Salzgewinnung in Westfalen

01.01.2007 Stefan Harnischmacher

"Die älteste Industrie Westfalens ist die Salzproduktion". Dieser Satz des Münsteraner Historikers Aloys Meister aus dem Jahre 1909 verdeutlicht die heute zumeist vergessene Bedeutung der Salzgewinnung im Raum Westfalen. Um die Mitte des 19. Jh.s wurde hierdurch der Kochsalzbedarf von ca. 3 Mio. Menschen gedeckt, die das "weiße Gold" als Würze und vor allem zur Konservierung von Fleisch und Fisch nutzten. Doch nicht nur das Alter der Salzproduktion, auch das hohe gesellschaftliche Ansehen der Sälzer, die damals produzierten Salzmengen sowie die Rolle der Salzgewinnung als Motor der Steinkohlenförderung und technischer Innovationen des Industriezeitalters sollen nachfolgend am Beispiel der Salinenorte Werl, Soest und Unna im historischen Kontext beleuchtet werden.

Zunächst stellt sich die Frage nach den natürlichen Voraussetzungen einer Produktion von Salzen. In den kreidezeitlichen Kalksteinaquiferen (Cenoman, Turon) des artesischen Münsterländer Beckens zirkuliert ein als Sole bezeichnetes hoch versalzenes Grundwasser, das in zahlreichen Quellen im Norden und Süden des Beckenss ausfloss. So beschrieb Huyssen im Jahre 1855 noch mehr als 130 natürliche und künstlich erschlossene, heute zumeist versiegte Sole-Austritte. Für die Salzgewinnung waren insbesondere Solequellen entlang des Hellwegs von Bedeutung, die hier an einer hydrochemischen Grenzfläche zu den im Süden gespeisten Süßwasserquellen auftreten. Die gewonnene Sole im Bereich des Lippischen Berglandes stammt aus weit im Untergrund liegenden Salzvorkommen des Zechsteins, die über tiefreichende Querstörungen hydraulische Verbindungen zum oberflächennahen Untergrund besitzen. Im nördlichen Münsterland wird bei Rheine eine Sole gefördert, deren Herkunft auf Steinsalzvorkommen des oberen Buntsandsteins (Röt) beruht und die ebenso wie im Lippischen Bergland entlang von Störungen einen Weg an die Oberfläche findet.

Älteste Zeugnisse einer Nutzung der Solequellen zur Salzgewinnung sind für die Stadt Werl am Hellweg bekannt. Ausgrabungen im Nordwesten der Stadt legten Gruben zutage, die als Naturlehmpfannen zur Verdunstung von Salzwasser bereits im Neolithikum genutzt wurden. Weitere Funde von Briquetagen, bei denen es sich um trichterförmige, poröse Ziegelsäulen handelt, die zur Aufnahme und anschließenden Verdunstung von Salzwasser dienten, lassen eine Salzgewinnung in der vorrömischen Eisenzeit vermuten. Eine erste schriftliche Quelle zur Salzgewinnung bieten Aufzeichnungen des Klosters Werden an der Ruhr aus dem Jahre 890, in denen von einem Salzzins im Raum Werl die Rede ist, der als Landpacht an die Mönche des Klosters zu entrichten war.

In Soest belegen Funde von Überresten einfacher Tonöfen in der Nähe von Straßenzügen mit so vielsagenden Namen wie "Salzbrink", "Salzgasse" oder "Solgasse" einen frühen Salinenbetrieb industriellen Ausmaßes, den man mit Hilfe von 14C-Datierungen und dendrochronologischen Bestimmungen an Holzfunden bis spätestens ins 7. Jh. zurückverfolgen kann. Bleireste deuten eine Salzsiedung in Bleipfannen an, die mit Brennholz aus einem planmäßig bewirtschafteten Niederwald befeuert wurden. Die einzige schriftliche Quelle zur Salzgewinnung in Soest, der Bericht eines arabischen Reisenden aus dem 10. Jh., bestätigt, dass wohl zu diesem Zeitpunkt noch die Saline in Betrieb gewesen sein muss. Für den anschließenden Zeitraum sind jedoch keinerlei Quellenbelege bekannt, so dass die Soester Saline vermutlich spätestens seit dem 13. Jh. nicht mehr existierte.

Anders erging es der Saline in Werl, die sich seit der Zeit um 1200 urkundlich nachweisen lässt und bis zum Jahre 1919 Salz produzierte. Eine besondere Erwähnung verdient Werl wegen des großen Einflusses der Besitzer von Salinenanteilen, den sog. Werler "Erbsälzern", die zwar ab 1382 für Brunnen, Sole und Siederecht Zehntleistungen an den Kurfürsten von Köln erbringen mussten, jedoch ihr Siederecht und den Siedebetrieb bis in die Neuzeit gegen Ansprüche der übrigen Werler Bürger und der Kurfürsten von Köln zu verteidigen verstanden und im 18. Jh. sogar den Reichsadelstitel erlangten. 1627 veranlasste der Kurfürst von Köln vor den Toren von Werl den Bau einer neuen Saline, des sog. "Neuwerks", um von dem allgemeinen Salzmangel als Folge des Dreißigjährigen Krieges zu profitieren. 1852 wurde die Saline Neuwerk mit der alten Saline Werl vereinigt und unter Leitung eines fachmännischen Salinendirektors zu einem modernen Gesamtunternehmen ausgebaut. Es entstanden große Siedehäuser und moderne Gradierwerke zur Anreicherung der Brunnensolen, so dass die Salzproduktion um 1904 auf 8700 t/Jahr und damit den zweithöchsten Wert aller westfälischen Salinen anstieg. Nach Einstellung der Salzproduktion existierte nur noch das 1885 gegründete Solebad, bis auch dieses 1944 infolge der Zerstörung durch Bomben aufgegeben werden musste. Heute erinnern lediglich der Kurpark und zahlreiche Straßennamen an die ehemalige Salzerzeugung.

Beispielhaft für die Bedeutung der Salzproduktion als Motor der Steinkohlenförderung und technischer Innovationen steht die ehemalige Saline Unna-Königsborn. Die Anfänge einer industriellen und erstmalig 1389 urkundlich erwähnten Salzproduktion in einer Saline sind im heutigen Stadtgebiet Unnas in der damaligen Bauerschaft Brockhausen zu finden. Einen bedeutenden Einschnitt erfuhr die Salzgewinnung als am Ausgang des 16. Jh.s steigende Brennholzpreise das Brockhauser Werk unrentabel machten und um die Wende zum 17. Jh. auf die damals zukunftsweisende Steinkohle umgestellt wurde. Der märkische Steinkohlenbergbau hatte somit zu jener Zeit seinen regional bedeutsamen Stellenwert vor allem dem Salinenbetrieb zu verdanken. Zu Beginn des 18. Jh.s gelangten die Brockhauser Werke unter die Regie des preußischen Staates, in dessen Auftrag ein neuer Brunnen namens "Königsborn" niedergebracht wurde. Der Name des Brunnens ging später auf das gesamte Werk und den Unnaer Stadtteil über. Auch der Bau eines Windmühlen-Pumpwerkes am Brunnen "Friedrichsborn" verdient besondere Erwähnung, da es als eines der wenigen Bauwerke aus damaliger Zeit noch heute besichtigt werden kann. Eine außergewöhnliche technische Errungenschaft war eine im Auftrag des preußischen Staates errichtete Dampfmaschine, die im Jahr 1799 in Betrieb ging und Sole aus über 50 m Tiefe auf die Gradierwerke in 15 m Höhe pumpte. Der Einsatz dieser ersten Dampfmaschine in der Salzgewinnung und nicht im Steinkohlenbergbau spiegelt die große Bedeutung der Saline Königsborn für Preußen wider. Nach weiterem Ausbau erreichte die Saline im Jahre 1847 eine Jahresproduktion von 8284 Tonnen Salz und war damit die größte in Westfalen. Ein abnehmender Salzgehalt der geförderten Sole, ein Nachlassen der Quellschüttung - evtl. verursacht durch den in das östliche Revier vordringenden Steinkohlebergbau - sowie die Entdeckung von Steinsalzlagern veranlassten den Staat, die Saline im Jahr 1872 an den Großindustriellen Friedrich Grillo zu verkaufen. Dieser erwarb 1881 eine in Werries bei Hamm auf der Suche nach Steinkohle erbohrte artesische Quelle, um die Sole über 27 km lange gusseiserne Leitungen nach Königsborn zu führen. Fast sechs Jahrzehnte lieferte diese Quelle die Rohsole für die Saline, die um 1905 eine Salzproduktion von 16000 t erbrachte, bis sie im Jahre 1940 aufgrund von häufigen Rohrbrüchen in der Soleleitung und kriegsbedingter Konzentration des Personals auf die benachbarte Steinkohlenzeche ihren Betrieb einstellte.

Königsborn war nicht nur ein bedeutender Standort für die Salzgewinnung, sondern auch eines der frühesten Solebäder in Westfalen. Nach zunächst erfolgreichem Betrieb des mit Sole aus der Saline Königsborn versorgten, im Jahre 1818 eröffneten "Luisenbades" kam es 1860 zur Schließung. Doch ein im Jahr 1852 ursprünglich nur für Beschäftigte der Saline Königsborn eingerichtetes Badehaus wurde nach dem Kauf der Saline durch Friedrich Grillo im Jahr 1881 groß ausgebaut und verlieh Königborn in den folgenden Jahrzehnten den Status eines bekannten Kurbades. Ebenso wie für die Saline wurde auch hier die importierte Sole aus Hamm genutzt, bis am 15. Oktober 1941 das Sol- und Thermalbad Königsborn seine Pforten schloss. Das Badehaus mit seiner reich verzierten Fassade musste 1958 einer Schule weichen. Heute erinnert eine salinengeschichtliche Abteilung im Hellweg-Museum der Stadt Unna an die Zeit der Salzproduktion. Die 1932 stillgelegte Dampfmaschine ist im Deutschen Bergbau-Museum in Bochum zu besichtigen.

Abb. 1: Salinen in Westfalen (Entwurf: S. Harnischmacher, Quelle: Emons 1988, S. 173)

Neben der vermutlich ältesten Saline in Soest sowie den produktivsten Salzwerken in Unna-Königsborn und Werl existierten in Westfalen die in Abb. 1 dargestellten Salinenbetriebe (angegeben sind der Zeitraum sowie verbliebene Spuren und Folgenutzungen der Salzproduktion).

Zusätzlich zu den vier in Abb. 1 genannten ehemaligen Salinenorten, die durch die Gründung von Heilbädern den Anschluss an das 20. Jh. gefunden haben (Bad Oeynhausen, Bad Salzuflen, Bad Sassendorf, Bad Westernkotten) sowie Rheine mit dem solebeschickten Gradierwerk kamen als Kurorte Bad Waldliesborn, Bad Meinberg, Bad Minden und das Solbad Ravensberg für den ambulanten Heilbetrieb hinzu. In allen genannten Orten erfolgt heute eine Gewinnung von Sole unter Aufsicht der Bergbehörde.

Die Gewinnung von Salz als Rohstoff für die chemische Industrie sowie für die Herstellung von Kochsalz ist heute im Raum Westfalen lediglich am Standort Epe bei Gronau anzutreffen. Hier fördert die Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen seit 1972 durch kontrollierte Bohrlochsolung in den Steinsalzlagerstätten des Zechsteins jährlich ca. 2 Mio. Tonnen Salz in Form von Sole aus Teufen von bis zu 1500 m. Die Sole wird anschließend mit Hilfe eingezäunter, in der Landschaft kaum erkennbarer Pumpen sowie unterirdischer Pipelines zu den Chemiewerken nach Marl und in die Niederlande transportiert. Als Folgenutzung der nach Aussolung verbleibenden unterirdischen Salzkavernen schließt sich seit Beginn des Jahres 2005 die Speicherung von Erdgas an (s. Beitrag Wittkampf).

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2007