QUELLE

DATUM1870-06 / 1870-06-14   Suche   Suche DWUD
URHEBER/AUSSTELLERHülskamp, Dr.
AUSSTELLUNGSORTMünster
TITEL/REGEST"Programm von Münster" als Grundlage der späteren Zentrumspartei, mit Begleitschreiben von Dr. Hülskamp
TEXT[S. 100] Für Wahrheit, Recht und Freiheit!

1. Manche Zeichen der Zeit - der in der Presse herrschende Geist, die täglichen Schmähungen und Verdächtigungen kirchlicher Institutionen, der im Abgeordnetenhause schon unternommene Anlauf gegen die geistlichen Kongregationen und Klöster - deuten auf Angriffsversuche gegen die kirchliche Freiheit.

[S. 101] Es gilt daher, die verfassungsmäßige Selbständigkeit der Kirche unversehrt zu erhalten, jedem Angriffe auf die Unabhängigkeit der kirchlichen Organe, auf die Entwicklung religiösen Lebens und die Entfaltung christlicher Liebestätigkeit, woher er auch komme, mannhaft zu begegnen und durch treue Verteidigung und Achtung der verfassungsmäßigen Rechte allter Religions-Bekenntnisse auch die freie Bewegung der eigenen Kirche wirksam zu schützen.


2. Das feste Fundament der Familie ist die christliche Ehe. Dass dem Gefallen Weniger alle Anderen sich einer bürgerlichen Rechtsform unterwerfen sollen, in welcher sie eine wahre Ehe nicht erkennen, und welche für sie nur eine leere Form, wenn nicht zugleich eine Beeinträchtigung des Vollwertes der christlichen Ehe und Eheschließung sein würde - dem widersprechen wir.


3. Der Kampf der Parteien umwogt die Schule. Wer sie hat, der hat die Jugend und mit ihr das Volk der Zukunft. Wenn irgendwo, so gilt es deshalb hier, feste Stellung zu nehmen. Unglaube und Rationalismus haben den Grundsatz der konfessionslosen Schule aufgestellt. Die religionslose Schule würde die Folge sein. Solcher Richtung treten wir mit aller Energie entgegen. Denn die christlichen Eltern haben ein unveräußerliches Recht auf christliche Erziehung ihrer Kinder; und ebenso unveräußerlich und heilig ist das Recht der Kirche an der Schule.

Darum halten wir fest an der Konfessionalität der Schule, und unsere feierlichen, mit hunderttausenden von Unterschriften versehenen, aber gleichwohl im Abgeordnetenhaus mißachteten Proteste gegen jede Beeinträchtigung des teils von der Verfassung garantierten, teils geschichtlich begründeten Rechtes wollen wir beachtet wissen.


4. Die Liebe zur Familie, zur Heimat, zum Vaterland sind eng miteinander verflochten. Das Vaterland der Deutschen ist Deutschland. Aber wie die Nation reich gegliedert ist in den Volksstämmen des Norden und Süden, des Westen und Osten, so war auch Deutschland nie ein zentralisierter Einheitsstaat, sondern ein vielgestaltiges Reich, dessen Glieder sich nach ihrer Eigenart ausgestalten mochten und in Mannigfaltigkeit zu reicher Blüte des Geisteslebens und der Kultur sich entfaltet haben. Die Uniform des Einheitsstaates und die nivellierende Herrschaft eines allregierenden Zentrums widerstrebt dem Volksgeiste. Gleichwohl drängen Parteitendenzen und die bisherige Entwicklung des Norddeutschen Bundes zum Einheitsstaate.

Der Mangel fester Grenzen zwischen den Befugnissen des Bundes und den Rechten der Einzelstaaten bedroht im äußersten Maße jede Selbständigkeit der Bundesglieder. Er macht die staatliche Existenz der kleineren zur bloßen Zeitfrage; er lockert nicht minder die Grundlagen und das Gefüge des Preußischen Staates, unseres engeren Vaterlandes; er stellt alle Garantien der Preußischen Verfassung ins Ungewisse; und er macht obendrein den süddeutschen Staaten einen Eintritt in den Bund vollkommen unmöglich.

Es tut Not, dass jener Richtung Einhalt geschieht, sonst treiben wir, sei es der Unterjochung, sei es der völligen Absprengung des übrigen Deutschland vom [S. 102] Norden, aber nimmermehr dem berechtigten Ziele eines Bundesstaates entgegen, in welchem alle Glieder und Stämme sich wohl und glücklich fühlen können, weil sie in ihm den starken Hort der Unabhängigkeit, Machtstellung und Kultur-Interessen der gesamten Nation, und weil sie gleichzeitig in ihm den treuen Hort der einzelnen Bundesglieder und Volksstämme in allen denjenigen Angelegenheiten sehen, welche ohne Gefahr für das Ganze eine verschiedenartige Ordnung und Verwaltung nach Maßgabe der verschiedenen Gegenden, geschichtlichen Gestaltungen, Gewohnheiten, Sitten und Lebensanschauungen gestatten.

Deshalb wollen wir nur in dem Notwendigen die Einheit, in allem Übrigen aber die Unabhängigkeit und freie Selbstbestimmung der Bundesländer.


5. Deshalb wollen wir auch in Preußen selbst die Dezentralisation der Verwaltung.

Wir wünschen, dass die Provinzen, Kreise und Gemeinden in der Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten und in der Wahl ihrer Organe möglichst selbstständig gestellt, und dass diesen Organen auch eine wirksame Mitwirkung in allen denjenigen Zweigen der Staatsverwaltung gewährt werde, welche weniger dem allgemeinen, als dem provinziellen und örtlichen Interesse dienen.


6. Der Militarismus lastet auf dem ganzen Kontinente Europas mit der Wucht einer politischen und sozialen Kalamität. Er ist politisch vom Übel, weil er den Frieden mehr gefährdet als sichert. Er ist aber auch ein soziales Übel, weil er dem Lande gerade seine tüchtigeren Arbeitskräfte im Übermaße entzieht, weil er den Berufsweg der jungen Männer Jahre lang und nicht selten zum empfindlichsten Nachteil von Familien und Personen unterbricht, und weil er die Steuerkraft der Bürger in solchem Grade absorbiert, dass die übrigen Aufgaben des Staates darunter leiden müssen, und dass die Klagen über mangelnde Mittel für das Unterrichtswesen, für das landwirtschaftliche Ministerium und für auskömmliche Besoldung fast aller Beamten-Kategorien nicht verstummen.

Deshalb sprechen wir uns nicht nur gegen jede fernere Erhöhung des Militär-Etats aus, sondern wir sehen auch gegenüber dem Streben nach Erhöhung der Steuern, welches die jüngste Zeit charakterisiert, den heilsameren und notwendigen Weg in Beschränkung der Ausgaben zu Kriegszwecken, insoweit dies ohne Gefährdung der nationalen Unabhängigkeit immerhin möglich sein wird.


7. Grundbesitz - Arbeit - Kapital, diese materiellen Träger der bürgerlichen Gesellschaft, bedürfen des Gleichgewichts. Wenn gestern zum Nachteil des Ganzen das unbewegliche Vermögen und die konservativen Tendenzen so überwogen, dass die Gesellschaft in Stagnation geriet, so haben schon heute das unerwartet mächtige Anwachsen des Kapitals und das Prinzip der Bewegung der Gesellschaft ein Fieber zugezogen, welches nicht weichen wird, bevor das richtige Ebenmaß wiedergewonnen ist. Dazu gehört aber nicht bloß die Ausgleichung der Interessen von Kapital und Grundbesitz einerseits und der Arbeit anderseits. In letzterer Beziehung bilden der Schutz und die Förderung eines kräftigen Mittelstandes in Land und Stadt einen wesentlichen Gesichtspunkt. Die naturwüchsigste Vereinigung und Durchdringung von Grundbesitz, Kapital und Arbeit findet sich in einem selbständigen Bauern- und Bürgerstande. Dort, in einem kernigen Mittelstande, liegt auch seit Anbeginn deutscher Geschichte der eigentliche Schwerpunkt der Nation. Denselben unter den Gefahren, welche das Lehrsystem der Ökonomisten, der Industrialismus, die volle Gewerbefreiheit und die Macht des Kapitals ihm bereiten, ungeschwächt zu erhalten - das ist gleichsehr eine nationale wie soziale Aufgabe.

Der andere Teil der "sozialen Frage" betrifft die Lage des eigentlichen Arbeiterstandes. Die Arbeitslöhne sind gestiegen, und der Arbeiter lebt im allgemeinen besser. [S. 103] Dennoch hat er Grund zum Mißbehagen. Vielerorten greifen die Arbeitsverhältnisse zersetzend in das Familienleben ein. In den meisten Zweigen der großen industriellen, namentlich Fabriken-Betriebes ist die wirtschaftliche Existenz der Arbeiter oft kaum von heute bis morgen, und selbst bei dem Vorhandensein von Kranken- und Unterstützungskassen selten in wirklich genügendem Maße und auf genügende Zeitdauer gesichert. Im Suchen und Finden des gerechtesten Maßstabes für die Beteiligung von Kapital und Arbeit an dem, was im Zusammenwirken beider erzeugt und erworben wird, ist bisher aber vollends wenig geleistet.

Schließlich liegen die rechten Mittel zur Hebung der sozialen Mängel und Mißstände nicht ausschließlich auf dem Gebiete staatlicher Einwirkung und Gesetzgebung. Die Hilfe wird zum guten, vielleicht besten Teile auf dem Gebiete der volkswirtschaftlichen Arbeit, der Sitte und der Leistungen christlicher Nächstenliebe gefunden werden müssen. Man darf deshalb die Ansprüche an den Staat nicht überspannen. Eins aber darf und muss von der Rgierung unbedingt gefordert werden: dass sie allen, den gesetzlichen Boden nicht verlassenden Bemühungen zur Lösung der sozialen Aufgabe freien Lauf läßt, dass sie insbesondere den in kirchlichem Boden wurzelnden Bestrebungen zur Heilung der sozialen und sittlichen Schäden unserer Zeit mit Vertrauen begegnet, und daß auch im Wege der Gesetzgebung auf die Beseitigung solcher Übelstände Bedacht genommen wird, welche den Arbeiterstand mit moralischem und körperlichem Ruin bedrohen.


8. Keine der Parteien, welche auf dem Landtage und Reichstage sich durch Fraktionen bemerkbar gemacht haben, ist Trägerin der Gesamtheit vorstehend skizzierter Anschauungen und Bestrebungen. Daher die Notwendigkeit, dass die Gesinnungsgenossen sich sammeln, dass sie als Wähler ihre Kraft und Tätigkeit für die Wahl von tüchtigen und zuverlässigen Vertretern einsetzen, und dass unsere Abgeordneten durch Vereinigung stark werden, auf dass sie unseren Anschauungen nicht bloß einen eigentlichen Ausdruck zu geben, sondern denselben auch im Staatsleben wirkliche Geltung zu verschaffen vermögen.

Die Einigkeit gibt Stärke.


[Dr. Hülskamp versandte das Programm am 14.06.1870 mit folgendem Begleitschreiben:]

In einem vertrauten Kreise hierselbst, an welchem neben mehreren Bürgern, Verwaltungsbeamten, Geistlichen und Gutsbesitzern namentlich die Herren Abgg. von Mallinckrodt, B. von Schorlemer und W. von Ketteler teilnahmen, wurde das beifolgende Wahlprogramm auf Grund eines von Herrn von Mallinckrodt verfaßten und von den übrigen Führern der katholischen Partei im preuß. Abgeordnetenhause gebilligten Entwurfes durchberaten und angenommen.

Als Grundprinzip dieses Programms werden Sie leicht erkennen: strenge Aufrechterhaltung aller der Forderungen, welche der preußische Katholik vom christlichen, vom deutschen und vom bürgerlichen Standpunkte aus stellen muss, - fortiter in re. Daneben aber vorsichtige Vermeidung alles dessen, was nach prinzipieller Opposition schmecken könnte - suaviter in modo.

So stellt sich denn als nächster Zweck das Streben hin, mit den vollständig unabhängigen Katholiken alle jene sog. Gleichgesinnten zu vereinigen, denen ihre innerste Überzeugung oder äußere Stellung eine als "prinzipiell" zu deutende Opposition unmöglich macht, und auf Grundlage dieser Vereinigung sowohl außerhalb als vor allem innerhalb der gesetzgebenden Körper eine starke Partei zu schaffen, welche tief-christlich und wahrhaft konservativ ist, aber dabei dem echten Fortschritt doch aufrichtig huldigt.

In der Hoffnung dass Ew. ... jene Grundsätze billigen und dies Bestreben anerkennen werden, beehre ich mich Ihnen eine Anzahl von Abdrücken des Programms zu überreichen, mit der ganz ergebenen Bitte:
geeigneten Vertrauensmännern davon Kenntnis zu geben und mir neben Ihrer eigenen auch deren Zustimmung baldigst anzeigen zu wollen. In Bälde soll alsdann eine Delegierten-Versammlung - zunächst für Rheinland und Westfalen resp. für die westlichen Länder - berufen werden, welche das Programm definitiv festzustellen, aus demselben einen Wahlaufruf für das Volk zu entnehmen, Kandidaten des bezeichneten Sinnes für Reichstag und Abgeordnetenhaus zu gewinnen, und überhaupt alle Mittel und Wege zur Erziehung guter Wahlen zu beraten hätte. Bis zu dieser Delegierten-Versammlung wird die ganze Angelegenheit als eine durchaus vertrauliche behandelt werden müssen.

Indem ich mir zum Schlusse noch die Bemerkung erlaube, dass Ihnen weitere Abdrücke des Programms gern zu Diensten stehen, habe ich die Ehre, in Erwartung baldiger geneigter Antwort zu verharren.

Ew. ...
ganz ergebenster
Dr. Hülskamp
mit herzlichem Gruß.


Geschrieben im Auftrage der eingangs genannten
vorberatenden Versammlung.
Münster, den 14. Juni 1870.


QUELLE    Bachem, Karl | Vorgeschichte, Geschichte und Politik der Deutschen Zentrumspartei | Bd. 3, S. 100-103


FORMALBESCHREIBUNGOhne Anmerkungen.


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ1.3   Einzelquelle (in Volltext/Regestenform)
Zeit3.8   1850-1899
Ort3.5   Münster, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet3.18   Parteien
DATUM AUFNAHME2004-04-14
AUFRUFE GESAMT2153
AUFRUFE IM MONAT21