PERSON

FAMILIEMallinckrodt
VORNAMEArnold
TITELDr. jur.


GESCHLECHTmännlich
GEBURT DATUM1768-03-27   Suche
GEBURT ORTDortmund
TAUFE DATUM1768-03-31
TAUFNAMEArnold Andreas Friedrich
EHEPARTNER1794: Mallinckrodt, Wilhelmine (Cousine)
TOD DATUM1825-07-12   Suche
TOD ORTDortmund
BEGRÄBNIS ORTSchwefe bei Soest


VATERMallinckrodt, Johann Dietrich Friedrich


BIOGRAFIEIn seiner "Wallfahrt zur Ruhe und Hoffnung oder Schilderung des sittlichen und bürgerlichen Zustandes Westphalens am Ende des 18. Jahrhunderts" schreibt der junge Justus Gruner über seinen Aufenthalt in Dortmund, daß "die Bekanntschaft des einsichtsvollen, für Westphalens Wohl so sehr tätigen Doctors Mallinckrodt" die einzige Freude war, die ihm die alte Reichsstadt bieten konnte. Bei vielen sonstigen Mängeln besitze Dortmund doch, so fährt Gruner fort, außer einigen anderen persönlich mir unbekannt gebliebenen aufgeklärten Köpfen" diesen "talent- und kenntnisreichen Mann..., durch ihn eine sehr zweckmäßig organisirte Buchhandlung und durch diese ein für ganz Westphalen sehr nützliches Institut in der dort herauskommenden, von Dr. Mallinckrodt redigierten Zeitschrift, der 'Westphälische Anzeiger'."

Diese Bemerkungen Gruners, des späteren preußischen Staatsrats, lassen erkennen, welche Bedeutung Mallinckrodt - vor allem aufgrund seiner publizistischen Tätigkeit - für das geistige Leben Westfalens an der Wende zum 19. Jahrhundert zukam und wie sehr er in seiner Zeit aus seiner Dortmunder Umgebung hervortrat.

Indessen ist Mallinckrodt nach seinem Tode in seiner Heimatstadt bald in Vergessenheit geraten. Zwar erinnert in Dortmund ein Straßenname an die einst weitverzweigte und heute noch in mehreren Linien blühende Familie von Mallinckrodt, und eine höhere Dortmunder Schule, das Mallinckrodt-Gymnasium, trägt ihren Namen nach einer jüngeren Verwandten Arnolds, der Pauline v. Mallinckrodt, Gründerin der Kongregation der Schwestern der christlichen Liebe. Darin ist aber der ehemaligen Dortmunder Stadtarchivarin Luise v. Winterfeld sicherlich zuzustimmen, wenn sie schreibt: "Während in Osnabrück kein Kind die Schule verlassen dürfte, ohne von Justus Möser gehört zu haben, kann man in Dortmund die Leute zählen, die wissen, wer Arnold Mallinckrodt war und was seine Vaterstadt, ja was Westfalen ihm verdankt.

Als Begründer des Dortmunder Zweiges der Mallinckrodt, dem Arnold entstammt, gilt ein Evert van Mallinchroide, der hier 1491 bzw. 1497 nachweisbar ist. Es hat in den 1930er Jahren einen erbitterten Genealogenstreit darüber gegeben, ob die Dortmunder Mallinckrodt dem uradeligen Geschlechte der Mallinckrodt auf Haus Mallinckrodt bei Wetter zugehörig seien und ob die 1834 bzw. 1902 erfolgte Anerkennung der unmittelbaren Abstammung des städtischen Zweiges vom landsässigen Adelsgeschlecht Mallinckrodt wissenschaftlich haltbar sei. Daß eine wie auch immer geartete Verwandtschaft zwischen den landadeligen und den städtischen Mallinckrodt bestanden hat, ist wohl außer Zweifel. Allerdings haben die Dortmunder Mallinckrodt nicht dem Patriziat der Stadt angehört, und erst im 16. Jahrhundert gelang ihnen der Aufstieg in das Honoratiorenbürgertum, das als politischer Erbe des alten, aussterbenden Stadtadels damals die bürgerliche Oberschicht bildete und die Reichsstadt regierte. Seine ständische Organisation hatte das Honoratiorentum ursprünglich in der Wandschneidergesellschaft, die im 14. Jahrhundert in Konkurrenz zur patrizischen Junkerngesellschaft entstanden war und deren Mitglieder dem angesehenen Tuchhandel oblagen, also der nichtzünftischen Kaufmannschaft angehörten. 1589 tritt der erste Mallinckrodt in die Wandschneidergesellschaft ein, und in der Folge begegnen unter den Dortmunder Wandschneidern allein 30 Mallinckrodts. Vielfach sind dann die Söhne der Wandschneider nicht mehr in das Geschäftsleben eingetreten, sondern haben andere, vornehmlich akademische Berufe ergriffen oder sich mit Gelehrtenfamilien verschwägert. Arnolds Vater selbst war Kaufmann, seine Mutter eine Dortmunder Pastorentochter, zu seinen Vorfahren gehören ebenso Ärzte und Juristen.

Im besonderen eröffnete die Mitgliedschaft in der Wandschneidergesellschaft das politische Anrecht auf die Besetzung der Ratsstellen, und zwar genauer gesagt des oberen Zweidrittels derselben, der ursprünglich den Patriziern zukommenden zwölf Erbsassenratsstellen. Sechzehn Mitglieder der Familie Mallinckrodt saßen in der Zeit von 1605-1802 im reichsstädtischen Rate, einer davon war zweiter, zwei waren regierende Bürgermeister. Vier Mallinckrodts bekleideten darüber hinaus das Amt des Stadtrichters. Letzter Vertreter der Familie Mallinckrodt im Dortmunder Rat bzw. Magistrat war Franz Mallinckrodt, ein Vetter Arnolds, der bis zu seinem Tode 1832 das Amt des Bürgermeisters von Dortmund bekleidete.

Der weitere soziale Aufstieg der Dortmunder Mallinckrodt hat sich dann außerhalb ihrer Vaterstadt vollzogen, als Tuchfabrikanten und Großkaufleute im Rheinland und in Belgien und seit 1831 auch in den USA, wo Arnolds Enkel 1867 die Weltfirma "Mallinckrodt Chemical Works" gründeten.

Arnold Mallinckrodt selbst wurde 1768 als drittes Kind des Wandschneiders und Erbsassenratsherrn Johann Dietrich Friedrich Mallinckrodt zu Dortmund geboren und am 31. März jenes Jahres mit den Beinamen Andreas Friedrich in der Reinoldikirche getauft. Nach biographischen Aufzeichnungen, die sein Freund, der Konrektor Holzhaus aus Schwelm postum verfaßte, stand seine Kindheit stark unter dem Einfluß seiner Mutter, der protestantischen Pfarrerstochter, die ihn im Sinne eines rationalistischen Christentums erzog, das in der christlichen Lehre Tugend und Moralität am reinsten verkörpert sah und an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit keinen Zweifel aufkommen ließ.

Von 1778-1786, also von seinem 10. bis zum 18. Lebensjahr besuchte Arnold Mallinckrodt Dortmunds alte und berühmte Gelehrtenschule, das Archigymnasium. Überliefert ist das Zeugnis, das Arnold Mallinckrodt von seinem Direktor Samuel Winterberg beim Abgang von der Schule ausgestellt wurde und in welchem es unter anderem heißt: "Arnold Mallinckrodt hat von Jugend auf eine gute Gemütsart gezeigt und bei zunehmendem Alter dieselbe durch die Tat bestätiget, auch sich allezeit mit sehr vielem Fleiß den schönen Wissenschaften gewidmet. Da er nun jetzt in beiden zur Reife gekommen, denkt er auf die Universität Halle zu reisen: Ich bitte also alle großen Rechtsgelehrten, welche daselbst lehren, daß sie diesen, die Zierde der besten Jünglinge, sich angelegentlichst mögen empfohlen sein lassen."

In Halle hat Mallinckrodt allerdings nur ein kurzes Semester verbracht, um anschließend nach Jena zu gehen, wo er bis 1788 studierte und deutsches und kanonisches Recht, Strafrecht, öffentliches und Feudalrecht sowie Kameralistik, d. h. Staatswirtschaftslehre belegte. Das war der Fächerkanon, mit dessen Studium sich der künftige Politiker und Staatsmann auf seinen Beruf vorzubereiten pflegte. Ferner erwarb er durch den Besuch von Vorlesungen in Physik, Mathematik und Philosophie das damals moderne Bildungswissen. In jenen 1780er Jahren hielten in der Jenaer Universität die Lehren Kants ihren Einzug und setzten sich im Lehrbetrieb aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen durch. In Mallinckrodts zahlreichen späteren Schriften ist unverkennbar vom Geist der Jenenser idealistischen Philosophie zu spüren, vor allem aber auch von Schillers Ethik, mit dessen Werken er, wie viele seiner Zitate zeigen, besonders vertraut war.

Nach erfolgter Promotion zum Dr. jur. kehrte Mallinckrodt 1788 aus Jena in seine Vaterstadt Dortmund zurück. Hier ging er zunächst den seinem Stande vorgezeichneten Weg. Er wurde Mitglied und Convocans, d. h. Vorsitzender der Erbsassen, der neben dem Rat bestehenden ständischen Vertretung der erbgesessenen bürgerlichen Oberschicht, er wurde gleich seinem Vater und seinem Bruder Mitglied der Wandschneidergesellschaft, obwohl er den Tuchhandel nicht ausübte, sondern sich als Advokat niederließ. 1794 heiratete er seine Cousine Wilhelmine Mallinckrodt, Tochter seines Vatersbruders, des Großkaufmanns Arnold Mallinckrodt, aus welcher Ehe fünf Kinder entstammten, von denen ihn allerdings nur zwei, die Söhne Emil und Eduard, überlebten. Es folgte die Übernahme weiterer kommunaler Ehrenämter, der Direktion des städtischen Waisenhauses und der durch den Tod seines Vetters zweiten Grades freigewordenen Stelle eines Erbsassenratsherrn im Jahre 1795. Als sieben Jahre später Dortmund seine Reichsfreiheit verlor, wurde er als Regierungsrat in die neue fürstlich-oranien-nassauische Regierung für Dortmund übernommen und nach Bildung des Großherzogtums Berg, dem Dortmund 1808 eingegliedert wurde, verblieb Mallinckrodt in der öffentlichen Verwaltung als Präfekturrat im Ruhrdepartement, als dessen Präfekt der bekannte Gisbert Freiherr von Romberg amtierte.

Mallinckrodt hat sich später gern gerühmt, daß die Erhebung Dortmunds zur Hauptstadt für das Ruhrdepartement sein Werk gewesen sei. Jedenfalls hat er sich wie viele seiner Zeitgenossen der neuen, von Frankreich geleiteten Regierung bereitwillig und aus Überzeugung zur Verfügung gestellt, wie er auch schon seit langem für den Anschluß Dortmunds an ein größeres Staatswesen eingetreten war, da dieser allein der Stadt zur "Aufhülfe" gereichen könne. Bereits in seinem ersten Werke, dem 1792 erschienenen "Versuch über die Verfassung der kaiserlichen und des heiligen römischen Reichs freien Stadt Dortmund" hat er deutlich gemacht, daß die seit dem Mittelalter fast unveränderte Verfassung der alten Reichsstadt Dortmund mit den Verhältnissen seiner Zeit kaum noch vereinbar war und wie kleinlich und nachteilig der kleinstaatliche Partikularismus sich zumal in dem winzigen Rahmen der Dortmunder Stadtrepublik auswirken mußte.

Mallinckrodt vertrat damit Ansichten, wie sie sich seinerzeit im Bestreben der sogenannten preußischen Partei im Dortmunder Rate äußerten, die bereits nach dem Siebenjährigen Kriege wenn nicht einen Anschluß, so doch eine Anlehnung des kleinen Stadtstaates an das aufstrebende Preußen suchte. Angeführt worden war diese Partei eben von den damaligen Mallinckrodts im Rate, nämlich Arnolds Vater und Onkel bzw. Vetter sowie den mit ihnen vielfach verschwägerten Küpfers, während der Exponent der kaiserlich-habsburgisch gesonnenen Gegenpartei der Stadtsyndikus Friedrich Wilhelm Beurhaus war. Der Konflikt beider Gruppen hatte in dem berüchtigten Beurhaus-Prozeß gegipfelt, in denn der von den Bürgermeistern Detmar Dietrich und Zacharias Küpfer des Amtes enthobene Syndikus schließlich nach mehr als zwanzig Jahren doch noch beim Reichskammergericht obsiegte.

Als nun nach dem preußischen Zusammenbruch von 1806 das napoleonische Frankreich an die staatliche Neuordnung im Westen des alten Reiches ging, wurde dies von Mallinckrodt wie von vielen seiner Landsleute durchaus begrüßt. Der Dortmunder Stadtvorstand sandte eine Grußadresse an Napoleon als den neuen Charlemagne, den legitimen Nachfolger Karls d. Gr., des Stadtgründers von Dortmund, und Mallinckrodt verfaßte zum Neujahrstag 1808 jenes Distichon: "Napoleon Augustissimus Pace Omnes Laetificet Europaei Orbis Nationes". Die Beseitigung der erstarrten Formen des überalterten Feudalsystems, die Gleichstellung aller Untertanen, Gewährung der freien Ausübung des Kultus sowie Einführung eines einheitlichen Steuersystems fanden den Beifall einer Mehrheit des gebildeten und kritischen Bürgertums. Mallinckrodt setzte sich indessen vor allem für die Durchführung des Gesetzes von 1808 über die Aufhebung der Leibeigenschaft und aller daraus entsprungenen gutsherrlichen Rechte auf das Nachdrücklichste ein. So uneigennützig sein Bemühen war, die Seite der Schwächeren und Bedrückten zu vertreten, so ist Mallinckrodt aber doch nicht ganz unschuldig daran, daß der Kampf um die Bauernbefreiung die gehässigsten Formen annahm und ihm schließlich Jahre seines Lebens vergällte.

Jenes von Napoleon für das Großherzogtum Berg erlassene Gesetz von 1808 betr. die Abschaffung der Leibeigenschaft enthielt verschiedene Unklarheiten. Im wesentlichen ging es um die Frage der Ablösung gutsherrlichen Obereigentums an dem bäuerlichen Zins- und Pachtland, also um die Allodifizierung der bäuerlichen Leihe. Das Gesetz bezieht sich hierbei explicite auf Erbpachtland. Die meisten der bäuerlichen Pachtländer vor allem in den ehemaligen dortmundischen und märkischen Landesteilen standen jedoch in einem Leiheverhältnis, um dessen Rechtsnatur man sich schon seit langem stritt. Das waren die sogenannten Zeit- und Leibgewinngüter. Sie wurden zwar ausdrücklich auf eine bestimmte Zeit - 10, 12 oder 15 Jahre - oder auf bestimmte Leben oder Leiber - ein oder mehrere Menschenleben - verpachtet, waren aber gewohnheitsmäßig und oft jahrhundertelang ohne Erhöhung der Pachten an dieselben Familien verliehen, d. h. eigentlich vererbt worden. Formalrechtlich konnten sie als Zeitpachtgüter angesehen werden - und diese Ansicht vertraten die meisten deutschen Juristen an den großherzoglichen Gerichten -, inhaltlich waren sie jedoch kaum von der Erbpacht zu unterscheiden. Mallinckrodt erklärte sie alsbald als dingliche Bestandteile ehemaliger Leibeigenschaft und folgerte, daß jede Art von Leibeigenschaften, auch die mit einem Bauerngut in einer wie immer gearteten Verbindung stehende, mit dem Tage der Verkündigung des Dekrets vom 12.12.1808 abgeschafft sei und das unbeschränkte Eigentum der bisherigen Leibeigentumsgüter an die derzeitigen Besitzer bzw. Pachtinhaber übergehe.

Diese Auslegung war so nicht haltbar, aber sie hatte bei den betroffenen Bauern ihre Wirkung nicht verfehlt. Prozeß reihte sich an Prozeß, die Bauern unterlagen in den ersten Instanzen. Mallinckrodt bediente sich der Presse, um sie aufzuklären und zu hartnäckigem Widerstand zu organisieren. Die Richter, die gegen die Bauern entschieden, bezichtigte er offen der Parteilichkeit und Rechtsbeugung, während umgekehrt die gutsherrliche Partei Mallinckrodt als allzu willigen Franzosendiener und gekauften Bauernanwalt verleumdete. Seine Entschlossenheit machte ihn zum gefährlichsten und deshalb verhaßtesten Gegner. Er benutzte seinen Einfluß als hoher Beamter, verbreitete seit 1811 durch Zeitungen, Flugschriften und Bauernkalender unermüdlich die Ansicht, daß die strittigen Güter jedenfalls zu den Erbpachtgütern gehörten, und sammelte durch öffentliche Aufrufe Geldmittel für bäuerliche Abordnungen an Napoleon als obersten Gerichtsherrn.

In der Tat gelang es einem aus Westerfilde, bis zum Kaiser selbst vorzudringen. In seiner Schrift "Belehrung des Bauernstandes über die demselben von Sr. Kaiserl. Majestät verliehenen Rechte und dessen Pflichten gegen die bisherigen Hofesherren" schildert Mallinckrodt recht anschaulich, wie es dem Colonen Johann Gisbert Alef nach monatelangem Zuwarten schließlich glückte, seiner Majestät höchstpersönlich zu St. Cloud eine Bittschrift zu überreichen, eben als der Monarch an der Seite seiner erhabenen Gemahlin im Begriff war auszufahren. Beide Majestäten", schreibt Mallinckrodt, "saßen in einem Wagen und hatten nur eine kleine Begleitung bei sich. Der Kaiser nahm die Bittschrift aus Alefs Händen; allein dieser verstand kein Französisch und konnte die Fragen seiner kaiserlichen Majestät nicht beantworten. Unter der kleinen Begleitung war gerade niemand, der Deutsch verstand; da hatte die erhabene Kaiserin die Huld, die seltene, rührende, höchst liebenswürdige Handlung, Dolmetscherin zu sein zwischen dem großen Monarchen und seinem geringen Untertan, dem Bauern Alef." - Die Kaiserin war bekanntlich Marie Luise von Österreich.

Es erfolgte nun zwar am 13. September 1811 ein kaiserliches Dekret, daß das freie Eigentum auch solchen Inhabern von Zeit- und Leibgewinngütern zufallen solle, die beweisen konnten, daß die Gutsgebäude ihnen gehörten, die betreffende Familie wenigstens durch drei Generationen diese Güter genutzt hatte und der Pachtzins während dieser Zeit gleichförmig gewesen sei. Für den Bauern Alef hatte seine Mission beim Kaiser allerdings recht unerfreuliche Folgen: Sein Gutsherr, der zugleich Ortsbürgermeister war, ließ ihn nach seiner Rückkehr zunächst in der Mairie einsperren und fortan unter Polizeiaufsicht stellen. Fern von der Zentralgewalt", schreibt Charles Schmidt in seiner Geschichte des Großherzogtums Berg, "rächten sich die Junker für die Kühnheit ihrer Bauern."

Bereits 1812 schied Mallinckrodt aus dem öffentlichen Dienste aus. Ein unmittelbarer Anlaß ist nicht bekannt. In den genannten biographischen Skizzen von Holthaus wird als Grund angegeben, Mallinckradt sei durchdrungen gewesen von der Überzeugung, daß er durch publizistische Tätigkeit am besten für seine Mitmenschen wirken könne und daß ihn der Verwaltungsdienst zu sehr von dieser seiner Hauptaufgabe abgezogen habe. Man möchte indes annehmen, daß auch ihn die sich selbst in liberalen Kreisen ausbreitende Enttäuschung über das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit der napoleonischen Regierung ergriffen hatte, die ihre eigene fortschrittliche Gesetzgebung, besonders in den kaiserlichen Domänen gerade auch auf Kosten der Bauern, ständig durchlöcherte, die Pressefreiheit zur Farce machte, das Land mit dem Abtrag von Kriegskontributionen und mit dem Unterhalt französischer Truppen aufs Äußerste belastete und ihm durch die Fortdauer der Kriege nie die Möglichkeit zu normaler Entfaltung gab. Aber als Mallinckrodt sich dann nach dem Ende der französischen Herrschaft unter den neuen Verhältnissen in Berlin um eine Verbeamtung in Preußen bemühte, hatte er keinen Erfolg. Sein "Bauernkrieg" hatte ihn offensichtlich dauerhaft um die Gunst der maßgebenden Kreise gebracht. 1816 schrieb er an seinen Freund Seidensticker, den Direktor des Gymnasiums zu Soest: "Sie fragten mich neulich, ob ich Unannehmlichkeiten mit dem Herrn von Vincke habe (gemeint ist der westfälische Oberpräsident Ludwig von Vincke). Besondere weiß ich eben nicht, obgleich ich wohl Proben habe, daß er mir nicht gut ist; er kann mir die Verteidigung der Bauern nicht gut vergeben, und gehetzt gegen mich wird so fleißig ... Sie (nämlich Seidensticker) hatten Zank in Berlin und haben jetzt Ruhe. Was ihnen half, war, daß sie wenig mit dem Privatinteresse zusammenstießen; das aber ist meine Verdammnis." Und der Freiherr vom Stein schrieb 1818 an Josef Görres: "Mallinckradt hatte sich viele Feinde zugezogen durch seinen bissigen hämischen Charakter, und daß er die Diskussion über die bäuerlichen Verhältnisse in Westfalen mit Bitterkeit und Feindseligkeit gegen die Grundbesitzer führte, die mit Gründlichkeit, Wahrheitsliebe und Klugheit geführt werden mußte."

Von solchen Rückschlägen, die Mallinckrodt in seinem persönlichen Leben hinnehmen mußte, bleibt seine Bedeutung als Autor und Herausgeber zahlreicher und vielseitiger Schriften und der Ertrag seiner Wirksamkeit als politisch-moralischer Publizist, durch die er weit über Dortmunds Grenzen hinaus bekannt geworden ist, indessen weitgehend unberührt. In der Publizität" sah Mallinckrodt das Mittel, durch das er an der Bildung einer öffentlichen Meinung mitarbeiten und in der breiten Öffentlichkeit zu Gehör kommen konnte. Es war die Zeit in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts - Mallinckrodt nennt sie selbst die "Epoche der Publizität" -, als überhaupt eine öffentliche Meinung im modernen Sinne entstand, indem sich nämlich eine neue politische Presse im Zeitschriften- und Zeitungswesen entfaltete und als sich andererseits ein breiteres Publikum bildete, indem sich diese öffentliche Meinungsbildung vollzog.

Dieses Publikum war im wesentlichen die damalige bürgerliche Intelligenz, deren soziales Spektrum sich außerordentlich weit spannte und in deren Umfeld sich die stürmische Entwicklung der Literatur und des Pressewesens seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts vollzog. In wenigen Jahrzehnten stieg die Zahl der deutschen Schriftsteller und Autoren von schätzungsweise drei- auf sechstausend, verdreifachte sich die Zahl der Buchhandlungen und ebenso die der jährlichen Neuerscheinungen. Zu einem der wichtigsten meinungsbildenden Faktoren wurde die Presse im engeren Sinne, nämlich das Zeitungswesen, indem es mit seinen periodischen, aktuellen und thematisch meist breit gestreuten Erzeugnissen eine zahlreiche Leserschaft ansprach und erreichte. Mit Hilfe des Abonnentenwesens organisierte es seinerseits die Leserschaft, ward zur Keimzelle entstehender geselliger Agglomerationen und kettete kontinuierlich Massen zusammen.

So liegt der Schwerpunkt der literarischen Bedeutung Mallinckrodts zweifellos in seiner journalistischen Tätigkeit, worin er selbst ja auch seine eigentliche Berufung erblickte. Schon in seinem Erstlingswerk, jenem "Versuch über die Verfassung der kaiserlichen und des heiligen römischen Reichs freien Stadt Dortmund", kündigt er ein Bürgerblatt an, welches der Hebung des Interesses für Staat und öffentliches Wohl und damit der Förderung von Gemeingeist und Patriotismus dienen sollte. Es erschien im Frühjahr 1796 als Vierteljahresschrift unter dem Titel "Magazin von und für Dortmund", enthielt vornehmlich historische Abhandlungen aus Dortmund und Umgebung sowie behandelte Fragen aus dem öffentlichen Leben der Reichsstadt. 1797 dehnte die Zeitschrift, nunmehr "Magazin für Westfalen" zur "Beförderung richtiger Aufklärung und Moralität" genannt, ihren Themenkreis inhaltlich und geographisch aus und erschien dann von 1798 bis 1809 zweimal wöchentlich unter dem Titel "Der westfälische Anzeiger oder vaterländisches Archiv zur möglichst schnellen Verbreitung alles Wissenswürdigen und Nützlichen für Menschenwohl, häusliche und bürgerliche Glückseligkeit in politischer und moralischer Hinsicht". Erklärter Zweck des Westfälischen Anzeigers war es, "den Gemeingeist in Westfalen zu wecken, zu nähren, zu beleben, die Vaterlandsliebe immer mehr anzufachen; nützliche Kenntnisse in größeren Umlauf zu bringen und zu verbreiten; jedes Gute zu befördern, wo sich Gelegenheit dazu bietet; dem edlen Sinne fürs Gute, für Religion und Tugend Stoff und Nahrung zu geben; das zu prüfen und zu beherzigen, was das gesellige und bürgerliche Leben erleichtert und verschönert".

Mit dem Anzeiger hat Mallinckrodt nach dem Urteil Carl d'Esters "den westfälischen Landen die erste deutsche Zeitung von wirklicher Bedeutung geschenkt". Entscheidend für die große und nachhaltige Wirkung dieses Blattes wurde auch die Mitarbeit zahlreicher führender Persönlichkeiten des geistigen und politischen Lebens jener Zeit, die Mallinckrodt hierfür gewinnen konnte. Zu diesen gehören Johann Friedrich Benzenberg, der erste liberale Politiker der Rheinlande, die Philologen Gierig und Kuithan aus Dortmund sowie Seidensticker aus Soest, der Historiker Nikolaus Kindlinger, der Jurist und Staatsrechtler Johann Heinrich Jung, der Münsteraner Moraltheologe Johann Heinrich Brockmann, der Pfarrer aus Elsey Johann Friedrich Möller, der Theologe und Pädagoge Bernhard Chr. Natorp und andere mehr. Von etwa 300 Personen, die als Autoren für den Anzeiger ermittelt sind, waren mehr als ein Drittel protestantische Pfarrer oder katholische Geistliche, was allerdings keineswegs besagt, daß die von ihnen eingesandten Beiträge ausschließlich oder vorwiegend theologischen und seelsorglichen Charakter hatten. Mehr als ein Fünftel der Mitarbeiter war in der Justiz und Verwaltung tätig, etwa ein Zehntel waren Ärzte, Wundärzte und Apotheker. 25 Gelehrte an Universitäten und höheren Schulen lieferten Nachrichten und Abhandlungen über Künste und Wissenschaft in Westfalen für den Anzeiger, 23 Lehrer und Schulmänner befaßten sich mit Fragen zur Hebung des Volksschulwesens und der Bildung des Lehrerstandes, und 20 Autoren waren Ökonomen, Kaufleute und Fabrikanten und trugen zur Behandlung wirtschaftlicher Themen bei. Aus den Kreisen des Adels begegnen nur wenige Mitarbeiter, darunter jedoch zwei sehr Prominente, nämlich Franz Friedrich Wilhelm von Fürstenberg, Minister und Generalvikar des Fürstbistums Münster, dessen Staats- und Bildungswesen er im Sinne der Aufklärung reformierte, und Ludwig von Vincke, der als Autor eines anonymen Artikels gilt, der sich mit dem Militärwesen in Preußen befaßt.

Die größte Verbreitung fand der Anzeiger im Gebiet des alten Herzogtums Berg, wo damals etwa ein knappes Dutzend kleinerer oder größerer Zeitungen und Zeitschriften bestand, die der Anzeiger jedoch an Niveau beträchtlich überragte. Ins Bergische gingen etwa ein Drittel aller ausgegebenen Exemplare. Gelesen wurde der Anzeiger auch in der Grafschaft Mark, im Herzogtum Kleve, im kölnischen Herzogtum Westfalen, in den Bistümern Münster, Paderborn und Osnabrück, der Grafschaft Ravensberg, im Fürstentum Minden, also in fast allen Teilen Westfalens, und ebenso im Fürstenturn Ostfriesland. Der Absatz belief sich im Jahre 1805 auf insgesamt 1188 Exemplare, doch gibt diese Zahl für die Verbreitung insofern keinen Aufschluß, als die meisten Exemplare viele Leser hatten, oft zehn und mehr Personen. Nach einer Schätzung Mallinckrodts kann man das Publikum seiner Zeitschrift zur Zeit ihrer größten Verbreitung zwischen 1802 und 1806 mit mindestens 6000 Personen annehmen. Der in ganz Deutschland bekannte Staatsanzeiger Schlözers hatte - um einen Vergleich heranzuziehen - eine Auflage von 4000 Exemplaren, die Jenaer Literaturzeitung eine von etwas mehr als 2000.

Im Gegensatz zu jenen damals am weitesten verbreiteten Blättern sollte der Westfälische Anzeiger, wie sein Name sagte, vorzugsweise den Bewohnern der westfälischen Lande gewidmet sein und insbesondere "das häusliche, gesellige, thätige und weltbürgerliche Leben fördern", d. h. auf Fragen des täglichen Lebens Bezug nehmen. Doch werden im Anzeiger immer wieder auch grundsätzliche und weltanschauliche Standpunkte vertreten, wobei er in seiner ganzen Zielrichtung eine aufklärerisch-reformerische Tendenz verfolgt. Was Mallinckrodt unter Aufklärung verstand, formulierte er einmal so: Wenn die Sonne durch den bewölkten Dunstkreis breche und der Wind die Wolken zerstreue, dann kläre sich der Himmel auf. Wenn die Wolken des Aberglaubens, der Vorurteile und des blinden Nachbetens sich zerstreuten, wenn der Verstand das eigene Zusehen, das Prüfen, das Selbstdenken sich zum Gesetze mache, wenn der Mensch seine Bestimmung erkenne, überall gut, edel und menschlich zu handeln, kurz, wenn er sich als verständiges und moralisches Geschöpf immer mehr auszubilden suche: dann nenne man das Aufklärung im moralischen Sinne. Dieser Aufklärung könne keiner entgegenarbeiten, denn der größte Aufklärer in diesem wahren und einzigen Sinne sei Christus gewesen.

Besonders wendet sich der Anzeiger gegen die Auffassung, Revolution sei eine unvermeidliche Folge der Aufklärung. In den Greueln der Revolution sieht er vielmehr eine Folge der Verfinsterung, des Verharrens in den unaufgeklärten Zuständen der Vorzeit. "Weit entfernt", schreibt Mallinckrodt Ende des Jahres 1800 im Anzeiger, "sei auch dieses Blatt von der Nährung und Verbreitung revolutionärer Grundsätze. Wer sich, die Seinigen und sein Vaterland lieb hat, der bebt davor zurück; wer wollte durch den Irrgang gewissen Unglücks und unvermeidlicher Greuel zu dem Ziele eines ungewissen Besseren gehen?" Wohl sieht er die Französische Revolution als den in Frankreich berechtigten Versuch, die Gesellschaft auf den Grundsätzen von Vernunft und Gerechtigkeit aufzubauen, doch scheute er im eigenen Land vor jeder gewaltsamen Umwälzung zurück. Was Mallinckrodt und seine politischen Freunde erreichen wollten, waren Reformen, die zur Beseitigung der Adelsvorrechte und der sozialen Mißstände, zu einem größeren Einfluß des Bürgertums, nicht aber zu einer sozialen Nivellierung führen sollten. Die Gleichheit sollte beschränkt bleiben auf die Gleichheit vor dem Gesetz. Die angestrebte Regierungsform war nicht die Republik, sondern die konstitutionelle Monarchie.

Der für den Liberalismus des 19. Jahrhunderts zentrale Begriff der Freiheit wird eingehender im Zusammenhang der Gewerbe- und Handelsfreiheit im Sinne des Adam Smith sowie der Pressefreiheit bzw. der Freiheit der Meinungsäußerung erörtert. In dem Artikel "Über Handel und Fabriken" heißt es 1802 im Anzeiger: "Freiheit ist das Element aller menschlichen Tätigkeit! Freiheit ist die Seele allen Handels, aller Manufakturen und Concurrenz sein einziges Gesetz." Handel und Gewerbe blühten nur da, wo sie keinen staatlichen Beschränkungen wie Akzise, Douanen und Regie und keinen politischen Künsteleien unterworfen seien. Als "unmittelbare Kinder der Natur" gediehen sie nur bei einem tätigen Volk in einer günstigen wirtschaftlichen Lage und bei einer freien kirchlichen und politischen Verfassung.

Und in seinem Aufsatz über "Publizität" beschreibt Mallinckrodt die Meinungsfreiheit als Voraussetzung jeden Fortschritts: "Wo eine edle Freiheit im Reden und Schreiben herrscht, da siebet man beglückende Früchte, da siehet man ... fortschreitende Ausbildung des Verstandes, steigende Erweiterung und Berichtigung der Begriffe, da siehet man Wachstum im Guten aller Art, in der Tugend; wo jene Freiheit beschränkt ist, da ist Fortschreiten nur in Ansehung derjenigen Gegenstände möglich, welche freigelassen sind, und die Vervollkommnung der Nation wird nur einseitig. Überhaupt ist Freiheit im Denken das wirksamste Schwungrad zur Entwicklung der Menschheit." Durch die Freiheit der Meinungsäußerung werde aber auch das Band zwischen Regenten und Untertanen enger geknüpft; denn sie gründe und erhalte das Vertrauen zwischen beiden, welches der Grundpfeiler der öffentlichen Ruhe und Zufriedenheit sei. Sie schaffe und pflege den Gemeingeist, "auf dessen Dasein und Wirksamkeit der Flor und das Glück der Staaten beruhet."

Wenngleich der Westfälische Anzeiger wie damals jedes öffentliche Blatt der Zensur unterlag und Zeit seines Erscheinens auf die verschiedensten Pressegesetze Rücksicht nehmen mußte, wollte er seine Existenz nicht von vornherein in Frage stellen, besteht jedoch kein Zweifel daran, daß in ihm die politischen Überzeugungen und Ansichten Mallinckrodts wie seiner Mitarbeiter ungeschminkt und unverkürzt zum Ausdruck kommen. Sie unterscheiden sich grundlegend von denen der revolutionären deutschen Demokraten, die sich in Anlehnung an die Radikalen der französischen Revolution Jakobiner nannten und das Volk zum Umsturz der bestehenden Sozialordnung aufriefen. Mallinckrodt beschreibt vielmehr den Weg, den die Mehrheit des liberalen Bürgertums im 19. Jahrhundert gegangen ist, einen Mittelweg zwischen dem versinkenden monarchischen Absolutismus und den überlebten feudalen Strukturen einerseits und den neuen Ideen einer Volksherrschaft im Sinne einer demokratischen Republik andererseits. Gegen die Monarchie erhob der Liberalismus die bürgerlichen Freiheitsideale, gegen die Demokratie suchte er hingegen Schutz bei den monarchischen Regierungen.

In seinem 1814 erschienenen Buche "Was tun bei Deutschlands, bei Europas Wiedergeburt?" hat Mallinckrodt noch einmal seine politischen Grundsätze zusammengefaßt, wie sie teils schon im Anzeiger veröffentlicht waren. Nachdrücklich rät er dazu, neue, ungewohnte Einrichtungen nur allmählich und ohne blutige Härten einzuführen. Erst sammle man sich genaue Kenntnis des Alten, dann erst wird die neue Organisation zweckmäßig und vollständig werden." "Rasche Totalveränderung der Gesetze ist eine Art von Revolution, und jede Revolution hat der Übel viele im Gefolge." "Man nehme Rücksicht auf die religiösen Überzeugungen und die dynastischen Gefühle, ja auch die Vorurteile der Bewohner, um nicht Haß und Erbitterung gegen die Regierung in aller Herzen auf mehrere Generationen zu pflanzen." Was die Vernunft verlange, müsse die Aufklärung vorbereiten, aber "sie geht ihrer Natur nach langsam; sie erzwingen wollen, ist widernatürlich".

Bereits 1809 hatte Mallinckrodt aufgrund von Differenzen mit seinem Vorgesetzten, dem Präfekten Frhr. v. Romberg, unter dessen Zensur zugleich der Westfälische Anzeiger gestellt war, schon einmal das Erscheinen des Blattes eingestellt. 1815 hat er die Zeitung noch einmal aufleben lassen, die sich seit 1817 dann "Rheinisch-Westfälischer Anzeiger" nannte. Im "Zeitalter einer neuen Schöpfung" - so drückte er seinen neuen politischen Optimismus aus - glaubte Mallinckrodt nunmehr zu leben. Mit großer Erwartung sah er dem im Wiener Kongreß gegebenen Versprechen entgegen, durch das die bürgerlichen Freiheitsrechte auch in Preußen gesetzlich verankert und die konstitutionelle Monarchie verwirklicht werden sollte. In sorgsamen Aufsätzen über landständische Organisation, Steuer- und Finanzfragen arbeitete er dieser Verfassung vor. Aber es ging nicht vorwärts "mit Stiefel und Sporn" wie er gehofft hatte, sondern die Reaktion setzte ein und mit ihr die verschärfte Zensur. Als der Anzeiger es wagte, die Übergriffe der preußischen Einquartierung zu rügen, wurde Mallinckrodt zu zweimonatiger Festungshaft verurteilt. Er hat die Strafe nicht angetreten, sondern sein Recht bis in die höchste Instanz verfochten, die ihn freisprach. Sein Kampf um die Pressefreiheit erregte in Deutschland einiges Aufsehen, führte aber zu keinen Fortschritten. Im Dezember 1818 sah er sich gezwungen, die Herausgabe des Anzeigers endgültig aufzugeben.

Der Freiherr vom Stein, der Mallinckrodt ansonsten nicht gewogen war, schrieb aus diesem Anlaß: "Der Vorgang mit Mallinckrodts Westfälischem Anzeiger ist wirklich skandalös. Man überlieferte Mallinckrodt einem höchst taktlosen, plumpen Zensor, einem gewissen Landrat Hiltrop, der auf die unverständigste Art sein Amt ausübte. Die Zeitschrift war gut und gemeinnützig - es bleibt immer nachteilig, daß sie unterdrückt wurde -."

Mallinckrodt verkaufte seine Zeitung nebst Druckerei und Vertrieb, kehrte seiner Heimatstadt den Rücken und versuchte in Jena noch einmal einen neuen Anfang. Nachdem er bereits früher Beziehungen zu Görres' "Rheinischem Merkur" in Koblenz unterhalten hatte, versuchte er diese ebenfalls in Preußen verbotene Zeitung als "Neuen Rheinischen Merkur" in Jena herauszugeben und zum "Sprechsaal" für ganz Deutschland zu gestalten. Gleichzeitig bemühte er sich um eine juristische Professur an dieser Universität. Beide Versuche schlugen fehl. Enttäuscht, überarbeitet und krank zog er sich nun ins Privatleben zurück, kaufte 1819 ein Gut in Schwefe bei Soest und lebte - auch jetzt noch schreibend und lehrend - seinen landwirtschaftlichen Arbeiten. In Schwefe wurde er auch begraben, obschon er am 12. Juli 1825 auf einem Besuch in Dortmund starb.

Mit dem "Aufpurren" eines glimmenden, fast erloschenen Ofens hat Mallinckrodt seine öffentliche Tätigkeit verglichen. Als einer, der die öffentliche Meinung aufgerüttelt, belebt und vielfältig beeinflußt hat, hat er gewiß nicht wenig erreicht. Er hat selbst einmal aufgeführt, was er als die größten Verdienste seiner publizistischen Wirksamkeit ansah, nämlich dazu beigetragen zu haben, daß sich die vielen Provinzen des so zerstückelt gewesenen Westfalens einander angenähert hätten, daß manche gemeinnützigen Anstalten, vornehmlich des Armen- und Schulwesens, befördert, verbreitet und verbessert worden seien, daß Maßregeln zur Herstellung der öffentlichen Sicherheit getroffen wurden, daß er beigetragen habe zur besseren Kenntnis des Vaterlandes und seiner Provinzen sowie seiner vorzüglichen Persönlichkeiten und zur Achtung Westfalens im übrigen Deutschland, "in welchem es einst verschrieen war". Freilich hat Mallinckrodt seine Kornpromißlosigkeit und Hartnäckigkeit im Eintreten für das, was er als wahr und recht zu erkennen glaubte, eine Flut von Anfeindungen und Verdächtigungen eingetragen und das Bild seines Lebens bei den Zeitgenossen, die ihn nicht näher kannten, verdunkelt. Friedrich Harkort hat seinerzeit im "Hermann" dem entgegengehalten: "Möchte Mallinckrodt die Achtung derer, die von oben nichts erbitten, sich vor Titeln nicht bücken und männlich nur ihr Recht begehren, ein Ersatz sein für die oft niedrigen Anfeindungen seiner Gegner."

Trotz aller Widrigkeiten und Enttäuschungen, die er im Laufe seines Lebens erfahren mußte, hat Mallinckrodt, indem er sich als echtes Kind der Aufklärung erwies, den Glauben an den Fortschritt der Menschheit nie verloren. Ihm gab er einmal Ausdruck mit folgenden Worten: "Eine große Geburtsstunde naht, die Hand der ewigen Vorsehung ist darin nicht zu verkennen, schon ahnen wir große Folgen für die Bildung und Vervollkommnung des Menschengeschlechts, welche in die Unendlichkeit greifen. Also Mut gefaßt gegen ungewisses banges Zagen, der Ewige lebt und wird zur Vollendung uns führen!"


Quellen und Literatur

Neue Deutsche Biographie, Bd. 15, 1987, S. 772f. (Silvia Backs). - Wilhelm Schulte, Westfälische Köpfe, 3. erg. Aufl. 1984. - Ernst Maurmann, Arnold Mallinckrodt. Sein Leben und Wirken (1768-1825). Diss. Münster 1921. (Die vollständige Dissertation befindet sich als Handschrift in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund). - Günter Sandgathe, Der "Westfälische Anzeiger" und die politischen Strömungen seiner Zeit (1798-1809). Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Bd. 5, 1960. (Darin enthalten das Verzeichnis der Schriften Arnold Mallinckrodts sowie der von ihm herausgegebenen Periodika). - Luise v. Winterfeld, Arnold Mallinckrodt, Heimatblätter. Monatsschrift für das niederrhein.-westfäl. Land, besonders für das Industriegebiet, 2. Jg. 1920/21. - Luise v. Winterfeld, Gedanken Arnold Mallinckrodts über Deutschlands und Europas Wiedergeburt im Jahre 1814. Kalender für die Westfälische Mark. Ein Heimat- und Jahrbuch auf das Jahr 1925, Dortmund 1924. - Hermann Becker, Die Anfänge der Tagespresse in Dortmund. Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Bd. 9, 1902. - Carl d'Ester, Das Zeitungswesen in Westfalen von den ersten Anfängen bis zum Jahre 1813. Münster 1907 - Carl d'Ester, Zur Geschichte der Presse und der öffentlichen Meinung im Großherzogtum Berg. Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, Bd. 44, 1911. - August Meininghaus, Der soziale Aufstieg der Dortmunder Mallinckrodt. Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Bd. 44, 1938. - Gustav Luntowski, Arnold Mallinckrodt (1768-1825), ein Vertreter des frühen Liberalismus in Westfalen. Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Bd. 73, 1981.

Gustav Luntowski

QUELLE  Luntowski, Gustav | Arnold Mallinckrodt (1768-1825) |
PROJEKT  Westfälische Lebensbilder
AUFNAHMEDATUM2004-03-26


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