QUELLE

DATUM1947-01-21   Suche   Suche DWUD
AUSSTELLUNGSORTDetmold
TITEL/REGESTProtokoll der "Feierlichen Schlußsitzung" des Lippischen Landtags anlässlich seiner Selbstauflösung im Rahmen des Anschlusses an Nordrhein-Westfalen im Landtag zu Detmold am 21.01.1947
TEXT[S. 1] Lippischer Landtag.

Feierliche Schlußsitzung.
(11. Sitzung.)
Geschehen am Landtag in Detmold, den 21. Januar 1947
14.30 Uhr

Zum letzten Male sind die Abgeordneten des Lippischen Landtages versammelt. Ausser ihnen füllen den Saal als Gäste zahlreiche Vertreter der verschiedensten öffentlichen Körperschaften des Landes. Die Tribünen sind mit Zuhörern überfüllt. Am und hinter dem Tisch des Landtagspräsidenten haben neben den Mitgliedern der Landesregierung die Vertreter der Mil.-Regierung Platz genommen. Unter ihnen sind: Mr. Asbury, der Regional Commissioner für Nordrhein-Westfalen, Oberst McGregor für Regierungsbezirk Minden und Land Lippe, Oberst Shepherd, Kreis Groupe H Qu’s.

Feierliche Musik klingt auf: Trio in B Dur von Ludwig van Beethoven, 1. Satz, gespielt von Kräften der Nordwestdeutschen Musikakademie.

Landtagspräsident Feldmann eröffnet die Sitzung und stellt fest, dass ausser den entschuldigt fehlenden Abg. Dr. Krekelder, Petrick, Meier, sämtliche Mitglieder des Hauses anwesend sind. Er begrüsst die Abgeordneten, die Vertreter der Mil. Reg. insbesondere Mr. Asbury als Reg.Commissioner, Oberst McGregor und Oberst Shepherd. Sein Gruss gilt auch allen Gästen und Zuhörern, die durch ihr Erscheinen bekundet hätten, welch starkes Interesse sie an den für das Lippische Land und Volk so entscheidenden Dingen dieser letzten Landtagssitzung nähmen. Er erteilt sodann das Wort dem

Regional Commissioner, Mr. Asbury:

"Heute machen wir einen weiteren Schritt vorwärts in der 800 Jahre alten Geschichte Lippes. Es war nur recht und billig, dass dieses kleine Land, welches als eines der ersten eine verfassungsmmässige Regierung besass, als erstes in der brit. Zone nach dem Sturz der Nazityrannen, wieder einen Landtag haben sollte. Sollte irgendeiner daran zweifeln, wieviel ihre Bevölkerung zu einer demokratischen Regierung beigetragen hat, so braucht er nur die bewundernswerte Geschichte ihrer Landesregierung von 1918 bis 1932, niedergeschrieben von ihrem ersten und einzigen Ministerpräsidenten, Herrn Drake, nachzulesen.

Heute ist es uns klar, dass die äussere Struktur der Regierung neu gebildet werden muss und dass die einzelnen Länder und Provinzen des künftigen deutschen Staates eine derartige Ausdehnung haben sollten, um die Lasten eines modernen Regierungsapparates auf sich nehmen zu können.

Somit muss das kleine Lipperland mit seinen wunderschönen Hügeln und Wäldern, mit seiner friedlichen Landwirtschaft, mit seinen tüchtigen Handwerkern und Arbeitern, seinen Platz in einer grösseren Verwaltungseinheit einnehmen.

Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich die Kontrollkommission bemüht, nicht nur die Meinungen der Volksvertreter, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen ihrem Lande und den Nachbarn ausfindig zu machen.

Auffallend ist die enge Verbindung mit dem Regierungsbezirk Minden, von dem sie von drei Seiten begrenzt werden. Diese Tatsache wurde in ihrem eigenen Beschluss vom 19.7. ausdrücklich betont und wiederum am 29.7. bestätigt.

Es ist zutreffend, dass im Laufe der letzten Wochen der Wunsch nach einer Verbindung mit dem neuen Lande Niedersachsen zum Ausdruck gekommen [S. 2] ist, und diese Ansicht wurde neulich mittels Beschlüssen in zwei Kreistagsversammlungen - in Detmold und in Lemgo - zum Ausdruck gebracht. Es ist schwer, diese beiden Bestrebungen in Einklang zu bringen; noch können wir über den deutlichen Einfluss der heutigen Ernährungslage und der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit im Ruhrgebiet auf die öffentliche Meinung hinwegblicken. Diese sind aber nur vorübergehende Erscheinungen, die verschwinden werden, sobald der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft, wie im amerikanisch-britischen Abkommen vorgesehen, seine Früchte trägt.

Der öffentlichen Meinung gemäss zieht es der Regierungsbezirk Minden vor, mit dem Land Nordrhein-Westfalen vereinigt zu bleiben. Würde man heute unter den gegenwärtigen Verhältnissen zur Volksabstimmung schreiten, so würde sich kein wahres Bild der öffentlichen Meinung ergeben.

Somit sehen wir uns gezwungen, zu dem Entschluss zu kommen, dass es für Lippe das allerbeste ist, vorübergehend ein Teil des Regierungsbezirks Minden und somit ein Glied des Landes Nordrhein-Westfalen zu werden. Eine diesbezügliche Verordnung wird demnächst veröffentlicht. Diese Verordnung schliesst einen Artikel ein, wonach die Einwohner von Lippe und diejenigen des Regierungsbezirks Minden durch eine Volksabstimmung die Frage endgültig lösen, sobald die Verhältnisse stabiler geworden sind, spätestens aber vor Ablauf von 5 Jahren.

Lippe wird in dem Landtag zu Düsseldorf vertreten, zurzeit durch Ernennung, im März durch Wahl.

Die kulturellen und konfessionellen Interessen Lippes werden in künftigen Gesetzgebungen berücksichtigt. Ich versichere Ihnen, dass ich darauf achten werde, dass keine rechtsmässigen Interessen Ihrer Bevölkerung unberücksichtigt bleiben, und dass solche historischen Einrichtungen wie Ihre Musikakademie geschützt werden.

Ich hoffe, dass Sie sich nunmehr in den friedlichen und demokratischen Wiederaufbau Deutschlands einreihen können, und dass ein jeder von Ihnen bestrebt sein wird, dass die besonderen Eigenschaften der lippischen Bevölkerung ihren Anteil dazu beitragen werden.

Der Zweck meines heutigen Hierherkommens war der, bei der letzten Sitzung Ihres Landtages anwesend zu sein, um Ihnen meinen Dank für die in den vergangen 18 Monaten geleistete Arbeit auszusprechen, nicht jedoch deswegen, um mich von Ihnen zu verabschieden, denn ich hoffe, dass wir in der Zukunft öfters zusammentreffen werden. Indem ich Ihnen für Ihre früheren Bemühungen nochmals danke, wünsche ich Ihnen viel Freude und Erfolg bei Ihrer zukünftigen Arbeit, die Sie nunmehr zu leisten haben werden."

Nunmehr spricht Landespräsident Drake:

"Sir! Colonel! My officers!
Meine Abgeordneten! Liebe Gäste und Landsleute!

Sie werden verstehen: Es ist nicht ganz leicht, der Aufgabe nachzukommen, der ich heute zu genügen habe.

Ich schicke das voraus, und ich habe Anlass, es zu tun. Denn am 15. Februar 1904, vor 43 Jahren, war ich zum ersten Male Zeuge einer Verhandlung in diesem Lippischen Landtage, an die ich mich, wohl weil ihr hoher Gehalt mich fesselte, noch in den Einzelheiten erinnere. [S. 3]

Und seitdem habe ich sozusagen den Landtag und die Verwaltung dieses Landes begleitet und bin schliesslich in ihnen lange Jahre, mit Ausnahme der bekannten 12 Jahre, aktiv tätig gewesen.

Nach der soeben abgegebenen verbindlichen Erklärung des Regional Commissioner hat der Kontrollrat entschieden:

Lippe, unser engeres Heimatland, hört auf, selbständiges deutsches Land zu sein, es wird in vorläufiger Regelung dem Lande Nordrhein-Westfalen angeschlossen werden und Teil des jetzigen Regierungsbezirks Minden sein.

Der Lippische Landtag - noch vor kurzem als zunächst ernannter Landtag erneuert - findet damit sein Ende, noch bevor er durch verfassungsmässige Wahlen auf seinen eigentlichen Rechtsboden hätte gesetzt werden können.

Die Entscheidung des Kontrollrates ruht, ich möchte das hervorheben - auf den Vorschlägen des Zonenbeirates, also der zuständigen deutschen Stelle.

Auch bei uns war kein Zweifel, dass nach dem Zusammenbruche Deutschlands unter dem Hitlerregiment für selbständige kleine Länder kein Raum mehr sein würde, die Frage war nur, welchem grösseren Verwaltungsgebiet das Land Lippe zugeteilt werden sollte. Darüber ist nunmehr entschieden in der Form der vorläufigen Regelung, die den Vorschlägen der Landesregierung entspricht. In dieser für das Land denkwürdigen geschichtlichen Stunde ist es meine Aufgabe - und ich empfinde sie - die Gedanken und Empfindungen aller derer zusammenzufassen, die sich als gute Deutsche mit diesem Lande und seinen gesunden geschichtlichen Überlieferungen verbunden wissen.

In der letzten Sitzung des Landtages, in Gegenwart hoher Vertreter der Militärregierung, vor dem berufenen Kreise der dem Volke Verpflichteten, ringt das nach Ausdruck, was unsere Gedanken, unsere Herzen bewegt. Über die Kleinstaaten ist oft in spottender Weise hergezogen worden - nicht selten mit vollem Recht, denn wir haben in Deutschland genug Beispiele des übelsten Kantönligeistes gehabt - aber da, wo sich der Geist umfassender Volksverbundenheit in zukunftsträchtigem Sehnen mit planmässiger liebevoller Arbeit auf engerem Raume vermählte, da hat diese Verbindung stets vorzüglich gewirkt.

Lippe war und ist das Land der Arbeit. Die Söhne des Landes sind zu Tausenden seit Jahrhunderten Jahr für Jahr hinausgezogen, haben fremden Wohlstand mehren helfen und in harter Arbeit den Sinn erzogen und geformt für die Wirklichkeiten dieses Lebens. Und neben den Arbeitern waren die lippischen Bauern, Handwerker und Unternehmer in ihren besten Vertretern allemal Arbeitspferde. Auf solchem Grunde wachsen keine lächerlichen Früchte.

Aber ehe ich mich kurz diesem Tage und seinen Aufgaben zuwende, [S. 4] lassen Sie mich nun sagen, wie der Lippische Landtag, der nun zu Ende geht, entstand und wie die Formen waren, in denen er wirkte.

Er reicht in seinen Wurzeln bis in die Zeit des Mittelalters zurück. Landtagsakte und sogenannte Landtagsabschiede bezeugen ihm eine lückenlos belegte Geschichte von über 400 Jahren.

Er hat den Wandel von der alten landständischen Verfassung des Staates über die Verfassungskämpfe des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen Volksvertretung auf demokratischer Grundlage nicht abgesondert, sondern in dem durch die Verfassungsgeschichte des Reiches und der übrigen deutschen Länder gegebenen Rahmen durchschritten.

Landtage sind in den deutschen Territorialstaaten allgemein seit dem Ende des 15. und dem Anfange des 16. Jahrhunderts Hauptbestandteil der sogenannten "landständischen" Verfassung. Die Anfänge eines korporativen Zusammenschlusses der Ritterschaft, der Städte und zum Teil auch der Geistlichkeit eines Gebietes gegenüber dem Landesherren reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück.

Die ungeschriebenen Rechte der Stände beruhten auf Herkommen und bestanden vornehmlich in ihrem Zustimmungsrecht zur Steuererhebung. Die Landstände waren keine gewählte Volksvertretung im heutigen Sinne, sie sahen in der Regel mehr auf ihre Sondervorteile als auf das Wohl der Gesamtheit. Ihre Beschlüsse banden jedoch das ganze Land und boten auch einen gewissen Rechtsschutz gegen Fürstenwillkür.

Im "Pactum Unionis" vom 27. Dezember 1368 erklären die Burgmannen der landesherrlichen Burgen und die Bürgermeister von Horn, Blomberg und Detmold, dass sie zur Erhaltung der Einheit der Herrschaft nur einem Herren huldigen, dem Erben, auf den die Städte Lippstadt und Lemgo sich geeinigt haben. Diese Urkunde ist der älteste Beleg für aktive politische Vorrechte des Adels und der Städte.

1491 verzichten Ritterschaft und Städte, (darunter als sechste Stadt Salzuflen) unter der Bezeichnung als "Gemeinde Landschaft" neben Bernhard VII. auf Rheda.

Auf das Jahr 1537 geht das zufällige Datum der ältesten erhaltenen Aufzeichnungen über regelmässig abgehaltene Landtage und des ältesten Vorkommens der Bezeichnung Stände zurück.

Am 21. März 1767 ergeht das "Pactum tutorium", das ständische Mitvormünder beiordnet, ohne deren Zustimmung nichts vorgenommen und besprochen werden darf.

Im 17. und 18. Jahrhundert traten die in eine ritterschaftliche und eine städtische Kurie gegliederten Stände überlicherweise in jedem Frühjahr zusammen, bis zum 17. Jahrhundert unter freiem Himmel, z.B. unter den Linden beim Schlosse in Brake, dann in der Residenzstadt Detmold.

Im 19. Jahrhundert machten sich überall die Folgen der französischen Revolution bemerkbar, und das anbrechende Maschinenzeitalter half nach.

In Lippe erlässt am 8. Juli 1819 die Fürstin Pauline eine Verfassungsurkunde, nach der die bisherigen Stände aufgehoben und durch eine gewählte Volksvertretung von je 7 Vertretern der Gutsbesitzer, des Bürgerstandes und des Bauernstandes ersetzt werden. Die Stände erhoben Klage dagegen beim Bundestag in Frankfurt. Infolge herausgezögerter Entscheidung des Bundestages erreichte die Fürstin Pauline ihr Ziel nicht. Sie starb 1820.

Am 29. Juni 1836 tritt der letzte lippische Landtag in altständischer Form zusammen und nimmt am 6. Juli eine Verfassung an, die Leopold II. nach langwierigen Verhandlungen mit den Ständen unter Verzicht auf die Verfassungsurkunde seiner Mutter 1831 genehmigt hatte, obwohl sie infolge weitgehender Rücksichtnahme auf die Vorrechte der Ritterschaft [S. 5] ein Rückschritt gegenüber dem Entwurf von 1819 war. März 1848 kommt es in Detmold zu stürmischen Verhandlungen und zu Unruhen vor allem auch in den Ämtern Schötmar und Oerlinghausen, und in unserer guten Stadt Lemgo. Petitionen an den Fürsten fordern unter anderem Öffentlichkeit des Landtages und allgemeine Volksvertretung. Ein fürstliches Patent macht weitgehende Zusicherungen. Obgleich 1849 ein neues Wahlgesetz angenommen war, setzt am 15. März 1853 der Fürst unter rechtswidriger Aufhebung des Wahlgesetzes von 1849 die alte Verfassung von 1836 wieder in Kraft und erhält hierfür die Billigung durch den Bundestag.

Erst am 8. Dezember 1867 erhielt der Landtag das sogenannte Votum negativum, d.h. die entscheidende, nicht nur beratende Stimme bei der Gesetzgebung.

1867 konnte der Landtag ein neues, auf einem geheimen und direkten Dreiklassenwahlsystem beruhendes Wahlgesetz verabschieden. Die Adelskurie verschwand, die Ritterschaft verzichtete auf ihre Vorrechte. Dieses Wahlgesetz hat in seinen Grundzügen bis zum Ende des ersten Weltkrieges bestanden.

Die neue Zeit brauche ich in ihren Einzelheiten nicht zu schildern: Von 1918 bis 1933 freies demokratisches Wahlrecht mit einem Landtage, desen Leistungen und Handlungen für ihn zeugen. Das Land war trotz des verlorenen Krieges wieder zu einem blühenden Fleckchen Erde geworden - hier darf ich vielleicht eine kleine Bemerkung einschalten. Der Regional Commissioner, Mr. Asbury, sprach soeben von dem schönen lippischen Lande, und da fällt mir ein, dass nach einem feinen englischen Worte

A thing of beauty is a joy for ever
Its loveliness increases;
It will never pass into nothingness.

"Eine Schönheit ist eine immerwährende Freude, ihr Reiz nimmt zu und sie wird nie vergehen!"

In diesem Garten bogen die Nazis das Ergebnis der Landtagswahl vom 15. Januar 1933 zu einem glänzenden "Siege" um. Tatsache war, dass von 100 000 Abstimmenden 39 000 für Hitler und 60 000 gegen ihn stimmten, obgleich der ganze Hitlerschwarm mit ihm selbst an der Spitze das Land drei Wochen lang mit seiner Wahlpropaganda überschwemmt hatte. Unter den Marschstiefeln der sogenannten braunen Bataillone wurden die Volksvertretungen zerstampft, und ihre förmliche Beseitigung am 30. Januar 1934 war nur noch eine klägliche Konzession an einige kindliche Gemüter.

Nach dem Zirkusspiel mit schliesslich vollendetem Blutrausch, nach dem Zusammenbruch und der Wiederbesinnung war der Landesrat vom Juli 1945 wieder der Anfang eines geregelten demokratischen Lebens.

Der nun endende Landtag ging aus ihm hervor.
So stehen wir denn nun an einem Ende und an einem Anfang.
Das Ende ist die Folge weltgeschichtlicher Ereignisse und die Frucht unserer eigenen Überzeugung.
Die alte Ordnung wandelt sich, wie Tennyson, der bekannte englische Dichter, es sinnreich ausdrückt:

"The old order changes
Yielding place to new
And God fulfils Himself in many ways
Lest one good order should corrupt the world."

"Die alte Ordnung wandelt sich, dem Neuen weichend,
und Gott erfüllt sich selbst auf vielen Wegen,
damit nicht ein Gesetz - und sei es noch so gut -
durch sein alleinig Fortbestehn die Welt verderbe."

Was an der alten Ordnung gut war, wird weiterbestehen und die Zukunft [S. 6] bauen helfen.

Das selbständige Lippische Land paulinischer Prägung - wie man wohl sagen kann - geht seinen Weg auf dem Blut- und Leidacker der deutschen Geschichte und nach der wohlabgewogenen Erkenntnis dieser verständigen und einsichtigen Regentin: "Es steht unerschütterlich fest, dass, wo es dem allgemeinen Wohle gilt, dem persönlichen Vorteil, den hergebrachten Gewohnheiten entsagt werden muss und das Glück der Gesamtheit allein Richtschnur sein und bleiben darf."

Lassen Sie uns hoffen, dass wir nur dem allgemeinen Wohl und dem Glück der Gesamtheit opfern.

Was nun fällt, das ist die "Souveränität" und bedingte Unabhängigkeit des Landes. Sie war schon mehr als einmal im Laufe des letzten Jahrhunderts "in Gefahr" und bewies damit, dass ihr Wert fragwürdig geworden war.

Uns bleibt demgegenüber das grössere Ganze, das zunächst Nordrhein-Westfalen heisst, an dem wir Teil haben, in dem wir wirken und arbeiten werden in dem Streben nach einer gesunden deutschen Zukunft, die von den Schlacken der Vergangenheit befreit sei.

Das Bedauern um den Verlust des Landes Lippe in der bisherigen staatsrechtlichen Form wird abgelöst durch den Gedanken an unsere gemeinsame Zukunftshoffnung: Sie heisst Deutschland. Ihm opfern wir und nicht Einzelgebilden, die ja ohnehin erst noch den Beweis des Geistes und der Fähigkeit, die drohende Wirrnis überwinden zu können, führen müssen.

Und wir sind dabei gewiss, dass "keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt". Das ist im Kleinen gemeint, wenn wir sprechen von der Notwendigkeit, die gesunden lippischen Überlieferungen und Werte zu bewahren, wenn wir nun daran gehen, nach Formen zu suchen, den lippischen Heimatsinn und die lippische Volksverbundenheit in ihren besten Ausprägungen zu einem freundlichen, allzeit verfügbaren Erlebnis machen sollen.

Was jetzt folgt, ist die Einordnung in die Verwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen. Es sind darüber im Laufe der letzten Zeit bereits Verhandlungen gewesen, die zwischen dem Ministerpräsidenten Dr. Amelunxen und mir zu vollem Einvernehmen geführt haben, was ich gern in der Öffentlichkeit mitteile. Die endgültigen Vereinbarungen werden im Benehmen mit der Mil. Reg. nächstens folgen.

Ich möchte in dieser Stunde nicht versäumen, den Vertretern der Mil. Reg. besonders zu danken für das Verständnis, das sie der lippischen Landesverwaltung stets entgegengebracht, und für das Entgegenkommen, das sie ihr auf manchen Gebieten bezeugt haben. Persönlich möchte ich diesen Dank im besonderen dem Leiter der Mil. Reg. für Lippe Oberst Mc Gregor und seinem Vertreter Oberst Shepherd zuleiten.

In unserer Mitte weilt der Vertreter der höchsten britischen Dienststelle im Lande Nordrhein-Westfalen: Der Regional Comm. Mr. Asbury. Trotz stärkster Belastung ist er herübergekommen, um persönlich seine Anteilnahme an einer gedeihlichen Zukunft des lippischen Gebietes zu bekunden. Ich möchte ihm versichern, dass wir seine Bemühungen um einen für Lippe guten Abschluss der Beratungen des Kontrollrates ebenso dankbar anerkennen, wie wir die Hoffnung haben, dass er auch fernerhin dem lippischen Lande seine Neigung und sein Verständnis erhalten werde.

Denen aber, die zweifelnd an diesem Wege stehen, möchte ich sagen, dass der Kontrollrat sehr verständiger Weise dem Vorschlage gefolgt ist, die Regelung nicht endgültig festzulegen.

Die heutige Entscheidung wird späterer Nachprüfung unterliegen, und damit wird der Weg zu vertrauensvoller Mitarbeit für alle frei.

Die Abgeordneten beenden ihren öffentlichen Dienst als solche, aber ich denke, sie werden auch hinfort in williger Leistung ihre verantwortlichen Aufgaben ekrennen. [S. 7]

Wir gleiten an Gefahren, an Abgründen vorüber, die der beispiellose Zusammenbruch einer sündhaften Politik dem deutschen Volke hinterlassen hat.

Und kein Zweifel besteht, dass wir die rauhen Folgen noch deutlich spüren werden.

Aber lassen Sie uns Mut haben und Zuversicht, lassen Sie uns vertrauen auf die gerechte Einsicht aller, die ihrer fähig sind, und vor allem: Vertrauen wir uns selber in unseren besten Eigenschaften und in der hilfreichen Zuneigung zu den Gefährten! So drückt ein Freund, der lange unsere Hand gehalten, sie stärker noch einmal, wenn er sie lassen soll!

Und der Lippische Landtag war ein Freund, ein ehrlicher und fruchtbarer Freund der lippischen Heimaterde, er war es auch mir.

Fahre wohl!

Wir aber erheben im Augenblick des Scheidens unsere Sinne:

Wir gedenken unseres Volkes, wir gedenken der Menschheit, und indem wir uns im Geiste den weltgeschichtlichen Beratungen zuwenden, die gerade jetzt in London begonnen haben, vereinen wir uns in der zuversichtlichen Hoffnung, dass der Weg gefunden werde, auf dem das deutsche Volk seine besten Kräfte im Dienste an der Menschheit und zum eigenen Wohle entfalten kann."

Landtagspräsident Feldmann: "Ich danke dem Herrn Landespräsidenten für seine treffenden Ausführungen. Wir stehen damit am Ende dieser geschichtlichen Stunde unseres Lippischen Landes und Volkes. Nach den Erklärungen des Regional Commissioner besteht der Lippische Landtag nicht mehr, ebenso Lippe als eigenstaatliches Gebilde. Ich möchte die Gedanken aller dahin ausdrücken, dass wir mit gemischten Gefühlen den denkwürdigen Vorgang aufgenommen haben, Gefühlen, wie man sie am Grabe eines lieben alten Bekannten hat, doch geschärft mit den Hoffnungen auf ein weiteres Blühen und Gedeihen unseres lippischen Landes in einem grösseren Rahmen. Mut haben, das gehört jetzt zu den grössten Aufgaben aller, und wir wollen geloben, nicht schwach zu werden, obwohl düstere Wolken am Horizont hängen. Gestützt auf die eigene Kraft und den Mut, wollen wir in dem nunmehrigen grösseren Rahmen mitarbeiten, damit uns, dem deutschen Volke und damit auch dem lippischen, der Weg in eine bessere Zukunft frei werde. So möge denn diese Glocke, die der Herr Landespräsident in der ersten Sitzung dieses Landtages hinreichend würdigte, diesen letzten Landtag des Landes Lippe ausläuten. Lassen sie mich damit gleichzeitig in Ihrer aller Namen den Wunsch aussprechen, dass dieser Glocke, die die lippischen Landboten so oft begleitet hat, auch in Zukunft ein denkwürdiger Platz bewahrt werde."

Zum letzten Male ertönt die Landtagsglocke, es ist 15.20 Uhr.
Das Trio spielt Schubert, ergriffen lauschen die Anwesenden.

Die letzte Sitzung des Lippischen Landtages ist beendet.

gez. Feldmann
Landtagspräsident

beglaubigt: Bicker


PROVENIENZ  Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
BESTANDVerhandlungen des Landtags, Protokoll der 11. Sitzung (masch.)


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Typ1.3   Einzelquelle (in Volltext/Regestenform)
Zeit3.9   1900-1949
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Sachgebiet3.5   Staatsgebiet, Grenzen, Staatsangehörigkeit
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DATUM AUFNAHME2004-06-16
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