QUELLE

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DATUM1915-01-20   Suche   Suche DWUD
URHEBER/AUSSTELLERStegemann, Johannes, Gefreiter
EMPFÄNGERStegemann, [Heinrich]
AUSSTELLUNGSORTNouvion-le-Vineux/Frankreich
GEOPOSITIONGoogle MapsOSM| 49.502816 (NS), 3.6103669999999966 (EW) (nicht-exakt)
TITEL/REGESTFeldpostbrief von Johannes Stegemann an seinen Bruder [Heinrich] über die Kompanieverluste, die Umgebung und die französische Zivilbevölkerung
TEXTNouvion la vineux, d. 20.1.15.

Lieber Bruder! In einem ehemaligen
Schafstall. Sind zur Armeereserve u. zur
Erholung. Aber soeben kam wieder der Befehl
Alarmbereitschaft u. nun kann jeden Augen-
blick der Befehl zum Abrücken kommen.
Es ist 10 Uhr Abends. Schreibe bei Kerzen-
schein im Stroh in sitzender Stellung.
Ich glaube Ihr könnt Euch unser Leben
garnicht vorstellen. Wir haben seit Ende
August das Zeug nicht mehr vom Leibe
gehabt. Eine Kompagnie sind 260 bis
280 Mann. Am 17. September waren
wir noch 65 Mann. Nun sind wir wieder
durch Landwehr u. Ersatzreserven u.
Kriegsfreiwillige 260 Mann. Der
jüngste ist 16 ½ Jahre, der älteste 45 Jahre.
4 Kompagnien sind 1 Bataillon.
3 Bataillone sind 1 Regiment.

[Seite 2]
Nun deine anderen Fragen. Bekannte
hab ich hier nicht von früher. Aber die
gemeinsame Not macht uns allen zu
Kameraden. Einer sorgt u. hilft dem
andern. Hier sind noch 2 aus Emsdett[en]
u. einige aus dem Münsterland. Aber
hier ist jeder Kamerad.
Wie die Gegend aussieht? Hügel u.
Täler - schöne Gegend, besonders wo
wir jetzt sind. Lehmboden - die
Ernte (bes. Weizen u. Hafer - Bohnen
u. Gartenfrüchte[)] steht zum größten Teil
noch auf dem Felde u. ist verdorben
u. verfroren. Teilweise wird von
der Artillerie u. Train[1] das Feld
gepflügt u. bestellt, die Ein-
wohner sind zum größten Teil
geflüchtet - einzelne Dörfer sind
leer bes.[onders] die dicht hinter der Front.

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Weiter hinter der Front sind sie noch da -
ohne Beschäftigung - werden von uns
versorgt - arbeiten nicht, da sie nichts
haben - Pferde haben wir, Kühe haben
wir geschlachtet - Sie sagen nur:
Grand malheur, grand malheur
C’est la guerre, = großes Unglück,
großes Unglück, das ist der Krieg.
Weihnachten waren wir im Schützen-
graben: Habe das auch in 20 Seiten
langen Brief nach Emsd[etten] geschrieben,
scheint aber bis jetzt noch nicht an-
gekommen zu sein. Das andere
schrieb ich Euch in einem langen
Brief vor 8 Tagen. Pakete bekomm[e]
ich jetzt wieder viel. Aber schickt doch
nicht, soviel auf einmal, besser ist
wenig u. oft. Ich muß doch immer
alles im Tornister mitschleppen.

[Seite 4]
In der Eile den Bogen falsch beschrieben!
Wir haben nicht viel Zeit.
Gestern zum dritten Mal geimpft -
gegen Typhus u. Cholera - auf der Brust
aber das zieht dabei - pfui Deibel.
Das Wetter!? Regen über Regen -
Schlammig - naß - kalt.
Für Eure Pakete vielen Dank.
Hab mir in [Ems]Detten neue Stiefel
bestellt. Wenn sie kommen
laß ich die Rechnung nach Euch
schicken- könnt es ja auslegen
für mich. Aber davon nächstens
mehr - bin heute zu krank vom
Impfen - u. vielleicht gibts gleich
einen 20km Marsch u. anschließend
Gefecht. Darum gute Nacht u.
gesundes Wiedersehen u. herzl[ichen] Gruß
Euer Johannes.

[1] Train = rückwärtiger Versorgungsdienst.


PROVENIENZ  Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen
BESTANDNachlass Heinrich Stegemann
SIGNATURNr. 1


MATERIALPapier
SPRACHEdeutsch
ÜBERLIEFERUNGSARTOriginal


PROJEKT    Der Erste Weltkrieg in Westfalen - Ausgewählte Archivquellen
SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ45   Brief, Bildpostkarte / Briefsammlung
Zeit3.9   1900-1949
3.9.10   Erster Weltkrieg <1914-1918>
Sachgebiet5.7   Soldatinnen/Soldaten
5.7.2   Kriegsalltag / Soldaten
DATUM AUFNAHME2014-03-07
DATUM ÄNDERUNG2014-04-03
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