QUELLE

DATUM1968-01-19   Suche   Suche DWUD
URHEBER/AUSSTELLERHoffmann, Hans-Georg
AUSSTELLUNGSORTDüsseldorf
TITEL/REGEST"Taucht am Horizont eine Textilkrise auf?", Zeitungsartikel in: Die Welt vom 19.01.1968
TEXTTaucht am Horizont eine Textilkrise auf?

Landtage debattierte über Möglichkeiten der Strukturförderung

Von unserem Redaktionsmitglied

Düsseldorf, 18. Januar

In den Wandelgängen des Landtages sprach man bereits von einer Textil-Fraktion und spielte damit auf die Situation im vergangenen Herbst an, als sich bei der Beratung der Probleme im Ruhrbergbau bald eine Kohle-Fraktion herauskristallisiert hatte. Kohle und Textil - beide Gebiete bereiten der Landesregierung wachsende Sorgen, doch sie unterscheiden sich in der Problemstellung weitgehend.

In der Textilindustrie handelt es sich im Gegensatz zum Bergbau nicht um eine Strukturkrise, sondern in erster Linie um die Verlagerung von Produktion und Absatz von den inländischen Unternehmen auf den Import. Die Bundesrepublik ist mit einem Importanteil von 30 Prozent zum größten Textilimporteur der Welt geworden. Von den Gesamtimporten aus Hongkong in den EWG-Raum fließen allein 89 Prozent in die Bundesrepublik.

Diese Zahlen sind nicht neu, sie sind in letzter Zeit allerdings noch stärker gestiegen. Was sich aber geändert hat, ist die konjunkturelle Situation und damit die Möglichkeit, Umstrukturierungen und Absatzschwierigkeiten in einer Branche leicht aufzufangen. Mit dem Kohleproblem am Bein, kann sich die Landesregierung nicht noch weitere Krisenherde in Nordrhein-Westfalen leisten. Besonders aber in den textilindustriellen Schwerpunktend es Landes - im Münsterland, am Niederrhein, im Aachener Raum und auch im Oberbergischen Kreis - waren in den letzten Monaten Kurzarbeit und Entlassungen an der Tagesordnung. Die Kapazitäten der Weber und Spinner sind meist nur zu 70 Prozent ausgelastet.

Vor allem die SPD ist an einer Beruhigung der Gemüter interessiert und drängt die Landeregierung, aber noch stärker den Bund zu verstärkter Strukturförderung und zum Abbau der internationalen Wettbewerbsverzerrungen. Der Regierung Meyers wurde in der mehrstündigen Debatte wiederholt vorgeworfen, sie habe nicht genug für die Textilindustrie im Lande unternommen. Mehrmals kam eine bedenkliche Polemik in die Diskussion, aber der frühere Ministerpräsident parierte alle Vorwürfe geschickt. Es gehe nicht darum, durch politische Maßnahmen einen geordneten Rückzug der Textilindustrie zu organisieren. Die aufgetauchten Probleme seien von der Politik in die Textilindustrie hineingetragen worden. "Der Wettbewerb ist verzerrt", erklärte Meyers.

In diesem Punkt waren sich alle Fraktionen des Landtages einig. Einmütigkeit bestand auch darin, daß die Lage in einigen Gegenden des Landes bedrohlich zu werden beginnt. Was viele Abgeordnete nachdenklich stimmte, ist die Beobachtung, daß sich an der Lage der Textilindustrie, auch bei einer konjunkturellen Belebung nicht viel ändern wird. Damit ist die Textilindustrie nun doch noch zu einem Politikum geworden. Daß es ich ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen zeigt, war vorauszusehen. Von den rund 530 000 Beschäftigten in der Textilindustrie insgesamt entfielen 1966 auf Nordrhein-Westfalen immerhin 180 000 Beschäftigte. Auch am Gesamtumsatz der Textilindustrie war das Land mit nahezu 35 Prozent beteiligt.

Inzwischen haben SPD und CDU eine Reihe von Vorschlägen gemacht, um der Textilindustrie wieder stärker auf die Beine zu helfen. Vor allem Strukturmängel sollen endlich bereinigt werden. Kapitalgesellschaften finden leichter Zugang zum Kapitalmarkt. Doch bilden sie in der Branche noch die Ausnahme.

Einige Abgeordnete wiesen aber auch darauf hin, daß man die Kassandrarufe nicht unnötig verstärken solle, um die Attraktivität des ganzen Raumes nicht noch weiter zu vermindern. Die Bundesregierung soll darum aufgefordert werden, Darlehen und Zuschüsse den Gemeinden zum Ankauf und zur Erschließung von Industriegelände, zur Sicherung gefährdeter Arbeitsplätze und zur Schaffung neuer Dauerarbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Wirtschaftsminister Fritz Kassmann schnitt über den Strauß von Forderungen und Wünschen der Fraktionen, soweit sie das Land betrafen, sogleich kräftig zusammen.

Der Ruf der Kreise und Gemeinden nach der Hilfe des Staates ist allgemein stärker geworden. Kassmann griff diesen beliebten Ball auf, indem er die Gemeinden aufforderte, an einer Strukturverbesserung ihres Gebietes mitzuwirken. "Das ist die andere Seite derselben Medaille, nämlich die Verantwortlichkeit, die aus der modernen Gemeindeordnung folgt." Allerdings dürfte es für eine Sanierung der Textilindustrie vornehmlich aus dem kommunalen Finanzsäckel bereits zu spät sein.

Allerdings dürfte auch bei einer Besserung der Absatzlage die Abwanderung der Arbeitskräfte aus der Textilindustrie anhalten. Aber auch darauf ist die Landesregierung vorbereitet. Kassmann wies darauf hin, daß die vom Land geförderten Umschulungsmaßnahmen bislang nur von wenigen Arbeitnehmern aus der Textilindustrie in Anspruch genommen würden, eine Beobachtung, die auch im Bergbau gemacht worden ist.

Noch etwas hat die Lage in der Textilindustrie mit dem Bergbau gemeinsam. In beiden Fällen handelt es sich um Absatz-, nicht um Produktionsprobleme. Der Schlüssel für ihre Lösung liegt in Bonn und in Brüssel. Die Landesregierung ist für eine solche Textildebatte im Bundestage gerüstet. Der massive Querschläger aus Düsseldorf dürfte der Bundesregierung auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt höchst ungelegen kommen.

Hans-Georg Hoffmann
ERLÄUTERUNGDie konjunkturellen Probleme der Textilindustrie waren in den 1960er Jahren Gegenstand der Debatten über die nordrhein-westfälische Wirtschaftspolitik. Dabei wurden immer wieder Parallelen zur Krise im Bergbau gezogen. Durch die teilweise monostrukturelle Ausrichtung auf die Textilindustrie wurde die Krise in dieser Branche in einigen Regionen existenzbedrohend.


PROVENIENZ  Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv
BESTANDHandelskammer Bocholt, Außenstelle der Handelskammer Münster
SIGNATURK 22 Nr. 100


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ1.3   Einzelquelle (in Volltext/Regestenform)
165   Presseveröffentlichung (Zeitungsartikel)
Zeit3.10   1950-1999
Ort1   Westfalen/-Lippe (allg.)
Sachgebiet10.2   Wirtschaftsförderung, Wirtschaftspolitik, Gewerbepolitik
10.8   Konjunktur, Krisen, Boom
10.13   Industrie, Manufaktur
DATUM AUFNAHME2004-05-15
AUFRUFE GESAMT2322
AUFRUFE IM MONAT9