Zeitabschnitte > 1933-1939





 

1. Massenloyalität und Terror als Grundlagen
der NS-Herrschaft

 
 
 
Die preußische Provinz Westfalen war für die NSDAP kein leichtes Pflaster. Bei den letzten, noch halbwegs freien Wahlen zum Reichstag am 05.03.1933 etwa bekam diese durch die Weltwirtschaftskrise hoch gespülte erste Volkspartei Deutschlands in den Wahlkreisen Westfalen-Nord und Westfalen-Süd nur 34,9 % bzw. 33,8 % der abgegebenen Stimmen. Sie lag damit deutlich unter dem Reichsdurchschnitt von 43,9 %. Als besonders problematisch, weil dem Industriearbeiter- bzw. dem konfessionellen Milieu noch stark verhaftet, erwiesen sich dabei vor allem das Ruhrgebiet sowie die ländlich-katholischen Gegenden des Münsterlandes, des Paderborner Landes und des katholischen Sauerlandes. Dagegen konnte die NSDAP in den ländlich-protestantischen Regionen Ostwestfalens und des Siegerlandes beachtliche, teilweise über dem Reichsdurchschnitt liegende Ergebnisse erzielen.

Diese Zahlen deuten folgendes an: Zu einem harten Kern von rund 41.000 NSDAP-Mitgliedern in den beiden Parteigauen Westfalen-Nord und -Süd (Stand 30.01.1933) gesellte sich im Frühjahr 1933 ein tendenziell sehr stark wachsendes Heer von Loyalen. Nicht zu übersehen ist aber auch eine große Anzahl von Menschen, die sich vorerst noch abwartend verhielten, die teilweise von der politisch vorherrschenden Meinung abwichen oder das neue System ablehnten.

Diese Konstellation bedingte besonders auch für Westfalen eine zwiespältige, reichsweit festzustellende Politik: Der größte Teil der Bevölkerung bekam eine demagogisch geschickte, Ressentiments, Ängste und Sehnsüchte, vor allem aber die verbreitete "Führererwartung" glaubwürdig aufgreifende Palette von Integrationsangeboten. Zusammen mit einer Kette innen- und außenpolitischer "Erfolge" entfaltete sie bald eine mitreißende Verführungskraft.

Der bis 1941 klein werdende Rest an teilweise unzufriedenen "Meckerern" sowie die wenigen hartnäckigen Dissidenten hatten jedoch stets die brutale Hand des Terrorstaates zu fürchten. Ihnen drohten Entrechtung, Misshandlung, KZ-Haft und Tod. In besonderer Weise galt dies auch für die gebrandmarkte Minderheit von "Juden" und sonstigen "Gemeinschaftsfremden". Gemäß den rassistisch-sozialdarwinistischen Wahnvorstellungen der NS-Ideologen sollten sie isoliert und aus dem deutschen "Volkskörper" entfernt werden.

Trotz Einschüchterung und Terror erlebte die große Mehrheit der Deutschen die Zeit bis 1939 als "gute Jahre". Die politische Zerrissenheit des Weimarer "Parteienstaates" sowie die angeblich drohende kommunistische Gefahr schienen überwunden, die wirtschaftliche Verelendung wich einem bescheidenen Wohlstand. Kaum jemand ahnte oder wollte wahr haben, dass dieser Wiederaufstieg wesentlich einer konsequenten Kriegsvorbereitung geschuldet war. Seine volle Radikalität konnte der NS-Staat erst im Krieg entfalten. Die Zeit bis Kriegsbeginn stellte daher in vielerlei Hinsicht lediglich eine "Inkubationszeit" dar.
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Das "Gauhaus" am münsterschen Aasee (heute Studentenwerk)

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Gauleiter Meyer in Parteiuniform.

Die "Gaue" als größte territoriale Untergliederungen der NSDAP stimmten mit den staatlichen Verwaltungseinheiten oftmals nicht überein. Der Gau Westfalen-Nord, an dessen Spitze Alfred Meyer von 1931-1945 mit Sitz in Münster (seit 1932) stand, umfasste außer den preußischen Regierungsbezirken Münster und Minden auch die östlich angrenzenden Zwergstaaten Lippe und Schaumburg-Lippe sowie den Landkreis Grafschaft Schaumburg in der preußischen Provinz Hannover. Der Gau Westfalen-Süd war deckungsgleich mit dem preußischen Regierungsbezirk Arnsberg.
 
 
 

2. Machteroberung und Selbstgleichschaltung
im öffentlichen Leben

 
 
 

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30.01.1933 wurde wesentlich durch ihre rechtskonservativen Regierungspartner unter Franz von Papen ermöglicht. Papens Kalkül, mithilfe der NSDAP eine konservativ-reaktionäre Politik treiben zu können, erwies sich jedoch schon bald als Illusion.
Bild- und Textmaterialien für den Schulunterricht bietet das
 Themenheft "Franz von Papen - Der 'Steigbügelhalter' Hitlers" von Klaus Neumann
 
 
Bereits die von beiden Koalitionspartnern erstrebte Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung im Frühjahr 1933 trug die unverkennbare "Handschrift" der NSDAP. Die Linksparteien wurden binnen weniger Monate durch Polizei und SA ebenso brutal zertrümmert wie Arbeitervereine, Gewerkschaften und die gesamte linke Parteipresse. Viele ihrer Funktionäre wie etwa der Bochumer SPD-Vorsitzende Heinrich König, bisweilen aber auch linke Zentrumsmitglieder wie der Dortmunder Kommunalpolitiker Otto Koch wurden von der SA geprügelt und eingekerkert. Nicht selten wurden die Opfer - so etwa der Recklinghausener KPD-Unterbezirksleiter Fritz Brenninghaus - dabei auch getötet.

Gleichzeitig galt es für die NSDAP, die Schlüsselpositionen in Staatsbehörden und Kommunen, Wirtschaftsverbänden, kulturellen Institutionen und Vereinen von profilierten Demokraten und sonstigen "Gegnern" zu "säubern". Dabei brachen sich die Macht-, Geltungs- und Versorgungsansprüche regionaler und lokaler NSDAP-Größen sowie wendiger "Konjunkturritter" ungezügelt Bahn. Die vorerst im Amt belassenen Funktionseliten legten meist eine hohe Bereitschaft zur Selbstgleichschaltung an den Tag, die auf teilweise identischen Zielen, Illusionen, Verlockungen, Opportunismus, Resignation und Angst beruhte. Häufig wollten und durften diese Amtsträger auch der NSDAP beitreten. Dadurch gelang es bis etwa 1936/37, das öffentliche Leben weitgehend "gleichzuschalten". Das Ergebnis des Machtwechsels war somit eine Verschränkung traditioneller Führungsschichten mit einer neuen Elite meist kleinbürgerlicher Quereinsteiger.
Notausgabe des Sauerländischen Volksblatts vom 14.03.1933:  "Das geht uns alle an! Oberstudienrat Koch-Dortmund von Nationalsozialisten mißhandelt"
 
 
Relativ geräuschlos und rasch ging dieser Prozess unter den jederzeit zu verabschiedenden politischen Beamten im westfälischen Oberpräsidium, in den drei Regierungspräsidien, den Polizeipräsidien und den 32 Landratsämtern der Provinz vor sich. Folglich wurde Oberpräsident Gronowski im Februar ebenso abgelöst wie in den folgenden Monaten alle drei Regierungs- und Regierungsvizepräsidenten in Arnsberg, Münster und Minden. Von den 31 bei Machtübergabe amtierenden Landräten waren Ende 1933 nur noch 14 im Amt.
 
 
Die Besetzung der Schlüsselpositionen in den Kommunen und im westfälischen Provinzialverband gestaltete sich komplizierter, obwohl die NSDAP aus den Kommunalwahlen vom 12.03.1933 gestärkt hervorgegangen war. Gelingen konnte diese "Säuberung" nur durch eine Kombination von Straßenterror der SA, Druck der NSDAP-Fraktionen in den Kommunalparlamenten und Anweisungen der Aufsichtsbehörden. Landeshauptmann Dieckmann wurde auf diese Weise ebenso wie viele andere kommunale Spitzenbeamte aus dem Amt gedrängt. Folglich war von den 6 Oberbürgermeistern westfälischer Großstädte Ende 1933 nur noch einer im Dienst. Auch die Bürgermeister kleinerer Städte konnten sich bis Ende 1933 nur etwa zur Hälfte im Amt halten.

Die Nachfolger waren in der Regel bewährte NS-Aktivisten - so etwa der neue Landeshauptmann Kolbow (1933-1945) - oder in Ausnahmefällen kooperationsbereite Konservative wie der neue, 1938 abgelöste Oberpräsident Ferdinand v. Lüninck. Unterhalb der Leitungsebene der Staats- und Kommunalbehörden herrschte jedoch meist eine ebenso weitgehende personelle Kontinuität wie in den vielen, eher unpolitischen Fachbehörden. Der größte Teil der Beamten diente nach 1933 genauso gewissenhaft wie nach 1918.
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Auf Druck der NSDAP-Führung im Kreis Meschede wurde Landrat Werra (Zentrum) im April 1933 auf Vorschlag des Arnsberger Regierungspräsidenten durch den NSDAP-Kreisleiter Dr. Ludwig Runte ersetzt - hier am 12.04.1933 anläßlich seiner Einführung in Parteiuniform (Hakenkreuz) vor dem Kreishaus in Meschede, umgeben von anderen, ebenfalls uniformierten Personen. Über ein Ministerialamt in Berlin kehrte Runte 1935 nach Westfalen zurück und löste den Arnsberger Regierungspräsidenten von Stockhausen ab.
 
 

3. Machtstrukturen des "Führerstaates"

 
 
 
Der totale Umgestaltungsanspruch des NS-Regimes bedingte in den folgenden Jahren tiefe Eingriffe in die Struktur von Staat und Gesellschaft. Eine Fülle weitgehend planloser Maßnahmen führte zur Abschaffung aller demokratischen bzw. parlamentarischen Elemente. Auf diese Weise entstand für Außenstehende die Fassade eines starken, von einem einheitlichen Willen getragenen Staates. Hinter dieser Kulisse entwickelte sich jedoch ein unübersichtliches, in ständigem Fluss befindliches Machtgemenge: Die traditionellen, oberflächlich nazifizierten Behörden der Staats- und Kommunalverwaltung arbeiteten neben und gegen eine wachsende Zahl neuartiger Massenorganisationen, Partei-Bürokratien und "führerunmittelbarer" Sonderstäbe. Dieses Ämterchaos wurde durch persönliche Machtrivalitäten der NS-Größen zusätzlich geschürt. Die Kompetenzen der klassischen Verwaltungen nahmen durch diese Entwicklung zunehmend Schaden. Den gemeinsamen Bezugspunkt all dieser Machtzentren bildete jedoch die zunehmend absolute, auf der gläubigen Hingabe der Unterführer und des Massenanhangs beruhende Herrschaft Hitlers, die sich durch gelenkte "Reichstagswahlen" und "Volksabstimmungen" wiederholt bestätigen ließ.
 
 
Wichtiger Bestandteil dieses Wildwuchses an neuen Dienststellen war die seit 1933 immer tiefer die Gesellschaft durchdringende NSDAP samt ihrer zahlreichen, bis zu einem gewissen Grad unabhängigen Unterorganisationen wie etwa SA, SS, Hitlerjugend (HJ), Deutsche Arbeitsfront (DAF) und Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV). Bedeutendste Repräsentanten dieser fast allgegenwärtigen, einem Heer von Kleinfunktionären Machtteilhabe und Aufstiegschancen gewährenden Monopolpartei waren in Westfalen die beiden Gauleiter: der ehemalige Zechenangestellte Alfred Meyer (Westfalen-Nord) und der gelernte Volksschullehrer Josef Wagner (Westfalen-Süd). Ihnen unterstanden 56 Kreisleiter und 955 Ortsgruppen- bzw. Stützpunktleiter (Stand 1935). Diese im Gegensatz zu Hitler oft unbeliebten "Hoheitsträger" samt ihrer ungezählten Zuarbeiter aus Kernpartei und Nebenorganisationen begnügten sich nicht nur mit der massenhaften Aneignung öffentlicher Posten. Sie übernahmen zusätzlich weitreichende Mobilisierungs-, Propaganda-, Kontroll-, Korrektur- und Erziehungsfunktionen gegenüber Bevölkerung und Behörden und drängten sich zunehmend in die kommunale und staatliche Aufgabenerfüllung.
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Ralf Blank über den Gauleiter von Westfalen-Süd,  Josef Wagner (im Amt von 1931-1941) - hier beim Kreistag der NSDAP in Bochum im Juni 1937 - und seinen zumindest ab 1941 für einen NS-Spitzenfunktionär ungewöhnlichen politischen Werdegang

Website des Historischen Centrum Hagen: Führerkorps der NSDAP - Ausgewählte Biografien führender Nazis im Ruhrgebiet
 
 
Weitgehend unabhängig von der Kernorganisation der NSDAP arbeitete etwa die "Deutsche Arbeitsfront" (DAF). Dieser anstelle der Gewerkschaften eingerichtete Zwangsverband der Arbeitnehmer verfügte allein im Gau Westfalen-Nord über 700.000 Mitglieder (1938). Seine weitreichenden Ansprüche auf Leistungssteigerung und Verschönerung des Arbeitslebens konnte er gegen die gestärkten Unternehmer und die staatlichen "Treuhänder der Arbeit", denen nach Aufhebung der Tarifautonomie die Ausführung und Lenkung der staatlichen Lohnpolitik in den Regionen oblag, aber nur in Teilbereichen wie etwa Berufsausbildung, Arbeitsplatz- und Freizeitgestaltung realisieren. Allein im nördlichen Westfalen wurden beim jährlichen "Leistungskampf der deutschen Betriebe" bis 1940 14 "NS-Musterbetriebe" und 155 "Gaudiplombetriebe" gekürt und "Kraft durch Freude" (KdF) organisierte bis 1939 für über 800.000 Beschäftigte preiswerte Ausflüge und Urlaube. Diese im November 1933 gegründete, sehr populäre Unterorganisation der DAF, die sich der Freizeitgestaltung der Arbeitnehmer widmete, bot darüber hinaus Betriebssport und kulturelle Veranstaltungen an. Das egalitär ausgerichtete Programm der KdF wandte sich vor allem an Arbeiter, wurde allerdings überproportional häufig von Angehörigen der Mittelschichten wahrgenommen. Hauptzweck der Aktivitäten war die Steigerung der Arbeitskraft.
 
 
 

4. Die formierte Gesellschaft und das
"braune Wirtschaftswunder"

 
 
 
Der Wirtschaftsaufschwung ab Ende 1932, die Arbeitsbeschaffungspolitik des NS-Regimes, vor allem aber die Rüstungskonjunktur führte auch in Westfalen innerhalb weniger Jahre zu Vollbeschäftigung, Facharbeitermangel und zunehmender Frauenarbeit. Zeitgleich auftretende Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln, niedrige Lohnstandards und erhöhter Arbeitsdruck wurden von den Belegschaften zwar oft kritisiert, letztlich aber toleriert. Die politisch entrechtete, weitgehend entsolidarisierte, aber ökonomisch abgesicherte und von der DAF oft profitierende Arbeiterschaft stand auch im "schwierigen" Westfalen mehrheitlich loyal zu Hitler.
 
 
 
Eigentlicher Gewinner der zunehmend dirigistischen NS-Wirtschaftspolitik aber war die Industrie, vor allem die Rüstungsindustrie. Eine zentrale Rolle für die Aufrüstung spielte, ungeachtet mancher Konflikte und Einbußen aufgrund staatlicher Vorgaben, die Schwerindustrie im Ruhrgebiet. Bei kontinuierlich steigender Produktion behauptete sie einen Anteil an der deutschen Eisen- und Stahlproduktion von über 70 %. Die im Rahmen der Autarkiepolitik notwendige Ersatzstoffproduktion bedingte darüber hinaus wichtige Neugründungen der expandierenden Chemischen Industrie, so etwa der Hydrierwerke Scholven und Horst in Gelsenkirchen und der Chemischen Werke Hüls in Marl. Auch die größeren Betriebe der meisten Handwerkszweige konnten schließlich trotz Mangels an Arbeitskräften und Rohstoffen vom Wirtschaftsaufschwung profitieren. Die Lage der Kleinbetriebe blieb dagegen auch in den späten 30er Jahren prekär. Viele Betriebsaufgaben waren die Folge.

Die vor 1933 verarmten Bauern wurden zwangsweise in den "Reichsnährstand" integriert, der sich in Westfalen in die - durch Personalkonflikte erschütterte - Landesbauernschaft, 35 Kreis- und 1.377 Ortsbauernschaften gliederte. Hinter einer romantischen Fassade dirigierte diese Mammutorganisation die gesamte Agrarwirtschaft. Preis- und Abnahmegarantien ermöglichten zwar eine gewisse ökonomische Absicherung der meisten Bauern, gleichzeitig wurden aber Landflucht, steigende Kosten und sinkende Gewinne beklagt. In Westfalen galten vor allem Kleinbetriebe als gefährdet. Die wirtschaftliche Entmündigung führte zu einer Fülle bäuerlicher Verstöße gegen Höchstpreise, Ablieferungsverpflichtungen und Schlachtverbote.
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Als ein Baustein der Kriegsvorbereitung war der Aufruf zur Nahrungsmittelversorgung ausschließlich "aus der heimischen Scholle" mehr als nur eine Propagandaparole. Im Oktober 1934 wurde ein groß angelegter Werbefeldzug gestartet, der die Bauern zur "Erzeugungsschlacht", zur Steigerung der Erträge, aufforderte.
 
 

5. Die verführerische Kraft der Propaganda

 
 
 
Die unbestreitbaren Erfolge der Wirtschafts-, Sozial- und Außenpolitik sowie der Terror hätten allein indes kaum für eine dauerhafte Stabilisierung der Macht ausgereicht. Als unverzichtbares Element trat eine allgegenwärtige Propaganda hinzu, die diese Erfolge mit modernsten Mitteln massenwirksam darzustellen wusste. Gleichzeitig sorgte eine fortwährende, Dynamik, Ordnung und Macht verheißende Selbstinszenierung des Regimes in pseudoreligiösen Formen für eine stete emotionale Aufladung des hochwirksamen "Führer-Mythos", der NS-"Heilsgeschichte" und der Volksgemeinschaftsideologie. Zu diesem Zweck traten neben die bekannten, reichsweit inszenierten Termine des NS-"Feierjahrs" alljährliche westfalenspezifische NS-Feste wie etwa die am 21. Juni begangenen Gedenkfeiern für den Ruhrkampf-Märtyrer Ludwig Knickmann in Gelsenkirchen oder die Erinnerungstreffen an die Lippische Landtagswahl vom Januar 1933. Ritualisierter Pomp prägte auch die von Zehntausenden besuchten Gauparteitage in Münster und Bochum sowie die zahllosen Kreisparteitage. Hinzu kamen einmalige Veranstaltungen wie etwa Beerdigungen regionaler Parteiführer oder des Großindustriellen und frühen NS-Förderers Emil Kirdorf in Gelsenkirchen 1938. Ein besonderes Ereignis bot der 4-tägige Autokorso von ca. 700 "Altgardisten" der NSDAP durch den Gau Westfalen-Nord im Juni 1939. Dieser Personenkreis umfasste zunächst besonders altgediente Parteimitglieder mit einer Mitgliedsnummer unter 100.000, später auch andere, besonders verdiente "Parteigenossen". Nicht zuletzt die begeisterte Anteilnahme der Bevölkerung an dieser Veranstaltung belegt, dass sich das NS-Regime mittlerweile auf eine ganz breite Zustimmung in allen Bevölkerungsgruppen stützen konnte.
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Für den NSDAP-Gauparteitag mit Fahnen geschmückte Straße in Gelsenkirchen, Juni 1938

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Appell auf dem Wildenbruchplatz in Gelsenkirchen, 1938
 
 

6. "Normalität" im Kulturleben

 
 
 
Zur trügerischen Fassade des Regimes gehörte aber auch eine relative Scheinnormalität im alltäglichen Kulturleben. Abgesehen von der weitgehenden Uniformierung der Tagespresse entfalteten die ausgedehnten Kontrollapparate auf diesem Sektor nur eine geringe Prägekraft. Ein Gespür für das Zumutbare spielte dabei ebenso eine Rolle wie der Mangel an vorzeigbarer NS-Kultur. Von der stark aufgesplitterten Weimarer Kulturszene wurden nur die Arbeiterkultur und die - in Westfalen ohnehin schwach vertretene - kulturelle Moderne ausgeschaltet. So fand etwa die reichsweit in den Universitätsstädten initiierte Bücherverbrennung vom 10.05.1933 auch in Münster statt. Mancherorts wurde sie in der nichtakademischen Provinz - so auch in Dortmund und Bochum - später sogar noch nachgeholt. Der 1937 erfolgte Schlag gegen die "Entartete Kunst" musste in Westfalen nur gegen relativ wenige Museen, so etwa in Dortmund, Bielefeld, Soest und vor allem Hagen, geführt werden.

Die klassische Kultur sowie die expandierende Massenkultur blieben dagegen weitgehend unangetastet, sahen sich allerdings meist politischer Vereinnahmung ausgesetzt. Unter der Schirmherrschaft Gauleiter Meyers und Winifred Wagners etwa fanden in Detmold alljährlich Richard-Wagner-Festtage statt. Die städtischen Theater blieben relativ frei von NS-Heldendramen, die Büchereien boten trotz bevorzugter Anschaffung von NS-Literatur noch immer ein recht breites Literaturspektrum. In den Kinos dominierte die vordergründig unpolitische Unterhaltung ebenso wie im Westdeutschen Rundfunk, der unter dem NS-Intendanten Heinrich Glasmeier den Programmanteil leichter Unterhaltung deutlich erhöhte. Der boomende Zuschauersport brachte Massenidole hervor, mit denen sich das NS-Regime gerne schmückte. Folglich benutzte man auch die im Ruhrgebiet Schichten übergreifend bejubelten Erfolge des Arbeitervereins Schalke 04, der zwischen 1934 und 1940 5mal Deutscher Fußballmeister wurde, gezielt zur Propagierung der NS-Ideologie.

Bei örtlichen Volksfesten wurden die nun unvermeidlichen NS-Elemente offenbar mühelos eingebunden und vom Publikum zumindest klaglos akzeptiert. Einer vereinnahmenden Förderung erfreute sich auch die regionale Heimat- und Volkstumskultur, deren Weltanschauung schon vor 1933 beträchtliche Schnittmengen mit der NS-Ideologie aufwies. Folglich bedeutete die NS-Zeit für die Kulturarbeit des Westfälischen Heimatbundes und des westfälischen Provinzialverbandes keinen epochalen Einschnitt. Die Literaturförderung etwa galt vor allem den - als Ahnen der NS-Ideologie gefeierten - westfälischen bzw. lippischen Autoren Annette von Droste-Hülshoff und Christian Dietrich Grabbe. Der 1935 erstmals verliehene Westfälische Literaturpreis honorierte ausschließlich Gegenwartsautoren einer völkischen, mit der NS-Ideologie viele Gemeinsamkeiten aufweisenden Heimatliteratur, die in Westfalen bereits in den 1920er Jahren zunehmend stark vertreten war.

Auch in der Architektur konnte das NS-Regime kaum eigene Akzente setzen. Zur Anwendung kam vielmehr eine konservativ geprägte Stilvielfalt. Der weitgehend Planung gebliebene Bau monumentaler Parteizentren in den Gauhauptstädten Münster und Bochum sowie in Lippe sah eine am Neoklassizismus angelehnte Repräsentationsarchitektur vor. Der von Himmler vorangetriebene Ausbau der Wewelsburg bei Büren zu einem gigantischen Schulungs- und Kultzentrum der SS blieb ebenfalls in den Anfängen stecken. Das reale Bauen war dagegen geprägt von einem angeblich regionaltypischen Heimatschutzstil oder einem - oft konservativ verbrämten - Funktionalismus.
 Zeitungsartikel vom 31.05.1933 über die nationalsozialistische Bücherverbrennung auf dem Dortmunder Hansaplatz: "Undeutscher Geist ging in Flammen auf. Eindrucksvolle Kundgebung auf dem Hansaplatz / Begeisterte Beteiligung der Dortmunder Bevölkerung / Ansprachen der Pgg. Goldmann, Dr. Woelbing, Kaiser, Polizeipräsident Schepmann, Eilers und des Hitlerjugendführers Sürenhagen".

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Die zum Erinnerungstreffen 1937 erschienene NS-Parteiprominenz nimmt vor dem Landestheater in Detmold die Parade von Fahnenabordnungen der SA und SS ab. Daneben sollten vor allem die jährlichen Richard-Wagner-Festwochen sowie die von Goebbels geförderten Grabbe-Wochen Detmold zum kulturellen Mittelpunkt im ganzen westfälischen und niederdeutschen Raum machen.

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Schützenfest in Blomberg 1937: Schützenpaar mit NSDAP-Kreisleiter (vermutlich)

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Die "neuen" Städte. Detmold - Gesamtansicht der geplanten NS-Großbauten auf dem Hiddeser Berg,  bewundert durch Josef Bergenthal 1938, und Münster - Modell des "Parteiforums" in Münster, im Mittelpunkt die "Volkshalle"

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Feature "Ereignis des Monats": Kirsten John-Stucke über die  Übernahme der Wewelsburg durch Himmler 1934
 
 

7. Die Gestapo und ihre "Gegner"

 
 
 
Nach der gewaltsamen Entmachtung der SA am 30.06.1934 entwickelte sich rasch die von allen rechtsstaatlichen Schranken befreite und von der SS vereinnahmte "Geheime Staatspolizei" (Gestapo) zur Verfolgungsinstitution schlechthin. Von den westfälischen "Stapo-Stellen" in Bielefeld, Dortmund und Recklinghausen (ab 1935 Münster) mit ihren 12 Außenstellen entfaltete sie unter der Leitung meist junger, ehrgeiziger Juristen eine effektive Kontrolle und Terrorisierung aller wirklichen und vermeintlichen Gegner und partiell Nonkonformen. Allerdings hätte die personell chronisch unterbesetzte Gestapo aus eigener Kraft kaum eine solche Effektivität entfalten können. Sie vermochte sich jedoch in hohem Maße auf die Zuarbeit von V-Leuten und allgegenwärtigen Kleinfunktionären der NSDAP, vor allem aber auf eine stark ausgeprägte, persönlich motivierte Denunziationsfreudigkeit von Privatleuten zu stützen.

Die Überwachung und Verfolgung der Gestapo richtete sich zunächst primär gegen Reorganisationsversuche der 1933 zerschlagenen Arbeiterbewegung. Versprengte Kader, konspirative Zellen oder lose Diskussionszirkel entstanden vor allem in größeren Städten wie etwa Bochum, Dortmund und Gelsenkirchen. Sie wurden zwischen 1934 und 1937 wiederholt brutal und effektiv zerschlagen.

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt der Gestapo bildete die Beobachtung und Behinderung der zwischen Loyalität, Selbstbewahrung und Teilwiderstand schwankenden Volkskirchen. Keine der beiden Konfessionen stellte den NS-Staat prinzipiell in Frage. Starke Kräfte waren jedoch auf den Erhalt innerkirchlicher Autonomie und kirchlicher Einflusssphären gegen nationalsozialistische Vereinnahmung bedacht. In der evangelischen Kirche sammelten sich diese Kräfte seit 1933/34 in der "Bekennenden Kirche", die in Westfalen unter Präses Karl Koch eine ihrer Hochburgen hatte.

Der katholische Teilwiderstand fand seinen Vorkämpfer im Münsteraner Bischof Clemens August v. Galen. Nach einer Phase vorherrschender Illusionen und taktischer Rücksichtnahmen gewann der Konflikt mit der katholischen Kirche infolge eines Gauparteitages der NSDAP in Münster ab Juli 1935 an Schärfe. Kirchliche Arbeit wurde trotz deutlicher Missstimmung bei vielen Gläubigen oft massiv behindert; katholische Verbände wurden aufgehoben und die Bekenntnisschulen 1939 trotz aller Proteste beseitigt. Bereits in der Vorkriegszeit waren zahlreiche, besonders katholische Geistliche, die ihr Wort gegen das NS-Unrecht erhoben hatten, Sanktionen der Gestapo wie etwa Verhören, Hausdurchsuchungen, Redeverboten und Festnahmen ausgesetzt. Das katholische Milieu war aufgrund dieser Maßnahmen ohne Zweifel einer beschleunigten Erosion ausgesetzt, konnte sich in seinem Kern aber weitgehend behaupten. So brach sich etwa der totale Erfassungsanspruch der HJ in Westfalen insbesondere an Teilen der katholischen Jugend.

Ab Mitte der 30er Jahre richtete sich die Aufmerksamkeit der Polizeibehörden dann zunehmend auf weitere, nicht mehr politisch-ideologisch, sondern vom Rassenwahn vorgegebene Feindbilder. So gerieten verstärkt Juden, Homosexuelle, "Zigeuner", Obdachlose, Prostituierte und andere "Gemeinschaftsfremde" ins Fahndungsvisier.



8. Die Verstrickung der Justiz in den Terrorstaat

Die Bestrafung der Verhafteten erfolgte bis 1939 meist noch durch eine weitgehend willfährige Justiz, bisweilen aber - dies betraf vor allem die "Gemeinschaftsfremden" - auch schon durch eine sofortige oder nachträgliche Einweisung in ein KZ. Für Anklagen wegen angeblichen "Hochverrats" war in Westfalen vor allem das Oberlandesgericht Hamm zuständig. Es sprach zwischen 1934 und 1937 - oft in Massenprozessen - insgesamt 11.756 überaus harte Verurteilungen, nicht selten Todesstrafen, aus. Betroffen waren zu ca. 80 % junge Arbeiter, die ehemals linken Organisationen nahe gestanden hatten.

Wesentliches Bestrafungsinstrument für jegliche Form von alltäglicher Regimekritik und "Meckerei" wurde das "Heimtückegesetz" von 1934. Alle "Heimtückefälle" wurden von eigens eingerichteten "Sondergerichten" abgeurteilt. Dies waren spezielle Strafkammern, die am 21.03.1933 zur beschleunigten Verhängung von Strafen nach der Reichstagsbrandverordnung vom 28.02.1933 und der Heimtückeverordnung vom 21.03.1933 eingerichtet wurden. Die Rechte der Ankläger vor den Sondergerichten waren stärker als bei sonstigen Strafverfahren, die Rechte der Beschuldigten dagegen stark eingeschränkt. Gegen die Urteile von Sondergerichten waren keine Rechtsmittel möglich. Das für Westfalen bis 1940 allein zuständige Sondergericht Dortmund verhandelte zwischen 1935 und 1938 insgesamt 1523 solcher Verfahren gegen unzufriedene "Miesmacher" aus allen Schichten. So genannte "Rasseschänder" wurden dagegen von den Strafkammern der acht westfälischen Landgerichte abgeurteilt.
Die Villa ten Hompel in Münster war von 1940 bis 1945 Sitz des regionalen Befehlshabers der Ordnungspolizei - einer Behörde, die mit ihren Erlassen, Befehlen und Handlungen erheblich zum Massenmord an Juden, Sinti und Roma beitrug. Die Website des heutigen Forschungszentrums und Museums informiert über das Polizei- und Verwaltungshandeln im 20. Jh., insbesondere über die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden.

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Polizeigebäude (links oben) am Horst-Wessel-Platz (Jovyplatz) in Gladbeck, Sitz der Gestapo -  ein ehemaliger Inhaftierter, das KPD-Mitglied Otto Glanert, berichtet über Misshandlungen

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 Karl Koch (1876-1951), in den Jahren 1927-1949 Präses der Westfälischen Landeskirche

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Bischof  Clemens August von Galen. Aus seiner Besorgnis vor wachsender Unchristlichkeit und Unrechtmäßigkeit staatlich befohlener oder geduldeter Maßnahmen und Übergriffe - so Rudolf Morsey in seinem Porträt Galens - erwuchs der Gewissensprotest des in seiner Ehre getroffenen adligen "Untertanen".

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Haftzelle in der Dortmunder Steinwache, heute eine Mahn- und Gedenkstätte

Bild- und Textmaterialien für den Schulunterricht bieten die Themenhefte  "Wewelsburg - Kultstätte des SS-Ordens" und  "Wewelsburg - Das Konzentrationslager" von Karl Hüser und Wulff E. Brebeck

"Rasseschänder" war die zeitgenössische Bezeichnung für Personen, die gegen das  "Gesetz zum Schutze des Deutschen Blutes und der deutschen Ehre" (15.09.1935) verstießen. Als Teil der "Nürnberger Gesetze" verbot das "Blutschutzgesetz" unter Androhung von Zuchthausstrafen Eheschließungen und außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen "Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes".

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Feature "Ereignis des Monats": Matthias Frese über die  Verurteilung von Eisenbahngewerkschaftlern 1937
 
 

9. Die Verfolgung der "Erbkranken" und Juden

 
 
 
Neben Polizei und Parteidienststellen waren aber auch die übrigen Verwaltungsbehörden unverzichtbarer Bestandteil des Kontroll- und Verfolgungsapparates. Das galt etwa für die 1935 eingerichteten Gesundheitsämter. Diese bearbeiteten - unter Mithilfe des gesamten Gesundheits- und Fürsorgewesens - die bereits seit Jahrzehnten zunehmend diskutierten, aber erst ab 1933 gesetzlich ermöglichten Zwangssterilisationen so genannter "Erbkranker". Allein im Oberlandesgerichtsbezirk Hamm verurteilten die letztlich entscheidenden neun "Erbgesundheitsgerichte" samt des "Erbgesundheitsobergerichtes" in Schnellverfahren ca. 30.700 Menschen zu dieser Verstümmelung. Betroffen waren meist junge Angehörige von Unterschichten und Randgruppen, Heim- und Anstaltsinsassen.

Darüber hinaus waren aber auch weitere Dienststellen wie etwa Kommunalbehörden, Landratsämter und Finanzämter tief in den Staatsterror verstrickt. Dies galt vor allem für die bereits im Frühjahr 1933 - zeitgleich zum Radauantisemitismus der SA - einsetzende, sich schubweise und unsystematisch radikalisierende Ausgrenzung und Ausplünderung der Juden auf dem Verwaltungsweg. Die örtlichen Behörden waren dabei nicht nur ohnmächtige Vollstrecker ministerieller Weisungen. Oft waren es vielmehr diese Dienststellen, die - auch auf Anregung Dritter - Handlungsspielräume zuungunsten der Juden auslegten oder selbst Präzedenzfälle schufen, denen dann neue Anordnungen "von oben" folgten. Eine auch in Westfalen verbreitete latente Judenfeindschaft sorgte dafür, dass diese "rechtlichen" Maßnahmen weder in der Bevölkerung noch in den Kirchen spürbare Missbilligung hervorriefen.

Der Höhepunkt der Judenverfolgung in der Vorkriegszeit war das reichsweit inszenierte Pogrom vom 09./10.11.1938, das allerdings weder auf die Gestapo noch auf andere Staatsbehörden zurückging. Hier kam die Partei, vor allem die SA nochmals zum Einsatz. Allein in Westfalen und Lippe wurden - vor den Augen einer nun teilweise schockierten, aber stummen Bevölkerung - über 120 Synagogen zerstört oder geschändet. Ungezählt sind die misshandelten Menschen sowie die zerstörten jüdischen Geschäfte und Wohnungen. Angesichts der zunehmenden Verfolgung entschlossen sich viele der Betroffenen zur Auswanderung. In Westfalen sank daher die jüdische Bevölkerung von 18.819 Menschen im Jahre 1933 auf 7.384 im Jahre 1939.

Der Komplex "Judenverfolgung und Holocaust", der die beiden Zeitabschnitte 1933-1939 (Wolfgang Stelbrink) und 1939-1945 (Ralf Blank) umfasst, wird zu einem späteren Zeitpunkt in einem gesonderten Thema behandelt.
Das  "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 14.07.1933 (geändert am  26.06.1935,  24.02.1936) bestimmte u.a. "angeborenen Schwachsinn, Schizophrenie, zirkuläres [...] Irresein" sowie die erblichen Formen von Fallsucht, Veitstanz, Blindheit, Taubheit und schwerer körperlicher Missbildung sowie schweren Alkoholismus zu "Erbkrankheiten". Es gab den Behörden die Handhabe,  Betroffene zur Untersuchung vorzuladen und ggf. Sterilisierungen durchzuführen.

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Ausgrenzung im Alltag: Bierdeckel aus Eslohe - "Jude! Du bist erkannt - Rrrraus!!"

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Ruine der Bielefelder Synagoge, 1939

 Protokoll der Vernehmung eines Plünderers am Tage nach dem Pogrom in Hallenberg, 1938
 
 
 

10. Literatur


10.1 Allgemeine Geschichte

Frei, Norbert
Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945. 6., erw. und akt. Neuaufl. München 2001.

Hehl, Ulrich von
Nationalsozialistische Herrschaft. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 39. 2. Aufl. München 2001.

Kissener, Michael
Das Dritte Reich. Darmstadt 2005.

Süß, Dietmar / Süß, Winried (Hg.)
Das "Dritte Reich". Eine Einführung. München 2008.

Thamer, Hans-Ulrich
Der Nationalsozialismus. Stuttgart 2002.
 
 
 

10.2 Westfälische Geschichte


Ausführliche Gesamtdarstellungen zur Geschichte Westfalens im "Dritten Reich" fehlen. Zur ersten Information kann man folgende kurze bzw. sehr kurze Überblicke benutzen:

Briesen, Detlef / Brunn, Gerhard / Elkar, Rainer S. / Reulecke, Jürgen (Hg.)
Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte Rheinlands und Westfalens. Schriften zur politischen Landeskunde Nordrhein-Westfalens, Bd. 9. Köln 1995 (insbesondere S. 161-175).
Die angegebenen Seiten sind Teil eines umfassenden Kapitels von Gerhard Brunn, der auf rund 70 Seiten die "Zeit der Krisen" von 1914 bis 1955 behandelt. Insbesondere den historischen Laien erwartet auf gut 15 Seiten eine äußerst anregende Lektüre, die ihm manch neue Sichtweise auf das "Dritte Reich" eröffnen wird. Aufgrund eines sehr weiten Verständnisses von "Wirtschafts- und Sozialgeschichte" können die angegebenen Seiten auch als ausgezeichneter erster Einstieg in die "Gesamtgeschichte" der NS-Zeit empfohlen werden. Dagegen werden speziell interessierte Leser, die sich von der Lektüre mehr "Wirtschaftsgeschichte" im engeren Sinne erhoffen, das Buch eher enttäuscht aus der Hand legen.

Hey, Bernd
Die nationalsozialistische Zeit. In: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte, Bd. 2: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Politik und Kultur, Düsseldorf 1983, S. 211-268.
Zuverlässige, mittlerweile aber etwas betagte Zusammenfassung des damaligen Forschungsstandes. Die politischen Entwicklungen im benachbarten Lippe werden relativ ausführlich in die Darstellung mit einbezogen. Behandelt werden vor allem die "klassischen" Themen Gleichschaltung, Gestapo, Niedergang der provinziellen Selbstverwaltung, der Widerstand der Arbeiterbewegung und der beiden Volkskirchen sowie die Judenverfolgung. Besonders nützlich ist auch das ausführliche Verzeichnis der damals vorliegenden Literatur.

Kohl, Wilhelm
Kleine westfälische Geschichte. Düsseldorf 1994 (insbesondere S. 272-291).
Ausgewogene, zuverlässige und gut lesbare Zusammenfassung der oben bzw. unten aufgeführten Beiträge von Hey und Borscheid. Insbesondere die bündige Zusammenfassung der weitläufigen Ausführungen Borscheids werden viele Leser dankbar zur Kenntnis nehmen. Aufgrund der Abhängigkeit von seinen Vorlagen aber auf dem Forschungsstand der frühen 80er Jahre. Trotz dieser Einschränkung jedoch für den ersten Einstieg in die Materie besonders gut geeignet.


Wichtige Einzelaspekte der westfälischen Geschichte untersuchen u.a.:

Borscheid, Peter
Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg (1914-1945). In: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte, Bd. 3: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Wirtschaft und Gesellschaft, Düsseldorf 1984, S. 313-438.
Kenntnisreiche, teilweise aber sehr detaillierte und für den Laien nicht immer leicht zu lesende Zusammenfassung des damaligen Forschungsstandes. Neben Landwirtschaft, Bergbau und Schwerindustrie werden auch oft vernachlässigte Bereiche wie etwa die Energie- und Wasserwirtschaft, Handel und Verkehr sowie das Geld-, Bank- und Versicherungswesen ausführlich berücksichtigt. Der Text wird durch zahlreiche Tabellen und Grafiken sinnvoll ergänzt. Der Schwerpunkt der über weite Strecken systematisch gegliederten Darstellung liegt aber eindeutig auf der Zeit der Weimarer Republik. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis ermöglicht auch eine punktuelle Benutzung.

Damberg, Wilhelm
Der Kampf um die Schulen in Westfalen 1933-1945. Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte: Reihe B, Forschungen, Bd. 43. Mainz 1986.
Grundlegende Untersuchung über die heftigen schulpolitischen Auseinandersetzungen zwischen katholischer Kirche, Elternschaft und dem NS-Regime am Beispiel des westfälischen Teils des Bistums Münster. Die von verschiedenen Instanzen des NS-Regimes seit 1935 offen betriebene Entkonfessionalisierung des Schulwesens erreichte einen ersten Höhepunkt mit dem faktischen Ausschluss der Geistlichen vom Religionsunterricht der Volksschulen 1937. Die antikirchliche Schulpolitik der Vorkriegszeit kulminierte schließlich in der erzwungenen Aufhebung der konfessionellen Schulen zugunsten der "Deutschen Einheitsschule" im Jahre 1939. Das NS-Regime war mittlerweile so konsolidiert, dass die erheblichen Proteste zahlreicher Katholiken keine Berücksichtigung mehr fanden. Der Autor deutet den "Kampf um die Schule" als "markantes Beispiel für den Selbstbehauptungswillen" der katholischen Bevölkerung.

Ditt, Karl
Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923-1945. Veröffentlichungen des Provinzialinstituts für Westfälische Landes- und Volksforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Bd. 26. Münster 1988.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das Verhältnis der "konservativ-neoromantisch geprägten Kulturpolitik" des westfälischen Provinzialverbandes zur NS-Herrschaft. Thematisiert werden dabei insbesondere Kontinuitäten und Brüche, Komplizenschaft und Bewahrung von Autonomie in der provinziellen Kulturarbeit. Ausführliche Berücksichtigung finden auch die Grundlagen, Ziele und Erfolge der provinziellen Kulturpolitik bis 1933 mit ihren vier Arbeitsbereichen Heimatpflege, wissenschaftliche Landesforschung, Kunst- und Literaturförderung sowie Naturkunde/Naturschutz.

Freitag, Werner (Hg.)
Das Dritte Reich im Fest. Führermythos, Feierlaune und Verweigerung in Westfalen 1933-1945. Bielefeld 1997.
Begleitbuch zu einer Wanderausstellung des Westfälischen Museumsamtes. Nach einer ausführlichen, das theoretische Fundament legenden Einleitung des Herausgebers folgen insgesamt 24 knappe lokale Fallstudien, die größtenteils von Bielefelder Geschichtsstudenten verfasst worden sind. Berücksichtigung findet die gesamte Palette der vom NS-Regime übernommenen, verformten und erweiterten öffentlichen Festkultur. Das Buch bildet einen durchweg kompetenten Beitrag zu einem lange vernachlässigten Forschungsfeld. Leider geraten manche der Autoren bei ihren intensiven Interpretationen bisweilen ein wenig ins Spekulieren. Reichhaltiges und hervorragendes Bildmaterial.

Herzig, Arno / Teppe, Karl / Determann, Andreas (Hg.)
Verdrängung und Vernichtung der Juden in Westfalen. Forum Regionalgeschichte, Bd. 3. Münster 1994.
Der Tagungsband vereinigt insgesamt 15 knappe, gut lesbare Aufsätze. Die Themenpalette umfasst u.a. die Verdrängung jüdischer Juristen, die Ausweisung von Ostjuden, antisemitische Denkstrukturen im westfälischen Katholizismus, die Zerstörung der Synagogen im November 1938 und die "Arisierung" der Wirtschaft. Mit der Deportation der Juden befassen sich unter ausführlicher Verwendung autobiografischer Zeugnisse der Betroffenen allein vier Beiträge. Abgeschlossen wird der Band durch drei Aufsätze zur Nachkriegszeit, die u.a. den schwierigen Neuanfang der wenigen Überlebenden und Remigranten in der Täter- und Mitläufergesellschaft der Bundesrepublik thematisieren. Ein nützlicher Überblick über neu zugängliche Quellen zur jüngeren Geschichte der westfälischen Juden im Staatsarchiv Detmold regt zu weiteren notwendigen Forschungen an.

Niermann, Hans-Eckhard
Die Durchsetzung politischer und politisierter Strafjustiz im Dritten Reich. Juristische Zeitgeschichte, Bd. 3. Düsseldorf 1995.
Dem Oberlandesgerichtsbezirk Hamm kam für die Gesamtentwicklung der politischen Justiz im "Dritten Reich" eine große Bedeutung zu. An seinem Beispiel werden exemplarisch die Bedingungsfaktoren, das Ausmaß und die Grenzen der überwiegend willfährigen und weitgehenden "Komplizenschaft" einer nur marginal "gesäuberten" Justizbeamtenschaft im "Dritten Reich" untersucht. Der Schwerpunkt der Studie liegt auf ausführlichen Untersuchungen über die Praxis der politischen Gerichtsverfahren. Sie betreffen zum einen die so genannten Hochverratsverfahren vor dem Oberlandesgericht Hamm sowie die Prozesse wegen politischer Bagatelldelikte vor dem Sondergericht Dortmund. Ein abschließendes Kapitel untersucht die nochmalige Ausweitung und Radikalisierung der politischen Justiz während des Krieges.

Priamus, Heinz-Jürgen / Goch, Stefan
Macht der Propaganda oder Propaganda der Macht? Inszenierung nationalsozialistischer Politik im "Dritten Reich" am Beispiel der Stadt Gelsenkirchen. Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte: Beiträge, Bd. 3. Essen 1992.
Die beiden Autoren des Gelsenkirchener Instituts für Stadtgeschichte begreifen die "Euphorisierung und Faszinierung der Massen" als einen "wesentlichen Bestandteil nationalsozialistischer Herrschaftstechnik". Die reich bebilderte Fallstudie thematisiert vor allem die örtliche Inszenierung der reichsweiten NS-Feiertage sowie die Ausrichtung lokalspezifischer NS-Feiern. Sehr lesenswert sind auch 2 längere Abschnitte über die Selbstinszenierung Gauleiter Meyers sowie die Instrumentalisierung des Zuschauersportes am Beispiel des FC Schalke 04. Leider nur sehr kurz geraten ist ein Kapitel, das die Vereinnahmung der klassischen Kultur für die Selbstdarstellung des Regimes sowie die absichtsvolle Etablierung des Muttertages behandelt.

Schlögl, Rudolf u. a. (Hg.)
Zwischen Loyalität und Resistenz. Soziale Konflikte und politische Repression während der NS-Herrschaft in Westfalen. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Reihe 22: Geschichtliche Arbeiten zur Westfälischen Landesforschung/A, Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Gruppe, Bd. 10. Münster 1996.
Sammlung von sieben, teilweise recht anspruchsvollen Aufsätzen; ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf den Konfliktfeldern des ländlich-katholischen Westfalen. Das Arbeitermilieu des Ruhrgebiets bleibt dagegen weitgehend ausgespart. Besonders beachtenswert sind zwei Untersuchungen zur Sozialstruktur der Delinquenten vor den westfälischen Sondergerichten bzw. zu Elitenkonflikten im ländlichen Westfalen infolge der "Machtergreifung". Hervorzuheben ist auch der sehr informative, zahlreiche Tabellen und Grafiken umfassende Anhang.

Schmidt, Christoph
Nationalsozialistische Kulturpolitik im Gau Westfalen-Nord. Regionale Strukturen und lokale Milieus (1933-1945). Paderborn 2006.
Vor dem Hintergrund zentraler und regionaler Machtstrukturen untersucht Schmidt auf breiter empirischer Grundlage Träger, Konzepte, Umsetzungen und (Miss-)Erfolge nationalsozialistischer Kulturpolitik auf lokaler Ebene am Beispiel der drei nordwestfälischen Gaumetropolen Gelsenkirchen, Münster und Detmold. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Bereichen Theater, Musik, Bildende Künste und Literatur/Büchereien.

Teppe, Karl
Provinz - Partei - Staat. Zur provinziellen Selbstverwaltung im Dritten Reich untersucht am Beispiel Westfalens. Beiträge zur Geschichte der Preussischen Provinz Westfalen, Bd. 1. Münster 1977.
Untersuchung über den Niedergang der provinziellen Selbstverwaltung angesichts der zunehmenden Mitgestaltungsansprüche der Parteiorganisationen sowie diverser staatlicher Fachressorts und neuer Reichsonderbehörden; in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Verlustgeschichte kommunaler Selbstverwaltung im Nationalsozialismus überhaupt. Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf der Person und Arbeit des Landeshauptmanns Kolbow. Im Jahre 1933 als Vertrauensmann des NS-Regimes ins Amt gekommen, entwickelte er sich bald zu einem entschiedenen, letztlich aber machtlosen Verteidiger kommunaler Selbstverwaltung.

Vossen, Johannes
Gesundheitsämter im Nationalsozialismus. Rassenhygiene und offene Gesundheitsfürsorge in Westfalen 1900-1950. Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Bd. 56. Essen 2001.
Quellengesättigte und umfassende Studie über das breit gefächerte Aufgabenspektrum der Gesundheitsämter im "Dritten Reich". Schwerpunkt der Untersuchung ist der Regierungsbezirk Minden. Das Überschreiten der traditionellen politikgeschichtlichen Epochengrenzen bietet aufschlussreiche Einblicke in Kontinuitäten und Diskontinuitäten des öffentlichen Gesundheitswesens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
 
 
 
Stand des Haupttextes: 2004.