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PERSON

FAMILIEDavidis
VORNAMEHenriette


GESCHLECHTweiblich
GEBURT DATUM1801-03-01   Suche
GEBURT ORTWengern a.d. Ruhr
TAUFNAMEJohanna Friederika Henriette Katharina
KONFESSIONluth.
TOD DATUM1876-04-03   Suche
TOD ORTDortmund
TODESURSACHE16.00 h
BEGRÄBNIS DATUM1876-04-07
BEGRÄBNIS ORTDortmund, Ostenfriedhof


VATERDavidis, Ernst Heinrich
MUTTERLithauer, Maria Katharina (Lithoven)


BIOGRAFIE"Mutter des Kochbuchs" wird sie genannt, oder auch "Erfinderin des Kochbuchs". Dortmunder Lokalpatrioten zählen sie "zu den bedeutendsten Frauen des 19. Jahrhunderts"; zu ihrem 100. Todestag, im April 1976, wurde sie hochgelobt als "eine der herausragendsten Frauengestalten des vergangenen Jahrhunderts".

Henriette Davidis, die biedermeierliche Lehrerin, Schriftstellerin und Kochbuchautorin aus dem Dörfchen Wengern bei Wetter an der Ruhr, hätte das alles vermutlich weit von sich gewiesen, hätte vielleicht eines ihrer Bücher aufgeschlagen und daraus den moralischen Grundsatz zitiert: "Bescheidenheit ist eine Zierde der weiblichen Natur." Und auch darauf hätte sie wohl bestanden: "Correctheit ist doch in jeder Art sehr zu erwünschen." Denn das Kochbuch hat sie nicht erfunden, wie immer wieder behauptet wird. Lange vor Henriette Davidis gab es Kochbücher zu Hunderten in den Buchhandlungen zu kaufen.

Doch ausgerechnet ihr Kochbuch, 1845 erstmals im Bielefelder Verlag Velhagen und Klasing erschienen, wurde ein Verkaufsschlager, nicht nur in Westfalen, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum. Es wurde bald übersetzt ins Niederländische und Französische, ins Englische und Dänische.

Ihr Erstlingswerk trägt den umständlichen Titel: "Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche", und im Untertitel heißt es: "Practische Anweisung zur Bereitung von verschiedenartigen Speisen, kalten und warmen Getränken, Gelees, Gefrornem, Backwerken, sowie zum Einmachen und Trocknen von Früchten, mit besonderer Berücksichtigung der Anfängerinnen und angehenden Hausfrauen".

Daß ausgerechnet ihr Kochbuch reißenden Absatz fand, hatte mehrere Gründe. Es war übersichtlich gegliedert, flüssig geschrieben und enthielt zahlreiche praktische Tips und Hinweise, die nirgendwo sonst zu finden waren. So eignete sich das Kochbuch, wie der Titel versprach, besonders für die "Anfängerinnen" und die "angehenden Hausfrauen".

Das entscheidende Erfolgsrezept aber lag in der Vorarbeit der Autorin. Henriette Davidis hat nicht, wie die vielen anderen vor ihr, die Rezepte einfach nur gesammelt und abgedruckt; sie hat fast alle Rezepte selbst ausprobiert. "Es ist das Arbeiten für ein Kochbuch und solch materielle Beschäftigung kein Vergnügen", meinte sie später. Doch diese überaus mühevolle Vorbereitung zahlte sich aus. Ihr "Praktisches Kochbuch", wie es später heißt, wurde bis heute 76mal aufgelegt.

Johanna Friederika Henriette Katharina Davidis, so ihr vollständiger Name, stammt aus dem damals kleinen, ärmlichen Landdörfchen Wengern an der Ruhr, heute ein Stadtteil von Wetter. Im alten Pfarrhaus des Dorfes wurde sie am 1. März 1801 geboren als zehntes von dreizehn Kindern des lutherischen Pfarrers Ernst Heinrich Davidis und seiner Ehefrau Maria Katharina Lithauer.

"Jettchen", wie sie genannt wurde, besuchte die private Töchterschule in Schwelm. Anschließend wurde sie in Elberfeld ausgebildet zur Erzieherin, einem damals typischen Beruf für Frauen ihrer Herkunft. Sie arbeitete in verschiedenen Familien der "gehobenen Stände". Mehrere Jahre pflegte sie ihre betagte Mutter, bevor sie 1841 die Leitung einer Mädchenarbeitsschule in Sprockhövel übernahm. Sie griff selbst zur Feder, um ihren Schülerinnen praktisches hauswirtschaftliches Wissen zu vermitteln und ihnen ein Nachschlagewerk an die Hand zu geben. So entstand die Idee zum Kochbuch.

In ihrer Zeit als Erzieherin hatte sie bereits viele Rezepte zusammengetragen. Auf ihrer Suche nach weiteren Gerichten reiste sie kreuz und quer durch das Land. Doch Henriette Davidis war keineswegs nur an westfälischen Gerichten interessiert, wie es die spätere Legende will, die sie sogar zur westfälischen "Potthast-Patronin" erklärt. Die meisten ihrer Rezepte stammen aus Sachsen, Mecklenburg und Baden, aus England und Frankreich, aus Holland und der Schweiz. Auch diese Vielfalt machte ihr Kochbuch zur Erfolgsstory.

Als Leserschaft hatte sie vor allem die "Töchter gebildeter Stände" im Blick, die jungen Damen aus dem wohlhabenden städtischen Bürgertum. Die Arbeiterschaft der aufstrebenden Industriestadt Dortmund, in der Henriette Davidis von 1856 bis zu ihrem Tod am 3. April 1876 lebte, konnte sich ihr Buch kaum leisten, geschweige denn die Zutaten zu den nicht selten opulenten Gerichten. Und die sparsamen Bauernfamilien in ihrem Heimatdorf Wengern rümpften die Nase über die verschwenderische Pfarrerstochter. Einige Zeit lebte Henriette Davidis auf dem Hof Schulte-Elberg in Wengern, wo ihre Tante mit dem Bauern Johann Dietrich Schulte-Elberg verheiratet war. Dort probierte sie so manches Rezept aus, und unter den Leuten im Dorf, so ist es überliefert, habe es dann geheißen: "Die Davidis hat einen ganzen Vierspänner-Bauernhof dadurchgekocht."

Nach ihrem Kochbuch verfaßte Henriette Davidis auch zahlreiche Erziehungsschriften, die ebenfalls hohe Auflagen erreichten. Zeit ihres Lebens konnte sie vom Ertrag ihrer schriftstellerischen Arbeit leben.

1850 erschien "Der Gemüsegarten", später erweitert zu dem Buch "Der Gemüse- und Blumengarten". Nach einem Kinderbuch mit dem Titel "Puppenköchin Anna - Praktisches Kochbuch für liebe kleine Mädchen" wandte sie sich 1857 an die heranwachsenden Töchter. "Beruf der Jungfrau. Eine Mitgabe für Töchter gebildeter Stände bei ihrem Eintritt ins Leben" - so nannte Henriette Davidis ihr biedermeierliches Erziehungsbuch. Der "Beruf der Jungfrau" lag nach ihrer Auffassung einzig in der Bestimmung als Gattin, Hausfrau und Mutter. Dies wird bereits in dem vorangestellten Widmungsgedicht unter dem Titel "Zueignung" deutlich. Ferner heißt es in der Einleitung zum "Beruf der Jungfrau":

"Dem Hause würdig vorzustehen, dasselbe nach Möglichkeit zum angenehmsten Aufenthalt des Mannes zu machen, nur ihm gefallen zu wollen, auf alle seine Wünsche, insofern sie zum wahren häuslichen Glücke dienen, die größte Rücksicht zu nehmen, möglichst zu vermeiden suchen, was Sorge nach sich ziehen könnte, nie zu vergessen, daß der Mann der Versorger der Familie ist - das sei und bleibe die schönste Aufgabe des weiblichen Berufs."

Dieser Tugendlehre scheint auch das Privatleben der Henriette Davidis zu entsprechen, zumindest auf dem ersten Blick: "Sie lebte still und bescheiden", urteilt ihr Biograph Willy Timm, "mühte sich gottergeben über ihre häufigen Krankheiten hinweg und half ihren in Not geratenen Mitmenschen, wo sie nur helfen konnte, wohin sie gerufen wurde."

Im Umgang mit ihren Verlegern indes legte Henriette Davidis alles andere als biedermeierliche Tugenden an den Tag. Sie wußte um den Erfolg ihrer Bücher. Und sie wußte auch, was die Verleger mit ihr als Buchautorin verdienten. Ihnen gegenüber bewies die geschäftstüchtige Frau des öfteren, welche Kenntnisse sie in buchhändlerischer Kalkulation und im Verlagsrecht besaß. Einem Verleger beispielsweise, der ihr ein niedriges Honorar anbot, teilte sie kurzerhand mit: "Die Honorierung nach Bogenzahl in bemerkter Angabe muß ich ablehnen, da ich sehr wohl den Ertrag des Buches berechnen kann."

QUELLE  Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 61f.
PROJEKT  Lebensbilder westfälischer Frauen
AUFNAHMEDATUM2004-09-09


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QUELLE    Strotdrees, Gisbert | Es gab nicht nur die Droste | S. 61-62
  Schulte, Wilhelm | Westfälische Köpfe | S. 051f.
  Timm, Willy | Henriette Davidis (1801-1876) |
  Jüchems, Ulrike van | Henriette Davidis: "Man nehme..." |

SYSTEMATIK  
Typ40   Biografie (Einzelperson/Familie)
Zeit3.7   1800-1849
3.8   1850-1899
Ort1.2   Dortmund, Stadt <Kreisfr. Stadt>
1.3.6   Schwelm, Stadt
1.3.7   Sprockhövel, Stadt
1.3.8   Wetter Ruhr, Stadt
1.3.9   Witten, Stadt
2.6.6   Minden, Stadt
Sachgebiet9.4   Konsum, Nahrung
12.6   Lehrerin/Lehrer, Erzieherin/Erzieher
15.7   Literatur, Schriftstellerin/Schriftsteller
AUFNAHMEDATUM2003-08-22
AUFRUFE GESAMT3904
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