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(73 KB)   Karl Friedrich Kolbow (1899-1945), Landeshauptmann der Provinz Westfalen (1933-1944) / LWL-Archivamt für Westfalen   Informationen zur Abbildung

Karl Friedrich Kolbow (1899-1945), Landeshauptmann der Provinz Westfalen (1933-1944) / LWL-Archivamt für Westfalen
FAMILIEKolbow
VORNAMEKarl Friedrich
BERUF / FUNKTIONLandeshauptmann der Provinz Westfalen, NS-Kreisleiter


GESCHLECHTmännlich
GEBURT DATUM1899-11-20   Suche
GEBURT ORTSchwerin
TAUFNAMEKarl Friedrich Gustav Heinrich Otto
KONFESSIONev.-luth.
EHEPARTNER14.05.1926: Reinhardt, Helene Emma (1901-1982). Eltern: Georg Reinhardt, Kunstmaler in Jena, und E. Nehrmeyer
TOD DATUM1945-09-24   Suche
TOD ORTThorée-les-Pins bei Le Mans/Frankreich
TODESURSACHERuhr
BEGRÄBNIS ORTMont d'Huisnes, deutsche Kriegsgräberstätte, Normandie/Frankreich


VATERKolbow, Friedrich / Heinrich Carl Christian (geb. 1867), Justizrat, Rechtsanwalt und Notar
MUTTERPuttkamer, Margarethe / Madga Clara Larissa Georgine von (geb. 1880)


ÄMTER / FUNKTIONEN | Provinzialverband / LWL | Landeshauptmann, Landesdirektor, LWL-Direktor | | 1933-04-25 - 1944-08-07
25.04.1933 Ernennung zum ehrenamtlichen Staatskommissar bei der Provinzialverwaltung; 13.10.1933 Wahl auf zwölf Jahre mit Wirkung zum 15.10.1933; 09.11.1933 Einweisung; 27.06.1934 Bestätigung; 07.08.1944 Beurlaubung; 19.06.1945 Formelle Entlassung auf Anordnung der Militärregierung vom Amt des Landeshauptmanns


BIOGRAFIEKurzbiografie. Karl Friedrich Kolbow wurde im November 1899 in Schwerin als erster Sohn einer bürgerlichen Familie geboren. Vor dem Ersten Weltkrieg nahm er an Fahrten des Wandervogels teil, während des Ersten Weltkriegs wurde er als Soldat im Kaukasus eingesetzt. 1919 begann er ein Studium in Jena und wurde korporierter Student in einer schlagenden Sängerschaft; 1920 wechselte er nach München und sattelte dort auf das Bergbaufach um, was er später an der Bergakademie in Freiberg beenden sollte. Im Februar 1921 trat er in die NSDAP ein, erhielt die Mitgliedsnummer 2900 und war als Werber und Redner aktiv. Im Mai 1921 ging er als Freikorpskämpfer nach Oberschlesien. Nach seiner Festeinstellung als Bergbaudirektor 1927 im Siegerland wurde Kolbow 1932 NSDAP-Kreisleiter in Siegen.

Als „Alter Kämpfer“ der Partei wurde er 1933 Landeshauptmann der Provinz Westfalen und war damit eine regionale NS-Größe. In seiner Amtszeit passte er die Jugendhilfe, Fürsorgeerziehung und die Psychiatrie an rassenideologische Grundsätze an. Für die Provinz Westfalen koordinierte er vom Schreibtisch aus die Tötung sog. ‚lebensunwerten Lebens‘ im Rahmen des NS-‚Euthanasie‘-Programms. Zudem setzte sich Kolbow nachdrücklich für die Erhaltung der provinziellen Selbstverwaltung und für die Einheit der Provinz Westfalen ein.

Auch auf kulturpolitischer Ebene wurde Kolbow aktiv: 1934 wurde er Vorsitzender des Westfälischen Heimatbundes und vertrat in der Heimatbewegung den Gedanken, das ‚deutsche Volkstum‘ durch die Natur- und Heimatpflege auf Grundlage der ‚deutschen Stämme‘ zu schützen und zu erneuern. Zudem galt er als anerkannter Meinungsführer im Deutschen Heimatbund.

1944 wurde er seines Amtes enthoben und aus der NSDAP ausgeschlossen. Er trat in die Wehrmacht ein und verstarb im September 1945 in französischer Kriegsgefangenschaft.


Lebensdaten. Gymnasium Fridericianum Schwerin,
1917 Kriegsabitur, 16.06.1917-19.03.1919 Kriegsteilnahme, 1919-1921 Studium der Geografie, Geologie und Geschichte in Jena und München,
1921 Eintritt in die NSDAP, 1921-1925 Studium des Bergbauwesens in Freiberg/Sachsen, 1923-1925 Tätigkeit in Bergwerken in Conow bei Mallis/Mecklenburg und Gülitz/Westprignitz, 1925 Diplomprüfung zum Bergbauingenieur, 01.11.1925-28.08.1926 Betriebsassistent und stellvertretender Betriebsleiter einer Blei-Silbererzgrube in Erbendorf/Oberpfalz, 01.11.1926-31.05.1927 Ingenieur und Betriebsleiter der Grubenlampen- und Akkumulatorenfabrik Firma C. H. Weisbach in Chemnitz, 14.11.1927 Betriebsingenieur und Betriebsdirektor der Eisensteingrube Pfannenberger Einigkeit bei Neunkirchen/Siegerland, 01.01.1929-05.02.1933 Kreisleiter der NSDAP im Siegerland,
1933 Mitglied des Provinziallandtags Westfalen, 1933 Mitglied des Westfälischen Provinzialausschusses, 25.04.1933 Ersuchen um Übernahme der Stellvertretung des Landeshauptmanns des Provinzialverbandes Westfalen als Staatskommissar, 27.04.1933 Dienstantritt als Staatskommissar für den Provinzialverband Westfalen, 13.10.1933 Wahl zum Landeshauptmann des Provinzialverbandes Westfalen ab 15.10.1933, zugleich Bestellung zum Mitglied und Vorstandsvorsitzenden der Landesversicherungsanstalt Westfalen, 09.11.1933 Einweisung in das Amt des Landeshauptmanns, 27.06.1934 Bestätigung als Landeshauptmann, 1934-1944 Mitglied des Westfälischen Provinzialrats, 25.01.1936 endgültige Bestellung zum Leiter der Landesversicherungsanstalt Westfalen, Bearbeiter der Eisenerzversorgung der deutschen Wirtschaft, 25.08.1939 Chef der Zivilverwaltung beim Armeeoberkommando in Bad Godesberg,
08.1940 Freistellung vom Kriegsdienst, 07.08.1944 Beurlaubung wegen „pessimistischer Äußerungen“, freiwillige Meldung zur Wehrmacht und Einberufung als Baupionier, 04.1945 französische Kriegsgefangenschaft, 19.06.1945 formelle Entlassung vom Amt des Landeshauptmanns auf Anordnung der Militärregierung, 24.09.1945 Tod vermutlich infolge einer Ruhr-Erkrankung.


Jugend, Ausbildung. Kolbow wuchs als ältestes Kind gemeinsam mit vier Geschwistern in einer bürgerlichen Familie mit evangelisch-lutherischer Glaubensrichtung auf. Die politische Haltung des Vaters war national und übertrug sich erkennbar auf den heranwachsenden Sohn. Kolbow besuchte das humanistische Großherzogliche Gymnasium Fridericianum in Schwerin. Die Eltern wünschten harte und disziplinierte Bildungsarbeit, und ihr Sohn kam diesen Erwartungen von sich aus und ohne unmittelbaren Zwang nach. Disziplin, Pflichterfüllung und Arbeitsethos waren durch die Erziehung des Elternhauses geförderte Charakterzüge Kolbows.
 
Mit Erlaubnis seiner Eltern wurde Kolbow Mitglied des Wandervogels; Wanderfahrten am Wochenende, Singabende, Kriegsspiele, sportliche Wettkämpfe und alljährliche Sonnenwendfeiern bestimmten fortan einen Großteil seiner Freizeit. Organisationsprinzip der bürgerlichen Jugendbewegung war, dass ein sich durch Leistung und Charisma auszeichnender und durch Wahl bestätigter sog. Führer die Leitung der Gruppe übernahm. Diese Form des Führertums wurde für Kolbow zu einem Leitbild, an dem er sich auch in späteren Lebensphasen orientierte.
 
Während des Ersten Weltkriegs, im Frühling 1917, bestand Kolbow das Notabitur und trat im Juni in Ratzeburg seine dreivierteljährige militärische Grundausbildung bei der Jägertruppe an. Nach der Grundausbildung wurde seine Einheit im April 1918 auf den östlichen Kriegsschauplatz verlegt. Auf der Krim-Halbinsel bewachte sie den Hafen von Sewastopol und später, im Rahmen der deutschen Militärhilfe für den jungen georgischen Staat, ein Kohlebergwerk in der Nähe der Stadt Kutais. Kolbows Erlebnisse im Ersten Weltkrieg unterschieden sich insofern von denen der meisten Kameraden an der Westfront, als er die existenziellen Erfahrungen des Stellungskriegs im Schützengraben nicht machen musste.
 
Die desolate militärische Situation des Deutschen Reichs im Oktober 1918 erforderte den Rückzug aus dem Kaukasus. Kolbows Einheit wurde daraufhin zur Sicherung eines Teilstückes der Bahnlinie nördlich von Odessa in der vom Reich und seinen Verbündeten kontrollierten Volksrepublik Ukraine eingesetzt. Die aufgrund eines bolschewistisch angeführten Aufstands sich zu einem Bürgerkrieg ausweitende innenpolitische Lage der Ukraine machte die Beförderung der deutschen Truppen per Bahn zu einem gefährlichen Unternehmen, was Kolbow in seiner antibolschewistischen Haltung bestärkte. Als prägende Erfahrungen der Militärzeit, die im März 1919 endete, blieben ihm die Unkameradschaftlichkeit und die Geschäftemacherei seiner Kameraden, die Korruption im deutschen Heer sowie die Kluft zwischen schlecht führenden Offizieren und den Mannschaften in Erinnerung. Die Erlebnisse an der Ostfront entsprachen nicht Kolbows Bild von soldatischer Ehre und selbstlosem Führertum.

Zum Sommersemester 1919 immatrikulierte sich Kolbow an der Universität Jena für die Fächer Geologie, Geografie und Geschichte, mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Kolbow wurde bei der Sängerschaft (Studentenverbindung) Johanni-Fridericia (Hanfried) aktiv. Die von ihm mit Stolz präsentierten Schmisse gaben seinen sozialen Status als Akademiker zu erkennen und zeugten im Rahmen des zeitgemäßen Männlichkeitsideals zugleich von der Bereitschaft, die persönliche Ehre sowie die der Verbindung und des Vaterlandes zu verteidigen.

Noch während seines Studiums wurde Kolbow politisch aktiv. An seinem neuen Studienort München lernte er Anfang Februar 1921 auf einer Massenkundgebung die NSDAP kennen und trat ihr wenig später unter der Mitgliedsnummer 2.900 bei. Als Nationalsozialist der ersten Stunde gehörte er fortan zur sog. Alten Garde der Partei. Seit dieser Zeit war der Antisemitismus Bestandteil seiner völkisch-nationalsozialistischen Weltanschauung. Im Mai 1921 schloss sich Kolbow dem zur Schwarzen Reichswehr zählenden Freikorps Oberland an, der sich zum Kern der bayerischen SA entwickelte, und kämpfte für drei Monate in Oberschlesien. Nach erneutem Studienortswechsel nahm er an der Bergakademie in Freiberg/Sachsen das Studium des Bergbauwesens auf und beendete es 1925 mit dem Titel eines Diplom-Ingenieurs.


Tätigkeit. Nach Anstellungen in Bayern und Sachsen kam er 1927 als Ingenieur der Eisensteingrube Pfannenberger Einigkeit nach Westfalen, ins südliche Siegerland. Hier setzte er seine politische Tätigkeit fort und avancierte 1929 zum dortigen Kreisleiter der NSDAP. Ende April 1933 übernahm Kolbow als Staatskommissar die Geschäfte des Landeshauptmanns der Provinz Westfalen; im Oktober wurde er per Wahl in diesem Amt mit einer 12-jährigen Amtszeit bestätigt. Nicht die fachliche Qualifikation hatte den Ausschlag für seine Wahl gegeben, - er fiel sogar aus dem bisher üblichen Profil der westfälischen Landeshauptleute heraus, weil er kein Jurist und kein gebürtiger Westfale war -, sondern die Mehrheit der NSDAP im Provinzialausschuss und die Protektion durch die beiden westfälischen Gauleitungen (Süd und Nord).
 
Als Landeshauptmann leitete Kolbow den Provinzialverband der preußischen Provinz Westfalen und war somit Chef der Verwaltung eines mit umfangreichen regionalen Selbstverwaltungskompetenzen ausgestatteten Kommunalverbandes. Während seiner Amtszeit von 1933 bis 1944 verfolgte er eine völkisch-rassistische Politik, indem er zunächst die Personalpolitik auf eine NS-konforme Linie brachte und die Anpassung der Jugendhilfe, Fürsorgeerziehung und der Psychiatrie an die Grundsätze der nationalsozialistischen Rassenideologie vollzog.

Kolbows Maxime in Politik - insbesondere in der Kulturpolitik - und Verwaltung war die ‚Erneuerung des Volkstums‘ durch die ursprünglichen Kräfte ‚der Heimat, der Landschaft und der Stammesart‘. Auf der Grundlage seines völkisch-organischen Denkens setzte er sich nachdrücklich für die Erhaltung der provinziellen Selbstverwaltung und für die Einheit der Provinz Westfalen ein. Zum einen musste er in Westfalen auf das Eindringen von Parteistellen und Sonderbehörden in den Aufgabenbereich des Provinzialverbandes reagieren sowie den Bestrebungen der beiden westfälischen Gauleitungen der NSDAP entgegentreten, die Verwaltungsgrenzen des Verbandes an die Parteiorganisation anzupassen, was einer Teilung der Provinz Westfalen gleichgekommen wäre. Zum anderen versuchte er auf Reichsebene mit seinen bescheidenen Möglichkeiten als Leiter verschiedener Arbeitsausschüsse, die eine neue Verfassung der kommunalen Selbstverwaltung erarbeiten sollten, den Fortgang der Neugestaltung der kommunalpolitischen Ordnung der Reichsgaue nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen. Auch auf kulturpolitischer Ebene wurde Kolbow aktiv: 1934 wurde er Vorsitzender des Westfälischen Heimatbundes und vertrat in der Heimatbewegung den Gedanken, das ‚deutsche Volkstum‘ durch die Natur- und Heimatpflege auf Grundlage der ‚deutschen Stämme‘ zu schützen und zu erneuern. Zudem galt er als anerkannter Meinungsführer im Deutschen Heimatbund. Zu Beginn des Kriegs rückte Kolbow in den Stab des Chefs der Zivilverwaltung ein. Auf Initiative von Alfred Meyer (1891-1945, Suizid), seit 1931 Gauleiter von Westfalen-Nord und seit 1941 Staatssekretär in dem sich im Aufbau befindlichen Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) in Berlin, bekleidete Kolbow Mitte Juni 1941 für wenige Tage in dessen Ministerium das Amt eines Ministerialdirektors.

Seit Beginn der 1940er Jahre sah Kolbow verschiedene Aspekte des NS-Regimes zunehmend kritisch, insbesondere den Zentralismus, den Absolutheitsanspruch der Partei und die verfehlte Führerauslese. Diese Kritik formulierte er nicht öffentlich, sondern stand weiterhin zu den rassenideologischen Grundsätzen des Nationalsozialismus: In seine Verantwortung fiel die Durchführung der sog. Euthanasie-Transporte, bei denen zwischen 1940 und 1943 über 5.600 psychisch kranke und geistig behinderte Patienten aus Westfalen in die hessische Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar verlegt wurden, wo die meisten von ihnen durch Gas, Medikamente oder unzureichende Verpflegung ermordet wurden; bei Kriegsende lebten nur noch etwa 15 % der Patienten. Außerdem wurden unter der Verantwortung Kolbows sog. Kinderfachabteilungen in den Provinzial-Anstalten in Niedermarsberg (1940/1941) und Dortmund-Aplerbeck (1941-1945) eingerichtet, in denen behinderte Kinder ebenfalls ermordet wurden.

In Kolbows Anschauung war die Tötung sog. lebensunwerten Lebens eine ‚völkische Pflicht‘, die aus seiner Perspektive bei nicht lebensfähigen Kindern einen Akt der ‚Humanität’ darstelle. Er akzeptierte auch bei erwachsenen, nicht mehr heilbaren Geisteskranken die ohne langen Leidensweg vollzogene sog. Euthanasie, verwahrte sich aber gegen willkürliches, bewusst provoziertes Siechtum der Patienten. Mit den tatsächlichen Entscheidungsabläufen und Selektionsvorgängen in den Anstalten befasste er sich jedoch nicht näher. Dafür versuchte er, die aufkommenden Proteste in der Bevölkerung abzufangen.

Kolbows Karriere als Landeshauptmann wurde aufgrund eines privaten Briefs an den früheren westfälischen Oberpräsidenten Ferdinand von Lüninck zu Ostwig (1888-1944, hingerichtet) beendet, der 1938 abgelöst worden war und in Kontakt mit den Verschwörern des 20. Juli stand. Aus dem Inhalt des bei einer Hausdurchsuchung gefundenen Briefes schloss man auf eine regimekritische Haltung Kolbows. Kolbow wurde am 07.08.1944 vom Amt des Landeshauptmanns der Provinz Westfalen entbunden, ferner wurde das langjährige Parteimitglied am 15.08.1944 aus der NSDAP ausgeschlossen, wogegen er Widerspruch einlegte. Kolbow trat in die Wehrmacht ein, wurde von amerikanischen Truppen gefangen genommen und verstarb im September 1945 in französischer Kriegsgefangenschaft.
 

Nachwirkung. Kolbow war seit seiner Jugendzeit von der völkischen Weltanschauung geprägt, die noch Bestand hatte, als er ein nationalsozialistischer Beamter der mittleren Verwaltungsebene wurde. Die Ambivalenzen im Denken, Fühlen und Handeln des sog. Alten Kämpfers der NSDAP und des späteren Schreibtischtäters werden darin deutlich, dass Kolbow zwar als gerechter Vorgesetzter, fürsorglicher Familienvater und engagierter Natur- und Heimatfreund galt, gleichzeitig aber die Ziele der nationalsozialistischen Rassenideologie umsetzte, indem er die NS-‘Euthanasie‘ in Westfalen zu verantworten hatte. Ein weiterer, in den 1940er Jahren zunehmender Zwiespalt in seiner Grundeinstellung war einerseits aus der Verbindung von Fanatismus und Tatbereitschaft und andererseits durch Zweifel und partiellen Dissens angelegt. Denn trotz seines grundsätzlichen Bekenntnisses zum Nationalsozialismus und zu Hitler formulierte Kolbow Kritik am NS-Staat, die so weit reichte, dass er eine alternative nationalsozialistische Gesellschafts- und Staatsordnung zu dem von ihm wahrgenommenen bestehenden NS-System entwarf.
 
Kolbows Reputation in der Öffentlichkeit und sein Ansehen im privaten Kreis grenzten sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen von anderen im öffentlichen Leben stehenden Nationalsozialisten offenbar positiv ab, sodass die Erinnerungskultur der Nachkriegszeit das Bild einer respektablen Persönlichkeit tradierte: Als untadeliger Verwaltungsmann und gerechter und unparteiischer Vorgesetzter, als Mann mit Tatkraft und Sachkenntnis habe er leidenschaftlich und kompromisslos für die Unteilbarkeit der Provinz Westfalen und die Erhaltung der landschaftlichen Selbstverwaltung gekämpft. Diese von ehemaligen Mitarbeitern und Vertretern der westfälischen Heimatbewegung in Erinnerung gehaltene Charakterisierung seiner Person und Leistungsbilanz seiner Amtszeit bekamen durch eine sehr selektive Auswertung der Tagebücher Kolbows eine nahezu unangreifbare Grundlage und wurden auf diese Weise zum Teil bis in die 1980er Jahre hinein konserviert.

Erst die in den 1970er Jahren einsetzende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Provinz Westfalen während der NS-Zeit hinterfragte die bisherige Überlieferung. Die regionalgeschichtliche NS-Forschung konnte aus seiner Lebensgeschichte ausgeblendete Fakten wissenschaftlich belegen und befasste sich differenziert mit Kolbows politischem Wirken und Handeln als Landeshauptmann der Provinz Westfalen, wodurch das bisher dominierende Bild schrittweise dekonstruiert und in weiten Teilen neu gezeichnet wurde.




Anhang.
Neben- und außeramtliche Tätigkeiten.Vorsitzender des Gemeindeunfallversicherungsverbandes der Provinz Westfalen,
Vorsitzender des Verwaltungsrates des Provinzialinstituts für Westfälische Landes- und Volkskunde in Münster,
Stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates der Landesbank und Sparkassenzentrale für Westfalen,
Vorsitzender der Kraftverkehrs-AG Westfalen Dortmund, der Verkehrsgesellschaft mbH Lippstadt, der Westfälischen Ferngas AG Lippstadt und der Westfälischen Landeisenbahn AG Lippstadt,
Vorsitzender des Westfälischen Heimatbundes,
08.1937 stellvertretender Vorsitzender des Reichsverbandes der Deutschen Landesversicherungsanstalten, 31.08.1938 Rücktritt vom Vorsitz,
Vorsitzender der Provinzialdienststelle Westfalen des Deutschen Gemeindetages,
20.07.1942 Bestellung zum stellvertretenden Leiter der Reichsvereinigung für Gemeindeunfallversicherung,
07.1942 Mitwirkung an Referendarprüfungen am Oberlandesgericht Hamm für Staats- und Volkskunde,
11.1942 Berufung in den Gauausschuss für Volksgesundheit des Gaues Westfalen-Nord,
Mitglied, Vorsitzender und Geschäftsführer von Vorständen, Aufsichtsräten u. ä. zahlreicher Gesellschaften, Unternehmen, Vereine und Verbände.


Politische Bindungen. 18.02.1921-15.08.1944 NSDAP (Mgl.-Nr. 2.900),
1921 Redner,
1921 Freikorps Oberland bzw. Selbstschutz Oberschlesien,
1921 Mitwirkung an der Gründung der NSDAP-Ortsgruppe Zwickau,
1922 Gründung der NSDAP-Ortsgruppe Freiberg/Sachsen,
11.1922 Eintritt in die Sturmabteilung (SA) der NSDAP,
02.1925 formaler Wiedereintritt in die NSDAP (Mgl.-Nr. 8.135) und SA nach Aufhebung des Parteiverbots,
01.01.1929-18.09.1932 Kreisleiter des Kreises „Freier Grund“ der NSDAP,
1931 Gaufachberater für den Erzbergbau,
18.09.1932-05.02.1933 Kreisleiter der NSDAP Siegen-Land,
1933 SA-Obersturmbannführer,
ca. 1934-04.1936 Gauinspektor III der Gauleitung Westfalen Nord für die NSDAP-Kreise Münster Stadt und Land sowie Steinfurt,
20.04.1936 SA-Standartenführer,
09.11.1938 SA-Oberführer, beim SA-Führungsstab der Gruppe Westfalen, ehrenamtlicher Referent für Neubauerntum der SA Gruppe Westfalen,
15.08.1944 Parteiausschluss wegen „pessimistischer Äußerungen“,
08.1944 Einspruch gegen den Parteiausschluss, der bis Kriegsende offen blieb.


Vereine und Verbände. 10.1919 Sängerschaft C. C. Johanni-Fridericia in Jena,
1934-1944 Vorsitzender des Westfälischen Heimatbundes,
1934 Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen,
04.1938 NS-Altherrenbund, NS-Studentenkampfhilfe,
Frühjahr 1938 Berufung in den Beirat des NS-Altherrenbundes für Gau Westfalen-Nord,
NS-Volkswohlfahrt.


Orden/Auszeichnungen. 20.02.1920 Eisernes Kreuz II. Klasse,
06.04.1934 Ehrenzeichen der NSDAP,
Dienstauszeichnung der NSDAP in Bronze,
Dienstauszeichnung der NSDAP in Silber,
29.11.1935 Ehrenkreuz für Frontkämpfer,
21.03.1934 Ehrenzeichen der NSDAP des Gaus Sachsen,
Goldenes Ehrenzeichen der NSDAP,
01.09.1941 Kriegsverdienstkreuz II . Klasse ohne Schwerter,
16.02.1943 Kriegsverdienstkreuz I. Klasse.



Quellen und Literatur
Archivalien/Nachlass. Münster, LWL-Archivamt für Westfalen, LWL 132-781 (Personalakte), LWL 907 (Tätigkeit als Landeshauptmann); Münster, Stadtarchiv, Amt 43, G 3 (Landeshauptmann a. D., Rehabilitationsbemühungen seiner Freunde, verschiedene Briefe, 1945); Münster, Privatbesitz (u. a. Tagebücher), hg. Martin Dröge, Die Tagebücher Karl Friedrich Kolbows (1899-1945). Nationalsozialist der ersten Stunde und Landeshauptmann der Provinz Westfalen, Paderborn 2009.


Werke. 1934 Die Geschichte Westfalens, in: Der Gau Westfalen Nord, Detmold o. J., S. 7-62.
Ausfahrt, in: Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum 1, 1934, S. 1; Landschaft und Heimatgefühl, in: Westfalen im Bild 8, 1934, Nr. 9, S. 8f.; 1935 Schöne westfälische Heimat, in: Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum 2, 1935, S. 335-339.
1936 Grundsätzliches zur Arbeit des Westfälischen Heimatbundes. Aus der Rede des Landeshauptmanns Kolbow in der Mitgliederversammlung auf dem Westfalentag in Soest, in: Der Westfälische Heimatbund. Jahresbericht 1936 [Münster 1937], S. 3-7; Die preußischen Provinzen, in: Deutsches Recht. Zentralorgan des National-Sozialistischen Rechtswahrerbundes 6, 1936, S. 314-317; 1937 Die Stellung der westfälischen Heimatpflege im öffentlichen Leben Deutschlands. Von Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow, Leiter des Westfälischen Heimatbundes, in: Der Westfälische Heimatbund, Jahresbericht 1937 [Münster 1938], S. 5-13; Ansprache auf der gemeinsamen Sitzung des Bundes Natur und Heimat und der WHB-Fachstelle Naturkunde und Naturschutz am 29. Mai 1937, in: Natur und Heimat 4, 1937, S. 59f.; Westfalentag 1937 und Zusammenarbeit mit Heimatmuseen, in: Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum 4, 1937, S. 197f.; Die Kulturpflege der preussischen Provinzen (Sonderschriftenreihe des Kommunalwissenschaftlichen Instituts an der Universität Berlin 1; Aus der Arbeit der preussischen Provinzen 2, Stuttgart/Berlin 1937;
1938 Heimatpflege in Westfalen, in: Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum 5, 1938, S. 241-247; Selbstverwaltung und Staatsaufsicht in der Sozialversicherung, in: Deutsche Invaliden-Versicherung 10, 1938,Nr. 6, S. 82-84; Landschaftliche und ländliche Kulturpflege, in: Die Kulturverwaltung. Zeitschrift für gemeindliche Kulturpflege 3, 1938, S. 80-82;
1939 Heimatpflege - von Westfalen aus gesehen, in: Heimatleben, 1939, S. 25-28; Natur und Heimat, in: Raumforschung und Raumordnung 3, 1939, S. 369-374; Natur und Heimat. Vortrag von Landeshauptmann Kolbow auf dem Westfalentag in Minden am 8. Juli 1939, Wolfshagen-Scharbeutz 1939; Natur und Heimat. Der Westfalentag 1939 in Minden vom 7. bis 9. Juli, in: Der Westfälische Heimatbund, Jahresbericht 1939 [Münster 1940], S. 24f.; Heimatpflege und Heimatschutz gegen Verstädterung und Landflucht, in: Das schöne Dorf im Gau Westfalen-Nord. Beiträge und Bilder zur Dorfverschönerung, Münster 1939, S. 4-6;
1940 Das Jahr der Entscheidung, in: Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum 7, 1940, S. 1; Westfalens Treue zum Reich in schwerer Zeit, in: Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum 7, 1940, S. 49-51; Der Karl Wagenfeld-Preis der Stadt Soest, in: Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum 7, 1940, S. 124-125; Zum Geleit, in: Maria Kahle, Westfälische Bauern im Ostland, Berlin 1940, S. 5-7; Heimatpflege - eine nationale Pflicht, in: Westfälischer Bauernkalender 17, 1940, S. 45-50; Westfalen und der Osten, in: Raumordnung und Raumforschung 4, 1940, S. 231-237;
1941 Geschichte Westfalens. Ein Überblick von der Vorzeit bis zur Gegenwart. Sonderdruck aus den Monatsheften für westfälisches Volkstum „Heimat und Reich“, Jahrgang 1941, Bochum 1941; Preußische Staatsmänner aus Westfalen, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 26, 1941, S. 1-16.


Darstellungen. Ludger Baumeister, Landeshauptmänner der Provinz Westfalen, in: Westfalen-Dienst 1954, H. 7, S. 47-49; Wilhelm Schulte, Karl Friedrich Kolbow Landeshauptmann von Westfalen 1933-1944. Zum zehnten Jahrestag seines Todes am 4. September [sic!], in: Westfalenspiegel 4, 1955, H. 9, S. 13-15; Jobst A. Kissenkötter, Kamerad Karl Friedrich. Die letzten Lebenswochen von Landeshauptmann Dr. [sic!] Karl Friedrich Kolbow, in: Westfalenspiegel 4, 1955, H. 9, S. 15-17; Karl Eugen Dellenbusch, Karl Friedrich Kolbow. Gedenken und Vermächtnis, in: Sauerländischer Gebirgsbote 58, 1956, H. 1, S. 8-10; Bernhard Kummer, Eines Mannes beispielhafte Treue, in: Sauerländischer Gebirgsbote 58, 1956, H. 1, S. 3-7; Gedenkstein für Kolbow, in: Sauerländischer Gebirgsbote 60, 1958, H. 5, S. 118; Wilhelm Schulte, Mit Karl Friedrich Kolbow durch das Sauerland. Aus seinen Tagebüchern zu seinem 65. Geburtstag am 20. November, in: Sauerländischer Gebirgsbote 66, 1964, H. 5, S. 89-90; Wilhelm Schulte, Der Kampf um die Einheit Westfalens während des 2. Weltkrieges, in: Westfälischer Heimatkalender 19, 1965, S. 61-63; Wilhelm Schulte, Blätter der Erinnerung an Karl-Friedrich Kolbow anläßlich der 20. Wiederkehr seines Todestages am 24. September 1945 für seine Familie, seine Freunde und Mitarbeiter, Ahlen (Westfalen) 1965; Sternbergkreis e.V. (Hg.), In Memoriam Karl Friedrich Kolbow. Erlebnis - Bekenntnis - Vermächtnis, Osnabrück 1985.

Karl Teppe, Provinz - Partei - Staat. Zur provinziellen Selbstverwaltung im Dritten Reich untersucht am Beispiel Westfalens, Münster 1977; Karl Ditt, Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923-1945, Münster 1988; Bernd Walter, Psychiatrie und Gesellschaft in der Moderne. Geisteskrankenfürsorge in der Provinz Westfalen zwischen Kaiserreich und NS-Regime, Paderborn 1996; Markus Köster, Jugend, Wohlfahrtsstaat und Gesellschaft im Wandel. Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Paderborn 1999; Willi Oberkrome, „Deutsche Heimat“. Nationale Konzeption und regionale Praxis von Naturschutz, Landschaftsgestaltung und Kulturpolitik in Westfalen-Lippe und Thüringen (1900-1960), Paderborn 2004; Bernd Walter, Karl Friedrich Kolbow (1899-1945), in: Friedrich Gerhard Hohmann (Hg.), Westfälische Lebensbilder, Bd. 17, Münster 2005, S. 203-240; Ansgar Weißer, Der Landeshauptmann/Landesdirektor, URL:http://www.westfaelische-geschichte.de/web590 (letzter Zugriff: 07.10.2010); Ansgar Weißer, Die Geschichte des Provinzialverbandes Westfalen und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, in: Internet-Portal „Westfälische Geschichte“, URL: http://www.westfaelische-geschichte.de/web776 (letzter Zugriff: 07.10.2010); Martin Dröge, Karl Friedrich Kolbow. Landeshauptmann der Provinz Westfalen während der NS-Zeit - eine Lebensgeschichte und deren Lesarten nach 1945, in: Geschichte im Westen 23, 2008, S. 205-219.


Porträts. Münster: Privatbesitz (Fotos);
Münster, LWL-Archivamt für Westfalen, LWL 907-71, 907-72 (Fotos);
Münster, LWL-Landeshaus: Georg Reinhardt (Schwiegervater Kolbows), Brustbild Kolbows.


Denkmäler. Plettenberg, Selscheider Landstraße, Kolbow-Spring, gestiftet von der SGV-Abteilung Ohle, Inschrift: „Landeshauptmann / Karl Friedrich KOLBOW / Dem / Freund des Sauerlandes / S. G. V. Abt. Ohle“

Martin Dröge
 
AUFNAHMEDATUM2010-10-07
 
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  Bundesarchiv - Zentrale Datenbank Nachlässe


QUELLE    Stelbrink, Wolfgang | Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe | S. 245f.
  Lilla, Joachim | Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918-1945/46) | S. 197f.
   | Köln Westfalen 1180-1980 | Bd. 1, S. 483
  Walter, Bernd | Karl Friedrich Kolbow (1899-1945) |
   | Die Tagebücher Karl Friedrich Kolbows (1899-1945) |

SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Zeit3.8   1850-1899
3.9   1900-1949
3.9.40   Nationalsozialismus <1933-1945>
Ort1.0.0   Provinzialverband / LWL
3.5   Münster, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet3.9.2   Provinzialverband / Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
DATUM AUFNAHME2004-01-25
DATUM ÄNDERUNG2015-10-26
AUFRUFE GESAMT3405
AUFRUFE IM MONAT14