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(74 KB)   Fritz Steinhoff (1897-1969) / Düsseldorf, Landtag Nordrhein-Westfalen - Archiv   Informationen zur Abbildung

Fritz Steinhoff (1897-1969) / Düsseldorf, Landtag Nordrhein-Westfalen - Archiv
FAMILIESteinhoff
VORNAMEFritz


GEBURT DATUM1897-11-23   Suche
GEBURT ORTWickede
TOD DATUM1969-10-22   Suche
TOD ORTHagen


BIOGRAFIE
"Ich bin ein typischer Westphälinger. Ich komme aus der Dortmunder Gegend, bin in der früher selbständigen und jetzt zu Dortmund gehörenden Gemeinde Wickede geboren und in einer kinderreichen Bergarbeiterfamilie groß geworden. Ich bin nach der Schulausbildung und einigen Jahren bäuerlicher Tätigkeit als Ackerknecht Bergmann geworden."
So skizzierte Fritz Steinhoff unmittelbar nach der Wahl zum Ministerpräsidenten am 20.02.1956 in einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk seine Herkunft. Nach dem gebürtigen Kölner Rudolf Amelunxen und dem Schwaben Karl Arnold wurde mit Steinhoff 1956 erstmals ein Westfale Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, und er blieb bis heute der einzige Regierungschef aus Westfalen.


1.

Geboren wurde Steinhoff am 23.11.1897. Jeder, der dem kleinen, aber intelligenten Jungen eine politische Karriere prophezeit hätte, die bis in hohe Staatsämter führen sollte, wäre verlacht worden. Dennoch ist Steinhoffs Lebenslauf paradigmatisch für führende Sozialdemokraten der Vergangenheit. Die Stationen waren: Volksschule, Hilfsarbeiter, Bergmann, zweiter Bildungsweg, Parteifunktionär, Verfolgung durch die Nationalsozialisten, Kommunalpolitik, Landes- und Bundespolitik.

Die wirtschaftliche Situation der Familie Steinhoff war überaus bedrückend. Der Vater, der wegen eines Augenleidens keine Akkordarbeiten verrichten konnte, erhielt einen Schichtlohn von weniger als fünf Mark und mußte damit eine dreizehnköpfige Familie ernähren. Bereits als Schüler verdingte sich deshalb der junge Fritz, damals wie später häufig mit dem Diminutiv "Fritzken" bedacht, als Knecht bei einem Bauern, um die Haushaltskasse der Familie ein wenig aufzubessern. Überlegungen, Steinhoff auf eine weiterführende Schule zu schicken und ihn Pfarrer oder Lehrer werden zu lassen, blieben vor diesem Hintergrund Episode. Der in seiner Armut stolze Vater soll ein entsprechendes Angebot der evangelischen Kirchengemeinde des Heimatortes Wickede mit der Bemerkung ausgeschlagen haben, er könne seine Kinder allein erziehen, und sein Sohn werde auch ohne fremde Hilfe seinen Weg machen.

Weil es für den Sohn eines Bergmannes kaum eine Alternative gab, wurde Steinhoff im Alter von siebzehn Jahren ebenfalls Bergmann. Obwohl er der harten Arbeit körperlich kaum gewachsen war, blieb er dies bis 1923, unterbrochen nur durch den Kriegsdienst bei der Marine, zu dem er 1917 eingezogen wurde. Bis 1919 schippte er als Heizer auf einem Torpedoboot Kohlen, denn sein Schiff transportierte nach Kriegsende Post und Nachschub zu den im schottischen Scapa Flow internierten deutschen Kriegsschiffen. In den Kesselräumen des Torpedobootes hat Steinhoff nach eigenem Bekenntnis erste Kontakte zu Sozialdemokraten bekommen und sich der sozialistischen Ideenwelt zugewandt. In der Familie gab es derartige Anstöße offensichtlich nicht.

Das Kriegserlebnis und die Revolution von 1918 haben in Steinhoff das Interesse und das Engagement für die Politik geweckt. Weder seine materielle Situation noch seine Bildungsvoraussetzungen ermöglichten ihm jedoch einen unmittelbaren Einstieg. Steinhoff mußte wieder Bergmann in Massen bei Unna werden, trat jedoch auch der SPD bei und schloß sich dem "Hofgeismarer Kreis" der Jungsozialisten an, der sich "um neue Erkenntnisse sozialer, politischer, religiöser und philosophischer Zusammenhänge mühte, insbesondere Nation und Staat zum Gegenstand... (seiner) theoretischen Bemühungen machte", wie Carlo Schmid das einmal formuliert hat. Zu diesem Hofgeismarer Kreis gehörten u.a. der spätere Wirtschaftsexperte der SPD, Heinrich Deist, der Iserlohner Oberbürgermeister nach 1945 und Antikorruptionskommissar in Düsseldorf, Werner Jacobi, der spätere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb und der Direktor des Vereins der Konsumgenossenschaften, Gustav Dahrendorf. Es war ein Zusammenschluß von Jungsozialisten mit etwas verschwommenen nationalen und sozialromantischen Zielen im Gegensatz zu einem anderen, dem links-orthodoxen "Hannoverkreis" der Jungsozialisten, der sich an den Ideen und Theorien von Karl Marx orientierte. Die romantisch-idealistischen Hofgeismarer hatten im Auftreten manches mit der "Bündischen Jugend" gemeinsam. Nicht von ungefähr erinnerte sich Steinhoff 1956 an einen sechsmonatigen Studienaufenthalt in der Heimvolkhochschule Dreißigacker bei Meiningen in Thüringen im Jahre 1921 so: "Es war Ehrensache, daß wir nicht rauchten und nicht tranken. Damit wollten wir zeigen, daß wir einen neuen Weg suchten. Wir waren Idealisten und liefen nur in kurzen Hosen herum." Das Rauchen sollte er sich später allerdings zeitweilig angewöhnen, insgesamt zeichnete sich Steinhoff aber durch eine bescheidene, ja fast spartanische Lebensführung aus.

Auf die Einflüsse der Hofgeismarer ist es zurückzuführen, daß Steinhoff kein ideologisch fixierter, sondern ein pragmatisch denkender Sozialist wurde, der seine Heimat eher auf dem rechten Parteiflügel hatte. Der "neue Weg" bestand gerade für die Arbeiterkinder in diesem Kreis in einem außerordentlich stark ausgeprägten Bildungswillen. Er führte für Steinhoff und seine Freunde aber auch über die ausgetretenen Pfade des Marxismus hinaus zu einem unorthodoxen, sich an Realitäten orientierenden Sozialismus. Nicht von ungefähr hatten die Hofgeismarer Kontakt zu den "Religiösen Sozialisten" um Paul Tillich. Seinem Bildungsdrang konnte Steinhoff 1922 intensiv frönen. Der Verband der Bergarbeiter Deutschlands schickte ihn für zwei Semester an die ein Jahr zuvor mit Unterstützung der sozialdemokratisch orientierten Freien Gewerkschaften an der Universität Frankfurt gegründete "Akademie der Arbeit", wo Steinhoff bei Franz Oppenheimer und Erik Nölting Vorlesungen über Wirtschaft und Politik hörte. Im ersten Kabinett Arnold wurden Nölting und sein damaliger Schüler Steinhoff übrigens Kollegen: Nölting war Wirtschafts-, Steinhoff kurze Zeit als Nachfolger von Ernst Gnoss Wiederaufbauminister.

Nach dem Fortbildungskurs in Frankfurt kehrte Steinhoff wieder nach Massen zurück, wurde jedoch bald arbeitslos, weil im Zuge des damaligen Zechensterbens, dem vor allem die Kleinzechen in den Dörfern und Landstädten zum Opfer fielen, auch sein Pütt geschlossen wurde. Steinhoff nutzte die erzwungene Untätigkeit, um seine Ausbildung an der 1920 gegründeten "Deutschen Hochschule für Politik" in Berlin-Schöneberg fortzusetzen. Das Geld dazu verdiente er sich durch Gelegenheitsarbeiten wie Zeitungsaustragen. In Berlin hörte er vor allem bei Theodor Heuß, der von 1924 bis 1928 und dann wieder von 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordneter der liberalen "Deutschen Demokratischen Partei/Deutsche Staatspartei" war. Unter seinem Einfluß hat sich Steinhoffs Bereitschaft zu liberaler Toleranz vertieft, wie Friedrich Keinemann feststellt. Steinhoff selbst drückte dies in einem Rundfunkinterview einmal so aus: "Wir spürten, daß Heuß nicht nur aus dem Verstand heraus lehrte, sondern mit Herz dabei war."

Obwohl seiner Herkunft nach unterprivilegiert, ist Steinhoff später nie verbittert gewesen, hat sich auch nie in den Dogmatismus und die Verbohrtheit mancher Menschen zurückgezogen, die aus eigener Kraft einen steilen sozialen Aufstieg vollbracht haben. Vielmehr versuchte er im Gegenteil, die Ursachen für soziale Benachteiligungen zu beseitigen und das Bildungsangebot auch für jene Kreise zu erweitern, die traditionell davon abgeschnitten waren und sind.


2.

Mit dem geistigen Rüstzeug, das er sich auf der Akademie der Arbeit und der Hochschule für Politik angeeignet hatte, begann Steinhoff 1926 seine politische Karriere. Die erste Etappe war, für einen Sozialdemokraten nur zu natürlich, eine Tätigkeit in der Partei oder bei einer ihrer Organisationen oder Unternehmen. Steinhoff wurde Volontär bei der "Westfälischen Allgemeinen Volkszeitung" (WAVZ) in Dortmund, einem Parteiblatt. Hier lernte er Fritz Henßler kennen, dem er später im Vorsitz des SPD-Bezirks Westliches Westfalen und der sozialdemokratischen Landtagsfraktion folgen sollte. An das Volontariat schloß sich 1927 die Tätigkeit als Geschäftsführer eines Zeitungsvertriebes an. Wieder ein Jahr später wurde er dann echter Parteifunktionär und übernahm die Leitung des Parteisekretariats für Hagen, Ennepe-Ruhr und Lüdenscheid. Damit ließ er sich in der Stadt nieder, die seine Heimat werden sollte, in Hagen.

Die neue Aufgabe war nicht unproblematisch, denn in Hagen gab es Gruppen, die in Anlehnung an die alte Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) auf Oppositionskurs zur Politik der SPD im Reich und in Preußen standen. Steinhoff gelang es jedoch, diese einzubinden und bei den Kommunalwahlen 1929 die SPD zur stärksten Partei zu machen. Er setzte nicht auf Umbruch und revolutionäre Umgestaltung des Staates, sondern auf Machterhaltung und evolutionären Wandel. Deshalb verteidigte er in Parteiversammlungen auch Schritte der Parteiführung, die er selbst inhaltlich nicht voll mittrug, beispielsweise 1931 die Enthaltung der Mehrheit der SPD-Reichstagsfraktion bei der Abstimmung über den Bau des Panzerkreuzers. Nach den Kommunalwahlen von 1929 trat er als unbesoldeter Stadtrat für Sportjugendpflege und Stadtgärtnereien in den Hagener Magistrat ein. Die Kommunalpolitik ließ ihn von nun an nicht mehr los.

Zu Steinhoffs Aufgaben als Parteifunktionär gehörte selbstverständlich der Kampf gegen den politischen Gegner, und das war in den frühen dreißiger Jahren vor allem die NSDAP. Wie die meisten anderen Sozialdemokraten setzte er dabei streng auf Legalität und hoffte, es werde der Kampforganisation der SPD, dem "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", sowie der "Eisernen Front" gelingen, das Vordringen der Nationalsozialisten aufzuhalten. Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung lehnte er ab. Er sah zwar die Notwendigkeit eines linken Bündnisses gegen den Nationalsozialismus, grenzte sich aber immer wieder von den Kommunisten ab, denen er vorwarf, sie sähen ihre Hauptaufgabe darin, "Folie für die russische Staatspolitik" zu sein. Steinhoff und die Hagener Sozialdemokraten veranstalteten zwar eine Reihe eindrucksvoller Kundgebungen gegen die NSDAP, die letzte Mitte Februar 1933, aufhalten konnten sie diese Partei aber nicht.

Nach der "Machtübernahme" wurde Steinhoff im Zusammenhang mit dem Verbot der Sozialdemokratie im Sommer 1933 erstmals in "Schutzhaft" genommen, aber nach drei Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt. Da er seinen Beruf als Parteifunktionär nun nicht mehr ausüben konnte, versuchte er sich als Vertreter für verschiedene Produkte bis er 1937 in Hagen ein Herd- und Ofenreinigungsgeschäft eröffnen konnte, das allerdings nur einen äußerst bescheidenen Verdienst abwarf. Zuvor, 1934, war Steinhoff unter dem Vorwurf des Hochverrats von der Gestapo ein zweites Mal verhaftet worden. Weil das Belastungsmaterial aber nicht ausreichte, mußte er wieder entlassen werden; es gab noch unabhängige Gerichte und Richter. 1938 erneut verhaftet, wurde ihm zusammen mit sechs anderen Angeklagten abermals Hochverrat vorgeworfen und vom 2. Strafsenat des Oberlandesgerichtes Hamm im August oder Prozeß gemacht. Nach der Anklageschrift des Staatsanwaltes, der das Gericht folgte, hatte Steinhoff Anfang 1934 einige Exemplare des "Neuen Vorwärts" erhalten, der von dem nach Prag emigrierten Parteivorstand der SPD herausgegeben wurde. Außerdem soll er im Besitz von Tarnschriften mit programmatischen Aufrufen gewesen sein, die damals von der Exil-SPD, aber auch der KPD beispielsweise unter dem Umschlagtitel "Koche elektrisch" in das Reich eingeschmuggelt wurden.

Als Hauptangeschuldigter erhielt Steinhoff, der während der Untersuchungshaft in dem berüchtigten Polizeigefängnis Steinwache in Dortmund gefoltert worden war, am 12. Oktober 1938 drei Jahre Zuchthaus, die anderen Angeklagten Gefängnisstrafen zwischen eineinhalb Jahren und 27 Monaten. Nach seiner Entlassung am 16. Januar 1941 fand er eine Anstellung als Hilfsdreher in einer kleinen Firma in Iserlohn, wurde aber nach dem Attentat auf Hitler vom 20.07.1944 erneut verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, in dem seit 1937 auch Fritz Henßler inhaftiert war. Zusammen mit Henßler machte Steinhoff, als 1945 die sowjetischen Truppen näherrückten, den mörderischen Evakuierungsmarsch mit, der erst Anfang Mai in Mecklenburg endete, wo amerikanische Einheiten die KZ-Häftlinge befreiten. An den im Zuchthaus und im KZ erlittenen Torturen hatte Steinhoff zeitlebens zu tragen, doch machte er in der ihm eigenen Bescheidenheit nie ein Aufhebens davon. Magengeschwüre und ein nervöses Magenleiden waren die Spätfolgen. Es klingt zwar wie eine Anekdote, entsprach aber den Tatsachen: in der Untersuchungshaft las er 1938 immer wieder eine eingeschmuggelte Taschenbuchausgabe von Goethes Faust. "Das war mein einziger Trost. Ich konnte den Faust fast auswendig."


3.

Nach der deutschen Kapitulation verschlug es Steinhoff zunächst wieder nach Iserlohn, wo er vor der Besatzungsmacht als Stadtverordneter eingesetzt wurde. Die Firma, in der er wahrend des Krieges als Hilfsdreher gearbeitet hatte, bot ihm erneut eine Beschäftigung an. "Ich zog es aber doch vor, mich dem politischen Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen." Deshalb hielt es ihn auch nicht lange in Iserlohn. Als ihm Parteifreunde im Winter 1945 antrugen, für das Amt des Oberbürgermeisters im benachbarten Hagen zu kandidieren, zögerte er keinen Augenblick. Bei einer Abstimmung in der ernannten Hagener Stadtvertretung entfielen auf ihn Ende Januar 1946 mit Abstand die meisten Stimmen. Die britische Militärregierung akzeptierte Steinhoff als kommunalpolitisch versierten Mann und als Nazi-Verfolgten und setzte ihn als Oberbürgermeister ein. Damit begann eine phänomenale komunalpolitische Karriere, denn Steinhoff behauptete sein Amt auch später stets unangefochten. Aus den ersten Kommunalwahlen in der britischen Besatzungszone im Herbst 1946 ging die Hagener CDU, deren maßgebender Kopf der Verleger Otto Rippel war, mit 37,5 Prozent der Stimmen als stärkste Partei hervor, während die SPD 33,5, die FDP 15,1 und die KPD 13,9 Prozent der Stimmen erreichten. Obwohl die CDU, aus deren Reihen schon der Oberstadtdirektor stammte, damit auch Anspruch auf das Amt des Oberbürgermeisters hatte, stellte sie keinen Kandidaten auf. Steinhoff wurde einstimmig wiedergewählt. Am 4. Oktober 1954 wurde er mit 37 von 39 bei zwei ungültigen Stimmen bereits zum siebenten Male in seinem Amt bestätigt.

Diese überzeugenden Voten sind zum einen Indiz für die nicht stark ausgeprägte parteipolitische Peilarisierung auf der kommunalpolitischen Ebene in Hagen, dem Zentrum der märkischen Kleineisenindustrie, zum anderen aber auch Beleg für die hohe persönliche Integrationskraft, die Steinhoff besaß. Bei aller Quirligkeit von recht ausgeglichenem Temperament, konnte er zuweilen allerdings auch eindeutig autoritäre Züge an den Tag legen. Seine Fähigkeit zum Ausgleich dominierte aber. Er ging politischem Streit zwar nicht aus dem Wege, trieb ihn aber auch nicht auf die Spitze und vermied nach einiger Zeit sorgsam jene klassenkämpferischen Töne, die zunächst noch in seinen Reden angeklungen waren. Die Überzeugung, die Demokratie in Deutschland lasse sich nur dann aufbauen und festigen, wenn der politische Kampf nicht bis aufs Messer geführt werde, brachte er unmittelbar nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten am 20.02.1956 auf diese Formel:
"Ich bin ein ganz nüchterner Mensch und denke nicht in Ideologien. Selbstverständlich habe ich meine Grundsätze, habe eine Grundüberzeugung, aber das Denken im politischen Raum sollte auch in Deutschland ein sachliches werden. Nüchtern und kühl überlegen und dann den Mut haben, Konsequenzen daraus zu ziehen, auch dann, wenn sie zunächst ungewohnt sind - entscheidend ist ja nachher der Erfolg, was dabei herauskommt, ob der Versuch sich eben gelohnt hat...".

Steinhoff war durch und durch Pragmatiker, kein konzeptioneller Denker. Dies befähigte ihn, das Amt des Stadtoberhauptes von Hagen zur Zufriedenheit aller Parteien auszufüllen. Hinzu kam allerdings auch die desolate Lage der Stadt, die die Parteien zusammenrücken ließ. Hagen war durch Bombenangriffe im Dezember 1944 und insbesondere am 28. Februar und 15.03.1945 schwer zerstört worden; Mitte April rückte amerikanische Truppen ein. Zahllose Obdachlose vegetierten in den Ruinen, viele der mittelständischen Betriebe lagen in Trümmern. Lediglich der Stadtteil Haspe, in dem sich ein Hüttenwerk des Klöckner-Konzerns befand, war einigermaßen glimpflich davongekommen, die City dagegen fast völlig zerstört. Schon als ernannter Oberbürgermeister setzte sich Steinhoff rastlos für die Versorgung der Bevölkerung mit dem Allernotwendigsten und für den Wiederaufbau ein. Weil ihm Entscheidungsfreudigkeit ebenso zu eigen war wie die Fähigkeit zum Kompromiß, einigte man sich in Hagen schneller als anderswo auf Wiederaufbaupläne. Die meisten Kriegsschäden wurden noch in der bis 1956 dauernden Amtszeit Steinhoffs als Oberbürgermeister beseitigt. Schon 1949 konnte er das wiederaufgebaute Stadttheater eröffnen.

Steinhoff ist Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Kommunalpolitiker geblieben. Es war mehr als ein Lippenbekenntnis, wenn er in einem Wahlaufruf für die Kommunalwahlen am 28.10.1956 im WDR formulierte, er sei "der Überzeugung, daß eine ordentlich funktionierende Selbstverwaltung in den Gemeinden als das beste Fundament der Demokratie angesehen werden muß". In einem Aufsatz für den "Demokratischen Aufbau", eine Zeitschrift der SPD in Nordrhein-Westfalen, schrieb er:
"Leider sind die Gemeinden nicht, wie in der Weimarer Verfassung, im Grundgesetz als 3. Säule neben Bund und Ländern verfassungsmäßig verankert. Durch diese Nichtanerkennung haben die Gemeinden bei der Steuer- und Finanzverteilung keinen in der Verfassung begründeten Rechtsanspruch. Bei der finanziellen Auseinandersetzung zwischen Bund und Ländern laufen die Gemeinden immer Gefahr, daß sie nur das erhalten, was übrigbleibt."

Steinhoff hat sehr früh die Gefahren erkannt, die für die kommunale Selbstverwaltung aus der rapide steigenden Verschuldung der Gemeinden resultierten. So hob er häufig mahnend seine Stimme, auch als Vorsitzender des Städtetages Nordrhein-Westfalen, der er schon Ende der vierziger Jahre geworden war. Als Ministerpräsident bliebt ihm allerdings eine zu kurze Zeitspanne, um vielleicht andere Zeichen zu setzen.


4.

Seit Februar 1946 Mitglied des ernannten Provinzialrats von Westfalen, der Oberpräsident Ameluxen beraten sollte, betrat Steinhoff noch im gleichen Jahr die landespolitische Bühne. Er wurde Mitglied des ebenfalls von den Briten ernannten ersten Landtags des neuen Landes. Ob er dieses neue Land von Anfang an akzeptiert oder sich nur in die durch Besatzungsdekret geschaffenen Realitäten geschickt hat, oder ob er gar das neue Gebilde, wie Kurt Schumacher oder Fritz Henßler, strikt ablehnte, läßt sich nicht sicher ermitteln. Als das Land zehn Jahre alt wurde, erklärte er am 02.10.1956 in einer Feierstunde des Landtages als Ministerpräsident:
"Nordrhein-Westfalen wird..., wenn es als politische Gemeinschaft einen echten und für die Geschichte unverlierbaren kulturellen Beitrag aus seinem Geist leisten will, auf eine sichtbare eigene Dokumentation seines kulturellen Wollens nicht verzichten können. Es bedarf... solcher sichtbarer kultureller Zeugnisse seiner selbst nicht zuletzt auch, um in ihnen den Willen zur Wahrung jener eigenen politischen Einheit auszudrücken, wie sie vor zehn Jahren geschaffen worden ist... Am Beginn des neuen Bundeslandes... (stand) die Bekundung der Entschlossenheit, dieses neue gliedstaatliche Gebilde eines künftigen deutschen Gesamtstaates von innen her zu einer echten politischen Gemeinschaft zu verbinden... Natürlich - wer wollte das bestreiten - ist das Land Nordrhein-Westfalen ein Zusammenschluß dreier Räume, die in der Geschichte bisher in dieser Form nicht zueinander gehörten. So mag im gewissen Sinne das Landesbewußtsein, wenn ich es einmal so nennen darf, dieses Landes nicht so ausgeprägt sein... Wir haben sicherlich keine Veranlassung, uns deshalb etwa in der Rolle eines Emporkömmlings zu fühlen. Dennoch sollte uns die Tatsache, daß Nordrhein-Westfalen als Staat eine Neuschöpfung ist, im Interesse der Erhaltung und Festigung der Einheit und des Zusammengehörigkeitsgefühls dieses Landes verpflichten, die ehrwürdige Geschichte des niederrheinischen, westfälischen und lippischen Raumes für das gemeinsame geistige Fundament dieses Landes entschlossener nutzbar zu machen... Um die Bildung einer wahrhaften staatspolitischen Kraft aus der Eigenständigkeit dieses Landes muß es uns gehen, wenn wir im bundesstaatlichen Gefüge der Bundesrepublik Deutschland unseren Platz einnehmen und behaupten wollen."

Dies war kein überschwengliches, aber ein standhaftes Bekenntnis zu der politischen Realität des Landes. Ob es anders ausgefallen wäre, wenn Steinhoff 1956 nicht in seiner Funktion als Regierungschef gesprochen hätte, läßt sich nicht beurteilen. Dem Landesparlament gehörte der Hagener Oberbürgermeister ununterbrochen bis 1958 an, ohne allerdings zunächst besonders in Erscheinung zu treten. In der Frühzeit stand Steinhof innerhalb der sozialdemokratischen Fraktion im Schatten von Fritz Henßler, dem Fraktionsvorsitzenden, Ernst Gnoß, Alfred Dobbert, Erik Nölting, Walter Menzel, Werner Jacobi und natürlich dem alt gewordenen Carl Severing. Doch schon 1948 wurden dem damals Einundfünfzigjährigen die höheren Weihen der Politik zuteil. Am 13.12.1948 beauftragte ihn Ministerpräsident Arnold mit der Wahrung der Geschäfte des Wiederaufbauministers, weil der Amtsinhaber Ernst Gnoß schwer erkrankt war. Gnoß starb im März 1949 im Alter von 48 Jahren an einem Lungenleiden, das er sich während der Verbüßung einer Zuchthausstrafe im "Dritten Reich" zugezogen hatte.

Bis zum Ende der Legislaturperiode im Sommer 1950 blieb Steinhoff Wiederaufbauminister. Schon damals urteilte ein politischer Gegner über ihn:
"Er ist ein tüchtiger, fleißiger und ideenreicher Mann", und schon damals galt, was Wolfram Köhler 1956 über den Abgeordneten Steinhoff schrieb: "Meistens sitzt er tief versunken auf seinem Abgeordnetensitz, den Arm auf die Sessellehne des Nachbarn gestützt. Aufmerksam verfolgt er jeden Redner. Dann, wenn ein Stichwort fällt, fliegt seine Hand in die Höhe. Mit behenden, ausgreifenden Schritten geht er zum Rednerpult. Die Einleitungsfloskeln spricht er noch auf den Stufen zum Podium. Fritz Steinhoff kommt schnell zur Sache. Er attackiert seine politischen Gegner mit Schärfe und Ironie. Aber er bleibt sachlich. Seine Sprache ist das etwas harte Deutsch des Ruhrgebiets. Zwischenrufe sind ihm ein Vergnügen. Dann blitzt in seinen Augen der Mutterwitz."
Das auffallendste Merkmal des kleinen und schmächtigen Mannes waren wohl die hellen, wasserblauen Augen, über denen sich die Stirn hoch wölbte, um dann in einem weit ausladenden Hinterkopf einzumünden. Obwohl ihm zuweilen grammatikalische Fehler unterliefen und sein Sprachschatz Grenzen hatte, war Steinhoff kein schlechter Debattenredner. Vor allem klebte er nicht am Manuskript. Rhetorische Glanzlichter konnte er allerdings nur ab und zu aufstecken.

Als Wiederaufbauminister - das Mandat als Oberbürgermeister behielt er auf Bitten der Hagener Rathausparteien bei - übernahm Steinhoff kein unwichtiges Ressort. Obwohl seine Amtszeit nur kurz war, konnte er erste politische Akzente setzen. So wurden auf seine Initiative hin das Baulenkungsgesetz und das Landeswohnungsgesetz verabschiedet, die eine einheitliche Grundlage für die notwendige Wohnraumbewirtschaftung schufen. Als er im Spätsommer 1950 seinen Ministersessel räumen mußte, konnte Steinhoff eine ansehnliche Bilanz ziehen. Während seiner Ministerzeit wurden in Nordrhein-Westfalen 125 000 Wohnungen gebaut und die Finanzierung für weitere 60 000 gesichert. Seinen wichtigsten Beitrag als Wiederaufbauminister sah er in dem Gesetz zum Wiederaufbau der Städte und Gemeinden.


5.

Aus den Landtagswahlen vom 18.06.1950 ging die CDU mit 36,9 Prozent der Stimmen zwar wieder als stärkste Partei hervor, hatte jedoch gegenüber den Wahlen vom 20.04.1947 leichte Verluste hinnehmen müssen. Die Sozialdemokraten verbesserten sich dagegen geringfügig von 32 auf 32,3 Prozent, während sich der Stimmenanteil der FDP mehr als verdoppelte. Nach der Neubildung der Landesregierung ohne die SPD trat Steinhoff wieder in die Fraktionsgemeinschaft seiner Partei zurück, in der er sich inzwischen so großes Ansehen erworben hatte, daß er noch im gleichen Jahr stellvertretender Fraktionsvorsitzender wurde. Mögliche Konkurrenten wie Heinz Kühn, Erik Nölting oder Walter Menzel hatten sich bereits mehr und mehr auf die Bundespolitik konzentriert. Als der Fraktionsvorsitzende Henßler am 04.12.1953 gestorben war, beerbte ihn Steinhoff unangefochten gleich in zwei Ämtern, dem des Vorsitzenden des Parteibezirks Westliches Westfalen, dessen Stellvertreter er bereits 1946 geworden war, und des Fraktionsvorsitzenden in Düsseldorf. Die Fraktion wählte ihn zehn Tage nach Henßlers Tod am 14.12.1953 einstimmig. Schon 1950 war Steinhoff, seit 1946 wieder hauptamtlicher Funktionär der SPD in Hagen, auch in den Bundesvorstand seiner Partei berufen worden, ohne dort jedoch besonders hervorzutreten.

Mit seiner Wahl zum Fraktionsvorsitzenden wurde Steinhoff fast automatisch die Nummer Eins seiner Partei auf Landesebene und damit Spitzenkandidat für die Landtagswahlen am 27.06.1954. Bei diesen Wahlen konnten die Sozialdemokraten gegenüber 1950 zwar 2,2 Prozent der Stimmen hinzugewinnen und auf 34,5 Prozent klettern, insgesamt war für sie das Wahlergebnis aber enttäuschend, denn die CDU hatte auf Kosten der kleinen Parteien weitaus kräftiger zugelegt; sie verbesserte sich um 4,4 Prozentpunkte auf 41,3 Prozent. Dagegen mußte die FDP leichte Verluste hinnehmen, und das Zentrum büßte deutlich an Attraktivität ein, denn ihm blieben nur noch neun von vorher sechzehn Mandaten. Nur die Kommunisten kehrten nicht mehr in das Parlament zurück. Zwei Jahre später wurden sie durch Beschluß des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe zur verfassungswidrigen Partei erklärt und damit verboten.

Den Wahlkampf von 1954 hatte die Landes-CDU unter das Motto "Mit Arnold für Adenauer!" gestellt. Weder sie noch die SPD verfügte nach dem 27.06. jedoch über die absolute Mehrheit der Stimmen und Sitze. Weil die Freien Demokraten Arnold wegen seiner Schulpolitik, vor allem wegen der konfessionellen Zwergschule, im Wahlkampf hart angenommen hatten, hofften Steinhoff und seine Parteifreunde auf eine Erneuerung der Großen Koalition mit der CDU während der ersten Legislaturperiode. Angesichts der unverändert schwierigen Situation des Landes sahen sie darin eine landespolitische Notwendigkeit. Auch Arnold liebäugelte zunächst wiederum mit der SPD als Koalitionspartner, zumal da für ihn das "Ahlener Programm" seiner Partei von 1947 noch Verpflichtung war. Dieses nur für die Britische Besatzungszone verabschiedete Programm sah u. a. die Vergesellschaftung der Zechen sowie die Mitbestimmung der "Arbeitnehmer an den grundlegenden Fragen der wirtschaftlichen Planung und sozialen Gestaltung" vor. Nicht von ungefähr wurde während der Amtszeit des ersten Kabinetts Arnold das Bergbausozialisierungsgesetz vom Landtag beschlossen, das die Militärregierung dann allerdings nicht genehmigte.

Aber unter Hinweis auf den außenpolitischen Dissens mit der SPD, der auf der Westintegration der Bundesrepublik und der eingeleiteten Wiederaufrüstung gründete, brachte Bundeskanzler Adenauer Arnold wiederum dazu, keine Koalition mit den Sozialdemokraten einzugehen. Stattdessen ließ sich der Ministerpräsident in ein Bündnis mit der ordoliberalen FDP drängen, nahm allerdings auch das Zentrum auf, das mit Rudolf Amelunxen wiederum den Justizminister stellte. Der Regierungsbildung waren intensive Beratungen in den Parteizentralen in Bonn voraufgegangen, in deren Verlauf Arnold auch mit dem Nachfolger Schumachers im SPD-Vorsitz, Erich Ollenhauer, und dessen Stellvertreter Wilhelm Mellies zusammentraf. Als er dann mit den Liberalen unter Friedrich Middelhauve handelseinig wurde und die Regierung bildete, gaben sich Steinhoff und seine Parteifreunde gekränkt und schlüpften in die Rolle des verschmähten Liebhabers. Dies wurde deutlich, als er am 28.07. im Landtag auf die Regierungserklärung Arnolds antwortete. Hinter der ständig wiederholten Anrede "Herr Ministerpräsident Arnold" und der häufigen Nennung "Herr Bundeskanzler Adenauer" verbarg sich übrigens keine Ironie. Steinhoff, der für sich selbst derartige Anreden verschmähte und später auch als Regierungschef von äußerster Bescheidenheit war, zollte Amtsinhabern immer großen Respekt.

"Wir haben gestern die dritte Regierungserklärung des jetzt neugewählten Herrn Ministerpräsidenten Arnold entgegengenommen. Der Herr Ministerpräsident war am Schluß seiner Regierungserklärung selber der Meinung, daß es notwendig wäre, Vorwürfe zurückzuweisen, die darauf hinausliefen, er hätte bei der Bildung dieser Regierung das Gesicht verloren. Ich gehöre nicht zu jenen, die diese Behauptung aufgestellt haben; ich habe aber auch nicht die Absicht, sie zurückzuweisen. Ich möchte vielmehr nur sagen, daß die jetzige Regierungserklärung - verglichen mit den früheren desselben Ministerpräsidenten - sehr farblos gewesen ist. Der Wahlkampf wurde von der CDU unter der Losung geführt: 'Mit Arnold für Adenauer!'. Richtig ausgelegt wird die Absicht bestanden haben, Herrn Ministerpräsidenten Arnold als Helfer für Herrn Bundeskanzler Adenauer zu benutzen, damit er dessen Politik unterstützt, abschirmt oder sichert, wie man das nun nennen mag. Jedenfalls zog die CDU unter dieser Parteiparole in den Wahlkampf und verlor seit dem 6. September 1953 (an dem die Wahlen zum 2. Bundestag stattgefunden hatten, d. V.) über eine Million Stimmen! Damit ist eindeutig nachgewiesen, daß es sich von den Wählern, die am 6. September dem Herrn Bundeskanzler Dr. Adenauer noch ihre Zustimmung gegeben haben, in der Zwischenzeit eine Million anders überlegt haben. Der Schluß, den man daraus eigentlich hätte ziehen müssen, wäre gewesen, daß es notwendig sei, eine andere Marschrichtung zu wählen. Immerhin hätte man den Willen der Wähler bei der Vorbereitung der Regierungsbildung respektieren müssen... Wenn ich mit diesen Worten auf den Anspruch der SPD, an der Regierung beteiligt zu werden, hinweise, so tue ich das nicht aus persönlichen Gründen. Niemand von uns drängt sich dazu, Minister zu werden. Aber aus rein sachlichen und politischen Gründen hätte diese Konsequenz gezogen werden müssen."

Wie tief der Stachel saß, zeigte sich eineinhalb Jahre später, als Arnold durch ein konstruktives Mißtrauensvotum gestürzt und Steinhoff als sein Nachfolger auf den Schild gehoben wurde. Karl Siemsen, der für die Sozialdemokraten den Mißtrauensantrag im Plenum begründete, erklärte, Arnold habe sich gegen seine innere Überzeugung für die Koalition mit der FDP und gegen die SPD entschieden:
"Sie haben sich dem Wunsche von Bonn gefügt. Ich glaube, damals war die große Stunde der Entscheidung für Sie. Sie haben damals diese Entscheidung getroffen, für die Sie jetzt die Quittung bekommen. Es scheint mir beinahe ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit zu sein, daß, wenn Sie uns damals aus der Koalition entsprechend dem Wunsche von Bonn herausbugsiert haben, sich jetzt der Wunsch auf Ihre Abberufung auch wieder auf die Verhältnisse in Bonn stützt."

Rein rechnerisch wäre schon 1954 eine Koalition zwischen SPD und FDP möglich gewesen, denn beide Parteien hätten zusammen über die knappe, aber ausreichende Mehrheit von 101 der 200 Sitze im Landtag gegenüber neun Mandaten des Zentrums und 90 der CDU verfügen können. Die Minikoalition, die Arnold 1950 mit dem Zentrum eingegangen war, konnte also nicht fortgeführt werden, bedurfte auf jeden Fall einer Ergänzung. Die Freien Demokraten, in deren Düsseldorfer Reihen sich einige aus der NS-Zeit belastete Politiker befanden, sahen sich vor einer schwierigen Situation. Auf Landesebene standen sie deutlich besser da als auf Bundesebene, wo sie mit der CDU in einer Koalition saßen. Wahlanalytiker konnten zu dem Schluß kommen, dieses relativ bessere Abschneiden sei auf ihre Opposition zur CDU in Düsseldorf zurückzuführen, und möglicherweise liege in einer Koalition mit den Sozialdemokraten die große Chance der Liberalen. Zum damaligen Zeitpunkt waren die Meinungsverschiedenheiten gerade in der Wirtschaftspolitik zwischen Freien und Sozialdemokraten aber noch unüberbrückbar. Fast die gesamte, damals noch eindeutig nationalliberal orientierte FDP sah in der SPD einen Vorreiter des Marxismus, den man ganz im Sinne der bürgerlich-kapitalistischen Wahlklientel der FDP undifferenziert bekämpfte.


6.

Die Wende in Düsseldorf wurde von außen eingeleitet, die Marken wurden in Bonn gesetzt. In der Bonner Koalition unter Adenauer war es 1955 zu Spannungen zwischen CDU und FDP gekommen, weil die FDP der Westintegrationspolitik des Kanzlers und dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO nicht mehr vorbehaltlos gegenüberstanden. Die Liberalen befürchteten ähnlich wie die Sozialdemokraten, dadurch werde das nationale Ziel der Wiedervereinigung gefährdet. Adenauer, der die CDU/CSU bei den Bundestagswahlen vom 06.09.1953 zu einem überragenden Erfolg geführt hatte - die CDU/CSU verbesserte ihre Sitzzahl um mehr als 100 auf 244, während die SPD nur zwanzig Mandate hinzugewinnen konnte und auf 151 Sitze kletterte -, drohte den Liberalen mit dem Ausschluß aus der Koalition, wenn sie ihm nicht uneingeschränkt folgten. Außerdem kamen mit Billigung des Kanzlers aus der Mitte der Unionsparteien Initiativen, das Wahlrecht zu ändern. Die Pläne, die unter dem Rubrum "Grabenwahlrecht" in die Nachkriegsgeschichte eingegangen sind, liefen auf ein relatives Mehrheits- anstelle des Verhältniswahlrechts hinaus. Der CDU/CSU hätte ein in diesem Sinne geändertes Wahlrecht schlagartig weit mehr als die absolute Zahl der Sitze im Bundestag eingebracht und Adenauer mit seiner Partei allein regieren können. Die Leidtragenden wären die Sozialdemokraten gewesen, die dann wohl kaum mehr Aussichten gehabt hätten, aus ihrem "Dreißig-Prozent-Ghetto" herauszukommen, und vor allem die kleineren Parteien, besonders die FDP; der Gesamtdeutsche Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) war 1953 aus dem Bundestag ausgeschieden, Deutsche Partei und Zentrum spielten nur noch eine untergeordnete Rolle.

Die FDP, die sich vor allem bedroht fühlen mußte, reagierte schnell, aber nicht einheitlich. Während die Liberalen auf Bundesebene um Dehler versuchten, Adenauer und die CDU von ihrem Vorhaben abzubringen und damit letztlich auch Erfolg hatten, probten in Nordrhein-Westfalen einige jüngere Liberale den Aufstand. Sie ernteten damit auch im westlichen Ausland Aufmerksamkeit. Die "Jungtürken" (dieser Ausdruck stammt wahrscheinlich von dem britischen Publizisten und Historiker Terence Prittie) bäumten sich gegen das Parteiestablishment auf und suchten einen alternativen Weg. Sie lehnten nicht nur das für die FDP tödliche Grabenwahlrecht ab, sondern versuchten gleichzeitig auch, die FDP zur Mitte hin zu öffnen und sie aus der nationalkonservativen Ecke herauszuführen. Die Jungtürken, das waren vor allem Landesgeschäftsführer Wolfgang Döring, der Hagener Bürgermeister Willi Weyer, der Bundestags- und ehemalige Landtagsabgeordnete Walter Scheel sowie Wolfram Dorn, der spätere Bundestagsabgeordnete und Fraktionsgeschäftsführer der FDP, der dann jedoch ins Zwielicht geriet und heute [1979], nach seiner Rehabilitierung, eine zweite politische Karriere im Landtag in Düsseldorf versucht.

Der geistige Kopf der Jungtürken, Döring, dachte ähnlich wie Steinhoff pragmatisch und setzte wie dieser auf Effizienz und Erfolg in der Politik. Pragmatiker war auch Willi Weyer, der seit 1954 dem Kabinett Arnold als Wiederaufbauminister angehörte und damit einer der Nachfolger Steinhoffs in diesem Amt war. Steinhoff und Weyer kannten sich seit Ende der vierziger Jahre, denn der Liberale war von 1948 bis 1954 in Hagen Stadtverordneter und zweiter Bürgermeister und damit Stellvertreter Steinhoffs gewesen. Beide hatten vertrauensvoll zusammengearbeitet. Als Steinhoff im Oktober 1969 zu Grabe getragen wurde, erklärte Weyer:
"'Junger Mann, langsam mit den jungen Pferden', das war eine Mahnung, die der Oberbürgermeister Fritz Steinhoff einem jungen liberalen Politiker in einer Stadtverordnetenversammlung in Hagen 1949 mit auf den Weg gab, als jener glaubte, mit forschen Attacken die Verwaltung belehren zu müssen. Quanta costa, was kostet das? Das war die Frage des Ministerpräsidenten Fritz Steinhoff an seinen Finanzminister, der auch in Düsseldorf wie in Hagen sein Stellvertreter war, wenn in der Landesregierung Vorschläge unterbreitet wurden, die finanzielle Anforderungen an den Etat mit sich brachten. Im ersten Falle mahnte ein väterlicher Freund, der bei Theodor Heuss politische Wissenschaft studiert hatte, den Parteifreund von Theodor Heuss; er ermahnte den jungen Kollegen. Im zweiten Fall bat der Ministerpräsident unseres Landes um den Rat seines Partners in der sozialliberalen Koalition der Jahre 1956-58... Fritz Steinhoff war der einzige Politiker in Hagen, der in allen Parteien nur Freunde hatte."

Dieses Vertrauensverhältnis zwischen Weyer und Steinhoff hat nicht unwesentlich zur Bildung der ersten sozialliberalen Koalition in Nordrhein-Westfalen beigetragen. Adenauer nahm das "Grabenwahlrecht" zwar zurück, konnte den Sturz Arnolds, mit dem ihn nie ein freundschaftliches Verhältnis verbunden hat, jedoch nicht mehr aufhalten. Am 31.01.1956 setzten die Landtagsfraktion und der Landesvorstand der Freien Demokraten eine Kommission unter Leitung von Döring zu Koalitionsverhandlungen mit der SPD ein. Es dauerte nur wenige Tage, bis sich die damals noch so ungleichen Partner handelseinig waren, obwohl der Landesvorsitzende der Liberalen, der Opladener Verleger Friedrich Middelhauve, nicht mitzog. Middelhauve war im letzten Kabinett Arnold Wirtschaftsminister und Stellvertreter des Ministerpräsidenten und fühlte sich zur Treue verpflichtet.

Die entscheidenden Tage waren der 16.02. und der 20.02.1956. Am 16.02., einem Donnerstag, debattierte der Landtag den von SPD und FDP gestellten Mißtrauensantrag gegen Arnold. Weil die Landesverfassung eine 48-Stunden-Frist zwischen einer solchen Initiative und dem Entscheid darüber vorsieht, konnte die Abstimmung erst am Montag, dem 20.02., erfolgen. Obwohl SPD und FDP nur 101 Stimmen in die Waagschale zu legen hatten, wurde Arnold mit 102 gegen 96 Stimmen abgewählt.

In der Debatte vom 16.02. hatten die Sprecher der FDP, der spätere Wirtschaftsminister Hermann Kohlhase, und der SPD, Karl Siemsen, der unter Steinhoff Minister für Bundesangelegenheiten wurde, keinen Zweifel daran gelassen, daß Arnold selbst das Vertrauen ihrer Fraktionen genieße und sich der Mißtrauensantrag gegen die Bundes-CDU, vor allem aber gegen Adenauer richtete. In Düsseldorf machte das Wort von der Schlacht im falschen Saale die Runde. So stellte Siemsen fest:
"Jacob Burckhardt hat einmal das Wort geprägt: 'Macht macht böse'. Ich will Ihnen gerne konzedieren, Herr Ministerpräsident, daß Sie persönlich der Hybris der Macht nicht unterlegen sind. Aber dieselbe Behauptung kann ich nicht aufstellen bezüglich der CDU in Bonn und auch nicht bezüglich des Herrn Bundeskanzlers. Ich habe den Eindruck, diese sind sehr stark der Versuchung der Macht unterlegen...".

Schon neun Tage, nachdem der Landtag ihn zum Ministerpräsidenten gekürt hatte, präsentierte Steinhoff dem Plenum am 29.02. sein Kabinett und gab seine Regierungserklärung ab. Gleich zu Beginn machte er deutlich, daß es sich bei der ersten sozialliberalen Koalition nicht unbedingt um eine Liebesheirat handelte:
"Das neue Kabinett wird von einer Regierungskoalition getragen. Die derzeitige politische Entwicklung legt eine eindeutige Klarstellung des Begriffes nahe. Wir sehen in der neugebildeten Koalition eine im Staatsinteresse eingegangene Arbeitsgemeinschaft, deren Mitglieder neben übereinstimmenden Auffassungen auch voneinander abweichende besitzen. Unter Respektierung dieses Tatbestandes werden wir Wege suchen und finden, auf denen die Koalition gemeinsam positive Arbeit in der Gesetzgebung und Verwaltung des Landes leisten kann."

Von nicht wenigen Zeitungen im In- und Ausland wurde der Regierungs- und Koalitionswechsel in Düsseldorf als Zeichen politischer Instabilität und nicht normaler Machtablösung begriffen. Man befürchtete Auswirkungen auf die Außenpolitik der Bundesrepublik. In seiner Regierungserklärung setzte sich Steinhoff gegen solche Vermutungen zur Wehr:
"Es ist nicht die Aufgabe einer Landeregierung, Außenpolitik zu treiben. Nachdem aber in der Polemik gegen die Bildung der neuen
Koalitionsregierung in Nordrhein-Westfalen in der deutschen wie leider auch in der ausländischen Presse die Version verbreitet worden ist, daß eine Landesregierung, die nicht unter Führung der Partei des Herrn Bundeskanzlers steht, die Verbundenheit des deutschen Volkes mit den freien Völkern des Westens gefährde, muß ich hierzu die Feststellung treffen, daß solche Kombinationen völlig abwegig sind. Wer dieser Koalition und dieser Regierung nachsagt, sie gefährde die Stabilität der deutschen Verhältnisse, der leistet mit solchen Verdächtigungen der deutschen Sache im Ansehen des Auslandes einen schlechten Dienst."
Der konservative Sozialdemokrat Steinhoff, der bereits 1950 (wie übrigens auch Fritz Henßler) im Gegensatz zu einer Mehrheit in seiner Partei einen deutschen Verteidigungsbeitrag nicht ausgeschlossen hatte, stand der Westorientierung der Bundesrepublik zwar nicht vorbehaltlos, aber auch nicht ablehnend gegenüber.


7.

Das erste sozialliberale Bündnis in Nordrhein-Westfalen wurde zwar schnell geschlossen, aber es trafen sich in ihm nicht etwa zwei Parteien, die schon lange auf eine Gelegenheit zur Liaison gewartet hätten. In der Schul- und Kulturpolitik gab es zwar mannigfache Berührungspunkte, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik aber trennten die neuen Partner Welten. Nicht von ungefähr hatte es noch Ende 1955 vorsichtige Annäherungsversuche der Sozialdemokraten an die CDU mit dem Ziel gegeben, doch noch die bereits 1954 angestrebte Große Koalition zu bilden. Aber dieser Anlauf war schnell versandet. Als Arnold zum Jahresbeginn 1956 die in Bonn heraufbeschworene gefährliche Situation voll begriff, hatte er versucht, seinerseits mit den Sozialdemokraten handelseinig zu werden, und ihnen den Eintritt in sein Kabinett angeboten. Die SPD lehnte jedoch ab, aus zwei Gründen, wie Karl Siemsen vor dem Landtag feststellte: "Einmal ist das, was man unter einem gewissen Druck gibt, um seine eigene Position zu retten, nicht so wertvoll wie das, was man freiwillig auf Grund eigener Überzeugung gibt. Zum zweiten: Mein Kollege Steinhoff hat Ihnen... erklärt, die Sozialdemokratische Partei spiele nicht auf zwei Klavieren. Wir sind faire Verhandlungspartner und faire Gesprächspartner, und ich muß anerkennen, daß sich nach unseren Erfahrungen auch die FDP uns gegenüber als ein durchaus korrekter und fairer Gesprächspartner erwiesen hat."

Übergangssituationen führen häufig zu Kompromissen, die in normalen Zeiten nicht eingegangen würden. Das sozialliberale Bündnis, das Steinhoff Anfang 1956 schloß, war ein solcher Kompromiß. Der Hagener Oberbürgermeister hätte kaum so schnell - wenn überhaupt - eine Regierung zusammengebracht, wäre er nicht zu weitgehenden Zugeständnissen bereit gewesen. Er stand einem Kabinett vor, in dem je vier Sozialdemokraten und Liberale sowie Amelunxen vom Zentrum saßen. Das Zentrum hatte Steinhoff einbezogen, um seine parlamentarische Basis zu verbreitern. Während das dritte Kabinett Arnold mit 99 CDU-, 25 FDP- und neun Zentrumsmandaten, also 133 von 200 Sitzen, über eine solide Mehrheit im Parlament verfügte, hätte es eine lupenreine sozialliberale Koalition in Düsseldorf nur auf 101 Mandate gebracht (76 SPD- und 25 FDP-Abgeordnete). Die neun Mandate des Zentrums bedeuteten parlamentarische Sicherheit für die neue Regierung. Mit der Beteiligung dieser Fraktion erkaufte sich Steinhoff allerdings den Verzicht auf Reformen im Schulwesen, die FDP und SPD an sich für dringend geboten hielten. Der Status quo, die konfessionelle Zersplitterung des Schulwesen, wurde eingefroren. In seiner Regierungserklärung merkte Steinhoff hierzu an:
"Für die Gestaltung des Schullebens ist das geltende Schulrecht maßgebend; die Landesregierung wird nichts unternehmen, um eine Änderung der Grundlage des am 8. April 1952 beschlossenen Schulgesetzes herbeizuführen, jedoch wird die Aufgliederung der Volksschule dort ihre Grenze haben müssen, wo die Anforderungen, die die Gesellschaft an den Unterrichtserfolg der Schulen zu stellen hat, nicht mehr erfüllt werden."

Mit dem Schulgesetz vom April 1952 hatte man den Eltern die Bestimmung des weltanschaulichen Charakters der Volksschulen überlassen, wie es Artikel zwölf der Landesverfassung vorsah, die 1950 durch Volksabstimmung angenommen worden war. Wegen dieses Artikels, der das Elternrecht verankerte, hatten die Sozialdemokraten die Verfassung abgelehnt. Die Folge dieser Verfassungsbestimmung und des daraus resultierenden Schulgesetzes war eine fast beispiellose Zergliederung des Schulwesens. Erst zehn Jahre nach dem Ende der ersten konnte 1968 die zweite sozialliberale Koalition in Nordrhein-Westfalen die längst überfällige Reform im Schulwesen vornehmen, diesmal mit Unterstützung eines wesentlichen Teils der CDU; das Zentrum, das am meisten auf dem Elternrecht bestanden hatte, war im Parlament seit 1958 nicht mehr vertreten.

Außer Amelunxen, dem, wie schon in den Kabinetten Arnold seit 1950, das Justizressort zufiel, berief Steinhoff die vier Freidemokraten Willi Weyer (stellvertretender Ministerpräsident und Finanzen), Hermann Kohlhase (Wirtschaft und Verkehr), Paul Luchtenberg (Kultus) sowie Josef Effertz (Landwirtschaft). Die Sozialdemokraten im Kabinett waren Hubert Biernath (Inneres), Karl Siemsen (Bundesangelegenheiten), Heinrich Hemsath (Arbeit und Soziales) und Fritz Kassmann (Wiederaufbau). In keinem Kabinett vorher war dem wichtigsten Koalitionspartner von der stärksten Partei eine so starke Stellung eingeräumt worden. Nach seiner ersten Koalition bis 1950, die eine Allparteien-Regierung ohne die Liberalen (und seit 1948 ohne die Kommunisten) war, hatte Arnold in sein zweites Kabinett zehn CDU-Politiker und zwei Vertreter des Zentrums berufen; sein drittes Kabinett bestand aus sieben CDU-Politikern, zwei Liberalen und dem Zentrumsmann Amelunxen. Ganz anders wurden die Gewichte unter Steinhoff verteilt. Zählt man den mit der Richtlinienkompetenz ausgestatteten Regierungschef mit, so setzte sich das Kabinett Steinhoff/Weyer aus fünf SPD-Politikern, vier Liberalen und einem Vertreter des Zentrums zusammen. Auch in keiner späteren Landesregierung hat der kleinere Partner eine so starke Stellung besessen. Der Nachfolger Steinhoffs, Franz Meyers, konnte sein erstes Kabinett ohne jeden Koalitionspartner bilden; in seine zweite und dritte Regierung mußte er jeweils zwei Liberale aufnehmen. Auf mehr als zwei Minister haben es die Freien Demokraten auch in den Kabinetten der zweiten sozialliberalen Koalition in Nordrhein-Westfalen seit 1966 nicht gebracht. Die sozialliberale Koalition Steinhoff/Weyer ist also in dieser Hinsicht eine einmalige Erscheinung in der Landespolitik und -geschichte. Immerhin wurden durch sie aber Bewegung in die politische Landschaft gebracht.

Angesichts dieser Zusammensetzung waren von der Koalition keine starken "reformerischen" Impulse zu erwarten. Es war eine Regierung, in der sich die Partner weitgehend gegenseitig neutralisierten und auch kontrollierten. Allenfalls ein konzeptionell in großen Linien denkender Politiker, wie dies ein Jahrzehnt später Heinz Kühn in den ersten Jahren der zweiten sozialliberalen Koalition war, hätte mit einem solchen Bündnis entscheidende und noch heute sichtbare Kursänderungen bewirken können. Der auf Ausgleich bedachte Steinhoff war schon aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur und von seinem intellektuellen Zuschnitt her kein Regierungschef von diesem Formalt. Die Geschichte hat ihm allerdings auch nicht die Chance gegeben, unter günstigen Vorzeichen sozialdemokratische Politik durchzusetzen und sich länger auf deck Prüfstand zu begeben. Seine Regierungserklärung vom 29.02.1956 war nüchtern und sachlich, beschwor keinen Aufbruch zu neuen Ufern. Konsolidierung des erreichten Wiederaufbaus, Fortschreibung der unter Arnold begonnenen Forschungsförderung, insbesondere der Kernforschung, Stärkung der mittelständischen Wirtschaft, Fortentwicklung der sozialen Fürsorge, das waren die Zielsetzungen, diel Steinhoff in der Regierungserklärung vorgab. Hier sprach kein Sozialist, sondern ein Sozialdemokrat, der als Aufsichtsratsmitglied mehrerer kommunaler Versorgungsunternehmen sowie der Klöckner-Hütte in Hagen-Haspe
längst die Fragwürdigkeit bestimmter sozialistischer Patentrezepte für die Wirtschaft erkannt hatte.

Steinhoff wäre kein altgedienter Kommunalpolitiker aus Leidenschaft gewesen, wenn sich seine Regierungserklärung nicht auch mit dem Verhältnis zwischen Land und Gemeinden beschäftigt hätte. Nachhaltig trat er für eine bessere finanzielle Ausstattung der Gemeinden ein.
"Das Verhältnis des Landes zu den Gemeinden, Gemeinde- und Landschaftsverbänden ist in den kommunalen Verfassungsgesetzen geordnet worden... Die Neugestaltung des Finanz- und Lastenausgleichs soll mit dem Ziele gefördert wurden, das Verfahren zu vereinfachen, die Leistungen für die Gemeinden zu erhöhen und die Selbstverwaltung zu stärken. Die Landesregierung bejaht das Prinzip des Steuerverbundes als Grundlage eines künftigen Finanz- und Lastenausgleichs, d. h. sie ist bereit, die Gemeinden mit einem festzulegenden Anteil an dem Aufkommen der Einkommens- und Körperschaftssteuer zu beteiligen... Die Landesregierung ist bereit, die geforderte Realsteuergarantie für die Gemeinden in der Verfassung zu verankern."

Trotz der Kürze seiner Regierungszeit hat Steinhoff dieses Reformversprechen im wesentlichen einlösen können. Schon die Tatsache, daß der Ministerpräsident in seiner Regierungserklärung die nach langen Auseinandersetzungen 1953 als Nachfolger der Provinzialverbände preußischer Tradition gegründeten Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe erwähnte, wies ihn als Anhänger landschaftlicher Selbstverwaltung aus. Als Vorsitzender des Städtetages Nordrhein-Westfalen hatte er die Meinung seiner Kollegen zu diesem kommunalen Spitzenverband 1952 so zusammengefaßt und sich damit identifiziert:
"Wir kamen bei unseren Überlegungen immer wieder zu dem Ergebnis, jawohl, sie müssen wiederaufgebaut werden, weil doch bei Licht betrachtet diese Landschaftsverbände, nachdem die frühere Regelung - Koppelung mit dem Oberpräsidenten - weggefallen ist, jetzt nur noch kommunale Zweckverbände sein können, zunächst für Aufgaben, die den Gemeinden zustehen, die sie aber örtlich nicht bewältigen können und gemeinsam auf der überörtlichen Ebene in diesem, ich betone es..., kommunalen Zweckverband gemeinsam regeln wollen." Steinhoff lehnte also das zeitweilig diskutierte Konzept ab, einen einzigen, staatlich dominierten Landschaftsverband zu gründen. Er favorisierte das Modell, das dann auch Realität wurde, die regionale Selbstverwaltung bestimmter Aufgaben, die die Städte, Gemeinden und Kreise nicht aus eigener Kraft lösen können, wie etwa die Betreuung psychisch Kranker. Von 1953 bis 1956 wirkte er selbst als Vorsitzender der SPD-Fraktion- in der Landschaftsversammlung Westfalen-Lippe aktiv an der landschaftlichen Selbstverwaltung mit, und bei einer Gedenkveranstaltung für den Freiherrn vom Stein erklärte er 1956, an die alten preußischen Provinzialverbände anknüpfend: "Eine Verwaltung gehört zu Stadt und Leuten, nicht in die ferneren Spitzen der Ministerien... Wie der Provinzialverband Westfalen tritt auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als optimal günstigste und sparsamste Ordnung wieder für all die Aufgaben ein, die von einer einzelnen Stadt und den Landkreisen nicht allein durchgeführt werden können oder ihrer Natur nach die gesamte Landschaft angehen. Die Zuständigkeit des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe - das gilt natürlich auch für den Landschaftsverband Rheinland - ist wesentlich von dem Prinzip der Subsidiarität geformt, jenem Grundsatz des Verfassungsrechts, auf dem Möglichkeit und Begrenzung der einzelnen Verwaltungseinheiten beruht, vor allem aber auf dem Grundsatz, daß nur die Aufgaben auf eine höhere Verwaltungsstufe heraufgezogen werden sollen, die ihrer Art, ihrem Umfang und ihrem finanziellen Gewicht nach die kleinere Verwaltungseinheit überfordern. Und da scheinen mir die Landschaftsverbände ein besonders gutes und klares Beispiel dafür zu sein, daß sich Subsidiarität auch in der Verwaltung durchführen läßt... Aber auch staatspolitische Gründe sprechen für die landschaftliche Selbstverwaltung."

In die gleiche Richtung weist ein anderes kommunalpolitisches Engagement, das Steinhoff nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Ministerpräsidenten einging. Als am 28.11.1958 nach einem Vierteljahrhundert Pause erstmals wieder ein gewählte Verbandsversamrnlung für den Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk zusammentrat, wurde ihm einstimmig der Vorsitz übertragen.


8.

Weil Steinhoff wegen der problematischen Koalitionslage in seiner Regierungserklärung keine hochfliegenden Pläne und Programme hatte verkünden können, hielten sich 1958, als die Legislaturperiode auslief und Bilanz gezogen werden mußte, die Enttäuschungen in Grenzen. Den berühmten Stempel hat er dem Land in diesen zwei Jahren nicht aufdrücken können, allenfalls andere Prioritäten gesetzt. Eine Ära Steinhoff hat es nicht gegeben, wohl aber eine Aura, die durch absolute Bescheidenheit und Integrität gekennzeichnet wurde. Steinhoff war pfiffig, aber nicht schlitzohrig, drängte sich niemals in den Vordergrund und hat die Regierungspartner ebenso fair behandelt wie die CDU, die sich 1956 zunächst nur schwer in die Rolle der Opposition fand.

In der Regierungszeit Steinhoff/Weyer wurden vor allem Initiativen weiterentwickelt, deren Keime die voraufgegangenen Kabinette Arnold gelegt hatten. Akzente setzte die sozialliberale Koalition auf dem Sektor der Forschungsförderung und in der Kirchenpolitik. Unter Steinhoff wurde das Wissenschaftsprogramm beachtlich aufgestockt. Schon in seiner Regierungserklärung hatte er festgestellt: "Da vom Fortschritt der Wissenschaft in hohem Maße das wirtschaftliche Gedeihen, die soziale Sicherung und die kulturelle Gestaltung unseres Daseins abhängen, weiß sich die Landesregierung verpflichtet, alles zu tun, um den außerordentlich hohen sachlichen und persönlichen (recte: personellen) Nachholbedarf der Universitäten und Hochschulen zu befriedigen, um sie auf diese Weise wieder zum freien Wettbewerb in der Welt des Geistes zu befähigen", und das hieß: zur internationalen Konkurrenz. Vor allem wurden die Mittel für die Ingenieurwissenschaften beträchtlich vermehrt. Für den Autodidakten Steinhoff, der sich in mühseligem Selbststudium ein beachtliches Wissen angeeignet hatte und klassische Musik und Literatur liebte, war es eine hohe Genugtuung, als er am 07.03.1956 als Regierungschef den Vorsitz in der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes übernehmen konnte. Er sah darin mehr als einen formalen Akt. Die Arbeitsgemeinschaft, Vorläufer der 1970 ins Leben gerufenen Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, war 1950 von Arnold auf Vorschlag des späteren Staatssekretärs Leo Brandt (SPD) gegründet worden.

Wie viele Politiker in jener Zeit zeichnete sich auch Steinhoff durch eine undifferenzierte Wissenschaftsgläubigkeit aus und baute vorbehaltlos auf die Kernenergieforschung. Vor der Arbeitsgemeinschaft für Forschung und dem Landtag forderte er mehrfach unter Hinweis auf die fortgeschrittene Atomforschung in Großbritannien und in Frankreich größere deutsche Anstrengungen auf diesem Sektor. Schon am 14.11.1956 legte er dem Parlament ein Schwerpunktprogramm vor, in dessen Rahmen die beiden Forschungsreaktoren "Dido" und "Merlin" angeschafft wurden. Beide zusammen bildeten den Grundstein für die Kernforschungsanlage im Stetternicher Forst bei Jülich, deren Kosten bis Ende der sechziger Jahre zu neunzig Prozent das Land trug. Das Jülicher Wissenschaftszentrum war natürlich keine Erfindung Steinhoffs. Die politischen Grundlagen waren vielmehr schon vor seiner Amtsübernahme gelegt worden. Steinhoff machte sich das Projekt Leo Brandts jedoch ohne Einschränkungen zu eigen und brachte es auf den Weg, wie es überhaupt bemerkenswert ist, mit welcher Intensität er sich in den zweieinhalb Jahren seiner Regierungszeit um Fragen der Wissenschaft und Forschung kümmerte. Ebenso nachdrücklich setzte er sich für die Verbesserung der Bildungs- und Berufschancen der unterprivilegierten Schichten ein, denen er selbst entstammte. Mehr Chancengleichheit für die Mädchen und Frauen lag ihm dabei besonders am Herzen.

Überraschender waren andere Ereignisse. Am 29.08.1956 sprach der Dissident Steinhoff ein Grußwort zur Eröffnung des 77. Deutschen Katholikentages in Köln. Wer nur eine Höflichkeitsadresse des Regierungschefs erwartet hatte, sah sich getäuscht. Ohne eine Einstellung zu verleugnen, erklärte der Ministerpräsident:
"Mögen auch weltanschauliche oder politische Verschiedenheiten in der Auffassung bestehen, Einigkeit besteht in der gemeinsamen Erkenntnis und Verpflichtung, alles zu tun, um den Menschen und die Ideale echter und reiner Menschlichkeit in dieser Zeit zu bewahren und zu retten. Alle, die sich vom Menschen her der großen verpflichtenden Aufgabe im Dienst an Volk und Staat verbunden fühlen, sollten sich über das Trennende hinweg in den großen gemeinsamen Schicksalsfragen der Zeit einig wissen."
Dann kam das Bekenntnis: "Ich bejahe die große volkserzieherische Idee der Kirchen."

In einigen der katholischen Kirche und der CDU nahestehenden Zeitungen wurde Steinhoff deswegen blanker Opportunismus vorgeworfen. Sein ja zur Kirche sei durchsichtig, diene nur dem Wählerfang. Dies war mit Sicherheit verkürzt und damit falsch geurteilt. Steinhoff war zeit seines Lebens alles andere als ein Fanatiker, missionarischen Eifer hat er nie an den Tag gelegt. Ohne sich anzubiedern und ohne seine Einstellung zu verleugnen, versuchte er, eine Brücke zu den beiden großen christlichen Kirchen zu schlagen. In seiner Regierungszeit wurden wichtige Verträge mit den Religionsgemeinschaften geschlossen, die noch heute gültig sind. So tauschten Steinhoff und der Apostolische Nuntius Erzbischof Muench im Februar 1957 die Ratifikationsurkunden über die Gründung des Ruhrbistums Essen aus. Acht Monate später schloß das Land mit den Evangelischen Kirchen im Rheinland und von Westfalen Kirchenverträge, in denen im wesentlichen der Preußische Kirchenvertrag von 1931 prolongiert wurde. 1958 folgte ein entsprechendes Abkommen mit der Lippischen Landeskriche. Durch all diese Verträge wurde die Position der Kirchen in einem säkularen Staat gesichert.


9.

In die Landtagswahlen vom 06.07.1958 ging die SPD zwar mit dem Slogan "Weiter mit Steinhoff!", dennoch standen diese unter bundespolitischen Aspekten. Die Diskussion um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, die der Bundestag im Januar 1958 beschlossen hatte, erreichte in dieser Zeit einen Höhepunkt. Durch den Spruch des Bundesverfassungsgerichts vom 30.07.1958, Volksbefragungen über Atomwaffen in Hamburg und Bremen nicht zuzulassen, wurden die Auseinandersetzungen zusätzlich verschärft. Steinhoff nahm in seinen Wahlveranstaltungen das Thema auf und erklärte beispielsweise:
"Wir werden, wenn wir vom Volk das Mandat bekommen, im Bundesrat unsere Zustimmung zur Mittelbewilligung für die atomare Aufrüstung strikt verweigern. Wir werden darüber hinaus, falls für die Aufstellung atomarer militärischer Anlagen Land angefordert werden sollte, grundsätzlich unsere Zustimmung nicht erteilen."

Obwohl der Spitzenkandidat der Christdemokraten, Karl Arnold, eine Woche vor dem Wahltag plötzlich gestorben war und die Union deshalb Franz Meyers ad hoc als Ersatzkandidaten präsentieren mußte, erreichten die Sozialdemokraten ihr Wahlziel nicht. Das Angebot der SPD, die Wahlen wegen Arnolds Tod zu verschieben, schlug die CDU übrigens aus. Die Sozialdemokraten konnten ihr Ergebnis zwar um 4,7 Punkte auf 39,2 Prozent verbessern und die Zahl ihrer Mandate um fünf auf 81 erhöhen, mußten aber hinnehmen, daß die CDU von 41,3 auf 50,5 Prozent kletterte und damit nicht nur die absolute Mehrheit der Stimmen, sondern auch der Sitze im Landtag eroberte, nämlich 104 von 200. Klare Verlierer waren die Freien Demokraten, die zehn Mandate abgeben mußten und nur noch mit einer fünfzehnköpfigen Riege in den Landtag zurückkehrten, sowie das Zentrum, das ganz aus dem Parlament ausschied. Das Zentrum hatte bereits ein halbes Jahr vor den Wahlen eindeutige Auflösungserscheinungen gezeigt; sechs seiner neun Abgeordneten waren zur CDU übergetreten.

Die Freien Demokraten bekamen am 06.07.1958 von ihrer weiterhin nationalliberal gesonnenen Klientel die Quittung für den Sturz der Regierung Arnold und das Bündnis mit der SPD. Dieses Bündnis wurde von einem großen Teil der FDP-Wählerschaft nicht honoriert; die FDP, die 1950 noch 12,1 und 1954 immerhin 11,5 Prozent erzielt hatte, sackte auf 7,1 Prozent ab. Steinhoffs SPD hatte sich zwar deutlich gegenüber 1954 verbessert und den Aufwärtstrend der Partei seit 1947 fortgesetzt, bei einer Beschränkung im Wahlkampf auf die Landespolitik hätte sie aber wahrscheinlich noch besser abschneiden können. Die Bilanz, die Steinhoff für nur zweieinhalb Jahre Regierungsverantwortung aufmachen konnte, war schließlich nicht schlecht.

Anders als Arnold 1956 erwies sich Steinhoff als guter Verlierer. Schon am 01.01.1957 hatte er im Westdeutschen Rundfunk erklärt,
"daß ein Regierungswechsel in einem demokratischen Staat ein ganz natürlicher und verfassungsgemäßer Vorgang ist, den man nicht mit einer beleidigten Miene oder dem Rückzug in den Schmollwinkel, sondern nur mit einer fairen Bereitschaft zur Mitarbeit zum Wohle des Volksganzen beantworten kann".
Ohne zu klagen und ohne Zeichen der Verbitterung übernahm er wieder die Funktion des Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokraten, die in der Zeit seiner Regierungstätigkeit Alfred Dobbert versehen hatte, und damit die Rolle des Oppositionsführers. Seine Parteifreunde vermißten allerdings mehr und mehr den alten rhetorischen Biß. Steinhoff gefiel sich offensichtlich nun in der Rolle des Staatsmannes. Gerne wäre er 1958 auch wieder Oberbürgermeister in Hagen geworden. Dieses Amt hatte er einige Zeit nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten aufgegeben, weil die Doppelbelastung nicht tragbar war, sein Mandat als Ratsmitglied jedoch behalten. Aber erst am 25.03.1963, nachdem der Hagener Oberbürgermeister Helmut Turck aus Gründen der Inkompatibilität - er wurde Direktor der Stadtwerke Hagen - ausgeschieden war, gelang es ihm, noch einmal für eineinhalb Jahre erster Bürger der Stadt zu werden, die ihm längst Heimat geworden war und in der er ein Haus gebaut hatte. Das Wahlergebnis war wiederum ein persönlicher Erfolg für Steinhoff und zeigte, wie hoch er weiterhin im Ansehen selbst der politischen Gegner stand; er erhielt 36 von 38 Stimmen. Dabei hatte die SPD bei den Kommunalwahlen trotz Steinhoffs persönlichem Einsatz am 19.03.1961 Einbußen hinnehmen müssen.

Die große Reputation, die Steinhoff in Hagen und Umgebung besaß, veranlaßte die SPD bereits 1960, ihn in die Wahlkampfmannschaft des SPD-Spitzenkandidaten Willy Brandt für die Bundestagswahlen am 17.09.1961 aufzunehmen und ihn als Direktkandidaten in Hagen aufzustellen. Obwohl Steinhoff selbst nicht damit gerechnet hatte, konnte er der CDU das Direktmandat in Hagen abnehmen. Bei den Wahlen zum fünften Bundestag am 19.12.1958 behauptete er seinen Wahlkreis souverän. Den Wechsel in die Bundespolitik hat Steinhoff nicht leichten und freudigen Herzens vollzogen, zumal da er gleichzeitig aus der Landespolitik ausscheiden mußte, weil die SPD-Satzung Doppelmandate ausschloß. Steinhoff fügte sich jedoch der Parteiräson. Auf dem politischen Parkett in der Bundeshauptstadt trat er nie besonders in Erscheinung, wurde, obwohl Mitglied in Willy Brandts Wahlmannschaft, nicht einmal in den Fraktionsvorstand berufen. Er blieb in Bonn ein Hinterbänkler und trauerte der führenden Rolle nach, die er in Düsseldorf ausgefüllt hatte. Steinhoff erkannte wohl, daß er für die Bundes-SPD nur eine Wahllokomotive neben anderen gewesen war.

Aber auch in der Landespolitik sank sein Stern Anfang der sechziger Jahre rasch. Erste Blessuren erlitt er bereits 1961, als es um seine Nachfolge im Fraktionsvorsitz ging. Steinhoff favorisierte den Bielefelder Zeitungsverleger Emil Groß, einen altgedienten Genossen, der von der Pike auf gedient und sich in zahlreichen parlamentarischen Schlachten bewährt hatte. Damit schätzte Steinhoff die Stimmungslage in der Fraktion jedoch falsch ein, die, inzwischen erheblich verjüngt, der Herrschaft der Altgenossen vom Schlage Henßler, Dobbert und Steinhoff überdrüssig war. Der Umbruch, den die SPD mit ihrem Godesberger Programm 1959 vollzogen hatte, sollte sich auch in einem personellen Wechsel niederschlagen. Die Fraktion und ein nicht unerheblicher Teil der Partei unterstützten den alerten und eloquenten Fritz Kassmann, der in Kabinett Steinhoff/Weyer zwar Wiederaufbauminister gewesen war, dennoch aber nicht Steinhoffs Wertschätzung genoß. Kassmann, Doktor der Rechte, Rechtsanwalt, dann hoher Arbeitsrichter, Stadtdirektor in Marl und schließlich erster Landesrat des Landschaftsverbandes Rheinland, war in Steinhoffs Augen ein Aufsteiger und hatte zu wenig sozialdemokratischen "Stallgeruch". Als "Schönling" soll Steinhoff Kassmann tituliert haben. Die Fraktion entschied sich jedoch für Kassmann, und das faßte Steinhoff als Affront auf. Er verweigerte seinem Nachfolger sogar die üblichen Höflichkeitsformeln nach der Wahl und bewies schon damit, daß er an Format verloren hatte. Noch Monate später bedauerte er öffentlich, er habe sein Mandat im Landtag in Düsseldorf zu früh niedergelegt.

Der inzwischen dreiundsechzigjährige Politiker, dem die unter der NS-Herrschaft erlittenen Torturen anzusehen waren, entwickelte ganz offensichtlich Züge von Altersstarrheit und ließ jene Qualitäten vermissen, die die SPD und mit ihr auch ihn selbst groß gemacht hatte: Solidarität. Dies zeigte sich auch, als die Sozialdemokraten zu entscheiden hatten, wen sie als Spitzenkandidaten für die Wahlen zum fünften Landtag 1962 aufstellen sollten. Steinhoff witterte eine Chance für ein landespolitisches come-back; schließlich war er immer noch unangefochten Vorsitzender des mitgliederstärksten SPD-Bezirks Westliches Westfalen. Favorit der Fraktion war Kassmann, der seine Kandidatur jedoch zurückzog, als er merkte, daß er ohne Hausmacht an der Parteibasis war und die mächtigen Bezirke seinen Wahlkampf bestimmen würden. Einstimmig beschloß der Landesausschuß am 25. April, der Landesdelegiertenkonferenz der Partei am 5. Mai Steinhoff vorzuschlagen. Alles deutete auf eine glatte Wahl hin, doch Steinhoff und seine Freunde hatten die Rechnung ohne die Delegierten gemacht. Vor allem die Vertreter der Bezirke Nieder- und Mittelrhein wollten Kassmann als Spitzenkandidaten, den auch der Kölner Bundestagsabgeordnete Heinz Kühn favorisierte. Nach heftigem Gerangel hinter den Kulissen und einem Verzichtsangebot Steinhoffs kam es schließlich zu einer Kampfabstimmung zwischen ihm und Kassmann, bei der Steinhoff mit 88 gegen 99 Stimmen unterlag. Steinhoff, der sich der Unterstützung aller 105 Delegierten aus seinem Bezirk sicher geglaubt hatte, war tief enttäuscht. Aber auch Kassmann war getroffen. Er lehnte die Wahl mit der Begründung ab, elf Stimmen Mehrheit seien kein ausreichender Vertrauensbeweis. Nach dramatischen Gesprächen am Rande der Konferenz wurde als Ersatzkandidat Heinz Kühn präsentiert, auf den sich die Deligierten dann auch, sichtlich erleichtert, mit großer Mehrheit einigten. Kühn, der lieber in der Bundespolitik geblieben wäre, bildete nach dem gegen Franz Meyers eingebrachten zweiten Konstruktivum im Dezember 1966 die zweite sozialliberale Koalition in Nordrhein-Westfalen.

Steinhoffs Rückhalt nahm nun auch in der Partei rasch ab. Er wurde 1963 zwar noch einmal im Vorsitz des Bezirks Westliches Westfalen bestätigt, doch das Votum, 175 Ja- und 111 Nein-Stimmen, signalisierte, daß ein nicht unerheblicher Teil der Partei sich einen unverbrauchteren Politiker wünschte, der den Wandel in der SPD nach Godesberg überzeugender verkörperte. Zwei Jahre später, im Mai 1965, kandidierte Steinhoff nicht mehr für den Bezirksvorsitz. Es wurde nun sehr still um ihn, obwohl er bis zu seinem Tode im Bundestag blieb. Im November 1967 verlieh ihm die Stadt Hagen die Ehrenbürgerwürde. Fritz Steinhoff starb am 22.10.1969 im Alter von 72 Jahren. Sein Parteifreund Heinz Kühn, der im Dezember 1966 ebenfalls durch ein Konstruktivum Ministerpräsident in Düsseldorf wurde und die zweite, noch heute [1979] bestehende sozialliberale Koalition begründete, charakterisierte Steinhoff beim Staatsakt vor dem Begräbnis in der ihm eigenen Eloquenz so:
"Sein Schicksal hat ihn immer in die Bewährungsprobe schwerer Zeiten gestellt. Er war einer der Baumeister unseres Landes, nicht von jener Sorte Architekten, denen es um glanzvolle Fassaden geht, sondern Kärrner in der Bauhütte eines humanen, freien, sozialen Staatswesens".


Herangezogen wurden Akten des SPD-Bezirks Westliches Westfalen im Archiv der sozialen Demokratie, Bonn-Bad Godesberg, Plenarprotokolle des Landtags, das Biographische Kompendium im Landtagsarchiv in Düsseldorf sowie Dirk Bavendamm, Von Arnold zu Steinhoff, in: Raum und Politik, Beiträge zur neueren Landesgeschichte, Bd. 6, hrsg. v. W. Först (Köln u. Berlin 1977), und Friedrich Keinemann, Fritz Steinhoff, Oberbürgermeister von Hagen und nordrhein-westfälischer Ministerpräsident (Hagen 1975).

Wolf Bierbach

QUELLE  Bierbach, Wolf | Fritz Steinhoff |
AUFNAHMEDATUM2004-03-09


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QUELLE     | Köln Westfalen 1180-1980 | Bd. 1, S. 474
  Bierbach, Wolf | Fritz Steinhoff |
  Haunfelder, Bernd | Nordrhein-Westfalen | S. 446-448

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Zeit3.8   1850-1899
3.9   1900-1949
3.9.40   Nationalsozialismus <1933-1945>
3.10   1950-1999
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1.1   Nordrhein-Westfalen (NRW) <1946 - >
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1.8.6   Iserlohn, Stadt
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3.19   Politikerin/Politiker, Abgeordnete/Abgeordneter
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