QUELLE

DATUM1924-02-29   Suche   Suche DWUD
TITEL/REGESTBericht über die Uraufführung des Spielfilms "Die Hermannschlacht", Zeitungsartikel in: Westfälische Zeitung vom 29.02.1924
TEXTDie Hermannschlacht im Film.
Eine Uraufführung in Lippe-Detmold
Br. Detmold, 28. Februar

Im Landestheater des Rosenländchens wehte Premierenluft. Der seit langer Zeit mit Spannung erwartete, zum größten Teil seinerzeit an den "historischen Stätten" aufgenommene Film "Die Hermannschlacht" sollte das Licht der flimmernden Leinwand erblicken. Dem Umstand, daß eine solche Premiere in der "wunderschönen Stadt" bisher noch nicht dagewesen ist, ist es wohl zuzuschreiben, daß nicht die geringsten Vorbereitungen für die von weither erschienenen Vertreter der Presse getroffen waren. "Nichts wußte der König und nichts der Troß und nicht die Wache vom Königschloß", daß heißt, man stellte es den Gästen freundlichst anheim, irgendwo ein Plätzchen zu ergattern. Nach vergeblichem Hinundherrennen gelang es endlich unter Benutzung akrobatischer Künste, auf den höchsten Höhen des "Olymp" unterzukommen.

Der von warmen, nationalem Empfinden getragene Vorspruch Paul Warnekes entging uns leider zum größten Teil, da ein pflichteifriger Logenschließer den Gästen seiner Direktion ihre "Daseinsberechtigung" in wenig gewählten Worten streitig machte. Der Zweifel war ja insoweit berechtigt, als man ja geladene Gäste in der Regel nicht auf der Galerie unterzubringen pflegt. Nachdem so durch gänzlichen Mangel an Organisation glücklich jede "Premierenstimmung" (für deren psychologische Bedeutung man in Detmold wohl sein "Organ" hat) zerstört war, begann die Vorführung des Films. Selbst wenn man naheliegende Vergleiche mit den großen Tragödien Kleists und Grabbes, die denselben Titel tragen, unterläßt, so durfte man doch ein Filmwerk erwarten, dessen Bedeutung einem Friderikus- und Anna-Boleyn-Film gleichzuwerten ist. Diese Hoffnung, das sei bei aller Anerkennung eines gewissen nationalen Wertes gleich vorweg genommen, erfüllte sich in keiner Weise. Der Film erhebt sich in nichts, aber auch in gar nichts über den mittelguten historischen Durchschnittsfilm. Wenn man auch die Schwierigkeiten, die sich seinerzeit durch ungünstige Witterung usw. den Aufnahmen entgegenstellten, berücksichtigt, und weiter den ehrlichen Versuch der Regie, durch starke Kürzungen eine Einheitlichkeit der Handlung zu erzielen, in Rechnung stellt, so muß man doch bedauern, daß man dem Werk von vornherein im Manuskript eine feste geschlossene Linie gab. Was uns jetzt geboten wird, sind lose zusammenhängende Szenen. Von einer logischen Entwicklung des Geschehens, und vor allem des Charakters Armins findet sich in diesem Film nicht das geringste. Die mehrfache Überarbeitung und Umgruppierung der Szenen vermochte über das Konstruierte der ganzen Handlung nicht hinwegzutäuschen. Ein Fehler der Regie war es ohne Zweifel, statt der eingespielten Berliner Komparserie "Eingeborene" aus dem Teutoburger Walde zu verwenden. Gutgemeinte Begeisterung für das Filmen vermag nicht mangelnde Uebung zu ersetzen. Einzelne Szenen wie z.B. die Rückkehr Armins aus Rom inmitten der geflüchteten Germanen wirkten durch die Haltung der Statisterie steif und gestellt. Die ängstlich mit ihren unbekleideten Füßen über die Steine trippelnden Germanen ließen den vorgeschriebenen Angriffsmut in der Hermannschlacht nicht recht glaubhaft erscheinen. Von den Hauptdarstellern erhob sich eigentlich nur die Tusnelda Annemarie Wissers und etwa noch der Marchod Hans Mühlhofers, die Gunthild Mia Pankaus und der Segimer Adolf Wassermanns über das Niveau des Durchschnitts. Mit dem allzu sorgfältig frisierten Hermann Georg Schmieters konnte man sich nicht befreunden.

Alles in allem "ein großer Aufwand ward vertan", ein Durchschnittsfilm, dessen nationale Werbekraft wir dankbar anerkennen wollen, dem jedoch der Welterfolg eines Friderikus-Films kaum beschert sein dürfte. Die die Uraufführung des Film begleitende Musik war durchaus unzulänglich; wirkungsvolle Szenen, die trotz des unbefriedigenden Gesamteindrucks zweifellos vorhanden sind, würden bei anderer Unterstützung durch die Musik die Schwächen des Werkes vielleicht zu einem Teil verdeckt haben. Wie wir hören, handelt es sich bei der Musik der Uraufführung nicht um die für das Werk bestimmte, die nicht rechtzeitig fertig wurde, sondern um eine in der Eile provisorisch zusammengestellte musikalische Umrahmung. Der Beifall, der stellenweise auf offener Szene ausbrach, entsprang wohl zum größten Teil mehr lokalpatriotischen oder nationalen Beweggründen als künstlerischem Empfinden.


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ1.3   Einzelquelle (in Volltext/Regestenform)
165   Presseveröffentlichung (Zeitungsartikel)
Zeit1.6.1   Varusschlacht / Rezeption
3.9   1900-1949
Ort2.5.5   Detmold, Stadt
Sachgebiet14.14   Film, Kino
DATUM AUFNAHME2004-09-17
AUFRUFE GESAMT2195
AUFRUFE IM MONAT163