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(65 KB)   Synagoge Steinheim: Der Umgang mit dem historischen Erbe / Steinheim, Ovenhausen-Fotowerbung   Synagoge Steinheim: Der Umgang mit dem historischen Erbe / Steinheim, Ovenhausen-Fotowerbung
TITELSynagoge Steinheim: Der Umgang mit dem historischen Erbe
GEOPOSITIONGoogle Maps OSM | 51.745228273865200 (NS), 8.712327182292938 (EW) (exakt)


INFORMATIONDie Anfänge einer jüdischen Ansiedlung in Steinheim reichen in das frühe 17. Jahrhundert zurück. In der ersten Steuerliste, die vermutlich 1646 aufgestellt wurde, wird für Steinheim nur eine jüdische Familie erwähnt. Die nachfolgenden Listen von 1652 führen keine Steinheimer Juden mehr auf. Abgesehen von einzelnen Nennungen verschlechterte sich allmählich die Situation für Juden in Steinheim, bis um die Wende zum 18. Jahrhundert gravierende Veränderungen für sie einsetzten. 1704 lebten, einem Bericht des lokalen Rentmeisters zufolge, sechs Familien mit 40 Personen im Ort, 1788 waren es 54 Personen. Die Menschen verdienten ihren Lebensunterhalt überwiegend durch den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und mit Geldverleih. [1]

Per Gesetz ordnete der preußische Staat 1847 die Einrichtung von Synagogenbezirken an. Steinheim bildete nun mit insgesamt sieben umliegenden Dörfern einen eigenen Synagogenbezirk. Das Statut der Kultusgemeinde wurde am 01.12.1855 verabschiedet.

Die abgebildete Synagoge stand an der Ecke Markstraße/Schulstraße und war am 01.08. und 02.08.1884 eingeweiht worden. Sie ersetzte ein schlichtes, an der heutigen Rochusstraße gelegenes Fachwerkgebäude. Dieser Bau war nach dem großen Stadtbrand von 1729, etwa um 1784 errichtet worden. Zu jener Zeit hatte Steinheim knapp dreißig jüdische Einwohner. Zuvor wird die Gemeinde einen Betsaal in einem Privathaus benutzt haben. Das Gebäude an der Rochusstraße diente der Kultusgemeinde nach der Fertigstellung der neuen Synagoge noch bis zum Verkauf im Jahr 1930 als Schule und Wohnung für den Kantor.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten die jüdischen Geschäftsleute vor allem im Vieh- und Getreidehandel einen wirtschaftlichen Aufschwung, der zu einem weiteren Anstieg der jüdischen Bevölkerung führte. Bis 1880 stieg die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde auf 137 Personen an. Die bisherige Synagoge erwies sich bald als zu klein, ein Synagogenneubau sollte sie ersetzen.

Die neue Synagoge hatte einen quadratischen Grundriss und war aus gelben Klinkersteinen errichtet. Dem Zeitgeschmack entsprechend orientierte sie sich an romanischen Vorbildern. Prägendes gestalterisches Element war daher der Rundbogen. Die Westfassade mit dem Hauptportal war durch einen Mittelrisaliten mit Giebelaufsatz in drei Abschnitte gegliedert. In Höhe des ersten Obergeschosses zog eine gotische Maßwerkrosette im Mittelrisaliten den Blick der Betrachter an. Das für Steinheim sehr auffällige Gebäude wurde von einer achteckigen Kuppel, die mit dem Davidstern bekrönt war, überragt.

Die Einweihung der Synagoge gestaltete sich zu einem Fest für den ganzen Ort. Vertreter der Stadtverwaltung sowie beider christlicher Konfessionen waren anwesend. Die Festpredigt in deutscher Sprache schloss mit einem Gebet für Kaiser und Vaterland. Die Gestaltung des Gottesdienstes hatte der Synagogenchor übernommen. Einige Jahre nach der Einweihung, 1891, erhielt die Synagoge auch eine Orgel. Bis dahin hatte man sich aus finanziellen Gründen mit einem Harmonium begnügen müssen. Der Einsatz einer Orgel im Gottesdienst, der Chor, die Predigt in deutscher Landessprache sprechen für den eher liberalen Charakter der Gemeinde.

Nach 1933 führte die antisemitische Politik zu einem raschen Niedergang der Kultusgemeinde. 1936 verließ der letzte Lehrer und Kantor die Stadt. Seitdem fanden in der Synagoge keine Gottesdienste mehr statt. Nachdem das Gebäude bereits vor November 1938 wiederholt das Ziel von Übergriffen gewesen war, kam es am Morgen des 10.11.1938 zu einem massiven Angriff. Die Inneneinrichtung wurde zerschlagen und auf die Straße geworfen, die Orgel in die Kirche des Nachbarortes gebracht. Der Versuch einer Sprengung misslang zwar, doch wurde das Gebäude schwer beschädigt. Da die Gemeinde die Ruine nicht aus eigenen Mitteln abtragen lassen konnte, kaufte die Stadt das Grundstück und ließ die Trümmer beseitigen. Seit 1953 befindet sich ein Geschäftshaus auf dem ehemaligen Synagogengelände. Ein 1988 aufgestellter Gedenkstein erinnert an die Synagoge. Von den 59 jüdischen Bürgern Steinheims im Jahr 1933 entschieden
sich 22 für die Emigration, 32 Menschen wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Von den Deportierten überlebten nur fünf die Todeslager. [2]


[1] Zur Geschichte der Steinheimer jüdischen Gemeinde siehe: Johannes Waldhof: Die Geschichte der Juden in Steinheim. Steinheim 1980.
[2] Feuer an Dein Heiligtum gelegt. Zerstörte Synagogen 1938. Nordrhein-Westfalen. S. 513. Günter Birkmann, Hartmut Stratmann: Bedenke, vor wem du stehst. S. 158-161.


TECHNIKFoto
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FOTO-PROVENIENZSteinheim, Ovenhausen-Fotowerbung


QUELLE    Ridder, Thomas | Synagogen in Westfalen | Dia 08, S. 34-36
PROJEKT    Diaserie "Westfalen im Bild" (Schule)

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ35   Bildmaterial (Reproduktion, Foto)
Zeit3.9   1900-1949
3.9.40   Nationalsozialismus <1933-1945>
Ort2.4.8   Steinheim, Stadt
Sachgebiet6.8.10   Juden
16.4   Jüdische Gemeinden
16.6.1   Kirchenbau, Sakralbauten / Kirchenaausstattung
DATUM AUFNAHME2004-02-23
AUFRUFE GESAMT2472
AUFRUFE IM MONAT42