Ereignisse > Ereignis des Monats Februar


Kanzel einer Lancaster der Royal Air Force, Zweiter Weltkrieg / Foto: Hagen, Historisches Centrum






Jörg Orschiedt / Ralf Blank

20./21. Februar 1945 -
Der letzte Flug der RAF PD421 IQ-F

Die archäologisch-historische Untersuchung des Absturzes eines Lancaster-Bombers am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hagen

 
 

Das Flugzeugwrack

 
 
 
Ausgehend von Gerüchten über Funde aus einem abgestürzten Flugzeug, wurden von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der Denkmalbehörde und des Historischen Centrums Hagen, Horst Klötzer, im Sommer 2006 Begehungen im Stadtwald von Hagen durchgeführt. Im September des Jahres stieß er auf ein kurz vorher angelegtes Depot von Fundstücken (24 Kipphebel), die unweit eines Weges oberflächlich abgelegt waren. Hinweise auf Erdbewegungen ließen auf eine Raubgrabung schließen. (Aufgrund der Tatsache, dass in der Folge die Spuren weiterer illegaler Grabungen in der Region beobachtet wurden, wird der genaue Fundort hier nicht angegeben.) Weitere Prospektionen des Gebietes erhärteten den Verdacht, dass im Stadtgebiet Hagen an mehreren Stellen die Überreste abgestürzter Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg zu erwarten sind. Diese Vermutung wurde durch Hinweise aus dem im Stadtarchiv überlieferten "Kriegstagebuch" der Luftschutzpolizei in Hagen gestützt, in dem unter anderem zwei in der Nacht vom 20.02.1945 auf den 21.02.1945 abgestürzte Flugzeuge erwähnt werden.

Die Prospektion der Absturzstelle einer dieser Maschinen ergab neben oberflächlich erkennbaren Fundstücken wie Aluminiumblechen und Stücken aus Plexiglas, Bakelit und Eisen insgesamt acht trichterartige Vertiefungen im Boden. Frische Spuren von Erdbewegungen, wie sie in der Regel durch Raubgräber und "Sammler" hinterlassen werden, konnten hier nicht registriert werden. Die Trichter 1-7 und 10 wurden im Oktober 2006 von Mitarbeitern des Amts für Geoinformation und Liegenschaftskataster der Stadt Hagen vermessen. Dabei wurden die Konturen der oberflächlich erkennbaren Vertiefungen erfasst. Zwischen den einzelnen als Trichter bezeichneten Vertiefungen und im Randbereich der Fundstreuung wurden weitere Metallteile (Aluminium und Eisen) sowie Kunststoffe entdeckt. Da mit weiteren illegalen Grabungen zu rechnen war, wurde die Durchführung einer archäologischen Untersuchung zumindest einer der trichterartigen Vertiefungen beschlossen.

Dass diese Vermutungen berichtigt waren, bestätigte sich im Januar 2007, als ein Redakteur der örtlichen Presse auf ein Verkaufsangebot im Online-Auktionshaus eBay aufmerksam wurde, in dem Teile eines abgestürzten Bombers aus Hagen angeboten wurden. Da es sich bei diesen Stücken laut Angabe des Verkäufers um Funde aus dem Untersuchungsgebiet handelte, wurde die Polizei verständigt, die die Funde sicherstellen konnte. Es handelt sich bei den Objekten um nicht näher identifizierte Metallschläuche und Eisenfragmente sowie um Verschlusskappen und ein großes genietetes Aluminiumblech. Hervorzuheben sind zwei vollständig korrodierte Handfeuerwaffen, ein britischer Armeerevolver und eine automatische Browning, die vermutlich zur persönlichen Bewaffnung der Besatzungsmitglieder gehören dürften.
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Die Crew der abgeschossenen RAF-Lancaster: (von links nach rechts, hinten) William Hastings (vermisst), Thomas Heron (vermisst), Ivan Horsley, (vorne) Henry Gage (Kriegsgefangenschaft), Fairfax Moresby, Ernest Edwards (gefallen), es fehlt: F. J. Howel (gefallen)


In dem Beitrag  Henry Gage - der Abschuss der RAF-Lancaster PD421
über Hagen 1945
beschäftigt sich Marcus Weidner mit dem Schicksal von RAF-Seargeant Gage, der über Hagen abgeschossen wurde


Links zur Geschichte und Ausstattung der Lancaster sowie Tagebuchauszüge eines Crewmitglieds nach dem Absturz finden Sie im Bereich "Weitere Ressourcen"
 
 

Die archäologischen Untersuchungen

 
 
 
Die archäologischen Geländearbeiten beschränkten sich auf Vertiefungen, die im Bereich eines Wanderwegs sichtbar waren bzw. in unmittelbarer Nähe lagen. Dabei war auffällig, dass bereits Objekte wie Schläuche aus dem Erdreich ragten. Da hier die Gefahr einer Raubgrabung am größten war, wurden diese Bereiche wissenschaftlich zuerst untersucht.

Bei den Trichtern handelt es sich meist um ovale Vertiefungen, die ein flache und eine steile Seite aufweisen. Es lag nahe zu vermuten, dass es sich um Einschlagtrichter handelt, wobei die flache Seite die Richtung des Einschlags anzeigt. Dabei ist auffallend, dass die Richtung der vermuteten Einschläge von W nach SW und NW variiert. Die Trichter wurden jeweils in ihrem angetroffenen Zustand fotografisch und zeichnerisch dokumentiert. Die Grabung erfolgte zunächst in 10 cm Abträgen, nachdem erkennbar war, dass keine Schichten innerhalb der Befunde vorlagen, wurde in größeren Einheiten abgetragen. Bei Bedarf wurden Zwischenplana durch Skizzen und Fotos dokumentiert. In der Regel wurde ein Längsprofil angelegt, in Einzelfällen zusätzlich ein Querprofil. Nach Dokumentation des Befundes und Bergung der Fundobjekte wurde die Grabungsstelle wieder verfüllt und der Zustand fotografisch dokumentiert.

Die über zwei Meter langen und über einen Meter breiten Strukturen lassen in den Querprofilen eine V-förmige Eintiefung von maximal ca. 80 cm Tiefe erkennen. Unmittelbar unterhalb der durchwurzelten Humusschicht von 10-20 cm, in der einzelne kleinere Aluminiumfragmente und Bakelitsplitter auftraten, trat ein schwarzes und später rötlich verfärbtes Sediment auf, das lehmig und mit kleineren Steinsplittern durchsetzt war. Innerhalb dieses Sedimentes traten sowohl größere Aluminium- und Eisenteile sowie im oberen Bereich Bakelitfragmente auf. Im Übergang zum Anstehenden war das Sediment stark rot gefärbt. Beim Nachgraben innerhalb des anstehenden stark lehmigen und mit scharfkantigen Steinen durchsetzten Sedimentes wurden weitere Metallteile entdeckt, die zum Teil zwischen verkeilten Steinen steckten. Größere Metallobjekte erscheinen mit dem Anstehenden regelrecht verbacken. Bei dem umgebenden Sediment handelt es sich um einen Verwitterungshorizont mit hellbeigem, mit Steinen durchsetztem und durchwurzeltem Lehm. Unmittelbar unterhalb der Sohle des Befundes befindet sich der anstehende Fels.

Die Längsprofile zeigten die gleiche Stratigraphie und ließen zusätzlich im rot verfärbten Übergang zum Anstehenden, Spuren von verkohltem Holz erkennen. Weiterhin ist erkennbar, dass das östliche Ende der Struktur eine relativ steile Wand aufweist, während das westliche Ende flach geformt ist. Im oberen Bereich der östlichen Kante liegen v. a. leichte Einzelobjekte, die sich vermutlich bei Aufprall abgelöst haben. Unweit des östlichen Endes von Trichter 1, in ca. 60 cm Entfernung, wurde in südlicher Richtung ein großes kompaktes vollständiges Aluminiumobjekt beborgen, bei dem es sich nach der Kennzeichnung um einen Generator handelt.

Bei den Grabungen konnten zahlreiche Fundobjekte geborgen werden, deren Position dokumentiert wurde. Die Masse des Fundmaterials besteht aus Aluminium- und Eisenfragmenten. Eine detaillierte Ansprache der einzelnen Fragmente konnte bislang noch nicht vorgenommen werden, da das Material noch größtenteils aufbereitet und gereinigt wird. Vermutlich handelt es sich bei diesen Stücken v. a. um Teile der Motoren bzw. Motorenblöcke aber auch Konstruktionselemente der Flügel und des Rumpfs. Funde von Schläuchen aus Gummi und Leitungen aus Metall (Benzin-Ölleitungen?) legen ebenfalls nahe, dass es sich bei den trichterartigen Strukturen um Einschlagstellen der Motoren handelt. Eindeutig als den Motoren zugehörig lassen sich Lagerschalen, Zündkerzenfragmente (Porzellan) und Kipphebel sowie der Generator mit Typenschild sowie ein weiteres identisches Typenschild ansprechen. Fragmente aus Aluminium und Bakelit sowie die Typenschilder mit einer Kronenprägung lassen keinen Zweifel an der britischen Herkunft der Maschine zu.

Es liegen überwiegend stark fragmentierte Fundstücke folgender Materialkategorien vor: Aluminium, Eisen, Bakelit, Gummi, Plexiglas, Glas und Porzellan. Als besondere Funde sind folgende Stücke zu erwähnen:
  • Fragment eines Drehturmvisiers
  • 2 vollständig erhaltene Handfeuerlöscher
  • Generator mit Typenschild
  • Drehzahlmesser mit Gehäuse
  • Anzeigeblatt einer Tankanzeige
  • 2 Sauerstoffanzeigeblätter
  • 1 Taschenmesser
  • 1 Kruzifix
  • 2 Typenschilder mit Kennungen.
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Freilegungs- und Dokumentationsarbeiten während der Grabung. Deutlich sichbar ist die schwarze Verfärbung des Bodens infolge Brandeinwirkung nach dem Absturz der am 21.02.1945 bei Hagen abgeschossenen Lancaster der RAF

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Einer der beiden Handfeuerlöscher aus dem Cockpit


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Generator der abgeschossenen Lancaster der RAF (unmittelbar vor der Bergung)


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Typenschild eines Generators


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Drehzahlmesser einer der vier Motoren aus der Cockpitanzeige


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Tankanzeige aus dem Cockpit


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Kruzifix aus der Lancaster, vermutlich im Cockpit angebracht
 
 

Interpretation der Befunde

 
 
 
Nach den bislang identifizierbaren Funden liegt es nahe, zwei der Strukturen als Einschlagstelle eines brennenden Objekts, aller Wahrscheinlichkeit nach eines Motors oder eines Motorfragmentes, zu interpretieren, das in schrägem Winkel auf den Boden auftraf. Dafür sprechen die unterschiedlichen Begrenzungen der Struktur, die in Richtung des Einschlags flach sind und gegenüber eine steile Böschung aufweisen. Für einen Brand sprechen sowohl die starke rötliche Verfärbung des Sedimentes als auch die starke Fragmentierung und Korrosion des Aluminiums. Teilweise war nur Aluminium-Asche vorhanden, größere Stücke waren kaum zu bergen. Dies spricht für eine große Hitzeentwicklung in diesem Bereich (Schmelzpunkt von Aluminium: 660,32 °C). Ein weiterer Trichter wies nur noch einzelne verstreute Funde auf, obwohl die äußere Form denen der übrigen Trichter ähnelte. Da es sich bei diesen Funden ausschließlich um Gummi bzw. Kunststoffe handelt, ist davon auszugehen, dass diese Fundstelle bereits von Raubgräbern, die mit Sonden ausgerüstet waren, geplündert worden ist.

Seit Beendung der Grabungsarbeiten wurden weitere Begehungen des Gebietes durch Herrn Klötzer durchgeführt. Dabei wurden weitere Funde gemacht, darunter eine Lederhaube mit Kopfhörer und Mikrofon sowie eine zur Ausrüstung britischer Bomber gehörende Axt, Reste des Bombenzielgerätes und eine Signaltaste zur Freud-Feind-Kennung. Weiterhin wurden zahlreiche zur Störung der Radargeräte der deutschen Flak abgeworfene Störfolien aus Aluminium ("Windows"), teilweise in den Resten der Originalverpackung, zusammen mit Resten von Sperrholz und Nägeln sowie Gewichte von Stabbrandbomben und Hülsen der Munition von Bordgeschützen entdeckt. Letztere besitzen allesamt keine Projektile mehr und weisen keine Abschussmarken auf. Daher kann davon ausgegangen werden, dass sie durch die Hitzeentwicklung beim Aufschlag der Maschine explodiert sind. Funde von scharfer Munition oder der Bombenlast liegen nicht vor. Die Streuung der Funde deutet an, dass die Region, in der die Reste der Maschine niedergegangen sind, wesentlich größer ist als der bislang untersuchte Bereich. Insgesamt ist von einem Streifen von mehreren Quadratkilometern auszugehen, in dem sich die Teile der Maschine verstreut haben. Bislang dürfte der Kernbereich der Absturzzone, die Aufschlagstelle des Rumpfs und der Motoren durch die systematischen Begehungen und die Grabungen erfasst worden sein.

Die unmittelbar nach Beendigung der Geländearbeiten aufgetretenen Schäden durch den Sturm Kyrill (18.01.2007/19.01.2007) und die damit verbundenen Aufräumarbeiten in der betroffenen Waldregion, verhinderten zunächst weitere Ausgrabungsarbeiten. Derzeit werden weitere archäologische Geländearbeiten durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe - Archäologie durchgeführt, um Fundstelle möglichst vollständig zu untersuchen.

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Reste einer Fliegerhaube aus Leder mit Kopfhörern und Mikrofon eines der Piloten aus der Lancaster der RAF
 
 

Interpretation der Fundsituation

 
 
 
Nach den historischen Recherchen und dem Kontakt mit offiziellen britischen Stellen (Britische Botschaft in Berlin - Luft- und Marine Attache, National Archives in London, Royal Air Force Museum in London) handelt es sich bei der abgestürzten Flugzeug um eine Maschine des Typs Avro Lancaster Mk I. Die Maschine mit der Kennung PD421 IQ-F der 150. Squadron stürzte in der Nacht von 20.02. zum 21.02.1945 zusammen mit zwei weiteren Maschinen des gleichen Typs über Hagen ab. Nach dem Bericht des Oberförsters Alois Brinkmann, der die abgeschossene Maschine sowie zwei Tote fand, konnten die beiden Personen anhand ihrer Erkennungsmarken als Sgt. Frederick John Howell (Flight Engineer) und Sgt. Ernest Reginald Edwards (Bomb Aimer) identifiziert werden. Beide gehörten zur Besatzung der oben genannten Maschine. Alle drei über Hagen abgestürzten Maschinen waren an einer Luftoperation gegen Dortmund beteiligt. Der Entfernung von Hagen nach Dortmund zu urteilen, befanden sich die Maschinen bereits im Zielanflug. Neben der Aktivität der Flak sind durch die britische Quellenüberlieferung auch Angriffe von Nachjägern auf den Bomberverband im An- und Abflug auf Dortmund belegt. Ein Überlebender (Sgt. Henry Gage) stellte sich am Morgen nach dem Absturz auf dem Gebiet der benachbarten Stadt Hohenlimburg. Und auch zwei weitere Mitglieder der Crew, der Pilot Flight Officer F. Moresby und der Flight Sgt. I. A. Horsley, beide Angehörige der neuseeländischen Truppen in der Royal Air Force, überlebten den Absturz. Von der insgesamt siebenköpfigen Besatzung blieben bis heute der Sgt. Thomas William Heron und Sgt. William Hastings vermisst.

Da der Abschuss und Absturz der Maschine nicht dokumentiert wurde, bzw. entsprechende Unterlagen nicht erhalten geblieben sind, bestanden Unklarheiten über den exakten Hergang der Ereignisse in dieser Nacht. Aufgrund der Hitzentwicklung, die sich innerhalb der beiden untersuchten Trichter fassen lässt, die auch an den Fundstücken v. a. aus Aluminium deutlich sichtbar ist, muss derzeit davon ausgegangen werden, dass die Maschine brennend abgestürzt ist. Die Funde von Brandbombengewichten und die Massierung der Staniolstreifen lassen vermuten, dass die Maschine mit ihrer Bombenlast an Bord abgestürzt sein könnte bzw. vor dem Aufschlag explodiert ist. Diese Vermutung wird auch durch die unterschiedliche Einschlagrichtung der Trichter unterstützt.
 
 

Die historischen Fakten

 
 
 
In den frühen Morgenstunden des 21.02.1945 unternahm das britische Bomber Command einen schweren Flächenangriff auf Dortmund sowie Angriffe auf zwei Hydrierwerke im Raum Duisburg. An den nun folgenden Tagen und Nächten kam bis zum 20.03.1945 zu wiederholten schweren Bombardierungen von Zielen im Rhein-Ruhrgebiet. Die Nacht des 20.02./21.02.1945 kann als der eigentliche Beginn des "Ruhrabriegelungs-Programms" angesehen werden. Die 8. US-Luftflotte begann am 28.02.1945 mit einem umfassenden Einsatz gegen die verkehrsstrategisch günstig gelegenen Verschiebebahnhöfe von Hagen, Schwerte und Soest sowie gegen die Eisenbahnviadukte von Bielefeld und Arnsberg ihre verstärkten Angriffe im Zusammenhang mit dem Ruhrabriegelungs-Programm. Parallel zu diesen Angriffen flog die 8. US-Luftflotte aber auch schwere Tagangriffe gegen Verkehrs- und Industrieziele im damaligen Mitteldeutschland, so z. B. auf Dresden, Berlin, Leipzig und Chemnitz. In der Nacht des 20.02./21.02.1945 plante das Bomber Command den Gesamteinsatz von 1.283 Maschinen. 514 viermotorige Lancasters und 14 zweimotorige Mosquitos der 1., 3., 6. sowie 8. Bomberflotte sollten das Stadtgebiet von Dortmund angreifen, weitere 165 Maschinen den Dortmund-Ems-Kanal bei Gravenhorst zerstören. 173 Maschinen wurden für einen Angriff auf das Hydrierwerk bei Reisholz und 128 Maschinen für einen Angriff auf das Hydrierwerk bei Monheim, beides Ziele im Raum Düsseldorf-Duisburg, bestimmt. Die Crews von 70 Schnellbombern des Typs Mosquito erhielten Mannheim und Berlin zum Ziel. Die übrigen Maschinen waren für vielfältige Aufgaben, v. a. jedoch zur radartechnischen Unterstützung der Hauptangriffsverbände vorgesehen.

Das Hauptziel für die Nacht des 20.02./21.02.1945 war das Stadtgebiet von Dortmund, hier besonders die Wohn- und Geschäftsviertel im Süden der Stadt. Es handelte sich um einen typischen Flächenangriff, bei dem insgesamt rund 2.300 Tonnen Abwurfmunition, davon fast 70 % Stabbrandbomben, zum Einsatz kamen. Der Zielpunkt "Sprat B" befand sich über dem Empfangsgebäude des Bahnhofs Dortmund-Süd. Dieser Radarzielpunkt, der durch das OBOE-Funkleitsystem ab 00.55 Uhr am 21.02.1945 von Mosquitos mit farbigen Zielmarkierungsbomben nach den Verfahren "Parramatta" (Boden) and "Wanganui" (Luft) gekennzeichnet werden sollte, musste vom Hauptangriffsverband aus einer südwestlichen Himmelsrichtung angeflogen und bombardiert werden. Zwangsläufig würden so die bisher relativ unbeschädigten und dicht bebauten Stadtviertel im Süden, Westen sowie Südwesten der Innenstadt von Dortmund, die nach der Zielanweisung komplett zerstört werden sollten, vom Bombenhagel erfasst. In der Zielanweisung für die am Angriff beteiligten Bomberstaffeln heißt es ausdrücklich: "The intention of this raid is to complete the destruction of the built up area in the Southern half of the town and the associated industries". Bei dichter Bewölkung oder starker Rauchentwicklung sollte das Angriffsziel durch grün- und rotfarbige Leuchtbomben mit gelben Sternen, die vom Radar-Blindmarkierer ("H2S Wanganui") abgeworfen wurden, gekennzeichnet werden. Der Hauptverband sollte um 01.00 Uhr am 21.02.1945 mit seinen Angriff beginnen, die letzten Angriffswellen sollten das Zielgebiet um 01.15 Uhr verlassen.

Über Dortmund trafen die britischen Bombercrews auf eine kompakte Schichtbewölkung mit Obergrenzen von rund 1800 m, die keine Bodensicht zuließ. Als um 00.55 Uhr die ersten Zielmarkierungen auf Dortmund fielen, wurden sie von der Bewölkung "verschluckt". Die ab 01.00 Uhr am 21.02.1945 mit ihrem Angriff beginnenden Crews der schweren Bomber konnten jedoch den Feuerschein der in Dortmund abbrennenden Zielmarkierungen klar und deutlich durch die Wolkendecke lokalisieren. Aus ihren Angriffsflughöhen zwischen 4750-5320 m über Dortmund erkannten die Bomberbesatzungen zahlreiche Brände und Explosionen. Über dem Zielgebiet warfen die Maschinen auch Millionen von Flugblättern ab.

Über Dortmund und auf dem Zielanflug über dem Raum Hagen trafen die Briten auf teilweise starken Flakbeschuss: 30 schwere Flakbatterien eröffneten aus 166 Rohren 8,8 cm, 10,5 cm und 12,8 cm mit 3.675 Schuss Munitionsverbrauch das Feuer auf die Lancasters des Bomber Command. Eine Großbatterie in Dortmund-Wellinghofen verfeuerte in dieser Nacht allein 568 Granaten 10,5-cm, obwohl mehrere Minen- und Sprengbomben das Batteriegelände trafen und Sachschäden anrichteten. Die schwere Flak im Luftgau VI beanspruchte anschließend den Abschuss von fünf Lancasters, darunter eine Maschine der 6. kanadischen Luftflotte, die von der Großbatterie Wellinghofen abgeschossen worden war. Eine Lancaster schlug auf dem Gelände der Großkokerei Hansa in Dortmund, eine weitere auf der Hohensyburg auf. In Hagen stürzten drei Lancasters, im sauerländischen Bergland südlich von Hagen mindestens zwei weitere Maschinen ab. In Blankenstein und Haßlinghausen kam es ebenfalls zu Abstürzen. Am 21.02.1945 überflog eine Spitfire der 541. Aufklärungsstaffel (Einsatz 106G/4402) um 13.45 Uhr das Stadtgebiet von Dortmund. Im Interpretation Report No. 3794 wurden die Angriffsschäden am 22.02.1945 aus Sicht der alliierten Luftbildaufklärung als schwerwiegend beurteilt.

In der Nacht des 20./21.02.1945 war die deutsche Nachtjagd besonders aktiv. Die 3. Jagddivision startete 18 zweimotorige Nachtjäger mit besonders erfahrenen Besatzungen der II., III. und IV. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 4 von den Fliegerhorsten Gütersloh, Münster, Paderborn und Dortmund. Darunter befanden sich auch moderne, mit Radar- und Ortungsgeräten vollgepackte Nachtjäger des Typs Heinkel He 219 "Uhu", Messerschmitt Me 110 sowie Junkers Ju 88 - Fernnachtjäger, die die britischen Bomber auf ihrem Rückflug bis zu den englischen Flughäfen verfolgen konnten. Nachdem dieses Maschinen gegen 01.10 Uhr über dem Ruhrgebiet und Sauerland ihre Einsatzflughöhe erreicht hatten, setzten sie zu Angriffen auf die auf der Linie Düsseldorf-Wuppertal-Hagen sich im Zielanflug auf Dortmund befindlichen Lancasters an. 18 Abschüsse glaubten die deutschen Nachtjagd-Besatzungen der 3. Jagddivision erzielt zu haben. Der "Jagdabschnittführer Mittelrhein" setzte in der Nacht des 20./21. Februar 1945 acht einmotorige Nachtjäger des Typs Focke-Wulf FW 190 des Nachtjagdgeschwaders 11 vom Flughafen Bonn-Hangelar ein. Diese Maschinen erzielten sieben Abschüsse, wahrscheinlich sogar neun, besonders bei den auf die im Rheinland gelegenen Hydrierwerke Reisholz und Monheim angesetzten Angriffverbänden. Vor allem über dem Sieger- und Sauerland wurden in dieser Nacht zahlreiche Flugzeugabstürze registriert, alleine im Regierungsbezirk Arnsberg waren es mindestens neun Maschinen, die südlich von Dortmund herunterkamen. Unter den abgeschossenen Maschinen befand sich auch ein nachtschwarz angestrichener US-amerikanischer B-24 Liberator-Bomber der Royal Air Force, der für Funkstörmaßnahmen im Bereich des Zielgebiets operierte; sein Absturz soll ebenfalls südlich bei Dortmund liegen.

Dieser trotz des Einsatzes von nur wenigen Nachtjägern für die Kriegsendphase 1944/1945 beachtliche Abwehrerfolg der deutschen Luftverteidigung konnte allerdings nicht die hohen Personenverluste und die Zerstörung zahlreicher Gebäude in Dortmund verhindern. In Dortmund entstanden durch diesen Flächenangriff 257 Groß-, 424 Mittel- und 409 Kleinbrände, v. a. in der südlichen Hälfte des Stadtgebiets. Über 1.500 Gebäude wurden zerstört und schwer beschädigt, darunter auch das beliebte Ausflugsziel Schloss Romberg, das ab Oktober 1944 zum Domizil des Wehrbezirkskommandos II geworden war. Das in Hörde gelegene Werk des Dortmund-Hörder-Hüttenvereins, das für die Produktion von Kampfpanzern und Artillerie wichtig war, erhielt zahlreiche Volltreffer, die den Betrieb der Hochofenanlage lahmlegten. Viel tragischer war jedoch, dass tausende Dortmunder Einwohner erneut ihre Wohnung und ihr Eigentum verloren. In den Luftschutztagesmeldungen des Regierungspräsidenten in Arnsberg heißt es: "Schwerpunkt der bisher noch nicht betroffene W- und SW-Teil der Stadt". Schwere Sachschäden entstanden im Hauptbahnhof Dortmund, wo alle Strecken gesperrt wurden, und im Verschiebebahnhof Dortmund-Hafen, der "vorläufig ausfällt".

Über die Zahl der Todesopfer des britischen Nachtangriffs am 20.02./21.02.1945 existieren keine endgültigen Unterlagen, 113 Tote wurden unmittelbar nach dem Angriff gemeldet, doch realistische Schätzungen gehen von etwa 500 Personen aus. Doch auch Hagen und die zum Polizeibezirk Hagen gehörenden Städte Herdecke und Wetter wurden ab 01.10 Uhr von zahlreichen "Luftminen", Spreng- und Stabbrandbomben getroffen - zu dieser Zeit registrierte die Luftschutzleitung in Dortmund das Ende des Angriffs. Hier fanden über 25 Menschen den Tod. Die Hagener Luftschutzleitung wertete den Angriff sogar als gezieltes Bombardement ihrer Stadt. Das geplante Ende des Angriffs lag nach britischen Quellen jedoch bei 01.15 Uhr, so dass offenbar zahlreiche Besatzungen der letzten Angriffswelle ihre Bomben zu früh, das heißt außerhalb von Dortmund über dem Sauerland und dem Raum Hagen ausgelöst haben müssen. Um diese Uhrzeit setzten aber auch verstärkt die deutschen Nachtjäger-Angriffe auf den Bomberverband ein, so dass hier ein Zusammenhang besteht.
Karten zum militärischen Verlauf des Zweiten Weltkriegs in Europa vom History Department der US-Militärakademie West Point


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Anflug- und Abflugroute der Bomber der britischen RAF nach Dortmund am 20.02.1945/21.02.1945


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Lancaster der RAF im Flug


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Blick in den Bombenschacht einer Lancaster mit Brandbombencontainer


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Eine der Visir-Einrichtungen (gunsight) aus dem MG-Turm im Bug oder vom Heck der Lancaster


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