Westfalenbild und Westfalenbewusstsein in der Vormoderne

von Peter Johanek

 

Viele meinen, Westfalen und Westfalenbewusstsein seien eine Erfindung des 19. Jh.s, als der preußische Staat seine Provinz Westfalen schuf. Davon kann keine Rede sein. Allerdings gab es vor dem Untergang des Alten Reiches 1803/06 auf dem Gebiet der späteren preußischen Provinz eine Vielzahl der für das Heilige Römische Reich charakteristischen weltlichen und geistlichen Territorien, und nur eines davon, das weltliche Herrschaftsgebiet der Erzbischöfe von Köln im Sauerland und am Hellweg, führte den Namen "Herzogtum Westfalen". Daneben aber gab es eine Vorstellung von einer Zusammengehörigkeit dieser Territorien, und zwar in einem viel weiteren Zusammenhang als dem der preußischen Provinz Westfalen und des heutigen Landesteils Westfalen im Lande Nordrhein-Westfalen. Dieses Westfalen des Alten Reiches, das man als Wirtschaftsraum und politischen Handlungsraum bezeichnen kann, umfasste die Territorien zwischen Rhein und Weser und zwischen Friesland und den Gebirgen des Süderlandes (Sauerland). Der Begriff Westfalen steht im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit neben anderen Bezeichnungen für territorienüberspannende Großräume wie "Schwaben", "Thüringen" oder die "Lande am Rhein" (partes Rheni). Bezeichnungen wie diese werden als Ordnungsbegriffe für Räume verwendet, die von außen als kohärente Einheiten betrachtet werden und deren Bewohner ein die Territorien übergreifendes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben.

Dieser Westfalenbegriff der Vormoderne beruhte auf Grundlagen, die im Frühmittelalter gelegt wurden. Der Großstamm der Sachsen, der sich ausgehend von der kleinen Völkerschaft der Saxones, die in der Zeit um Christi Geburt nördlich der Elbe bezeugt ist, durch gewaltsame Ausdehnung und durch Zusammenschlüsse mit anderen Völkerschaften vom 2. bis zum 7. Jh. n. Chr. herausbildete, erfasste in seiner Expansion bis zum Beginn des 8. Jh.s ganz Nordwestdeutschland. In der unvermeidlichen Kollision mit dem mächtigen Frankenreich im Westen wird in den Sachsenkriegen Karls des Großen eine militärisch-organisatorische Dreigliederung dieser Völkerschaft sichtbar. In den fränkischen Reichsannalen ist 774 zum ersten Male der Name Westfalai - Westfalen - für die westlichste "Heerschaft" der Sachsen bezeugt. Daneben stehen noch die Engern zu beiden Seiten der Weser und die Ostfalen oder Austreleudi (Ostleute).

Dieser Name der Westfalen wurde in einem längeren Prozess vom 9. bis zum 13. Jh. zur Bezeichnung des gesamten Raumes zwischen Rhein und Weser und verdrängte den Namen der Engern völlig aus diesem Bereich. Obwohl dieser Raum keine naturräumliche Einheit darstellt, erhielt er zunehmend durch wirtschaftliche Verflechtungen innere Kohäsion. Vom frühen Mittelalter an haben die getreideproduzierende Hellwegzone und die Viehzuchtgebiete des Münsterlandes den starken Einfuhrbedarf des Süderlandes an Nahrungsmitteln ausgeglichen, das als Bergbaugebiet mit vor allem stetig zunehmender Eisenproduktion zu gelten hat. Zwar gingen die Hauptströme des frühen mittelalterlichen Fernhandels an Westfalen vorbei, nur eine große Fernverbindung von West nach Ost, der "Hellweg" vom Rhein ins Harzgebiet und weiter nach Magdeburg, trug zu seiner Erschließung bei. Hier kam es mit Dortmund und Soest auch zu den ersten größeren Städtebildungen außerhalb der Bischofssitze Münster, Osnabrück, Minden und Paderborn. Die entscheidende Wende vollzog sich im Verlauf des 12. Jh.s. Die Gründung Lübecks und der Aufschwung des Ostseehandels unter intensiver Beteiligung deutscher Kaufleute hat den Raum zwischen Rhein und Weser in das entstehende Handelsnetz der Hanse einbezogen (s. Beitrag Wieneke). Westfalen wurde nun zu einem wichtigen Transitland zwischen der Ostsee und der überragenden rheinischen Handelsmetropole Köln. Es wuchs zu einem relativ deutlich abgegrenzten wirtschaftlichen Handlungsraum zusammen und wurde auch von außen als solcher wahrgenommen. Es waren die während des 13. Jh.s entstehenden Städte, die den Wirtschaftsraum Westfalen konstituierten und repräsentierten. Ihre Bündnisse, 1246 und 1253 mit dem Ladbergener-  bzw. dem Werner Bund einsetzend, überwölbten die Grenzen der sich zur gleichen Zeit bildenden Territorien der geistlichen und weltlichen Fürsten ebenso, wie es die zahlreichen Landfriedensbündnisse taten, die diesen Raum als politischen Handlungsraum definierten. Die stede in Westfalen und die Tranquillitas Westfalica wurden zu wichtigen Kohäsionsfaktoren eines durch territoriale Zersplitterung charakterisierten Gebietes. Das ist der Grund, warum man im Reich trotz der territorialen Vielfalt von einer terra, einem "Land" Westfalen sprach, das einheitliche Charakterzüge und Rechtsgewohnheiten aufwies.

Circuli Westphaliae - Homann 1750 (Verkleinerung) Abb. 1: Circuli Westphaliae - Homann 1750 (Verkleinerung) (Quelle: K. Lindenlaub)

Der Name "Westfalen" stammte, wie erinnerlich, aus jener alten karolingerzeitlichen Gliederung des Sachsenstammes. Er erhielt noch einmal politische Bedeutung, als 1180 im Sturz Heinrichs des Löwen das große Herzogtum Sachsen zerschlagen und dem Kölner Erzbischof der ducatus Westfaliae et Angariae übertragen wurde, die Herzogsgewalt über den westlichen Teil Sachsens. Im Aufstieg der territorialen Gewalten konnte keine Rede davon sein, dass der Erzbischof diese Verleihung zu einer großräumigen Herrschaftsbildung zwischen Rhein und Weser hätte nutzen können. Nur ein relativ kleines Gebiet am Hellweg und im Sauerland konnte er hier zu einem Territorium formen, das man in der Folgezeit als "Herzogtum Westfalen" bezeichnete. In jedem Fall aber blieb er eine einflussreiche Macht in Westfalen, und in seinen Händen lag die Führungsrolle in der Wahrung des Landfriedens.

So blieb der Name "Westfalen" die Bezeichnung für das Gesamtgebiet und wurde zum Kristallisationspunkt historisch begründeter Identität, eines Westfalenbewusstseins. Wie der Name selbst, reichen die Wurzeln der dabei wirksam werdenden geschichtlichen Erinnerung zurück bis in die Karolingerzeit. Die totale Niederlage der Sachsen in den Kriegen gegen Karl den Großen war ein Trauma gewesen, das nur bewältigt werden konnte, wenn ihm auch positive Seiten abgewonnen werden konnten. Da war einmal das nicht infrage zu stellende Ergebnis: die Christianisierung. Ins Gewicht fiel auch, und mit fortschreitender Zeit immer mehr, dass die Sachsen dem Frankenherrscher lange Zeit zähen und erfolgreichen Widerstand geleistet hatten, insgesamt etwa dreißig Jahre lang. Der Held und Anführer dieses Widerstandes war Widukind gewesen, er galt als ebenbürtiger Widerpart Karls des Großen, der dann, unüberwunden, aber überzeugt, zum Christentum übertrat. Das ist eine Vorstellung, die sich schon früh, offenbar im 10. Jh. herausbildete. Im 13. Jh. dann entwickelte sich die Vorstellung, Westfalen sei das eigentliche alte Sachsen, die antiqua Saxonia gewesen. So jedenfalls schrieb es der gelehrte Dominikaner Bartholomäus Anglicus in seiner Enzyklopädie De rerum natura (Von der Natur der Dinge). Widukind aber - das wusste man aus den karolingischen Quellen - war einer der Großen der Westfalen gewesen.
 
Das sind die Bausteine für ein Selbstbewusstsein, das den Namen Westfalen sowie den wirtschaftlichen und politischen Handlungsraum zwischen Rhein und Weser mit einer emotional besetzten historischen Legitimierung versah. Werner Rolevinck, ein aus Westfalen stammender Kölner Kartäuser, hat diese Bausteine am Ende des Mittelalters in seinem "Buch zum Lobe Westfalens", das 1474 in Köln im Druck erschien, zu einem geschlossenen Bauwerk zusammengefügt. Sein Kernurteil lautet: "Den Ruhm, mein liebes Sachsenland, hast du Gott dem Allmächtigen zu verdanken, dass du von keinem anderen besiegt werden konntest als von diesem Mann", d.h. Karl dem Großen. Die daran geknüpften Erörterungen münden dann in die Quintessenz ein, die Größe Karls wäre ohne den Sieg über ein so tapferes Volk wie die Sachsen unvollständig gewesen. Karl benötigte den Widerstand der Sachsen geradezu um seine Größe zu vollenden. Das ist die besondere Rolle, die den Sachsen und damit den Westfalen in der Welt- und Heilsgeschichte zufiel.

So stehen die Vorstellung von Westfalen und ein Westfalenbewusstsein bereits am Ende des Mittelalters voll ausgebildet dar. Die Tatsache, dass man die Territorien zwischen Rhein und Weser als ein zusammenhängendes politisches System mit dem Namen Westfalen betrachtete, war die Grundlage dafür, es mit anderen Territorien links des Rheins im Zuge der Reichsreform 1512 zum niederrheinischen-westfälischen Reichskreis zusammenzufügen (Abb. 1).

Auch wenn sich die Erwartungen, die man zu Beginn des 16. Jh.s in diese Kreisverfassung setzte, nicht ganz erfüllten, so blieb doch die Vorstellung von Westfalen als eines die Einzelterritorien übergreifenden politischen Systems mit gleichartigen Charakterzügen und Lebensgewohnheiten seiner Bevölkerung bis zum Ende des Alten Reiches erhalten. Die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress hat dann die Voraussetzungen für ein ganz neues Westfalen geschaffen. Die Preußische Provinz Westfalen bestand lediglich aus dem südlichen Teil des alten Westfalens, reduziert auch um das Fürstentum Lippe. Sie behielt allerdings den Westfalennamen, der jenseits der neuen Grenzen in Vergessenheit geriet, und schrieb sich all jene Traditionen und Charakterzüge zu, die an dieser Bezeichnung hafteten.

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2007