Der "Tertiäre Wirtschaftssektor" in Westfalen

11.05.2015 Peter Wittkampf

Inhalt

Methodische Vorbemerkung

Die traditionelle Dreiteilung der Wirtschaft in einen Primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft, Fischerei), einen Sekundären (Industrie, s. Beitrag Wittkampf) und einen Tertiären Sektor (Dienst­leis­tungen) geht im Wesentlichen auf J. Fourastié und die Mitte des 20. Jh.s zurück. Da diese Grobgliederung den gegenwärtigen Erfordernissen der Statistik und der Vergleichbarkeit von Wirtschaftsleistungen innerhalb Europas nicht mehr genügte, wird die Gesamtwirtschaft seit einigen Jahren neu gegliedert. Die neue "Klassifikation der Wirtschaftszweige" von 2008 unterteilt die Wirtschaft in 21 "Abschnitte" (A–U), die ihrerseits wieder eine Fülle von Unterklasssen aufweisen. Dabei umfassen die Abschnitte G–T die Dienstleistungsbereiche, um die es in diesem Beitrag geht und die im Prinzip dem "Tertiären Wirtschaftssektor" entsprechen.

Das Statistische Jahrbuch Nordrhein-Westfalen unterteilt den Dienstleistungssektor zur besseren Übersichtlichkeit in folgende drei große Bereiche (Abb. 1):
a)  Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleister, Grundstücke und Wohnungswesen;
b)  Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation;
c)  öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung, Gesundheit.

Im Folgenden wird von den Zahlen dieses Statistischen Jahrbuchs ausgegangen. Die Ausgabe 2013 enthält die Ergebnisse des Jahres 2011. Außerdem werden bewusst nicht die Zahlenwerte für die "sozialversicherungspflichtig Beschäftigten" (s. Beitrag Wittkampf) zugrunde gelegt, sondern die für die "Erwerbstätigen" insgesamt, um auch die Beamten, die Selbstständigen usw. mit einzubeziehen, die ja im Tertiären Sektor statistisch eine wesentliche Rolle spielen.

Abb. 1: Erwerbstätige im Dienstleistungssektor (Quelle: IT.NRW, eigene Berechnungen)

Bedeutung und Entwicklung des Tertiären Sektors

Im Jahr 2011 waren in Westfalen-Lippe 2,86 Mio. Erwerbstätige im Dienstleistungssektor tätig. Das wa­ren 71,7% aller Erwerbstätigen (2008: 2,75 Mio. = 70,1%). Die "Tertiärisierung" der Wirtschaft ist also signifikant, und der Bedeutungsanteil des Tertiären Sektors wächst überall weiter. So nahm im Zehnjahreszeitraum von 2001 bis 2011 die Anzahl der entsprechenden Erwerbstätigen in allen Kreisen und kreisfreien Städten Westfalens weiter zu. Besonders deutliche Zuwachsraten verzeichneten dabei einerseits Zentren wie Münster und Paderborn, andererseits aber auch Teilregionen mit insgesamt besonders starker Wirtschaftsentwicklung, wie etwa das Münsterland und der Kreis Gütersloh (Abb. 2). Dabei profitiert der Dienstleistungssektor in der Regel von der wirtschaftlichen Gesamtstärke einer Region, wobei unternehmensbezogenen Dienstleistern das Florieren anderer Unternehmen und personenbezogenen Dienstleistern der relative Wohl­stand der Privatpersonen zugute kommen kann. Nur schwache Zuwachsraten erzielten dagegen jene Ruhrgebietsstädte, die den Strukturwandel noch nicht zufriedenstellend bewältigt haben. Auch in strukturschwachen Kreisen wie z.B. Höxter sind die Zuwächse gering (Abb. 2).

Abb. 2: Entwicklung der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor 2001–2011 (Quelle: IT.NRW, eigene Berechnungen)

Der Anteil der im Dienstleistungssektor Tätigen ist räumlich unterschiedlich ausgeprägt. Deutlich unter dem oben genannten Durchschnittswert von 71,7% liegen die Zahlen vor allem in den stark industriell geprägten Teilregionen Südwestfalens (s. Beitrag Krajewski), vor allem im Märkischen Kreis und im Kreis Olpe, wo die Erwerbstätigenanteile des Tertiären Sektors deutlich unter 60% bleiben. Die "Spitzenposition" nimmt in dieser Statistik dagegen die Stadt Münster ein, wo 89,1% aller Erwerbstätigen zum Dienstleistungssektor gehören (Abb. 1).

Die Unterschiede zwischen Müns­ter und beispielsweise dem Märkischen Kreis kann eine Gegenüberstellung verdeutlichen, in der in diesem Falle allerdings nur die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten für Ende 2013 exemplarisch für einige wenige Bereiche dargestellt wird (Tab. 1).

Werte von mehr als 80% Erwerbstätige im Tertiären Sektor erreichten 2011 – außer Münster – auch Dortmund, Bielefeld und Bochum. In den Großstädten bzw. Oberzentren konzentrieren sich u.a. Verwaltungen, Kliniken, Hochschulen usw., sodass diese hohen Prozentwerte nicht verwundern.

Tab. 1: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der kreisfreien Stadt Münster und im Märkischen Kreis 2013 (Quelle: IT.NRW)

Die Teilbereiche des Tertiären Sektors

Wie oben erwähnt, bildet in der NRW-Statistik die Sparte der Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleister, der Grundstücke und des Wohnungswesens eine von drei Teilbereichen des Tertiären Sektors. Am stärksten ist dieser Teilbereich in Dortmund und Münster ausgeprägt (Abb. 1). Wenn man sich auf die "Gelben Seiten" bezieht, finden sich z.B. als Firmen der Unternehmensberatung in Dortmund 177, in Münster 137. Außerdem gibt es in Dortmund z.B. 62 Werbeunternehmen, 30 Wach- und Sicherheitsunternehmen, 33 Wohnungsunternehmen usw. In Münster arbeiten mehr als 6.000 Mitarbeiter allein für die beiden Versicherungen LVM (Abb. 3) und Provinzial. Den geringsten Erwerbstätigenanteil hat dieser Teilbereich dagegen im Kreis Höxter; denn dafür fehlt es hier sowohl an der Anzahl als auch an der Größe entsprechender Unternehmen.

Ein zweiter Teilbereich des Tertiären Gesamtsektors ist mit den Stichworten Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation umrissen. Einen Spitzenwert in Bezug auf den Anteil der Erwerbstätigen in diesem Teilbereich verzeichnet der Kreis Gütersloh, wo u.a. von der Bertelsmann AG (s. Beitrag Grothues) in der Stadt Gütersloh entscheidende Impulse ausgehen. Aber auch in den wirtschaftlich prosperierenden Münsterlandkreisen sowie in den Kreisen Herford und Unna ha­ben viele Erwerbstätige z.B. in den Sparten Handel und Verkehr ihre Beschäftigung gefunden (Abb. 1).

Abb. 3: Zentrale der LVM-Versicherung in Münster (Foto: P. Wittkampf)

Der dritte Teilbereich umfasst die öffentlichen und sonstigen Dienstleister sowie die Sparten Erziehung und Gesundheit. Hier konzentrieren sich die höchsten Anteilswerte einerseits in den großen Städten, wo sich z.B. die großen Kliniken befinden, andererseits in den strukturschwachen Teilregionen (Abb. 1). Im Kreis Höxter beispielsweise sind, wie erwähnt, die Voraussetzungen für sehr hohe Erwerbstätigenzahlen in den beiden erstgenannten Teilbereichen ungünstig, sodass allein schon wegen der niedrigen Prozentwerte dort der entsprechende Wert bei den öffentlichen Dienstleistern automatisch höher ausfällt. Außerdem müssen auch solche Kreise Schulen, Krankenhäuser usw. mit Personal ausstatten, unabhängig davon, wie gut oder schlecht es diesem Kreis wirtschaftlich geht.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2015