landarbeiterfamilien zu übernehmen:
"Die Pächter sind nun zum großen Teil aus ihren Wohnungen verdrängt, und statt ihrer, soweit sie nicht selbst in Tagelöhner umgewandelt und als Tagelöhner wohnen geblieben sind, ist allerlei Gesindel eingezogen, das man aus Gramenz weggebracht hatte. Diese Leute, überschuldet wie sie waren und daher nicht imstande, von ihrem Verdienste zu leben, waren seit mehreren Monaten ohne Kartoffeln, ohne Getreide. Sie trieben sich teils bettelnd umher, teils lagen sie faul zu Hause, mißmutig, etwas zu tun, da ihnen doch all ihr Verdienst auf ihre gemachten Schulden abgerechnet wurde. Da war es nun meine erste Sorge, gewaltsam und eigenmächtig einzugreifen. Da dies aber nicht geschehen konnte, ohne daß ich mich auf das genaueste um die Familienverhältnisse der Leute kümmerte, so bin ich fast täglich in allen Stätten des größten Elends herumgekrochen und habe in vielen Familien förmlich die Haushaltung geführt." [3]

Den Gutsherrn nahm Bodelschwingh ausdrücklich von aller Kritik aus, da er selbst seine Vorwerke nur gelegentlich besuche, sich um die Bewirtschaftung gar nicht kümmere und daher auch von der Größe des Elends keinen Begriff habe. In den späteren Erinnerungen sah er in Senfft von Pilsach einen Menschen "voller inniger, ungeheuchelter Frömmigkeit."

Senfft, der nicht nur zu den Förderern, sondern auch zu den aktiven Predigern der ostelbischen Erweckungsbewegung gehörte, wurde nach 1848 Mitbegründer und führendes Mitglied des "Central-Ausschusses für Innere Mission" und Gründer eines "Knabenrettungshauses". Den Widerspruch im praktischen Handeln des Gutsbesitzers sah Bodelschwingh zwar, ohne jedoch hieraus Konsequenzen zu ziehen. In dem oben zitierten Brief heißt es weiter:
"Zu anderen Zeiten kann ich dann freilich auch eine gewisse Wehmut nicht zurückweisen, wenn ich die schönen alten Pächtereien, auf denen oft eine und dieselbe Familie hundert Jahre gewohnt hatte, nun verwaist und verlassen sehe, und nicht selten trifft man auch Leute, denen in Erinnerung an ihre alten Wohnstätten, die sie als ihr Eigentum anzusehen sich gewöhnt hatten, die Tränen in die Augen traten. Wie weit da nun Recht oder Unrecht waltet, kann ich nicht beurteilen, geht mich auch gar nichts an; so viel weiß ich aber, daß so viele Leute ihres heimatlichen Herdes beraubt sind, ohne daß bis jetzt Herrn von Senfft der geringste Nutzen daraus erwachsen ist. Denn das den Pächtern genommene Land ist teilweise in Hände geraten, die es noch mehr mißhandelt haben wie jene." [4]

Aus diesem Brief wird ersichtlich, daß Bodelschwingh die soziale Not der Landarbeiter erkannte und durchaus beheben wollte. Eine Veränderung sollte dabei durch individuelle Fürsorge, wie er sie selbst praktizierte, erzielt werden. Eine politische Lösung, die auf die strukturelle Beseitigung der sozialen Mißstände abzielte, lehnte er aber ab. Deutlich wird dies an seiner Ablehnung, die Ursachen der Armut aufzuspüren.

Zum Schluß dieses Briefausschnittes lastet Bodelschwingh die Lage der Pächter den Verwaltern an, von denen, wie er meinte, viele inkompetent seien. Eine gewisse Teilschuld gibt er auch den Pächtern selbst, da sie dem Alkohol verfallen seien. Bodelschwingh betrachtete den Alkoholgenuß zeit seines Lebens als Grundübel, das behoben werden müsse. In Gramenz machte er die Erfahrung, daß die Landarbeiter und Tagelöhner in ihrer Not, "aber auch wohl zum Branntweinsaufen, das empfangene Korn teilweise wieder verkauften." [5] Auf eine eigentümliche patriarchalische Weise, fühlte sich der junge Bodelschwingh für "seine Menschen" verantwortlich, indem er zur Eindämmung der Alkoholsucht - unterstützt von seinem Gutsherrn - den Lohn nicht mehr in Geld, sondern in Naturalien auszahlte. Er griff dabei energisch in die inneren Lebensverhältnisse der Familien ein und kontrollierte fast wie selbstverständlich ihren Haushalt:
"Ich halte mich notgedrungen beständig in Zusammenhang mit den Speisekammern fast sämtlicher Leute; die Vorräte an Mehl, Kartoffeln, Salz und Milch muß ich stets im Gedächtnis haben, denn das Ganze ist im eigentlichen Sinne des Wortes meine eigene Haushaltung."

Die häufigen Tanzfeste, bei denen üblicherweise immer Alkohol getrunken wurde, versuchte er, gegen erheblichen Widerstand durch einen neuen christlich-puritanischen Feststil mit frommen Gesängen zu ersetzen. Auf dem Gut gab es zudem regelmäßige Morgen- und Abendandachten, die Senfft von Pilsach auf Anregung von Johann Hinrich Wichern eingeführt hatte. Bodelschwingh befaßte sich außerdem mit religiösen Schriften der evangelischen Baseler Missionsgesellschaft, die er anschließend den Arbeitern überließ. Durch die Schrift mit dem Titel "Tschin, der arme Chinesenknabe" fühlte sich Bodelschwingh direkt angesprochen. Die Geschichte erzählte das Schicksal eines kleinen chinesischen Fischerjungen, der während des Opiumkrieges englische Soldaten vor der Rache der Chinesen gewarnt hatte. Daraufhin wurde der mittellose Junge in einer christlichen Erziehungsanstalt ausgebildet. Sein Ziel, später in den Missionsdienst zu gehen, um den heidnischen Chinesen den Weg zum Heiland aufzuzeigen, wurde durch seinen frühen Tod zunichte gemacht.

Bodelschwingh sah in dieser Geschichte einen Hinweis auf seine eigene Berufung. Später bekannte er einmal:
"Wo ich diese einfachen Worte las, war es plötzlich, als ob mir die Schuppen von den Augen fielen in bezug auf meinen eigenen Lebensberuf. Ich hätte bis dahin niemals auch nur einen leisen Gedanken gehabt, auch hat es weder Vater noch Mutter noch irgendein anderer Mensch mir je von ferne nahegelegt, daß ich Pastor werden möchte. In diesem Augenblick aber wurde es mir so vollständig gewiß, daß mir Gott diesen Beruf geschenkt habe, daß auch kein leisester Zweifel von der Stunde an über mich kam, und ich konnte Gott mit Freudentränen dafür danken." [6]

Im November 1854 begann Bodelschwingh sein Studium der Theologie an der Universität und im Missionshaus in Basel mit dem Ziel, in die Mission zu gehen. Die theologische Prägung erhielt er vom schwäbischen Pietismus und von Carl August Auberlen, der, biblisch orientiert, die Grundprinzipien des Christentums für unvereinbar mit modernen Weltanschauungen hielt. Regelmäßige Missions- und Bibelstunden und die sonntäglichen Familienabende im Missionshaus bestimmten fortan seinen Lebensrhythmus. Um in Preußen das Examen ablegen zu können, studierte er die letzten Semester in Berlin. Zur Vorbereitung auf die Missionsarbeit hospitierte er dabei zusätzlich in der Krankenpflege. Am 04.04.1858 legte er vor der Kirchenleitung in Münster sein Examen ab. Das Angebot der Baseler Missionsgesellschaft, als Missionar in Cannanore in Ostindien zu wirken, nahm er nicht an. Statt dessen folgte er der Bitte von Pastor Louis Meyer, der als Prediger an der Pariser "Eglise des Billettes" wirkte, eine Pastorenstelle der Evangelischen Gemeinde Augsburger Konfession in Paris zu übernehmen.


[1] Vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker
Staat, München, 3. Aufl., München 1985, S. 167
[2] Friedrich von Bodelschwingh, Briefwechsel Bd. 1, S. 3-4.
[3] Ebd. S. 4.
[4] Ebd. S. 7.
[5] Ebd. S. 5.
[6] Zit. nach Manfred Heilmann, "Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt", a.a.O., S. 31.


TECHNIKBuch, Typendruck
MATERIALPapier
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OBJEKT-PROVENIENZBethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung
FOTO-PROVENIENZMünster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt


QUELLE    Bernard, Johannes | Friedrich von Bodelschwingh | Dia 03, S. 18-21
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.8   1850-1899
Sachgebiet8.2   Sozialpolitik
8.4   Sozialfürsorge, Fürsorgeeinrichtungen
10.9   Arbeit, Beschäftigte
DATUM AUFNAHME2004-02-24
AUFRUFE GESAMT367
AUFRUFE IM MONAT34