50 Jahre Wasservogelforschung an der Möhnetalsperre – zum Wandel der Vogelwelt auf dem größten Gewässer Westfalens

von Wilfried Stichmann und Ursula Stichmann-Marny

 

Möhnetalsperre, Blick nach Südost Abb. 1: Möhnetalsperre, Blick nach Südost (Foto: B. Stemmer)
Talsperren sind technische Einrichtungen und "Natur aus zweiter Hand". Dennoch sind sie attraktiv für Menschen und Vögel sowie oft von besonderem Reiz. Unter den Talsperren im Einzugsgebiet der Ruhr ist die Möhnetalsperre bei Vollstau mit einer Wasserfläche von über 1.000 ha die größte und damit zugleich auch das flächengrößte Gewässer Westfalens.

Schon vor 50 Jahren wurde die Möhnetalsperre für ein Langzeitprojekt zum Studium der Wasservogelwelt und ihrer Veränderungen ausgewählt. Seitdem werden die Wasservogelbestände regelmäßig mindestens einmal monatlich - in der Regel aber häufiger - erfasst. Inzwischen begann die Auswertung des umfangreichen Datenmaterials, das die Auswirkungen der Wasserspiegelschwankungen, der Veränderung der Wasserqualität (Oligotrophierung) und des sich abzeichnenden Klimawandels (s. Beitrag Böwer/Klemm) belegt.
Die häufigsten Wasservögel am Möhnesee Tab. 1: Die häufigsten Wasservögel am Möhnesee (außer Laro-Limikolen) – bislang ermittelte Höchstzahlen (Quelle: W. Stichmann & U. Stichmann-Marny)
Durch die Wasserspiegelschwankungen und den Tiefenabfluss unterscheiden sich Talsperren erheblich von natürlichen Seen. Beide Faktoren haben Einfluss auf die Lebensgemeinschaft und auf die Nahrungsketten und damit auch auf die Vogelwelt. Trotzdem und trotz der intensiven touristischen Nutzung der Möhnetalsperre bietet sie zeitweilig bis zu 20.000 Wasservögeln Rast- und Überwinterungsmöglichkeiten.

Es gibt mehrere Gründe für die besondere Attraktivität dieser Talsperre im Vergleich zu den innersauerländischen Talsperren. Die Möhnetalsperre liegt am Nordrand der Mittelgebirge auf einer markanten Landschaftsgrenze zwischen dem überwiegend agrar genutzten Offenland der Westfälischen Bucht und dem bewaldeten Südwestfälischen Bergland (Abb. 1). Hier markiert die Möhne-Ruhr-Linie eine wichtige Leitlinie vor allem für den herbstlichen Vogelzug. Dieser wird bei den Wasservögeln aus der vorherrschenden Südwestrichtung stärker nach Westen gelenkt. Damit im Zusammenhang steht die starke Frequentierung der sich hier aneinander reihenden Gewässer: Möhnetalsperre - Enser See - Geiseckesee - Hengsteysee - Harkortsee - Kemnader Stausee - Baldeneysee.
Mittlerer Bestand der Reiherente 1962/63 bis 2005/06 Abb. 2: Mittlerer Bestand (Nov. – Febr.) der Reiherente in den Jahren 1962/63 bis 2005/06 (Quelle: W. Stichmann & U. Stichmann-Marny)
Durch ihre Größe, ihre breiten, flach einfallenden Ufer, ihr hohes Nahrungsangebot durch Fischbesatz, Wandermuschelbänke und die benachbarten Feldfluren sowie durch große beruhigte Schutzgebiete im Hevetal und am Einfluss der Möhne und Heve bietet die Möhnetalsperre einer besonders großen Zahl verschiedener Vogelarten günstige Lebensbedingungen. Ein wichtiger Faktor ist auch das Alter der 1912 erstmalig aufgestauten Talsperre, das die Ausbildung traditioneller Rast- und Winterquartiere bei verschiedenen Wasservogelarten ermöglichte.
Mittlerer Bestand der Schellente 1962/63 bis 2005/06 Abb. 3: Mittlerer Bestand (Nov. – Febr.) der Schellente in den Jahren 1962/63 bis 2005/06 (Quelle: W. Stichmann & U. Stichmann-Marny)

Im Laufe der letzten 50 Jahre hat sich die Zusammensetzung der Vogelbestände deutlich verändert. Mit der Oligotrophierung der Möhnetalsperre durch verbesserte Abwasserbehandlung im Einzugsbereich der Möhne nahm die Diversität der Vogelwelt zu. Während in den 1960er Jahren einige wenige Vogelarten stark dominierten (bis zu 12.000 Stockenten und bis zu 11.600 Blessrallen), entfallen seit den 1980er Jahren die extremen Bestandsspitzen (Tab.1). Stattdessen sind in den Vogelscharen mehr Arten gleichmäßiger vertreten (z. B. gleichzeitig mehrere hundert Reiher-, Tafel- und Schellenten, Kormorane und Haubentaucher). Außer dem Kormoran kamen ab 1987/88 die Graugans, ab 1990/91 die Kanadagans und in den letzten Jahren die Nilgans, der Silberreiher und der inzwischen wieder im Arnsberger Wald heimisch gewordene Schwarzstorch hinzu (s. Beitrag Stichmann).

Mittlerer Bestand des Gänsesägers 1962/63 bis 2005/06 Abb. 4: Mittlerer Bestand (Nov. – Febr.) des Gänsesägers in den Jahren 1962/63 bis 2005/06 (Quelle: W. Stichmann & U. Stichmann-Marny)
Besonders deutlich zugenommen hat auf der Möhnetalsperre - aber auch auf anderen westfälischen Gewässern - die Reiherente, die heute nicht mehr nur Durchzügler und Wintergast, sondern auch Brutvogel ist (Abb. 2). Ebenfalls erhöht haben sich die Winterbestände der Schellente (Abb. 3).

Der Rückgang der nordischen Gänsesäger (Abb. 4) und das fast vollständige Ausbleiben der Singschwäne (Abb.5) dürften auf die milde Witterung der letzten Winter zurückzuführen sein. Auch andere aus Nord- und Nordosteuropa stammende Wintergäste aus den Reihen der Seetaucher und der Meeresenten werden offenbar seltener beobachtet als in früheren Jahren.
Mittlerer Bestand des Singschwans 1962/63 bis 2005/06 Abb. 5: Mittlerer Bestand (Nov. – Febr.) des Singschwans in den Jahren 1962/63 bis 2005/06 (Quelle: W. Stichmann & U. Stichmann-Marny)

Die Möhnetalsperre wurde inzwischen der EU als Vogelschutzgebiet gemeldet. Die monatlich ermittelten Daten fließen in ein überregionales Biomonitoring ein. Regelmäßig besuchen Experten- und Studentengruppen die Möhnetalsperre zu Studienzwecken. Für auswärtige Gäste besonders interessant ist die Organisation des Nebeneinanders von Naturschutz und Tourismus an ein und demselben Gewässer. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Ausweisung großflächiger Naturschutzgebiete und die intensive Aufklärung der Menschen über die Schutzziele sowie einige unerlässliche Verhaltensregeln.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2008