Bleiwäsche und Giershagen, spätmittelalterliche Bergbaudörfer

von Reinhard Köhne

 

Das Dorf Wünnenberg-Bleiwäsche (452 m ü. NN) erhielt diesen Namen, nachdem um 1540 sieben Bergleute Land von dem Paderborner Amtmann von Westphalen erworben und feste Häuser auf dem Madfeld gebaut hatten (Reininghaus 2005). Die Standortwahl wurde durch die Bleiglanzvorkommen am Nordostrand des Briloner Massenkalks im Alme Bergland beeinflusst, in dessen Klüften Bleivererzungen auftreten.
Bleiwäsche, Steinbruch am Holdenstein Abb. 1: Bleiwäsche, Steinbruch am Holdenstein (Foto: R. Köhne)
Aus dem Bau einer Bleihütte am Lühlingsbach (1540) und der Erhebung des Bleizehnten entwickelte sich lokal zwischen dem Amtmann von Westphalen und dem Kloster Bredelar (s. Beitrag Walter) sowie überregional zwischen dem Bistum Paderborn und dem Herzogtum Westfalen ein Streit vor dem Reichskammergericht um den Verlauf der Territorialgrenze. Aus den Protokollen erfahren wir den Namen der Vorgängersiedlung Thietboldinghausen, die wüstgefallen war. Die auf -inghausen lautende Altsiedlung dürfte im westlich angrenzenden Lühlingsbachtal zu suchen sein, in dem frühmittelalterliche Scherbenkonzentrationen und Bleischlacken auf einen Siedlungsplatz mit Verhüttung hinweisen. Der zugehörige Bergbau findet sich in einem Pingenzug in dem südlich angrenzenden Buchholz und in Pingenfeldern am Holdenstein. Die ältesten Hinweise auf Bleiverhüttung liefern Bleibarren, Schlacken und römische Münzfunde aus dem 2. und 3. Jh. von der Flur Thiekopp (Westf. Museum f. Archäologie 2001).

Das Dorf Marsberg-Giershagen (403 m ü. NN) liegt auf dem Zechsteinplateau am Nordrand der Cansteiner Hochfläche, in deren Verwerfungsklüften sich Eisen-, Kupfer- und Bleierz sowie Gips angereichert haben. Auch hier ist eine Vorsiedlung Upsprunge bei Marsberg bereits 948 belegt.
Giershagen, Pingenfeld im Grünland Abb. 2: Giershagen, Pingenfeld im Grünland (Foto: R. Köhne)
Die Siedlung Niederupsprunge im Diemeltal wurde aufgegeben und Oberupsprunge erstmals 1230 erwähnt (Reininghaus 2000).

Der mit diesem Ort identische Name Giershagen setzte sich im 15. Jh. durch, in dem der Grundbesitz, erweitert durch die südlich angrenzende Wüstungsflur Esbecke, überwiegend vom Kloster Bredelar abhängig war. Die Verlegung des Siedlungsschwerpunktes rückte das Dorf aus der Randlage im Diemeltal in den Mittelpunkt der Erzlagerstätten auf der Hochfläche.

Frühe Belege über Bergbau liefern Auseinandersetzungen über Abbaurechte, so 1273 über "spelunce (Höhlen) am Arneslyth" (Arnstein, Rhenetal), dessen Grubengebäude heute größtenteils durch Diabasabbau zerstört ist. Die Bergbaurelikte der Eisengrube "Teufelspad" vor dem Hohenstein südlich von Giershagen sind besser erhalten. 1544 erklärte der Abt von Bredelar zu einem Überfall auf die Gruben im Streit mit Waldeck, dass die Gruben seit mehr als 200 Jahren im Besitz des Klosters seien (Reininghaus). Im Umkreis von etwa drei km von Giershagen liegt ein Kranz von Gruben, von denen Wartersberg, Eckefeld und Webel im Süden einen lagerstättenorientierten Verlauf der umstrittenen Territorialgrenze verdeutlichen. Aber auch zwischen Giershagen, Borntosten und Leitmar liegen die Gruben Kaltenbeutel, Kaltenbuche oder Hüneburg, Huxholl und weiter nördlich Pingenfelder am Buchholz und das Grubenfeld Lühlingsholl im Giershagener Wald an der Diemel, deren bergbauliche Tradition bis ins 16. und 17. Jh. zurückreicht. Offensichtlich begünstigte das Kloster Bredelar die Mittelpunktsiedlung Giershagen, um die bergbauliche Erschließung der Rohstoffe im Umland zu fördern.
Bleiwäsche 1832 Abb. 3: Bleiwäsche 1832 (Entwurf: R. Köhne, Quellen: Übersichtshandriss d. Gem. Bleiwäsche 1832, Katasterarchiv Paderborn; Geologische Karte 1898)
Die Neusiedler gestalteten die Ortsgrundrisse in Form eines ungeregelten Wegedorfs (Abb. 3 u. 4), das sich aus der traditionellen Weilerform entwickelt. Die Lage von Bleiwäsche auf dem verkehrsgünstigeren Plateau ermöglichte die Ausweitung entlang der Fernwege. Die Flurbezeichnung "Schächte" westlich von Bleiwäsche weist auf Grubengebäude hin, die bis unmittelbar an die Bebauung heranreichten (Abb. 3). Im Bereich des Pfarrheims nahe der Kirche stieß man 1893 bei Bauarbeiten auf Stollen unter den hofnahen Gärten (Heimat- u. Verkehrsverein Bleiwäsche 1998). Ein Rezessbuch von 1744 über Kupfergruben bei Giershagen liefert unter der Rubrik "Kupfergruben in Giershagen im Dorf" oder "bei seinem Haus" sechs Fundgruben, deren Lage sich bis auf zwei anhand der Hofnamen im Urkataster 1830 rekonstruieren lässt (Reininghaus). Die "Hausgruben" liegen am südöstlichen Ortsrand am Wege nach Adorf.
Giershagen 1830 Abb. 4: Giershagen 1830 (Entwurf: R. Köhne, Quelle: Katasterarchiv Brilon)

Die innerörtliche Gewinnung von Bodenschätzen (Abb. 3 u. 4) zeigt den Stellenwert des Bergbaus für die Neusiedlungen, der gegenüber der agraren Subsistenzwirtschaft auf mäßigem Standort Priorität genoss. Selbst das alte kirchliche Zentrum Giershagens (Klus-Kapelle) am Diemeltal wurde zugunsten verbesserter Erwerbsmöglichkeiten in der Montanwirtschaft aufgegeben. Die Gemengelage von landwirtschaftlichen Flächen und Grubenfeldern in der Ortslage oder im Umfeld ist typisch für spätmittelalterliche Bergbausiedlungen, Weiler oder Dörfer. Neben der traditionellen landwirtschaftliche Produktion gewannen für die "Montanbauern" die Förderung von Bodenschätzen, der Transport, die Köhlerei und die Verhüttung an Bedeutung. Nach der spätmittelalterlichen Wüstungsperiode war der Bergbau in einer erzreichen Gemarkung  Hauptimpuls für die Neusiedlung, die vom Grund- oder Territorialherrn mit der Funktion unterstützender Infrastruktur in einem umstrittenen Grenzsaum gefördert wurde.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007