QUELLE

DATUM1854-09-22   Suche   Suche DWUD
AUSSTELLUNGSORTBochum
TITEL/REGESTAntwort des Bochumer Vereins für Bergbau und Gussstahlfabrikation in der "Kölnischen Zeitung" auf die von Alfred Krupp veröffentlichten Zweifel an der Echtheit der Bochumer Gussstahlglocken
TEXTHerr Friedr. Krupp,
Gußstahl-Fabricant zu Essen,
hat sich bewogen gefunden, durch die Kölnische Zeitung vom 2. d. Mts. das in nachstehendem Gutachten wörtlich angezogene Inserat zu veröffentlichen:

Er hat am 1. September dasselbe Inserat an diejenigen Interessenten des Vereins, welche sich zur ersten General-Versammlung des Vereins, von Köln oder einer Station der Köln-Mindener Eisenbahn nach Bochum begaben, zahlreich vertheilen lassen. Herr Krupp hat endlich sogar dieses Inserat an die General-Versammlung selbst durch einen Post-Expressen gelangen lassen, in dem Augenblicke, wo dieselbe über Annahme oder Verwerfung des zwischen dem Comite des Vereins und uns abgeschlossenen Vertrages, betreffend das Einbringen unseres Etablissements mit seiner ganzen Fabrication in die Gesellschaft, zu beschließen hatte.

Die General-Versammlung hat ihrerseits diesem Schritte des Herrn Krupp nicht die mindeste Folge gegeben. Wir aber haben im Einverständniß mit dem Verwaltungsrath des Vereins, die Herren: Freiherr von Hövel, Ober-Bergrath und Bergamts-Director zu Bochum, Brabänder, königlicher Bergmeister daselbst, Weißmüller, Director der Eisenhütte Westfalia zu Lünen, und Kesten, Director einer Maschinen-Fabrik zu Barmen, ersucht, unsere Gußstahl-Glocken-Fabrication zu prüfen und die Natur des dazu verwandten Materials zu constatiren. Indem wir nachstehend die darüber aufgenommene Verhandlung abdrucken lassen, enthalten wir uns, Herrn Krupp gegenüber, jeder weiteren Erwiderung und überlassen jedermann, selbst zu entscheiden.

Mayer & Kühne.

Gutachten.

Die Kölnische Zeitung Nr. 243 am 2. Sept. 1854 enthält folgenden Artikel:
"Die Interessenten
des Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahl-Fabrication muß ich ergebenst bitten, zu Ehren der Letzteren doch zu veranlassen, daß die Glocken der dortigen Gußstahl-Fabrik, die durch keine Eigenschaft sich von Roheisen unterscheiden, und durch keine die geringste Verwandtschaft mit Gußstahl bekunden, die von Eisenhütten ungefähr zum Drittheil des jetzt kostenden Preises geliefert werden können, auch zur Vermeidung von Irreführung des Publicums nicht Gußstahl genannt und in öffentlichen Zeitungs-Artikeln mit meinem Fabricate im Vergleich, geschweige auf gleiche Stufe gestellt werden möchten.
Gußstahl-Fabrik bei Essen,
den 31. August 1854.
Friedrich Krupp."

Die Herren Mayer & Kühne sahen sich veranlaßt, zur Widerlegung der in diesem Artikel enthaltenen Behauptungen, die Unterzeichneten zu ersuchen, der Anfertigung von Glocken verschiedener Größe beizuwohnen. Diesen Wunsch erfüllend, begaben sich dieselben am 15. d. Mts. in die bei Bochum belegene Fabrik der Actien-Gesellschaft für Bergbau und Gußstahl-Fabrication.

In ihrer Gegenwart wurde eine Menge Tiegel mit einem zur Gußstahl-Bereitung geeigneten Material gefüllt und in die Oefen gesetzt. Nach vollendeter Schmelzung goß man den Inhalt des Tiegels theils in Glocken-, theils in Barren-Formen. Nachdem die Glocken erkaltet waren, überzeugten sich die Unterzeichneten, dass der Klang derselben mit dem Klange der sich auf dem Lager der Fabrik befindlichen Glocken, die von den Herren Mayer & Kühne als gußstählerne bezeichnet wurden, genau übereinstimmten, sich aber gegen den Klang zweier aus gutem Roheisen behufs dieses Versuches gefertigten Glocken, durch helleren Ton und längere Dauer der Schwingungen sehr vortheilhaft auszeichneten.

Die Barren, welche gleichzeitig mit den Glocken aus einem und demselben Tiegel-Inhalte gegossen worden sind wurden von der ursprünglichen Stärke von 3 Zoll Quadrat bis auf 1 Zoll Quadrat ausgeschmiedet. Die erkalteten Stangen hatten eine den besten Gußstahl charakterisirende Bruchfläche. Auch der Trichter oder Einguß einer der in Gegenwart der Unterzeichneten gegossenen Glocken zeigte bis zu einer Stärke von ¾ Zoll Quadrat ausgeschmiedet, dasselbe Verhalten.

Aus Vorstehendem geht unzweifelhaft hervor, dass die in Gegenwart der Unterzeichneten gegossenen Glocken aus Gußstahl bestehen, und da dieselben im Klange und Tone mit den sich zahlreich und in den verschiedensten Größen auf Lager befindlichen Glocken übereinstimmen, so halten sich dieselben überzeugt, dass auch letztere Gußstahl sind.

Gußstahl-Fabrik bei Bochum,
den 16. Sept. 1854.

(gez.) Freiherr v. Hövel, Ober-Bergrath und Bergamts-Director.
Weißmüller, Director der Eisenhütte Westfalia.
Brabänder, Bergmeister.
Kesten, Director einer Maschinen-Fabrik.

Mit Bezug auf obiges Gutachten und auf die uns vielseitig gewordenen und bereits zum Theil veröffentlichten Atteste empfehlen wir unsere Gußstahl-Glocken mit dem Bemerken, daß, wenn etwa der eine oder der andere der Herren Reflectanten noch über die Echtheit unseres Glockenstahls Zweifel hegen sollte, wir jederzeit bereit sind, ihm gegenüber den klaren Beweis zu führen, daß die bestellte Glocke nicht Roheisen, sondern Gußstahl ist.

Gußstahl-Fabrik bei Bochum,
den 22. Sept. 1854.
Mayer & Kühne.
ERLÄUTERUNGDer Unternehmer Jacob Mayer gründete bereits 1843 zusammen mit dem Kölner Kaufmann Eduard Kühne eine Gussstahlfabrik, den späteren Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahl-Fabrikation. Er beschäftigte sich vor allem mit der Entwicklung eines Verfahrens, das es ermöglichen sollte, Gusstahl - wie Gusseisen - in Formen zu gießen. Auf der Gewerbe-Ausstellung in Düsseldorf 1852 präsentierte Mayer erstmals Glocken aus Gussstahl einer breiten Öffentlichkeit.

Der Essener Konkurrent Alfred Krupp zweifelte öffentlichkeit am Material dieser Glocken. Seiner Meinung nach konnte es sich nur um gusseiserne Produkte handeln. Diese These vertrat er auch in den folgenden Jahren vehement in der Öffentlichkeit. Als Mayer und Kühne 1854 ihr Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umwandeln wollten, versuchte Krupp die potentiellen Anleger durch ein Inserat in mehreren Zeitungen von einer vermeintlichen Fehlinvestition abzubringen. Mayer und Kühne ließen daraufhin von mehreren Gutachtern die Echtheit ihrer Glocken bezeugen und nutzten ebenfalls die Zeitungen, um dieses Ergebnis zu veröffentlichen.
Dieser Artikel erschien ebenfalls in etlichen anderen deutschen Zeitungen, u.a. in: Frankfurter Journal, Beilage zu Nr. 236, 3. October 1854, Schwäbischen Merkur vom 10. October 1854, Neue Münchner Zeitung vom 4. October 1854.

Siehe dazu auch: Auszug aus dem Bericht über die Weltausstellung in Paris 1855: Über den Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation


PROVENIENZ  Historisches Archiv Krupp
BESTANDArchiv Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation AG / Krupp Stahl AG Bochum
SIGNATURWA 80/23


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ1.3   Einzelquelle (in Volltext/Regestenform)
165   Presseveröffentlichung (Zeitungsartikel)
Zeit3.8   1850-1899
Ort1.1   Bochum, Stadt <Kreisfr. Stadt>
1.5   Ruhrgebiet
Sachgebiet10.1   Wirtschaft und Arbeit / Allgemeines
10.6.1   Unternehmen, Unternehmer
10.13   Industrie, Manufaktur
10.14   Montanindustrie
13.8   Technik
14.1   Medien und Öffentlichkeit / Allgemeines
DATUM AUFNAHME2004-05-11
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