Bergarbeiterkolonien für das ''Sauerländische Kalifornien''

von Reinhard Köhne

 

Grube Alexander 1850 bis 1950 Abb. 1: Grube Alexander (Meschede) 1850–1950 (Entwurf: R. Köhne, Quelle: Katasterarchiv Arnsberg)

Nachdem der Bergbau auf Blei und Silber im Ramsbecker Revier (ca. 15 km südöstlich von Meschede) seit dem Jahre 1000 überwiegend in kleineren Betrieben Erz gefördert hatte, wurden durch deren Zusammenschluss bis 1850 in der Ramsbecker Gewerkschaft in den Hauptstädten Europas Begehrlichkeiten geweckt, über Aktienkauf schnell reich zu werden. Aus dem Rheinisch-Westfälischen Bergwerksverein erwuchs durch Spekulation 1854 die neue Gesellschaft "Aktiengesellschaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stolberg und in Westfalen" mit einem Eigenkapital von vier Mio. Talern. Generaldirektor war Heinrich Stefan Bernard aus Aachen und Aufsichtsratsvorsitzender Andreas Köchlin aus Paris, der sich nach Titelkauf Marquis de Sassenay nannte und bis 1846 bereits acht Mal Bankrott gemacht hatte. Die gutgläubigen Aktionäre, welche die Ramsbecker Gewerkschaft ablösten, kamen überwiegend aus Belgien, Frankreich und Holland. Das Unternehmen setzte sich zum Ziel, das Ramsbecker Bergrevier zur führenden Montanregion in Europa auszubauen. Die Beschäftigtenzahlen der Ramsbecker Gewerkschaft waren von 100 im Jahre 1836 auf 317 im Jahre 1853 gestiegen. Die Leute kamen überwiegend aus Ramsbeck und der näheren Umgebung. Die Planungen der neuen AG gingen von mindestens 1.800 Bergarbeitern aus, für deren Familien in drei Bergarbeiterkolonien in Grube Alexander (Abb. 1), Andreasberg (Abb. 2) und Heinrichsdorf (Abbn. 3, 4) neue werkseigene Wohnsiedlungen geschaffen werden sollten. Kolonie Alexander lag am Westhang des Bastenberges (744 m ü.NN) bei Meschede-Blüggelscheidt unweit der Gruben "Alexander" und "Glücksanfang", in denen drei bis vier Bergleute bis 1848 nur eine geringe Ausbeute erzielt hatten. Durch einen neuen  Maschinenschacht  wurde ein Erzvorkommen mit Bleiglanz, Zinkblende, Kupferkies und Pyrit erschlossen, das anfangs zu den erfolgreichsten Investitionen der neuen Gesellschaft wurde.

Andreasberg um 1854 und Arbeiterhäuser in der Bergarbeiterkolonie Neu-Andreasberg Abb. 2: Andreasberg (Bestwig) um 1854 (Quelle: Katasterkarte, umgezeichnet von R. Köhne) und Arbeiterhäuser in der Bergarbeiterkolonie Neu-Andreasberg (Quelle: Haas)

Bestwig-Andreasberg (450 m ü. NN) entstand gleichfalls in der Nähe der mittelalterlichen Grubenfelder "Dörnberg" und "Klingelborn" entlang eines Stichweges sowie Olsberg-Heinrichsdorf (620 m ü. NN) neben den Stollen der Grube "Alte Ries" am Wege von Ramsbeck nach Elpe. Außer der Orientierung am überörtlichen Wegenetz belegen die parallele Reihung der Häuser und die Verdichtung das Prinzip der optimalen Ausnutzung der angekauften landwirtschaftlichen Flächen. Die Hauseinheiten bestanden aus einstöckigen Gruppenbauten in den Ausmaßen 30,2 x 8,5 m Grundfläche, mit je acht Wohnungen. Sie wurden auf unverputzten Bruchsteinsockeln in Holzfachwerkbauweise errichtet. Die Gefache waren ursprünglich mit luftgetrockneten Lehmziegeln und Strohlehmputz ausgefüllt, und die Dächer deckte man mit teergetränkter Pappe. Die Dächer konnten den hohen Niederschlägen mit langen Schneelagen und dem Schlagregen nicht standhalten, und die Häuser wurden wind- und wasserdurchlässig. Schon bald mussten die Außenflächen durch Verschieferungen und Verbretterungen saniert werden. Ein weiterer Schwachpunkt war auch die Wasserversorgung mit in den Hangschutt gegrabenen Brunnen. Da die anstehenden Schiefergesteine nur ein geringes Speichervermögen haben, kam es bei Trockenperioden immer wieder zu Engpässen. Die Abwässer liefen noch 1935 frei auf die Straße hinaus. Auf zwei Familienwohnungen kam ein Abort, der freistehend an der Schmalseite des Hauses angesetzt war. Ställe für die Kleintierhaltung, meistens Ziegen, lagen im talseitig freistehenden Kellergeschoss. Eine massive Zwischendecke zu den Wohnräumen fehlte, so dass die Stallgerüche ungehindert in die Zimmer aufsteigen konnten. Das Gartenland hinter den Häusern diente der Selbstversorgung mit Gemüse und der Futtergewinnung.

Die Bergarbeiterkolonie Heinrichsdorf Abb. 3: Die Bergarbeiterkolonie Heinrichsdorf (Quelle: Katasterarchiv Brilon, umgezeichnet von R. Köhne)

Die Billigbauweise der Arbeiterkolonien ist typisch für die chaotischen Gründerjahre 1854/55, die in der Literatur zutreffend als "Schwindelzeit", "Zeit des kalifornischen Wunderglaubens" oder "Franzosenzeit" beschrieben wurden. Die Verwaltung und Betriebsleitung waren dem völlig überzogenen Bauprogramm mit neuen Stollen, Pochwerken, Hüttenanlagen weder fachlich noch organisatorisch gewachsen. Da die Kapazitäten des örtlichen Landhandwerks nicht ausreichten, kam es zu massiven Preissteigerungen im Umland.

Die Zuwanderer der neuen Kolonien wurden offensichtlich nach Herkunft und Konfession getrennt angesiedelt. Während sich in Grube Alexander ab 1850 überwiegend einheimische katholische Zuwanderer aus Velmede, Heringhausen, Remblinghausen, Silbach und Messinghausen niederließen, kamen die "ausländischen" evangelischen Bergleute aus dem Harz nach Andreasberg und die aus dem Raum Zwickau nach Heinrichsdorf, dem "Sachsenhügel".

Da die versprochenen Löhne nicht gezahlt wurden, die Arbeitsbedingungen unzumutbar und die Wohnungen teilweise unbewohnbar waren, kam es zu Unruhen und schon 1854 zu ersten Rückwanderungen. Vetternwirtschaft, Korruption, Insider-Handel und geringe Erzausbeute bewirkten 1855 die Insolvenz der Aktiengesellschaft, und die Belegschaft von zuletzt 1.057 Zuwanderern musste auf 307 reduziert werden. Die arbeitslosen Bergleute und ihre Familien gerieten in Not und "bettelten" sich, teilweise mit öffentlicher Hilfe,  zurück in die Heimat.

Heinrichsdorf Abb. 4: Heinrichsdorf (Olsberg) (Foto: R. Köhne)

Die weitere Entwicklung der Bergarbeiterkolonien und die Fluktuation ihrer Bewohner waren weitgehend von der Wirtschaftlichkeit des Bergbaus abhängig. Nach einer Konsolidierungsphase in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s kam der Erzbergbau in den Wirtschaftskrisen der Jahre 1923/24 und 1931/33 völlig zum Erliegen. Nach ersten Stilllegungen auf den Grubenfeldern "Alexander" und "Glücksanfang" zwischen 1884 und 1937 wegen zu geringer Erzausbeute wurden die leer stehenden Häuser der Kolonie Grube Alexander bis 1950 abgerissen. Die zerfallenden Bruchsteinsockel der Koloniewüstung liegen längst wieder unter Wald.

Nach einem durch die Subventionspolitik des "Dritten Reiches" und dem Wirtschaftswunder der Nachkriegzeit bedingten Aufschwung bewirkten fallende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt 1974 die endgültige Schließung der Grube.

Die Einrichtung eines Besucherbergwerks in Ramsbeck und die schon 1952 beginnende Privatisierung der werkseigenen Wohnungen erbrachten den Funktionswandel der Bergbau- zu Wohnsiedlungen und die Hinwendung zum Tourismus aufgrund der landschaftsgebundenen Erholung im Ramsbecker Bergland.

Der neue Siedlungstyp "Bergarbeiterkolonie" als frühindustrielle Plansiedlung unterscheidet sich physiognomisch und funktional deutlich von der durch Einzelhöfe, Weiler und Kleinstädte geprägten Kulturlandschaft des Sauerlandes. Die Anfänge des Werkswohnungsbaus sind in den Musterentwürfen des englischen Architekten John Wood für Arbeiterwohnhäuser aus dem Jahre 1770 zu suchen. Vorbilder könnten auch die zwischen 1820 und 1830 in Belgien errichteten kleinen Reihenhäuser mit zwei bis vier Wohnräumen und rückwärtigen Stallungen sein. In Oberschlesien lässt sich Arbeiterwohnungsbau im 18. Jh. nachweisen. Im jüngeren Ruhrrevier entstanden um 1820 bei der Spinnerei Cromford in Ratingen erstmalig drei große Wohnhäuser für Arbeiterfamilien. In Westfalen ist aus der Zeit vor 1828 eine Zeile aus neun gereihten Wohnhäusern auf der Saline Königsborn in Unna (s. Beitrag Harnischmacher) zu nennen.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2008