''Rot und braun kannst du trau'n, grün und gelb, Gott help!'' – über Hochmoore in Westfalen

Hoch- und Übergangsmoore in Westfalen Abb. 1: Hoch- und Übergangsmoore in Westfalen (Quelle: LÖBF, Heft 4/2005)
Noch zu Beginn des 18. Jh.s gehörten neben Wäldern und Heideflächen auch die Moore zu den kennzeichnenden Landschaftselementen in Westfalen. Vor allem im westlichen Münsterland an der Grenze zu den Niederlanden dehnten sich zahlreiche Moore und Sümpfe aus (Abb. 1).

Lange Zeit galten insbesondere die Hochmoore als Geheimnis umwobene und lebensfeindliche Räume, die vom Menschen zumeist gemieden wurden. Nur wenige mutige Wanderer wagten es, die unwegsamen, z. T. gefährlichen Hochmoore zu durchqueren. Nasse tiefe Hochmoorbereiche (so genannte Schlenken) werden i. d. R. durch grüne und gelbgrüne Torfmoose (z. B. Sphagnum recurvum) angezeigt, trockene erhabene Stellen (so genannte Bulten) sind dagegen oft mit rötlichen und bräunlichen Torfmoosen (z. B. Sphagnum magellanicum) bewachsen. Die Verteilung der moorbildenden Torfmoose ist so charakteristisch, dass für den Moorwanderer die Regel galt: "Rot und braun kannst du trau’n, grün und gelb, Gott help!".

Besonders im 18. und 19. Jh. erfuhren die Hochmoore durch zunehmende Entwässerungs-, Abtorfungs- und Kultivierungsarbeiten immer stärkere Veränderungen, die letztlich zur weitflächigen Zerstörung dieser viele Jahrhunderte lang unberührt gebliebenen Naturlandschaften führten. Nach Untersuchungen von Böhmer (1893-1898) gab es zu Beginn des 19. Jh.s in Westfalen insgesamt nur noch 19.695,25 ha Moore (davon 6.421,50 ha Hochmoore). Das waren bezogen auf die damalige Gesamtfläche Westfalens (1.181.939 ha) 1,67%.

Um zu verhindern, dass auch noch die letzten existierenden Reste dieser einzigartigen Urlandschaft in Westfalen unwiderruflich vernichtet werden, war es notwendig, diese konsequent zu schützen und fachgerecht zu betreuen. Nur dann besteht überhaupt eine Chance, die letzten Hochmoor-Refugien mit ihrer speziell angepassten Flora und Fauna zu erhalten und langfristig möglicherweise sogar wieder auszuweiten.

Am Beispiel des Amtsvenn sollen im Folgenden exemplarisch die intensiven Bemühungen um den Erhalt der in Westfalen noch bestehenden Hochmoorreste aufgezeigt werden (Abb. 1).
Hündfelder Moor, Sonnentau (kleines Bild) Abb. 2: Hündfelder Moor, Sonnentau (kleines Bild) (Fotos: K.-H. Otto)

Das Amtsvenn (mit Amtsvenn Nord und Süd, Hündfelder Moor (Abb. 2), Eper Venn, Graeser Venn/Gut Moorhof, Eper-Graeser Venn/Lasterfeld) bildet die Reste eines ehemals 1.175 ha großen Hochmoorkomplexes. Heute umfassen die noch verbliebenen Reliktflächen mit hochmoortypischer Vegetation noch ca. 88 ha. Wie die übrigen Moore im Westen des Kreises Borken findet auch dieses seine natürliche Fortsetzung in den Niederlanden. Der in der Provinz Gelderland liegende Hochmoorbereich wird "Aamsveen" genannt und steht bereits seit den 1960er Jahren unter Naturschutz.

Die Genese des Amtsvenn reicht bis in die Zeit des Atlantikums (6.000 bis 3.000 v. Chr.) zurück. Das Hochmoor hat sich vermutlich in eiszeitlich entstandenen Mulden gebildet, in denen zuerst Kiefernwälder wuchsen. Bei zunehmender Staunässe setzte dann aber rasch eine Vermoorung ein, in deren Folge es zunächst zur Ausbildung von Flach- und Bruchwaldmooren kam. Erst als die Torfmoose (Sphagnen) mehr und mehr die Vorherrschaft übernahmen und sich flächendeckend ausbreiteten, begann die eigentliche grundwasserunabhängige Hochmoorgenese. Aufgrund des üppigen Wachstum der Sphagnen und ihrer nur unvollständigen Zersetzung stapelten sich im Verlaufe der Entwicklung ältere und jüngere Torfe zu immer mächtigeren Schichtpaketen auf (ca. 1 mm/Jahr). Da die Sphagnen im Moorzentrum infolge der besseren Lebensbedingungen schneller wuchsen als an den Rändern, wölbte sich der Torfmoosteppich schließlich zu einem uhrglasförmigen Gebilde auf, dem Hochmoor (Otto 1995, S. 5 f. u. 2004, S. 30).

Zu den frühesten Nutzungsformen der Hochmoore gehört der Anbau von Buchweizen (Fagopyrum esculentum). Die so genannte Buchweizen- oder Moorbrandkultur, die um 1600 von den Niederländern in Nordwestdeutschland eingeführt wurde, war z. B. im alten Kreis Ahaus noch bis 1860 verbreitet. Buchweizen ist übrigens kein "echtes" Getreide, sondern ein dem Sauerampfer verwandtes Knöterichgewächs. Die Moorbrandkultur bestand darin, dass weite Moorflächen nach ihrer Entwässerung im Herbst oberflächlich aufgelockert und im Frühjahr abgebrannt wurden. In die noch frische Asche säte man den anspruchslosen Buchweizen, der ohne weitere Düngung heranwuchs. Ein später Nachtfrost, der manchmal noch im Juni in Hochmooren auftritt, konnte die gesamte Ernte mit einem Schlag vernichten. Nach vier bis fünf Anbaujahren waren die Nährstoffe weitgehend erschöpft, und die Fläche fiel brach. Erst nach 20- bis 25-jähriger Ruhepause war eine neuerliche Nutzung möglich. Aus den Buchweizensamen wurden vor allem Pfannkuchen gebacken sowie Grütze und Tee gekocht. Die Moorbrandkultur wurde nach dem Ersten Weltkrieg deutschlandweit verboten, weil die alljährlich im Frühjahr durch den Moorbrand entstehenden beißenden Rauchwolken tagelang ganze Landstriche mit ihren Ortschaften überzogen. Die unberührten Hochmoorflächen dienten bei trockenem Wetter häufig auch als Bienen- und Schafweide sowie im Sommer in den weniger vernässten Randbereichen ebenfalls als Kuhweide.

Im Amtsvenn wurde auch Torf abgebaut und zwar zunächst ausschließlich in Form bäuerlicher Torfgewinnung. Hierbei wurden nach vorheriger Entwässerung zunächst die oben liegende Bunkerde und die jüngere weniger zersetzte Weißtorfschicht abgetragen und beiseite geschafft, bevor der darunter liegende ältere, stärker zersetzte Schwarztorf gestochen und zur Trocknung weggebracht werden konnte. Dies alles geschah in Handarbeit. Der Schwarztorf wurde fast ausschließlich als Brennmaterial genutzt. Seit dem Ersten Weltkrieg bis etwa 1950 wurden im Amtsvenn sowohl Schwarztorf als auch Weißtorf abgestochen. Dies erfolgte jetzt allerdings maschinell. Die beiden letzten hier arbeitenden Torfwerke stellten 1981 ihren Betrieb ein. In den Randbereichen des Amtsvenns wurden ausgewählte Teilflächen durch das Verfahren der Deutschen Hochmoorkultur bzw. der Sandmischkultur kultiviert. Die dadurch in ihrer Bodenqualität verbesserten Flächen wurden ackerbaulich und z. T. forstwirtschaftlich genutzt (Otto 1995, S. 8).

Die anthropogenen Eingriffe, die bis in die 1980er Jahre anhielten, hinterließen im Amtsvenn sehr unregelmäßige Höhenprofile, die neben kleinen mit Wasser vollgelaufenen Torfstichen ausgedehnte ebene, von unterschiedlich großen Gräben durchzogene Flächen und bis zu zwei m hohe Torfrippen aufweisen. Die ursprünglichen Torfschichten sind nur in wenigen kleinräumigen Bereichen erhalten geblieben. Auf den stärker entwässerten Arealen siedelten sich nach dem Ende der Nutzungen dichte Bestände schnell wachsender Birken an, deren Krautschicht überwiegend von Pfeifengras und Adlerfarn gebildet wird. Auf feuchteren Standorten konnten sich größere Heideflächen entwickeln (s. Beitrag Hetzel/Schmitt). In den Torfstichen, dauernassen Gräben und feuchten Senken hielten sich Fragmente hochmoortypischer Pflanzengesellschaften, die den Ausgangspunkt für eine mögliche Regeneration darstellen. Nach der Unterschutzstellung des Amtsvenn im Jahre 1983 wurden umfangreiche Maßnahmen zur Erhaltung und Wiederherstellung des Moorgebietes vorgenommen. Von Anfang an war es wichtig, die geschützten Kernbereiche und umliegende Pufferzonen in das Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen zu überführen, was bis heute weitgehend geschehen ist. Die notwendige Erstellung von Biotopmanagementplänen leistete die Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten (LÖBF). Die Realisierung der darin formulierten Aufgaben übernahm bis heute die Biologische Station Zwillbrock (s. Beitrag Otto). Große Flächenbereiche wurden vom Birkenaufwuchs befreit (entkusselt) und wiedervernässt. Durch die gezielte Beweidung der Gebiete mit einer eigens dafür angeschafften Moorschnuckenherde wird die Wiederansiedlung von Birken weitgehend verhindert. Die Beweidung trägt darüber hinaus zur Reduzierung der Pfeifengrasbestände und der Verjüngung der Heideflächen bei. Bis Mitte der 1990er Jahre ist hierdurch ein abwechslungsreich strukturierter Lebensraum entstanden. In Teilarealen ist jedoch noch immer eine weitergehende Optimierung erforderlich. Um die dafür notwendige Finanzierung zu sichern, hat die Biologische Station Zwillbrock in Zusammenarbeit mit anderen Fachbehörden im Herbst 1997 einen Projektantrag an die Europäische Kommission im Rahmen des LIFE-Förderprogramms der Europäischen Union gestellt. Mit dem LIFE-Natur-Programm werden von der Europäischen Union Projekte gefördert, die die Umsetzung der EU-Vogelschutzrichtlinien von 1979 und der nachfolgenden Flora-Fauna-Habitat-Richtlinien (1992) dienen. Das Projekt mit einer Gesamtlaufzeit von vier Jahren wurde im Sommer 1998 bewilligt. Mit dem Projekt war es möglich, die oben beschrieben Maßnahmen fortzuführen und sogar zu intensivieren (Aschemeier/Ikemeyer 1999, S. 75). Wenn es darüber hinaus zukünftig noch besser gelänge, den grenzüberschreitenden Naturschutz weiter auszubauen, wäre dies ein weiterer wichtiger Meilenstein zum Erhalt und zur Entwicklung eines der letzten Hochmoorkomplexe im deutsch-niederländischen Grenzgebiet.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007