QUELLE

DATUM1922-10-05   Suche   Suche DWUD
AUSSTELLUNGSORTGronau
TITEL/REGESTGesuch des Verbandes Gronauer Textil-Industrieller e.V. an die Handelskammer Münster betr. die Beschäftigung holländischer Arbeiter in der Gronauer Textilindustrie
TEXT[S. 1] Verband Gronauer Textil-Industrieller, e. V.

Gronau, i. W., den 5. Oktober 1922

An die Handelskammer zu Münster i/Westfl.

Vor dem Kriege stand die Gronauer Textil-Industrie (Gerrit von Delden & Co., H. van Delden & Co., Baumwollspinnerei Gronau A.-G., Baumwollspinnerei Eilermark A.-G., Spinnerei Deutschland A.-G., Westfälische Baumwollspinnerei A.-G., Gronauer Buntweberei G.m.b.H.) in voller Blüte. Es waren in ihr etwa 6600 Arbeiter beschäftigt, von welchen ungefähr 3300 in Holland wohnten und täglich von dort zur Arbeit herüber kamen. Während des Krieges mussten infolge der Rohstoff-Knappheit allenthalben die Betriebe eingeschränkt werden; die Arbeiterzahl minderte sich. In der Nachkriegszeit waren die einzelnen Unternehmen bestrebt, ihren Betrieb wieder voll laufen zu lassen, um die Produktion wieder auf die alte Höhe zu bringen. Dieses Bestreben ist noch vorhanden. Der gewünschte Erfolg ist aber leider bei weitem nicht erreicht: Die Fabriken sind insgesamt nur zu etwa 50 % in Betrieb. Das Haupt-Hindernis besteht in der Schwierigkeit, geeignete Arbeiter in genügender Zahl zu erhalten.

Infolge der Verschlechterung der deutschen Valuta kommen die markverdienenden holländischen Arbeiter nicht in die Lage, ihren in Holland notwendigen Unterhalt zu verdienen. In dieser Erkenntnis und um den holländischen Arbeitern ihren alten Erwerbszweig zu erhalten und auch die holländischen Gemeinden vor Erwerbslosigkeit zu bewahren, errichtete der holländische Staat gegen Ende der Kriegszeit Unterstützungskomitees (Steunkomitees), die den in Holland wohnenden Arbeitern einen Valuta-Ausgleich zahlen sollten. Bei der weiter sich verschlechternden deutschen Valuta schwollen die Unterstützungssummen an und die holländischen Steunkomitees und die holländische Regierung traten mit uns in Verhandlung und forderten eine Zuzahlung in die Steunkomitees. Diese Zuzahlung wird auch seit etwa 2 Jahren von uns geleistet, und zwar in Gulden. Sie betrug in der letzten Zeit monatlich etwa 40000 Gulden. Diese Zahlung ist uns seit dem letzten rapiden Kurssturz unerträglich geworden. Wir sehen uns genötigt, den holländischen Arbeitern, die wir nur durch unsere Zuschlags-Zahlung halten können, soweit wie möglich zu kündigen, obwohl es uns schwer wird, befähigte Stamm-Arbeiter, die bis zu 20 oder 30 Jahren in unseren Fabriken tätig waren und ihre Arbeitsfähigkeit dort treu und gut erfüllt haben, nach Haus zu schicken. Bis vor kurzem arbeiteten bei uns noch 1400 gute, in Holland wohnende Arbeiter, etwa 500 von ihnen ist gekündigt; weitere Kündigungen stehen in Aussicht. Die unmittelbare Folge ist, dass die nur zu 50 % tätigen, durchweg modern ausgestatteten Fabriken der Gronauer Textil-Industrie (überall sonst ist die Textil-Industrie voll beschäftigt) weit eingeschränkt wird. Die Einschränkung schreitet aber nicht im Verhältnis der zu entlassenden holländischen Arbeiter fort, sie greift viel weiter. Denn erklärlicher Weise arbeiten die holländischen Stammarbeiter nicht in [S. 2] einzelnen Betrieben für sich allein, sondern in den einzelnen Betrieben und hier wieder in den einzelnen Abteilungen und einzelnen Produktionsstufen bald in grösserer bald in kleinerer Zahl. Fallen in einzelnen Produktionsstufen die holländischen Arbeiter aus, so fehlt es in der nachfolgenden Produktionsstufe an Material und in der vorhergehenden wird zu viel hergestellt: Die Produktionsstufe erhält eine Lücke, der Produktionsgang stockt, die Arbeiter der vorhergehenden und nachfolgenden Produktionsstufe erhalten keine Beschäftigung und müssen entlassen werden. Das bedeutet gewaltigen Schaden:
  1. Volkswirtschaftlicher Art: Denn bedeutendes wirtschaftliches Kapital liegt brach!
  2. Finanzfiskalischer Art: Denn die gesamten Betragssteuern erleiden einen empfindlichen Ausfall.
  3. Kommunaler Art: Denn die Stadt Gronau, die ihre Ausgabe mit den Gewerbesteuern, die zu 3/10 von der Textil-Industrie aufgebracht werden, [bestreitet,] verliert ihre Existenzmittel.
  4. Sozialer Art: Arbeitslosigkeit! Hunger!


Nur ein Ersatz der abziehenden holländischen Arbeiter wird Rettung vor dem Unheil bringen. Die Beschaffung des Ersatzes ist aber, obwohl wir uns die grösste Mühe gaben und noch geben und noch geben werden, einstweilen nicht möglich, denn:
  1. ist die deutsche Textil-Industrie voll beschäftigt, deutsche Facharbeiter sind nicht zu haben und
  2. würde die Beschaffung der erforderlichen Arbeiter an der Unmöglichkeit, dieselben in Gronau unterzubringen scheitern. Denn in Gronau herrscht grosse Wohnungsnot. Diese wird noch durch den Zuzug auswärtiger Elemente verschärft, die angezogen durch die Macht des Guldens sich in Gronau eingenistet haben und als "Hollandgänger" täglich die Grenze überschreiten, Gulden verdienen, Mark verzehren und die Lebenshaltung verteuern. 1600 derartiger Hollandgänger halten sich zur Zeit in Gronau und Umgegend auf! Hierunter befinden sich viele Textilfach-Arbeiter. In unseren eigenen Werkswohnungen wohnen viel Leute, die mit unserer Textil-Industrie nichts zu tun haben und die wir nach den Verordnungen und Verfügungen der zuständigen Behörden nur schwer oder gar nicht entfernen dürfen. Unter diesen Umständen helfen auch die von uns im letzten Jahr neu erbauten 400 Arbeiterwohnungen wenig, der Ersatz, den wir in dieselben herbeigezogen haben, kann erst nach nun nach unter Aufwendung von Mühe und Kosten zu fähigen Arbeitern herausgebildet werden.


Aus dem vorstehenden ergibt sich, dass nicht nur die einzelnen Gronauer Betriebe, sondern auch die Stadtgemeinde Gronau auf die holländischen Arbeiter geradezu angewiesen sind und der Staat ein gewaltiges soziales und finanzielles Interesse an der Weiterbeschäftigung der holländischen Arbeiter hat.

Sie können aber in Gronau nur dann weiterarbeiten, wenn sie selber existenzfähig bleiben. Dazu benötigen sie entweder einen Zuschlag in Gulden oder die Möglichkeit, dass mit ihrem deutschen Marklohn genügende Mengen der wichtigsten Bedarfsmittel zu kaufen sind, die erste Alternative ist unmöglich geworden, die zweite bleibt das einzigste Mittel. Nach den Bestimmungen über den kleinen Grenzverkehr dürfen ausländische Grenzbewohner, die im Inlande tätig sind, aus dem Inlande gewisse Bedarfsmittel mitnehmen. Weisen wir die Holländer auf diesen Weg, so wird ihnen, vorausgesetzt, dass [S. 3] die von allen Hauptbedarfsgegenständen mitnehmen dürfen, geholfen sein. Doch bei der grossen Zahl der in Frage kommen holländischen Arbeiter, werden sich leicht andere Schwierigkeiten ergeben können:

  1. Wird die Gefahr des Schmuggelns gesteigert, die Ueberwachung viel schwieriger.
  2. Wird die Stimmung der Gronauer Bevölkerung, die selber unter Knappheit und Teuerung zu leiden hat, ungünstig beeinflusst.


Es scheint uns deshalb angebracht, dass wir gewisse holländische Stellen, beispielsweise den staatlichen holländischen Steunkomitees jeweilig nach der Zahl der bei uns beschäftigten Holländer im Wege des Sammel-Transportes Bedarfsartikel zusenden, damit diese Stellen dieselben zu den gleichen Preisen, wie sie die Arbeiter in Gronau kaufen können, abgeben. Die Lebensmittel und sonstigen Bedarfsartikel werden wir alsdann nicht in Gronau kaufen, sondern im Grossen an den Ursprungsgebieten. Dadurch wird die Last der Beibringung von Gronau fortgenommen und auf andere Gegenden und zwar die Ursprungsgebiete verteilt. Der holländische Staat wird sich nach unseren Informationen bereit erklären, durch die Steunkomitees einen Ausgleich für die durch die örtliche Lage bestimmten Bedürfnisse (Miete, Milch) zu gewähren. Der Gulden-Zuschlag wird dann von uns nicht mehr bezahlt.

Bei Beschreitung dieses Weges wird der damit verbundene Nachteil, die Beschaffung von Nahrungsmittel für ausländische Grenzbewohner, durch folgende Vorteile bedeutend überwogen:

  1. Den Betrieben werden grosse Guldenbeträge erhalten. Ihre Steuer-Leistungskraft wird zum Nutzen des Staats und der Gemeinde erhöht.
  2. deutsche Arbeiter können weiterhin beschäftigt werden, die sonst arbeitslos werden.
  3. Die Produktion wird zu Gunsten der Volkswirtschaft erhöht.
  4. Das Schmuggeln wird vermieden.


Sollte es sich bei der Genehmigung dieses unseres Wunsches um eine Ausnahme von der allgemeinen Regelung handeln, so ist diese Ausnahme durch unsere einzigartige Lage gerechtfertigt. Die Stadt Gronau ist von beinah drei Teilen von holländischem Gebiet umschlossen. Unmittelbar an der Stadtgrenze fängt das Ausland an, und gleich jenseits der Grenze liegt eine grosse holländische Industrie-Stadt (Enschede). Vor dem Kriege sind holländische Arbeiter in grossen Scharen stets in Gronau tätig gewesen. Es gibt wohl keine Stadt an der deutschen Reichsgrenze die sich in der gleichen Lage wie Gronau mit seiner Industrie befindet.

Wir bitten um wohlwollende Erwägung unsers vorstehend geschilderten Wunsches.

Der Vorstand
Hendr. van Delden
Vorsitzender

Der Syndikus
[Unterschrift unleserlich]
Rechtsanwalt
ERLÄUTERUNGDie Textilindustrie erlebte in den 1920er Jahren eine erneute Blüte und benötigte viele Arbeitskräfte. Der Verband der Gronauer Textilindustriellen e. V. weist hier auf die lange Tradition der Beschäftigung holländischer Facharbeiter in Gronauer Betrieben hin. Etliche Gronauer Textilunternehmer kamen selber ursprünglich aus den Niederlanden. In dem Gesuch an die Handelskammer zu Münster werden die Probleme dieses Grenzverkehrs deutlich: Unterschiedliche Werte der Währungen, unterschiedliche Lebenshaltungskosten. Diese Unterschiede mussten bei der Entlohnung berücksichtigt bzw. wo das nicht ging, anderweitig ausgeglichen werden.


PROVENIENZ  Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv
BESTANDHandelskammer zu Münster
SIGNATURK 5 Nr. 1387 Bd. 2


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ1.3   Einzelquelle (in Volltext/Regestenform)
Zeit3.9   1900-1949
Ort1.3   Münsterland
3.1.5   Gronau, Stadt
Sachgebiet6.5   Migration, Auswanderung, Einwanderung
10.2   Wirtschaftsförderung, Wirtschaftspolitik, Gewerbepolitik
10.4   Wirtschaftsregionen, Wirtschaftsbeziehungen
10.6.1   Unternehmen, Unternehmer
10.6.3   Industrie- und Handelskammern
10.8   Konjunktur, Krisen, Boom
10.9   Arbeit, Beschäftigte
10.13   Industrie, Manufaktur
DATUM AUFNAHME2004-05-15
AUFRUFE GESAMT4000
AUFRUFE IM MONAT23