Die Entwicklung der Tabakindustrie in Preußisch Oldendorf

von Sandra Hamer

 

Die ersten westfälischen Zigarrenfabriken entstanden in den 1830er Jahren in Minden, Vlotho und Bünde. Von hier aus breitete sich die Zigarrenindustrie in den nordöstlichen Minden-Ravensberger Raum aus und entwickelte sich zu einem der größten Zentren der deutschen Zigarrenindus­trie (Momburg 1996, S. 11). Der Hauptgrund für die Verlegung der Produktionsstätten von Hamburg und Bremen in das Minden-Ravensberger Land war das große Potenzial an arbeitswilligen und billigen Arbeitskräften, die außerdem aus ihrer vorherigen Tätigkeit, der mittlerweile niedergegangenen Leinenweberei (s. Beitrag Lassotta), ein gewisses Maß an "Fingerfertigkeit" mitbrachten. Zudem war die Region durch den fortschreitenden Ausbau der Weserschifffahrt begünstigt und im Gegensatz zu Hamburg und Bremen ein Teil Preußens und gehörte somit dem Deutschen Zollverein an. Dadurch ergaben sich zollpolitische Vorteile, die einen preiswerteren Absatz der hier hergestellten Zigarren ermöglichten. Nachdem sich die Tabak verarbeitende Indus­trie in einer ersten Phase in den Städten niedergelassen hatte, folgte ab 1846 eine langsame Ausbreitung in den ländlichen Raum (Abb. 1).
 

Entwicklung in der westfälischen Tabakindustrie ab 1830 Abb. 1: Entwicklung in der westfälischen Tabakindustrie ab 1830 (Quelle: Momburg 1996, S. 13)

Preußisch Oldendorf – verlängerte Werk­bank der Tabakindustrie

Im Jahr 1859 eröffnete die Firma Steinmeister & Wellensiek die erste Zigarrenfabrik in Börninghausen, einem heutigen Ortsteil der Stadt Preußisch Oldendorf. Man hatte zuvor einige Börninghauser in Bünde die Zigarrenherstellung gelehrt, so dass diese jetzt in der neugegründeten Fabrik als Ausbilder fungieren konnten. Der Betrieb hatte Anfang der 1860er Jahre 64 Beschäftigte. Auch in Preußisch Oldendorf ließ sich eine Zigarrenfabrik mit 52 Beschäftigten nieder. Wer der Besitzer war, lässt sich nicht restlos aufklären. Es kann sich entweder um die Firma Steinmeister & Wellensiek handeln oder um die Osnabrücker Firma Buff (Momburg 1996, S. 34). Auch im Ortsteil Holzhausen-Heddinghausen eröffnete die Bünder Firma Steinmeister & Wellensiek Ende der 1860er Jahre eine Zigarrenfabrik.

Die Entwicklung der Zigarrenindus­trie schritt schnell voran und gegen Ende der ersten Entwicklungsphase (Abb. 1) gab es in Preußisch Oldendorf und in Börninghausen je drei sowie in Holzhausen eine Zigarrenfabrik. Die Ansiedlung von Tabakfilialen als neuer wirtschaftlicher Zweig in Preußisch Oldendorf hatte eine wesentliche Verbesserung des Lebensstandards zur Folge. Neben der Arbeit in der Zigarrenfiliale bearbeiteten die Zigarrenmacher einen Acker, auf dem Kartoffeln, Gemüse und Obst für den Eigenbedarf angebaut wurden und hielten dazu eine Ziege und ein Schwein. Die Vermengung von landwirtschaftlicher und gewerblicher Tätigkeit war für die Region um Preußisch Oldendorf sehr charakteristisch, wie aus dem Jahresbericht für 1909 der Handelskammer Minden hervorgeht: "Was man anderswo in künstlicher Weise zu erreichen sucht, die in­dustriellen Arbeiter aus den übervölkerten Städten auf das flache Land zu verpflanzen, ihnen die Möglichkeit der Erwerbung eines eigenen Heims und eines Stückchen Ackerlandes zu verschaffen, alles dies hat sich in unserer Gegend auf natürliche Weise als eine Folge der Ausbreitung der Tabakindustrie entwickelt" (zit. nach Momburg 1996, S. 72).

Die Tabakindustrie sollte die Wirtschaft in Preußisch Oldendorf für die nächsten 100 Jahre bis in die 1960er Jahre prägen. Innerhalb des Amts Preußisch Oldendorf bildeten sich in dem damaligen Holzhausen und Börninghausen zwei Schwerpunkte der Zigarrenindustrie. Die Arbeit fand entweder in sog. Zigarrenbuden oder später in Heimarbeit statt. In Preußisch Oldendorf, Börninghausen und Holzhausen waren im Jahr 1878 insgesamt 346 Beschäftigte in der Zigarrenindustrie tätig; davon arbeiteten 303 in Fabriken und 43 in Heimarbeit (Abb. 2).

Beschäftigte in der Tabakindustrie 1878-1901 Abb. 2: Beschäftigte in der Tabakindustrie 1878–1901 (Quelle: Momburg 1996, S.37f.)

Rezession und Aufschwung

Die 1879 erlassenen Zoll- und Steuergesetze hatten zur Folge, dass der Preis für einen Doppelzentner Tabak von 24 auf 85 Mark angehoben wurde. Durch die drastische Zollerhöhung hatten die Herstellerbetriebe mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen, eine Phase der Rezession und Stagnation begann. Gab es im Kreis Lübbecke im Jahr 1878 noch 39 Fabriken, so waren es 1880 nur noch 30, ein Rückgang um fast 25%. Auch die Zahl der Beschäftigten schrumpfte in den zwei Jahren von 1.565 auf 1.097 (Momburg 1997, S. 38ff.). Das Amt Preußisch Oldendorf (mit Blasheim) war von den Schließungen nicht ganz so stark betroffen. Von neun Fabriken im Jahr 1878 musste nur eine schließen. Die Zahl der Beschäftigten sank nur geringfügig. Die im Vergleich zu größeren Städten geringeren Lohnkosten werden ein Grund gewesen sein, weshalb Preußisch Oldendorf von der Schließungswelle nur "gestreift" wurde. Auch die Heimarbeiter waren von dem Arbeitsplatzabbau kaum betroffen, da sie noch niedrigere Löhne als die Fa­brikarbeiter empfingen und so die Preiserhöhung zum Teil ausglichen. Die Zollerhöhung hatte somit zur Folge, dass die Anzahl der Beschäftigten in Heimarbeit anstieg (Momburg 1996, S. 40). Erst zehn Jahre später, in den 1890er Jahren, erholte sich die Zigarrenindustrie im Kreis Lübbecke wieder. Ein Vergleich der Beschäftigtenzahlen von 1878 mit der Zahl der Beschäftigten in der Tabakindustrie im Jahr 1901 zeigt einen ganz klaren Anstieg (Abb. 2). Waren 1878 in der gesamten Gemeinde Preußisch Oldendorf 368 Einwohner in der Tabakindus­trie beschäftigt, so waren es 1901 bereits 641 Beschäftigte. Eine nähere Betrachtung zeigt, dass insbesondere die Zahl der in Heimarbeit Arbeitenden von 43 (1878) auf 298 (1901), was fast einer Versiebenfachung entspricht, gestiegen war. Auch in Engershausen, Harlinghausen, Getmold und Offelten, Ortschaften, in denen zuvor keine Tabakindustrie angesiedelt war, waren nun Menschen in Heimarbeit damit beschäftigt, Zigarren zu fertigen. Auffällig ist, dass in den Ortsteilen, die im Norden der Gemeinde liegen, mit Ausnahme von Getmold, die Tabakindustrie keinen Einzug erhielt. Dies kann an den schlechten Verkehrsanbindungen gelegen haben. Die Zahl der Beschäftigten in den "Hochburgen" der Tabakindus­trie Börninghausen-Eininghausen und Holzhausen-Heddinghausen stieg um 65% (Abb. 2). Im Jahr 1905 waren in Börninghausen-Eininghausen 17% der Bevölkerung (inkl. Nichterwerbstätiger) in der Tabakindustrie beschäftigt und in Holzhausen-Heddinghausen immerhin 9,5%.

Beschäftigte in der Tabakindustrie 1901 in Holzhausen-Heddinghausen Abb. 3: Beschäftigte in der Tabakindustrie 1901 in Holzhausen-Heddinghausen (Quelle: Momburg 1996, S. 87ff.)

Bis zum Ersten Weltkrieg erfolgte eine Phase des Wachstums. Neue Filialbetriebe entstanden, aber auch viele Kleinunternehmer machten sich selbstständig. Allein in Börninghausen-Ei­ninghausen gab es in den 1890er Jahren 13 Filialbetriebe. Diese Zweigniederlassungen boten insbesondere den Heuerlingen neue Verdienstmöglichkeiten und halfen ihnen aus der Armut. Auch viele Frauen fanden in diesem Gewerbezweig eine Arbeit. Nach anfänglichen Ressentiments setzte sich die Beschäftigung von Frauen in Preußisch Oldendorf durch. Auffallend ist, dass 1901 auf dem Gebiet der heutigen Stadt 53,4% der Beschäftigten in der Zigarrenindus­trie Frauen waren, wohingegen im Kreis Lübbecke der Frauenanteil bei 50% und im Kreis Minden sogar bei nur 22,7% lag. Die Entlohnung erfolgte nach Leis­tung, wobei es für 1.000 Zigarren ein festes geschlechtsunabhängiges Gehalt gab. Ein Grund für den hohen Frauenanteil könnte die weite Verbreitung der Heimarbeit Anfang des 20. Jh.s sein (Abb. 3). Wobei es auch Zigarrenfilialen gab, die einen hohen Frauenanteil hatten (Abb. 4).

Eine Besonderheit in der Zigarrenindustrie sind die vielen Kleinstbetriebe, die keine fremden Arbeitskräfte, sondern allenfalls Familienangehörige beschäftigten. Meist handelte es sich um frühere Werkmeister oder Zigarrenfacharbeiter, die in ihren eigenen Wohnungen Geräte aufstellten und von dort aus produzierten. Durch die gute Qualität der Zigarren, den Direktvertrieb und ihre flexible Arbeitsweise konnten diese Alleinbetriebe durchaus mit größeren Unternehmen konkurrieren. Große Nach­teile der Heimarbeit waren die Kinderarbeit und die schlechten Wohnverhältnisse der Zigarrenmacher.

Belegschaft in einer Zigarrenfabrikfiliale Abb. 4: Belegschaft in einer Zigarrenfabrikfiliale (Quelle: Heimat- und Verkehrsverein Börninghausen-Eininghausen e.V.)

Niedergang der Tabakindustrie

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs erlebte die Zigarrenindustrie durch die Aufträge von Heer und Marine noch einmal eine kurze Zeit der Hochkonjunktur. Mit Einführung der Banderolensteuer, radikalen Zoll- und Steuererhöhungen durch die Notverordnung der Reichsregierung, einer rasanten Inflation und einer ersten Mechanisierung der Produktion verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in den 1930er Jahren erheblich. Massenentlassungen und hohe Arbeitslosigkeit waren die Folgen. Während des Zweiten Weltkriegs setzte eine kurze Phase der Erholung ein und Preußisch Oldendorf erlebte sogar mit rund 1.600 Zigarrenmachern seinen absoluten Höhepunkt in der Zigarrenindustrie. Mit dem Zusammenbruch des Dritten Reichs kam auch die Zigarrenherstellung zeitweise vollständig zum Erliegen. Nach 1945 konnte die Zigarrenindustrie in Preußisch Ol­dendorf nicht mehr Fuß fassen. Die Konzentration der Zigarren­indus­trie, der Ab­bau des ländlichen Filialnetzes als Folge der Me­chanisierung und das veränderte Kon­sumverhalten der Ver­braucher (Zigarette) beendeten die 100-jährige Ge­schichte der Ta­bakin­dus­trie in Preußisch Oldendorf. Einzig die "Dannemann Cigarrenfabrik GmbH" in Lübbecke erinnert noch an deren Geschichte im Minden-Ravensberger Raum.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2011