Zeitabschnitte > 1850-1870





 

1. Die Reaktionszeit:
Verfolgung der Achtundvierziger

 
 
 
Die Jahre 1849 bis 1851 waren eine Zeit des Übergangs, in der die Gegenrevolution allmählich fast alle politischen Reformprojekte zunichte machte: Staatsstreiche in verschiedenen deutschen Staaten während des Jahres 1850, in denen die Errungenschaften von 1848/1849 annulliert wurden, stießen kaum auf Widerstand und zeigten die Revolutionsmüdigkeit der Bevölkerung und ihre Einschüchterung durch Polizei und Militär. In Preußen und Westfalen bestand der gravierendste Eingriff 1849 in der Einführung des Dreiklassenwahlrechts - es galt bis 1918! - zum Abgeordnetenhaus. 1850 wurde dieses nach der Höhe der Steuerzahlung gestaffelte Wahlrecht auf den kommunalen Bereich ausgedehnt. Die Olmützer Punktation vom 29.11.1850, in der Preußen sich Österreichs militärischer Überlegenheit beugen musste, bedeutete dann das Ende für Preußens kleindeutsches Einigungsprojekt der "Deutschen Union", deren Verfassung sich zumindest partiell an der 1849 in der Paulskirche verabschiedeten Verfassung orientierte. Der "Bundesreaktionsbeschluss" vom 23.08.1851 dehnte die Verfolgungspraxis der Großmächte gegen die Presse und politische Organisationen auf die Mittel- und Kleinstaaten aus und machte die Polizeiarbeit durch zwischenstaatliche Koordination effizienter. Ein spektakuläres Ergebnis war der Kölner Kommunistenprozess, in dem 1852 der westfälische Demokrat Hermann Heinrich Becker (der spätere Oberbürgermeister von Dortmund und Köln) aufgrund von der Polizei gefälschter Dokumente zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde.

Bereits zuvor waren prominente Achtundvierziger massiv verfolgt worden, z. B. der katholische Demokrat Benedikt Waldeck, der als Vizepräsident der preußischen Nationalversammlung maßgeblich an der Erarbeitung der preußischen Verfassung ("Charte Waldeck") beteiligt war. Ein Polizeispitzel beschuldigte ihn der Mitwisserschaft an Umsturzplänen. Er wurde verhaftet, des Hochverrats angeklagt, im Dezember 1849 jedoch nach einem Aufsehen erregenden Prozess freigesprochen. Ein weiteres spektakuläres und seinerzeit in Westfalen viel diskutiertes Beispiel für die Verfolgung engagierter Demokraten war der Fall Jodokus Temme, der sich als einer der höchsten preußischen Richter auf die Seite der Revolution geschlagen hatte. Um ihn an seinem politischen Engagement in der Berliner Nationalversammlung zu hindern, war er an das Oberlandesgericht Münster versetzt worden. Wegen seiner Proteste gegen die Auflösung der Berliner Nationalversammlung wurde er inhaftiert und 1851 ohne Pensionsansprüche aus dem preußischen Staatsdienst entlassen. Zunächst arbeitete er als Journalist und Schriftsteller; 1852 musste er nach Zürich emigrieren und ernährte seine vielköpfige Familie dort als Autor von Kriminal- und Gesellschaftsromanen. Temme war in Westfalen populär, aber selbst das Ausstellen seines Porträts in einem Schaufenster wurde in den 1850er Jahren polizeilich verfolgt.

Trotz alledem bedeutete die Reaktion nicht einfach eine Rückkehr zu den politischen Verhältnissen des Vormärz. Die Revolution von 1848/1849 hatte zu unumkehrbaren Veränderungen im allgemeinen Bewusstsein, zur Politisierung breitester Bevölkerungsschichten, zur massenhaften Verbreitung eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls und zu einer weniger statischen politischen Mentalität geführt, aber auch zu wesentlichen rechtlichen und ökonomischen Modernisierungen. Außerdem "überlebte" eine Reihe der 1848/1849 in Führungspositionen aufgerückten Liberalen die Reaktionsperiode, sodass in manchen Bereichen von Politik und Gesellschaft Freiräume bestehen blieben. Dies galt insbesondere für die Kommunalpolitik.

Die Gemeindeordnung für die Provinz Westfalen vom 19.03.1856 (die bis 1935 in Kraft blieb) erlaubte allen Städten, sich zwischen einer Magistrats- und einer Bürgermeisterverfassung zu entscheiden; der Gemeindevorsteher konnte frei gewählt werden, in die Gemeindeverwaltung konnte der Staat kaum noch eingreifen. Der Ausbau der kommunalen Selbstverwaltung knüpfte an Reformprojekte der Revolutionszeit an. Hingegen gehörte die Wiedereinsetzung des Adels in seine 1848/49 abgeschafften Sonderrechte zu den Maßnahmen, die das Rad der Zeit zurückdrehen sollten - dies beeinträchtigte das Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum in Westfalen nachhaltig. Führende westfälische Liberale wie Friedrich Harkort, Florens von Bockum-Dolffs oder Georg von Vincke, die teilweise selbst dem Adel entstammten, protestierten gegen die neuen Standesvorrechte.
 
 
 

2. Das Ruhrgebiet als Kerngebiet der
Industrialisierung in Preußen

 
 
 
In der Zeit zwischen 1850 und 1870 kam es in Preußen und insbesondere in Westfalen zum Durchbruch der Industrialisierung. Die Entwicklung zur modernen, industrialisierten Produktion in Westfalen hatte im Sauerland (Eisenverarbeitung) und im Ravensberger Land (Textil) begonnen, also in vorindustriellen Gewerberegionen. Der Durchbruch zur kapitalistischen Industrieproduktion fand dagegen vor allem im Ruhrgebiet statt. Dies lässt sich an verschiedenen Indikatoren ablesen, z.B. am Bevölkerungswachstum. Die Bevölkerung Westfalens wuchs von 1852 bis 1871 von 1,5 auf knapp 1,8 Mio. Menschen. Während die Einwohnerzahl jedoch in den vornehmlich agrarisch geprägten Regierungsbezirken Minden und Münster gleich blieb, betraf das Bevölkerungswachstum zwischen Revolution und Reichsgründung fast ausschließlich den Regierungsbezirk Arnsberg, genauer: den westfälischen Teil des Ruhrgebiets, dessen Einwohnerzahl von 1840 bis 1870 von 237.000 auf 680.000 anstieg. 1858 überholte Dortmund Münster als größte Stadt in Westfalen - und blieb es bis heute.
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Durch den Einsatz leistungsfähigerer Dampfmaschinen erlebte die Zeche Konsolidation "Vereinigte Nachtigall Tiefbau" in Witten-Bommern in den Jahren 1867-1875 ihre Blütezeit
 
 
Warum kam es nun seit 1850 im Ruhrgebiet zum Durchbruch zur Industriewirtschaft? Erstens hatte dies technische Ursachen: Durch den Einsatz von Dampfmaschinen wurde die Nordwanderung des Kohlebergbaus möglich - von der Gegend um Wetter (Ruhr) ausgehend in Regionen, in denen die ergiebigen Flöze tiefer und unter einer Mergelschicht lagen. Zweitens kamen rechtliche Veränderungen hinzu. Die Jahre der politischen Reaktion waren ökonomisch eine Zeit der Modernisierung, in der sich der Kapitalismus durchsetzte. Der Bergbau, der zuvor verstaatlicht gewesen war, wurde 1851 durch das "Gesetz über die Verhältnisse der Miteigenthümer eines Bergwerks" weitgehend privatisiert. Weitere Gesetze von 1854 und 1860 liberalisierten die rechtlichen Rahmenbedingungen, sodass Bergbau und Hüttenwesen als die wichtigsten Industriezweige des Ruhrgebiets für Kapitalanleger immer attraktiver wurden. Drittens wurde die Industrialisierung gefördert durch eine deutliche Senkung der Abgaben, die von den Bergwerken zu entrichten waren. Gleichzeitig verzichtete der preußische Staat auf jegliche kartell- oder monopolrechtliche Regulierung des Bergbaus, sodass optimale Rahmenbedingungen für Investitionen geschaffen wurden. Entsprechend katastrophal waren die Arbeitsbedingungen in den Boomjahren der Ruhrgebietsindustrie.
 
 
In den 1850er Jahren führten ein allgemeiner Konjunkturaufschwung, die Liberalisierung des Kapitalmarktes und der rechtlichen Rahmenbedingungen (vor allem die Erleichterung der Gründung von Aktiengesellschaften) sowie eine wachsende Nachfrage zu einer explosionsartigen Steigerung der Eisenerzeugung im Ruhrgebiet. Die Eisenerzförderung wuchs von 1852 bis 1869 von knapp 5.000 auf knapp 320.000 t Kohleneisenstein. Zahlreiche Hüttenwerke entstanden neu; die Nachfrage seitens des Eisenbahnbaus, der sich mehr und mehr zum Leitsektor der Industrialisierung entwickelte, steigerte sich so stark, dass die Hüttenwerke zunehmend Erze aus dem Ausland importieren mussten. Gerade für den Import von Rohstoffen, aber auch für den Transport der im Ruhrgebiet produzierten Güter war der Ausbau der Infrastruktur entscheidend. Neben mehreren Eisenbahnfernverbindungen nach Westen und Osten war die entscheidende Innovation die 1860-1862 gebaute Strecke Dortmund-Bochum-Duisburg, also die erste Bahnverbindung zwischen den boomenden Ruhrgebietsstädten, die zur wichtigsten Verkehrsachse im Revier wurde. In den 1850er und 1860er Jahre entwickelte sich das Ruhrgebiet zum wichtigsten Zentrum der Schwerindustrie in Preußen und seit 1871 im ganzen Reich.
Quellenedition: Anke Asfur über den  "Wirtschaftlichen Strukturwandel und die Herausbildung von 'Global Playern' in Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert"


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Die Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Nordwestdeutschland bis 1885


Quellen des Internet-Portals zur Geschichte des Bergbaus und der
Eisenbahn (und verwandter Themen) in Westfalen
 
 
 

3. Nationalverein und Fortschrittspartei:
innere Liberalisierung und Nationalstaatsgründung

 
 
 
Neue politische Ideen, für die Ludwig August von Rochau 1853 den Begriff "Realpolitik" prägte, brachten die Opposition in Westfalen wie insgesamt im Deutschen Bund seit Mitte der 1850er Jahre allmählich wieder aus der Defensive heraus: Die Opposition hörte auf, gegen die Gegenrevolution einfach anzurennen. Für Preußen bedeutete dies vor allem die Abkehr von dem Wahlboykott, den die Demokraten 1849 begonnen hatten, um gegen das Dreiklassenwahlrecht zu protestieren. Mit ihrer Wende zur "Realpolitik" nahm die Opposition zugleich Abschied von der Idee, ihre Ziele auf revolutionärem Wege durchzusetzen.

Seit Mitte der 1850er Jahre kam es zu geheimen, zunächst auf einen engen Kreis beschränkten Versuchen, politische Initiativen wieder überregional zu koordinieren und an die Ideen von 1848/1849 anzuknüpfen, also Einheit, Macht und Freiheit für Deutschland zu fordern. Das Wiederaufleben deutschlandpolitischer Diskussionen und die beginnende Reorganisation der liberal-nationalistischen Bewegung machte deutlich, dass die reine Unterdrückungspolitik nicht in der Lage war, die Opposition zum Verschwinden zu bringen. Die Regierungen gingen Ende der fünfziger Jahre zu einer flexibleren Politik über, die auf die öffentliche Meinung wieder mehr Rücksicht nahm. Durch zufällige Ereignisse wie den Regentschaftswechsel in Preußen begünstigt, gelangten in verschiedenen deutschen Staaten Männer in Regierungsverantwortung, die den liberalen Forderungen kompromissbereit gegenüberstanden. Der preußische König Wilhelm I. ersetzte nach Übernahme der Regentschaft Anfang Oktober 1858 das reaktionäre Ministerium Manteuffel durch ein gemäßigteres unter Karl August von Hohenzollern-Sigmaringen. Er war der erste Katholik im Amt des Ministerpräsidenten und weckte in Westfalen deshalb besonders große Hoffnungen auf eine "Neue Ära". Ende 1858 kam es, weil zum ersten Mal die Abgeordnetenhauswahlen nicht manipuliert wurden und weil die Demokraten ihren Wahlboykott aufgaben, zu einer schweren Niederlage der Konservativen, die den Landtag in den 1850er Jahren beherrscht hatten. Das neue Abgeordnetenhaus wurde von gemäßigten Liberalen dominiert; ihr Fraktionsführer war der Westfale Georg von Vincke. Weil er die Politik des Abgeordnetenhauses maßgeblich bestimmte, nannte man ihn den "Kammerkönig".
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Kaiser Wilhelm I., 1889


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 Georg von Vincke (1811-1875), 1848
 
 
Die Gesellschaftsgeschichte des Deutschen Bundes in den Jahren 1858 bis 1864 ist vor allem durch die Entstehung und Ausbreitung neuer Organisationen charakterisiert. Die wichtigsten Entwicklungen dieser Zeit waren die Wiederbelebung von Parteistrukturen in Preußen und die Gründung des Deutschen Nationalvereins als erste Staaten übergreifende, politische Massenorganisation seit dem Centralmärzverein von 1848/1849. Beides wurde möglich durch die nachlassende Verfolgung der oppositionellen Presse und Vereine. Dass liberale Parteistrukturen im wichtigsten Bundesstaat Preußen entstanden und der Deutsche Bund die Reorganisation der Nationalbewegung tolerierte, ließ die Opposition wieder zu einem ernstzunehmenden politischen Faktor werden, der eine Mehrheit der Bürger für sein Programm gewinnen konnte.
 
 
 
Westfalen war eine Hochburg des Nationalvereins. Während in der Provinz nur knapp 9 % der preußischen Bevölkerung lebten, bedeuteten die 683 Mitglieder, die der Nationalverein 1860 in Westfalen hatte, 22 % der Gesamtmitgliedschaft. Im folgenden Jahr verzeichneten die westfälischen Ortsvereine ein überproportionales Wachstum auf 2.298 Mitglieder (27 % aller Mitglieder). Führende Männer des Nationalvereins in Westfalen waren der Glasindustrielle Theodor Müllensiefen in Crengeldanz (heute Witten) und der Arzt Heinrich Otto Lüning in Rheda.
 Brief  Lünings an Fedor Streit über die Arbeit des Nationalvereins in Westfalen
 
 
Anfang 1861, als Wilhelm zum König gekrönt wurde, ging eine kurze Periode zu Ende, in der die preußische Regierung propagandistisch und teilweise auch politisch auf die Ziele der Liberalen einging. Nachdem die liberale Mehrheit im Abgeordnetenhaus die von Wilhelm I. ganz oben auf seine politische Agenda gesetzte Heeresreform mit einer Erhöhung der Wehrpflicht von zwei auf drei Jahre und einer Schwächung der (stärker bürgerlich geprägten) Landwehr abgelehnt hatte, verschärfte der König den Ton. Anfang 1861 schloss sich der linke Flügel des Liberalismus mit den gemäßigten Demokraten zur "Fortschrittspartei" zusammen, die ebenso wie der Nationalverein das gesamte oppositionelle Spektrum vereinen und die Spaltungen aus der Revolutionszeit in Liberale und Demokraten überwinden wollte. An der Spitze der Fortschrittspartei standen vielfach bekannte Achtundvierziger - so in Westfalen der katholische Demokrat Benedikt Waldeck. Mit der Verschärfung der politischen Gegensätze und der Bündelung der Opposition in der Fortschrittspartei, die Ende 1861 einen glänzenden Wahlsieg einfuhr, waren die Weichen gestellt für den Verfassungskonflikt der Jahre 1862 bis 1866, in dem sich die Regierung Bismarck und die große Mehrheit des preußischen Bürgertums gegenüberstanden. Die meisten westfälischen Abgeordneten gehörten der gemäßigt liberalen "Fraktion Vincke" und der linksliberalen "Fraktion Bockum-Dolffs" an, die beide unter westfälischer Führung standen. Außerdem schlossen sich viele westfälische Abgeordnete der neu entstehenden katholischen Zentrumsfraktion an, zu deren Führern Hermann von Mallinckrodt gehörte.
 
 
 

4. Die Soester Konferenzen 1864-66:
ein Programm für den politischen Katholizismus

 
 
 
Westfalen war nicht nur eine der wichtigsten katholischen Regionen Preußens, sondern kann auch als das Ursprungsland der neben Demokratie, Liberalismus und Sozialismus vierten oppositionellen Strömung gelten, die sich in den 1860er Jahren in ganz Deutschland in Vereinen und dann als politische Partei organisierte: des politischen Katholizismus und der Zentrumspartei.

Nachdem bereits in der Revolutionszeit auch die Katholiken den Wegfall der Zensur und die neue Freiheit zur politischen Organisation genutzt hatten und überall in Westfalen (nach dem damaligen Papst benannte) Piusvereine entstanden waren, bildete sich 1852 im Abgeordnetenhaus eine katholische Fraktion, die in der Reaktionszeit Teil der Opposition war. Nach dem Regentschaftswechsel von 1858 ging die katholische Fraktion ins Regierungslager über, zumal ja erstmals ein Katholik Ministerpräsident war. Außerdem nannte sie sich nun "Zentrumsfraktion", um ihre Vermittlerposition zwischen der oppositionellen Linken und der regierungstreuen Rechten zu betonen. In der Polarisierung des preußischen Heeres- und dann Verfassungskonfliktes geriet das Zentrum als Mittelpartei unter die Räder. 1862/1863 schrumpfte die Fraktion von 50 auf 29 Mitglieder und bekam damit die Quittung für ihre Regierungstreue, die sie selbst unter dem extrem konservativen Ministerpräsidenten Bismarck durchgehalten hatte.
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Die Zentrumspolitiker der ersten Stunde: Ludwig Windthorst und Hermann von Mallinckrodt, in der Mitte Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, unten die Brüder August und Peter Reichensperger.
 
 
In dieser Krise luden führende westfälische Zentrumspolitiker um Hermann von Mallinckrodt, Wilderich von Ketteler und Alfred Hüffer für Januar 1864 zur ersten Soester Konferenz ein. Die Initiatoren wollten angesichts der Tendenz hin zu modernen Mitgliederparteien, die sich in der Gründung des Nationalvereins und der Sozialdemokratie zeigte, das Zentrum ebenfalls als Mitgliederpartei mit einem klaren politischen Programm reorganisieren. Sie sollte das gesamte katholische Sozialmilieu repräsentieren. Bis dahin bestand das Zentrum nur aus einer heterogenen Parlamentsfraktion ohne Programm und organisierte Basis. Die neun Soester Konferenzen, zu denen sich 1864-1866 rund hundert katholische Politiker in wechselnden Zusammensetzungen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit trafen, trugen wesentlich zur programmatischen Klärung innerhalb des politischen Katholizismus bei. Die sichtbarste Wirkung hatten die Konferenzen 1870, als bei einem weiteren Treffen das auf den Beratungen der Sechziger Jahre beruhende Soester Programm "Für Wahrheit, Recht und Freiheit" verabschiedet wurde, das im Wesentlichen vom Bauernführer Burghard von Schorlemer-Alst verfasst worden war und die Grundlage für das Programm der 1871 gegründeten Zentrumspartei bildete. Im Mittelpunkt stand - wie für die gesamte Politik der bis 1933 einflussreichen Partei: die Verteidigung der Rechte der Kirche gegen die moderne Staatlichkeit, insbesondere der Kampf um die Konfessionsschule, der Einsatz für einen föderalistischen Staatsaufbau sowie für den Ausgleich der Klassengegensätze und die Lösung der sozialen Frage auf der Basis der christlichen Lehre.
 
 
 

5. Der Westfälische Bauernverein:
die Erfindung des "Bauernstandes" als moderne Interessenpolitik

 
 
 
1862 begann mit der Gründung einer "Vereinigung von Grundbesitzern im Kreise Steinfurt" die Geschichte der Bauernvereinsbewegung in Westfalen. Die maßgebliche Initiative zu dieser Gründung war von dem Freiherrn Burghard von Schorlemer-Alst ausgegangen, der bis in die 1890er Jahre hinein die Entwicklung der westfälischen Bauernvereinsbewegung wesentlich bestimmt hat. Teils nach dem Vorbild der Steinfurter Vereinigung, teils unabhängig davon entstanden in den 1860er Jahren weitere Bauernvereine. Aus ihnen bildete sich 1871 der "Westfälische Bauernverein". Bereits bei seiner Gründung zählte der Verein 1.944 Mitglieder, knapp zehn Jahre später, 1880, waren es bereits 18.500, und kurz nach der Jahrhundertwende organisierte der Verein 27.800 Mitglieder.
 
 
 
Schorlemer und anderen katholischen Adeligen ging es mit ihren Organisationsbemühungen in erster Linie nicht um eine wirtschaftlich-politische bäuerliche Interessenvertretung. Bereits die Steinfurter Vereinigung verstand sich als eine allgemeinpolitische Organisation agrarischer Interessen nach katholisch-berufsständischen Prinzipien. Entsprechend ist der im Vergleich zu anderen katholischen Regionen frühe Beginn der Bauernvereinsbewegung in Westfalen nur zu verstehen vor dem Hintergrund des in den 1860er Jahren entstehenden katholischen Sozialmilieus und seiner Vereinsbewegung und unter Berücksichtigung der Besonderheiten des katholischen westfälischen Adels. Ihm ging es darum, eine Abwanderung der Bauern ins liberale Lager zu verhindern und sich, wenn schon nicht mehr als ländlich-feudale Herrschaftselite, so doch auch unter den modernen gesellschaftlichen Bedingungen als Führungsschicht auf dem Lande zu behaupten. In der Programmatik des Westfälischen Bauernvereins stand daher die Erziehung der Bauern zu einem "Stand" ganz im Vordergrund. Die Bauern sollten sich als eine politische Korporation organisieren, die sich über eine gemeinsame, explizit christliche Berufsethik, über Abstammung und Besitz definierte. Blättert man in der Zeitschrift des Vereins "Der westfälische Bauer", so zeigt sich deutlich, dass im Zentrum der Vereinsarbeit weniger agrarpolitische Themen oder ökonomische Interessenvertretung standen als gesellschafts- und sozialpolitische Fragen der bäuerlichen Familien.
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Burghard von Schorlemer-Alst (1825-1895), der Initiator des Westfälischen Bauernvereins


 Materialien zur Gründung des Westfälischen Bauernvereins
 
 
 

6. Die Neuordnung Deutschlands 1867-1871:
Vergrößerung Westfalens?

 
 
 
Im Kampf gegen die preußische Großmachtpolitik unter Bismarck und aufgrund der europäischen Machtkonstellationen erlitten seit 1862 nacheinander die verschiedenen deutschlandpolitischen Modelle Schiffbruch, die innerhalb der liberalen Einigungsbewegung und des politischen Katholizismus entwickelt worden waren. Denn die politischen Erfolge der Fortschrittspartei und der vom Nationalverein gesteuerten Einigungsbewegung vergrößerten insbesondere in Preußen keineswegs den Einfluss der bürgerlichen Gesellschaft auf die Regierungspolitik. Vielmehr zeigte die Regierung Bismarck der Opposition die Grenzen ihrer rechtlichen und demokratischen Strategie auf, die seit der Niederlage von 1849 eine Revolution nicht mehr ernsthaft ins Kalkül zog. Nach den Erfolgen des preußischen Militärs im deutsch-dänischen Krieg (1864) brach die liberale Einigungsbewegung auseinander. Die Erwartungen der Einen (der "Großpreußen") richteten sich zunehmend auf eine Nationalstaatsgründung durch das preußische Militär, während die Anderen (die meist katholischen "Großdeutschen" und "Föderalisten") zu Verteidigern des Status quo, also des ungeliebten Deutschen Bundes, wurden.
 
 
 
Westfalen beging 1865 den 50. Jahrestag des Anschlusses an Preußen. Die Jubiläumsfeier am 15.10.1865 in Münster bot ein Bild der Harmonie, aber nur weil die Rede, die der Repräsentant des westfälischen Adels, Clemens August von Westphalen hielt, von den preußischen Behörden zensiert worden war. Die Passagen, die sich aus großdeutsch-katholischer Warte kritisch mit der Deutschlandpolitik Bismarcks auseinander setzten, durfte er nicht verlesen. Jenseits des im Nationalverein organisierten nationalistischen (und meist protestantischen) Liberalismus waren die Westfalen - sowohl der Adel als auch die katholischen Mittelschichten (soweit sich deren politische Haltung im Nachhinein bestimmen lässt) - Gegner Bismarcks und seiner Deutschlandpolitik, die zunächst nur Norddeutschland unter preußische Vorherrschaft bringen und damit die mehrheitlich katholischen Gebiete Süddeutschlands und vor allem Österreichs ausschließen wollte.
 
 
 
Die Niederlage Österreichs und seiner Verbündeten im preußisch-deutschen Krieg von 1866 machte den Weg frei für die Bismarcksche Nationalstaatsgründung. Wie die deutsche Frage mit der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und nach dem deutsch-französischen Krieg mit der Gründung des Deutschen Reichs gelöst wurde, das lag jenseits der seit 1849 diskutierten Alternativen: Der Norddeutsche Bund bzw. das Deutsche Reich waren weder ein großpreußischer Einheitsstaat noch ein Bundesstaat im Sinne der Reichsverfassung von 1849 noch eine Weiterentwicklung des Deutschen Bundes von 1815. Vielmehr waren sie als Fürstenbünde Gebilde, die keine politische Strömung der 1850er und 1860er Jahre gewollt hatte. Hermann von Mallinckrodt brachte in den Verfassungsberatungen des Norddeutschen Reichstags die Vorbehalte seiner westfälischen Wähler gegen die Bismarcksche Politik in scharfen Worten zum Ausdruck: Der Bruderkrieg von 1866 sei ein Unrecht gewesen; derartige Verletzungen geheiligter Rechtsgrundsätze könnten Deutschland auf Dauer nur ins Unglück stürzen.
 
 
Im Bürgertum hingegen hofften manche, nach dem Sieg der Preußen von 1866 den Traum von "Großwestfalen" mithilfe des ungeliebten Ministerpräsidenten Bismarck realisieren zu können und damit verbesserte Absatzchancen für Industrie und Handel zu erreichen. Man hoffte, die katholischen Gebiete des besiegten und von Preußen annektierten Königreichs Hannover als vierten Regierungsbezirk an Westfalen anschließen zu können. 1866/1867 verhandelte der westfälische Oberpräsident Franz von Duesberg mit Berlin über den Anschluss der Bezirke Osnabrück und Ostfriesland an Westfalen; auch westfälische Abgeordnete unterschiedlicher Richtung - der Liberale von Vincke wie der Demokrat Waldeck - forderten die Annexion. Im März 1867 entschied das preußische Staatsministerium sich jedoch "einstweilen" gegen eine Änderung der Provinzgrenzen.
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Die hannoverschen Landdrosteien Aurich und Osnabrück 1866


Aloys Schulte: Ausgewählte Quellen zur geplanten Erweiterung Westfalens 1867-1869
 
 
 

7. Literatur

7.1 Allgemeine Geschichte

Biefang, Andreas
Politisches Bürgertum in Deutschland 1857-1868. Nationale Organisationen und Eliten. Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 102. Düsseldorf 1994.

Brandt, Harm-Hinrich
Deutsche Geschichte 1850-1870. Entscheidung über die Nation. Stuttgart 1999.

Jansen, Christian
Einheit, Macht und Freiheit. Die Paulskirchenlinke und die deutsche Politik in der nachrevolutionären Epoche (1849-1867). Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 119. Düsseldorf 2000.

Jansen, Christian (Bearb.)
Nach der Revolution 1848/49: Verfolgung - Realpolitik - Nationsbildung. Politische Briefe deutscher Liberaler und Demokraten aus den Jahren 1849-1861. Düsseldorf 2004.

Lenger, Friedrich
Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung (1849-1870er Jahre). Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 15. 10. Aufl. Stuttgart 2003.
 
 
 

7.2 Westfälische Geschichte

Behr, Hans-Joachim
Die Provinz Westfalen und das Land Lippe 1813-1933. In: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte, Bd. 2: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Politik und Kultur, Düsseldorf 1983, S. 45-164.
Wie das gesamte Werk enthält auch der Beitrag von Behr die Basisinformationen zur politischen und Sozialgeschichte Westfalens. Zugleich stellt er die einzige detailliertere Überblicksdarstellung dar und ist damit auch 20 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch empfehlenswert.

Ditt, Karl / Gudermann, Rita / Rüße, Norwich (Hg.)
Agrarmodernisierung und ökologische Folgen. Westfalen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 40. Paderborn 2001.
Wichtiger und breit angelegter Sammelband zur agrarischen Transformation in Westfalen unter umweltgeschichtlicher Perspektive; wichtig für alle, die sich mit dem ländlichen Westfalen befassen. Sehr hilfreich für weitere Recherchen ist das ausführliche Literaturverzeichnis (S. 769-804).

Düwell, Kurt / Köllmann, Wolfgang
Rheinland-Westfalen im Industriezeitalter. Beiträge zur Landesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 1. Wuppertal 1983.
Ein sehr heterogener Sammelband, in manchem auch nicht mehr ganz aktuell, aber - solange es nichts Besseres gibt - ein unverzichtbarer Band. Der Schwerpunkt liegt stärker auf städtisch-industriellen Phänomenen und Entwicklungen, ohne dass das agrarische Westfalen allerdings völlig zu kurz kommt. In diesem Kontext ist zur nachrevolutionären Epoche der Beitrag von Heinz Reif über "Adel und landwirtschaftliches Vereinswesen im katholischen Westfalen 1819-1862" (S. 39-60) besonders empfehlenswert.

Hohmann, Friedrich Gerhard
Die Soester Konferenzen 1864-1866. Zur Vorgeschichte der Zentrumspartei in Westfalen. In: Westfälische Zeitschrift 114, 1964, S. 293-342.

Reif, Heinz
Westfälischer Adel 1770-1860. Vom Herrschaftsstand zur regionalen Elite. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 35. Göttingen 1979.
Wer es ausführlich und genau haben will, greift zur Untersuchung von Reif über den westfälischen, vor allem den münsterländischen Adel. Bis heute ein grundlegendes Buch zur - nicht nur westfälisch-katholischen - Adelsgeschichte, das eine Fülle von Perspektiven zu einer sozial- wie mentalitätsgeschichtlich anregenden Studie zusammenführt.

Stambolis, Barbara
Religiöse Festkultur. Zu Umbruch, Neuformierung und Geschichte katholischer Frömmigkeit in der Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Geschichte und Gesellschaft 27, 2001, S. 240-273.
Es geht um einen in dem vorstehenden Einführungstext vernachlässigten, wichtigen Aspekt bei der Entstehung des katholischen Sozialmilieus in Westfalen: die Entwicklung einer eigenen, gegen die liberal-nationalen Feste gerichteten modernen Festkultur.

Teuteberg, Hans Jürgen
Vom Agrar- zum Industriestaat (1850-1914). In: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte, Bd. 3: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Wirtschaft und Gesellschaft, Düsseldorf 1984, S. 163-312.
Geboten werden solide wirtschaftsgeschichtliche Basisinformationen mit zahlreichen Tabellen, die die älteren Forschungen zur westfälischen Agrargeschichte souverän zusammenfassen.
 
 
 
Stand des Haupttextes: 2004.