Themen > Der Raum Westfalen in der Historiographie des 20. Jhs.


 

1. Raumverständnisse

 
 
 
Westfalen - ein Raum mittlerer Größenordnung - ist im 20. Jahrhundert vor allem als politischer Raum (Territorium), als Stammes- und Kulturraum, d. h. als Siedlungsgebiet der Westfalen sowie als Verbreitungsgebiet spezifischer materieller Zeugnisse, Verhaltensweisen und Einstellungen, als Wirtschaftsraum und als Bewußtseinsraum, d. h. als traditionsgestütztes Konstrukt des Bewußtseins gefaßt worden. Die Entstehung und Bedeutung des jeweiligen Raumverständnisses soll im folgenden näher erläutert werden.
 
 
 
 

2. Politischer Raum

 
 
 
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert behandelten die Historiker entsprechend der Dominanz der politischen Geschichtsschreibung unter Raum vor allem den politischen Raum, das Territorium. Es war Machtbereich eines Herrschers; seine Grenzen waren Verwaltungs-, Rechts-, Zoll- und Verteidigungsgrenzen und prägten damit das Bewußtsein und das Handeln ihrer Bewohner. Einen eigenständigen politischen Raum Westfalen hat es in der Geschichte nicht gegeben; ein "Territorium" Westfalen mit genauen politischen Grenzen wurde erst im Jahre 1815 geschaffen, als der preußische Staat verschiedene kleinere Territorien zu einer seiner zwölf Provinzen zusammenfaßte.

Das Gebiet der preußischen Provinz Westfalen, das - im Jahre 1947 durch das ehemalige Fürstentum Lippe erweitert - als Landesteil Nordrhein-Westfalens und Verwaltungsraum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe fortdauert, bestimmt auch heute noch das gängige räumliche Verständnis von Westfalen.
 
 
 
 

3. Stammesraum

 
 
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Absetzung von der politischen, auf die Herrscher gerichteten Geschichtsschreibung die Stammes- und Volksgeschichte. Sie setzte in der Zeit der Völkerwanderung an. Durch die Untersuchung der germanischen Stämme und ihrer Siedlungsgebiete erhoffte sie einerseits Erkenntnisse über die Anfänge und "das Wesen" des deutschen Volkes, andererseits Aufschluß über die Anfänge der regionalen Gliederung Deutschlands zu erhalten. Den Stämmen wurden unterschiedliche Charakteristika zugeschrieben; ihre Siedlungsgebiete erschienen als der Kern von Landschaften, die sich ungeachtet aller Aufgliederungen in Territorien bis in das Bewußtsein der Gegenwart erhalten hätten. Mit dieser Stammesforschung begann eine Ethnisierung des Raumes. Stamm und Raum wurden zu zentralen Faktoren einer historiographischen Identitätsbildung.

Für Westfalen stellte die Geschichtsschreibung fest, daß ein "westfälischer" Raum zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert durch das Zusammenwachsen von sächsischen Teilstämmen, die aus dem Norden eingewandert seien, mit einer ansässigen, ebenfalls in mehrere germanische Stämme gegliederten Bevölkerung entstanden sei. Dabei hätten sich zunächst Stammes- und Siedlungsräume der Westfalen, Engern und Ostfalen gebildet; der Stammesname der Westfalen sei dann seit dem 13. Jahrhundert auf die Engern und ihr Siedlungsgebiet übertragen worden und habe den Raum Westfalen konstituiert, während die Ostfalen, die das Gebiet zwischen Weser und Elbe besiedelt hätten, ihren Namen eingebüßt hätten. Angesichts der Bindung des Raumverständnisses an die Siedlungsgebiete germanischer Stämme waren jedoch Stammes- und Landesgeschichte mit einer genaueren Raumabgrenzung der Westfalen überfordert. Sie mußten deshalb hilfsweise auf politische Raumangaben aus Urkunden, also auf Kirchen-, Herrschafts- und Rechtsbezirke, sowie auf frühe historiographische Zeugnisse und Karten zurückgreifen. Damit kamen sie zu flexiblen Grenzen, die sich weitgehend an dem wechselhaften Verständnis eines territorialen Sammelgebildes Westfalen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit orientierten.
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Die territoriale Gliederung Nordwestdeutschlands - vor (1801) (oben) und nach der Neugliederung (1815) (unten) durch den Wiener Kongress


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Altsachsen zur Zeit Karls des Großen, um 800
 
 
 

4. Kulturraum

 
 
 
Einen Ausweg aus den Schwierigkeiten, Stammesräume geographisch genauer zu bestimmen, und zugleich eine Methode, das "Stammeswesen" nicht mehr nur subjektiv romantisierend, sondern empirisch-objektiv zu erfassen, schien die seit den 1920er Jahren entstehende Kulturraumforschung zu eröffnen. Auch sie gliederte die Menschen in Stämme. Durch das jahrhundertelange, seit der Seßhaftwerdung nach der Völkerwanderung datierende Zusammenspiel von Menschen einer bestimmten "Rasse" mit einem spezifischen Naturraum habe sich eine Symbiose von Mensch und Natur entwickelt, die etwa seit der Jahrtausendwende nicht nur zu bestimmten "Stämmen", sondern auch zu Kulturräumen mit eigenen Traditionen und Prägekräften geführt habe. Der Kulturraum wurde damit zu einer Ganzheit, der sowohl naturräumliche und anthropologische als auch historisch-kulturelle Einflüsse vereinte. Mit dieser Verbindung übe er auf die ansässige und zuziehende Bevölkerung einen Einfluß sui generis aus. Die Eigenart von Kulturräumen, einem Ensemble von Kulturlandschaften und Geschichtslandschaften, zeige sich häufig auch dann noch, wenn sich die formenden Stämme schon lange aus ihrem ursprünglichen Siedlungsraum zurückgezogen hätten oder wenn sie durch politische Entscheidungen in einzelne Territorien aufgespalten oder neu zugeordnet worden waren.

Derartige Räume, so die Kulturraumforscher, sollten von den Geisteswissenschaften empirisch-statistisch aus größeren Raumausschnitten ermittelt und interpretiert werden. So sollten etwa Mundarten und Flurnamen, Haus- und Siedlungstypen, Gebräuche und Rechtsformen, künstlerische und literarische Eigenarten auf Gemeinsamkeiten hin untersucht werden. Daraus würden sich Verbreitungs- und Verdichtungsräume der einzelnen Elemente und aus der Überschneidung dieser Räume der Kern eines Kulturraumes sowie seine Grenzen bzw. Übergangszonen zu anderen Kulturräumen ergeben. Den sich seit der Völkerwanderungszeit herausbildenden Räumen wurde wiederum ein Prägekraft sui generis für ihre Bewohner zugesprochen.
 
 
 
Westfalen wurde - nach dem Rheinland - zum zweiten Exerzierfeld der Kulturraumforschung. Hermann Aubin, ihr historiographischer Protagonist, formulierte für das vom Provinzialverband Westfalen im Jahre 1929 in Auftrag gegebene Werk "Der Raum Westfalen" die grundlegenden Leitfragen: "Ist innerhalb Nord-Westdeutschlands ein Raum Westfalen zu erkennen, der durch innere Verbundenheit zusammenhängt, der sich zugleich durch seine Besonderheiten von seiner Umwelt abhebt? Worin bestehen seine Gemeinsamkeiten und Besonderheiten? Was hat sie begründet? Wo liegen die Grenzen dieses Raums?"* Zur Beantwortung dieser Leitfragen wurde in historischen Durchgängen von der Früh- und Vorgeschichte bis zur Gegenwart eine Vielzahl von Elementen aus Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik bis hin zu anthropologischen Merkmalen der Bewohner in ihrer räumlichen Verbreitung innerhalb Nordwestdeutschlands untersucht; die Ergebnisse wurden zwischen 1929 und 1996 in insgesamt 13 Bänden niedergelegt.
* Vgl. Hermann Aubin u. a. (Hg.), Der Raum Westfalen, Bd. I: Grundlagen und Zusammenhänge, Berlin 1932, S. 2

Volltext: Hermann Aubin,  Geschichtliche Enwicklung, Berlin 1931
 
 
Überblickt man sie, so zeigt sich, daß innerhalb Nordwestdeutschlands je nach Untersuchungsgegenstand und Zeit sehr unterschiedliche Räume ermittelt wurden. Bezeichnenderweise wagten es die Herausgeber des sog. Raumwerks letztlich nicht, einen zeitübergreifenden Kernraum zu benennen. Das Problem, daß sich die Verbreitungsräume der einzelnen kulturellen Phänomene kaum deckten, wurde wohl gesehen, aber nicht bewältigt. Dafür waren zumindest zwei Schwächen der Kulturraumforschung ausschlaggebend. Zum ersten wurde unter Kultur im wesentlichen "Volkstum" verstanden: Einem Volk oder Stamm wurde ein einheitliches "Wesen" zugesprochen, das zumeist auf einen "Zusammenklang" von Rasse, Landschaft und Geschichte zurückgeführt wurde. Danach hätte jegliche Kulturerscheinung Aufschlüsse über den "Raum Westfalen" und "die Westfalen" geben müssen. Die Differenzen der Verbreitungsgebiete der Kulturerscheinungen zeigten jedoch, daß diese Folgerung nicht zutraf. Die soziale Differenzierung von Volk und Stamm, die derartige Differenzen vielleicht hätte erklären können, unterblieb jedoch, hätte sie doch die Auffassung von der Einheitlichkeit des Volkstums in Frage gestellt.
 
 
 
Zum zweiten fehlte es an einem Maßstab für die erforderliche Verbreitungsdichte von Kulturelementen, die für die Konstituierung eines Kulturraumes als erforderlich anzusehen waren. Zudem hätte die Verbreitung der Erscheinungsweise eines Kulturelementes kartiert und durch die Verbreitung der Erscheinungsweise eines ähnlichen Kulturelementes aus einer anderen Richtung, womöglich gegenläufigen Quelle gleichsam kontrolliert werden müssen. Aus der Feststellung sich überlappender oder konfligierender Verbreitungsgebiete wären Überlappungs- und Grenzzonen zwischen Kulturräumen hervorgetreten. Dazu kam es jedoch nicht. Vorherrschend war vielmehr die einseitige Raumerfassung, die die Kulturraumforscher gerade während des Dritten Reichs zu kühnen Interpretationen eines germanischen Raumes veranlaßte. Auch die Ausdehnungen eines "Raumes Westfalen" wurden überschätzt. Die Herausgeber des "Raumwerks" thematisierten diese Probleme nicht bis zur letzten Konsequenz. Aubin "löste" sie faktisch bereits zu Beginn des Projektes, indem er im ersten Raumwerkband in idealtypischer Weise vier Westfalenbegriffe entwickelte, die in chronologischer Abfolge unterschiedliche Räume beschrieben. Diese Begriffe wurden faktisch zu Leitlinien der Arbeit zahlreicher Raumwerkbeiträger.
 
 
 
  • Das erste Westfalen der fränkisch-sächsischen Zeit sei das Siedlungsgebiet des sächsischen Teilstamms der Westfalen gewesen und habe sich zwischen Friesland, Rheinfranken, Hessen (ohne Siegerland) und Engern, d. h. nicht bis an die Weser erstreckt.
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Altsachsen zur Zeit Karls des Großen, um 800

 
 
  • Im zweiten Westfalen, das vom 12. bis zum 16. Jahrhundert bestanden habe, seien die Engern bis zur Weser mit den Westfalen verschmolzen; die Bevölkerung dieses Raumes habe ein kulturelles Gesamtbewußtsein entwickelt, dessen Ausdehnung durch die Gebiete der Bistümer Münster, Paderborn, Minden und Osnabrück, die Verbreitung der Vemegerichte, des aus Köln stammenden westfälischen Stadtrechts und des wirtschaftlichen Bündnisses der Hansestädte bestimmt worden sei.
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Die Interessengebiete Kölns und Braunschweigs nach dem Vertrage von 1260 und die stadtrechtliche Verflechtung Westfalens

 
 
  • Das dritte Westfalen sei durch den im Jahre 1512 geschaffenen westfälischen Reichskreis bestimmt worden, d. h. durch einen Gebiet zwischen Maas und Weser, der Nordsee und Hessen.
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Der Westfälische Reichskreis (1512-1806)

 
 
  • Das vierte Westfalen habe aus der 1815 geschaffenen preußischen Provinz Westfalen bestanden.
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Westfalen nach dem Wiener Kongreß
 
 
 

5. Wirtschafts- und Sozialraum

 
 
 
In der Frühzeit der Bundesrepublik setzte sich innerhalb der Geschichtswissenschaft ein neues Paradigma durch. Die Volks- und Kulturraumforschung trat aufgrund ihrer zweifelhaften Grundbegriffe und ihrer Ideologieträchtigkeit zurück; statt dessen erhielt die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Aufschwung, die vor allem das bislang kaum behandelte Zeitalter der Industrialisierung in den Blick nahm. Dabei wurde in den 1960/70er Jahren häufig von der Annahme von Marx und Engels ausgegangen, daß die Wirtschaft die letztlich entscheidende Determinante der gesellschaftlichen Entwicklung und ihres kulturell-ideologischen "Überbaus" sei. Dementsprechend betonte der englische Wirtschaftshistoriker Sidney Pollard, daß der Prozeß der Industrialisierung anfangs kein nationaler, d. h. von politischen Räumen abhängiger, sondern ein regionaler Prozeß gewesen sei, der von spezischen wirtschaftlich-sozialen Konstellationen ausgegangen sei. Er sei auch nicht von einem Land zum anderen Land "gewandert" sei, sondern einem Buschfeuer gleich von Region zu Region gesprungen.

Für Westfalen wurde die Frage nach den Wirtschafts- und Sozialräumen erstmals systematisch von Stefanie Reekers in den 1960/70er Jahren gestellt. Auf Anregung des Geographen Peter Schöller machte sie in einer noch ganz territorial ausgerichteten Bestandsaufnahme die wirtschaftliche Heterogenität dieses Raumes vor Beginn der Industrialisierung deutlich. Schöller selbst konstatierte, daß für Westfalen - im Unterschied zum Rheinland - Versuche, die verschiedenen industriellen und landwirtschaftlichen Räume auf eine Achse, etwa auf den Hellweg, zu beziehen, nicht sinnvoll seien.
 
 
 
Dagegen hatten vor allem der Kölner Wirtschaftshistoriker Bruno Kuske im Jahre 1931, aber auch der Geograph Wilhelm Müller-Wille im Jahre 1952 für das 20. Jahrhundert die wirtschaftliche Zentralitätsstellung des Ruhrgebiets für Westfalen hervorgehoben; sie sprachen vom Glacis bzw. Konsumgütergürtel der angrenzenden Regionen. In der Tat beeinflußte das Ruhrgebiet seit dem späten 18. Jahrhundert, vor allem aber zwischen der Mitte des 19. und 20. Jahrhunderts, als industrielles Produktionszentrum, Verkehrsknotenpunkt, Arbeitsmarkt und Konsumraum in wechselnder Intensität mehrere westfälische Wirtschaftsregionen. Jedoch beschränkten sich weder das Ruhrgebiet noch sein Hinterland auf Westfalen, vielmehr reichten sie weit in das Rheinland hinein bzw. in alle Himmelsrichtungen weit darüber hinaus: Der dadurch gebildete Wirtschaftsraum überdehnte den Begriff Westfalen bei weitem. Zudem gingen die angrenzenden Wirtschaftsregionen keineswegs in der Funktion eines Hinterlandes für das Ruhrgebiet auf.
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Skizze der wirtschaftlichen Verflechtung des Ruhrgebietes mit dem übrigen Land Nordrhein-Westfalen, 1947 / Versorgungs-Nahkreis des Ruhrreviers, 1952

Volltext: Wilhelm Müller-Wille,  Westfalen, Münster 1952
 
 
Der seit der Mitte des 20. Jahrhunderts von den Geographen entwickelte Ansatz, einer Stadt und ihren Zentralitätsfunktionen, d. h. ihren Überschuß- und insbesondere Dienstleistungsfunktionen wie etwa dem Einzelhandels- oder Verwaltungsbesatz, eine raumstrukturierende Kraft für ihren Einzugsbereich zuzuweisen, kam für diesen Raum Westfalen nicht in Frage, da keine der westfälischen Städte eine entsprechende Metropolenfunktion ausgebildet hatte: Charakteristisch war vielmehr die urbane Polyzentralität Westfalens und die Heterogenität seiner Wirtschaftsregionen. Der Geograph Wilhelm Müller-Wille sah deshalb in der Existenz und Lage mehrerer Städte die entscheidende Kraft für die Konstituierung Westfalens. Für die Zeit bis zum frühen 19. Jahrhundert wies Müller-Wille vor allem den Städtepaaren Minden/Paderborn, Dortmund/Soest und Münster/Osnabrück raumbildende Kräfte für die Konstituierung Westfalens zu.
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Stadtrechtskreise und Hauptorte
 
 
Dabei fällt jedoch auf, daß der südwestfälische Raum, d. h. das Sauerland und vor allem das seit 1817 politisch zu Westfalen gehörende Siegerland und Wittgenstein, nur zum Teil oder gar nicht im Einzugsbereich dieser Städte lag, daß er vielmehr in seiner Entwicklung in hohem Maße durch das rheinische Köln bestimmt wurde. Obwohl im Industriezeitalter die Anbindung Südwestfalens an die Ruhrstädte deutlich zunahm, bleibt das Kriterium der Raumstrukturierung und -abgrenzung Westfalens durch Städte unzureichend, ganz abgesehen davon, daß westfälische Gemeinsamkeiten dieser Städte zu benennen wären.
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Territorial-städtische Bezirke und Hauptorte, 1800
 
 
Aus wirtschaftlicher Perspektive erscheint vielmehr derjenige Weg, der seit den 1950er Jahren von den Geographen, seit den 1980er Jahren dann auch von den Landesplanern eingeschlagen wurde, am sinnvollsten: Sie gliederten Westfalen additiv in sieben bis zehn Wirtschaftsregionen. Angesichts der Vielzahl und unterschiedlichen Dynamik der Wirtschaftsregionen innerhalb Westfalens und des sich vergleichsweise schnell wandelnden wirtschaftlichen Raumgefüges ist die wirtschaftliche Perspektive jedoch - bei aller Determinationskraft der wirtschaftlichen Strukturen und Entwicklungen - letztlich nicht geeignet, um einen Raum unter dem Namen Westfalen zu bilden.
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Regionale Gliederung des Landes Nordrhein-Westfalen (Skizze)
 
 
Damit entfallen auch die Möglichkeiten, von einem gesamtwestfälischen Wirtschaftsraum her entsprechende soziale, kulturelle oder politische Strukturen zu erklären. Nach der Behauptung eines Stammesraumes hat es auch keinen Versuch mehr gegeben, Westfalen als einheitlichen Sozialraum zu fassen: Zu deutlich waren etwa die Gegensätze zwischen dem katholischen Münsterland und dem Paderborner Raum einerseits, den protestantischen Randzonen Minden-Ravensberg, Lippe, der Mark und dem Siegerland andererseits; zu stark auch die Unterschiede zwischen der Agrar- und der Industriebevölkerung im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
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Religionszugehörigkeit in Westfalen und Lippe, 1858
 
 
 

6. Bewußtseinsraum

 
 
 
In den 1980er Jahren entwickelten sich neue Formen der Kulturgeschichte, die z. T. Reaktionen auf Defizite der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte waren. Ausgehend von der in sozialgeschichtlichen Studien gewonnenen Erkenntnis, daß das Denken und Handeln sozialer Gruppen vielfach nicht ihrer Lage oder ihren objektiven Interessen entsprachen, betonten die Kulturhistoriker, daß das Bewußtsein von vielfältigen persönlichen oder weltanschaulich-ideologischen Vorstellungen und Traditionen geprägt sei, die als Filter oder Prisma zwischen Lage, Interesse und Handlung fungierten. Einer dieser Filter, für manche aber auch ein Einflußfaktor sui generis, war das Raumbewußtsein sozialer Gruppen.
 
 
 
Westfalen gehört zu den Gebieten, dessen Bevölkerung frühzeitig ein starkes Raum- und Identitätsbewußtsein zugeschrieben wurde. Einer der ersten, die darauf hinwiesen und es zu bestimmen versuchten, war ein Mitarbeiter am Werk "Der Raum Westfalen", Paul Casser. Er bezeichnete das Westfalenbewußtsein ganz im Sinne des Ansatzes der Kulturraumforschung als "eine geistig-seelische Wirklichkeit", die "aus dem Zusammenklang von Stamm, Landschaft und Geschichte... Wirklichkeit geworden [sei]. Sie hat den Westfalen ein Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit gegeben, in ihnen ein Bewußtsein ihrer westfälischen Wesensart entwickelt ... Dieses Westfalenbewußtsein ist in der Geschichte westfälischen Lebens als eine bindende Kraft wirksam geworden". Konkreter sah Casser als Ursprung des "westfälische[n] Sonderbewußtsein[s]" die sächsische Gemeinschaft des 8. Jahrhunderts an, die die Bewohner dieses Raumes veranlaßt habe, um ihre politische Selbständigkeit, ihre völkische Freiheit und Region zu kämpfen."* Zu den geographischen Grenzen dieses Westfalenbewußtseins stellte er nach einer Auswertung der Raumvorstellungen in literarischen und historiographischen Zeugnisse des 13. bis 20. Jahrhunderts fest, daß sie im großen und ganzen Aubins zweitem Westfalen entsprächen. Im Norden reiche das Westfalenbewußtsein bis nach Ostfriesland, im Osten bis zur Weser zwischen Bremen und Hessen, im Süden bis Hessen und im Westen bis an den Rhein bei Köln und bis an die Niederlande. In der Tat läßt sich für Westfalen spätestens seit dem 15. Jahrhundert eine Raumvorstellung und stereotype Vorstellungen dessen, was "westfälisch" sei, nachweisen. Bis zum späten 18. Jahrhundert dürften sich diese Raum- und "Wesens"-Vorstellungen jedoch im wesentlichen auf den Rezeptionskreis literarisch-historiographischer Schriften, das regionale Raumbewußtsein der Bevölkerung vor allem auf das Wissen und das Gefühl der Zugehörigkeit zur jeweiligen Territorialherrschaft beschränkt haben.
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'Westfalen' in der Literatur des 13. bis 17. Jhs. ...


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... und des 18. bis 20. Jhs.


* Paul Casser, Das Westfalenbewußtsein im Wandel der Geschichte. In: Hermann Aubin/Eduard Schulte (Hg.), Der Raum Westfalen, Bd. II, 2: Untersuchungen zu seiner Geschichte und Kultur, Berlin 1934, S. 212f.
 
 
Für das 19. und 20. Jahrhundert hat Heinz Gollwitzer zu Recht darauf hingewiesen, daß für die Begründung von Raumbewußtsein die Konstituierung Westfalens als preußischer Provinz im Jahre 1815 wirkungsmächtiger als das Intellektuellenbewußtsein des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit gewesen sei. Erst jetzt war die Zeit reif, daß sich auch in breiteren Kreisen der Bevölkerung ein Westfalenbewußtsein entwickelte. Gefördert wurde es - abgesehen von dem aufkommenden Nationalismus und romantischen Stammesdenken - dadurch, daß dieser Raum zum ersten Mal politisch klare, wenn auch gegenüber dem historiographischen Raumbewußtsein deutlich engere Grenzen erhielt. Ihre Bedeutung erfuhr die Bevölkerung alltäglich durch die Tätigkeit der preußischen Verwaltung. Hinzu kam, daß das Westfalenbewußtsein in den katholischen Regionen durch mehrere Konflikte zwischen Katholischer Kirche und Preußischem Staat geschürt wurde, da die Kirche ihre Gläubigen auch als "Westfalen" hinter sich zu vereinigen suchte.
 
 
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts trug dann die Entstehung der Heimatbewegung, deren Zielsetzungen in zunehmendem Maße von der Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen unterstützt und übernommen wurden, dazu bei, daß sich Vorstellungen von einem westfälischen "Wesen" und Raum - vor allem im zivilisationskritisch-völkisch geprägten Bürgertum - durchsetzten. Das Bewußtsein eines Kulturraumes Westfalen überlebte zunächst auch das Aufgehen der Provinz in dem neu gebildeten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Denn Westfalen blieb als Landesteil mit einer eigenen kommunalpolitischen Dachorganisation, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, bestehen. Dieser Verband berief sich wiederum zur Begründung seiner Existenz, die innerhalb des Bundesgebietes verwaltungspolitisch eine Ausnahme bildete, u. a. auf die Existenz eines Kulturraumes Westfalen und einer Bevölkerung mit einem entsprechend lebendigen Raumbewußtsein. Im Unterschied zu seiner Vorgängerorganisation, dem Provinzialverband Westfalen, verknüpfte er damit jedoch keine Forderungen auf territoriale Erweiterung, sondern beschränkte sich darauf, innerhalb der gegebenen politischen Grenzen seinen Geltungsbereich und das Westfalenbewußtsein mit kulturräumlichen Argumenten zu stärken.
 
 
 
 

7. Zusammenfassung

 
 
 
Das historiographische Interesse am Raum, sein Verständnis und die Bewertung seines historischen Einflusses hingen im 20. Jahrhundert wesentlich von dem jeweiligen historiographischen Ansatz ab. Dementsprechend standen anfangs Territorien, d. h. politische Gebilde, im Vordergrund, dann, mit der Aufwertung des Volkes zu einer eigenen geschichtsmächtigen Größe, Stammes- und Kulturräume und schließlich, mit dem Glauben an die Wirtschaft als Determinante sozialer Prozesse, die Wirtschafts- und Sozialräume. Die entsprechenden Räume und Grenzen wurden in der Regel aus der Verbreitung materiell homogener Zeugnisse und Strukturen interpretiert und ihnen jeweils eine mehr oder weniger umfassende Determinationskraft für das Denken und Handeln der Bewohner zugesprochen.

Eine radikale Abkehr von diesen materialistischen Ansätzen der Raumbestimmung erfolgte in den 1980er Jahren mit dem Aufkommen der Kulturgeschichte. Jetzt setzte sich die Auffassung durch, daß für die Raumbestimmung weniger die Verbreitung einzelner empirisch faßbarer Indikatoren als vielmehr ein sozialspezifischer oder interessengeleiteter Prozeß der Vorstellung und Sinngebung ausschlaggebend sei. Dieser vereinige die Kriterien der Verbreitung materieller Artefakte, historische Raumbegriffe sowie Kommunikations- und Handlungsbeziehungen in jeweils spezifischer Weise.

Den westfälischen Territorien fehlte bis zu ihrer Integration als preußische Provinz ein gemeinsamer politischer und damit präzise abgrenzbarer Raum. Der Versuch, Westfalen ersatzweise als Kulturraum zu fassen, ergab dagegen changierende Grenzen, da man sich auf kein sicheres, umfassendes Kriterium oder Kriteriumbündel verständigen konnte, mit dessen Hilfe ein Raum als westfälisch bezeichnet werden konnte. Aus wirtschaftlicher Perspektive war Westfalen heterogen und zerfiel in verschiedene Regionen. Schließlich war Westfalen in vorindustrieller Zeit auch als Raum des Bewußtseins flexibel und wohl nur den Gebildeten ein Begriff. Erst als Westfalen räumlich durch die Zusammenfassung zu einer preußischen Provinz konstituiert worden war, konnte sich ein allgemeines Raumbewußtsein entwickeln. Es orientierte sich im wesentlichen an den neuen politischen Grenzen. Nur im Norden, wo das Niederstift Münster von dem gleichnamigen Bistum abgetrennt worden war ("Oldenburger Münsterland"), dauerte das Gefühl der Verbundenheit noch eine Zeitlang an, während im Süden die Bevölkerung des nach Hessen zugewandten Siegerlandes eine Weile brauchte, um die Zugehörigkeit zu Westfalen zu akzeptieren.

Heute wird das inhaltliche und räumliche Westfalenbewußtsein im wesentlichen durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe und die von ihm geförderten Kulturorganisationen lebendig erhalten; sie konnten bislang in Zeiten der "Bedrohung" dieses Raumes und dieser Organisation Kreise der Wirtschaft, Kultur und Politik erfolgreich für deren Verteidigung mobilisieren. Es scheint jedoch, daß die aus dem historischen Arsenal dafür aufgebotenen Charakteristika, die bis in das Frühmittelalter zurückgeführt werden, zunehmend als Relikte angesehen werden. Dieses veraltende Westfalenbewußtsein hat seit den 1980er Jahren dazu beigetragen, daß die nordrhein-westfälische Landesregierung Initiativen entwickeln konnte, die nicht nur der Förderung eines Landesbewußtseins dienen, sondern die auch zu wirtschaftlichen und kulturellen Regionalisierungsprozessen führen sollten. Sie wurden in einzelnen Regionen wohlwollend rezipiert und z. T. mit den Traditionen alter westfälischer Territorien verknüpft. Die Argumentation mit einem traditionell gefaßten "Kulturraum Westfalen" wird damit zunehmend zu einem Relikt und stärkt einen Mythos; die Entwicklung eines "modernisierten" Westfalenbewußtseins ist bislang ausgeblieben.
 
 
 
 

8. Literatur

 
 
 

8.1 Allgemeine Literatur zu Formen des geographischen und historischen Raumverständnisses

 
 
 
Aubin, Hermann / Frings, Theodor / Müller, Josef
Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden. Geschichte. Sprache. Volkskunde. Bonn 1926. (ND Darmstadt 1966).

Aubin, Hermann
Gemeinsam Erstrebtes. Umrisse eines Rechenschaftsberichtes. In: Ders., Grundlagen und Perspektiven geschichtlicher Kulturraumforschung und Kulturmorphologie. Aufsätze zur vergleichenden Landes- und Volksgeschichte aus viereinhalb Jahrzehnten anläßlich der Vollendung des 80. Lebensjahres des Verfassers in Verbindung mit Ludwig Petry (Mainz) hg. v. Franz Petri, Bonn 1965, S. 100-124.

Blotevogel, Hans Heinrich
Raum. In: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hg), Handwörterbuch der Raumordnung, Hannover 1995, S. 733-740.

Blotevogel, Hans Heinrich
Auf dem Wege zu einer "Theorie der Regionalität". Die Region als Forschungsobjekt der Geographie. In: Gerhard Brunn (Hg.), Region und Regionsbildung in Europa. Konzeptionen der Forschung und empirische Befunde, Baden-Baden 1996, S. 44-68.

Faber, Karl-Georg
Was ist eine Geschichtslandschaft? In: Festschrift Ludwig Petry, Teil I, Wiesbaden 1968, S. 1-28.

Fremdling, Rainer / Pierenkemper, Toni / Tilly, Richard H.
Regionale Differenzierung in Deutschland als Schwerpunkt wirtschaftshistorischer Forschung. In: Rainer Fremdling/Richard H. Tilly (Hg.), Industrialisierung und Raum. Studien zur regionalen Differenzierung im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1979, S. 9-26.

Gollwitzer, Heinz
Die politische Landschaft in der Geschichte des 19./20. Jahrhunderts. Eine Skizze zum deutschen Regionalismus. In: Zeitschrift für bayrische Landesgeschichte 27, 1964, S. 523-552.

Gollwitzer, Heinz
Zum deutschen politischen Regionalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Alfred Hartlieb von Wallthor / Heinz Quirin (Hg.), "Landschaft" als interdisziplinäres Forschungsproblem, Vorträge und Diskussionen des Kolloquiums am 7./8. November 1975 in Münster, Münster 1977, S. 54-58.

Hinrichs, Ernst
Regionale Sozialgeschichte als Methode der modernen Geschichtswissenschaft. In: Siegfried Quandt/Jörg Calließ (Hg.), Die Regionalisierung der historisch-politischen Kultur, Nahwelt und Geschichte im Rundfunk, Gießen 1984, S. 69-88.

Irsigler, Franz
Vergleichende Landesgeschichte. In: Carl-Hans Hauptmeyer (Hg.), Landesgeschichte heute, Göttingen 1987, S. 35-54.

Irsigler, Franz
Raumkonzepte in der historischen Forschung. In: Alfred Heit (Hg.), Zwischen Gallia und Germania, Frankreich und Deutschland, Konstanz und Wandel raumbestimmender Kräfte, Vorträge auf dem 36. Deutschen Historikertag, Trier, 8.-12. Oktober 1986, Trier 1987, S. 11-27.

Köllmann, Wolfgang
Zur Bedeutung der Regionalgeschichte im Rahmen struktur- und sozialgeschichtlicher Konzeptionen. In: Archiv für Sozialgeschichte 15, 1975, S. 43-50.

Kuss, Horst
Landesgeschichte oder Regionalgeschichte? Über den Zusammenhang von geschichtswissenschaftlicher Theorie, geschichtsdidaktischer Konzeption und praktischer Anwendung im Unterricht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51, 2000, S. 388-405.

Löw, Martina
Raumsoziologie. Frankfurt a. M. 2001.

Mohr, Arno
Politische Identität um jeden Preis? Zur Funktion der Landesgeschichtsschreibung in den Bundesländern. In: Neue Politische Literatur 35, 1990, S. 222-274.

Oberkrome, Willi
Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945. Göttingen 1993.

Pollard, Sidney
Einleitung. In: Ders. (Hg.), Region und Industrialisierung, Göttingen 1980, S. 11-21.

Reulecke, Jürgen
Regionalgeschichte heute. Chancen und Grenzen regionalgeschichtlicher Betrachtungsweise in der heutigen Geschichtswissenschaft. In: Karl Heinrich Pohl (Hg.), Regionalgeschichte heute, Das Flüchtlingsproblem in Schleswig-Holstein nach 1945, Bielefeld 1997, S. 23-32.

Schönemann, Bernd
Die Region als Konstrukt. Historiographiegeschichtliche Befunde und geschichtsdidaktische Reflexionen. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 135, 1999, S. 152-187.

Schorn-Schütte, Luise
Territorialgeschichte - Provinzialgeschichte - Landesgeschichte - Regionalgeschichte. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Landesgeschichtsschreibung. In: Hans Jäger / Franz Petri / Heinz Quirin (Hg.), Civitatum Communitas, Studien zum europäischen Städtewesen, Festschrift Heinz Stoob zum 65. Geburtstag, Köln/Wien 1984, S. 390-416.

Wardenga, Ute / Miggelbrink, Judith
Zwischen Realismus und Konstruktivismus: Regionsbegriffe in der Geographie und anderen Humanwissenschaften. In: Heinz-Werner Wollersheim / Sabine Tzschaschel / Matthias Middell (Hg.), Region und Identifikation, Leipzig 1998, S. 33-46.
 
 
 

8.2 Literatur zum westfälischen Raum

 
 
 
Geographisch-landeskundlicher Atlas von Westfalen, hg. v. d. Geographischen Kommission, Münster 1985ff.
Grundlegende Karten zu Westfalen.

Aubin, Hermann
 Die geschichtliche Entwicklung. In: Ders. u. a. (Hg.), Der Raum Westfalen, Bd. I: Grundlagen und Zusammenhänge, Berlin 1931, S. 7-27.
Grundlegende Darstellung aus der Feder des führenden Kulturraumforschers, die die Entwicklung Westfalens vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart idealtypisch in vier Raumbegriffen faßt.

Aubin, Hermann u. a. (Hg.)
Der Raum Westfalen, Bd. I-VI in 13 Teilbänden, Berlin/Münster 1931-1996.
Grundlagenwerk der Kulturraumforschung für Westfalen mit Selbsthistoriographisierung in den Schlußbänden.

Aubin, Hermann
Geschichtliche Kulturraumforschung in Westfalen. In: Ludger Baumeister / Helmut Naunin (Hg), Selbstverwaltung einer Landschaft, Initiativen und Aufgaben am Beispiel Westfalens, Stuttgart 1967, S. 11-19.
Rückblick auf die Anfänge der Kulturraumforschung in Westfalen.

Bauermann, Johannes
Von der Elbe bis zum Rhein. Aus der Landesgeschichte Ostsachsens und Westfalens, Münster 1968.
Grundlegende Aufsatzsammlung zur frühmittelalterlichen Entstehung Westfalens.

Behr, Hans-Joachim
Mehr als ein Mythos - Westfalenbewußtsein heute. Landschaftliche Identität im geeinten Europa. In: Wolfram Köhler (Hg.), Nordrhein-Westfalen, Fünfzig Jahre später, 1946-1996, Essen 1996, S. 69-87.
Überblick über zeitgenössische Bestrebungen, das Bewußtsein von Westfalen und seinen Teilregionen zu fördern.

Blotevogel, Hans Heinrich
Zentrale Orte und Raumbeziehungen in Westfalen vor der Industrialisierung (1780-1850). Münster 1975.
Empirische, geographisch-historisch angelegte Untersuchung der zentralen Orte und ihrer Hierarchie in Westfalen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Casser, Paul
Das Westfalenbewußtsein im Wandel der Geschichte. In: Hermann Aubin / Eduard Schulte (Hg.), Der Raum Westfalen, Bd. II, 2: Untersuchungen zu seiner Geschichte und Kultur, Berlin 1934, S. 211-306.
Erster, stark durch Aubin beeinflußter Versuch der Feststellung von Inhalten und geographischer Reichweite von Westfalenbewußtsein.

Ditt, Hildegard
Naturräume und Kulturlandschaften Westfalens. Ihre Inwertsetzung seit dem frühen Mittelalter. In: Franz Petri / Alfred Hartlieb von Wallthor (Hg.), Der Raum Westfalen, Bd. VI, 2: Fortschritte der Forschung und Schlußbilanz, Münster 1996, S. 1-326.
Untersuchung der Wechselwirkung von Naturräumen und Kulturlandschaften in Westfalen vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart.

Ditt, Hildegard
Konzeptionen der geographischen Landeskunde Westfalens. In: Siedlungsforschung. Archäologie-Geschichte-Geographie 14, 1996, S. 315-336.
Überblick über geographische Ansätze zur Beschreibung der inneren Gliederung Westfalens.

Ditt, Karl
Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923-1945. Münster 1988.
Darstellung der ideologisch-politischen Hintergründe und Zielsetzungen der Kulturraumforschung in Westfalen und der Förderung des Westfalenbewußtseins in den 1920/30er Jahren.

Ditt, Karl
Prinzipien und Perspektiven Landschaftlicher Kulturpolitik in Westfalen. In: Archivpflege in Westfalen und Lippe 52, 2000, S. 30-42.
Fortsetzung der Darstellung der ideologisch-politischen Hintergründe der Förderung des Westfalenbewußtseins bis in die Gegenwart mit der Benennung offener Fragen.

Ditt, Karl
Wissenschaft als politisches und soziales System. Der Volkstumsansatz in der Westfalenhistoriographie des 20. Jahrhunderts. In: Jürgen Büschenfeld / Heike Franz / Frank-Michael Kuhlemann (Hg.), Wissenschaftsgeschichte heute, Festschrift für Peter Lundgreen, Bielefeld 2001, S. 11-37.
Überblick über Aufstieg und Niedergang des raum- und volksorientierten Ansatzes in der Westfalenhistoriographie.

Ditt, Karl
Was ist westfälisch? Zur Geschichte eines Stereotyps. In: Westfälische Forschungen 52, 2002, S. 45-94.
Geschichte eines Stereotypenkontinuums vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart.

Flender, Armin / Pfau, Dieter / Schmidt, Sebastian
Regionale Identität zwischen Konstruktion und Wirklichkeit. Eine historisch-empirische Untersuchung am Beispiel des Siegerlandes. Baden-Baden 2001.
Studie zum historischen Verständnis und zum Selbstverständnis der Bevölkerung einer westfälischen Teilregion mit starker Betonung von Stereotypen als identitätsstiftenden Elementen.

Geschichtlicher Handatlas von Westfalen, hg. v. Provinzialinstitut für Westfälische Landes- und Volksforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Münster 1975ff.
Grundlegende Karten zu Westfalen.

Johanek, Peter
Auf der Suche nach Westfalen. Wandlungen im Bild einer historischen Landschaft. Festvortrag aus Anlaß der Verabschiedung des Vorstandsvorsitzenden der Westfälischen Provinzial-Versicherungen, Herrn Reinhold Brauner, am 31. März 1995. Münster 1995.
Essayhafter Überblick über das Verständnis Westfalens von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Kohl, Wilhelm
Begleittext zum Doppelblatt Begriff und Raum aus dem Themenbereich I: Westfalen - Begriff und Raum. In: Geographische Komission für Westfalen (Hg.), Geographisch-landeskundlicher Atlas von Westfalen, 2. Lieferung, Doppelblatt 1. Münster 1986.
Lexikalischer Artikel über das Verständnis Westfalens von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Kuropka, Joachim
Zur historischen Identität des Oldenburger Münsterlandes. Münster 1987.
Thematisierung der starken, im wesentlichen kirchlich begründeten Beziehungen zwischen dem westfälischen und dem Oldenburger Münsterland im 19./20. Jahrhundert.

Bruno Kuske
Der Wirtschaftsraum. In: Hermann Aubin u. a. (Hg.), Der Raum Westfalen, Bd. I: Grundlagen und Zusammenhänge, Berlin 1931, S. 73-124.
Betonung des Ruhrgebiets als wirtschaftlicher Kernraum Westfalens im 20. Jahrhundert.

Mayr, Aloys
Die Wirtschaftsräume Westfalens im Überblick. In: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte, Bd. 3: Das 19. und 20. Jahrhundert, Wirtschaft und Gesellschaft, Düsseldorf 1984, S. 1-39.
Differenzierter Überblick über die Versuche, Westfalen wirtschaftsräumlich zu gliedern, mit Kurzcharakteristiken der westfälischen Wirtschaftsregionen im 20. Jahrhundert.

Müller-Wille, Wilhelm
 Westfalen. Landschaftliche Ordnung und Bindung eines Landes. Münster 1952 (ND 1981).
Großzügiger Versuch, Westfalen naturräumlich und kulturgeographisch in Nordwesteuropa einzuordnen und zu gliedern; Betonung der Westfälischen Bucht als Kern Westfalens.

Neuhaus, Helmut
Der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis - eine Region des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in der Frühen Neuzeit? In: Peter Claus Hartmann (Hg.), Regionen in der Frühen Neuzeit, Reichskreise im deutschen Raum, Provinzen in Frankreich, Regionen unter polnischer Oberhoheit: Ein Vergleich ihrer Strukturen, Funktionen und ihrer Bedeutung, Berlin 1994, S. 79-96.
Betonung der Lockerheit, Heterogenität und Machtlosigkeit des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises, Aubins "drittem Westfalen".

Reekers, Stephanie
Zusammenfassung und Karte der industriellen Gewerbe Westfalens um 1800 (Teil 12). In: Westfälische Forschungen 43, 1993, S. 357-513.
Zusammenfassung der Untersuchungen zu den westfälischen Gewerberegionen zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Schöller, Peter
Die Wirtschaftsräume Westfalens vor Beginn des Industriezeitalters. In: Westfälische Forschungen 16, 1963, S. 84-101.
Benennung von Wirtschaftsräumen Westfalens und Diskussion ihrer Einflußfaktoren.

Schöller, Peter
Konfession und Territorialentwicklung. Fragen-Aspekte-Bezüge-Wirkungen. In: Erträge geographisch-landeskundlicher Forschung in Westfalen. Festschrift 50 Jahre Geographische Kommission für Westfalen, Münster 1996, S. 61-86.
Betonung der Bedeutung der Konfessionen für die innere Raumgliederung Westfalens.

Spethmann, Hans
Ruhrrevier und Raum Westfalen. Wirtschaftkritische Ergänzung zu dem Werk "Der Raum Westfalen". Oldenburg 1933.
Kritik der Sicht des Raumwerks hinsichtlich seiner Darstellung des Ruhrgebiets in Westfalen und alternative Interpretationen der westfälischen Geschichte.

Verwaltungsgrenzen in der Bundesrepublik Deutschland seit Beginn des 19. Jahrhunderts, Text- und Kartenband, Hannover 1977. Veröffentlichungen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Forschungs- und Sitzungsberichte, Bd. 110.
Detaillierte Chronologie der inneren Gliederungsentwicklung der Länder der Bundesrepublik, so auch Nordrhein-Westfalens.

Widder, Ellen
Westfalen und die Welt. Anmerkungen zu Werner Rolevinck. In: Westfälische Zeitschrift 141, 1991, S. 93-122.
Nachzeichnung der räumlichen Ausdehnung Westfalens in der Sicht des ersten Westfalenhagiographen aus dem 14. Jahrhundert.

Wiegelmann, Günter
Regionalstrukturen in der westfälischen Volkskultur. In: Westfälische Forschungen 37, 1987, S. 99-104, auch in: ders.: Theoretische Konzepte der Europäischen Ethnologie, Diskussionen um Regeln und Modelle, Münster 1995, S. 142-148.
Referierung und Würdigung der volkskundlichen Arbeiten im "Raumwerk".

Wiegelmann, Günter
Die westfälische Diagonale. Thesen zur kulturräumlichen Gliederung Nordwestdeutschlands. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 20, 1973, S. 83-91.
Aufstellung der These, daß sich Westfalen seit der Frühen Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert hinein volkskundlich in einen innovativen Südosten und einen konservativen Nordwesten gliedern lasse.

Wrede, Günther
Zur historischen Raumforschung in Nordwestdeutschland. In: Historische Zeitschrift 153. 1934, S. 306-317.
Kritik des Verständnisses der räumlichen Ausdehnung Westfalen im "Raumwerk" und Betonung der Territorien als Konstituenten Westfalens.

Zuhorn, Karl
Landschaft und landschaftliches Bewußtsein als Grundelement der organischen Staatsgliederung und die staatspolitische Bedeutung der landschaftlichen Kulturpflege. In: Ludger Baumeister/Helmut Naunin (Hg.), Selbstverwaltung einer Landschaft, Initiativen und Aufgaben am Beispiel Westfalens, Stuttgart 1967, S. 21-67.
Reifste Darstellung der provinzialpolitischen Sicht der "Landschaft" Westfalens.