Eisenerz-Bergbau und Metallgewerbe im nordöstlichen Sauerland im 19. Jh.

Im 19. Jh. erfuhr das Nordostsauerland im Gebiet der Täler von Hoppecke, Diemel und Rhene eine tiefgreifende wirtschaftliche Umstrukturierung. In Fortführung der traditionellen, seit dem Mittelalter belegten Erzgewinnung, Metallerzeugung und -verarbeitung (s. Beitrag Köhne) entwickelte und verstärkte sich ein gewerblich-industrieller Aufschwung. Zentrum dieser Entwicklung war neben Marsberg mit seiner Kupferindustrie das ehemalige Kloster Bredelar, in dem ab 1827 der Gewerke Ulrich aus Brilon die Theodorshütte als Eisenhütte einrichtete.

Die Standortvoraussetzungen für die eisenschaffende und eisenverarbeitende Industrie im nordöstlichen Sauerland können als relativ günstig bezeichnet werden. Eisenerzvorkommen sind als Roteisenstein-Horizont aus dem Mittel-Devon innerhalb des Dreiecks Brilon - Marsberg - Adorf vorhanden. Hauptenergieträger waren bis zum Beginn des 19. Jh.s Holz und Wasserkraft. Noch bis 1880 wurde im Nordostsauerland Erz ausschließlich auf der Basis von Holzkohle verhüttet. Das dazu benötigte Kohlholz wurde den umliegenden Wäldern entnommen. Wasserkraft stand an den Flussläufen in genügendem Maße zur Verfügung. Sie war bis zum ersten Einsatz von Dampfmaschinen um die Mitte des 19. Jh.s alleinige Antriebsquelle für jede Art von Mechanisierung.  Arbeitskräfte rekrutierten sich aus der wenig ertragreichen Landwirtschaft. Als Hauptabnehmer für Eisenerz bot sich das expandierende Ruhrgebiet an. Doch erst mit der Eröffnung der Ruhr-Diemel-Eisenbahn im Jahre 1873 wurden die notwendigen Verkehrswege in ausreichendem Maße geschaffen.

Bereits im 10. bis 13. Jh. wurde Eisenerz im Gebiet der östlichen Herrschaft Padberg gefördert. In unmittelbarer Nähe standen die Schmelzöfen mit der damals üblichen Rennfeuertechnik auf den Anhöhen. Erst nach der Erfindung des wasserradgetriebenen Blasebalgs verlagerten sich die Standorte der Hütten in die Täler. Dort reihten sich die Hammerwerke auf, welche ebenfalls die Wasserkraft nutzten.
Bergbau und Metallgewerbe im nordöstlichen Sauerland um 1800 und 1883 Abb. 1a und 1b: Bergbau und Metallgewerbe im nordöstlichen Sauerland um 1800 und 1883 (Entwurf: H.-H. Walter, Quellen: Akten Stadtarchiv Marsberg u. Staatsarchiv Münster)
Abb. 1a zeigt die Situation um 1800. Noch ist die ursprüngliche Aufreihung von Hütten und Hammerwerken an den Flussläufen, welche die Energie lieferten, erkennbar. Bevorzugt war der Lauf der Hoppecke, deren starkes Gefälle sich noch 1629 nicht weniger als neun Hammerwerke und fünf Hütten nutzbar machten. Im Raum Bredelar waren die alte Bredelarer Hütte und der Bredelarer  Hammer in Betrieb, ebenso Hütte und Hammer in Beringhausen. Die Gruben, die den Hütten das Erz lieferten, lagen in deren Nähe. Als einzelner Privatunternehmer erwarb der Gewerke Anton Ulrich aus Brilon zwischen 1790 und 1816 nach und nach alle Hütten und Gruben im Hoppecketal und um Giershagen, darüber hinaus noch Anteile an den Waldecker Gruben. Damit wurden die Grundlagen für das Aufleben des Gewerbes nach 1835 geschaffen.

Der Umbruch in der ersten Hälfte des 19. Jh.s begann mit der Umwertung der Standortvoraussetzungen. Ab dem Jahr 1810 stellten sich verminderte Absatzchancen ein. Sie waren bedingt durch die hessen-darmstädtische Steuerpolitik, die schlechten Verkehrsverhältnisse sowie einen akuten Mangel an Kohlholz. Die Folge davon war, dass die Mehrzahl der Eisenhütten geschlossen werden musste. Nach 1810 waren nur die Hoppecker Hütte und die (alte) Bredelarer Hütte noch in Betrieb. In dieser Situation geschah dann das Überraschende: Der Gewerke Anton Ulrich aus Brilon beantragte 1825 die Concession (Erlaubnis) zur Eröffnung einer neuen Eisenhütte in Bredelar. Ihm war besonders daran gelegen, die Kirche der im Zuge der Säkularisation 1804 aufgelösten Zisterzienser-Abtei Bredelar zu nutzen. Diese erschien wegen ihrer Bauhöhe geeignet, den Hochofen aufzunehmen. Nach Erteilung der Concession wurde der Hochofen 1828 in der ehemaligen Kirche angeblasen (Abb. 2). Von diesem Zeitpunkt an vollzog sich ein struktureller Wandel. Mit der Eröffnung der neuen Bredelarer Hütte hatte sich ein Konzentrationsprozess in der gesamten Region vollzogen. Es gab an Hoppecke und Diemel nur noch einen einzigen Hüttenstandort, nämlich Bredelar. Die Eisenhütte florierte, so dass Ulrich 1836 einen zweiten und 1851 einen dritten Hochofen in Betrieb nehmen konnte.

Der Theodorshütte in Bredelar waren nicht weniger als acht Erzgruben zugeordnet, die sich alle im Besitz des Gewerken Ulrich befanden. Das waren fünf Gruben im Hoppecke-Tal, sodann drei Gruben am Rande der Waldecker Tafel. Hingegen gelang es Th. Ulrich nicht, das Grubenrevier Eckefeld in den Erzlieferungsverbund seiner Gruben einzubeziehen. Diese Grube wurde im Jahre 1848 von der Firma Blücher AG aus Dortmund aufgekauft. Damit schaltete sich erstmals ein Großunternehmen aus dem Ruhrgebiet ein. Die überregionale Einbindung wurde noch dadurch verstärkt, dass das von der Blücher AG geförderte Erz nicht mehr im Nordostsauerland, sondern trotz schwieriger Tranportbedingungen (per Pferdefuhrwerk zu entfernten Bahnhöfen) in Dortmund verhüttet wurde.
Hochofen in der Klosterkirche Abb. 2: Hochofen in der Klosterkirche (Quelle: Stadtarchiv Marsberg)

Ab Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jh.s erwies sich die Standortbenachteiligung durch die Verkehrsferne als zunehmend stärkeres Hemmnis für den Fortgang des Industrialisierungsprozesses. Erst als im Jahre 1873 die Ruhr-Diemel-Eisenbahn (Dortmund - Brilon-Wald - Warburg) fertiggestellt war, erhielt die Montanindustrie des Nordostsauerlandes einen Industrialisierungsschub, der in einen Wirtschafts-Boom bisher nicht gekannten Ausmaßes einmündete. Der Bahnhof Bredelar wurde relativ großzügig ausgebaut; denn hier zweigte eine Schmalspur-Grubenbahn zu vier Erzgruben im Rhene- und Diemeltal ab. Selbstverständlich bekamen auch die Gruben im Hoppecke-Tal und die Theodorshütte Anschluss an die Reichsbahn. Der verkehrstechnische Anschluss des Nordostsauerlandes an das Ruhrgebiet führte zu einer grundlegenden Bereinigung der Eigentumsverhältnisse in der Montanindustrie. Die expandierenden Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet, die große Mengen an Eisenerz benötigten, kauften nach und nach alle Erz-Gruben und -Verarbeitungseinrichtungen an Diemel, Hoppecke und Rhene auf.

Abb. 1b zeigt das Ergebnis des Bereinigungsprozesses der Eigentumsverhältnisse und der damit verbundenen Konzentration der Betriebseinrichtungen an möglichst wenigen Standorten. Die Erzgruben reihen sich entlang der Linienführung der neuen Eisenbahnen, liegen damit auch verkehrsgünstig zur Theodorshütte Bredelar. Nach dem Konkurs der Blücher AG 1861 kaufte die Aplerbecker Hütte AG Brüggmann, Weyland & Co. in Dortmund bis 1879 alle Gruben im Rhene-Tal einschließlich der Großgrube Eckefeld auf. Alle Gruben im Hoppecke-Tal wurden nach dem Tode von Theodor Ulrich (1871) an die Union AG Dortmund verkauft. Bestandteil dieses Verkaufs war auch die Bredelarer Hütte.

Die Theodorshütte hatte in den Jahren zuvor kontinuierlich weitergearbeitet. In Betrieb waren immer zwei Hochöfen, aber nicht mehr der erste Hochofen im Kirchengebäude (Theodorofen). Es wurde nach wie vor auf Holzkohlen-Basis ohne Koks-Zusatz verhüttet. Im Jahr der Eröffnung der Ruhr-Diemeltal-Eisenbahn setzte schlagartig ein Boom im Bredelar-Adorfer-Erzrevier ein. Die zu Großgruben zusammengefassten Bergwerke der beiden Ruhrgebietsfirmen (Aplerbecker Hütte AG und Union AG) förderten gewaltige Mengen an Eisenerz, das per Eisenbahn ins Ruhrgebiet transportiert wurde (1880: durchschnittlich 25 Eisenbahn-Waggons pro Tag). Die Großgruben beschäftigten je zwischen 170 und 240 Arbeiter. 1881 erreichte die Konjunktur ihren Höhepunkt. Danach mehrten sich die Zeichen einer nahen Wirtschaftskrise.

Ab 1877 erfolgte die allmähliche Umwandlung der Bredelarer Hütte zur Eisengießerei auf der Basis von zunächst lokalem Eisenerz und Koks-Lieferungen aus dem Ruhrgebiet. Eine Katastrophe geschah 1884: Große Teile der Hütte und der ehemaligen Klostergebäude fielen einem Großbrand zum Opfer. Daraufhin verkaufte die Union AG die Theodorshütte, welche schließlich in den Besitz der Maschinenbau AG, vormals Beck & Henkel, aus Kassel gelangte. Als nunmehr reine Eisengießerei unterhielt sie u. a. mit der Produktion von Öfen, Ofenplatten und anderen hochwertigen Gusswaren bis zur Weltwirtschaftkrise 1929/1931 einen florierenden Betrieb.

Die Trennung der Hütte von den Erzgruben war 1885 nach dem Besitzwechsel erfolgt. Von diesem Zeitpunkt an wurde in Bredelar kein Eisenerz mehr verhüttet. Im Gegensatz zur Eisengießerei steuerte der Bergbau an Hoppecke, Diemel und Rhene gegen Ende des Jahrhunderts in eine schwere Strukturkrise. Durch die hohen Produktions- und Tranportkosten war das Bredelar-Adorfer Eisenerz-Revier nicht mehr konkurrenzfähig, und bald waren auch die abbauwürdigen Erzvorräte in den meisten Gruben erschöpft. Daher ging ab 1896 die Erzförderung stark zurück. Kurz nach der Jahrhundertwende kam es in nur drei Jahren zum völligen Zusammenbruch des Erzbergbaus im gesamten Revier. Bis auf die Grube Martenberg wurden zwischen 1901 und 1903 alle Gruben geschlossen.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007