Briten in Gütersloh – Einflüsse durch den Abzug der britischen Truppen auf die Stadt

von Wolfgang Büscher und Pascal Laske

 

Der ehemalige, 1937–1945 von der deutschen Luftwaffe genutzte Fliegerhorst Gütersloh wurde zum Kriegsende von den Amerikanern ohne direkte Kampfhandlungen erobert und am 06.04.1945 offiziell übergeben. Einen Tag nach dem offiziellen Kriegsende in Europa, landete am 09.05.1945 das erste britische Militärflugzeug, und nachfolgend übergaben die Amerikaner den Briten Fliegerhorst und Stadt, in deren Sektor Gütersloh nach dem Potsdamer Abkommen lag. Während die Amerikaner direkt nach ihrem Einmarsch ganze Häuserzeilen für sich requirierten, gingen die Briten nachfolgend selektiver vor.

Die Einflüsse durch die jahrzehntelange Anwesenheit des britischen Militärs auf die Mittelstadt Gütersloh und deren Konversion zu identifizieren, sind Inhalt dieses Beitrags. Die Dimension des Abzuges sowie die dadurch entstehenden Entwicklungen, u.a. Herausforderungen der Nachnutzung, werden im Folgenden zentral thematisiert.

Briten als Besatzer

Zuerst besetzten die Briten die vornehmen Villen der Gütersloher Fabrikantenfamilien Miele (s. Beitrag Lindemann) und Ruhenstroth, danach sehr schnell weitere Häuser, u.a. das 1928 erbaute Parkbad, das Städtische Krankenhaus sowie sieben Hotels und Restaurants. Insgesamt wurden bis zum Jahr 1955 über 640 Gütersloher Häuser und Wohnungen von den Briten besetzt, die erst ab 1956 zurückgegeben wurden. Ausnahmen sind die frühere deutsche Nachrichtenkaserne an der Verler Straße, heute Mansergh-Barracks der British Army, sowie der ehemalige Fliegerhorst, der bis zum September 1993 von der Royal Air Force und nachfolgend bis heute als Princess-Royal-Barracks gleichfalls von der British Army im NATO-Verbund genutzt wird.

Anfänglich, direkt nach dem Krieg, gab es ein striktes Fraternisierungsverbot für die Soldaten, zumindest für die unteren Dienstgrade. Übergriffe der Soldaten nach Alkoholgenuss auf Einheimische gab es, im Gegensatz zu anderen Standortkommunen, in Gütersloh kaum. Einzelfälle regelte die britische Militärpolizei auf ihre Art, oft spontan und mit dem Schlagstock. Ein offizielles Verfahren hingegen, das die sofortige Rückkehr auf die Mutterinsel und die damit verbundene Halbierung ihres Soldes bedeutet hätte, stellte eher eine Ausnahme dar. Natürlich gab es auch Schilder vor Diskotheken, weil öfter etwas passierte. Dabei waren dann Auseinandersetzungen zwischen amerikanischen Air Force- und britischen Army-Angehörigen häufiger als zwischen Briten und Deutschen. Nach wie vor sind übermäßig viele getunte Autos von jungen britischen Autofahrern ein Problem.

Zeitpunkt und Dimension des Truppenabzugs

Am 20.10.2010 überraschte der britische Premierminister David Cameron das Unterhaus mit der Erklärung, dass die Hälfte des Militärpersonals bis 2015 abgezogen werden und der Rest bis 2020 zurückkehren solle. Am 06.03.2013 wurden die Abzugspläne weiter konkretisiert. Während das Gütersloher Flugplatzgelände bereits 2016 an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben werden soll (s. Beitrag Büscher), ist ein Abzug der Einheiten aus der Nachrichtenkaserne nicht vor dem Jahr 2017, eher bis 2020 geplant. Neben der ehemaligen Nachrichtenkaserne, bis heute an der Verler Straße beherbergt, sind auch zwei britische Schulen betroffen, die von den Kindern der britischen Soldaten aus ganz Westfalen zentral genutzt werden.

Die Zahl des militärischen Personals, des Verwaltungspersonals und ihrer Angehörigen betrug im Laufe der über 70-jährigen britischen Besatzungszeit bis zu jeweils 6.000 Personen. Rund 360 Zivilangestellte werden mit dem Abzug der Briten freigesetzt, was zusammengenommen einen geschätzten Kaufkraftschwund von etwa 120 Mio. Euro jährlich mit sich bringt.

Darüber hinaus werden bis 2020 in Gütersloh rund 1.000 bislang von den Briten genutzte Wohnungen auf den kommunalen Wohnungsmarkt gelangen, davon etwa 350 im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die auch Eigentümerin bzw. Verwerterin der militärischen Flächen ist.

In der Einwohnerstatistik der inzwischen 98.000 Einwohner starken Stadt Gütersloh sind die britischen Soldaten und ihre Angehörigen nie mitgezählt worden.

Abb. 1: Britische Siedlung an der Parsevalstraße (Foto: W. Büscher)

Qualität und Lage der freiwerdenden Wohnquartiere

Die Wohnsituation auf den zwei Militärstandorten zeigt ebenfalls Besonderheiten auf. Mannschaftsdienstgrade wohnen in der Regel auf dem Flughafengelände in zum Teil erst in den letzten Jahren errichteten Wohnhäusern. Darüber hinaus gibt es 29 in sich sehr geschlossene Wohnstandorte, die über weite Teile des Stadtgebietes verteilt sind, mit rund 1.000 Wohneinheiten (WE) in überwiegend Einzel- und Doppelhäusern, die von Offizieren mit ihren Familien genutzt wurden; hier entstand nur wenig Kontakt zu den Gütersloher Nachbarn. Berechnet auf die 45.000 Wohneinheiten in Gütersloh sind durch den Abzug der Briten trotzdem nur 2,2% des Bestandes betroffen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt bei 2,11 Personen/WE bei einer durchschnittlichen Fläche von rund 92 m2/WE.

Die Qualität der Häuser wurde 2013 von NRW.URBAN bewertet. Aufgrund des baulichen Zustandes wurde keine der Siedlungen als abgängig beurteilt. Der überwiegende Teil der Wohnungsbestände befindet sich in einem mittleren baulichen Zustand. Einzelne Untersuchungskriterien, insbesondere die Wärmedämmung, wurden bei zahlreichen Siedlungen als mangelhaft eingestuft. Dächer und Heizung sind in der Regel auf dem neuesten Stand, und selbst den "Rohrleitungs-TÜV" haben die meisten Gebäude durchlaufen. Der bauliche Zustand der Privatgebäude wurde von NRW.URBAN leicht besser beurteilt als der bauliche Zustand der BImA-Bestände. Alle Bestände lassen sich zivil nachnutzen, jedoch mit unterschiedlich hohem Sanierungsaufwand.

Zwei Siedlungen fallen laut NRW.URBAN aus dem Beurteilungsfeld heraus: Einerseits die Siedlung an der Thomas-Mann-Straße mit 103 WE im Eigentum der BImA mit guter Anbindung, mittlerer Lagequalität und gutem baulichem Zustand sowie andererseits die Siedlung an der Parsevalstraße mit 55 WE, ebenfalls im Eigentum der BImA, jedoch in einfacher Lage mit schlechter Anbindung und in einem schlechten baulichen Zustand (Abb. 1).

Abb. 2: Nahversorgung durch das "NAAFI-Kaufhaus" (Foto: W. Büscher)

Konsummuster und Standortcharakteristika

Der Militärdienst in Deutschland war und ist noch immer für britische Soldaten lukrativ, schließlich bringt der Auslandseinsatz quasi den doppelten Sold, der oftmals zum Erwerb deutscher Konsumgüter wie Autos oder Möbel genutzt wird. Dabei muss nicht einmal auf die Ausführung als Rechtslenkung verzichtet werden; so spart man neben der deutschen Mehrwertsteuer auch noch den Zoll. Die Gütersloher Autohändler gehen gern auf die Nachfrage ein, weshalb sie immer Verkäufer mit exzellenten Englischkenntnissen beschäftigen. Dass Benzin für die Autos gleichfalls unverhältnismäßig günstig war und ist, versteht sich quasi von selbst.

In Gütersloh haben die Briten direkt neben dem Flughafengelände ein exklusiv für sie nutzbares "NAAFI-Kaufhaus", das vor allem britische Waren bereithält, die in deutschen Märkten in der Regel nicht zu kaufen sind (Abb. 2).

Auf dem durch hohe Zäune gesicherten Kasernengelände entstand in den frühen Jahren ein vielfältiges Versorgungsangebot mit Kirchen, Schulen, Bibliotheken, Kinos, einem Golfplatz und diversen weiteren Sportstätten, darüber hinaus eigene Zweigstellen von Sparkasse und Dresdner Bank, eine eigene Wasserver- und -entsorgung mit sechs Brunnen und Kläranlage sowie eine zentrale Heizungsanlage. Inzwischen wurde das Gelände aber auch an das Gütersloher Ver- und Entsorgungsnetz angebunden. Die Banken haben nach dem Wechsel von Air Force auf Army im Jahr 1993 geschlossen.

Die Klimastation sendet seit 1945 Messwerte über den eigenen Radiosender bis heute in die ganze Welt. Von 1945 bis heute (Stand 2015) wird eine eigene englischsprachige Zeitung gedruckt, deren Name durchaus wechselte: Güt-News, Zeitung 47, jetzt Wings.

Entsprechend dieser räumlichen Fokussierung blieben sowohl die amerikanischen als auch britischen Kontakte zur Gütersloher Bevölkerung eher spärlich. Ausnahmen bildeten einerseits Sportler durch Kontakte zu den örtlichen Vereinen, andererseits die höheren Dienstgrade der Royal Air Force, die teils über den vom Fabrikanten Miele direkt nach dem Krieg gegründeten Anglo-German-Club Kontakt zur Gütersloher Bevölkerung fanden. Besonders die frühere Leichtathletik-Gemeinschaft Gütersloh hatte oftmals Briten auf ihrem Trainingsgelände. Als bekanntestes Beispiel sei Kriss Akabusi erwähnt, der anschließend dreimaliger Europameister über 400 m Hürden und in der Staffel sogar Weltmeister 1991 wurde.

In den letzten Jahrzehnten fiel das soziale und karitative Wirken der Briten – wenn auch nicht kontinuierlich – auf. Regelmäßig haben britische Sport-, Theater- und sonstige Gruppierungen bei ihren Aktivitäten Geld gesammelt und dies oftmals sozialen Einrichtungen in und um Gütersloh gespendet.

Nur wenige Soldaten nutzten die Deutsch-Sprachkurse der Volkshochschule, da aufgrund der guten Englischkenntnisse der Deutschen wenig Notwendigkeit bestand. Ein Wandel ist jedoch zu erkennen, da eine Jobsuche in Deutschland eine Beherrschung der deutschen Sprache zwingend erfordert.

Herausforderungen der Nachnutzung

Die Integration in die jeweiligen Stadtteile ist ein zentrales Problem der Nachnutzung. Eine weitere ghettoartige Nachnutzung, z.B. durch Flüchtlinge, birgt soziale Folgeprobleme. Ob und in welcher Form Bund oder Land NRW ihr Vorkaufsrecht auf die Flughafenfläche wahrnehmen, ist 2015 noch nicht entschieden. Die vielfältigen und recht neuen Wohngebäude auf dem weitläufigen Flugplatzareal wären momentan ebenso wie andere umgenutzte Kasernen willkommener Wohnraum für die große Anzahl von Flüchtlingen.

Fazit

Die Briten haben das Leben in und um Gütersloh maßgeblich geprägt, verändert und beeinflusst. Die Folgen des angekündigten Abzugs werden weitreichende, zum heutigen Zeitpunkt unabschätzbare Auswirkungen hervorrufen. Der Umgang mit den Folgeerscheinungen wird den Konversionsprozess der Stadt Gütersloh auf eine neue Ebene heben, die sowohl Chancen als auch Risiken mit sich bringen wird. Die damit verbundenen Entwicklungen und Planungen bilden daher einen raumplanungsrelevanten Forschungsschwerpunkt für die Zukunft.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2016