Integration von Zuwanderern in Münster

von Shadia Husseini de Araújo und Verena Jörg

 

Integration von Zuwanderern ist eines der zentralen gesellschaftspolitischen Themen unserer Zeit. Der am 12. Juli 2007 stattgefundene Nationale Integrationsgipfel im Bundeskanzleramt und der dort vorgestellte Nationale Integrationsplan zeigen dessen Brisanz nur allzu deutlich. Zwar haben - so die Bundeskanzlerin - der größte Teil der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland "längst ihren Platz in unserer Gesellschaft gefunden" (Merkel im Vorwort Nationaler Integrationsplan 2007, S. 7), jedoch bestünden zugleich zum Teil sehr starke Integrationsprobleme, von denen eine noch zu große Anzahl von Zuwanderern betroffen sei und die zu gesellschaftlicher Abschottung führen könnten (ebd.). Dies zeige sich, so die mehrheitlich vertretene Argumentation, insbesondere in Stadtteilen, die sich nicht nur durch einen statistisch hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Alleinerziehenden und Arbeitslosen auszeichneten. Die Ballung dieser Bevölkerungsgruppen in einzelnen Quartieren trifft auf Metropolen und Metropolregionen in ungleich stärkerem Maße zu als auf regionale Oberzentren in ausgeglicheneren Funktionsräumen wie Westfalen. Dennoch leben in Westfalen Menschen mit Migrationshintergrund, und weiterhin kommen neue Zuwanderer in diese Region. Um dem Risiko der Entwicklung von Parallelstrukturen von vornherein vorzubeugen, bemüht sich die Integrationsarbeit der Stadt Münster um eine vorausschauende Integrationspolitik sowie Stadtentwicklung. Münster verfolgt das Ziel, die räumliche Verteilung von Zuwanderern verstärkt in die städtische Integrationspolitik mit einzubeziehen und eine dezentrale Unterbringung zu forcieren.

Das INTERREG-Projekt

Im Rahmen des deutsch-niederländischen INTERREG-Projektes "Zuwanderer integrieren" (Laufzeit 2003-2006), das von den Städten Münster und Enschede initiiert und getragen wurde, stellte die Stadt Münster den Bereich "Wohnen" als einen immer wichtiger werdenden Integrationsfaktor in den Mittelpunkt ihrer kommunalen Integrationspolitik. Zentrale Komponenten ihrer Arbeit bildeten dabei zum einen die individuelle Beratung und Begleitung von Neuzuwanderern durch eine Integrationslotsin sowie zum anderen die Verabschiedung eines Konsenspapiers zur dezentralen Unterbringung. Dieses wurde von der "Arbeitsgemeinschaft Xenia", welche sich aus Vertretern gesellschaftsrelevanter Bereiche wie Verwaltung und Politik, Polizei, Kirche, Ausländerbeirat, Wohnungswirtschaft sowie Vermieter-, Mieter- und Wohlfahrtsverbänden und der Spätaussiedlervertretung zusammensetzte, erarbeitet und verabschiedet. Eine der zentralen Thesen der "Xenia-AG" war, dass eine dezentrale Unterbringung von Zuwanderern nicht per se ein Garant für einen gelungenen Integrationsprozess ist. Neben dem Engagement der Zuwanderer selbst spielen die sozialen Strukturen vor Ort sowie die Einstellungen und Initiativen der Anwohnerschaft eine entscheidende Rolle.

Die Untersuchungsviertel Gremmendorf, Erpho-Viertel und Coerde Abb. 1: Die Untersuchungsviertel Gremmendorf, Erpho-Viertel und Coerde (Entwurf: S. Husseini de Araújo)

Untersuchung von Integrationspotenzialen unterschiedlich strukturierter Stadtteile Münsters als Teilprojekt des INTERREG-Projektes ''Zuwanderer integrieren''

Vor dem Hintergrund dieser These und der Annahme, dass unterschiedlich strukturierte Stadtteile verschiedenartige Integrationspotenziale und -hemmnisse bergen können, wurden im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung des INTERREG-Projektes von der Abteilung für Angewandte Sozialgeographie/Politische Geographie des Instituts für Geographie der WWU Münster beispielhaft drei Stadtteile Münsters auf ihre jeweiligen Chancen und Probleme, die sich Neuzuwanderern im Integrationsprozess stellen können, untersucht (Abb. 1):
-    Gremmendorf als Beispiel für ein suburbanes, gemischtes Quartier,
-    das Erpho-Viertel als Beispiel für einen urban geprägten Stadtteil mit weitgehend heterogener Bewohnerschaft,
-    Coerde als Beispiel für ein suburbanes Viertel mit, bezogen auf den lokalen Kontext der Stadt Münster, Segregationstendenzen.

In diesen drei Stadtteilen wurden soziale Schlüsselakteure und Verantwortliche aus öffentlichen und privaten Einrichtungen sowie ehrenamtlichen Institutionen, die für den Integrationsprozess eine wichtige Rolle spielen, befragt. Durch die Interviews konnten konkrete integrationsfördernde Einrichtungen ermittelt, strukturelle Rahmenbedingungen im Hinblick auf Integration sowie integrationsbezogene Ansichten und Initiativen seitens der ortsansässigen Bevölkerung eingeschätzt werden.

Integrationsfördernde Strukturen im Stadtteil

Die Strukturen im Stadtteil wurden von den befragten Schlüsselakteuren dann als integrationsfördernd eingeschätzt, wenn sie sowohl formelle als auch informelle Kontakte unter den Bewohnern ermöglichen und unterstützen. Dazu wurden vor allem eine Nutzungsmischung im Quartier, eine gut ausgebaute Infrastruktur sowie öffentliche und zentrale Plätze mit hoher Aufenthaltsqualität als hilfreich erachtet. Darüber hinaus sei den Befragten zufolge das Integrationspotenzial eines Stadtteils von den integrationsfördernden Einrichtungen vor Ort (Kirchen, Schulen, Kindergärten, Stadtteilhäuser, Beratungsstellen etc.), deren Angeboten und Vernetzung abhängig.

Unterschiedliche Integrationspotenziale von Stadtteilen mit bzw. ohne Segregationstendenzen

Neben diesen Aspekten, die prinzipiell für jedes Wohnumfeld gelten, haben die Befragten Vierteln mit unterschiedlichen sozialräumlichen Rahmenbedingungen und -strukturen jeweils bestimmte Chancen und Probleme zugeschrieben. Die spezifischen Vorteile von Quartieren mit Segregationstendenzen auf der einen und von nicht-segregierten Vierteln auf der anderen Seite lassen sich nach Auffassung der befragten Akteure wie folgt zusammenfassen:

Viertel mit multiplen Segregationstendenzen und einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund (wie z. B. Coerde) verfügen teilweise über eine besser ausgebaute integrationsfördernde Infrastruktur, wie z. B. Beratungsstellen und andere soziale Dienste. Außerdem kann hier die mögliche engere Zuwanderer-Selbsthilfe den Anschluss und das Einleben der Neuzuwanderer erleichtern.

In nicht-segregierten Vierteln (wie z. B. Gremmendorf und dem Erpho-Viertel) kann der häufigere Kontakt zur einheimischen Bevölkerung das Erlernen der deutschen Sprache und der hiesigen Gepflogenheiten beschleunigen. Zudem - so die Befragten - erhöhen sich langfristig die Bildungs- und Teilhabechancen der zuwandernden Bevölkerungsteile. Ein geringerer Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund werde darüber hinaus von der einheimischen Anwohnerschaft stärker akzeptiert.

Unterschiedliche Integrationspotenziale von ländlich bzw. suburban und städtisch geprägten Quartieren

Suburbane, dörflich geprägte Viertel (wie z. B. Gremmendorf) verfügen, so ein Großteil der interviewten Akteure, häufig durch ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl und durch die stärkere Identifikation mit dem Wohnort über ein größeres Andockpotenzial als innenstadtnahe Quartiere. Urban geprägte Quartiere (wie z. B. das Erpho-Viertel) dagegen bieten durch Anonymität und Durchlässigkeit eine größere Toleranz gegenüber Neuankömmlingen.

Die Kenntnis sozialer Strukturen in Quartieren ist im Rahmen einer Strategie der dezentralen Unterbringung von Zuwanderern eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration

Letztlich beeinflussen individuelle und gesetzliche Aspekte den Erfolg von Integration entscheidend; dennoch kann die Kenntnis der strukturellen Gegebenheiten in einzelnen Stadtteilen für die Beratung, Hilfeleistung und soziale Einbindung der Neuankömmlinge von großer Bedeutung sein. Sie ermöglicht zum einen, Migranten ihren spezifischen Bedürfnissen entsprechend unterzubringen, zum anderen können auch im Rahmen der städtischen Integrationsarbeit spezifische Integrationshemmnisse erkannt und ihnen somit entgegengewirkt sowie integrationsfördernde Initiativen besser unterstützt und ausgebaut werden.

Auch wenn sich die Integrationsthematik in Münster bislang vergleichsweise wenig problematisch gestaltet, ist es dennoch von Belang, vorausschauend mit dem Thema umzugehen, um auch in Zukunft eine positive und für alle Seiten befriedigende Eingliederung von Neuankömmlingen gewährleisten zu können.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2008