Die Rolle Westfalens zur Zeit der Hanse

Auch über drei Jahrhunderte nach dem Niedergang der einst so mächtigen Wirtschaftsgemeinschaft sind Städte wie Lübeck, Hamburg und Bremen nach wie vor eng mit dem Begriff "Hanse" verknüpft. Der Titel "Hansestadt" als Namenszusatz ist nur ein Indiz dafür. Diese Städte – allen voran Lübeck – waren im späten Mittelalter große Handelszentren für Waren aus dem gesamten Ostseeraum und darüber hinaus. Sie waren aber lediglich ein Teil eines Bündnisses, das ohne die Beteiligung westfälischer Kaufleute und Städte wohl niemals eine derartige Bedeutung erlangt hätte.

Zur Geschichte der Hanse

Die Hanse (althochdeutsch: Hansa = Gruppe, Gemeinschaft) war ursprünglich ein Zusammenschluss von reisenden Kaufleuten aus Norddeutschland. Ihre Anfänge sind eng mit der Gründung der Stadt Lübeck (1159) als "Tor" zwischen West- und Osteuropa verbunden. Von hier aus entwickelte sich eine international agierende Wirtschafts-Allianz, die sich im 14. Jh. mit Handelskontoren vom russischen Nowgorod über Bergen (Norwegen) bis nach Brügge (Belgien) und London erstreckte. In dieser Phase begann sich die Kaufmannsgenossenschaft zur Städtehanse weiterzuentwickeln, bei der sich nun die vielerorts neu entstandenen Handelszentren selbst zu regionalen Bündnissen zusammenschlossen, um ihre Interessen bzw. die der ansässigen Kaufmannschaften nach außen zu stärken und sich vor Übergriffen besser zu schützen. Wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen des Hansebundes wurden ab 1356 auf Hauptversammlungen, den Hansetagen, beschlossen, auf denen die Abgesandten der teilnehmenden Städte über Handelsverträge, Neuaufnahmen und Ausschlüsse von Mitgliedsstädten, Zollerhebungen, Handelsblockaden, militärische Interventionen etc. abstimmten.

Der Blütezeit folgte ab dem 15. Jh. der allmähliche Niedergang. Gründe dafür waren u. a. der Machtverlust der Städte, die sich mehr und mehr den Interessen ihrer Landesfürsten unterordnen mussten, ferner die zunehmende internationale Konkurrenz, v. a. durch den Überseehandel nach der Entdeckung Amerikas, und schließlich der Dreißigjährige Krieg, der die Auflösung des Städtebundes entgültig einleitete. Diese galt 1669 auf dem letzen Hansetag in Lübeck als besiegelt, nachdem letzte Verhandlungen zwischen den wenigen verbliebenen Mitgliedsstädten über ein Fortbestehen der Hanse gescheitert waren.

Kaufmannshäuser am historischen Prinzipalmarkt in Münster Abb. 1: Kaufmannshäuser am historischen Prinzipalmarkt in Münster (Foto: T. Rossmöller, Presseamt der Stadt Münster)

Kaufleute aus Westfalen – Pioniere des Ostseehandels

Auch schon in vorhansischer Zeit gab es internationale Handelsbeziehungen zwischen Ost und West. Im Ostseeraum entwickelte sich im 11. Jh. die zentral gelegene, heute schwedische Insel Gotland zum Knotenpunkt. Neben Russen, Dänen und Schweden waren es v. a. deutsche Kaufleute aus dem westfälischen Raum (namentlich aus Soest), die schon früh enge Handelsbeziehungen zu den Gotländern pflegten. Einige von ihnen nutzten die Insel als Zwischenstation, um von dort aus bis ins ferne Nowgorod zu fahren, wo sie exotische Waren wie Pelze und Wachs einkauften und im Gegenzug heimische Produkte, u. a. Leinen, Tuche und verschiedene Metallerzeugnisse, anboten. In der Folge ließen sich weitere Händler, darunter auch aus Dortmund und Münster, gleich direkt auf Gotland nieder. So entstand dort zu Beginn des 12. Jh.s eine deutsche Fernhändlergemeinde mit einer starken westfälischen Prägung.

Diese Entwicklungen waren Grundlage für die Gründung der "Gotländischen Genossenschaft" (1161), dem ersten verfassungsgestützten Bündnis von deutschen Kaufleuten, dem sich schon bald weitere Händler anschlossen, und das somit – neben der Gründung Lübecks – die Hansezeit einläutete.
Das Westfälische Quartier der Hanse 1556 - 1621 Abb. 2: Das Westfälische Quartier der Hanse 1556 - 1621 (Quelle: verändert nach Gurk 2000, S. 146)

Westfälische Hansestädte – Bündnisse im Binnenland

Im Zuge der Kolonisationsbewegungen entwickelten sich ab dem 13. Jh. entlang der Ostseeküste neue Handelspunkte (Wismar, Rostock, Stralsund, Danzig etc.). Wie schon in Lübeck siedelten sich auch in diesen Städten viele westfälische Kaufmannsfamilien an. Diese stammten ursprünglich aus den etablierten Zentren Soest, Dortmund und Münster sowie aus dem ostwestfälischen Raum (u. a. Herford, Lemgo, Minden, Nieheim, Paderborn, Warburg) und dem weiteren Münsterland (u. a. Coesfeld, Warendorf). Damit trugen Westfalen erheblich dazu bei, dass der Handel über die Ostsee weiterhin Fahrt aufnahm.

Der Austausch von Waren wurde freilich nicht nur mit Hilfe von Koggen – also über den Seeweg – abgewickelt; erst mit dem Landhandel gelangten die Güter von der Küste in die Binnenstädte und von dort aus weiter in die umliegenden Regionen. Für die westfälischen Städte "...war der Handel mit der unmittelbaren Umgebung von hoher Bedeutung. Die heimatliche Region war für jede Stadt ein wichtiger Abnehmer ihrer Überschusserzeugnisse sowie der aus der Ferne herbeigeschafften Produkte" (Gurk 2000, S. 19). Mit der Zeit entwickelte sich in Westfalen ein dichtes Netz aus Handelsorten, von denen sich 1246 Münster, Osnabrück (damals zu Westfalen), Minden, Herford und Coesfeld zu einem ersten Bündnis, dem sog. Ladbergener Städtebund, zusammenschlossen. Sieben Jahre später folgte der "Werner Bund", bestehend aus Soest, Dortmund, Münster und Lippstadt. Dies war der Anfang einer westfalenweiten Allianz von Städten, die ab Mitte des 14. Jh.s zusammen mit weiteren regionalen Bündnissen in der Städtehanse aufging.

Bis zu ihrer Auflösung gehörten der Hanse insgesamt über 200 Städte an, von denen einige permanent, andere wiederum nur kurzzeitig Mitglied waren. Auch die Qualität dieser Mitgliedschaft – und damit verbunden die Stellung innerhalb des Städtebundes – war höchst unterschiedlich. In Westfalen war z. B. Dortmund lange Zeit die hansische Hauptstadt (der "Vorort"), bevor ab 1450 dieser Rang an das rheinländische Köln überging. Daneben standen Soest als älteste Stadt sowie Münster und Osnabrück als wichtigste Zentren ("Vierstädte"), denen wiederum weitere Kategorien von Städten ("Prinzipal-" und "Beistädte") untergeordnet waren (Abb. 2).

Wenngleich viele der westfälischen Bündnismitglieder bei weitem nicht die Bedeutung der großen Handelszentren an den Küsten besaßen, so hatte Westfalen mit rund 80 der Hanse zugehörigen Städten bzw. Ortschaften als Region großen Einfluss auf wirtschaftspolitische Entscheidungen.
Hansefrühstück 2009 auf dem Marktplatz in Lemgo Abb. 3: "Hansefrühstück 2009" auf dem Marktplatz in Lemgo (Foto: Lemgo Marketing e. V.)

Nachwirkungen und Wiederbelebung

Letztendlich war der Niedergang der Hanse wohl unvermeidlich. Im Gedächtnis aber bleibt eine europaweit agierende Wirtschaftsgemeinschaft, die immerhin fast ein halbes Jahrtausend Bestand hatte.

Der Begriff "Hanse" oder "Hansa" steht bis heute für eine Erfolgsgeschichte und hat sich auch in Westfalen vielerorts in Straßen-, Gebäude-, Unternehmens- und Vereinsnamen manifestiert. Das Hansaviertel in Münster und die Dortmunder Hansa-Brauerei sind nur zwei von vielen Beispielen. Seit dem Jahr 2012 führen Attendorn und Warburg als erste westfälische Städte offiziell den Namenszusatz "Hansestadt"; bundesweit sind es derzeit 25 (Stand 01/2016). Dazu wird hierzulande der Hanse-Begriff von weiteren Städten für die Identitäts- und Imagebildung verwendet, so z. B. von Breckerfeld, Lemgo und Soest, die sich im Rahmen ihrer Internetauftritte mit dem Titel "Hansestadt" oder "Alte Hansestadt" schmücken.

Gut 300 Jahre nach ihrem Ende wurde 1980 die "neue Hanse" als grenzübergreifende Lebens- und Kulturgemeinschaft ehemaliger Hansestädte ins Leben gerufen. Seither finden auch wieder Hansetage statt, bei denen sich die Partnerstädte auf internationaler Bühne präsentieren und an ihre historische Hanse-Mitgliedschaft erinnern.

Mittlerweile zählt die "Hanse der Neuzeit" europaweit 185 Mitglieder (Stand 04/2016) – wie damals unter großer Beteiligung aus Westfalen.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009, Aktualisierung 2016

Publikationsdatum: 01.04.2016

Autoren: Wieneke (Autor)

Schlagworte: Geschichte, Hanse, Mittelalter, Staedtebund, Staedtewesen, Westfalen

Region: Westfalen gesamt