Projekte > Aufwachsen in Westfalen 1945-1965 > Freizeitverhalten von Jugendlichen



Das rasante Wachstum der Schülerzahlen durch die Aufnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen sowie die Zerstörung von Schulen im Bombenkrieg machen vielerorts den Neubau von Schulen nötig. Das Bild zeigt die Grundsteinlegung der Alexanderschule in Raesfeld 1949 (Ausschnitt) / LWL-Medienzentrum für Westfalen







Aufwachsen in Westfalen

Krisenjahre und Aufbruchsstimmung -
die Nachkriegszeit in Deutschland
1945-1965



Zur Startseite des Projekts 'Aufwachsen in Westfalen''
Inhaltsverzeichnis
Veronika Jüttemann /  Einleitung

Thomas Abeler /  1. Von der Not zur Normalität

Adalbert Hoffmann /  2. Kriegskinder

Ursula Janik /  3. Freizeitverhalten von Jugendlichen

Hans-Peter Johannsen /  4. Töchterheim Sonnenwinkel

Edith Kreyenschulte /  5. Vertriebenenkinder

Angela Prinz /  6. "Aufwachsen" im Sportverein

Norbert Schäfers und Roland F. Stiegler /  7. Besatzungskinder

Wilfried Voß /  8. Evangelische Kindheit



 
 




Ursula Janik

Freizeitverhalten von Jugendlichen in den 50er Jahren am Beispiel der Gemeinde Bergkamen

 
 

 
 

1. Einleitung

 
 
 

1.1 Jugendnot in der Nachkriegszeit

 
 
 
Unter den Jugendjahren versteht man im allgemeinen die Zeit zwischen dem dreizehnten und einundzwanzigsten Lebensjahr. Sie bedeutet für viele Jugendliche das Ende der Schulzeit, den Beginn der Berufsausbildung und unter Umständen die Abnabelung vom Elternhaus. In diese Jahre fällt auch die Pubertät und die Suche nach der eigenen Identität.

Eine schwierige Zeit für Jugendliche, gleich in welcher Zeitepoche sie durchlebt wird. Wie viel schwieriger war es für die Jugendlichen in der unmittelbaren Nachkriegszeit, bis weit in die 50er Jahre hinein, mit den damaligen Bedingungen des Aufwachsens klar zu kommen. Teilten sie doch die materielle Not der gesamten Bevölkerung. Mangelernährung, Wohnungsnot und Flüchtlingselend sind nur drei Faktoren dieser Zeit.

Oft war der Verlust der Väter durch den Krieg zu beklagen oder deren Abwesenheit auch noch in der Nachkriegszeit. Die für die Entwicklung eines Jugendlichen wichtigen Bezugspersonen fehlten oder waren in ihren Erziehungsnormen sehr autoritär. Hinzu kamen die beengten Wohnverhältnisse. Viele Familien waren ihres Wohnraumes durch den Bombenkrieg verlustig geworden und mussten bei Verwandten oder anderweitig auf engstem Raum unterkommen. Und auch diejenigen, welche noch über Wohnraum verfügten, mussten diesen mit anderen teilen. Ein eigenes Zimmer war für die meisten Jugendlichen noch bis Ende der 50er Jahre ein Wunschdenken. Nach repräsentativen Erhebungen verfügten bundesweit Anfang der Fünfziger Jahre nur 40 % und Mitte des Jahrzehnts etwa 50 % der Jugendlichen über einen eigenen Raum. Die anderen mussten sich das Schlafzimmer mit den Eltern bzw. einem Elternteil oder Geschwistern teilen. [1]

Rückzugsmöglichkeiten aus dem oft von materieller Armut und äußerster Sparsamkeit geprägten Elternhaus bot nur das Draußen, die Straße und die Plätze, oft noch gezeichnet von den Folgen der Bombenangriffe. Hier traf man seine Freunde, hier konnte man sich ausleben. Zeit, freie Zeit war jedoch rar, denn auch von den Jugendlichen wurde die Beteiligung an der Beschaffung des Lebensunterhaltes für die Familie erwartet. [2]

Erst gegen Ende der 50er Jahre begannen sich die materiellen Bedingungen zu erweitern. Für die Freizeit der Jugendlichen in dieser Zeit galt, dass sie -will man einen Vergleich wagen- derjenigen ihrer Altersgenossen in den 1920er Jahren weit ähnlicher war als der heutigen jugendlichen Praxis. [3]
 
 
 

1.2. Jugendforschung

 
 
 
"Lässige Jeans, pomadige Elvis-Tollen, wippende Pferdeschwänze und Petticoats, knatternde Mopeds, lärmender Rock'n Roll, Kinofilme mit James Dean, Großkonzerte mit Bill Haley - und im Anschluss daran 'Halbstarken-Randale'."

Mit solchen Begriffen verknüpft sich heute die Erinnerung an die Jugendlichen der 50er Jahre. Was sich so wunderbar nach einer "Fun-Gesellschaft" anhört, entspricht jedoch nicht der damaligen Realität und hat mit den zeitgenössischen Wahrnehmungen jugendlicher Lebenslagen wenig gemein. [4]

In der Jugendforschung der 50er Jahre wird ein ganz anderes Bild dieser Jugendlichen aufgezeigt. Diese Generation wird als die der angepassten bezeichnet. Sie adaptierte in unkritischer und rascher Weise die Rollen der Erwachsenen und zeichnete sich durch eine starke Ausbildungs- und Berufsorientierung aus. Gleichzeitig aber wurde ihr politisches Desinteresse sowie ein ausgeprägter Rückzug ins Private zugeschrieben.

Dass dabei die Jugendlichen der Arbeiterschaft und die Jugendlichen der Mittelschicht unterschiedliche Wege beschritten, resultierte aus dem schichtspezifischen Benachteiligungsformen des Bildungs- bzw. Schulsystems. Jugendliche der Arbeiterklasse beendeten in der Regel mit der 8. Klasse Volksschule ihre Schulzeit. Der Jugend der Mittelschicht standen dagegen die Möglichkeiten zum Besuch der Mittelschulen und Gymnasien offen. Auch unterschiedlichen Freizeitgewohnheiten, wie z. B. Motorradfahren, Zugehörigkeit zur Halbstarkenszene und das Lesen niedriger Unterhaltungsliteratur werden als Indikatoren für die Arbeiterjugendlichen herangezogen, während den Jugendlichen aus der Mittelschicht die sogenannte hohe Kultur von Theater und Konzerten sowie Interesse an der Subkultur der Existentialisten zugesprochen wird. [5]
 
 
 

1.3. Themenstellung und Methoden der Erfassung

 
 
 
Mit meinem Forschungsprojekt will ich die Bedingungen des Aufwachsens von Jugendlichen in Bergkamen in den 50er Jahren untersuchen. Ich will herausfinden, ob die Ergebnisse der bundesweiten Jugendforschung, so wie sie uns per Medien und Literatur dargestellt werden, auch auf die Jugendlichen in Bergkamen zutreffen und ob diese selbst, im Rückblick der vergangenen Lebenserfahrung, diese Zeit als Jugendliche ganz anders erlebt haben und darstellen.

Mein Projekt basiert im wesentlichen auf Zeitzeugenberichten. Das von mir gewählte Thema ist nach Aussage des Stadtarchivars von Bergkamen, Martin Litzinger, für den Raum Bergkamen noch nicht behandelt worden. Daher gibt es für viele Themen, welche ich gern gründlicher recherchiert hätte, keine verlässlichen Daten oder Angaben. Erschwerend kommt hinzu, dass bei der Stadtgründung Bergkamens im Jahre 1966 viele Unterlagen der vormals eigenständigen Gemeinde aus den 50er Jahren nicht mehr aufzufinden sind. Ich habe daher neben der Arbeit in Archiven und der Aufarbeitung statistischer Daten, soweit sie noch verfügbar waren, einen Fragebogen konzipiert, welchen ich vierunddreißig Personen mit der Bitte um Ausfüllung und Rückgabe zugehen ließ.

Des weiteren habe ich drei Interviews auf Tonträger aufgenommen und anschließend transkribiert. Die ersten zwei Interviews führte ich am 27.08.09 in Werne mit dem Ehepaar Bernd und Ilona Goßmann, beide aus Bergkamen. Das dritte Interview mit Dr. Eugen Drewermann fand am 28.09.09 in Paderborn statt. Des weiteren führte ich im Juli 2010 in Werne eine Befragung des Zeitzeugen Herbert Vehring durch. Dieses Gespräch wurde von mir, wie der Zeitzeuge es wünschte, schriftlich festgehalten.

Erste Kontakte zu Zeitzeugen gewann ich durch den Bergkamener Stadtarchivar Martin Litzinger. Die weiteren wurden dann durch eine Art Schnellballsystem ausfindig gemacht. Ein Zeitungsartikel im Westfälischen Anzeiger vom 06.05.10, in welchem mein Projekt vorgestellt und um Zeitzeugen gebeten wurde, brachte dagegen keine nennenswerten Ergebnisse.

Die Leitfaden-Interviews lehnten sich in ihrer Thematik den Fragebögen an. In allen Fällen wurde in der ersten Hälfte der persönliche Hintergrund des Zeitzeugen ermittelt und im zweiten Teil nach dem Freizeitverhalten gefragt. Die Interviewten beantworteten die Fragen oft in kurzer Form, häufig aber erzählten sie zu einzelnen Fragen längere Geschichten. Bemerkenswert ist, dass dem Thema "Erwerbstätigkeit" ein sehr breites Feld eingeräumt wurde. Hier äußerten sich die Zeitzeugen überwiegend mehr und ausführlicher als zum eigentlichen Kernthema "Freizeit".

Die Lebensbedingungen und wichtige biographische Daten der Zeitzeugen wurden ebenfalls festgehalten und die der Projektfragestellung entsprechenden Berichte oder Zitate indexartig erschlossen.

In mein Projekt hinein genommen habe ich die Aussagen von achtzehn Personen. Nicht alle aufgeführten Zeitzeugen haben aber auf jede Frage geantwortet. Daher kann bei der Auswertung nicht automatisch von achtzehn Personen ausgegangen werden. Die Aussagen der Zeitzeugen wurden, falls es grammatikalisch oder stilistisch notwendig war, redigiert und in dieser korrigierten Fassung dem Projektbericht eingefügt.

Sechzehn Fragebögen waren entweder nur sehr mangelhaft und wenig aussagekräftig beantwortet bzw. wurde, wie in zwölf Fällen geschehen, trotz vorheriger Zusage gänzlich von einer Beantwortung abgesehen.

Die Zeitzeugen wurden ausdrücklich auf eine mögliche Anonymisierung hingewiesen. Bis auf zwei Zeitzeugen waren alle übrigen mit der vollen Namensnennung einverstanden.

Über die achtzehn Zeitzeugen, deren Berichte ich in mein Projekt aufgenommen habe, wurde ein Sozialprofil erstellt. Elternhaus, Schul- und Berufsausbildung sowie der weitere berufliche Werdegang waren dabei wichtige Kriterien.

Die Zahl der Zeitzeugen und deren Aussagen kann nicht repräsentativ für ganz Bergkamen gesehen werden. Trotzdem stellt dieser Personenkreis einen Querschnitt der damaligen Bergkamener Jugend dar. Es ist mir durchaus bewusst, dass Randgruppen der damaligen Jugendlichen aus sozialschwachem Milieu in meinem Bericht nicht vorhanden sind. Speziell zum Thema "Halbstarke" hätte sich bei dieser Gruppe ein deutlich anderes Bild ergeben. Zum einen jedoch wollte ich den "normalen" Jugendlichen mit abgeschlossener Schul- und Berufsausbildung und mit einem der Norm der damaligen Gesellschaft entsprechenden Hintergrund erforschen, und zum anderen waren die Versuche, mit den Angehörigen damaliger sozialer Randgruppen Kontakte aufzunehmen, fast ergebnislos. Drei Personen, welche ich mit Schwierigkeiten ausfindig gemacht habe, weigerten sich (sehr emotionsgeladen), über ihre Vergangenheit zu reden.

Bedanken möchte ich mich bei jedem Einzelnen der im Sozialprofil aufgeführten Zeitzeugen für ihre Bereitschaft, mich bei meinem Projekt zu unterstützen.

Eine ergiebige Quelle für den "Blick zurück" waren außerdem Berichte des Bergkamener Zeitzeugenkreises. [6]

Besonders die Erinnerungen von Heinz Kramer waren für mein Projekt aufschlussreich. [7]
 
 
 

1.4. Sozialprofil der Zeitzeugen

 
 
 
Sozialprofil der Zeitzeugen
 
 
 

1.5. Beschreibung der Gemeinde Bergkamen

 
 
 
Die damalige Bergarbeitergemeinde und heutige Stadt Bergkamen [8] prädestiniert sich deshalb für mein Projekt, da sie in den 50er Jahren sowohl industrielle als auch landwirtschaftliche Züge aufwies. Bergkamen liegt am Ostrand des industriell geprägten Ruhrgebietes in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Großstädten Dortmund und Hamm.

Südlich von Bergkamen verläuft der Hellweg [9] und nördlich grenzt das Münsterland an. Hier stellt der Fluss Lippe die Nordgrenze dar. Benachbarte Kleinstädte sind Werne, Kamen und Lünen.

Aus ehemals nur einer Ansiedlung von Bauernhöfen, welche zur Grafschaft Mark gehörten, wurde Bergkamen mit der Abtäufung des ersten Schachtes von Monopol II (später umbenannt in Grimberg I/II) [10] im Jahre 1890 aufgrund des Bergbaus im Laufe der Zeit eine prosperierende Gemeinde. Dieses wiederum beinhaltete den Zuzug von Arbeitskräften nicht nur aus Gegenden Deutschlands wie Ostpreußen, Schlesien, Bayern u.a., sondern auch aus Polen, Österreich-Ungarn und Italien.

Dieses Konglomerat von Menschen mit ihren unterschiedlichen Sprachen und Kulturen schuf in Bergkamen eine multikulturelle Atmosphäre, welche sich in einer liberal offenen Lebenshaltung der Bergkamener widerspiegelte. Die Notwendigkeit der Anpassung an den Nachbarn und Arbeitskameraden bei den Erwachsenen, sowie das Miteinander bei Sport und Spiel bei den Kindern und Jugendlichen verlangte ein hohes Maß an Flexibilität und Loyalität im zwischenmenschlichen Bereich. Alte Werte wurden zwar nicht unbedingt aufgegeben, aber man war willens von Neuem, Unbekanntem zu lernen und dieses, bei Gefallen zu übernehmen bzw. einzugliedern. Man ging in erster Linie von einem gesunden Pragmatismus aus und lebte nach dem Motto: "Leben und leben lassen". Man sah die Dinge "nicht so eng". Es war ein wenig, wie in Amerika zu Zeiten der Pioniere und Einwanderer. Entweder waren alle Fremde, Zugezogene, oder aber alle Amerikaner, d.h. in diesem Falle "Bergkamener". Denn von der Handvoll, seit Generationen auf ihrer Scholle beheimateten Bergkamener Bauern abgesehen waren alle Zugezogene.

Da der Hauptarbeitgeber der Bergbau war, kam die überwiegende Mehrheit der Bergkamener Bevölkerung aus dem Arbeitermilieu. Man sah in diesem gesellschaftlichen Stand jedoch kein Manko, sondern war selbstbewusst und lebte zielgerichtet auf die Zukunft. Die Vergangenheit hatte man aufgegeben, daher maß man ihr keinen oder nur einen sehr geringen Stellenwert bei.

Ein schwarzes Kapitel in der Geschichte Bergkamens waren die beiden letzten Jahre des 2. Weltkrieges.

Im September 1944 wurde Bergkamen von Feindfliegern angegriffen. Nach Meinung der Alliierten sollten in der dem Bergwerk angeschlossenen Kokerei militärisch kriegswichtige Stoffe hergestellt werden. Innerhalb von knapp zwanzig Minuten fielen 1.100 Sprengbomben und 100 Minenbomben auf Bergkamen. Die Angriffe wurden schachbrettartig von Tieffliegern vorgetragen. Es gab 113 Tote, zahllose Verwundete und 101 vollkommen zerstörte und über 200 beschädigte Häuser. Ein halbes Jahr später erfolgten vier weitere Großangriffe, zwei im Februar 1945 und zwei im März 1945. Bei Kriegsende war 80 % des Bergkamener Wohnraums vernichtet, ebenso sämtliche Kirchen, Schulen und Kindergärten. Die der Bevölkerung Arbeit gebenden Industrieanlagen, die Zeche und die Chemischen Werke (1937 von der Gelsenkirchener Bergwerks-AG gegründet mit Standort neben der Zeche Grimberg I/II.), waren stark beschädigt und die Versorgungsleitungen zerstört. [11]

1950, fünf Jahre nach Kriegsende, betrug die Einwohnerzahl von Bergkamen 8.791 Personen und war im Jahre 1960 auf 15.352 Einwohner gestiegen. [12]

Diesen Einwohnern standen in den 50er Jahren bereits wieder in ausreichender Zahl Einkaufsmöglichkeiten, Volksschulen, Kirchen und Ärzte zur Verfügung. Zum Bergbau als Hauptarbeitgeber waren die Chemischen Werke erstarkt hinzugekommen. Außerdem gab es einige Handwerksbetriebe, welche Erzeugnisse für den täglichen Bedarf herstellten, in der Regel jedoch Zulieferer für den Bergbau waren. Man lebte auf der Basis des Notwendigsten. Für Kultur war wenig Interesse vorhanden und es nimmt nicht Wunder, dass außer der Volkshochschule und zwei kleinen Laientheatern, welche ihre Stücke im Saal eines Gasthauses aufführten, sonst keine Institution von kulturellem Gepräge vorhanden waren. Es sei denn, man zählt die Sportvereine, und hier ganz speziell den Fußballverein TuRa Bergkamen [13], zu den Kulturträgern.

Das kirchliche Leben spielte bei den meisten Bergkamenern, welche in der überwiegenden Mehrzahl evangelischen Glaubens waren, nur eine untergeordnete Rolle. Man brachte den kirchlichen Würdenträgern eine Art Wohlwollen entgegen, ließ sich aber in sein tägliches Leben nicht "dreinreden". Die wenigen katholischen Einwohner, welche in einer Diaspora lebten, hatten zwar demgegenüber ein sehr reges Gemeindeleben, aber aufgrund ihrer geringen Zahl nur wenig Einflussnahme auf ihre evangelischen Mitbürger. Für diese war das Wort des Steigers auf dem "Pütt" mehr wert als das eines Geistlichen. Taten zählten, nicht Worte.

Bereits in den 50er Jahren hatten sich sechs Gemeinden aus dem Amtsbezirk Pelkum [14] zu einer Großgemeinde Bergkamen zusammengeschlossen. Es waren dies die heutigen Stadtteile Bergkamen, Weddinghofen, Oberaden, Overberge, Rünthe und Heil. Am 14.06.1966 erhielt Bergkamen dann die Stadtrechte, welches der zukünftigen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung förderlich war.
 
 
 
 

2. Jugend: Wohnungsnot, Schule und Arbeit

 
 
 

2.1. Wohnungsnot

 
 
 
In Bergkamen, wo 80 % des Wohnraums durch die Bombardierungen der Jahre 1944/1945 vernichtet worden war, blieb den meisten Jugendlichen bis weit in die 50er Jahre hinein ein eigenes Refugium verwehrt. Tagsüber waren die Jugendlichen überwiegend an ihrer Arbeitsstelle. Kamen sie jedoch am Feierabend nach Hause, hatten sie in ihrer Freizeit unter den beengten Wohnverhältnissen noch stärker zu leiden als die jüngeren Kinder. Es gab nur die "Flucht" nach draußen. Doch wo sollten sie hin? Von den (wenigen) Spielplätzen wurden sie verjagt, Besuche in Kneipen, die für die jüngeren unter den Jugendlichen sowie so nicht erlaubt waren, oder die in der Mitte der 50er Jahre in Mode kommenden Milchbars kosteten Geld.

Kinos waren beliebt, aber nur selten öfter erschwinglich als einmal in der Woche. Was blieb war das für die 50er Jahre charakteristische "Herumlungern" an den Straßenecken, wo zwar "nichts" passierte und kein Ziel vorhanden schien. Aber man war "unter sich" und der Enge und Autorität des Elternhauses entflohen.

Laut Verwaltungsbericht des Amtes Pelkum waren am 01.01.59, vierzehn Jahre nach Kriegsende, noch 1.322 Familien (= 3.629 Personen) wohnungssuchend. [15]

Von fünfzehn zum Thema Wohnverhältnisse befragten Zeitzeugen gaben nur vier Personen an, ein eigenes Zimmer gehabt zu haben. Erstaunlicherweise waren alle vier Mädchen. Helga Böinghoff, welche eine Hauswirtschaftsschule besuchte, war eine der Glücklichen, welche ein eigenes Reich hatte. Das, obwohl von den 100 qm Wohnfläche, welches der Kotten hatte, auf dem sie mit ihren Eltern lebte, 25 qm an Flüchtlinge abgetreten werden mussten. Günstig wirkte es sich für Erika Schertel aus, dass sie keine Geschwister hatte und somit als Einzelkind über einen eigenen Raum verfügen konnte.

Doch Einzelkind zu sein, war keine Garantie auf ein eigenes Zimmer. Obwohl sie keine Geschwister hatte, musste Ilona Goßmann ohne eigenen Raum auskommen:
"Ich war zwar Einzelkind, hatte aber kein eigenes Zimmer, sondern musste im Schlafzimmer meiner Eltern schlafen."

Auch die übrigen Befragten gaben an, ihren Schlafplatz mit Geschwistern, Elternteilen oder Großeltern geteilt zu haben. So auch Helga Nowak, welche sich ihre Schlafstatt sogar zu dritt teilen musste:
"Wir hatten nur sehr wenig Wohnraum zur Verfügung, da wir eine Großfamilie, bestehend aus den beiden Großeltern, meiner Mutter, Onkel, Tante, Vettern und Cousinen waren. Ich hatte kein eigenes Zimmer und musste zwischen der Großmutter und der Mutter schlafen."

Nicht immer war die Schlafstätte in einem gesonderten Raum, sondern, wie im Falle von Karl Elsner, in der Küche:
"Wir lebten sehr beengt mit zweieinhalb Zimmern auf 55 qm. Ich hatte kein eigenes Zimmer und musste auf einer Schlafcouch im Bereich Küche/Essküche schlafen."

Heinz-Dieter Linkamp, welcher als Landwirtschaftslehrling auf dem elterlichen Hof arbeitete, bekam erst 1957 als Sechzehnjähriger ein eigenes Zimmer:
"Der elterliche Bauernhof wurde 1944 zerbombt. Daher standen uns ab 1948 nur beengte Wohnverhältnisse zur Verfügung. Eine einfache Küche, ein Wohnzimmer, 2 Schlafzimmer und ein einfaches Bad. Ich hatte bis 1957 kein eigenes Zimmer. Bis 1951 schlief ich mit meiner Oma in einem Raum und danach bis 1957 musste ich mir mit meiner Schwester ein Zimmer teilen."

Wohnraum musste oft mit (ausgebombten) Verwandten, welche über keinerlei Unterkunft mehr verfügten, geteilt werden. So kam es, dass auch in einem großen Bauernhaus, für die Jugendlichen kein eigener Raum zur Verfügung stand. Fritz Böinghoff, Jahrgang 1935, aus Overberge, einer Bauernschaft am Rande Bergkamens, musste sich ein Zimmer mit mehreren Kindern teilen:
"Wir bewohnten einen Bauernhof mit 180 qm Wohnfläche. Davon waren 25 qm an Verwandte vermietet. Zum Haushalt gehörten vier Erwachsene, sieben Kinder, ein Knecht und eine Magd. Ein eigenes Zimmer hatte ich nicht, da die zwei zur Verfügung stehenden Kinderzimmer mit sieben Kindern geteilt wurden, weil die zwei Kinder unserer Verwandten mit in diesen Kinderzimmern schliefen."

Dr. Eugen Drewermann, dessen Vater als Steiger ein geräumiges Haus von der Bergbaugesellschaft gemietet hatte, erinnert sich in seinem Interview zum Thema Wohnungsnot in der Nachkriegszeit:
"Ich habe meinen Schlafplatz mit den Geschwistern geteilt, aber die Situation war vergleichsweise sehr günstig. Ich bin zur Welt gekommen auf der Körnerstrasse in Bergkamen und in den beiden Großangriffen September 1944/April 1945 sind die ersten vier Häuser der Strasse durch eine Luftmine zerstört worden. Die Körnerstr. 5, unser Haus, war baufällig geworden. Wir mussten dreimal während der Bombenangriffe den Wohnraum wechseln, aber, eben weil die Wohnungsnot derart groß war, hat die Zeche meinem Vater gestattet, in Eigenleistung so gut es ging, die im Grunde baufällige Wohneinheit wiederherzustellen. Das ist passiert und deshalb sind wir in der Wohnung geblieben. Eine Zechenwohnung, Steigerwohnung. Fremde, zugezogene Flüchtlinge mussten wir nicht aufnehmen. Paradoxerweise begann man '48 mit der Montage ganzer Teile des Chemischen Werkes und deren Personal wurde verteilt an die oberen Bergbeamten. Und da wohnten, glaube ich, vier oder fünf Leute eine Weile lang zur Untermiete und das begrenzte natürlich den Wohnraum für den Eigenbedarf. Ansonsten war das eine im alten Stil errichtete Wohneinheit, aber mit ausgedehnten Zimmern. Mit Keller, dreigeschossig, Dachboden; also für eine Familie mit fünf Personen luxuriös zu nennen. Vielleicht muss ich noch dabei sagen, dass eine Weile lang, natürlich nach dem Krieg, nur der untere Teil des Hauses bewohnbar war, des Bauschutts wegen. Man musste sich da langsam überhaupt erst durcharbeiten. Die Heizung war in Wintertagen ein enormes Problem. Es gab einen kleinen Kanonenofen; deshalb war wirklich bewohnbar eigentlich nur die Küche und der unmittelbare Wohnraum. Und dann gab es Schlafzimmer."
 
 
 
Der herrschenden Wohnungsnot ging man, wie im Falle von Helmut Wissmann, mit einem gesunden Pragmatismus entgegen. Oft durch abenteuerlich anmutende Maßnahmen, ohne Wasser- und Stromanschluss. Hauptsache, man hatte ein Dach über dem Kopf:
"1948 baute mein Stiefvater auf einem Zechengrundstück, unterhalb des Bauernhofes Teuber (jetziges Schulzentrum Friedrichsberg), eine Hütte mit zwei Wohnräumen, einen Vorraum und einem vorgelagerten Stall, in welchem ein Schwein, mehrere Schafe und Hühner untergebracht waren. Wasser und elektrischen Strom gab es nicht. Das Wasser wurde vom Bauernhof Teuber, welcher ca. 200 Meter entfernt war, geholt und Licht wurde mittels Petroleumlampen erreicht. In dieser Hütte schlief ich mit meinen Eltern in einem Raum. 1951 zogen wir in eine Mietwohnung in die Fritz-Husemann-Strasse gegenüber dem alten Amt, danach auf derselben Straße in eine Wohnung in der Gastwirtschaft Sauerland."

Die Aussagen der Zeitzeugen bestätigen die Wohnungsnot der 50er Jahre, auch oder gerade in Bergkamen, dieser vom Krieg so furchtbar mitgenommenen Gemeinde.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Helmut Wissmann 1948 als 8-jähriger vor der Notunterkunft, welche von seinem Stiefvater eigenhändig errichtet wurde. Hier lebte die Familie zwei Jahre ohne Wasser- und Stromanschluss.
 
<
 

2.2. Schule

 
 
 
In den 50er Jahren waren Klassenstärken mit bis zu 48 Schülern keine Seltenheit. In ländlichen bestimmten Regionen gab es zudem noch bis Anfang dieses Jahrzehnts Schichtunterricht. Der Unterrichtsstil war disziplinarisch ausgerichtet und Körperzüchtigung als Strafe für Vergehen üblich. Die Mehrzahl der Jugendlichen verließ die Volksschule nach der achten Klasse und begann danach sofort die Berufsausbildung.

Die 1950er Jahre waren gekennzeichnet von einer Art Restauration des alten Schulsystems, etwa in konfessionsgebundene Volksschulen.

Der Historiker Axel Schildt schreibt:
"Bei den Schülern der allgemeinbildenden Schulen wiederum, die unter den 16jährigen Anfang der 50er Jahre etwa ein Zehntel, Ende des Jahrzehnts ein Fünftel ausmachten, kamen mit dem Zwei- oder Drei-Schicht-System aufgrund des Schulraummangels ernorme Erschwernisse hinzu, die statistisch kaum mit der Schulzeit zu verrechnen sind. Nicht exakt zu erfassen ist auch die Dauer der häuslichen Schularbeit. Bei Gymnasiasten konnte von einem 8stündigen Schul-/Arbeitstag ausgegangen werden. Die Einführung einer 5-Tage-Schulwoche wurde Ende der 50er Jahre zwar noch mehrheitlich abgelehnt, gewann aber angesichts der betrieblichen Arbeitszeitverkürzungen immer mehr Befürworter. Charakteristisch war der relativ geringe Anteil von Mädchen, die in den 50er Jahren nur ein drittel der Schülerschaft in der gymnasialen Oberstufe stellten". [16]

Das Schulwesen in Bergkamen bestand 1959 aus:

3 Gemeinschaftsschulen mit 1.559 Schülern
1 Sonderschule mit 64 Schülern [17]

Die nächstgelegenen weiterführende Schulen befanden sich in:

Werne a.d. Lippe Realschule und Gymnasium
Kamen Gymnasium
Unna Berufsschule

Die Ausführungen der Jugendforschung bezüglich des Schulwesens in den 50er Jahren treffen nach Aussagen der Zeitzeugen auch für Bergkamen zu. Hier waren Klassenstärken von 40-50 Schülern an der Tagesordnung, Prügel kamen vor und vierzehn von achtzehn Zeitzeugen verließen die Volksschule nach der 8. Klasse. Drei Zeitzeugen gingen nach der 4. Klasse auf das Gymnasium, wovon zwei es mit Erreichen der Mittleren Reife wieder verließen. Nur ein Zeitzeuge, Dr. Eugen Drewermann, machte am Gymnasium in Hamm sein Abitur. Zwei Jugendliche absolvierten nach der 8. Klasse Volksschule noch die Handelsschule und ein Mädchen ging nach der 4. Klasse Volksschule auf die Realschule in Dortmund mit gleichzeitigem Besuch des städtischen Konservatoriums.

Die Qualität des Unterrichtes wurden überwiegend als gut eingestuft und dem Lehrpersonal viel Motivation bescheinigt.

Allerdings gab es Einschränkungen dahingehend, als dass man es manchmal als ungerecht empfand, nicht eine weiterführende Schule besuchen zu können, da hierfür nicht der "richtige" soziale Hintergrund, sprich Elternhaus, vorhanden war.

Friedhelm Kluwe, Jahrgang 1941, hat ein etwas gespanntes Verhältnis zu seiner Schulzeit, welche er 1955 mit der 8. Klasse Volksschule beendete:
"Ich hatte den Eindruck, wir wurden nur "durchgezogen. 1953 erfolgte ein Schulortwechsel von der Schillerschule zur inzwischen neu erbauten Nordbergschule an der Hochstrasse. Dort absolvierte ich die 7. und 8. Klasse. Auch in diesen zwei letzten Klassen wurde uns nur das Allernötigste eingebläut. Trotzdem kann ich mich an keinen Schüler in meiner Klasse erinnern, der nicht sein Leben gemeistert hat. Aber auch an keinen Überflieger. Ich kann mich nur auf einen Schüler besinnen, der nach Werne zur weiterführenden Schule gegangen ist. Er war nicht schlauer als wir, hatte aber die "richtigen" Eltern."

Bestürzend sind auch Aussagen, dass man gern noch länger zur Schule gegangen wäre, aber von Seiten des Elternhauses hierfür kein Verständnis vorhanden war. Der Zeitzeuge Herbert Vehring, Jahrgang 1937 musste früh zum Familienunterhalt beitragen und begann nach der 7. Klasse Volksschule eine Ausbildung zum Bergmann:

"Ich besuchte bis 1952 eine einklassige Volksschule. Die Klassenstärke betrug ca. 20 Schüler. Nach Beendigung der 7. Klasse musste ich auf Drängen meiner Mutter die Schule verlassen, um Geld zu verdienen. Ich wäre gern länger zur Schule gegangen, denn ich war sehr wissbegierig. Während meiner Lehrzeit auf der Zeche Werne habe ich 3 Jahre die berufsbegleitende Bergbauberufsschule besucht. Sie gliederte sich in Unter-, Mittel- und Oberstufe."

In ländlich strukturierten Ortsteilen Bergkamens, wie der Bauernschaft Overberge, waren außerdem nur einklassige Schulen vorhanden.

Helga Böinghoff, welche nach ihrer Schulzeit eine Ausbildung zur landwirtschaftlichen Hauswirtschafterin begann, erinnert sich:
"Ich besuchte bis zur 8. Klasse die einklassige Dorfschule im Ortsteil Overberge, d.h. die 40 Kinder aller 8 Jahrgänge waren in einem Klassenraum zusammengefasst. Von 1955-1957 besuchte ich die Berufsschule. Diese war in den Kellerräumen der Schillerschule in Bergkamen untergebracht. Es gab eine Lehrküche und einen Klassenraum und wir waren ca. 14 Schülerinnen. Von 1958 an ging ich zur Landwirtschaftsschule in Arnsberg. Das war eine Internatsschule mit ca. 22 Mädchen. Die erworbenen praktischen Kenntnisse auf dem Gut Nordhausen mussten mit theoretischem Wissen untermauert werden. Ende der 50er Jahre hatte die Technisierung der Haushalte begonnen und dafür musste man auf dem neuesten Stand sein. Ich hatte bereits während meiner praktischen Lehrzeit schon an acht Tagungen hierüber teilgenommen. Diese Schulungen fanden auf sogenannten Elektrohöfen statt, das waren Musterhöfe, die von der VEW mit allen technischen Neuerungen für den Haushalt, wie Küchenmaschinen, Gefriertruhen, Gasherden und Elektroherden usw., ausgestattet worden waren."

Fritz Böinghoff besuchte eine vierklassige Volksschule, ebenfalls im Ortsteil Overberge, und berichtet von 50 Kindern pro Klasse, wobei jeweils zwei Jahrgänge zusammengefasst wurden. Nach seiner Volksschulzeit besuchte er zwei Winterhalbjahre die Landwirtschaftsschule in Unna.

Einer der wenigen Bergkamener Jugendlichen, welchen zur damaligen Zeit der Besuch eines Gymnasiums mit anschließendem Studium ermöglicht wurde, war Dr. Eugen Drewermann, Jahrgang 1940. An seine Schul- und Studienzeit erinnert er sich folgendermaßen:
"Die Einschulung war in Bergkamen. Durch die Zerstörung der Bombenangriffe relativ spät. Mein Jahrgang wurde '47 eingeschult, unten in der Schillerschule für die ersten zwei Jahre und dann zur sogenannten Pestalozzischule am Nordberg für die weiteren zwei Jahre. Und dann, ab 1951, bin ich nach Hamm zum altsprachliche Gymnasium gekommen und habe dort 1960 Abitur gemacht.
Wenn man so will, habe ich beibehalten den Gedanken, dass das im Grunde eine privilegierte Stellung ist, zur höheren Schule gehen zu dürfen. Und ich hatte, wenn ich ganz ehrlich bin, so etwas wie Schuldgefühle. Ich dachte, was ich da lerne, muss ich umsetzen, dass die Leute, mit denen ich groß geworden bin, das verstehen. Das ist bis heute so geblieben. Wenn ich Vorträge halte, möchte ich so reden, dass es verständlich bleibt für die Leute, mit denen ich mich eigentlich zugehörig fühle. Ich will denen nicht das akademische Deutsch vorsetzen. Ich muss damit arbeiten, vielleicht um mich in der Ebene auszudrücken, aber ich glaube, ich hätte einen Fehler gemacht, wenn ich die Sprache verlernt hätte, mit der ich groß geworden bin.

Mit dem Wintersemester 1960 wurde ich Student in Münster. Das ist ein bisschen kurios für jemanden der sich auskennt. Man darf Theologie eigentlich nur studieren am Ausbildungsort des zuständigen Bischofs, das wäre Paderborn gewesen. Aber - mein Religionslehrer an der Schule hatte eine Art "Missachten" eingereicht, so dass die mich erst mal eine Art "Probekurve" machen
ließen - in Münster. Und das war für mich gar nicht so übel, weil vor allem die Philosophie da entschieden besser war als in Paderborn. Und ich habe damals begonnen, zusätzlich zur Theologie, mit Deutsch und Griechisch. Ich wollte mir die Option offen halten evtl. "Geistlicher Studienrat" zu werden. Aber vom dritten Semester an musste ich dann in Münster, im sogenannten "Borromaeum", wohnen. Das liegt direkt am Domplatz und ist für die Theologie studierenden Priesteramtskandidaten noch heute das Theologenkonvikt. Da stand ich sozusagen unter Beobachtung und da das alles gut ging, wurde ich dann nach Paderborn zurückgeführt - wenn man so will."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Hauptsache ein Dach über den Kopf. So dachten die Eltern von Helmut Wissmann, als sie 1948 die selbstgebaute Behausung unterhalb des Bauernhofes Teuber in Bergkamen bezogen. Der Anbau beherbergte das Vieh. Im Vordergrund Helmut Wissmanns Mutter. Trotz der Notdürftigkeit ist dem Foto eine gewisse Idylle nicht abzusprechen.
 
 

2.3. Berufstätigkeit

 
 
 
Anfang der 50er Jahre gab es unter den Jugendlichen eine hohe Arbeitslosigkeit. Die amtliche Statistik zählte bei den unter 25-jährigen eine Viertelmillion Erwerbslose. Demzufolge wurden sogar Vorschläge gemacht, die Schulzeit für die Jugendlichen zu verlängern, um so den Arbeitsmarkt zu entlasten. [18]

Dieses änderte sich bereits wenige Jahre später. Bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung gab es keine hohe Arbeitslosigkeit mehr. Im Gegenteil, eine frühe Berufstätigkeit wurde typisch für die Lebenssituation der Jugendlichen. Berufstätigkeit wurde ein typisches Merkmal der Jugend in den 50er Jahren.

Die berufliche Qualifikation war in den 50er Jahren eindrucksvoll. Dieses belegen die bundesweiten Lehrlingsquoten. Waren es 1950 von 100 Jugendlichen noch 46 Lehrlinge, so war diese Zahl 1960 bereits auf 55 Lehrlinge gestiegen. [19]

Eine gute Berufsausbildung und damit einhergehend ein gutes Vorwärtskommen stand bei Jugendlichen ganz obenan. Die Arbeit und der Beruf wurde von ihnen als Tätigkeit zum Lebensunterhalt und Gelderwerb gesehen. Wenn es daneben auch noch ein wenig Freude bereitete, spielte das Pflichtethos nur eine geringere Rolle. [20]

In der einschlägigen Literatur der Jugendforschung wird aber auch von Widersprüchen berichtet, wie sie sich etwa im Arbeits- und Berufsethos der älteren Arbeiter darstellten, das von den Jugendlichen die klassischen Werte wie Fleiß, Pünktlichkeit, Gehorsam und Spaß an der Arbeit einforderte, aber in den Lehrlingswerkstätten lediglich Unordnung, ungerechtfertigte Prügel, sinnlose und eintönige Arbeit und Ausbeutung, auch zugunsten der älteren Arbeiter anzubieten hatte. Mit Werkstättenfegen und Steine schleppen waren die Jugendlichen nicht mehr von den hehren Werten der Arbeit zu überzeugen.

Arbeit war für die Heranwachsenden ein notwendiges Übel zum Geldverdienen. Je weniger Spaß die Arbeit machte und je weniger Befriedigung sie brachte, desto mehr maßen die Jugendlichen der Freizeit Bedeutung zu, da sie hier die Voraussetzungen für eine Identitätsfindung fanden. Hier konnten sie Eigeninitiative entwickeln und Selbstbestimmung üben. [21]

Die Jugendlichen teilten die langen Arbeitstage der Erwachsenen. Nach den bis 1960 gültigen Regelungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes war für 14- bis 18jährige eine wöchentliche Arbeitsdauer von maximal 48 Stunden zulässig. Empirische Erhebungen zufolge arbeitete aber ein großer Teil der Jugendlichen noch länger. [22]

Diese Zahlen treffen auch auf Bergkamen zu. Dabei waren die Arbeitszeiten unabhängig von den Berufen der Jugendlichen. Gleich ob es sich um kaufmännische oder handwerkliche Tätigkeiten handelte, die Arbeitszeiten lagen zwischen 46 und 48 Stunden wöchentlich, unter Einrechnung der Samstagsarbeit, welche bis weit in die 60er Jahre hinein eine Selbstverständlichkeit darstellte. Eine Außenseiterrolle spielten bei Arbeitszeiten und auch Urlaubstagen die Jugendlichen in der Landwirtschaft, auf deren Situation nachstehend näher eingegangen wird.

Nach dem für heutige Begriffe langen Arbeitstag wurden von fast allen Auszubildenden noch Aufräum- und Putzarbeiten an der Arbeitsstelle erwartet. Dieses zog sich durch alle Ausbildungsbereiche, gleich ob kaufmännischer oder handwerklicher Struktur.

Bis zur Novellierung des Jugendarbeitsschutzgesetzes im Jahre 1960 war die Zahl der Urlaubstage für berufstätige Jugendliche auf dem Stand der Vorkriegszeit. Das bedeutete für Jugendliche unter sechzehn Jahren 15 Tage Urlaub. Für die Jugendlichen von 16 -18 Jahren verringerte sich dieser Anspruch sogar auf 12 Werktage. [23]

Im wesentlichen werden diese geringen Urlaubstage von den befragten Bergkamener Zeitzeugen bestätigt. Abhängig von der Branche des Arbeitsgebers variieren hier aber die Urlaubstage. So bekamen als Lehrlinge für den Beruf des Industriekaufmannes/-frau Karl Elsner mit sechzehn Jahren und Erika Schertel mit fünfzehn Jahren 20 resp. 21 Tage Urlaub.

Gerd Schwarzer, welcher mit fünfzehn Jahren eine Ausbildung als Chemielehrling absolvierte, musste sich dagegen mit 12 Tagen begnügen. Bei den Jugendlichen mit einer Ausbildung im Handwerk schwankten die Zahlen zwischen 14 und 18 Tagen. Die Mehrzahl der Zeitzeugen konnte sich jedoch nicht mehr an die Zahl der damaligen Urlaubstage erinnern.

Angesichts der langen Arbeitszeiten und den relativ wenigen Urlaubstagen gestanden sogar ausgesprochen jugendkritische Beobachter ein, dass die Jugendlichen in der damaligen Zeit viel weniger Freizeit hatten, als es im nachhinein angenommen wurde. [24]

Ein wichtiger Aspekt in der Rubrik "Berufstätigkeit" ist das Verhältnis der damaligen Auszubildenden zu ihren älteren Kollegen. Da man den 50er Jahren eine autoritäre Erziehung durch das Elternhaus und einen disziplinarischen Stil im Schulwesen bescheinigt, war es wichtig zu erfahren, ob sich diese Attribute auch auf die Lehrzeit der Jugendlichen übertragen lassen. Daher wurde nach dem qualitativen Umfeld der Ausbildung gefragt. Erstaunlicherweise wurde aufgrund dieser Fragestellung bei einigen Zeitzeugen viel Erinnerungsvermögen aufgedeckt. Auch Personen, welche sich zu anderen Themen nur knapp äußerten, hatten in diesem Bereich ein großes Mitteilungsbedürfnis. Hier bestätigt sich die These der Jugendforschung, dass die Jugendlichen der 50er Jahre berufs- und zukunftsorientiert waren. Die Erwerbstätigkeit nahm für sie einen höheren Stellenwert ein als ihre Freizeit. In Anbetracht der Tatsache, dass sie nach entbehrungsreichen Jahren am Wirtschaftswunder partizipieren wollten, erscheint dieses nicht verwunderlich. Daher wird dem Bereich "Berufstätigkeit", obwohl er als Nebenfeld nur den sozialen Hintergrund der Zeitzeugen beleuchten sollte, ein größerer Platz gegeben, damit die teilweise sehr kritisch gehaltenen, aber dennoch auch in der Rückbeleuchtung objektiv beschriebenen Berichte zur Geltung kommen.

Herbert Vehring, welcher unfreiwillig, da auf Drängen der Mutter, bereits nach Abschluss der 7. Klasse mit dreizehn Jahren als Bergbaulehrling auf der Zeche in Werne seine Erwerbstätigkeit anfing, beschreibt diese schwere Zeit trotzdem als gut und lehrreich. Eine gewisse "historische" Bedeutung erlangte er außerdem als letzter Pferdejunge dieser Zeche:

"Mit dreizehn Jahren fing ich auf der Zeche in Werne als Bergbaulehrling meine Erwerbstätigkeit an. Ich arbeitete dort die beiden ersten Ausbildungsjahre Übertage, d.h. ich wurde im Kauendienst, der Schmiede, der Gärtnerei, der Bau- und Malerabteilung und der Lehrwerkstatt eingesetzt.

Im 2. Lehrjahr kam ich Untertage in den sogenannten Lehrstreb. Dort wurden auf einer Strecke von 6-7 m jeweils zwei Lehrlinge zwischen den älteren Kollegen direkt "vor Kohle" eingeteilt.

Ein halbes Jahr war ich "Pferdejunge", der letzte der Zeche in Werne. Ich hatte die damals noch in den Gruben eingesetzten Grubenpferde zu führen. Diese Arbeit begann morgens mit dem Gang zum Pferdestall, dem Anspannen der Pferde mit dem Geschirr und dem Einhaken desselben an den Förderwagen. Die Aufgabe der Pferde (und somit auch meine) bestand darin, das Langholz, welches zum Abstützen des Strebes gebraucht wurden, auf Teckel an die benötigte Stelle zu transportieren. Diese Grubenpferde sahen kein Sonnenlicht, obwohl es hieß, dass sie ein Mal im Jahr "nach oben" kommen sollten. Aber ob das tatsächlich so gehandhabt wurde, bezweifle ich. Gefüttert wurden die Pferde u.a. mit Melasse von der Hefefabrik Moormann. Wenn sich in dieser Melasse große Brocken befanden, steckte der eine oder andere Kumpel sich welche ein, um daraus zuhause Schnaps zu brennen. Ich wurde von den älteren Kollegen (Kumpel) auch als Lehrling gut und kumpelhaft behandelt. Die Zusammenarbeit erwies sich als sehr lehrreich.

Mein Arbeitstag begann morgens um 6.00 Uhr und endete um 15.00 Uhr. Es gab nur eine halbstündige Pause von 9.45 - 10.15 Uhr. An Urlaub standen mir drei Wochen zur Verfügung. Man bekam aber auch als Belohnung für gute Arbeitsleistungen Sonderurlaub. So durfte ich ein Mal auf Kosten der Zeche zum Skiurlaub ins Sauerland fahren. Nach der regulären Arbeitszeit hatte ich, je nachdem wo ich eingesetzt war, noch Aufräumarbeiten in den Werkstätten oder Putzen beim Kauendienst zu verrichten. Auch "Bierholen" für die älteren Kollegen musste, bei bestimmten Anlässen, nach Schicht-/Arbeitsende von uns Lehrlingen getätigt werden."

Dass Lehrlinge während ihrer regulären Arbeitszeit auch Tätigkeiten verrichten mussten, welche zu ihrem Ausbildungsziel in keinerlei Beziehung standen, berichtet der damalige Chemielehrling Gerd Schwarzer:
"Mit fünfzehn Jahren trat ich als Chemie-Lehrling in die Chemischen Werke Bergkamen ein. Der Arbeitstag begann morgens um 6.00 Uhr und endete am Nachmittag um 15.15 Uhr. Samstags wurde von 6.00 bis um 13.00 Uhr gearbeitet. Frühstücks- und Mittagspause betrugen zusammen 45 Minuten. An Urlaub standen mir zwölf Tage jährlich zu.

Als Lehrling musste ich selbstverständlich putzen, fegen und aufräumen. Geputzt wurden insbesondere samstags die Messinghähne in den Laboratorien mit Putzcreme bis alles schön glänzte. Fegen und harken musste ich auch die Flächen um das Laborgebäude herum. Da, wo sich Asche auf den Flächen befand, wurde peinlichst von Süd nach Nord gerade geharkt.

Morgens zu Arbeitsbeginn musste ich zu einem Chemikerhaushalt, dessen Wohnung sich auf dem Werksgelände befand, Milch und Eimer mit fein zerkleinertem Stangeneis für den Kühlschrank bringen. Dieses mussten alle Lehrlinge des 1. und 2. Lehrjahres turnusmäßig alle acht Wochen absolvieren.

Auch Arbeiten außerhalb des Werksgeländes musste ich durchführen. Mit einem älteren Mitarbeiter hatte ich im Garten meines Chefs Gartenarbeiten, wie z. B. Obstpflücken, zu verrichten. Dabei hatten wir zu pfeifen oder zu singen, damit die Frau des Chefs, die derweil auf der Terrasse saß und uns zuschaute, mitbekam, dass wir kein Obst aßen. Einkäufe für den Vorgesetzten waren ebenfalls eine Tätigkeit, die von Lehrlingen ausgeführt wurde. Trotz alledem war mein Arbeitsumfeld gut und von den älteren Arbeitskollegen wurde ich als Lehrling vorbildlich behandelt."

Schon als Lehrling musste Helmut Wissmann, in späteren Jahren Betriebsratsvorsitzender eines Pharmaunternehmens, um seine Rechte in einem Betrieb kämpfen, welcher sich in nicht ausbildungsgerechter Form der Lehrlinge bediente:
"Mit vierzehn Jahren begann ich meine Lehre zum Klempner bei der Fa. Erwin Bothe in Bergkamen. Die Wochenarbeitszeit betrug 48 Stunden und an Urlaub standen mir drei Wochen zur Verfügung. (Diese Angaben sind geschätzt, denn so recht kann ich mich daran nicht mehr erinnern.)

Mein Meister führte sein Unternehmen nur mit Lehrlingen. Wenn der älteste Lehrling nach 3 einhalb Jahren Lehrzeit die Gesellenprüfung bestanden hatte, verließ er die Firma und ein neuer Lehrling wurde eingestellt. Dieses System hatte zur Folge, dass wir Lehrlinge sehr früh eigenständig unsere Arbeiten verrichteten. Dadurch lernten wir schnell und gut. Bis zu meiner Zeit in der Fa. Bothe erlangte jeder Lehrling den Gesellenbrief.

Nach dem damals, auch von meinen Eltern oft zitierten Spruch "Lehrjahre sind keine Herrenjahre", machte mein Lehrherr sich über damalige Unfall- und Jugendschutzgesetze wenig Gedanken. Wenn ich heute an meine Lehrzeit zurückdenke, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. So haben wir 16jährige Jungen z. B. auf den Dächern ohne jede Absicherung Dachrinnen angebracht. Dass Überstunden angeordnet wurden, war "Gang und Gebe". Von Bezahlung dafür war aber keine Rede. Erst gegen Ende des 2. Lehrjahres gelang es mir, eine zwar nicht hohe, aber dennoch willkommene Bezahlung für meine geleisteten Überstunden zu erreichen.

Gegen Übergriffe des Meisters, wie z. B. Tritte in den Hintern oder Ohrfeigen, habe ich mich zwar erfolgreich gewehrt, aber andere Lehrlinge brachten diesen Mut nicht auf.

Bei den Pausenzeiten gab es keine Probleme, da unsere Arbeit meistens auf den Baustellen stattfand. Wir achteten selber darauf die 1/4stündige Frühstückspause und die 1/2stündige Mittagspause einzuhalten.

Nach Beendigung meiner Lehrzeit und mit Erreichen des Gesellenbriefes ging ich 1959 zur Firma Willich in Dortmund und machte dort eine Umschulung zum Isolierklempner."

Friedhelm Kluwe hatte als Maurerlehrling nicht nur schwere körperliche Arbeiten zu verrichten, sondern auch für das leibliche Wohl der älteren Kollegen zu sorgen:
"Ab 1955 (nach der Schulentlassung) fing ich mit vierzehn Jahren als Maurerlehrling, zusammen mit ca. zwanzig weiteren Lehrlingen, bei der Fa. Otto Scherff in Kamen meine Ausbildung an. Die Arbeitszeiten sind mir nicht mehr bekannt, aber am Samstag musste bis 14.00 Uhr gearbeitet werden. Die Fahrten zur jeweiligen Arbeitsstelle waren bis zu 20 km lang und wurden mit dem Fahrrad bewältigt. Eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Arbeitsbeginn mussten wir Lehrlinge bereits antreten und Mörtelfässer aufrühren und Handwerkszeug verteilen. Nach Arbeitsende wurde wiederum eine halbe Stunde für Aufräumarbeiten drangehängt.

Unser erster Arbeitstag bestand für uns zwanzig Lehrlinge mit dem Errichten einer neuen Baustelle. Ein Lkw mit Anhänger war mit Zementsäcken (je 50 kg) beladen. Diese wurden vom Lkw abgeladen und über eine Strecke von 20 m durch Schlamm in die Baubude getragen.

Fünfzehn Minuten vor der Frühstückspause und dreißig Minuten vor der Mittagspause mussten wir Lehrlinge für die Gesellen und die Vorarbeiter zum Einkaufen. Vorher notierten wir uns auf Zementtüten mit Zimmermannsbleistiften, von Gerüst zu Gerüst turnend, die Einkaufswünsche der Gesellen. Nach dem Einkauf mussten wir in der Baubude den Ofen anzünden, Brennholz bevorraten und die Henkelmänner und Milchflaschen aufwärmen. Trotz unserer Bemühungen wurde aber immer über irgendetwas gemeckert.

Die Urlaubstage habe ich mit vierzehn Tagen in Erinnerung. Es können jedoch mit den Jahren einige Tage dazugekommen sein.

Die Behandlung durch die Gesellen und andere Vorgesetzte verbesserte sich von Lehrjahr zu Lehrjahr. Der Berufseinstieg war hart. Aber es waren auch schöne Jahre. Es ging immer bergauf."

Den damals begehrten Beruf der Einzelhandelskauffrau erlernte Ilona Goßmann:
"Ich hatte sofort nach Schulabschluss eine Lehrstelle. Das war bei der Firma Scholz, Lebensmitteleinzelhandel in Kamen. Meine Arbeitszeiten waren unterschiedlich. Normal begann der Arbeitstag um 7.00 Uhr. Aber vor besonderen Feiertagen musste man auch schon mal um 5.30 oder 6.00 Uhr im Geschäft sein. Ich hatte zwei Stunden Mittagspause, da ging ich nach Hause zum Essen. Für das Frühstück standen nur ein paar Minuten zur Verfügung und dann gingen wir in die Küche meines Lehrherrn. Arbeitsende war um 18.00, manchmal um 18.30 Uhr. Und dann musste noch geputzt werden. Also war es meistens 19.00 Uhr bis man aus dem Laden kam.

Zu dieser Zeit war es üblich, dass die Kunden, welche überwiegend aus dem Bergarbeitermilieu stammten, "auf Buch" einkauften, d. h. anschreiben ließen. Wenn dann "Geldtag" war, drei Mal im Monat, wurde bezahlt. Aber selten die ganze Summe, so dass immer ein Rest blieb, welcher sich manchmal ganz schön anhäufte.

An Urlaub standen mir achtzehn Tage zu, einschl. der Samstage, denn es wurde auch samstags voll gearbeitet mit normalen Öffnungszeiten. Erst später wurde samstags das Geschäft nur noch bis 16.00 Uhr offen gehalten."

Auch der spätere Theologe Dr. Eugen Drewermann lernte als Student aufgrund von Ferienjobs harte Arbeit kennen:
"Ich hätte zwar keine Ferienarbeit annehmen müssen, aber ich habe als Student Ferienarbeiten "über Tage" gemacht auf der Zeche in Bergkamen, um eine Tramptour ins Heilige Land, wenn man so will, zu finanzieren. Also auf dem Landweg durch die Türkei, Syrien, Jordanien, Israel.

Ich war im Kesselhaus und auf der "Rotte". Die Zeche hatte damals ja noch Verbindungen. Einmal von Bergkamen nach Kamen; von Grimberg nach Monopol ging die Strecke. Da mussten Schwellen ausgebessert werden und dann waren die Abraumhalden natürlich auch befahrbar zu halten. Und so was machte die "Rotte". Eigentlich wollte ich "unter Tage". Den Beruf meines Vaters ein bisschen kennen lernen. Aber das hat er mit Erfolg verhindert. Und dann wurde ich angelegt auf die Rotte. Das ist eine Tätigkeit für lauter Hilfsarbeiter; alle die da waren. Da waren auch Ausländer. Wenn die fünfhundert Wörter Deutsch konnten, dann war das viel. Lauter ganz wunderbare Menschen, die ich dabei kennen gelernt habe.

Die Arbeitszeiten waren normal. Normale Schicht, also 8 Stunden. Es gab für mich keine Sonderkonditionen. Man tat die Arbeit oder man ließ es, eines von beiden. Entweder man gehörte dahin oder flog wieder raus. Obwohl körperlich die Rotte ganz schön schwer war."
 
 
 

2.3.1. Landwirtschaft

 
 
 
Am härtesten traf es bezüglich der Arbeitszeiten die in der Landwirtschaft beschäftigten Jugendlichen. Arbeitszeiten von 14 Stunden im Sommer und 12 Stunden im Winter waren die Regel. [25]

Hierzu schreibt der Historiker Axel Schildt:
"Eine vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderte Untersuchung ermittelte 1953/1954, dass die Jugendlichen auf dem Land um 6.00 Uhr morgens bereits zu fast 80 % aufgestanden waren. Der Feierabend begann, je nach Betriebsgröße der landwirtschaftlichen Betriebe, im Sommer zwischen 20.00 und 21.00 Uhr, im Winter früher. Während im Sommer durchschnittlich 15 Stunden gearbeitet werden musste, waren es im Winter 12 ½ Stunden. Diese Arbeitszeiten erklärten die starke Unzufriedenheit der Jugendlichen auf dem Lande mit ihrer Berufssituation zur Genüge und waren immer wieder Anlass zu jugendschützerischen Mahnrufen. Eine Klassifizierung dieser Jahre ergibt zunächst eine Dreiteilung: als Parias die in der Landwirtschaft tätigen Jugendlichen und andere, die nicht unter das Jugendarbeitsschutzgesetz fielen, mit einer täglichen Arbeitsdauer von 11 bis 12 Stunden; mit 8 bis 10 Stunden am Tag waren alle anderen berufstätigen Jugendlichen besser gestellt, wobei jugendliche Angestellte länger arbeiten mussten als junge Arbeiter." [26]

Im Jahre 1949 wurden in Bergkamen noch 56 landwirtschaftliche Betrieb mit 0,5 ha Betriebsfläche registriert. [27] Demzufolge scheint es nicht verwunderlich, dass von achtzehn zum Thema Beschäftigung in der Landwirtschaft befragten Personen fünf Zeitzeugen angaben, eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert zu haben. Allerdings handelt es sich hierbei ausschließlich um Zeitzeugen, deren Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb führten.

Bei den nicht berufsmäßig in der Landwirtschaft tätigen Jugendlichen waren Aushilfsarbeiten, speziell zur Erntezeit, auf den Bauernhöfen zwecks Aufbesserung des Taschengeldes sehr beliebt. Nicht zu verachten war auch in den mageren Nachkriegszeiten die gute Verpflegung, welche den Erntehelfern gereicht wurde.

Obwohl, oder gerade weil Gerd Schwarzer als Schüler oft in der Landwirtschaft mithalf, strebte er nach Schulabschluss eine Ausbildung zum Chemielaboranten an. Seine Arbeit auf dem Bauernhof hat er jedoch in positiver Erinnerung:
"Die Landwirtschaft spielte für mich während meiner Schulzeit eine wesentliche Rolle, denn in den landwirtschaftlichen Betrieben war so mancher Zuverdienst möglich. Die Arbeiten waren dort für uns Jugendliche, die wir aus der Kiwitt-Siedlung stammten, wo rundherum Bauernhöfe angesiedelt waren, ein schöner Nebenverdienst zum schmalen Taschengeld. Wir mussten Runkeln und Zuckerrüben verziehen, abstechen und aufladen, Getreide einbringen sowie Kartoffeln ernten. Für diese Tätigkeiten gab es mitunter sogar schulfrei, wenn die Ernte nicht gerade in die Ferien fiel. Wir wurden auch recht gut entlohnt, da wir Jugendliche uns vorher auf einen Stundenlohn abgestimmt hatten. Das gab zwar manche Diskussion mit dem Bauer, aber er war ja auf unsere Mithilfe angewiesen. Unsere Forderungen waren nicht unrealistisch und so zahlte er letztendlich auch den von uns gewünschten Betrag. In den Pausen wurden wir gut versorgt mit Brot, Schinken, Wurst und Milch. Dafür sorgte ganz selbstverständlich die Bäuerin."

Eine berufliche Ausbildung zum Landwirt machte Heinz-Dieter Linkamp nach Absolvierung der Handelsschule. Er trat als Lehrling in den elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb ein. Bereits als Kind hatte er bei den Ernten mitgearbeitet:

"In Bergkamen gab es in den 50er Jahren noch 14 landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe. Wir mussten bereits als Kinder bei der Kartoffel- und Rübenernte mithelfen. Mit fünfzehn Jahren war mein Eintritt ins Erwerbsleben als Lehrling in der Landwirtschaft. Meine Arbeitgeber waren meine Eltern.

Die Arbeitszeiten waren von 6.00 - 19.00 Uhr, wobei es eine Stunde Mittagspause gab. Ein zwölf Stunden Arbeitstag war die Regel.

Urlaub gab es keinen, nur ein einziges Mal, 1959, konnte ich mir zehn Tage Urlaub an der Ostsee erlauben."

Von ungeregelten Arbeits- und Pausenzeiten und nicht sonderlich festgelegten Urlaubstagen berichtet auch Gerd Koepe, welcher ebenfalls als Landwirtschaftslehrling ab dem vierzehnten Lebensjahr im elterlichen Betrieb tätig war.
 
 
 
Friedrich Böinghoff, Jahrgang 1935, arbeitete zunächst ab dem vierzehnten Lebensjahr im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb. Über sein Lehrjahr auf einem Bördehof in der Nähe von Soest und seinen späteren beruflichen Werdegang berichtet er:
"Mein Lehrjahr als landwirtschaftlicher Lehrling absolvierte ich 1955/1956 auf dem großen Bördehof des Heinrich Brandhoff in Herringsen bei Soest. Dort legte ich auch meine Gehilfenprüfung ab.

Der Arbeitstag begann um 5.30 Uhr und ging bis 18.30 Uhr. Es gab eine Stunde Mittagspause und die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Alle vierzehn Tage gab es ein freies Wochenende. Dieses dauerte von samstags 13.00 Uhr bis sonntags 22.00 Uhr. An Urlaub standen uns vierzehn Tage im Jahr zu. Während meines Lehrjahres hatte ich Familienanschluss im Ausbildungsbetrieb und wurde dementsprechend geachtet.

Ich schätzte den Umgang mit der Technik, welche die Arbeit sehr erleichtern konnte. Deshalb habe ich auch die Deula-Schule Westfalen-Lippe (Kuratorium für Technik in der Landwirtschaft) in Warendorf besucht. Dort machte ich meinen Führerschein Klasse II.

Im Juli 1956 fand ich Arbeit bei der Pflugfabrik Ewald Hildebrand in Unna. Hildebrand-Pflüge waren weltweit bekannt. Zu der Zeit hatten sie dort ein Patent entwickelt, das es ermöglichte einen pferdegezogenen Pflug hinter einen Trecker zu hängen. Sie bauten auch Kupplungen für die Bundeswehr und fertigten Teile für Mähdrescher an, welche die Firma Claas in Harsewinkel baute.

1959 arbeitete ich vorübergehend für ein Jahr wieder auf dem elterlichen Hof, da mein jüngerer Bruder, welcher bis dahin dort tätig gewesen war, zur Bundeswehr eingezogen wurde. Danach nahm ich wieder bei der Firma Hildebrand in Unna den Job eines Kraftfahrers an. 1962 kam die Firma Hildebrand in Schwierigkeiten und ich begann eine Tätigkeit im Bergkamen-Rünthener Industriehafen (am Dattel-Hamm-Kanal gelegen) bei der Transportbetonfirma Max Contag. Dort wurden Anlagen zum Mischen des Betons installiert, bei deren Aufbau ich mithalf."

Nicht zum eigentlichen Thema gehörig, aber aufgrund ihrer Einzigartigkeit, ihres Witzes und des unverkennbaren Bergkamener Lokalkolorits möchte ich nachstehende Episode, von der Friedrich Böinghoff berichtet, den Lesern meines Projektes nicht vorenthalten:
"Während meiner Tätigkeit bei der Firma Contag ereignete sich folgendes: Der Chef eines Transportbetonunternehmens hatte ein Verhältnis mit der Frau seines Fahrers. Als der erboste Fahrer mit dem Mischfahrzeug an seiner Wohnung vorbeikam und dort das Auto seines Chefs, ein VW Kabriolett stehen sah, ließ er es kurzerhand voll Beton laufen. Dieser Vorfall erregte viel Aufsehen in der Presse und ein Bergkamener Buchautor, Moppel Claer [28], schilderte ihn später in seinem Roman "Lass jucken, Kumpel", welcher auch verfilmt wurde. [29]
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Fritz Böinghoff während seines offiziellen Lehrjahres 1955 auf dem Lehrbetrieb Brandhoff bei Soest.

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Moderne und Vergangenheit. Fritz Böinghoff 1955 bei der Feldarbeit während seines offiziellen Lehrjahres auf Hof Brandhoff bei Soest.

 Fritz Böinghoff erhielt beim Berufswettbewerb in der Landwirtschaft 1955 diese Bescheinigung in der Leistungsklasse III (Melken). Der Berufswettbewerb fand auf dem Versuchsgut Haus Düsse in Oestinghausen statt.

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Fahrschüler der Deula-Schule in Warendorf 1956. Hier machte Fritz Böinghoff seinen Führerschein Kl. II.
 
 
Zwar nicht den Beruf der Landwirtin, aber einen der Landwirtschaft nahestehenden Beruf wählte Helga Böinghoff, Jahrgang 1940:
"Nach der 8. Klasse arbeitete ich zunächst für zwei Jahre auf dem elterlichen Kotten für ein Taschengeld. Diese Zeit wurde als Lehrzeit angerechnet, wenn man einmal wöchentlich die Berufsschule besuchte.
 
 
1957 absolvierte ich mit siebzehn Jahren mein Lehrjahr auf den als anerkannten, landwirtschaftlichen Lehrbetrieben Gut Nordhausen bei Iserlohn und Hof Middelschulte in
Holzwickede. Nach Absolvierung der Landwirtschaftsschule in Arnsberg war ich als landwirtschaftliche Hauswirtschaftsgehilfin tätig, mit dem Ziel meine Meisterprüfung als Betriebshelferin zu machen.

Mein Arbeitstag begann um 6.00 Uhr morgens und endete um 19.00 Uhr. Es gab eine Stunde Mittagspause und die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Ich bekam ein Taschengeld von monatlich DM 40.

Alle vierzehn Tage hatte ich ein freies Wochenende, welches von samstags 13.00 Uhr bis sonntags 22.00 Uhr dauerte. Mir standen vierzehn Tage im Jahr Urlaub zu.

Die Bäuerin hatte für den gesamten Betrieb die Schlüsselgewalt, d.h. sie verwaltete die vielen Schlüssel, welche an einem Schlüsselbrett in der Küche hingen, eine für die westfälische Gegend durchaus übliche Sitte, und ich war sowohl in der Zeit als Lehrling und später als Gehilfin ihre Stellvertreterin. Demzufolge wurde ich von den anderen Arbeitskollegen geachtet, musste allerdings auch sehr verantwortungsbewusst sein.

Neben der althergebrachten Art der Haushaltsführung lernte ich auch Neuerungen kennen, wie z. B. das Einfrieren von Lebensmitteln, Käfighaltung bei Hühnern statt Freilauf, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Helga Böinghoff in der Lehrküche der Landwirtschaftsschule Arnsberg, 1958

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Helga Böinghoff (2. von links stehend) mit den Absolventinnen der Landwirtschaftsschule Arnsberg 1958.
 
 

2.4 Weiterbildung

 
 
 
Die Jugend der 50er Jahre war ausgesprochen aufstiegsbewusst. Erhebungen über diesen Zeitraum bescheinigen einem Fünftel aller Jugendlichen ein berufsgebundenes Nachholbedürfnis an Bildung und einem Drittel die Teilnahme an Weiterbildungsangeboten. In den 50er Jahren bestand die Hälfte aller Personen, welche Volkshochschulen besuchte, aus Jugendlichen unter fünfundzwanzig Jahren. [30]

Ein weiteres Ergebnis der Jugendbefragungen und Analysen in den 50er Jahren war die Feststellung, dass ein wachsender Teil der jungen Berufstätigen seine Freizeit hinter Fachbüchern verbrachte, um sich beruflich weiterzuqualifizieren. [31]

Zum Thema Weiterbildung äußerten sich aus Bergkamen zwölf Zeitzeugen. Fünf Personen hatten nach eigenen Angaben kein Interesse respektive keine Zeit um sich weiterzubilden. Die übrigen Befragten bildeten sich überwiegend berufsbezogen weiter. Hierzu wurden unterschiedliche Institutionen besucht. Mehrfachnennungen waren die Volkshochschule Bergkamen (1951 gegründet), aber auch Gewerkschaften wie z. B. die IGB (Industrie Gewerkschaft Bergbau) und die DAG (Deutsche Angestellten Gewerkschaft).

Dass Weiterbildung auch Spaß machen kann, erlebte Erika Schertel, welche sich in der Ausbildung zur Bürokauffrau befand, in einer "Scheinfirma" der DAG:
"Ich war in der DAG (Deutsche Angestellten Gewerkschaft) tätig. Dort arbeiteten wir in einer "Scheinfirma". Wir tätigten den gesamten (Arbeits-)ablauf, wie er in einem (richtigen) Unternehmen vorkam. Es war eine wunderschöne Einrichtung mit vielen Jugendlichen, die sich alle in einer kaufmännischen Ausbildung befanden. Diese Treffen fanden in Kamen in der Glück-Auf-Schule statt.
 
 
 
Außerdem habe ich durch Privatunterricht eine Ausbildung in Stenografie gemacht und zu Beginn meiner Ausbildung, ebenfalls durch Privatunterricht, Schreibmaschineschreiben gelernt."
Auch autodidaktisch bildeten sich die Jugendlichen weiter. Helmut Wissmann ergänzte die überwiegend praktische Ausbildung bei seiner Umschulung vom Klempner zum Isolierklempner aus eigenem Antrieb auch theoretisch:
"Während meiner Umschulung zum Isolierklempner, die sich überwiegend auf praktischer Ebene vollzog, eignete ich mir in der Freizeit autodidaktisch per Fachliteratur die notwendigen theoretischen Kenntnisse an."

Weiterbildung der ganz anderen Art fand bei Herbert Vehring statt:
"Durch meine Mitgliedschaft beim Roten Kreuz habe ich Seminarlehrgänge, z. B. zum Truppenführer, absolviert. Außerdem machte ich in meiner Freizeit einen Fahrgastbeförderungsschein. Später war ich Schöffe beim Arbeits- und Sozialgericht."

Heinz Linkamp, Landwirt, besuchte berufsbezogen in den Winterhalbjahren 1959 - 1961 die Landwirtschaftsschule in Unna. Außerdem im Jahre 1960 die Heimvolkshochschule in Bethel:
"Wir nahmen dort an Seminaren teil. Seminarpunkte waren u.a. freies Reden, Sitzungen leiten und Bürgerkunde. Aber auch sozial aktuelle Themen für junge Leute wie z. B. moderne Empfängnisverhütung standen auf dem Programm. Während der Zeit in Bethel fuhr ich mit einigen Gruppenmitgliedern gelegentlich abends nach Bielefeld. Dort gingen wir in den "Starclub" zum Tanzen."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Weiterbildungsseminar in der Heimvolkshochschule in Bethel 1960. Heinz-Dieter Linkamp am Abend in geselliger Runde.

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Während eines Weiterbildungsseminars in Bethel 1960 unternahm Heinz-Dieter Linkamp mit seinen Seminarkollegen eine Fahrt in den Harz zur Zonengrenze. Dabei kam eines der Autos vom Wege ab und alle leisteten 'Schützenhilfe'.
 
 
 

3. Genderaspekt - Mädchen

Für die Mädchen waren geschlechtsspezifische Benachteiligungen in Schule, Ausbildung und Beruf im Zusammenhang der Gesellschaft der 50er Jahre vorhanden. Auch traditionelle Geschlechtsrollenstereotypen bestimmten das Leben der Mädchen. Sie wurden außerdem strenger von den Eltern kontrolliert und ihre Freizeitgestaltung reduzierte sich auf geschlechtsspezifische Freizeitaktivitäten wie Häkeln, Stricken oder Basteln. [32]

Es galt als selbstverständlich, dass für Mädchen eine Ausbildung zweitrangig war. "Du heiratest später ja doch!", war eine der wahrscheinlich häufigst gebrauchten Redensarten, wenn ein Mädchen Wünsche zu einer qualifizierteren Ausbildung laut werden ließ. Die Vorbereitung auf die künftige Rolle als Frau und Mutter hatte Vorrang gegenüber der schulischen oder beruflichen Qualifikation. Es nimmt nicht wunder, dass die Mädchen den größten Teil der Arbeitslosen stellten. Auch der Besuch der Berufsschulen wurde ihnen teilweise verwehrt, angeblich wegen Überfüllung derselben. Als Ausdruck zeittypischer Benachteiligung kann der Anfang der 50er Jahre gemachte Vorschlag verstanden werden, Mädchen für die Landwirtschaft zu interessieren. Ein Berufszweig, der von den männlichen Jugendlichen einhellig und kategorisch als Berufsziel abgelehnt wurde. Im Laufe des Jahrzehnts verbesserte sich allerdings die Situation für weibliche Berufsanfänger. Während 1951 bundesweit auf einen weiblichen Lehrling drei männliche kamen, gestaltete sich das Verhältnis 1958 auf 1 : 2. Die Zahl der weiblichen Lehrlinge hatte sich nahezu verdoppelt. [33]
 
 
 
In der Gesellschaft der 50er Jahre war man zwar immer noch der Meinung, dass das künftige Leben der Mädchen in der Familie zu sehen sei, aber man war auch zu der Überzeugung gelangt, dass eine abgeschlossene Ausbildung als Versicherung, d.h. "Mitgift" für die Ehe und gegen die Wechselfälle des Lebens anzusehen und damit notwendig war. Trotzdem durchlief im letzten Drittel der 50er Jahre bundesweit nur die Hälfte der Mädchen eine Ausbildung. Sie war meist weniger qualifiziert als bei den Jungen und das Spektrum der Berufswahlmöglichkeiten war in der Regel recht begrenzt. So stellte bereits der Soziologe Helmut Schelsky fest:
"Die Lehr- und Ausbildungswünsche der weiblichen Jugend werden in höherem Maße durch die Arbeitswelt abgewiesen als die der männlichen." [34]

Das Spektrum an Berufswahlmöglichkeiten war für die meisten Mädchen in den 50er Jahren ebenfalls sehr begrenzt. Drei Viertel aller Mädchen arbeiteten 1957 in typischen Frauenberufen. Nach Abschluss der 8. Klasse Volksschule fanden die Mädchen überwiegend in Lehrberufen wie Verkäuferin im Einzelhandel, Näherin im textilverarbeitenden Gewerbe, in Körperpflegeberufen und in hauswirtschaftlichen Stellen eine Ausbildung. Einen deutlichen Anstieg gab es bei den Ausbildungsquoten im Bereich der Bürotätigkeit. [35]

Allgemein wurde von den meisten Mädchen in den 50er Jahren nur eine Minimalausbildung erwartet. Diese Berufsausbildung wurde von vielen Eltern nur unter dem Aspekt gesehen, die Mädchen materiell zu versorgen und (meist vom angesparten Lehrlingsgeld) eine Aussteuer für die vorgesehene Ehe zu ermöglichen. [36]

Für Büroberufe oder Tätigkeiten in der Medizin, wie Krankenschwester, Sprechstunden- oder Zahnarzthelferin waren ohnehin eine weiterführende Schulausbildung, Abschluss der Mittel- oder Handelsschule, erforderlich.

Lehrstellenmangel war auch in Bergkamen ein Problem. Nach dem Volksschulabschluss bekamen nicht alle Mädchen den von ihnen favorisierten Ausbildungsplatz. Die handwerklichen Betriebe wie Schneider, Friseur oder Einzelhändler stellten in der Regel pro Jahr nur einen Lehrling ein.

Alle weiblichen Zeitzeugen gaben an, sich gegenüber den Jungen nicht benachteiligt gefühlt zu haben. Ob die Benachteiligung jedoch tatsächlich gegeben war und die damaligen Mädchen es nur nicht analysiert haben, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die weiblichen Jugendlichen zwar nicht immer ihren Traumberuf ergreifen konnten, aber es verstanden, aus der Not eine Tugend zu machen.

Helga Böinghoff, Jahrgang 1940 und spätere landwirtschaftliche Hauswirtschafterin, welche sich nach eigenen Aussagen in ihrer Rolle als Mädchen nie den Jungen gegenüber benachteiligt gefühlt hat, weist auf den Lehrstellenmangel für Mädchen hin:
"Als ich 1955 die Schule verließ, gab es kaum Lehrstellen. Viele Mädchen besuchten zunächst die Haushaltungsschule der Zeche Monopol, um dann eine Stelle im Haushalt anzunehmen oder eine Lehrstelle als Schneiderin zu ergattern. Wenn zuhause Landwirtschaft betrieben wurde, blieben die Mädchen oft dort um mitzuarbeiten. Hier bot sich dann die Möglichkeit, diese Jahre als Lehrjahre angerechnet zu bekommen, wenn anschließend ein Jahr in einem anerkannten Lehrbetrieb absolviert wurde. Hiervon machten viele junge Leute in den Dörfern Gebrauch, so auch ich. Einmal wöchentlich musste während der Zeit die Berufsschule besucht werden. Im Keller der Bergkamener Schillerschule waren eine Lehrküche und ein Klassenraum untergebracht. Hier waren wir mit vier Mädchen aus Overberge, insgesamt waren es wohl 12-14 Schülerinnen." [37]

In ihrer Freizeit waren die Mädchen im Vergleich zu den Jungen weitaus stärker in häusliche Pflichten eingebunden. Mit Hinblick auf ihr späteres Leben als Hausfrau und Mutter kamen ihnen die typisch weiblichen Tätigkeiten bei der Mithilfe im Haushalt zu. Der Mutter zur Hand gehen, Geschwister versorgen und Gartenarbeit erledigen sind nur drei Dinge, welche von den Mädchen in ihrer Freizeit erwartet wurden.

Die Zeitzeuginnen aus Bergkamen gaben an, dass häusliche Mitarbeit nach der Schule oder Arbeit eine Selbstverständlichkeit war. Natürlich gab es hier auch Ausnahmen.

Emnid-Studien belegen, dass auf die Frage nach der liebsten Freizeitbeschäftigung von Mädchen an ihrem Feierabend, das Lesen von Büchern einen hohen Stellenwert einnahm, vor der Ausübung anderer spezieller Interessen. [38]

Frauen aus Bergkamen gaben, nach ihren Hobbies befragt, in der Reihe der Wertigkeit, Lesen, Handarbeiten, Spiele, Mitarbeit in Jugendkreisen und Kinobesuche als ihre favorisierten Feizeitbeschäftigungen an.

An Artigkeit kaum zu überbieten mutet die Aussage von Helga Böinghoff an:
"Meine Freizeit verbrachte ich sowohl im Garten und in der Natur, als auch im eigenen Zimmer. Meine Hobbies waren Lesen und Sticken. Ab und zu ging ich mit Freundinnen ins Kino."

Allerdings gab es Ausnahmen, wie die einer angehenden Bürokauffrau des Jahrganges 1941, welche auch ihre Freizeit für die berufliche Ausbildung nutzt:
"Ich hatte kaum richtige Freizeit, da ich viel Zeit für meine berufliche Ausbildung aufbringen musste. Diese Tätigkeit war gleichzeitig auch mein Hobby."

Ab Mitte der 50er Jahre entstand durch die Angebote der amerikanischen Massenkultur, welche durch die Medien verbreitet wurden, auch in der Bundesrepublik ein neues Mädchenleitbild. Das Bild des weiblichen Teenagers entstand. Diese Teenagerkultur etablierte sich in den Zimmern der Mädchen, so sie in der glücklichen Lage waren, ein solches ihr eigen nennen zu dürfen. Es war eine Kultur der vier Wände. Die Mädchen trafen sich in ihrer Freizeit, tauschten Schminke und die neuesten Modetipps aus und hörten sich die Schallplatten ihrer Idole an. [39]

Die Fotos der angehimmelten Schauspieler(innen) und Sänger(innen), sowohl amerikanischen wie auch europäischen Ursprungs, lieferten die Vorlage für die äußere Erscheinung der Teenager. Pferdeschwanz oder kesse Kurzhaarfrisur, dunkel geschminkte Augen und heller Lippenstift, dazu die heißbegehrten Bluejeans oder wie man auf gut deutsch sagte "Nietenhosen", weite Röcke mit mehreren Petticoats darunter, das waren Attribute, auf die kaum ein modebewusstes Mädchen verzichten wollte. Oft verstieg sich die äußere Erscheinung in wahre Extreme, die argwöhnisch von der Erwachsenenwelt beobachtet und nicht gut geheißen wurde. So nimmt es nicht wunder, dass sich die damals etablierenden Jugendzeitschriften dieses Themas annahmen. In amerikanischen Zeitschriften erschienen Artikel unter der Überschrift "Don't be a teenage-monster", illustriert mit der Gegenüberstellung eines "ausgeflippten" Teenagers auf der einen und zum Vergleich dagegen auf der anderen Seite die gesittete Form in adrettem Kostüm. Den jungen Damen wurde zur Dauerwellenfrisur, minimalem Make-up und femininen Accesoires wie Handschuhen und Handtäschchen geraten. Auch die deutsche Jugendillustrierte "Bravo" griff diese Kampagne auf und appellierte an ihre Leserinnen, sich "gesellschaftsfähig" zu präsentieren.

Mit Erfolg, denn im Laufe der 50er Jahre setzte sich ein Teenagertyp durch, welcher mit seiner Betonung des Damenhaften und Femininen dem Bild der zukünftigen Mütter und Ehefrauen gerecht wurde. Er war eine Wiederauflebung des traditionellen Mädchenbildes, aber jetzt im modernisierten Gewand, welches den veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten eher entsprach. [40]

Sehr realistisch standen die befragten jungen Bergkamenerinnen diesem Einfluss amerikanischer Massenkultur gegenüber. Übereinstimmend waren ihre Aussagen bezüglich eines neuen Mädchenleitbildes in den Fünfziger Jahren. Weder hatten Filme und Musik Einfluss auf ihre Entwicklung, noch wurde ihnen dadurch ein neues Leitbild vermittelt.

Sehr selbstbewusst beschreibt das eine Zeitzeugin, Jahrgang 1939, so:
"Da ich genau wusste, was ich selber wollte, brauchte ich keine Leitbilder durch amerikanische Massenkulturen, Film, Musik oder Fernsehen. Leitbilder habe ich weder gefunden, noch brauchte ich sie."

Up-to-date und modisch interessiert sein, dass war für die Teenager der 50er ein "Muss" und so leisteten sie der aus Amerika herüberschwappenden Mode des Petticoats bereitwillig Folge.

Sehr positiv denkt Ilona Goßmann an die 50er Jahre zurück:
"In meiner Rolle als Mädchen habe ich mich nie eingeengt gefühlt. Bei uns zuhause ging es schon immer sehr liberal zu, d. h. es wurden mir keine großen Vorschriften gemacht. Ich konnte selbst entscheiden und fühlte mich auch gegenüber Jungen nicht benachteiligt. Die amerikanische Massenkultur vermittelte mir kein neues Leitbild. Natürlich war da die Musik mit Elvis Presley und Bill Haley und natürlich der Petticoat. Es hat insofern Einfluss gehabt, als dass man sich freier fühlte. Das machte schon die Musik und wie man sich jetzt kleidete. Man war flott und das war schön. Mit meinen Eltern hatte ich dieserhalb auch keine Kontroversen."

Auch Erika Schertel, Jahrgang 1941, Zahnarzthelferin aus Bergkamen, war dieser Mode nicht abgeneigt:
"Als Frisur trug ich damals eine Dauerwelle und meine Kleidung bestand, der damaligen Mode entsprechend, zum größten Teil aus langen Röcken mit mindestens 2 Petticoats darunter. Nach dieser Mode kam dann der Mini auf."

Auch Helga Böinghoff, Jahrgang 1940, stand der damaligen Teenagerkultur realistisch, wenn nicht gar ablehnend gegenüber. Modischerseits jedoch machte sie Eingeständnisse an den Zeitgeist und reagierte damit unbewusst auf den durch die Medien propagierten Typ der adretten jungen Frau:
"Durch den aufkommenden Amerikanismus und der Rock'n Roll-Welle, welche ja auch im Umfeld der Mode und der Musik eine große Rolle damals spielte, fühlte ich mich nicht angesprochen. Ich habe in der Freizeit viel gelesen und über das Gelesene dann nachgedacht. So entwickelte ich mir selbst ein neues Leitbild.

Mein persönliches Umfeld wurde nicht von der Rock'n Roll-Szene geprägt, sondern von dem damals herrschenden Zeit- und Modegeist. Obwohl die Mode im allgemeinen dezent war, trug ich Petticoats und tanzte auch Rock'n Roll. Meine Kleider kaufte ich im Modehaus Brüggemann in Bergkamen. Sie waren aus gutem Stoff und ich fand sie äußerst chic. Dazu trug ich Stöckelschuhe mit Pfennigabsatz. Erinnern kann ich mich noch daran, dass ich mir einmal eine kleine, rote Handtasche gekauft habe, die ich eigentlich nicht gebrauchen konnte, aber ich fand sie einfach wunderschön."
 
 
 
 

4. Freizeit gleich "freie Zeit"?

 
 
 
Die Unterschiede der zeitlichen und physischen Beanspruchung durch Schule oder Beruf, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Jahresurlaubslängen, bestimmten auch die Verteilung der Freizeit. Die Freizeitdauer betrug laut zeitgenössischen Untersuchungen pro Tag:

bei Schülern und Studenten bis zu 9 Stunden,
bei Arbeitern bis zu 7 Stunden
bei Lehrlingen bis zu 6 Stunden,
bei Angestellten bis zu 5,7 Stunden,
bei Handwerkern bis zu 5,5 Stunden
und weniger als 3 Stunden in der Landwirtschaft. [41]

Wenn auch Beobachter seit Mitte der Fünfziger Jahre eine Tendenz zu einem stärkerem Tätigkeitsdrang und Erlebnisbedürfnis im Freizeitprofil der Jugendlichen festzustellen glaubten, dominierte noch zu Ausgang der Ära Adenauer eine bescheidene Bravheit und eine gehörige Portion Tristesse.

Freizeit, das heißt freie Zeit für sich und die eigenen Interessen, war in der Woche auch nach Feierabend kaum vorhanden. Mithilfe im Elternhaus oder nebenberufliche Tätigkeiten zur Aufbesserung des Einkommens ließen kaum Spielraum für freizeitliche Aktivitäten. Hinzu kam der Aspekt der physischen Beanspruchung durch den Beruf und die angepasste berufs- und zukunftsorientierte Einstellung. Lediglich am Wochenende konnte den Hobbies und Neigungen ausgiebiger nachgekommen werden.

Unter der Überschrift :"Am Samstag fängt die Woche an" fasste Sarah Sonntag 1960 die Ergebnisse einer kleinen Umfrage über jugendliche Wochenendaktivitäten so zusammen:
"Auf den einfachsten Nenner gebracht heißt das bei vielen: Schlafen, Kino, Fernsehen, Biertrinken und Langeweile." [42]

Bescheidene Bravheit und eingeschränkte Freizeit dokumentieren auch die Bergkamener Zeitzeugen.

Freizeit war für Ilona Goßmann, Einzelhandelskauffrau und Jahrgang 1942, nur am Wochenende gegeben:
"Von wirklicher Freizeit konnte man nur sonntags sprechen. Es war ja samstags das Geschäft [Lebensmittelhandel, in welchem die Zeitzeugin als Verkäuferin tätig war, d. Verf.] auch noch geöffnet. Es kam erst später, dass samstags nur noch bis 16.00 Uhr gearbeitet wurde. Anfangs galten auch für den Samstag ganz normale Öffnungszeiten bis 18.00 Uhr. Ich hatte es von der Arbeitsstelle nicht weit bis nach Hause und war kurz nach 19.00 Uhr dort. Zu häuslichen Tätigkeiten wurde ich nicht mehr herangezogen. Ich hatte wirklich frei. Aber es war dann schon spät und am nächsten Morgen musste ich früh wieder raus. So blieb nur das Wochenende als wirkliche Freizeit. Dieses stand mir komplett zur Verfügung, denn meine Mutter nahm mir alles ab. Also hat man am Sonntag erst mal lange ausgeschlafen und schon mal bis mittags im Bett gelegen, bis das Essen fertig war. Dann hat man zu Mittag gegessen und sich anschließend mit Freundinnen getroffen, so nach dem Motto: "Ja, was machen wir denn heute Abend? Vielleicht ins Kino gehen?" Oder wir sind einfach nur so durch den Ort gebummelt und haben, wie man heute sagt, rumgehangen."

Wiederaufbauhilfe in der Freizeit leistete Friedrich Rediger, Jahrgang 1932, welcher nach Feierabend beim Wiederaufbau des zerbombten Elternhauses half. Obwohl ein begeisterter Fußballspieler hatte er für dieses Hobby nur am Sonntag richtig Zeit.

Hatte Karl Elsner als Schüler noch genügend Freizeit um sich auszutoben, änderte sich dieses, nachdem er erwerbstätig wurde. Trotzdem blieb ihm auch in der Woche noch Zeit für den Sport:
"Meine Freizeit verbrachte ich überwiegend draußen, d.h. auf der Straße zusammen mit den anderen Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Nach der Schule hatte ich ab ca. 16.00 Uhr Freizeit bis es dunkel wurde. Aber als Lehrling war diese Zeit aufgrund des späten Feierabends wesentlich mehr eingeschränkt. Sowohl in der Woche als auch am Wochenende war ich viel auf dem Sportplatz und im Verein."

Auch dem damaligen Bergwerkslehrling und ehrenamtlichen Sanitäter Herbert Vehring, blieb nach Feierabend nicht viel Freizeit für seine Hobbies:
"Wenn ich nach der Arbeit (Zeche und Bauernhof) noch Zeit hatte, traf ich mich mit meinen Freunden entweder in der Stadt, direkt am Elternhaus, wo wir auf einer Mauer saßen und Musik von einem transportablen Tonbandgerät hörten, oder wir stromerten draußen in den Wäldern und Äckern umher. Diese Freizeit war allerdings knapp bemessen, da ich neben der regulären Arbeit auf der Zeche und dem Nebenerwerb auf dem Bauernhof auch noch häusliche Tätigkeiten wie Gartenarbeit, Einkaufen und Haustiere versorgen, zu erledigen hatte. Schon sehr früh habe ich mich sozial engagiert. Deshalb habe ich bereits während meiner Lehrzeit eine Ausbildung in Erster Hilfe und zum Sanitäter gemacht. Dieses nahm den größten Teil meiner Freizeit (ca. 50 %) in Anspruch. Ein weiteres Interessenfeld, welches sich sehr früh entwickelte und bis heute anhält, war die Fotografie. Wenn ich zurückdenke, hatte ich während der Woche maximal zwei Stunden Freizeit täglich. Am Sonntag waren es da schon mehr. Ein ganzer halber Tag stand mir, nach dem Kirchenbesuch, zur Verfügung. Summa summarum muss ich aber sagen, dass ich eigentlich sehr wenig Freizeit für mich und meine Interessen hatte."

Heinz-Dieter Linkamp, welcher Mitte der 50er Jahre in dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb als Lehrling tätig war, hatte bezüglich Freizeit ein noch größeres Defizit:
"Freizeit hatte ich erst nach dem Abendbrot. Während der Woche spielte ich dann mit Nachbarjungen und Freunden Fußball. Am Wochenende besuchte ich sowohl die Bergkamener als auch auswärtige Fußballspiele (Münster). Manchmal ging ich mit Freunden auch nach Kamen in den Ratskeller, weil dort eine Musicbox stand. Seltener wurden Ausflüge mit dem Auto unternommen. Erst 1958 wurde dieses ab und zu machbar, da sich unser Nachbar ein Auto zugelegt hatte."

Freizeit in dem Gemeinschaftsgefüge einer Bergarbeitersiedlung, zu dem auch die Erwachsenen gehörten, lassen Helmut Wissmann, Jahrgang 1941, zu sehr positiven Schilderungen kommen:
"Als Kind und Jugendlicher verbrachte ich die meiste Zeit in der Schürmannsiedlung, einer Bergarbeitersiedlung, welche nahe meinem Zuhause lag. Dort lebten meine Großeltern, und ich erfuhr einen guten Zusammenhalt von Menschen, nicht nur bei den Kindern. In den Sommermonaten geschah es sehr oft, dass sich die Erwachsenen abends auf den Bürgersteigen einfanden, um miteinander den selbstgebackenen Kuchen und den mitgebrachten Kaffee zu teilen. Wenn es denn sein musste auch schon mal den selbstgebrannten Schnaps. Sie saßen dann bis weit in die Nacht hinein beisammen und wenn dann noch die eine oder andere Familie mit ihren Musikgeräten oder gar selbstgespielten Musikinstrumenten Lieder und Melodien zum Besten gab, und wir Kinder zudem noch lange aufbleiben durften, dann ist das heute immer noch eine
meiner schönsten Erinnerungen. Tagsüber spielten wir Jungen nach der Schule Fußball. War die Schürmannsiedlung auch unser Mittelpunkt, so hatten wir doch genügend Möglichkeiten, uns der Kontrolle der Eltern zu entziehen. Ein beliebter Treffpunkt für die Jugend war die Bayernalm, das Vereinshaus des Bayernvereins "Treu der Heimat, treu der Tracht". Dieses im original bayrischen Stil gebaute Haus war umgeben mit einem schönen Baumbestand und einer Freiluftkegelbahn. Dort stellten wir als "Kegeljungs" die umgefallenen Kegel manuell wieder auf und verbesserten dadurch unser mehr als bescheidenes Taschengeld."

Als 1957/1958 das Fernsehen in die Wohnungen Einzug hielt, waren die Straßen zur Sendezeit oft leergefegt. Mit diesem Novum machte auch Helmut Wissmann seine Erfahrungen:
"Wir Kinder verlebten unsere Freizeit überwiegend nicht in den Wohnungen. Seine Freunde traf man draußen auf der Strasse. Doch eines Tages verschwanden zu bestimmten Zeiten fast alle meine Spielkameraden. Ich konnte mir das einfach nicht erklären, bis ich herausfand, dass bei einer Familie in der Siedlung die neue Technik in Form eines Fernsehers Einzug gehalten hatte und meine Kameraden es interessanter fanden, Fernsehen zu schauen als draußen zu spielen. Da mir dieses überhaupt nicht gefiel, machte ich mir Gedanken, wie man das ändern könnte. Ich kam auf eine Idee, die mir allerdings nach mehrmaliger Ausführung zwei ordentliche Tracht Prügel einbrachte.

In der Siedlung stand ein Transformatorenhäuschen in welchem die Sicherungen für die Stromleitungen untergebracht waren. Die Leitungen verliefen oberhalb der Häuser. In dem Wissen, dass Fernseher Strom brauchten, versuchte ich mit Hilfe einer metallenen Gardinenstange die Stromversorgung zu unterbrechen. Ich warf besagte Gardinenstange solange in die Leitungen bis es einen Kurzschluss gab und die Stromversorgung für die Siedlung zusammenbrach. Da es eine gewisse Zeit dauerte, bis die Sicherungen ausgewechselt wurden, waren meine Kameraden längst wieder auf die Strasse zum Spielen. Meine Aktion blieb nicht allzu lange unbemerkt und als ich dabei erwischt wurde, gab es an Ort und Stelle von den Mitarbeitern der Stromwerke die ersten Prügel, die zweiten bekam ich dann zuhause."

Freizeit in der Nachkriegszeit bedeutete für die Jugendlichen aber auch Abenteuer zu erleben. Die Trümmerlandschaften mit ihren Bombentrichtern und Häuserruinen, welche der Krieg hinterlassen hatte, boten ein unerschöpfliches Spielfeld. Die katastrophalen Folgen, die mitunter aus einem Spiel oder einem Fund entstehen konnten, waren nicht bekannt oder wurden relativiert. Das spärliche Taschen- oder Lehrlingsgeld wurde aufgebessert durch Funde auf dem "Abenteuerspielplatz". Steinepicken oder Metallsammeln waren Freizeitbeschäftigungen, welche den Spielplatz zum Rohstofflager machten.

Für Karl Elsner, aufgewachsen in einer Bergarbeitersiedlung in Bergkamen, war die vom 2. Weltkrieg gezeichnete Umgebung seines Wohnfeldes der Abenteuerspielplatz schlechthin:
"Ein interessantes Spielgebiet war auch die immer noch stillgelegte Ziegelei Darrenberg. Dort konnten wir fast unerkannt untertauchen. Die Krönung unserer Freizeitgestaltung war aber die Mergelkuhle. Dort, wo früher der Mergel zur Herstellung von Ziegel abgebaut wurde, hatte sich im Laufe der vielen Jahre ein See gebildet. Auch die Bombentrichter aus dem 2. Weltkrieg in der Umgebung der Mergelkuhle standen inzwischen unter Wasser und bildeten kleine Tümpel. Der Mergelkuhlensee und die Bombentrichter ersetzten im Sommer nicht nur den Kindern und Jugendlichen die bis dahin immer noch zerstörte Badeanstalt Bergkamens. Auch für die Erwachsenen war dieses Gebiet ein Naherholungszentrum. Und im Winter konnte man auf der zugefrorenen Eisfläche herrlich Schlittschuhlaufen oder von den steilen Hängen mit dem Schlitten hinabfahren.

Aber dieses Spiel- und Erholungsparadies war nicht ungefährlich. Bis zur Wiederaufnahme des Ziegeleibetriebes verging kein Jahr, in welchem nicht ein Mensch in der Mergelkuhle ertrank. Oft wurde die Tiefe der Gewässer oder die glitschigen Ränder der Mergelkuhle, die keinen Halt boten, unterschätzt. Und im Winter brach so mancher Schlittschuhläufer ins Eis ein. Ein Erlebnis im Zusammenhang mit der wieder in Betrieb genommenen Ziegelei Darrenberg ist mir bis heute noch im Gedächtnis geblieben. Als man den Mergelkuhlensee trockenlegte und wir Kinder den Mitgliedern des Angelvereins halfen die Fische einzufangen, um diese in andere Gewässer wieder auszusetzen, fanden wir in buntes Ölpapier verpackte Waffen und die dazu gehörige Munition. Dieses waren wohl Relikte aus dem zweiten Weltkrieg. Die älteren Jungen veranstalteten damit Zielschiessen, was natürlich den Erwachsenen nicht lange verborgen blieb. Einige nahmen daraufhin die Waffen an sich und lagerten sie bei sich zuhause. Doch auch der Polizei war dieser Waffenfund nicht unbekannt geblieben und es führte dazu, dass in der Schürmannsiedlung eine Razzia durchgeführt und alle Waffen eingesammelt wurden."

Dr. Eugen Drewermann, Jahrgang 1940, hat zum Thema Freizeit Kindheitserinnerungen. Mit zehn Jahren kam er auf das Gymnasium in Hamm und von da an war für ihn Freizeit etwas grundlegend anderes geworden:
"Bis 1951 und danach bis zum Eintritt ins Gymnasium in Hamm war Freizeit in Bergkamen rein entwicklungspsychologisch bedingt. Direkt hinter unserer Wohnung begann der Zechenwald und der war interessant zum Indianerspielen. Natürlich haben wir da Hütten gebaut, Bogen hergestellt und all solche Dinge getrieben. Dann war ganz sicher ein zweiter Schwerpunkt das Fußballspielen. Direkt an der Ecke von Körnerstr. 5 war so ein kleiner Freiplatz, um so größer als die anderen Häuser nur eine Schutthalde waren; mit Unkraut bestanden. Man konnte also da ganz phantastisch Fußballspielen zu fünf oder acht Jungens. Und das passierte genau so. Was es nicht gab in Bergkamen war ein Schwimmbad. Das wurde erst '52 eingerichtet; auch wieder anders als in Werne. [43] Man konnte also zu Fuß von Bergkamen nach Werne gehen, am Beversee [44] vorbei und wer es eilig hatte, konnte im Kanal schon mal schwimmen. Oder man ging tatsächlich bis Werne in das Solebad. Aber das war ganz, ganz selten. So habe ich auch persönlich schwimmen gelernt erst '52. Ganz spät."
 
 
 

4.1 Jugendvereine und -organisationen

 
 
 
Männliche Jugendliche begeisterten sich in erster Linie für Sport, doch daneben gab es auch unter ihnen eine große Zahl von Bücherwürmern und Spezialisten für einzelne Hobbies - vom Basteln bis zur Brieftaubenzucht. [45] Einige dieser Hobbies wurden auch in Vereinen ausgeübt.

Zeitzeuge Helmut Wissmann führte eine Familientradition mit seinem Hobby, den Brieftauben, weiter:
"Ich verbrachte einiges an Zeit mit den Brieftauben, die mein verstorbener Vater bereits als Junge besessen hatte. Sie waren von meinem Großvater weitergehalten worden und wurden nun auch mein Hobby. Es begleitete mich über 40 Jahre meines Lebens, bis ich es aufgeben musste.

Durch dieses Hobby(...) musste ich einem Brieftaubenverein beitreten, um an den Preisflügen teilnehmen zu können. Diese Vereine hatten in der Regel nicht mehr als zehn bis zwanzig Mitglieder und waren in einer Reisevereinigung organisiert. Die wiederum gehörten einem Kreisverband und dieser einem Bezirk an. Alle waren zusammengefasst im Deutschen Brieftaubenverband mit Sitz in Essen. Da der Brieftaubensport kein Teamsport ist, ist jeder Züchter ein Einzelkämpfer. Kontakte mit anderen Züchtern ergeben sich nur bei jährlichen Ausstellungen. Auf diesen Ausstellungen wurden neben den sportlich errungenen Preisen für die Tauben auch die Schönheit dieser Tiere nach einem Standard von Preisrichtern bewertet und prämiert. Nachdem ich zwei Jahre lang mehrere der Preisrichter begleitet hatte, erlangte ich beim Verband vor einer Prüfungskommission das Preisrichterpatent. Durch diese Tätigkeit erweiterte sich mein Bekanntenkreis in dieser Sportgemeinschaft.

Ab meinem sechzehnten Lebensjahr konnte ich meine Freizeit weitgehend selbst gestalten. Natürlich war ich meinen Eltern bei der Gartenarbeit und bei anfallenden Arbeiten rund um das Haus behilflich. So bauten wir auf einem gepachteten Grundstück eine Gartenlaube, in welcher ich auch meine ersten eigenen Tauben unterbrachte."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Sie frisst ihm aus der Hand! Helmut Wissmann 1959 mit einer seiner Brieftauben vor dem Taubenschlag in Bergkamen.

 Der Stolz von Besitzer Helmut Wissmann war 1974 sein "Weißer Rabe", die stärkste Brieftaube des Bergkamener Brieftaubenvereins.
 
 
Die Mehrzahl der jungen Leute stand Formen organisierter Jugendarbeit jedoch eher zurückhaltend gegenüber. Nur knapp die Hälfte der männlichen und knapp ein Drittel der weiblichen Jugendlichen waren bundesweit vereinsmäßig organisiert. Abgesehen von den Sportvereinen klagten die nicht auf sportlicher Ebene angesiedelten Jugendorganisationen über Nachwuchsmangel und eine rein passive Konsumhaltung ihrer Mitglieder.

Jugendorganisationen, welche die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit nicht berücksichtigten, sondern in den traditionellen Formen der Vergangenheit erstarrt geblieben waren, hatten eine deutliche Einbuße von Mitgliedern. Das betraf nicht nur die weltlichen Vereine, die Jugendlichen verlangten auch bei der kirchlichen Jugendarbeit nach neuen Formen.

Bergkamen hatte ein sehr lebendige Vereinskultur, die vermuten lässt, dass die Bergkamener Jugendlichen in diesem Gebiet insgesamt aktiver waren als ihre Altersgenossen bundesweit. Von sechzehn Zeitzeugen, welche sich zum Thema Vereinszugehörigkeit geäußert haben, waren fünfzehn vereinsmäßig organisiert. Das reichte bei den männlichen Jugendlichen in der Reihenfolge der Wertigkeit von Fußball über CVJM (Christl. Verein Junger Männer) und den Pfadfindern, bis hin zur Landjugend und Brieftaubenzucht. Fünf weibliche Befragte nannten die Landjugend, den Jungmädchenkreis, die Falken, eine Mädchensportgruppe und die Mitgliedschaft in einem Chor als Vereinstätigkeit. Geht man davon aus, dass von achtzehn Zeitzeugen fünfzehn Personen einem Verein angehört haben, ist dieses ein beachtliches Ergebnis für eine lebendige Vereinskultur.

Den hohen Stellenwert, welche das Vereinsleben in Bergkamen hatte, belegen nachstehende Zahlen des Amtes Pelkum im Verwaltungsbericht 1959-1963:

1963 waren in Bergkamen, in der Gruppe der 14- bis 25jährigen, nachstehende Mitgliederzahlen in den Jugendorganisationen verzeichnet:

Organisation/Verein Mitglieder
1 Sportjugendgruppe 180
3 ev. Jugendgruppen 140
1 kath. Jugendgruppe 80
1 Falken-Gruppe 40
1 DGB-Jugendgruppe 280
1 Rot-Kreuz-Jugendgruppe 50
2 Heimatvereinsjugendgruppen 100
1 Musikverein 50
2 Pfadfindergruppen 80
3 sonstige Gruppen, div. Art 100 = 1.100 Mitglieder

Die Anzahl der Jugendlichen und der Mitgliederbestand ist seit 1959 ständig angewachsen.

Zum Vergleich: Im gesamten Amtsbezirk Pelkum gab es 1959 bereits 58 Jugendgruppen mit 3.000 Mitgliedern. Vier Jahre später waren es bereits 88 Gruppen mit 4.100 Mitgliedern. [46]
 
 
 
In Overberge, einem heutigen Stadtteil von Bergkamen, existierte ein Landjugendverein. Seine Aktivitäten reichten von Fußball- und Reitturnieren, über Theatervorführungen bis hin zu Tanzveranstaltungen. Ihm gehörten auch Fritz und Helga Böinghoff an. Fritz war dort als aktives Mitglied tätig und erinnert sich gern an die Fußballturniere gegen auswärtige Landjugendgruppen. Die Trophäe für die Siegermannschaft war jeweils ein Kasten Bier, welcher gemeinsam mit dem Verlierer getrunken wurde.

Helga Böinghoff, ebenfalls aktiv im Verein tätig, erinnert sich besonders gern an die Feste, welche von der Landjugend ausgerichtet wurden. Reiterbälle und Reitturniere sowie Mitgestaltung von Schützenfesten und Winterbällen der Landwirtwirtschaftsschule. Ein romantischer Aspekt dieser Vereinstätigkeit war dabei das Kennen lernen ihres heutigen Ehemannes Fritz.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Verliebt, verlobt, verheiratet - diese Reihenfolge hielten Helga und Fritz Böinghoff ein, nachdem sie sich bei der Landjugend in Overberge kennen gelernt hatten. Hier tanzen sie 1959 ins Glück...
 
 

4.1.1 Sportvereine

 
 
 
Frühzeitig, möglichst als schon Kind, schloss man sich bei Interesse einem Sportverein an. Es fing an mit Kinderturnen, dann kam, je nach persönlicher Neigung, Leichtathletik, Fußball, Handball oder der Schwimmsport zum Tragen. Allzu groß war damals die Auswahl nicht, aber es reichte aus um den Körper zu trainieren. Man wurde mit dem Sport älter und erwachsener. [47]

Dadurch änderte sich das Interesse vom aktiven Spiel zum lediglich passiven Zuschauersport auch nicht, obwohl einige Kritiker glaubten, eine solche Tendenz zu bemerken. Ganz im Gegenteil erlebten die Sportvereine in den 50er Jahren einen ausgesprochenen Boom und konnten sich über mangelnden Zulauf jugendlicher Mitglieder nicht beklagen. [48]

1954 hatten laut Verbandsstatistik die Landessportbünde ca. 1,3 Millionen jugendliche Mitglieder im Alter von 15 bis 25 Jahren. Die weiblichen Jugendlichen machten davon weniger als ein Viertel aus.

Lediglich eine Zeitzeugin, Ilona Goßmann, gibt an, als aktives Mitglied in einem Sportverein tätig gewesen zu sein:
"Ich war Mitglied im Sportverein "Morgenrot" in Kamen. Das war eine Mädchengruppe und außer Keulen schwingen und so, haben wir Volkstänze einstudiert. Am 1. Mai sind wir dann in Kamen auf dem Marktplatz aufgetreten, alle mit denselben Kleidchen an. Ein - bis zweimal in der Woche bin ich abends um 20.00 Uhr zur Sportgruppe gegangen. Ansonsten hatte ich keine sportlichen Hobbies."

Beim organisierten Vereinssport wurde der Fußball favorisiert, gefolgt von den Sportarten Leichtathletik, Handball und Schwimmen. Beim nichtorganisiertem Freizeitsport stand das Schwimmen allerdings vor dem Fußball. [49]

In Bergkamen standen den Jugendlichen für sportliche Aktivitäten eine Turnhalle, zwei Sportplätze und ab 1952 auch eine Freibadeanstalt zur Verfügung.

Der Fußballsport stand bei den männlichen Bergkamener Jugendlichen an erster Stelle. Hatte man als Kind noch unorganisiert mit den Freunden auf der Straße "gepöhlt", schloss man sich spätestens mit Eintritt ins Berufsleben einem Verein an. Der größte Fußballverein in Bergkamen war "TuRa Bergkamen".

In den Erinnerungen an die Situation des Fußballs in der Nachkriegszeit, geschildert von Heinz Kramer, kommt die Solidarität der Bergkamener mit "ihrem" Verein zum Ausdruck:
"Nach dem Bombardement des Zweiten Weltkriegs waren fast alle Einrichtungen in Bergkamen zerstört, welche der Freizeitgestaltung gedient hatten. Es gab kein Kino und auch keinen Tanzsaal. Bis zur Währungsreform 1948 mussten die Jugendlichen mit dem auskommen, was man als Freizeitbeschäftigung hatte. Und das war der Sportplatz im Nordberg-Stadion. Auf diesem Sportplatz, ein Aschenplatz, spielte eine Mannschaft, die ausschließlich aus Bergkamener Spielern bestand. Es waren junge Männer die jeder als Nachbarn kannte, welche man beim Einkaufen in den Geschäften traf. Keine abgehobenen Stars, sondern immer die netten Jungs von nebenan.
Der angesagteste Fußballverein in Bergkamen war TuRa Bergkamen. Trainiert von einem hervorragendem Trainer, der ihr Talent förderte, eilte die Mannschaft von Sieg zu Sieg. Zu Tausenden strömten am Sonntag die Leute ins Stadion. Die Spielergebnisse wurden mit Kreide an die Stangen der Umzäunung geschrieben. Während die Jungen selbstverständlich während des gesamten Spiels anwesend waren, kamen die Mädchen kurz in der Halbzeit vorbei, um anschließend einen Spaziergang mit deren Freundinnen zu machen. Bergkamen war TuRa - und TuRa war Bergkamen. Bis Mittwoch sprachen die Jugendlichen über die Spielergebnisse vom Sonntag und ab Donnerstag ging es um die Aufstellung der Mannschaft für das Sonntagsspiel." [50]
 
 
 
Mitgliedschaft in einem Sportverein bedeutete nicht nur Leibesertüchtigung, sondern war für die Jugend auch eine Möglichkeit mit anderen Jugendlichen in Kontakt zu treten. Welche Auswirkungen dieses unter Umständen haben konnte, schildert Helmut Wissmann:
"Ich gehörte einem Fußballverein an. Durch den Verein kam ich auch über die Grenzen Bergkamens hinaus mit anderen Jugendlichen zusammen. Mein Verein hielt auch außerhalb der Meisterschaftsspiele Kontakte zu anderen Vereinen, z. B. aus dem Sauerland, dem Rheinland und dem Moselgebiet. Die Mannschaften dieser auswärtigen Vereine besuchten uns natürlich auch und es waren fast immer friedliche Begegnungen, die nicht selten zu Freundschaften bis hin zu Eheschließungen führten."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
...und er ist doch drin! Helmut Wissmann 1960 in vollem Einsatz während eines Fußballspiels des FC Overberge (heute ein Stadtteil von Bergkamen.
 
 
Seit seiner Jugend war Bernhard Goßmann, Jahrgang 1938 und von Beruf Bergmann, aktives TuRa Bergkamen-Mitglied:
"Mein Verein war TuRa Bergkamen. Ich war in diesem Verein dreißig Jahre tätig. Als aktiver Fußballer hatte ich zwei Mal in der Woche Training und jeden Sonntag zwei Spiele. Eines um 11. 00 Uhr morgens und eines am Nachmittag um 15.00 Uhr. Das waren immer wichtige Spiele. Nichts desto trotz war ich aber fast jeden Tag auf dem Fußballplatz. Das konnte ich mir freizeitmäßig erlauben, da ich bereits um 14.00 Uhr Feierabend hatte. Nach Ausfahren aus der Grube und Reinigen in der Waschkaue war ich um 15.00 Uhr zuhause. Dort musste ich keinerlei Arbeiten mehr verrichten, so dass ich genug Zeit für mein Hobby den Fußball hatte. TuRa hatte drei Schüler- und drei Jugendmannschaften. Wir hatten zu der Zeit so ungefähr 100 gute Spieler."

Eher selten waren Mitgliedschaften in Wasserballvereinen und Ski-Clubs. Lediglich der Zeitzeuge Friedhelm Kluwe gibt an, diesen Vereinen angehört und dort gut zwei Drittel seiner Freizeit verbracht zu haben.
 
 
 

4.1.2 Politisches Interesse - Jugendparlament

 
 
 
Den Jugendlichen der 50er Jahren wird sowohl in den Medien als auch laut zeitgenössischen Untersuchungsergebnissen ein weitgehend politisches Desinteresse nachgesagt. Als Hauptursache wird die Einbindung der Jugendlichen am Wirtschaftswunder Deutschland genannt. Verführt und abgelenkt durch die sich nunmehr unbegrenzt ergebenden Möglichkeiten das Leben zu gestalten, blieb im Bewusstsein der Jugendlichen kaum Platz für die Politik. Man sprach von einer politischen Friedhofsruhe. [51]

Konträr zu diesen Ausführungen gaben von sechzehn Befragten aus Bergkamen immerhin sieben Personen an, als Jugendliche politisch sehr interessiert gewesen zu sein.

Dr. Eugen Drewermann beschreibt die politische Szene im Bergkamen der 50er Jahre, im Zusammenhang auf die Frage nach dem politischen Widerhall zur Zeit der Einführung der Bundeswehr, folgendermaßen:
"(...) Zum einen war politisch gesehen Bergkamen sozialistisch. Bergkamen bestand aus der SPD und den Gewerkschaften. Und die SPD hatte mit der Wiederbewaffnung ganz erhebliche Schwierigkeiten. Also insofern war das in der Bevölkerung überhaupt nicht fanatisch ideologisiert. (...)"

Politik "vor Ort" betrieben Karl Elsner und Gerd Schwarzer, Jahrgang 1940 und 1941, schon als Jugendliche. Beide gehörten dem Bergkamener Jugendparlament an und berichten darüber unisono wie folgt:
"Ich war politisch sehr interessiert und gehörte dem Bergkamener Jugendparlament an. Dieses wurde im Oktober 1961 gegründet. Aus dem Jugendkreis der VHS Bergkamen kam, während einer Wochenendfreizeit im VHS-Heim in Menden, der Anstoß, ein Jugendparlament zu gründen. Dieses geschah dann durch den Leiter VHS Bergkamen, Herrn Muhlack.

Es wurden die Jugendvereine und Jugendverbände der Gemeinde Bergkamen angeschrieben, zur Gründung eines Jugendparlamente angeregt und aufgefordert, sich politisch in die Gemeinde einzubringen. Mehrere Jugendverbände folgten dem Aufruf. Nach der Gründung formierten sich vier Fraktionen (A,B,C und D). Die Fraktionen, bestehend aus mehreren Jugendlichen, trafen sich regelmäßig ein bis zwei Mal im Monat zu ihren Sitzungen im Heinrich-Martin-Jugendheim. Ein Mal im Monat trafen sich die Jugendlichen zur Parlamentssitzung. Dem Parlament gehörten je drei Mitglieder aus den Fraktionen an.

Bei diesen gemeinsamen Zusammenkünften wurden Anregungen und Verbesserungen für die Gemeinde und ihre Bürger ausgearbeitet und diskutiert. Auch Jugendbelange und Wünsche der Bürger blieben nicht unbeachtet. Die eine oder andere Anregungen wurde dann dem Gemeinderat unterbreitet.

Der Vorsitz des Jugendparlaments, der "Bürgermeister", wechselte regelmäßig, so dass jede Gruppierung bedacht wurde.

Bei diesen gemeinsamen Zusammenkünften wurden Anregungen und Verbesserungen für die Gemeinde und ihre Bürger ausgearbeitet und diskutiert. Auch Jugendbelange und Wünsche der Bürger blieben nicht unbeachtet. Die eine oder andere Anregung wurde dann dem Gemeinderat unterbreitet.

Es wurde aber nicht nur diskutiert, sondern es wurden die erarbeiteten Belange den Gemeindevertretern vorgetragen mit der Bitte, diese in den Gemeindegremien (Gemeinderat) zu behandeln.

So war es z. B. der Initiative des Jugendparlamentes zu verdanken, dass an stark befahrenen Straßenkreuzungen, Zebrastreifen angebracht wurden. Das passierte allerdings nicht sofort. Erst einige Jahre später wurde der Vorschlag des Jugendparlaments realisiert. Auch die Errichtung eines Schulsportplatzes an der Schillerschule wurde schon Ende der 50er Jahre vom Jugendparlament gefordert. Seit einigen Jahren gibt es den endlich, aber bis dahin mussten die Schüler der Schillerschule zum Schulsport bis ins Nordbergstadion laufen. Von den zwei Stunden Schulsport verblieb nach Abzug der Wegdauer von vierzig Minuten und der Zeit für das Umkleiden gerade mal eine Stunde für den eigentlichen Sport übrig. Auch das mittlerweile vorhandene Jugendheim und viel Sinnvolles mehr geht auf das damalige Engagement des Jugendparlamentes zurück. Aber es war harte Überzeugungskraft nötig und oft dauerte die Durchführung mancher Projekte viele Jahre bis zur Realisierung (oder fanden gar nicht statt). Man kam uns seitens des Gemeinderates zwar wohlwollend entgegen und versprach, über die Themen zu diskutieren und sie evtl. in die Tat umzusetzen. Aber in vielen Fällen geschah so gut wie nichts, teilweise belächelte man unsere Arbeit sogar. Nur einige wenige Gemeinderatmitglieder nahmen uns ernst und betrachteten das Jugendparlament als eine gute Sache.

Ein Mal im Quartal wurde ein Gemeinderatmitglied, jeweils im Wechsel von der CDU, SPD und FDP, zum Meinungsaustausch zu unseren Anregungen eingeladen. Außerdem wurden Referenten zu den Sitzungen geladen, die zu den unterschiedlichsten Themen referierten. Ein Referent war z. B. der Generalmajor Wagner aus dem Bundeswehrstandort Ahlen. Dieser berichtete über die Bundeswehr.

Die Kosten, welche dem Jugendparlament entstanden, musste jedes Mitglied selbst tragen. Eine finanzielle Unterstützung, z. B. durch die Gemeinde oder VHS Bergkamen, gab es nicht. Das Ende des Jugendparlaments war der 31.03.1963."

Aus den Statuten des Jugendparlaments geht hervor, dass die "Parlamentarier" zwischen 16 und 25 Jahre alt sein mussten, in Bergkamen wohnhaft sein oder einer Bergkamener Jugendgruppe angehören sollten. Das Jugendparlament baute sich nach demokratischen Grundsätzen auf, fasste Beschlüsse mit Stimmenmehrheit und war weder politisch noch konfessionell gebunden.

Zur Gründung des Jugendparlaments erschien im Oktober 1961 als prominenter politischer Gast Amtsdirektor Alfred Gleisner. [52] Sein Ratschlag an die Jugendlichen war ein Parlament der Realpolitik, d. h. sich intensiv mit den tatsächlichen Gegebenheiten der kommunalen Gemeindepolitik vertraut zu machen und sich die nötige Sachkenntnis über Geschäftsordnung, Hauptsatzung und Haushaltsplan der Gemeinde anzueignen. Ein Parlament des Spiels sei ein bloßer Diskutierclub, welcher schnell das Interesse der Jugendlichen verlieren würde, weil es sich darauf beschränken müsse, das ohnehin erforderliche parlamentarische Benehmen zu schulen. Trotz der Vorgabe von Amtsdirektor Gleisner entschieden sich die Jugendlichen für ein Parlament des Spiels. [53]

In der lokalen Presse fand die Gründung des Jugendparlaments ein eher skeptisches Echo. So schreibt der Journalist Günther Schaumann am 19.10.61 im WAK:
"Uns erscheint die an sich so gute Idee eines Jugendparlaments bisher wenig klare Zielbewusstheit bei den Bergkamener Jugendlichen erlangt zu haben. Der Gedanke, so gut er ist, scheint in den Vorstellungen der beteiligten Jugendlichen noch sehr nebelhaft und verworren zu sein. Sicherlich wird ihnen die künftige Erfahrung der beste Lehrmeister sein, nämlich: entweder mit ein paar Unentwegten bald vor leeren Stühlen zu stehen oder sich zur Realpolitik zu bekennen und eine fruchtbringende und echte Arbeitsgemeinschaft zu sein. Wie hatte doch VHS-Leiter Muhlack in seiner Begrüßungsansprache gesagt: 'Wir wollen den jungen Menschen Gelegenheit geben, mit den Aufgaben und der Praxis der kommunalen Selbstverwaltung vertraut zu werden. Wir wollen ihnen Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, die in den Schulen nicht erworben werden können'. Es wäre erfreulich, wenn sich bald gute Ansätze dafür zeigen würden."

Nicht aus persönlichem Interesse, sondern der Familientradition folgend wurde Helmut Wissmann, Jahrgang 1941, mit der Politik konfrontiert:
"Die Politik war zu der Zeit für mich nicht interessant. Aber durch die Familie, die weitestgehend der SPD angehörte oder aber dieser Partei nahe stand, wurde auch ich Mitglied der SPD."

Zur politischen Landschaft Bergkamens gehörten auch "Die Falken." [54]

Helga Nowak, Jahrgang 1940 und Absolventin des städtischen Musikkonservatoriums in Dortmund, kontaktierte aus völlig unpolitischen Gründen diese Jugendvereinigung:
"Ich war zwar nicht politisch interessiert, aber zu der Jugendorganisation "Die Falken" ging ich sehr gern, weil dort viel gesungen wurde."
 
 
 

4.1.3 Freizeit mit Pfadfindern und CVJM

 
 
 
Aktive Mitgliedschaften bei den Pfadfindern [55] und dem CVJM [56] waren gefragte Freizeitaktivitäten. Auf evangelischer Seite waren es die Christlichen Pfadfinder (CP) und fast mit denselben Statuten auf der anderen Seite die katholische DPSG, welche eine feste Konstante im Freizeitleben der christlich orientierten Jugendlichen darstellten. Diese Organisationen waren wichtige Elemente im Gemeindeleben, da durch sie die Jugendliche mit der Kirche in Kontakt kamen. Die Kombination einer Zugehörigkeit sowohl beim CVJM als auch bei den Pfadfindern ist bei fast allen sich zu diesem Thema äußernden Zeitzeugen gegeben.

Obwohl eine gleichzeitige Mitgliedschaft sowohl beim CVJM als auch bei den CP an sich unüblich war, gab es diese Kombination in Bergkamen. Die beiden Gruppen teilten sich im evangelischen Bodelschwingh-Haus die selben Räumlichkeiten. Sehr engagiert verbrachte Gerd Schwarzer einen Großteil seiner Freizeit bei dem CVJM und den Christl. Pfadfindern (CP: Zusammenschluss von evangelischen Jungen und Mädchen, überkonfessionell ausgerichtet. Gründung der CP in Bergkamen 1958 durch den Lehrer Dahl.):
"Ich war aktives Mitglied beim CVJM und den Christl. Pfadfindern. Sechs Stunden pro Woche sowie das Wochenende verbrachte ich in diesen Organisationen.

1957 gründeten einige Jugendliche die Christl. Pfadfinder in Bergkamen. Durch den Lehrer Dahl, der aus Dormagen stammte und in Bergkamen in der Nordbergschule eingesetzt war, erfolgte die Gründung dieser Organisation. Es war zunächst gar nicht so einfach Pfadfinderarbeit zu gestalten. Zwar waren genügend Interessenten vorhanden, aber diese mussten erst durch Schulungen und Prüfungen zu Pfadfindern gemacht werden. Aufgrund des großen Interesses konnte bereits nach einem Jahr Ausbildung ein Pfadfinderstamm gegründet werden und eine groß angelegte Werbung für diese Art der Freizeitgestaltung wurde gestartet.

Nach kurzer Zeit hatten sich 65 Kinder und Jugendliche für die Christl. Pfadfinder gemeldet. So konnten alle Altersgruppen bedacht werden, wie:
Wölflinge ( 6 - 8 Jahre)
Jungpfadfinder ( 9 - 10 Jahre)
Pfadfinder (11 - 13 Jahre)
Knappen (14 - 16 Jahre)
Späher (17 - 18 Jahre)
Kreuzpfadfinder (ab 18 Jahre)

Bereits nach kurzer Zeit durften wir uns aufgrund unserer Mitgliederzahlen und weil wir alle Altersgruppen abdecken konnten "Siedlung" nennen. Wir hatten mit dem schwedischen Königshaus Kontakt aufgenommen und die Erlaubnis erhalten den Namen "Siedlung Graf Bernadotte" zu tragen.

Das Freizeitangebot umfasste Spielen, Basteln und Werken. Aber auch Ausbildung in Erster Hilfe, Morsen, Verständigung und Mitteilung per Flaggen sowie Feuermachen und Kochen im Freien standen auf dem Programm. Natürlich spielte bei allem der christliche Gedanke eine große Rolle. Gottesdienstbesuch und die Mitgestaltung von Gottesdiensten und christlichen Festen waren Bestandteil der Pfadfindertätigkeiten.
 
 
 
Kontakte bestanden zu den Pfadfinderbrüdern aus dem kath. Lager (DPSG - Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg) und zeigten eine fruchtbare Zusammenarbeit. So führten wir jährlich ein gemeinsames Sommerlager durch. Über die Grenzen Bergkamens hinaus trafen wir uns mit anderen Pfadfindergruppen zu Zeltlagern, Singewettstreiten und Geschicklichkeitswettkämpfen.
 
 
 
Stand ein Zeltlager in Aussicht, mussten im Vorfeld zahlreiche Vorbereitungen getroffen werden. Nach Erkunden des Platzes musste vom jeweiligen Grundbesitzer, meist einem Landwirt, die Erlaubnis eingeholt werden, dort ein Zeltlager errichten zu dürfen. Der zuständige Förster musste kontaktiert werden, da für den Bau der Zelte und Wachtürme Baumstämme benötigt wurden. Oft blieb uns diese Arbeit erspart, denn der Förster ließ die Bäume durch Waldarbeiter schlagen und zum späteren Zeltlagerplatz transportieren. Alle diese Gefälligkeiten, Benutzen des Geländes und Fällen der Bäume, waren in der Regel für die Pfadfinder kostenlos.

Leider mussten die Tätigkeiten der Christl. Pfadfinder in den 60er Jahren eingestellt werden und seitdem ist die CP und auch der CVJM in Bergkamen nicht mehr vorhanden. Nur einige "Altpfadfinder" treffen sich heute gelegentlich noch."
Dr. Eugen Drewermann antwortet auf die Frage, ob er vereinsmäßig organisiert war:
"Nein. Aber später war ich organisiert in Bergkamen und das war auch ein wichtiger Anteil von Freizeit, also nicht nur Lesen, dann bei den Pfadfindern. Das war natürlich eine Freizeittätigkeit mit den Jungen in Bergkamen."

Sein Bruder, Helmut Drewermann, war der Gründer der St. Georg-Pfadfinderschaft in Bergkamen und Eugen selbst hatte die Stellung eines Kornett inne. Sein erstes Pfadfinderversprechen legte er im Winter 1955 ab. Er führt dazu an:
"(...)Warten Sie mal, '55 war das, was man ein Jamboree nennt. Man kam zusammen bei der Wewelsburg. Ganz hier in der Nähe. Und diese Erlebnisse waren natürlich schön. Man muss da auch noch dabei sagen, die Wewelsburg wurde damals als Jugendherberge überhaupt wieder eingerichtet. Und der Verdacht ist nicht ganz unbegründet, dass die Jugendbewegung nach dem zweiten Weltkrieg auch auf katholischer Seite, so tun wollte, wie wenn es das sogenannte Dritte Reich nicht gegeben hätte. Die haben uns in keiner Weise auf die Problematik der Wewelsburg hingewiesen, was man ja hätte tun müssen. Es geschah überhaupt nichts, sondern mit hohem Widerstand wurde Ende der Sechziger Jahre zum ersten Mal eine Gedenktafel an der Wewelsburg angebracht, die den Hinweis bot, dass da ein Konzentrationslager gewesen war. So ging das weiter. Heute ist da eine große Sonderausstellung. Jeder weiß das. Aber damals wussten wir davon überhaupt nichts. Es ist im Rückblick auch ein Musterstück der Verdrängung. Die wollten wirklich die Jugendbewegung, wie wenn es das Dritte Reich nie gegeben hätte, da wieder anfangen lassen wie es '33 gewesen war."

Auf die Frage, ob die Pfadfinderschaft in den Augen derer, die sich mit diesen Organisationen nicht auskannten und z. B. durch das Tragen einer einheitlichen Kluft, der fast schon paramilitärisch anmutenden Disziplin gepaart mit Lagerfeuerromantik bei den Pfadfindern, nicht das Bild einer völkischen Deutschtümelei entstand, antwortet er:
"Die Gefahr lief anders rum.(...) Was man wollte, und bei manchen Leitern, auch aus dem Dritten Reich, wirklich mitgebracht hatte, war eine paramilitärische Ausrichtung. Sie müssen sich vorstellen, dass wir mit fünfzehn/sechzehn Jahren alles konnten, außer den Umgang mit Waffen. Das kam nicht in Frage. Aber wie man sich zurechtfindet im Gelände, Karte und Kompass, Orientierung nach Mond und Sterne. Wie man Überlebenstraining unter minimalen Voraussetzungen praktiziert. All die Dinge, die man sonst bei der Bundeswehr lernen würde, konnten wir aus dem Eff-Eff. Nachrichtenübertragung mit Semaphor, wie es bei der Marine üblich ist, alle diese Dinge. Wie man Brücken baut oder Pionierarbeiten durchführt. Das ist ein Element, das Jugendlichen Spaß macht, weil es den Abenteuerlüsten entgegenkommt. Aber es wurde nicht gefiltert oder irgendwie reflektiert, dass das ja samt und sonders entstanden ist durch Baden Powell, dem Gründer der Pfadfinder in England aus der Zeit des Burenkriegs; aus der Kolonialzeit des Britischen Empires. Das war im Ursprung eine paramilitärische Ausbildung und die wurde eins zu eins weitergegeben. Und die Gefahr damals nicht nur, sondern die gezielte Absicht war, die Einfügung in die Bundeswehr, die Ende '55 beschlossen und am 1.01.1956 eingeführt wurde. Das war für mich eine ganz, ganz enorme Auseinandersetzung. Ich glaube, es gab keinen Jugendverband, der auf die Linie der katholischen Kirche in der Zeit vorbereitet war wie die St. Georgs-Pfadfinder."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Aufbau des Wachturmes für das Zeltlager 1962 im Sauerland der DPSG und CP Bergkamen

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Zeltaufbau für das gemeinsame Lager DPSG und CP im Jahre 1962

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Morgenappell der DPSG und CP Bergkamen 1962 beim gemeinsamen Zeltlager im Sauerland
 
 
Gefragt wie lange er die Leitung der Pfadfinderschaft ausgeübt hat, antwortet Dr. Drewermann:
"Das habe ich jahrelang noch gemacht, auch bis ins Studium noch hinein, mindestens bis '62 noch hatte ich zu tun. Also auch während des Münsteraner Studiums. Da war ich ja immer noch gebunden an Bergkamen. Die ersten zwei Semester, also ab 1960, bin ich mit dem Fahrrad nach Werne gefahren und dann mit dem Zug nach Münster. Das ging jeden Tag. Da wohnte ich noch in Bergkamen und dann hatte ich natürlich auch mit den Pfadfindern noch zu tun. Erst danach, als ich im Konvikt war hörte das praktisch auf."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Mitglieder der Pfadfinderschaft St. Georg bei der Fronleichnamsprozession in Bergkamen im Jahre 1953. Rechts im Bild Dr. Eugen Drewermann als Jugendlicher.
 
 
Die Möglichkeit, durch Mitgliedschaften sowohl bei den Pfadfindern als auch im CVJM Reisen unternehmen zu können und Kontakte zu anderen Jugendlichen zu bekommen, waren für Friedhelm Kluwe und Heinz-Dieter Linkamp ein nicht unwesentlicher Faktor ihrer Mitgliedschaft.

Friedhelm Kluwe, damals im 2. Lehrjahr, erinnert sich an eine abenteuerliche vierzehntägige Fahrradtour mit den Pfadfindern bis in die Schweiz. Die Reisekosten waren mit DM 60 angesetzt, von denen er die Rückreise mit nur noch DM 10 bestreiten musste. Durch eine Campingfreizeit mit dem CVJM, welche ihm gut gefallen hatte, wurde er Mitglied bei diesem Verein, war dort aber nicht sonderlich aktiv tätig.

Heinz-Dieter Linkamp, aktives Mitglied im CVJM, berichtet von einer Fahrradtour 1955 nach Düsseldorf und von einem zehntägigen Zeltlager 1957 in St. Peter Ording.
 
 
 

4.1.4 Kolping

 
 
 
Die Kolpingfamilie [57] war neben den Pfadfindern eine weitere Organisation, welche den katholischen Jugendlichen eine sinnvolle Freizeittätigkeit bot. Speziell die im Jahre 1953 gegründeten JGD (Jugend-Gemeinschafts-Dienst) kümmerte sich um die Belange der jugendlichen Mitglieder. In Bergkamen kam allerdings erst 1957 eine eigene Kolpingfamilie zur Gründung. Durch diese Vereinigung hatten die Jugendlichen die Möglichkeiten zur Teilnahme an Fahrradtouren, Zeltlagern etc.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Mitglieder von Kolping und Jungkolping am 23.02.1958 vor dem Piushaus zur offiziellen Gründungsfeier der Kolpingfamilie Bergkamen.
 
 
Heinz Kramer kam 1951, als Neunzehnjähriger, zur Kolpingfamilie Kamen:
"Neben der Berufsausbildung prägte mich besonders die Zeit in der Kolpingfamilie. (...) Schon bald fühlte ich mich in der Kolpingfamilie wohl. Hier fand ich Freunde (...). Es war die Zeit des Aufbruchs. Wir alle waren auf der Suche nach den Antworten auf die Fragen nach der neuen Zeit. In heftigen und manchmal nächtelangen Diskussionen über Politik, Gesellschaft oder Religion lernte ich nach dem Motto 'Mild in der Form aber unbeugsam in der Sache' mich auseinander zu setzen. (...) 1952 schickte mich die Kolpingfamilie zu zwei Kursen (...) um die verantwortliche Arbeit eines Seniors, Leiter der Kolpingfamilie, kennen zu lernen.

(...) meine Freizeit galt weitgehend der Kolpingfamilie. Sie gipfelte 1957 in der Gründung der Kolpingfamilie Bergkamen.

Mein Interesse in der Kolpingfamilie ging schnell über die Grenzen Deutschlands hinaus. 1952 lernte ich beim ersten Internationalen Treffen der Kolpingfamilie in der Schweiz Kolpingbrüder aus aller Welt kennen. Wir wohnten immer bei Gastfamilien in den verschiedenen Orten der Begegnung. Alles war neu, fremd - das erste Mal in meinem Leben bekam ich Pommes Frites zu essen- spannend und großartig. Unbeschwert gingen wir miteinander um. Bei der Kolping-Rom-Pilgerfahrt 1954 lernten wir andere Sprachen und Kulturen kennen. Vertieft wurden diese Eindrücke auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel. 1959 reizte Berlin mit seinen Problemen der deutschen Teilung. All diese Aktivitäten verlangten nach Ruhe und Erholung und es genügte mir nicht, nur um die Häuser zu ziehen, was natürlich riesigen Spaß machte, nein, ich wollte mehr." [58]

Sozial engagiert, aber nicht auf kirchlicher Ebene, sondern als aktives Mitglied beim Roten Kreuz war Herbert Vehring, Jahrgang 1937:
"Gemeindeleben, wenn auch nicht kirchlicher Natur, hatte für mich einen hohen Stellenwert, da ich immer schon sozial ausgerichtet gewesen war. So organisierte ich u.a. Altenfeste mit und machte zu bestimmten Gelegenheiten auch Altenbesuche. Außerdem organisierte ich mit anderen den Jugendaustausch innerhalb des Roten Kreuzes."
 
 
 

4.1.5 Gottesdienstbesuch - auch ein Teil Freizeit ?

 
 
 
Als moderne Säkularisierung wurde bereits in den 50er Jahren der Rückgang der Kirchenbesucher zum Gottesdienst bezeichnet und als ernst zu nehmendes Problem diskutiert. [59]

Bei den Katholiken war zwar ein höherer Gottesdienstbesuch zu verzeichnen, aber das resultierte vielfach aus der Tatsache, dass diese häufiger in Dörfern und Provinzen lebten. Hier gehörte der sonntägliche Gottesdienstbesuch mehr zum Lebensrhythmus als in der Stadt. [60]

Der Besuch der Messfeier respektive des Gottesdienstes, welcher einen Teil der Freizeit darstellte, spielte bei den Jugendlichen in Bergkamen keine so untergeordnete Rolle, wie es sich im Nachhinein medial darstellt. Zehn Zeitzeugen äußerten sich zu diesem Thema. Davon gaben fünf Personen (beider Konfessionen) den regelmäßigen sonntäglichen Kirchenbesuch an. Die übrigen fanden den Weg in die Kirche nur an hohen Festtagen wie Ostern und Weihnachten oder bei bestimmten Anlässen wie Taufe, Hochzeit oder Beerdigung.
 
 
 
Helga Nowak, welche das städtische Musikkonservatorium in Dortmund besuchte, war ein "aktiver" Teil des Gottesdienstes:
"Am kirchl. Gottesdienst nahm ich jeden Sonntag teil. Musste ich bis 1956 noch in die katholische St. Elisabeth-Kirche am Nordberg gehen, änderte sich dieses als Weddinghofen eine selbstständige Pfarrvikarie St. Michael bekam. Nach meinem ersten Gottesdienstbesuch dort sprach mich Vikar Hellwig an und bat mich, die Heilige Messe auf dem Harmonium zu begleiten. Zu dieser Zeit studierte ich am Städt. Konservatorium in Dortmund das Lehrfach "Klavier". (...) Mit sechzehn Jahren und einigen Semestern Klavierunterricht beherrschte ich zwar schon ganz gut das Instrument und ich war durchaus in der Lage, geeignete Literatur virtuos vorzutragen, aber mit dem Harmonium den Gottesdienst begleiten, das war etwas anderes, etwas Fremdes, was ich mir nicht zutraute. Aber Vikar Hellwig ermunterte mich (...)und ich sagte zu. Von nun an begleitete ich als "Organistin" zwei- bis dreimal in der Woche die Gottesdienste (...) mit dem Harmonium bei einem Salär von DM 1,50 pro Gottesdienst. Das ging bis 1961." [61]
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
1958 begleitet Helga Nowak auf dem Harmonium des Gottesdienst der St. Michael Gemeinde in Weddinghofen (heute ein Stadtteil von Bergkamen).
 
 
Kirchenaustritte gab es auch in den 50er Jahren. So bei Helmut Wissmann, der bereits als Jugendlicher aus der Amtskirche ausgetreten war:
"Zur Kirche hatte ich schon früh ein sehr gespanntes Verhältnis. Einerseits verursacht durch die damaligen Vertreter dieser Gemeinschaft und andererseits durch entsprechende, intensive Lektüre über die historische Vergangenheit der Kirche. Was da von den jeweiligen Führern der Kirchen, von der Frühzeit angefangen über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit, den Menschen angetan worden war, konnte ich nicht tolerieren. Ich trat deshalb aus der evangelischen Kirche aus."
 
 
 
 

5. Subkulturen

 
 
 
In den Jahren 1956 bis 1958 beunruhigte ein Phänomen weite Kreise der Öffentlichkeit: "Halbstarke" Jugendliche trieben ihr Unwesen. Als Gegenkultur entstand die Subkultur der Existentialisten, kurz "Exis" genannt. Diese beiden zentralen jugendlichen Alltagskulturen, Halbstarke und Existentialisten, waren in unterschiedlich sozialen Milieus verankert. [62]
 
 
 

5.1. Halbstarke

 
 
 
Mitte der 50er Jahre waren es zum überwiegenden Teil die männlichen Arbeiterjugendlichen welche die "Halbstarken" ausmachten. Es bildete sich eine Hierarchie in diesen Gruppierungen, welche bestimmt war durch die Hierarchie der körperlichen Stärke. Macho-Allüren war verbunden mit maskulinen Normen, Imponiergehabe und Beschützersyndromen gegenüber Mädchen. Die halbstarken Jugendlichen waren zum überwiegenden Teil Arbeiterjugendliche. [63]

Ob die bewusst zur Schau getragene Gleichgültigkeit, das abendliche Herumlungern auf der Strasse oder das Stören bürgerlicher Freizeitaktivitäten, das alles war eine Absage an die prüde und bigotte Moral der Erwachsenen. [64] Sie provozierten die staatliche Ordnung, verkörpert durch die Polizei und die Straßenverkehrsordnung. Es war für die Jugendlichen ein Ausdruck der eigenen Stärke und bedeutete für sie ein sinnliches Erlebnis. Diese Aktivitäten blieben jedoch auf den Feierabend beschränkt. Es war eine Art Symbolik, eine bissige Kritik an den Zuständen des gesellschaftlichen Alltags.

Der Historiker Markus Köster resümiert:
"Schlagartig ins Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit gerieten... 1956 die sogenannten Halbstarkenkrawalle, welche die Nation in Unbehagen zu versetzen begannen. Scheinbar grundlos rotteten sich, zum Teil im Anschluss an Musikkonzerte oder -filme, größere Gruppen von Jugendlichen zusammen, pöbelten Passanten an, behinderten den Autoverkehr, demolierten Schaufenster und Grünanlagen und lieferten sich anschließend mit den herbeigeeilten Polizisten zuweilen wahre Straßenschlachten". [65]

Die halbstarken Jugendlichen grenzten sich auch in ihrer Kleidung bewusst von der bürgerlichen Wohlanständigkeit ab. Accessoires wie Jeans, Lederjacke und als Frisur die Elvis-Tolle wurden zu Statussymbolen. Eine besondere Rolle spielten in diesem Ensemble das Moped oder Motorrad, bedeutete sein Besitz doch für junge Arbeiter den lang ersehnten Einstieg in die Motorisierung und außerdem für sie eine Prestigefrage. [66]

Die Soziologin Renate Wald, die Anfang der 60er Jahre die privaten Lebensformen und persönlichen Interessen jugendlicher Industriearbeiter im rheinisch-westfälischen Ruhrrevier untersuchte, zählte zusammenfassend folgende typischen Elemente in deren Freizeitverhalten auf:
"Was man in der Freizeit erlebte, spielte sich... grundsätzlich draußen, d.h. außerhalb der eigenen vier Wände, ab. Herumlungern auf den Straßen der Innenstädte, das Herumflanieren und Schwatzen an den Straßenecken, das Bolzen auf freien Plätzen zwischen den Häusern, das Herumstehen am Kino und beim Sportplatz, der regelmäßige Besuch der Spätvorstellungen, die samstägliche Runde durch Tanzcafes und Kneipen mit Musikbox und Spielautomaten. Den Höhepunkt bildete die Tour am Wochenende, zu der man die Maschine aufdrehte und mit der Clique in eine andere Stadt fuhr, möglichst eine Großstadt, ohne dass es an sich darauf angekommen wäre, in welcher man schließlich ein paar Stunden in zielloser unruhiger Neugier herumströpte; wichtiger war die während der Fahrt erreichte Geschwindigkeit und die Entfernung". [67]

Keinen Kult mit ihren fahrbaren Untersätzen betrieben die zum Thema Motorisierung befragten Bergkamener Zeitzeugen. War man glücklicher Besitzer eines fahrbaren Untersatzes, so war dieser lediglich Mittel zum Zweck, d.h. für die Fahrten zur Arbeit oder in der Freizeit zu den Vereinen. Sowohl aus finanziellen als auch aus zeitlichen Gründen war Herumfahren "einfach so" nicht drin.

Herbert Vehring bringt das auf den Punkt:
"Ich hatte zuerst ein Moped Zündapp Kombinette und danach ein Motorrad Triumph mit Seitenwagen. Es waren für mich reine Zweckgeräte für die Fahrt zur und von der Arbeit und bis auf die nötigen Pflegedienste daran, habe ich keinen Kult damit getrieben. Wettfahrten mit anderen Motorradbesitzern habe ich nie gemacht."

Auch für Gerd Schwarzer war sein Moped ein reiner Zweckgegenstand:
"Ich besaß ein Moped für den Weg zur Arbeit und zu den Vereinen. Aber außer dem notwendigen Putzen verbrachte ich damit keine Zeit. Einfach nur so Herumfahren war nicht drin."
 
 
 
Für Bernhard Goßmann war sein Moped dagegen fast ein "Freundinnen-Ersatz":
"Meine zweite Liebe, neben dem Fußball, war mein Moped. Dieses nahm zwar nur die zweite Stelle ein, aber an ihm habe ich geschraubt, geputzt und viel Zeit verbracht, die man eigentlich nur einer Freundin zugedeihen lässt. Aber so habe ich es manchmal angesehen. Natürlich habe ich damit Fahrten unternommen, die auch in andere Ortschaften führten. Das passierte aber nicht aus dem Aspekt heraus, dass ich mich mit anderen Mopedfahrern messen wollte, sondern einfach nur aus Freude am Fahren."

Fast schon luxuriös motorisiert war Friedrich Böinghoff:
"Ich besaß ein Motorrad der Marke NSU Lux (7,3 PS und 200 ccm). Dieses hatte ich gebraucht gekauft. Es war für mich hauptsächlich zum Zwecke der Fahrten zur Arbeit angeschafft worden und ich trieb, bis auf die notwendigen Instandhaltungsarbeiten, keinen "Kult" damit. Außerdem konnte ich das Auto meiner Eltern, einen DKW 3-6, mitbenutzen."

Die Krönung des motorisierten Daseins war natürlich ein eigenes Auto. Einer der wenigen Glücklichen, die ein solches ihr eigen nennen konnten, war Heinz-Dieter Linkamp. 1961, sofort nach Inbesitznahme desselben, machte er eine Tour nach München, unterbrochen durch einen Abstecher nach Frankfurt.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Fritz Böinghoff auf seiner NSU Lux 200 ccm, 1957.

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Heinz-Dieter Linkamp 1961 im Frankfurter Palmengarten. Heinz-Dieter hatte gerade sein erstes Auto bekommen und unternahm damit sofort eine Tour nach München mit Abstecher in Frankfurt.
 
 

5.1.1. Das Halbstarken-Phänomen in der lokalen Presse

 
 
 
Das Phänomen der Halbstarken muss aus heutiger Sicht unter dem Aspekt betrachtet werden, ob es letztendlich nicht als Erfindung der Zeitungen und Zeitschriften, d.h. der Medien allgemein, zu entlarven ist. Hierzu ist es nötig, die unterschiedlichen Schwerpunkte in der damaligen Berichterstattung, der lokalen Tagespresse einerseits und die der überregionalen Zeitungen andererseits getrennt von einander zu betrachten. Während sich die lokalen Zeitungen eher auf die Präsentation der Krawalle beschränkten, begleitete die überregionale Presse das Phänomen Halbstarke mit ausführlichen Hintergrundberichten und Kommentaren. [68]
 
 
 
Die Ruhr-Nachrichten berichteten in ihrer Ausgabe vom 31.11.1956, nachdem der Film "Außer Rand und Band" in Dortmund gelaufen war und anschließend ca. 1.000 Jugendliche die umliegenden Straßen gesäumt hatten: "Halbwüchsige terrorisieren die Hansastraße." Die Krawalle halten über das Wochenende an, so dass am Montag in drei Dortmunder Zeitungen der Presserummel beginnen kann. Die Westfälische Rundschau wähnt den Rock'n Roll Rummel auf dem Höhepunkt, die Ruhr-Nachrichten berichten: "Rock'n Roll Rummel setzt Wasserwerfer in Aktion". Über die Anzahl der Jugendlichen ist man sich nicht einig, aber eines ist sicher, es werden ständig mehr. In der Ausgabe vom 03.12.1956 berichtet die WAZ [69] (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) von Gewalttätigkeiten Jugendlicher, welche Straßen blockieren, Verkehrsschilder umstürzen, Christbäume und Weihnachtsbeleuchtung abreißen und auf den Strassen um Personenkraftwagen Feuer legen. [70]

In den Ruhr-Nachrichten war, ebenfalls unter dem Datum vom 03.12.1956, zu lesen, dass während der Kinovorstellung Jugendliche unter ekstatischem Gehopse in den tiefer gelegenen Orchesterraum gingen. Die im Kinosaal anwesenden Kripobeamten interessierte bei der Vorstellung weniger das Pfeifen und Johlen der Jugendlichen, sondern mehr die "Amateurfeuerwerker". Vor dem Kinogebäude waren mittlerweile 3.000 bis 4.000 Leute versammelt, denen die Polizei nur noch mit Wasserwerfern beikommen konnte. Es flogen Steine und die Polizei nahm 22 Personen fest.

Die Kommentatoren der Presse standen vor einem Rätsel. Sahen sich doch die Polizisten nicht politischen Demonstranten gegenüber, sondern gut gekleideten Jugendlichen. Teilweise waren sogar Kinder dabei. Die Jugendlichen sahen nicht heruntergekommen oder halbstark aus, sondern hatten "recht intelligente Gesichter". Ein Kommentator der WR [71] (Westfälische Rundschau) vermutete am 03.12.1956:
"Es ist wohl gut möglich, dass diese Jungen und Mädchen die gewalttätigen Spannungen unseres Zeitalters ausbaden müssen. Die drohenden Gefahren des Atomzeitalters rufen zur Auflehnung." [72]

Fakt ist, dass die Polizei letztendlich die Machtprobe mit den jugendlichen Demonstranten gewonnen hatte. Gegen Ende der ersten Filmwoche kehrte wieder Ruhe ein, nachdem der UFA-Direktor in Aussicht gestellt hatte, den Film in der zweiten Woche nicht zu verlängern. Trotz dieser Zusage lief der "US-Kleinholzfilm" weiter [73] und schreckte so manchen Ruhe und Ordnung liebenden Bürger aus seinem Ohrensessel auf. Aber auf der Hansastrasse in Dortmund war nun, nach den vorangegangenen Krawallen, völlige Ruhe. [74]
 
 
 

5.1.2 Das Halbstarken-Phänomen in der überregionalen Presse

 
 
 
In der überregionalen Presse, hier seien vor allem die ZEIT [75] und die FAZ [76] gemeint, tauchen zwei völlig kontroverse Standpunkte auf. Zum einen wird eine liberal wohlwollende und andererseits eine entschieden ablehnende Haltung eingenommen.

Für die liberale Haltung entzündet sich die Kontroverse bereits am Begriff "Halbstarke". Dieses sei ein geschmackloses und irreführendes Wort (FAZ v. 07.09.1956). Dem Versuch, Halbstarke mit Kriminellen gleich zusetzen, wird entschieden widersprochen. Das Sonntagsblatt zitiert am 07.09.1956:
"Man hat aus der Verbrechersprache die Bezeichnung "Halbstarke" für diese jungen Menschen gewählt und ein Schlagwort daraus gemacht, das ist unsinnig."

Auf die Frage nach den Ursachen für das halbstarke Verhältnis werden die scheinheiligen Ideologien der Erwachsenen ebenso angeprangert wie die mangelnden Aufstiegschancen. [77]

"Andreas Razumovsky [78] entdeckt in einem Artikel der FAZ v. 14.01.1957 über Rock'n Roll-Filme erste Ansätze kommerzieller amerikanisierter Teenagerkultur, die den Jugendlichen gemeinschaftliche Vergnügungen, fröhliches Beisammensein, garantiert ungefährliche Promiskuität in der Brave-New-World verspreche, was aber auch beinhalte, dass die Jugendliche gerade um dieses unschuldigen Teenager-Paradieses willen gegen die Erwachsenen kämpfen müssten." [79]

Soviel Verständnis wurde den halbstarken Jugendlichen nicht von allen Seiten entgegengebracht. Es gab auch Vertreter einer harten Linie. Für diese waren die Halbstarken und ihr Treiben Teil eines Bereiches der Jugendkriminalität. Sie fürchteten um den Zerfall bürgerlicher Werte. Schon in den Artikeln dieser "Hard Liner" war die Einstellung zur halbstarken Jugendkultur erkennbar. Anstatt sachlicher Analysen wurden beschwörende Formeln in pathetischer Sprache angeführt. [80]

In einem Artikel der ZEIT vom 27.09.1956, welcher sich mit den Ursachen für halbstarkes Verhalten befasst, ist von Jugendfanatismus als die drohende Gefahr für die Zukunft die Rede. Mit Blick auf die Musik und die Filme der Halbstarkenszene wird als Wurzel dieses Übels der religiöse Abbau und die gesellschaftliche Entwicklung vom Glauben zum Aberglauben zitiert. [81]
"Und die Mentalität der Filmfans mit ihrer Staranbetung muss durchaus schon als eine Perversion der Heiligenverehrung bezeichnet werden." (ZEIT vom 27.09.1956) [82]

Zwei Jahre später wird immer noch eine harte Linie gefahren. Am 31.10.1958 schreibt ein Autor der ZEIT anlässlich eines Rock'n Roll-Konzertes von einer Epidemie, die er als Tanzwut bezeichnet. Er führt Paracelsus [83] an, welcher vor 400 Jahren als Gegenmittel die Isolierung der Tanzwütigen empfohlen habe sowie Anwendung von Prügel und Güsse mit kaltem Wasser. [84]

In der ausgehenden Ära Adenauers stellten die Halbstarken jedoch nicht den Großteil der Jugendlichen dar. Nur die breite Aufmerksamkeit, repräsentiert durch die Medien, führte dazu, dass man die Halbstarken in einem Ausmaß wahrnahm, der dieser Subkultur als Randphänomen nicht zustand. Dem weitaus größeren Teil der Jugendlichen, welcher unauffällig und angepasst war, wurde man dadurch nicht gerecht. Diese Mehrheit hatte, zumal wenn sie in der Provinz lebte, von vornherein kaum Möglichkeiten für demonstrative Ausbruchversuche.

Fast alle Bergkamener Jugendlichen der 50er Jahre stellten diese beschriebene Mehrheit dar. Keiner der befragten Zeitzeugen gab an, ein Halbstarker gewesen zu sein bzw. in Kontakt mit ihnen gestanden zu haben. Die Bezeichnung eines Zeitzeugen, der sie "Idioten" nennt, macht deutlich, wie sehr die damaligen Jugendlichen sie ablehnten. Man wusste um die Existenz dieser Gruppierung, ihrer Ideologie und hatte auch von den Krawallen in der Großstadt Dortmund gehört, war aber persönlich von dem allen nicht tangiert worden. Wer überhaupt von der Rock'n Roll-Welle erfasst wurde, lebte dieses über die Musik und die Mode aus. Dieses waren jedoch mehr Einflüsse der amerikanischen Massenkultur als halbstarke Elemente.

Exemplarisch hierzu äußert sich Friedhelm Kluwe, Jahrgang 1941, aus Bergkamen:
"Ich war kein Halbstarker und hatte auch keine Kontakte mit diesen Gruppen. (Wir konnten nur ganz stark sein.) Nach dem Ablegen der Arbeitskleidung legte ich Wert auf gute Kleidung. Smix und Brix in die Frisur und die Haare nach hinten gekämmt."

Helmut Wissmann, gelernter Klempner und späterer Betriebsratsvorsitzender, hatte bereits in den 50er Jahren Skepsis gegenüber der medialen Darstellung der Jugendlichen:
"Ich war damals und bin auch heute noch der Meinung, dass man den jungen Leuten mit dem, vor allem von den Medien gebrauchten Wort "Halbstark" nicht gerecht wurde. Denn gerade diese Unternehmen, zusammen mit der Filmindustrie ( ich erinnere an den Film " Die Halbstarken"), machten damit gute Geschäfte.

In Bergkamen zerstörten nach Ende dieses Filmes einige "Halbidioten" die Einrichtung des Kinos. Das wäre mit Sicherheit ausgeblieben, wenn nicht schon im Vorfeld in allen Medien berichtet worden wäre, dass in fast allen großen Städten, in welchen der Film gezeigt worden war, solche Krawalle stattgefunden hätten. So bereitete man den Boden für die Regionalpresse und für neue reißerische Artikel á la Bild-Zeitung vor.

Natürlich gab es auch damals einige junge Menschen, die nicht der "Norm" entsprachen. Aber für die Mehrheit galt das nicht. Diese konnte sich, bei der damaligen Vollbeschäftigung, bei der Arbeit austoben. Von "Subkultur" zu sprechen finde ich übertrieben. Man konnte bei der neuen Rock'n Roll-Musik (Elvis Presley, Bill Haley u. a.) schon außer Rand und Band geraten, aber nur im positiven Sinne, ohne zerstörerische Aspekte.

Mir waren zu der Zeit keine Halbstarkenbanden bekannt. Es gab zwar schon mal Auseinandersetzungen zwischen Einzelnen, aber von Bandenkriegen oder Zusammenstöße mit der Polizei ist mir nichts bekannt. Natürlich färbte die Mode dieser Szene ab. Ich trug z. B. eine schwarze Lederjacke, einen Kordelbinder statt einer Krawatte, Schuhe mit Stahlabsätzen und weiße Kappen. Die Mode der langen Männerhaare fand jedoch nicht meine Zustimmung."

Ambivalent war dagegen die Haltung von Karl Elsner, welcher aus finanziellen Gründen die zumindest modische Szenerie der Halbstarken nicht ausleben konnte:
"Zu den sogenannten Halbstarken gehörte ich nicht, wurde jedoch des öfteren von ihnen angesprochen in ihrer "Clique" mitzumachen. Nur teilweise konnte ich die Modeattribute (Jeans, Lederjacke usw.) dieser neuen Szene annehmen. Um es so auszuleben, wie ich es mir gewünscht hätte, d. h. mir die dazu nötigen Klamotten u. ä. anzuschaffen, fehlte einfach das Geld."

Populäre Rock-Filme, welche die Gemüter der Jugendlichen anheizten, kannten manche nur vom Hörensagen. Auch von Krawallen bei Tanzveranstaltungen hatte man, wenn überhaupt, nur gehört.

Der damalige Landwirtslehrling Heinz-Dieter Linkamp erinnert sich:
"Zuhause durfte ich keine Rock'n Roll-Musik hören, da mein Vater solche "Negermusik" nicht im Haus haben wollte. Ich musste in den Stall gehen, um ungestört "meine" Musik hören zu können.
Kleidungsmäßig hatte der Rock'n Roll zur Folge, dass ich Jeanshosen und keine Tuchhosen mehr trug.

In Dortmund wurde damals der Film "Außer Rand und Band" gezeigt. Ich habe ihn zwar nicht selbst gesehen, habe aber gehört, dass es in der Zeit danach in der Gaststätte "Zur Eiche", welche auf der Grenze zwischen Bergkamen und Kamen lag, schon mal zu Krawallen während Tanzveranstaltungen kam und demzufolge auch zu Polizeieinsätzen gekommen sein soll."

Berührungsängste zwischen den halbstark orientierten und den sonstigen Jugendlichen gab es in Bergkamen nicht. Man lebte Toleranz und ließ jeden "nach seiner Facon glücklich" werden.

Gerd Schwarzer, Chemielaborant und Jahrgang 1940, beschreibt das so:
"Obwohl ich gelegentlich Kontakt mit den sogenannten Halbstarken hatte, war ich selber keiner. Es gab zwar Halbstarkenbanden, aber Krawalle in der Öffentlichkeit, welche durch diese verursacht wurden, davon ist mir nichts bekannt. Die Halbstarken von Bergkamen trafen sich hauptsächlich in der Gaststätte "Zur Eiche" in Bergkamen. Es kam bei diesen Treffen jedoch nicht zu Pöbeleien und alles lief friedlich ab. Mein persönliches Umfeld wurde überhaupt nicht durch die Mode der Halbstarken- und Rock'n Roll-Bewegung beeinflusst."

Eine Abgrenzung zur Halbstarken-Szene zeigte sich bei Herbert Vehring, Bergmann, Jahrgang 1937, schon durch seine Kleidung:
"Ich war kein Halbstarker und Kontakt zu diesen Leuten hatte ich auch nicht. Für so etwas hatte ich kein Interesse und keine Zeit. Ich kann noch nicht einmal sagen, ob und wo es Halbstarke gegeben hätte. Durch die Halbstarken- bzw. Rock'n Roll-Szene wurde ich nicht beeinflusst. Ich trug weiterhin konservative Kleidung. Ein für mich wichtiges Modeattribut in den Fünfziger Jahren war (im Gegenteil) das Tragen einer kurzen Lederhose in der Sommerfreizeit."

Auch Bernhard Goßmann grenzte sich durch seine Kleidung in der Freizeit von der Halbstarken-Szene ab:
"Von den Halbstarken habe ich mich immer distanziert. Mir ist auch nichts bekannt von Krawallen in der Öffentlichkeit. Zumindest nicht in Bergkamen. In meinem ganzen Freundes- und Bekanntenkreis gab es niemanden, der dieser Gruppierung angehörte. Ich fühlte mich von dieser Szene in meinem persönlichen Umfeld, wie Frisur, Kleidung und Musik, nicht angesprochen. Im Gegenteil, ich ging auch in der Woche, also in meiner Freizeit, generell in Anzug mit Oberhemd und Krawatte. Das ist eigentlich gut nachvollziehbar. Während meiner Tätigkeit als Bergmann "unter Tage, vor Ort" war man ständig schmutzig. Da wollte ich wenigstens in meiner Freizeit propper, gepflegt und adrett sein."

Dr. Eugen Drewermann antwortet auf die Frage nach der Halbstarkenszene in Bergkamen bzw. Randale bei Veranstaltungen:
"Was es gab in Dortmund , ich glaube '56, war es zum ersten Mal, dass man beim Rock'n Roll die Stühle oder die Bestuhlung auseinander nahm. Das war die Halbstarkenbewegung. Aber in Bergkamen, also wenn überhaupt Protest, dann wurde er versucht auf dem Moped. Das war das Äußerste. Randaliert wurde in Bergkamen überhaupt nicht und es ging auch auf keinem Tanzboden so zu, dass das einen Ordnungshüter hätte beeindrucken können. Ich jedenfalls habe davon gar nichts mitbekommen."
 
 
 

5.2. Existentialisten / Jazz

 
 
 
In den aktuellen Beiträgen zur Jugendforschung in den 50er Jahren taucht neben dem Verweis auf die Halbstarken zumeist der Hinweis auf eine zweite auffällige Gruppe von Jugendlichen auf, den sogenannten Existentialisten, kurz "Exis" genannt. [85]

Es war der Aufbruch der Oberschüler und Studenten aus der sterilen Wiederaufbaurepublik, der in den Espresso-Bars und Jazz-Kellern stattfand. Sie hatten Sartre auf den Lippen und Cool-Jazz in den Ohren. Der Einfluss der französischen Existenzphilosophie bezog sich auch auf das äußere Habit, wie z. B. schwarze Kleidung und lange, glatte Haare bei den Mädchen. Die Jungen lehnten sich mit ihrer Kleidung an amerikanische Vorlagen an, neben den Jeans war dies insbesondere der Parka.

Die Stilattribute der Exis hatten eine Abgrenzungsfunktion gegenüber anderen jugendlichen Gruppierungen der 50er Jahre wie den Halbstarken. Zwar hatten die Exis in der Regel für die Aktionen der Halbstarken Verständnis und sie hörten schon mal ganz gerne Rock'n Roll-Musik. Aber umgekehrt war dieses nicht unbedingt genauso.

Gelegentlich kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, die allerdings aufgrund des unterschiedlichen soziokulturellen Milieus, in denen die beiden Gruppierungen sich bewegten, eher die Ausnahme waren. [86]

Es war jedoch vor allem der traditionelle Jazz, der Dixieland, der von vielen Jugendlichen Ende der 50er Jahre favorisiert wurde. An vielen Oberschulen entstanden gleich mehrere Amateurbands und ab Anfang der 60er Jahre wandten sich vielerorts die Heime der offenen Tür gezielt an die jugendlichen Jazz-Fans.

Im Bergkamen der 50er Jahre spielte der Existentialismus keine Rolle. Den meisten Jugendlichen war er in der damaligen Zeit überhaupt nicht bekannt. Auch Jazz-Musik war für sie, wie es Karl Elsner ausdrückt, "kein Renner".

Nur Helga Nowak, zum damaligen Zeitpunkt Absolventin des städtischen Musikkonservatoriums in Dortmund, kann sich an Jazz-Konzerte erinnern:
"Es gab in Bergkamen eine Band 'Die Primitiven', welche Jazz-Musik spielten. Diese Jazz-Sessions fanden in der Aula der Pfalzschule in Bergkamen-Weddinghofen statt".

Für Dr. Eugen Drewermann, zum damaligen Zeitpunkt Schüler des Gymnasiums in Hamm, spielte der Existentialismus dagegen eine, wie er selber anführt, gewaltige Rolle, jedoch auf rein literarischer und philosophischer Ebene. Auf die Frage, ob es in Bergkamen Gruppierungen gab, welche sich trafen und frankophile Schriftsteller lasen antwortet er:
"Nein, das gab es absolut nicht. Was es gab, waren die Anfänge der Volkshochschule [87] in Bergkamen. Da konnten Gespräche geführt werden, die evtl. in die Richtung gingen. Es gab eine aktive Auseinandersetzung mit dem Krieg zum Beispiel. Filme von Bernhard Wicki 'Die letzte Brücke' wurden da gezeigt. Leute, die z. B. Lehrer im Krieg gewesen waren, brachten da ihre Erfahrungen mit ein. Da wurde vieles problematisiert, was gleichgeschaltet neu in Marsch gesetzt werden sollte. Aber der Existentialismus hatte in Bergkamen keine Chance, weil er wirklich ein literarisches und philosophisches Phänomen war. Wenn Sie mich jetzt fragen, ist das eine außerordentlich spannende Thematik. Der Existentialismus spielte für mich selbst eine gewaltige Rolle und ich kann ehrlich sagen, ich hätte ihn erfinden müssen, wenn es ihn nicht schon gegeben hätte. Er liegt mir wirklich im Blut. Das ist nicht die Schuld von Jean Paul Sartre, den wir natürlich in der Schule gelesen haben. Albert Camus im Deutschunterricht sogar, 'Die Pest' in der Oberprima. Das waren unglaubliche Texte für mich. Und der Existentialismus lag wirklich in der Luft. Graham Greene... 'In dem Film Der dritte Mann' gibt es sogar eine eigene Szene darüber. Das ist '49/'50 schon. Holly Martins, der Schriftsteller, der Dichter des 'Todesreiters nach Santa Fe', sollte dabei nach einer Veranstaltung in der Diskussion den Existentialismus vertreten. Und er fragt dann, was das denn sei. Amerikaner haben vom Existentialismus wirklich keine Ahnung."

Gefragt, ob er dem Jazz und dessen verschiedenen Stilrichtungen zugetan war, verneint er jedoch, da für ihn der Existentialismus nicht mit Jazz-Musik assoziiert werden kann:
"Kaum. Existentialismus und Jazz sind für mich absolut auseinander. Ich kann mich erinnern, dass es da Gemeinsamkeiten gab. Aber das typische Bild des Existentialismus aus den Filmen der Zeit und aus der Mode, also Schlägermütze, Roth-Händle-Zigarette und so was, war nie mein Fall. Für mich war Existentialismus eine philosophische Bewegung. Und ich wusste damals noch nicht, wie schwierig er sich eigentlich in den Argumenten ausgedrückt hat. Die ganze Phänomenologie gehört dazu, natürlich Heidegger, Sartre. Das musste ich später nacharbeiten. Aber es hat dann auch meine wissenschaftliche Arbeit, die Auslegung der Bibel, zentral geprägt. Kierkegaard war vor allem meine Entdeckung. Das war noch in der Schulzeit.

Er hat zentral religiös gedacht. Die Art, wie er denkt, ist für mich bis heute in gewissem Sinne maßgebend geblieben. Also der Existentialismus über Kierkegaard, Sartre und dann die Literatur ist ganz entscheidend gewesen in der geistigen Entwicklung."

Als Austauschpartner für Gespräche dieser Ebene hatte er seine Lehrer:
"Die Lehrer waren ganz wichtig. Also mein Deutschlehrer, mit dem ich mich heute noch sehr gut verstehe, er lebt Gott sei Dank noch, war entscheidend, weil er alles forderte, was mit Denken zu tun hatte. Und Existentialismus ist eigentlich nur eine Form selbstständig zu denken. Angewandte Aufklärung. Dann kam, dass wir in der Oberstufe z. B. von Jean Anouilh das Theaterstück 'Die Antigone' spielten. Jean Anouilh galt damals auch als Dramatiker des Existentialismus, was man auch sagen kann. Seine Auffassung der Antigone ist zentral geprägt von dem Gedankengut einer verantwortung sich selber gegenüber. Nicht dem Staat, nicht der Religion, nicht der Gesellschaft, einzig sich selber gegenüber."
 
 
 
 

6. Kultur

 
 
 

6.1. Kino

 
 
 
Auf der Liste der außerhäuslichen Freizeitaktivitäten rangierte neben dem Sport der Kinobesuch relativ weit oben. Obwohl dieser eher selten ausdrücklich als liebste Freizeitbeschäftigung genannt wurde, trugen jugendliche Zuschauer zu einem erheblichen Teil zum Filmtheaterboom der 50er Jahre bei. Fast zwei Drittel der 15- bis 24jährigen sahen sich mindestens zweimal im Monat einen Kinofilm an. Dabei gingen die Jungen häufiger als die Mädchen ins Kino und Berufstätige öfter als Schüler und Studenten.

Es waren nicht so sehr die Schießfilme und Reißer, sondern eher die Schnulzen unter den Filmen, welche bei der Jugend beliebt waren. Umfragen zufolge sahen sich Mädchen gern Heimatfilme an, während die männlichen Jugendlichen Abenteuer- und Wildwestfilmen den Vorzug gaben. Bemerkenswerterweise standen aber auch Problemfilme und künstlerisch wertvolle Filme hoch im Kurs der Jugendlichen. [88]

Diesen Ausführungen kann, bezogen auf die damalige Bergkamener Jugend, voll entsprochen werden.

Den Bergkamener Jugendlichen standen zwei Kinos, das "Capitol" und die "Schauburg" zur Verfügung. In der Mehrzahl wurden diese von den Jugendlichen vierzehntägig frequentiert. Heimatfilme waren sowohl bei den männlichen als auch den weiblichen Jugendlichen beliebt. Western und Abenteuerfilme wurden von den Jungen und Liebesfilme von den Mädchen bevorzugt.

Dass man jedoch nicht nur aus Interesse am Film ins Kino ging, belegen Helmut Wissmann und Friedhelm Kluwe:
"Wurden anfangs noch überwiegend Wildwestfilme geschaut, änderte sich dieses, nachdem man sich für das "andere Geschlecht" interessierte und gemeinsam mit den Mädchen ins Kino ging. Da war für uns Jungen das Thema des jeweiligen Filmes Nebensache."

"Die Art der Filme war nur halb so wichtig, wichtig war nur die Partnerin mit der man ins Kino ging."

Eine Wochenendkonstante stellte das Kino bei Bernhard Goßmann dar:
"Fast jeden Samstagabend ging ich ins Kino. Da kam es auch schon mal vor, dass ich in die 20.00 Uhr und in die Spätvorstellung um 23.00 Uhr ging. Ein Kinobesuch am Sonntag war ebenfalls ein fester Bestandteil. Ich bevorzugte Abenteuer- und Wildwestfilme, weniger aber Schnulzen- und Heimatfilme."

Eine eifrige Kinogängerin war Helga Böinghoff und repräsentiert mit der Gattung der von ihr favorisierten Filme den damaligen weiblichen cineastischen Geschmack:
"Ich besuchte nicht die Kinos in Bergkamen, sondern ca. alle vierzehn Tage die in Kamen. Am liebsten sah ich Heimat-, Historien- und Liebesfilme. In Erinnerung sind mir Titel geblieben wie: "Reitet für Deutschland", "Quo Vadis", "Vom Winde verweht", "Giganten" und alle "Sissy-Filme"."

Kino am Wochenende war auch bei Ilona Goßmann sehr beliebt:
"Zu der Zeit gab es noch sehr viele Kinos. In Kamen waren es drei und in Bergkamen zwei Kinos. Da konnte man sich schon aussuchen, welchen Film man sehen wollte. Heimatfilme habe ich mir gern angesehen. Mit Hans Moser oder Rudolf Prack. Die Filme hießen "Die Heide grünt", so in dieser Richtung. Es gab noch nicht diese Action-Filme, es war alles so harmlos damals. Und dann gab es natürlich die Musikfilme, z. B. mit Peter Kraus. Der Kinobesuch beschränkte sich hauptsächlich auf den Samstagabend aber auch sonntags schon mal. Es gab mehrere Vorstellungen nachmittags und dann eine um 18.00 Uhr und spät um 22.00 Uhr noch eine. Aber das war für mich zu spät, weil ich ja den nächsten Morgen wieder früh raus musste. Der Kinoeintritt kostete zwischen DM 0,50 oder DM 1,50. Genau weiß ich das nicht mehr. Man hatte ja nicht viel Geld zur Verfügung. Es gab jedenfalls drei Preisgruppen. Rasiersitz, das war ganz vorne, Parkett und Loge. Aber die war für mich zu teuer."
 
 
 

6.1.1. Theater/Konzerte

 
 
 
In der mir zur Verfügung stehenden Literatur wurde die Rubrik Theater und/oder Konzerte als Teil der Freizeit bei Jugendlichen in den 50er Jahren nicht behandelt. Trotzdem habe ich anhand der Zeitzeugenbefragung versucht zu ermitteln, ob hierfür ein Interesse bestand. Elf der befragten Personen haben sich hierzu geäußert, und es ist erstaunlich, dass lediglich drei Zeitzeugen angaben, zu dieser Art Kultur keinen Bezug gehabt zu haben. Die übrigen waren der Theaterwelt sehr zugetan. Überwiegend durch Abonnements der Volkshochschule besuchten sie ein Mal monatlich das Theater in Dortmund oder in Lünen. Das Programm der Volkshochschule Bergkamen wies im Herbst 1961 ein großes Angebot für Theaterinteressierte auf.
 
 
Theaterveranstaltungen der örtlichen Theatervereine oder Vorstellungen, z. B. des Westfälischen Landestheaters, in den Sälen der örtlichen Gasthäuser boten den Jugendlichen ebenfalls Gelegenheit zu einem Theatererlebnis.

Wem es nicht reichte, nur Zuschauer zu sein, der hatte durch die VHS Bergkamen die Möglichkeit, als Akteur in der Laienspielschar Theaterluft zu schnuppern.
 
 
 
Theaterfan, als Zuschauer wie auch als Akteur der Laienspielschar, war Gerd Schwarzer:
"Kultur hatte für mich einen hohen Stellenwert. Ich hatte ein Theaterabonnement bei der VHS und ging sechs Mal in einem halben Jahr zu kulturellen Veranstaltungen. Außerdem gehörte ich der Laienspielschar Bergkamen an. Wir gaben auch auswärtige Gastspiele, z. B. im VHS-Heim in Menden."

Helga Nowak liebte Konzerte:
"Kultur hatte für mich einen sehr hohen Stellenwert. Leider fehlte mir zur damaligen Zeit das Geld, um Konzerte zu besuchen. Eine Aufführung im Dortmunder Opernhaus 1953(...) ist mir in immerwährender Erinnerung. Es wurde "Die Puppenfee" gegeben."

An Bernhard Goßmann dagegen ging diese Art Kultur völlig vorbei:
"Für Theater und Konzerte habe ich kein Interesse gehabt. Es wurden meines Wissens nach in Bergkamen oder der näheren Umgebung solche auch nicht angeboten. Hätte es sie gegeben, wäre ich trotzdem nicht interessiert gewesen."

Heinz Linkamp kam erst spät und "zweckgebunden" zur Theaterkultur:
"Ab 1960 nahm das Theater für mich einen höheren Stellwert ein. Ich hatte ein Theaterabonnement und ging vier bis fünf Mal pro Jahr mit meiner Schwester und deren Freundin ins Theater, da zu dieser Zeit junge Mädchen bzw. junge Frauen nicht ohne männliche Begleitung um so später Stunde wie Mitternacht unterwegs sein durften."

Helga und Fritz Böinghoff bedauern die wenigen Möglichkeiten für kulturelle Veranstaltungen:
"Für Theater gab es kaum Gelegenheit. Ganz selten besuchten wir Veranstaltungen im Rahmen der Landjugend. Wir besuchten das Theater in Dortmund. Dort wurden hauptsächlich Opern und Operetten gegeben."

Theater vor Ort wurde von Friedrich Rediger frequentiert:
"Ich besuchte Theaterveranstaltungen im Kolpinghaus Kamen und in der Gaststätte Schmülling die Aufführungen vom Theaterverein Overberge."
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
In der Maske. Kritisch beäugt von der Weiblichkeit wird ein Mitglied der Laienspielschar Bergkamen 1960 von Jung auf Alt geschminkt.

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Laienspielschar Bergkamen 1960. Fertig! Aus einem jungen Kerl hat die Maske einen alten Greis gezaubert.

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Die Laienspielschar Bergkamen 1960 zu Gast in der VHS Menden. Nach der Aufführung gab es ein geselliges Beisammensein mit Tanz.?
 
 

6.2. Tanzen

 
 
 
Trotz der Rock'n Roll-Welle bevorzugte bei Tanzveranstaltungen die angepasste, konservative Jugend den klassischen Walzer, den Foxtrott und den Tango, eben alle Gesellschaftstänze, welche auch von ihren Eltern getanzt wurden. Dass die skeptische Generation, als die viele sie sahen, sich dermaßen angepasst und konservativ verhielt, überraschte auch einen Journalisten des Westfälischen Anzeiger und Kurier (WAK) 1958 in Hamm. Er hielt als Quintessenz der zeitgenössischen Jugendstudien fest, dass diese Jugend in vielem der Elterngeneration ähnlich war. Die Jugendlichen lasen Ganghofer, tanzten Walzer und waren diszipliniert. [89]

Dieses Bild des angepassten, konservativen Jugendlichen, der in Vielem den Eltern ähnelt, findet sich auch bei den damaligen jungen Bergkamenern wieder. Tanzveranstaltungen gab es am Wochenende, meist in Gaststätten, welche über einen Saal verfügten. Hatte das Lokal nur eine Kegelbahn, wurden über diese Bretter gelegt, auf welchen dann getanzt wurde. Beliebte Bergkamener "Tanzlokale" waren die Gaststätten Brüggemann, Haus Elsner und Haus Schmülling in Overberge.

Neben den populären Schlagern wurde alles gespielt, was sich zum Tanzen eignete. Standardtänze waren die Regel, nur ab und an wurde auch dem Rock'n Roll und dem Anfang der 60er Jahre aufkommenden Twist Tribut gezollt.
"Wer Erfolg haben wollte beim anderen Geschlecht, speziell bei Tanzveranstaltungen und auch auf dem gesellschaftlichen Parkett, der besuchte eine Tanzschule. Das sahen die Eltern gern, das brachte den Jugendlichen ein Stück Freiraum und außerdem der Erwachsenenwelt näher". [90]

Eine Tanzschule besuchten dreizehn von sechzehn befragten Zeitzeugen. Es gehörte zur Tradition und war eine Selbstverständlichkeit für die Jugendlichen, oder wie es Gerd Schwarzer treffend ausdrückt: "Man lernte einfach tanzen!". Nur wenn man ein ausgesprochener Tanzmuffel war, oder die finanziellen Mittel nicht reichten, kam der Besuch der Tanzschule nicht in Frage.

Obwohl ein "Tanzmuffel" machte Helmut Wissmann seine Mutter zu seiner persönlichen Tanzlehrerin:
"In Bergkamen gab es regelmäßig Tanzveranstaltungen in der Gaststätte Haus Elsner am Nordberg. Kapellen aus der näheren Umgebung spielten dort auf. Die Musik zuhause kam von Schallplatten oder anderen Musikgeräten. Die Musikpalette reichte vom Schlager bis zum Rock'n Roll. Da ich ein Tanzmuffel war (und noch bin) besuchte ich keine Tanzschule. Ich lernte von meiner Mutter die nötigen Tanzschritte, um bei der Damenwelt nicht ins Hintertreffen zu geraten."

Auch Helga Nowak hatte keine Tanzschule absolviert, obwohl sie tanzbegeistert war. Aber die finanziellen Mittel erlaubten ihr nicht den Besuch einer selbigen, da Helga als Absolventin des städtischen Konservatoriums Dortmund kaum über Einkünfte verfügte:
"Eine Tanzschule habe ich aus Geldmangel nicht besucht. Aber von den Geschwistern meiner Freundin wurde ich gelegentlich zu deren Mittel- oder Abschlussbällen eingeladen."
 
 
 
Sehr gern ging Helga Nowak zu Tanzveranstaltungen, bei denen die Kapelle "Die Dorfspatzen" auftraten. Besonders erinnert sie sich an den ersten Auftritt dieser Lokalmatadoren. Der Kapelle gehörte als Schlagzeuger auch ihr späterer Ehemann Bernhard Nowak an:
"In den Gaststätten "Schützenheide" und "Lindemann/Freise" fanden regelmäßig zum Wochenende Tanzveranstaltungen statt. Es wurden die populären Schlager gespielt und auch sonst noch alles, was sich zum Tanzen eignete. Die bevorzugte Kapelle waren "Die Dorfspatzen". Ich ging zu diesen Veranstaltungen immer mit Freunden. 1956 standen "Die Dorfspatzen" zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Die Tanzfläche im alten Saal der Gaststätte Klute war natürlich kein elegantes Parkett über das die Tanzpaare leichtfüßig hinweg schwebten, sondern ein Holzdielenboden. Die Leute gerieten schnell ins Schwitzen. Zudem heizte ein riesiger Kanonenofen den Saal mächtig auf. Zuhause wurde nicht getanzt, aber dafür habe im Radio gern klassische Musik gehört."

Eine Zeitzeugin (ohne Namenangabe) hatte traditionsgemäß die Tanzschule besucht, ging aber nie auf öffentliche Tanzveranstaltungen:
"Ich glaube schon, dass es in Bergkamen Tanzveranstaltungen für Jugendliche gab. Diese fanden in Wirtschaften statt und es wurden, glaube ich, populäre Schlager und Rock'n Roll gespielt. Ich kann hierüber jedoch nichts Genaues sagen, da ich selber nie auf solchen Veranstaltungen gewesen bin. Zu meiner Zeit gingen Mädchen nicht ohne ihre Eltern aus. Musikhören und ggfs. Tanzen war auf privater Ebene im Elternhaus möglich. Ich besuchte gemäß Schultradition des Gymnasiums die Tanzschule in Kamen. Gelehrt wurden die üblichen Gesellschaftstänze. Die Tanzstunden fanden ein Mal wöchentlich am Nachmittag statt."

Ein guter Kenner der Bergkamener Tanz-Szene war Bernhard Goßmann:
"In Bergkamen gab es genügend Tanzveranstaltungen. Wenn Tanzabend war, gab es immer Live-Musik. Die fanden dann in den Gaststätten wie z. B. "Just", "Haus Elsner" oder "Arndt" statt. Das waren Wirtshäuser mit einem Saal dahinter. Die Tanzabende fingen in der Regel um 20.00 Uhr an und gingen bis 24.00 Uhr. Es wurde überwiegend deutsche Musik gespielt. Lieder von Freddy Quinn, Fred Bertelmann oder Rudi Schuricke. Wir tanzten danach Tango, Walzer und Foxtrott, Standardtänze also. Später dann auch Twist. Rock'n Roll wurde nicht, oder nur selten, gespielt und getanzt. Aber den konnte ich sowie so nicht.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Der Schlagzeuger der in Bergkamen beliebten Kapelle "Die Dorfspatzen" Bernd Nowak 1958 in voller Aktion. Die Kapelle war nicht nur Helga Nowaks Lieblingsband, sondern Bernd auch ihr Lieblingsschlagzeuger, wurde er doch später ihr Ehemann.

Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Tanzveranstaltung 1958 in der Bergkamener Gaststätte Klute, zu dem "Die Dorfspatzen" aufspielten.
 
 
Zu den Veranstaltungen ging ich nicht allein. Meist war ein Kollege dabei. Und dann hat man geguckt, was da war und was man aufreißen konnte. Alkohol haben wir so gut wie nicht getrunken. Höchstens ein Bier. Ab und zu gab es auch schon mal eine Schlägerei. Aber nur so untereinander. Sei es, dass einer dem anderen auf den Fuß getreten war oder dem anderen das Mädchen ausgespannt hatte oder einfach nur, weil sie zuviel Bier getrunken hatten. Der Eintritt zu den Tanzveranstaltungen kostete anfangs DM 1,50. Nachher wurde es ein bisschen teurer, aber das war in Verbindung mit einem Getränk. Da musste man DM 3,00 bezahlen und bekam zum Eintritt noch ein Bier und einen Schnaps. Fast regelmäßig alle vierzehn Tage bin ich zu Tanzabenden gegangen.

Eine Tanzschule hatte ich nicht besucht. Tanzen habe ich auf dem Tanzboden gelernt. Ich bin einfach losmarschiert und - fertig! Irgendwann hatte ich es dann begriffen. Ich habe es von den Mädchen gelernt, die schon tanzen konnten. Denen habe ich vorher gesagt: "Du, hör mal, ich kann aber nicht so gut tanzen, also mach du man!" Obwohl, in der Gaststätte "Haus Elsner" am Nordberg fanden auch Tanzkurse durch eine Tanzschule statt. Den Namen weiß ich aber nicht mehr."
Tanzen war für war Helga Böinghoff ein beliebter Teil ihrer Freizeit:
"Im Hause Schmülling in Bergkamen-Overberge fanden im Rahmen der Landjugend Tanzveranstaltungen statt. Erwähnenswert sind auch der Winterbälle der ehemaligen Landwirtschaftsschüler der Landwirtschaftsschule Unna. Diese fanden im Kurhaus in Unna-Königsborn statt. Es spielte dann eine Fünf-Mann-Kapelle dezente Musik bis ca. 1.00 Uhr nachts. Viel getrunken wurde bei diesen Veranstaltungen nicht. Das Hauptaugenmerk lag beim Tanzen.

Getanzt wurde auch auf den Schützenfesten. Zum Schützenball wurden volkstümliche Lieder wie "Schützenliesel" und "Waldeslust" gespielt. Es bestand bei diesen Veranstaltungen auch die Möglichkeit, die Kapelle selbst zu dirigieren. Das kostete für die immerhin fünfzehn Mann starke Kapelle eine Runde Bier.

Im Wohnzimmer meiner Verwandten in Hamm stand eine Musiktruhe. Dort legten meine Cousine und ich tagsüber schon mal Platten auf.Ich besuchte aus eigenem Interesse zusammen mit meiner Freundin die Tanzschule Graf-Plathe, welche im Saal des Hotels "König von Preußen" in Kamen stattfand. Gelehrt wurden dort die üblichen Gesellschaftstänze, sowohl Standard- als auch lateinamerikanische Tänze. Einmal in der Woche fanden diese Tanzstunden statt und dauerten jeweils zwei Stunden. Als der Schlussball nahte, kam die Schneiderin ins Haus und nähte ein lindgrünes Kleid aus Organdy, darunter wurde ein Taftunterrock getragen. Von meinem "Herren", einem Rechtsanwaltsgehilfen, bekam ich drei rosa Nelken."
 
 
 

6.3. Musik

 
 
 
Obwohl das Medium Fernsehen seit 1957 präsent war, spielte es keine allzu große Rolle in der Freizeitgestaltung der Jugendlichen. Sei es, dass das Programmangebot eher auf die Interessen von Erwachsenen und Kindern zugeschnitten, oder aber dass die Heranwachsenden in ihrer Freizeit außerhalb der elterlichen Kontrolle sein wollten.

Radiohören war dagegen eine selbstverständliche Feierabendbeschäftigung der Jugendlichen. Das Radio bot ihnen eine Ausweichmöglichkeit von der übrigen Familie, welche vor dem Fernseher versammelt war. Mittels batteriebetriebener Rundfunkempfänger war es auch außerhalb der Wohnung oder im eigenen Zimmer möglich, seine Lieblingsprogramme zu hören. "Schlagerparaden" oder "Bunter Abend" waren beliebte Sendungen. Aber speziell auf die Musikwünsche der jungen Generation nach "moderner" Musik wurde kaum eingegangen. Somit war der Plattenspieler das Gerät, welches von den Jugendlichen am meisten favorisiert wurde. Konnte man damit doch seine Lieblingsmusik selbst gestalten. Eine boomende Jugendmusikkultur entstand. Jedoch war der Kauf einer Schallplatte ein teures Vergnügen, wenn man bedenkt, dass eine LP (Langspielplatte) etwa bei DM 29,80 lag. Trotzdem besaßen 1960 schon ca. vierzig Prozent der Jugendlichen bundesweit eine eigene Plattensammlung und der Anteil jugendlicher Schallplattenkäufer betrug Schätzungen zufolge vierzig bis sechzig Prozent. [91]

Auf die Frage nach dem Besitz eigener Musikgeräte gaben neun von vierzehn Zeitzeugen an, solche besessen zu haben. Neben Transistorradios war vor allem der Plattenspieler das meist favorisierte Gerät. Eine Zeitzeugin konnte sogar einen kompletten Musikschrank ihr Eigen nennen. Helga Nowak, welche das Fach "Klavier" am Konservatorium in Dortmund belegt hatte, kommt heute noch ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Musikschrank spricht:
"Da ich sehr gern zuhause klassische Musik hörte, Klavierkonzerte und Singspiele wie z. B. die Rhapsodie von Fr. Liszt, bekam ich 1957 einen Musikschrank. Das Gehäuse war aus Nussbaum und das technische Innenleben bestand aus einem Telefunken-Radio, einem Dual-Laufwerk und einem 10-Platten-Wechsler."

Schallplatten wurden nur selten gekauft. Eine Schallplatte pro Monate war für die meisten schon Luxus. Erstaunlicherweise gaben fünf von den vierzehn nach ihrem Musikgeschmack befragten Zeitzeugen an, dass sich der ihre nicht von dem der Eltern unterschieden hätte. Die Palette reichte von populären deutschen Schlagern über Marsch-und Operettenmusik bis hin zur klassischen Musik.

Bei Heinz Linkamp war das nicht so. Indem er seine damaligen Lieblingsinterpreten aufführt, grenzt er sich musikalisch von der Elterngeneration ab:
"In den 50er Jahren besaß ich keine eigenen Musikgeräte. Ich habe mir auch nur wenig selbst Schallplatten gekauft. Meine Favoriten waren damals Peter Kraus, Freddy Quinn und Conny Froboess. Man kann schon sagen, dass sich mein Musikgeschmack von dem meiner Eltern unterschied."

Musikalisch mit den Eltern im selben Boot saß Bernhard Goßmann:
"Zuhause hörte ich Musik vom Schallplattenapparat. Der gehörte meinen Eltern. Um Schallplattenkäufe brauchte ich mich nicht kümmern. Das hat die Mutter gemacht, denn meine Eltern und ich hatten denselben Musikgeschmack."

Ein Musikinstrument lernten in den 50er Jahren die wenigsten Jugendlichen. Danach befragt gaben allerdings drei Zeitzeugen an, ein Instrument gespielt zu haben.

Dr. Eugen Drewermann griff bei den Pfadfindern schon mal zur Gitarre:
"Ich hatte Gitarrespielen gelernt, so dass man Lieder damit begleiten konnte; für die Pfadfinder. Aber viel mehr ist dabei auch nicht herumgekommen. Nur so das Übliche, ein paar Akkorde. Das gehört mit zur Bergkamener Kulturgeschichte. Ich glaube nicht, dass Sie irgendjemanden finden werden, der ein Musikinstrument gelernt hätte. Es passte da nicht hin. Schifferklavier, Mundharmonika, das waren Geräte mit denen man musizierte. Aber nicht Klavier und Geige. Unterhaltungsmusik, wenn man die herstellte, war das sehr schön. Ansonsten war die Musik für mich ein Erlebnis in dieser Zeit. Gleich nach dem Krieg, es gab keinen Strom, man saß also abends herum in den Dämmerstunden und dann wurde gesungen, Volkslieder und solche Dinge, wunderschön.
 
 
 
Ein Klavier war eine Vision. Wenn überhaupt, nur für Mittelstandsbürger und die obere Schicht. Noch nicht mal unser Hausarzt hatte, glaube ich, ein Klavier. Ich muss noch ergänzen, Blockflöte, das gab es natürlich auch. Im dritten Schuljahr wurde empfohlen, Blockflöte zu lernen."

Entgegen den Aussagen von Dr. Drewermann gab es in Bergkamen sehr wohl junge Menschen welche, obwohl aus dem Arbeitermilieu stammend, Klavierspielen oder andere Musikinstrumente gelernt hatten. Sie müssen jedoch als Ausnahmen betrachtet werden.

Da das Klavier im Elternhaus des landwirtschaftlichen Betriebes vorhanden war, erlernte eine Zeitzeugin, Jahrgang 1939, beruflich als Zahnarzthelferin tätig, das Klavierspielen:
"(...) Ich habe sowohl das Klavierspielen (Klavier im Elternhaus) als auch das Flötespielen erlernt und damit viel Freizeit verbracht, d.h. täglich eine Stunde."

Helga Nowak, Jahrgang 1940, welche ohne Vater nur mit der kriegsversehrten Mutter bei den Großeltern aufwuchs, lernte schon als Kind Akkordeonspielen und hatte bereits mit elf Jahren ein eigenes Klavier. Mit sechzehn Jahren und einigen Semestern Klavierunterricht am Konservatorium in Dortmund begleitete sie auf dem Harmonium die Gottesdienste der St. Michael Gemeinde in Weddinghofen.
 
 

6.4. Literatur

Einer Anfang der 50er Jahre durchgeführten Erhebung nach, bei welcher 18- bis 25jährige nach ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung befragt wurden, brachte das Ergebnis, dass Lesen, sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen, an erster Stelle stand. Den Aussagen der Jugendlichen zufolge handelte es sich bei der Art der Lektüre oft um zufällig greifbare Romanschmöker. [92] Ebenso wie die Erwachsenen besorgten sich die Jugendlichen die Trivialromane aus dem gewerblichen Leihbuchhandel oder den öffentlichen Büchereien. Bei den Buchklubs, in denen anspruchsvolle populäre Literatur vertrieben wurde, machten die Jugendlichen allerdings ein Viertel der Mitglieder aus. Es gab geschlechtsspezifisch bevorzugte Themen. Während die Jungen Abenteuer- und Kriminalromane favorisierten, hielten sich die weiblichen Jugendlichen eher an illusionäre Unterhaltung und Bücher über Liebesprobleme. [93] Die Jugendlichen mit Volksschulbildung lasen dabei weniger gern als Schüler und Berufstätige mit gehobener Schulbildung. [94] Während ein Drittel der Jugendlichen häufig Bücher las, war der Anteil an Zeitungslesern unter ihnen weitaus höher. [95]
 
 
 
Daher wäre es irreführend anzunehmen, dass unter dem Lesen ausschließlich das Lesen von Büchern gemeint ist. Wie bei der Bevölkerung insgesamt sind hier Zeitungen, Illustrierte und andere Druckerzeugnisse einzubeziehen. Beliebt waren, speziell im Arbeitermilieu, die Comics, bunte Heftchen, in denen die Geschichten per Zeichnungen und Sprechblasen erzählt wurden. Sie kosteten nur wenige Groschen und waren im Fortsetzungsstil gehalten. Angesichts der physischen und psychischen Abgespanntheit nach der Berufsarbeit hatten diese eine größere Bedeutung für die Lesepraxis als Bücher. [96]

Die bundesweiten Ausführungen der Jugendforschung zur Freizeitbeschäftigung Lesen treffen in ihrer Darstellung nur teilweise auf die Bergkamener Jugendlichen in den 50er Jahren zu. Hinsichtlich des Stellenwertes ergibt sich eine Übereinstimmung, da fast ohne Ausnahme, das Lesen bei den Zeitzeugen in ihrer Freizeit absolute Priorität hatte. Dieses gilt für Jungen wie für Mädchen gleichermaßen. Obwohl die Mehrzahl der damaligen Bergkamener Jugendlichen ihre Schulzeit mit der 8. Klasse Volksschule beendet hatte, war sie in der Auswahl ihrer Lektüre, gemessen an ihrem sozialen Hintergrund, anspruchsvoll.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede zeigen sich in der Themenauswahl der Bücher. Die männlichen Jugendlichen gaben als Mehrfachnennung die Bücher von Karl May an, sowie Geschichts-, Kriminal-, Abenteuer- und Wildwestromane. Auch die damals beliebten Comics wie Sigurd, Prinz Eisenherz, Akim, Tarzan, Nick Knatterton und Tarzan werden ausschließlich von Jungen aufgeführt. Das Interesse der Mädchen lag bei den Liebes- und Geschichtsromanen.

Die Beschaffung der Bücher erfolgte größtenteils durch Ausleihe von Freunden, aber auch durch Selbstkauf, teilweise von Buchclubs. Zudem war ein Geschenk, welches garantiert gut ankam, allemal ein Buch. Die öffentliche Gemeindebibliothek wurde ebenfalls frequentiert, weniger dagegen die Schulbibliotheken.

Im Bereich der Zeitungen und Illustrierten nimmt das Landwirtschaftliche Wochenblatt durch Mehrfachnennung den ersten Platz ein, gefolgt von Tageszeitungen, Kirchenblättern und Zeitschriften.

Die Zeit, welche die Jugendlichen mit Lesen verbrachten, wird mit einer Stunde täglich bis "die ganze Nacht durch", wenn das Buch spannend war, angegeben. Oft wird bedauert, dass nicht mehr Zeit zum Lesen vorhanden war.

Exemplarisch für die männlichen Jugendlichen steht der Bericht von Helmut Wissmann, Jahrgang 1941 und Klempner:
"Als erstes wurden von mir Comics wie z. B. Tom & Jerry, Tarzan, Eisenherz u.ä. gelesen. Danach begeisterten mich jede Art von Wildwest-Romane, später dann die Romane von Karl May, sowie Abenteuerromane. Bücher über Sport und Natur und alle Literatur, welche das Thema Brieftauben behandelte. Einer meiner Lieblingsautoren war C.C. Bergius. Die Bücher entlieh ich mir entweder aus der Bücherei oder von Freunden. Beliebt war auch das gegenseitige Austauschen von Literatur. Auf Bücher aus der eigenen Familie konnte ebenfalls zurückgegriffen werden. Aus finanziellen Gründen konnte ich jedoch nur selten ein Buch durch Eigenkauf erwerben. Im Sommer und bei schönem Wetter wurde weniger gelesen, dafür im Winter, wenn das Wetter schlecht war, umso öfter. Ich würde annehmen, es war im Durchschnitt pro Tag eine Stunde, welche ich mit Lesen verbrachte."

Eine feste Konstante seines Arbeitstages war für Herbert Vehring, Bergmann und Jahrgang 1937, das tägliche Lesen:
"Ich las die Tageszeitung, welche meine Eltern im Abonnement bezogen und Informationszeitschriften wie z. B. "Die Neue Welt". Außerdem Radio- und Fernsehzeitungen. An Büchern war ich vor allem an denen von Karl May interessiert, sowie Wildwest-, Abenteuer- und Geschichtsbücher. Diese lieh ich mir entweder aus der Schulbibliothek oder besorgte sie mir von Freunden und Bekannten. Im Elternhaus waren die alten Lesebücher meines Großvaters vorhanden, welche ich mit Begeisterung gelesen habe. Lesen hatte für mich einen hohen Stellenwert. Egal, wie mein Arbeitstag verlaufen war, eine Stunde täglich verbrachte ich mit Lesen."

Auch für den Bergmann Bernhard Goßmann, Jahrgang 1938, war Bücherlesen ein Teil seiner Freizeit:
"Lesen war für mich sehr wichtig. Ich las fast täglich ungefähr eine Stunde. Meine Bücher kaufte ich mir selber. Ausleihen von Freunden oder aus Bibliotheken war nicht mein Ding. Ebenso wenig tauschte ich Bücher mit anderen. Meine bevorzugten Schriftsteller waren Karl May und dessen Romane, sowie Wildwest- und Kriminalliteratur. Comics habe ich nie gelesen. Meine Eltern hielten die Tageszeitung "Hellweger Anzeiger". Diesen nahm ich nur deshalb zur Hand, um die gängigen Sportnachrichten zu erfahren. Die politischen Seiten und die Lokalnachrichten haben mich nicht interessiert."

Einem Buchclub gehörte Erika Schertel, Industriekauffrau, Jahrgang 1941, an:
"Das Lesen nahm bei mir einen hohen Stellenwert ein. Besonders im Winter und im Urlaub habe ich damit viel Zeit verbracht. Als Literatur bevorzugte ich Bücher. Mein absoluter Lieblingsschriftsteller war John Knittel. Meine Lieblingsbücher waren: Via Mala, Der Commandant, Terra Magna, Abd-el-Kader. Therese Etienne (u.v.m.). Meine Bücher bezog ich aufgrund meiner Mitgliedschaft von einem Buchclub (Büchergilde Gutenberg). Ich las weder Comics noch Zeitschriften."

Ein Fan russischer Literatur war Helga Böinghoff, landwirtschaftl. Hauswirtschafterin, Jahrgang 1940:
"Das Lesen nahm bei mir einen hohen Stellenwert ein. Schon kurz nach der Währungsreform äußerte ich als kleines Mädchen Bücherwünsche zum Geburtstag und zu Weihnachten. Waren es zuerst noch Sagen- und Mädchenbücher, so kamen später themenmäßig dem Alter angepasst Bücher mit historischem Hintergrund, wie z. B. "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn, "Die Ahnen" von Gustav Freitag, "Die Barrings" von Simpson, "Vom Winde verweht" von M. Mitchell und "Desiree" von Annemarie Selinko als meine Favoriten hinzu. Anfang der 50er Jahre hat mich ein Buch besonders fasziniert, es war "Götter, Gräber und Gelehrte" von Ceram. Ferne Welten und Kulturen taten sich vor mir auf und es war spannend mitzuverfolgen, wie sie entdeckt wurden. Die Bücher bezog ich über einen Buchclub, in welchem ich lange Jahre Mitglied war oder bekam sie als Geschenk zum Geburtstag oder Weihnachten. Natürlich las ich als junges Mädchen auch modebezogene Frauenzeitschriften, denn man wollte ja up-to-date sein.

Mit Lesen verbrachte ich ca. vier Stunden in der Woche. Ich erinnere mich noch an eine Radiosendung aus dieser Zeit, in welcher an zwei Abenden in der Woche aus neu erschienenen Bücher vorgelesen wurde, allerdings erst nach 22.00 Uhr. Unvergesslich bleiben mir die Abende an denen aus Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" vorgelesen wurde. Es war so spannend zum ersten Mal etwas aus einem Land hinter dem eisernen Vorhang zu hören. Danach habe ich eine Zeitlang alles gelesen, was an russischer Literatur auf dem Markt war. Tolstois bekannte Romane. "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden", gefielen mir dabei am besten."

Dr. Drewermann führt in seinem Buch "Was ich denke" [97] einige Literatur auf, welche für ihn sowohl in seiner Kindheit als auch in der Jugend wichtig war:
"Ich habe mit zehn Jahren schon Felix Dahns "Ein Kampf um Rom" gelesen - mit Begeisterung! Mir imponierte der dunkle Gotenkönig Teja bei seinem letzten Gefecht an den Hängen des Vesuvs. (...) Lederstrumpf, der letzte Mohikaner, die Heldentaten Old Shatterhands alias Kara ben Nemsis und andere Heroen des literarischen Entertainments waren lange Jahre meine Freunde und Idole. Und nicht zuletzt: die Helden von Troja, Schwabs "Sagen des klassischen Altertums" und dann noch die deutschen Heldensagen: Wieland der Schmied, Dietrich von Bern, der unglückliche Wittigis, Siegfried und Kriemhild, Hagen von Tronje (...).

Bestimmt gibt es Hunderttausende von Leuten, die sich noch daran erinnern können, wie sie als Jugendliche C. W. Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" gelesen haben. Das Buch war seit seinem Erscheinen 1949 ein absoluter Bestseller, ein archäologischer Roman, also das erste Beispiel eines glänzend geschriebenen Sachbuches.

Die fünfziger Jahre gehörten den Taschenbüchern - Rowohlt zu 1,90 DM, Fischer zu 2,20 DM, ein Reclam-Heft für 0,60 DM, das waren die Recheneinheiten meines Taschengeldes; und so geriet ich unausweichlich an folgendes Taschenbuch: Albert Schweitzers "Aus meinem Leben und Denken." Dieses schmale Bändchen wurde zu meinem geistigen Leitstern.

Später kamen die Werke der Autoren Friedrich Heer, Carl Amery, Heinrich Böll und Reinhold Schneider hinzu. W. Borcherts "Manifest" war sogar Lektüre des Deutschunterrichts. Die große geistige Strömung der Nachkriegszeit war der Existentialismus (...). Als "Vater" des Existentialismus wurde stets Sören Kierkegaard genannt. Seine Werke aufzutreiben, wurde irgendwann zur Pflicht: Der Begriff Angst, Die Krankheit zum Tode, Furcht und Zittern, hier fand ich alles, was ich suchte.(...)

Und nicht zu zuletzt Dostojewski ! Es gab und gibt keinen Dichter, durch den ich mich tiefer verstanden gefühlt hätte und fühlen können. (...)"
 
 
 
 

7. Resümee

 
 
 
Bergkamen in den 50er Jahren, eine Bergarbeitergemeinde. Diese kurze Bezeichnung bringt Assoziationen zum Arbeitermilieu, wenig Interesse für Bildung und Kultur sowie eine Tristesse des Berufsalltages, der seinen Höhepunkt nur im Feierabend hat, an dem man seine Ruhe haben will, hervor.

Verfolgt man außerdem das momentane mediale Revival der Fünfziger Jahre, in welchem die Ausbruchsversuche der Halbstarken, ihre Symbolik und ihr Machogehabe in geradezu reißerischer Art und Weise behandelt werden, so ordnet man diese Gruppe unweigerlich den Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu zu. Dass die Jugendforschung aber auch eine angepasste und aufstiegsorientierte, an Bildung und Kultur interessierte Generation aufzeigt, wird der breiten Öffentlichkeit weitestgehend vorenthalten. Krawalle und Radau sehen und lesen sich eben spektakulärer, auch wenn es sich bei den Halbstarken nur um Randphänomene handelte. Das Arbeitermilieu als Nährboden dieser Gruppierung, das ist in Folge dessen eine logische Konsequenz. Zugeschnitten auf Bergkamen bedeutet dieses, dass die Annahme nur zu verständlich ist, die Jugendlichen der Fünfziger Jahre seien hier äußerst empfänglich gewesen für halbstarke Elemente und hätten über dumpfe Freizeitbetätigungen, wie das Herumlungern an den Straßenecken, den abendlichen Kneipenbesuch, oder vielleicht auch mal ein Fußballspiel am Sonntag, wenig Interesse für weitergehende Aktivitäten gehabt.

Kulturelles und politisches Interesse seien bildungsspezifisch zu sehen, sagt die Jugendforschung und zieht klare Abgrenzungen zwischen der Arbeiterjugend und der Mittelschicht. Arbeit sei für die Heranwachsenden nur ein notwendiges Übel zum Geldverdienen gewesen und die Landwirtschaft ein unbeliebtes Berufsziel. Auf der anderen Seite wird den Jugendlichen aber auch ein Nachholbedürfnis an beruflicher Weiterbildung zugestanden. Dass die damaligen Jugendlichen ein wesentlich geringeres Pensum an Freizeit hatten als angenommen, darüber sind sich viele ansonsten kritische Jugendforscher einig. Freizeitaktivitäten auf sportlicher Ebene, oft vereinsgebunden, werden ebenfalls eingeräumt. Was jedoch das politische Interesse anbelangt, da fallen Begriffe wie "Friedhofsruhe" und "kein Platz für Politik". Gesteht man dem damaligen Arbeiterjugendlichen in Bezug auf Freizeitaktivitäten neben dem Sport noch den Kinobesuch oder die Teilnahme an Tanzveranstaltungen zu, so sieht man ihn jedoch nicht als begeistert vom Theater und politisch interessiert. Auch in den Lesegewohnheiten werden den Jugendlichen je nach Bildung unterschiedliche Interessen nachgesagt, d. h. der Arbeiterjugendliche liest Trivialschmöker und/oder Comics und der Jugendliche aus der Mittelschicht mit höherer Schulbildung die anspruchsvolle Literatur. Diese Aussagen sind nur ein Teil aus der Palette der Jugendforschung.

Inwieweit treffen diese Statements auf die Jugendlichen der 50er Jahre in Bergkamen zu? Antworten darauf haben mir meine Forschungen gebracht und es ist erstaunlich, dass sich gerade hier in dem Arbeitermilieu einer Bergarbeitergemeinde eine Jugend entwickelt hatte, die vielen Aussagen der bundesweiten Jugendforschung widersprach. Die Jugendlichen identifizierten sich mit ihrer Arbeit und haben auch verschärfte Arbeitsumfeldbedingungen mit der Einstellung "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" und "Es geht immer bergauf!" ohne Ressentiments gemeistert. Ob im Bergbau, Handwerk, Handel oder auch in der Landwirtschaft, welche im Raum Bergkamen noch stark vertreten war, in allen Berufen standen die Jugendlichen ihren "Mann". Diese jungen Menschen, die weitaus mehr in einem von Bomben zerstörtem Umfeld leben mussten, als beispielsweise ihre Altersgenossen jenseits der Lippe im Münsterland, zeichneten sich durch ihr hohes Engagement im Vereinswesen und ihren gelebten Aktivismus auf politischer Ebene aus. Vereinszugehörigkeit war bei den Bergkamener Jugendlichen in höherem Maße zu verzeichnen, als es die bundesweiten Statistiken belegten. Ein absolutes Novum in der damaligen Zeit stellte das Bergkamener Jugendparlament dar. Hier wurde in ernsthafter Art "Politik" betrieben. So engagiert, dass die "realen" Gemeinderatsmitglieder hieraus Nutzen ziehen konnten. Auch kulturell war diese Jugend alles andere als unterentwickelt. Bezüglich ihrer Literaturauswahl war sie größtenteils anspruchsvoll, Theater und Musik gehörten ebenfalls in ihr Freizeitrepertoire, und nicht wenige von ihnen beherrschten virtuos ein Musikinstrument, von Blockflöte über Gitarre bis hin zum Klavier. Dabei waren die Jugendlichen in der Mehrzahl eine angepasste und den Wertvorstellungen ihrer Eltern behaftete Generation. Halbstarke Erscheinungen waren bei den von mir befragten Jugendlichen nicht zu finden und wurden sogar vehement abgelehnt. Man gab sich adrett und höflich. Davon zeugt unter anderem auch die Tatsache, dass fast alle Jugendlichen den Besuch einer Tanzschule als notwendig erachteten, um gesellschaftsfähig zu sein. Bei allem hatten sie eine durchaus optimistische Lebenseinstellung. Dieser Aspekt kommt unterschwellig in den Zeitzeugenberichten immer wieder zum Tragen. Es nimmt daher nicht Wunder, dass aus diesen Jugendlichen so lebenstüchtige Menschen, die es zu "etwas gebracht haben" geworden sind, wie ich sie jetzt kennen gelernt habe.

Diese Jugend straft alle Vorurteile gegenüber Bergbau und Arbeitermilieu Lügen und grenzt sich positiv in vielen Bereichen von dem Klischee der "aufmüpfigen" Jugend der Fünfziger Jahre ab.
 
 
 
 

8. Literatur

 
 
 
Bartram, Christine / Krüger, Heinz Hermann
Vom Backfisch zum Teenager. Mädchensozialisation in den 50er Jahren, Mädchenleitbilder in den 50er Jahren, in: Krüger, Heinz-Hermann (Hg), Die Elvis-Tolle, die hatte ich mir unauffällig wachsen lassen. Lebensgeschichte und jugendliche Alltagskultur in den fünfziger Jahren, Opladen 1985, 84-102.

Bergkamen, Stadt (Hrsg.)
Bergkamen gestern & heute
Wünsche werden Wirklichkeit, Heft 21, Bergkamen 2006
Die gute Laune ließen wir uns nicht nehmen, Heft 20, Bergkamen 2005.

Bundeszentrale für politische Bildung, Gesellschaftliche Entwicklung, Axel Schildt, Jugend
und Erziehung, Heft 256, URL: http://www. bpb.de/publikationen/A059JA,6,0,Gesellschaftliche Entwicklung.html, (Zugriff 12.06.2009).

Funke, Heinz
(Hrsg. Kirchengemeinde St. Elisabeth Bergkamen), 100 Jahre St. Elisabeth Bergkamen 1903-2003, Paderborn 2003.

Köster, Markus
Jugend, Wohlfahrtsstaat und Gesellschaft im Wandel. Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Paderborn 1999.

Krüger, Heinz-Hermann
Einleitung. Die Jugend der 50er Jahre - angepasst und homogen?, Exis habe ich keine gesehen - Auf der Suche nach einer jugendlichen Gegenkultur in den 50er Jahren, in: Krüger, Heinz-Hermann (Hrsg.), Die Elvis-Tolle, die hatte ich mir unauffällig wachsen lassen. Lebensgeschichte und jugendliche Alltagskultur in den fünfziger Jahren, Opladen 1985, S. 7-19.

Lucas, Otto
Kreisatlas Unna 1957.

Pelkum, Amt (Hrsg.)
Amt Pelkum, Verwaltungsbericht 1959-1963, Pelkum 1964.

Schelsky, Helmut (Hrsg.)
Arbeitslosigkeit und Berufsnot der Jugend, Köln 1972.

Schildt, Axel
Moderne Zeiten, Hamburg 1995.

Schlicht, Udo
Von der skeptischen Generation bis zur Protestjugend, Jugendbewusstsein im Wandel von 1945-1981, Berlin 1982.

Schmidt, Norbert
Unsere Kindheit und Jugend in den 50er Jahren, Damals waren wir noch jung, Wartberg Verlag 2003.

Wannöfel, Manfred
Auf politischem Gebiet kriegen Sie keine guten Antworten von mir, Wissen Sie zum Beispiel noch, wer Karl Marx war? - die Grenzen zeitgenössischer Umfrageergebnisse, in: Krüger, Heinz-Hermann (Hrsg.), Die Elvis-Tolle, die hatte ich mir unauffällig wachsen lassen. Lebensgeschichte und jugendliche Alltagskultur in den fünfziger Jahren, Opladen 1985, S. 20-42.

Wensierski, Hans-Jürgen
Die anderen nannten uns Halbstarke. Jugendsubkultur in den 50er Jahren, Von Kinderbanden zu Clubs - Zur Entwicklung des subkulturellen Stils der Halbstarken, in: Krüger, Heinz-Hermann (Hg), Die Elvis-Tolle, die hatte ich mir unauffällig wachsen lassen. Lebensgeschichte und jugendliche Alltagskultur in den fünfziger Jahren, Opladen 1985, S. 103-128.
 
 

 



Anmerkungen

[1] Schildt, Axel, Gesellschaftliche Entwicklung, Jugend und Erziehung, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 256, URL: http://www.bpb.de/publikationen, Internet-Ausdruck (Zugriff 12.06.2009, 16.23 h).
[2] Krüger, Heinz-Hermann, Einleitung. Die Jugend der 50er Jahre - angepasst und homogen?, in: Krüger, Heinz-Hermann (Hrsg.), Die Elvis-Tolle, die hatte ich mir unauffällig wachsen lassen. Lebensgeschichte und jugendliche Alltagskultur in den fünfziger Jahren, Opladen 1985, S. 8.
[3] Schildt, Axel, Moderne Zeiten, Hamburg 1995, S. 163.
[4] Köster, Markus, Jugend, Wohlfahrtsstaat und Gesellschaft im Wandel, Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Paderborn 1999, S. 396.
[5] Krüger, Einleitung, Jugend 50er Jahre, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 9.
[6] Der Zeitzeugenkreis Bergkamen ist eine Gemeinschaftsveranstaltung von Stadtmuseum und Volkshochschule. Zu einem jährlich wechselnden Thema berichten die Mitglieder in schriftlicher Form aus der Vergangenheit. Diese Berichte werden in einem Heft "Bergkamen gestern & heute" ein Mal im Jahr zusammengefasst und publiziert.
[7] Heinz Kramer, 1932-2008, war gelernter Schuster und Kaufmann, Bergkamener Urgestein und langjähriges Mitglied des Zeitzeugenkreises Bergkamen.
[8] Stadtbildung Bergkamens: 14.06.1966.
[9] Hellweg, seit dem Mittelalter wichtige Ost-West-Handels- und Reiseroute durch Deutschland, weitere Bezeichnung des Hellwegs auch "Salzstrasse". Entlang des Hellwegs entstanden Städte und trugen zum Wachstum der Region bei.
[10] Grimberg, benannt nach dem Zechengründer Heinrich Grimberg aus Bochum und Friedrich Grillo aus Essen. Diese hatten 1873 die Gewerkschaft Monopol gegründet und in Kamen im selben Jahr mit der Abtäufung der Schachtanlage Monopol I begonnen. 1892 erwarb die Gelsenkirchener Bergwerks-AG die Aktienmehrheit.
[11] Funke, Heinz, Hrsg. St. Elisabeth Kirchengemeinde Bergkamen, 100 Jahre St. Elisabeth Bergkamen 1903-2003, S. 85, 87f.
[12] Amt Pelkum Verwaltungsbericht 1959-1963, Hrsg. Amt Pelkum, Pelkum 1964, S. 26.
[13] TuRa: Turn- und Rasensport.
[14] Amt Pelkum: gemäß Landgemeindeordnung für die Provinz Westfalen per 31.10. 1841 wurden mehrere Landgemeinden zu einem Amt zusammengefasst. Für das Amt Pelkum waren dieses 16 Gemeinden.
[15] Verwaltungsbericht Amt Pelkum 1959-1963, S. 110.
[16] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 158.
[17] Amt Pelkum Verwaltungsbericht 1959-1963, S. 60, 63.
[18] Schildt, Axel, Gesellschaftliche Entwicklung, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 256.
[19] Schildt, Gesellschaftliche Entwicklung, Heft 256.
[20] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 155.
[21] Wensierski, Hans-Jürgen, Die anderen nannten und Halbstarke - Jugend und Subkultur in den 50er Jahren. Von Kinderbanden zu Clubs - Zur Entwicklung des subkulturellen Stils der Halbstarken, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 118
[22] Schildt, Gesellschaftliche Entwicklung, Heft 256.
[23] Köster, Jugend, 1999, S. 404.
[24] Köster, Jugend, 1999, S. 404.
[25] Köster, Jugend, 1999, S. 404.
[26] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 157.
[27] Lucas, Dr., Otto, Kreisatlas Unna, 1957.
[28] eigentlich Hans Henning Claer, 1931-2008, Bergmann und Schriftsteller aus Bergkamen.
[29] Deutscher Sexfilm, 1972, mit vorgeblich sozial-kritischem, proletarischen Touch, Handlungsort ist Bergkamen.
[30] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 172f.
[31] Köster, Jugend, 1999, S. 410.
[32] Krüger, Einleitung, Jugend 50er Jahre, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 9.
[33] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 156.
[34] Schelsky, Helmut (Hrsg.), Arbeitslosigkeit und Berufsnot der Jugend, Köln 1972, S. 249.
[35] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 156.
[36] Bartram, Christine/Krüger, Heinz-Hermann, Vom Backfisch zum Teenager - Mädchensozialisation in den 50er Jahren, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 91.
[37] Helga Böinghoff in: Bergkamen gestern & heute, Wünsche werden Wirklichkeit, Heft 21, Stadt Bergkamen Hrsg., Bergkamen 2006, S. 43.
[38] Köster, Jugend, 1999, S. 407.
[39] Bartram/Krüger, Vom Backfisch zum Teenager, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 99.
[40] Bartram/Krüger, Vom Backfisch zum Teenager, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 101.
[41] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 158 f.
[42] Köster, Jugend, 1999, S. 409.
[43] Ackerbürgerstädtchen an der Nordgrenze Bergkamens. Grenze zwischen diesen beiden Orten ist der Fluss Lippe.
[44] Entstanden durch Bergsenkungen aufgrund des unterirdischen Kohleabbaues. See wird gespeist vom Bach Bever und ist Naturschutzgebiet.
[45] Köster, Jugend, 1999, S. 407, 408.
[46] Amt Pelkum, Verwaltungsbericht 1959-1963, S. 140.
[47] Schmidt, Norbert, Unsere Kindheit und Jugend in den 50er Jahren, Damals spielten wir noch draußen, Gudensberg-Gleichen 2003, S. 36.
[48] Köster, Jugend, 1999, S. 490 f.
[49] Schildt, Moderne Zeiten, 1995, S. 171.
[50] Heinz Kramer in: Bergkamen gestern & heute, Heft 20, 2005, S. 19.
[51] Wannöfel, Manfred, Auf politischem Gebiet kriegen Sie keine guten Antworten von mir, Wissen Sie zum Beispiel noch, wer Karl Marx war? - die Grenzen zeitgenössischer Umfrageergebnisse, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 27.
[52] 1908-1991, deutscher Politiker der SPD, Amtsdirektor des Amtes Pelkum, 1969-1973 erster Stadtdirektor von Bergkamen.
[53] Artikel vom 19.10.1961 im WAK, Westfälischer Anzeiger und Kurier.
[54] Sozialistische Jugend Deutschlands, SJD, hervorgegangen aus Zusammenschluss von Kinder- und Jugendverbänden der sozialistischen Arbeiterbewegung.
[55] Teilten sich in Bergkamen auf in interkonfessionlllen DPV, Deutscher Pfadfinderverband, und der katholischen DPSG, Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg
[56] Christlicher Verein Junger Männer, 1883 in Berlin gegründet, überkonfessionelle, christlich geprägte Jugendorganisation, Vorreiter waren die Jünglingsvereine.
[57] Kolpingfamilie (Int. kath. Sozialverband mit Sitz in Köln) (Bis 1957 war für die Bergkamener Kolpingbrüder die Kolpingfamilie Kamen zuständig. Einer der Gründungsmitglieder der Kolpingfamilie Bergkamen war Heinz Kramer.)
[58] Bergkamen gestern & heute, Heft 21, Wünsche werden Wirklichkeit, Stadt Bergkamen (Hrsg.), Bergkamen 2006, S. 24f.
[59] Schildt, Moderne Zeiten, S. 147.
[60] Schildt, Moderne Zeiten, S. 148.
[61] Bergkamen gestern & heute, Heft 21, S. 9.
[62] Krüger, Einleitung, Jugend 50er Jahre, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 9.
[63] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 120.
[64] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 121.
[65] Köster, Jugend, S. 416.
[66] Köster, Jugend, S. 192.
[67] Köster, Jugend, S. 415.
[68] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 104.
[69] WAZ (Westd. Allgem. Zeitung), Verlagssitz Bochum.
[70] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 105.
[71] WR (Westf. Rundschau), Verlagssitz Dortmund.
[72] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 105.
[73] Aussage der Filmgesellschaft Columbia hierfür: "Wir sind Kaufleute!", Krüger, Elvis-Tolle, S. 107.
[74] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 106 + 107.
[75] ZEIT, Verlagssitz Hamburg.
[76] FAZ, Verlagssitz Frankfurt.
[77] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 107.
[78] Andreas Razumovsky (1929-2002), Journalist bei der FAZ ab 1957.
[79] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 108.
[80] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 108.
[81] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 109.
[82] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 109.
[83] Paracelsus (lat. für Hohenheim), Schweizer Arzt, Alchemist, Mystiker und Philosoph (1493-1541).
[84] Wensierski, Jugendsubkultur, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 109.
[85] Krüger, Heinz-Hermann, Exis habe ich keine gesehen - Auf der Suche nach einer jugendlichen Gegenkultur in den 50er Jahren, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 129.
[86] Krüger, Exis, in: Krüger, Elvis-Tolle, S. 144.
[87] Am 01.04.51 wurde die VHS (Volkshochschule) in Bergkamen konstituiert.
[88] Köster, Jugend, S. 142f.
[89] Köster, Jugend, S. 409.
[90] zitiert nach: Schmidt, Norbert, Unsere Kindheit und Jugend, 2003, S. 50.
[91] Köster, Jugend, S. 410.
[92] Schildt, Moderne Zeiten, S. 163/164.
[93] Schildt, Moderne Zeiten, S. 168.
[94] Schildt, Moderne Zeiten, S. 166.
[95] Schildt, Moderne Zeiten, S. 168.
[96] Schildt, Moderne Zeiten, S. 167/168.
[97] Drewermann, Dr., Eugen, Hrsg. Prof. Dr. Horst Herrmann, Was ich denke, München 1994, S. 7, 8, 26, 27, 42, 47, 48, 54.