Ereignisse > Ereignis des Monats Mai


Die zerstörte Sperrmauer der Möhne-Talsperre. Britisches Aufklärungsfoto, aufgenommen am Vormittag des 17.05.1943 (Ausschnitt) / Foto: Imperial War Museum, London / Reconnaissance Group)






Ralf Blank

Die Nacht des 16./17. Mai 1943 -
"Operation Züchtigung": Die Zerstörung der Möhne-Talsperre

In der Nacht des 16./17.05.1943 führte das britische Bomber Command die "Operation Chastise" ("Züchtigung") gegen fünf Talsperren im Sauerland und im Waldecker Land durch. Dabei wurde die von 1908 bis 1913 erbaute, 40 m hohe und 650 m lange Staumauer der Möhne-Talsperre zerstört. Sie hat ein Fassungsvermögen von 135 Millionen Kubikmetern und erstreckt sich auf eine Länge von über zehn Kilometern. Bis heute gehört die Möhne-Talsperre zu den größten Talsperren in Deutschland.
 
 
Zum Zeitpunkt des Angriffs im Mai 1943 war die Talsperre bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Nach der Zerstörung fielen den talwärts strömenden Wassermassen laut amtlichen Verlautbarungen mindestens 1.579 Menschen zum Opfer. Darunter befanden sich mehr als 1.020 ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene. Erst bei Hattingen nahm die zerstörerische Wucht der Flutwelle ab. Selbst im Ruhrtal bei Hagen und noch in Steele bei Essen kamen Menschen durch das Hochwasser zu Tode. Durch die ebenfalls geplante Zerstörung des Staudamms der Sorpe-Talsperre bei Arnsberg und der Mauer der Ennepe-Talsperre bei Hagen hätten sich die Auswirkungen der nächtlichen Operation zweifellos noch weitaus schwerwiegender gezeigt. Auch die 47 m hohe und 400 m lange Staumauer der Eder-Talsperre im Waldecker Land wurde in dieser Nacht zerstört. Hierbei fanden etwa 70 Menschen den Tod, die Wasserflut reichte bis in die Innenstadt von Kassel.
 
 

Planungen und Vorbereitungen

 
 
 
Dem Angriff gingen mehrjährige Planungen und Vorbereitungen voraus. Sie werden in der einschlägigen Literatur ausführlich geschildert, wenngleich nicht immer verbunden mit einer qualifizierten historischen Einordnung und Bewertung. Zusammenfassend sind folgende Fakten wichtig: Die Talsperren von Möhne und Sorpe finden bereits im Oktober 1937 als potenzielle Luftangriffsziele in den Zielunterlagen des britischen Air Ministry eine Erwähnung. Der bis Juni 1938 entwickelte und erst im April 1940 vom britischen Air Ministry zugunsten von Luftangriffen auf Eisenbahnanlagen und von Treibstoffwerken verworfene "Ruhr Plan" (als Teil der so genannten Western Air Plans) sah die Bombardierung von 19 Elektrizitätswerken und 22 Kokereien im Ruhrgebiet und im Rheinland vor. Darunter befand sich auch das Elektrizitätswerk unterhalb der Möhne-Staumauer, aber auch andere Werke, wie das Gersteinwerk an der Lippe bei Werne sowie das Koepchen-Pumpspeicherkraftwerk und das Laufwasserkraftwerk am Hengsteysee bei Hagen. Doch über eine geeignete Bombe, deren Explosionskraft stark genug war, um die Staumauer der Möhne-Talsperre zu zerstören, verfügte das Bomber Command bis Anfang 1943 nicht.

Im Mai 1940 begann der Wing Commander C.R. Finch-Noyes vom Research Department des Air Ministry in Woolwich mit Untersuchungen über die Möglichkeit eines Angriffs auf die Staumauer der Möhne-Talsperre. Die verschiedenen Varianten, die er bis September 1940 entwickeln konnte, reichten von einem Torpedoangriff bis hin zum Abwurf einer überschweren Sprengbombe. Letztendlich zog Finch-Noyes den Einsatz von rund 1.200 kg schweren "Raketentorpedos" in Erwägung. Sie sollten paarweise von zehn Maschinen im Tiefflug gegen die Mauer abgefeuert werden. Bis in den Herbst 1941 beschäftigte sich Finch-Noyes mit verschiedenen Plänen für einen Angriff. In Zusammenarbeit mit der Admiralität untersuchte er u.a. auch den Abwurf von Gleitbomben und Torpedos, ohne jedoch ein realisierbares Verfahren vorzulegen.

Zeitgleich mit Finch-Noyes beschäftigte sich der Flugzeugkonstrukteur Barnes Neville Wallis (1887-1979) mit dem Projekt für die Bombardierung der wichtigsten deutschen Talsperren. Mit drei weiteren Wissenschaftlern bildete er im Oktober 1940 eine kleine Arbeitsgruppe, um die Möglichkeit von Zielangriffen auf die Staudämme von Möhne und Eder in Deutschland und der Tirso-Talsperre in Italien zu untersuchen. Im Frühjahr und Sommer 1941 wurden verschiedene Modelle der Staumauern angefertigt und gesprengt. Auf diesem Weg sollte die Wirkung der verschiedenen Abwurfmethoden ermittelt werden. Um die Staumauer der Möhne-Talsperre zu zerstören, gingen Wallis und die anderen Wissenschaftler von einem Explosionsgewicht von mindestens zehn Tonnen aus. Diese Bombe konnte von keiner der damals im Einsatz befindlichen Maschinen transportiert werden. Im Mai 1941 entwarf Wallis daher nicht nur eine große Bombe, sondern auch einen riesigen "Victory"-Bomber, dessen Entwicklung von den Vickers Amstrong-Flugzeugwerken aber abgelehnt wurde.

Mit Unterstützung der Admiralität und des Air Ministry setzte Wallis daraufhin seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit fort. Sein neunzehnseitiger, im Januar 1942 verfaßter Bericht "Air Attack on Dams" wurde viel beachtet und kursierte im Frühjahr 1942 in politischen und militärischen Kreisen. Wallis vertrat die Auffassung, dass die Zerstörung der Talsperren im Sauerland (Möhne, Sorpe, Lister, Ennepe, Henne) die Ruhrindustrie von der Wasserversorgung abschneiden würde.

Im Frühjahr 1942 hatte das Bomber Command nach der Entscheidung des britischen Verteidigungsausschusses vom 14. Februar seinen Schwerpunkt auf Flächenangriffe gegen deutsche Städte gelegt. Die Talsperren im Sauerland zählten für den am 22.02.1942 neu eingesetzten britischen Bomberchef Arthur T. Harris zu den zweit- und drittrangigen Angriffszielen. Wallis, und mit ihm eine Reihe weiterer Personen, sah hingegen in der Zerstörung der wichtigsten Talsperren im Einzugsbereich des Ruhrgebiet weiterhin eine Möglichkeit, die Wasserversorgung und Stromerzeugung in dieser Region, die seit dem späten 19. Jahrhundert als die "Waffenschmiede des Reiches" galt, entscheidend zu treffen.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Die zerstörte Möhne-Talsperre. Britisches Aufklärungsfoto, aufgenommen am Vormittag des 17.05.1943 von einer Spitfire der 542 / RAF


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Zerstörte Sperrmauer von der Staubeckenseite, 1943
 
 
Im Dezember 1942 beendete Wallis die Konstruktion einer speziellen "Bouncing Bomb". Diese "Rollbombe" besaß ein Gewicht von 4.200 kg und war mit 2.600 kg hochexplosivem Sprengstoff gefüllt. Sie erhielt den Decknamen "Upkeep" und wurde bis zur Produktion von rund 50 Exemplaren bis April 1943 nochmals modifiziert. In ihrer letzten Version glich sie nicht mehr einer Kugel, sondern einem Fass bzw. einer Tonne mit rund 1,30 m Durchmesser und 1,60 m Länge. Ab Februar 1943 wurden 23 viermotorige Maschinen des Typs Lancaster Mk III für den Transport der schweren Bombe umgerüstet. "Upkeep" musste vor dem Ausklinken im Bombenschacht in Rotation versetzt und in einer bestimmten Höhe und Entfernung vom Ziel abgeworfen werden. Im günstigsten Fall sprang sie dann wie ein Stein über das Wasser, hüpfte über die Torpedonetze, um an der Staumauer abzuprallen und schließlich in der eingestellten Wassertiefe von rund 9 m zu explodieren. Um die exakte Abwurfhöhe bestimmen zu können, erhielten die Lancaster zwei Scheinwerfer, die sich beim Erreichen der genauen Flughöhe überschnitten. Von den Bombenschützen in den Maschinen sollten dann noch mittels einer speziellen Vorrichtung die beiden Mauertürme anvisiert werden, um die präzise Entfernung für den Abwurf der Bombe zu ermitteln. Nach den Berechnungen von Barnes Wallis, die u.a. in Schottland und in Wales durch Experimente an maßstabgetreuen Modellen von Talsperren bestätigt wurden, hielt der gewaltigen Zerstörungskraft keine Staumauer stand.
 
 
 

Das Unternehmen "Chastise"

 
 
 
Am 21.03.1943 wurde vom Hauptquartier des britischen Bomber Command ein Spezialverband für den geplanten Angriff auf die Talsperren zusammengestellt. Die neu gebildete 617. Bomb Squadron der 5th. Bomb Group stand unter dem Befehl des 25-jährigen Wing Commander Guy Penrose Gibson. Er war ein besonders erfahrener Bomberpilot mit bis dahin 173 Kampfeinsätzen über dem europäischen Kriegsschauplatz. Nach einem sechswöchigen Training, das u.a. über Talsperren in der englischen Grafschaft Derbyshire stattfand, wurden am 15.05.1943 die Piloten, Navigatoren und Bombenschützen von 21 Maschinen über ihren Auftrag, die Angriffsziele und den Ablauf der Operation informiert. Schon zwei Tage später gab das Hauptquartier in High Wycombe den Angriffsbefehl heraus.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Eine Lancaster der britischen RAF mit der "Upkeep“-Rollbombe vor dem Start unter der Maschine "G" von Wing Commander Guy Gibson, am Vorabend der Zerstörung der Möhne-Talsperre, 16.05.1943
 
 
Der Angriff auf vier Talsperren im Sauerland und die Eder-Talsperre im Waldecker Land erfolgte auf dem Höhepunkt der "Battle of the Ruhr". In dieser von März bis Juli 1943 andauernden Luftoffensive legte das britische Bomber Command den Schwerpunkt seiner Operationen auf Flächenangriffe gegen die größeren Städte im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. In den Nächten vor dem 'raid' auf die Talsperren wurden in der Region drei schwere Flächenangriffe geflogen: Am 04.05./05.05.1943 auf Dortmund, am 12.05./13.05.auf Duisburg und am 13./14.05.auf Bochum.

In der Nacht des 16.05./17.05.1943 unternahm das Bomber Command keine weiteren größeren Operationen über dem Reichsgebiet. Allerdings sollten neun zweimotorige Mosquitos schwache "Störangriffe" gegen Berlin, Cologne, Düsseldorf and Münster fliegen. Der aus 19 Lancaster bestehende Angriffsverband - auf zwei weitere Maschinen musste aus verschiedenen Gründen verzichtet werden - wurde in drei Angriffswellen aufgeteilt. Die erste Gruppe von neun Lancaster war für das Hauptziel, die Möhne-Talsperre bestimmt. Erst nach ihrer Zerstörung sollten die noch mit einer "Rollbombe" ausgerüsteten Maschinen einen Angriff auf die Eder-Talsperre durchführen.

Die Besatzungen von fünf Maschinen der zweiten Gruppe erhielten den Befehl, die Sorpe-Talsperre in der Nähe von Sundern bei Arnsberg anzugreifen. Obwohl dieser Angriff als "Ablenkung" für die deutsche Luftverteidigung gedacht war, hatte er aber die Zerstörung des Staudamms als erklärtes Ziel. Fünf Flugzeuge der dritten Gruppe dienten zunächst als Reserve. Sie sollten erst dann starten, wenn die beiden anderen Gruppen ihre Ziele erreicht hatten. Die dritte "Welle" erhielten die Ennepe-Talsperre bei Hagen und die 40 m hohen und 240 m lange Staumauer der Lister-Talsperre bei Meinerzhagen als Hauptziele. "Zweitziele" waren die Henne- und Diemel-Talsperren. Den Wettervoraussagen zufolge herrschte über Westdeutschland ideales Flugwetter: ein wolkenloser Himmel und Vollmond mit guten Bodensichtbedingungen.
 
 
 

Der Angriff

 
 
 
Nach ihrem Start am 16.05.1943, zwischen 21.29 und 22.01 Uhr, auf dem Fliegerhorst Scampton in der ostenglischen Grafschaft Lincolnshire flogen die 14 viermotorigen Lancaster-Bomber der ersten und zweiten Angriffswelle in Baumwipfelhöhe über den Kontinent. Der Tiefflug sollte die Gefahr von Angriffen durch deutsche Nachtjäger verringern. Auch konnte auf diesem Weg einer frühen Erfassung durch deutsche Radarstellungen vorbeugt werden. Vom Münsterland und aus dem Raum Hamm kommend, flog die erste Angriffswelle unter Wing Commander Guy Gibson die Möhne-Talsperre an. Gleichzeitig nahmen die noch übrig gebliebenen Maschinen der zweiten Angriffswelle Kurs auf die Sorpe-Talsperre.

Die um 00.20 Uhr am 17.05.1943 über dem Möhnesee eintreffenden britischen Maschinen stießen an der Talsperre auf eine zwar schwache, aber aggressive Gegenwehr. Der größte Teil des Flakschutzes wurde bereits im März 1943 abgezogen. Zum Zeitpunkt des Angriffs gab es an der Talsperre nur noch sechs 2-cm-Flakgeschütze der 3. Batterie leichte Flakabteilung 840, die zur Flakgruppe Dortmund gehörte. Die Sologeschütze hatten ihre Stellungen am Ende der Sperrmauer, unterhalb der Talsperre und auf den zwei Türmen bezogen. Weitere Schutzmaßnahmen, wie z.B. Sperrballone, schwere Flakbatterien oder eine Verhüllung durch Kunstnebel, waren nicht vorhanden. Einige Meter vor der Staumauer befand sich ein doppeltes Torpedonetz, auf der Mauerkrone waren Attrappen von Nadelbäumen zur Tarnung aufgestellt. Der deutschen Flak auf den Türmen gelang es immerhin, einen der Bomber auf dem Zielanflug über dem Möhnesee abzuschießen und eine zweite Maschine zu beschädigen.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Zwei 16-jährige Luftwaffenhelfer an einem 2-cm-Flakgeschütz am Hengsteysee in Hagen. Rechts im Hintergrund das Laufwasserkraftwerk; das Koepchen-Pumpspeicherkraftwerk ist getarnt im linken Bildhintergrund schemenhaft sichtbar.
 
 
Der Abwurf der "Rollbombe" musste in einer präzise einzuhaltenden, sehr geringen Flughöhe von 18,29 Metern und bei einer Geschwindigkeit von 354 km/h erfolgen. Mit seiner Maschine griff Gibsons um 00.28 Uhr als Erster den Damm an. Da sein Angriff erfolglos blieb, folgten ihm in Abständen von zehn Minuten vier weitere Lancaster. Erst beim sechsten Anflug gelang es einer Lancaster um 00.49 Uhr, die Staumauer zu zerstören. Sofort ergossen sich gewaltige Wassermassen in das enge Tal der Möhne in Richtung ihrer Mündung in die Ruhr bei Neheim. Der zunächst kleine Riss in der Staumauer vergrößerte sich durch den Wasserdruck rasch bis auf eine Breite von 76 m und eine Höhe von 23 m. Nach einer kurzen Beobachtung des Geschehens unmittelbar nach dem Bruch der Staumauer setzte der Verband seinen Flug in Richtung Eder-Talsperre fort. Etwa eine Stunde später, um 01.37 Uhr, wurde auch dieser Staudamm zerstört. Auf ihrem Rückflug überflog die Maschine von Gibson noch einmal die Möhne-Talsperre und das Ruhrtal. Die Crew machte eine gewaltige Flutwelle, schwimmende Hausdächer und anderes mehr aus. Diese Beobachtungen ließen sie erahnen, welche großen Schäden durch ihren Angriff entstanden waren.

Der Angriff des auf den 60 m hohen und 700 m langen Staudamm der Sorpe-Talsperre bei Sundern angesetzten zweiten Verbands erwies sich als Fehlschlag. Nur ein Lancaster-Bomber erreichte den Staudamm. Die vier anderen Maschinen wurden auf dem Anflug von deutscher Flak abgeschossen oder mussten wegen technischer Probleme vorher umkehren. Die um 00.46 Uhr abgeworfene Bombe bewirkte zwar einigen Schaden an der massiven Konstruktion des aus einer mächtigen Aufschüttung mit einem Betonkern bestehenden Staumauer - aber der Damm hielt. Eine weitere Maschinen - sie gehörte der um 00.09-00.15 Uhr in Scampton gestarteten dritten Angriffswelle an - löste um 03.14 Uhr eine zweite "Rollbombe" über der Sorpe-Talsperre aus. Die Crew hatte den Damm durch zahlreiche Leuchtbomben erleuchtet. Doch auch diesmal hielt die Sorpe-Talsperre stand. Erfolglos blieb auch der Abwurf einer "Rollbombe" um 03.37 Uhr durch eine Lancaster auf die 51 m hohe und 275 m lange Staumauer der Ennepe-Talsperre bei Hagen. Aufgrund von Bodennebel musste die Crew dieser Maschine ihren Anflug über den See sogar drei Mal wiederholen. Der geplante Angriff von zwei Lancaster auf die Lister-Talsperre bei Meinerzhagen kam nicht zustande, da keine der Maschinen den Stausee erreichen konnte.

Das britische Bomber Command verlor in der Nacht des 16./17.05.1943 acht Lancaster. Von den 56 Besatzungsmitgliedern in diesen Maschinen überlebten nur drei; sie gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Den 77 nach England zurückgekehrten Besatzungsmitgliedern wurden je nach Dienstgrad und Verantwortung entsprechend hohe Auszeichnungen und Orden verliehen. Die 617. Bomb Squadron trug fortan den Rufnamen "Dambusters", das Staffelabzeichen zierte der Wahlspruch "Aprés moi, le déluge" ("Nach mir die Sintflut"), nicht nur eine Anspielung auf die "Operation Chastise", sondern auch eine Reminiszenz an einen populären Ausspruch, der sowohl dem französischen König Ludwig XV., als auch seiner Mätresse Jeanne Poisson, Marquise de Pompadour, zugeschrieben wird.

Am Vormittag des 17.05.1943, gegen 10.00 Uhr, unternahm ein als Fotoaufklärer umgerüstetes Jagdflugzeug des Typs Spitfire PRX1 der 542. (Photo Reconnaissance) Squadron des Bomber Command einen Rundflug über das Ruhrtal. Die auf dem Fliegerhorst Benson in der englischen Grafschaft Oxfordshire gestartete, einzeln fliegende und unbewaffnete Maschine führte die erste Luftbildaufklärung über die wenige Stunden zuvor angegriffenen Talsperren sowie die entstandenen Verwüstungen durch. In einer Flughöhe von 9.100 m fertigte der Pilot, Squadron Leader Frank 'Jerry' Fray, Hunderte von Aufnahmen an. Die gestochen scharfen Fotografien zeigten nicht nur die gebrochene Staumauer, sondern auch die im gesamten Ruhrtal durch die Flutwelle entstandenen Verwüstungen. Eine Anzahl von Fotografien von Frays Einsatz sowie von weiteren Missionen an den folgenden Tagen gab das britische Air Ministry für die Veröffentlichung frei. Sie wurden von der alliierten und neutralen Presse weltweit verbreitet.

Am 15.10.1944 versuchte das Bomber Command im Zusammenhang mit der Luftoperation "Hurricane" mit 18 Lancaster noch einmal einen Angriff auf die Sorpe-Talsperre. Obwohl über 5 Tonnen schwere "Tallboy"-Erdbebenbomben abgeworfen wurden und den massiven Staudamm auch trafen, hielt auch diesmal die Talsperre diesem Angriff stand. Die Möhne-Talsperre blieb jedoch, genau wie alle anderen Stauseen im Sauerland, bis Kriegsende von weiteren Luftangriffen verschont.
Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Die zerstörte Staumauer der Möhne-Talsperre mit Sperrballons am 17.05.1943, aufgenommen von einem tieffliegenden deutschen Aufklärungsflugzeug


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Blick auf die Sperrmauer des Möhnesees mit Bruchstelle, aufgenommen anlässlich des Besuchs von Rüstungsminister Albert Speer am 17.05.1943


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Schaulustige besichtigen am Nachmittag des 17.05.1943 bei Herdecke an der Ruhr das durch die Zerstörung der Möhne-Talsperre bewirkte Hochwasser; im Hintergrund: der Kaiserberg in Hagen-Vorhalle


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Blick von der Seeseite auf die zerstörte Sperrmauer der Möhne-Talsperre, 19.05.1943


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Die beschädigte und mit Sperrballons gesicherte Möhne-Talsperre, vom Möhnetal ausgesehen, 19.05.1943


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Blick auf den durch das Hochwasser infolge der Sprengung der Möhne-Talsperre beschädigten, bis Herbst 1943 wiederhergestellten Eisenbahnviadukt über die Ruhr bei Herdecke, 20.05.1943
 
 

Verheerende Auswirkungen

 
 
 
Die nach dem Bruch der Möhne-Talsperre entstandenen Schäden waren verheerend und hatten das gesamte Ruhrtal weiträumig verwüstet. Am 19.05.1943 fasste der westfälische Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow seine Eindrücke nach der Besichtigung der Angriffsschäden in einem Brief an den Ministerialdirektor im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, Dr. Ludwig Runte, wie folgt zusammen: "Die Zerstörung der Möhnetalsperre übersteigt alle Vorstellungen. Das untere Möhnetal und das Ruhrtal zwischen Neheim und Hengsteysee ist völlig zerstört. Wie oft hat die Menschheit schon solche fürchterlichen Rückschläge aus ihrer technischen Tätigkeit erleben müssen! Niemand hätte im Jahre 1911 bei der Fertigstellung der Möhnetalsperre geglaubt, dass sie der Heimat mehr Unheil als Segen bringen würde."

Im Deutschen Reich machten schnell Gerüchte die Runde. In weiten Teilen der Bevölkerung wurden nach den Meldungen des Sicherheitsdienstes der SS (SD) bereits wenige Tage nach dem Angriff bis zu 30.000 Todesopfer gemutmaßt. Anfang Juni 1943 veröffentlichten die deutschen Behörden in der Presse die Zahl der bis dahin im Überflutungsgebiet an der Möhne und Ruhr geborgenen Toten. Mit dieser ungewöhnlichen Maßnahme nach einem Luftangriff versuchte die NS-Regierung, weiteren Gerüchten entgegenzuwirken. Nach der amtlichen und aufgrund ihrer Intention durchaus glaubhaften Pressemeldung, zum Beispiel in der Hagener Zeitung vom 01.06.1943 unter der Schlagzeile "Die endgültigen Zahlen der Opfer des Luftangriffes auf die Möhne-Talsperre", wurden bis dahin 1.579 Todesopfer festgestellt, darunter nicht weniger als 1.026 ausländische Arbeitskräfte. 56 deutsche "Volksgenossen" galten bis dato noch als vermisst - die Zahl der damals noch vermissten ausländischen Arbeitskräfte werden in dem Artikel nicht genannt. Nach einem Bericht des Landrats im Kreis Arnsberg waren am 03.06.1943, also nach Abfassung der Pressemeldung, in seinem Bezirk noch 34 Deutsche und 155 Ausländer als vermisst gemeldet.

Die von amtlicher Seite veröffentlichte Zahl von (mindestens) 1.579 Toten liegt um etwa 300 Personen höher, als die bisher veröffentlichten Angaben in der einschlägigen Literatur und in den Medien. Friedrich gibt insgesamt "1300 Zivilisten" an, ebenfalls ohne Quellenangabe, möglicherweise aber in freier Anlehnung an Euler.

Unter den Toten befanden sich über 800 Menschen aus der im Ruhrtal gelegenen Kleinstadt Neheim-Hüsten, darunter rund 200 deutsche Einwohner. Sie wurde als erste größere Gemeinde von der nach amtlichen Feststellungen hier noch acht Meter hohen und sich mit sechs Metern in der Sekunde fortbewegenden Flutwelle getroffen. Die Wasserwand, die ähnliche Wirkung zeigte wie die Tsunamis nach Seebeben, bestand aus über 6.000 Kubikmetern Wasser, das unmittelbar nach dem Bruch der Staumauer aus der Talsperre mit einem hohen Druck herausgeströmt war. Das Hochwasser überflutete in Neheim nicht nur die Luftschutzkeller, in die sich die deutsche Bevölkerung vor einem Bombenangriff in Sicherheit wähnte, sondern auch die Baracken eines im Ruhrtal befindlichen "Gemeinschaftslagers" für ausländische Arbeitskräfte. Mindestens 526 der dort untergebrachten Zwangsarbeiterinnen ertranken in den Fluten.

Auf ihrem Weg durch das Ruhrtal zog die Flutwelle eine breite Schneise der Verwüstung. Auch die kleine Gemeinde Wickede an der Ruhr, die damals etwa 3.300 Einwohner hatte, wurde fast vollständig überflutet. Mindestens 118 Einwohner fanden den Tod. In Schwerte an der Ruhr, rund 50 Kilometer von der Möhne-Talsperre entfernt, stand das Wasser mit dem darin enthaltenen "Treibgut" haushoch in der Altstadt. Flussabwärts an der mittleren Ruhr waren die Wasserwerke bei Westhofen und die Turbinenhäuser der beiden Elektrizitätswerke am Hengsteysee, die 1937 im 'Ruhr Plan' als wichtige Angriffsziele für das Bomber Command aufgeführt wurden, vollständig überflutet.
 Zeitungsbericht des "Guardian" vom 18.05.1943 über die Auswirkungen der Bombardierung


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Zerstörte Eisenbahnwaggons


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Zerstörte Häuser


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Aufräumarbeiten


Vergrößerung der Abbildung   Vergrößerung der Abbildung   Weitere Informationen zur Abbildung
Beerdigung im Massengrab


"Die endgültigen Zahlen der Opfer des Luftangriffes auf die Möhne-Talsperre", in: Hagener Zeitung v. 01.06.1943, StadtA Hagen. Euler nennt, ohne Quellenangabe, 1069 Tote und 225 Vermisste, vgl. Helmut Euler, Als Deutschlands Dämme brachen. Die Wahrheit über die Bombardierung der Möhne-Eder-Sorpe-Staudämme 1943, Stuttgart 1979 (6. Aufl.), S. 218.

Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, Berlin 2002, S. 104.
 
 
Am Morgen des 17.05.1943, um 7.30 Uhr, floss noch immer 1.500 bis 2.000 Kubikmeter Wasser aus der geborstenen Staumauer der Möhne-Talsperre. Am Hengsteysee bei Hagen bewegte sich die zu dieser Zeit eintreffende Flutwelle immer noch mit einer Geschwindigkeit von drei Metern in der Sekunde. Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Trinkwasser aus den überfluteten Wasserwerken, vollgelaufene Rieselfelder und Klärwerke, vernichtete landwirtschaftliche Nutzflächen, auf den Weiden und in den Ställen ertrunkenes Vieh und viele weitere Auswirkungen des Angriffs beeinträchtigten über Monate den Alltag der Bevölkerung in den an der Ruhr gelegenen Städten und Dörfern.

Die gewaltigen Umweltschäden, hervorgerufen z.B. durch Klärschlamm, Tierkadaver, Treibstoffe, Schwermetalle und Industrielasten, fanden damals noch keine Erwähnung in der ansonsten detaillierten Schadensbilanz; sie zeigen sich heute bei Bohrungen z.B. in der Seenplatte im Norden von Hagen. Auf dem Höhepunkt der "Battle of the Ruhr" im Sommer 1943 ging der Krieg ging darüber hinweg. Nur wenige Tage nach der "Operation Chastise", in der Nacht des 23.05:/24.05.1943, unternahm das Bomber Command mit einer Streitmacht von 823 überwiegend viermotorigen Maschinen gegen Dortmund den bis dahin schwersten Flächenangriff auf eine deutsche Stadt. In Dortmund fehlte es der Feuerwehr an Löschwasser, um die zahllosen Brände zu bekämpfen - die Wasserversorgung an der Ruhr lief erst wieder ab Mitte Juni 1943 weitgehend störungsfrei.
 
 
 

Im Gedächtnis der Bevölkerung

 
 
 
Die persönlichen Eindrücke und Erlebnisse angesichts der "Möhne-Katastrophe" blieben im regionalen Gedächtnis der Bevölkerung tief verankert. Erich Schmidt, ein Augenzeuge aus Herdecke an der Ruhr, notierte bei Kriegsende: "Am 17.5.1943, morgens 7 Uhr, liegt im leichtem Nebel still und friedlich das Ruhrtal vor mir. 15 Minuten später glaube ich meinen Augen nicht zu trauen, und ich sehe, wie eine graue Masse den Nebel durchbricht und sich zu Tal wälzt. Es ist ein unheimlicher Anblick, ich rufe meine Angehörigen, laufe in Richtung Schiffswinkel in der Annahme, dass die Walzenwehre gebrochen sind. Innerhalb weniger Minuten war der Zugangsweg bereits überflutet. Von der Höhe der Friedhofsmauer sehe ich, wie verzweifelte Menschen durch das eiskalte Wasser waten, um ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. In der Flutwelle treiben entwurzelte Bäume, Möbel, Hausteile, selbst Pferdewagen."

Die romantische Fachwerkstadt Herdecke an der Ruhr hatte sogar noch Glück im Unglück. Durch den ungeheuren Druck der Wassermassen, die durch das enge Tal der Ruhr strömten, wurde nach der Angriffsnacht einer der zwölf Pfeiler aus dem 30 m hohen und 313 m langen Eisenbahnviadukt auf der vielbefahrenen Strecke zwischen Hagen und Dortmund herausgebrochen. In letzter Sekunde und wenige Meter vor dem Abgrund gelang es dem Lokführer, seinen mit etwa 1.000 Fahrgästen vollbesetzten Personenzug anzuhalten.

Die NS-Propaganda versuchte zunächst, den britischen "Angriffserfolg" zu relativieren. Der Bevölkerung wurden Schuldige für das Versagen der eigenen Luftabwehr angeboten. So sollten die "moralischen" Folgen in eine der NSDAP genehme Richtung kanalisiert werden. Die Bombardierung der Möhne-Talsperre sei ein Werk des "Judentums" gewesen, versuchte die NS-Propaganda bereits zwei Tage nach dem Angriff in Anlehnung an frei erfundene britische Zeitungsmeldungen der Bevölkerung weiszumachen. Eine dementsprechende Schuldzuweisung war unter anderem im Westfälischen Tageblatt und im Bochumer Anzeiger am 19.05.1943 unter der Titelschlagzeile "Juden Urheber der Talsperren-Bombardierung" und "Talsperrenanschlag Werk der Juden" erschienen. Allerdings verfehlte diese Propaganda ihr Ziel, denn die Bevölkerung hegte an solchen Schuldzuweisungen starke Zweifel. Der SD berichtete dann auch später im Mai 1943, dass in der Bevölkerung vielmehr die Frage aufgeworfen wurde, warum die deutsche Luftwaffe nicht "ähnlich wirkungsvollen Methoden" gegen England ergriff.

In Großbritannien wurde diese Frage angesichts der schweren Schäden im Ruhrtal übrigens ebenfalls erörtert. Die Konsequenz daraus war ein forcierter Ausbau der Schutzmaßnahmen für die englischen und schottischen Staudämme und Talsperren. Zu einem Unternehmen im Stil der "Operation Chastise" war die Luftwaffe jedoch längst nicht mehr fähig. Doch diese Tatsache war in der deutschen Bevölkerung offenbar ein größeres "Staatsgeheimnis", als die Verfolgung und Ermordung der Juden. Sie war zwar nicht in allen Details bekannt, aber dennoch in weiten Bevölkerungskreisen zumindest gerüchteweise durchaus im Gespräch.
 
 
 

Die Beseitigung der Schäden und Rückwirkungen

 
 
 
Die im Ruhrtal besonders zwischen Neheim und Hagen entstandenen Sachschäden erwiesen sich als folgenschwer. Sie erreichten jedoch keineswegs die von den britischen Zielplanern erhofften Auswirkungen. Auch das von der alliierten Presse nach dem Angriff mutmaßte Ausmaß der Überschwemmungen und Sachschäden erwies sich als Spekulation. Dennoch waren die Folgen besonders für die direkt im Ruhrtal gelegenen Städte und Gemeinden von einer nachhaltigen Wirkung. Der Schaden für die Rüstungsproduktion im Ruhrgebiet hielt sich dagegen in Grenzen.

Allerdings sollten die wirtschaftlichen Schäden der "Möhne-Katastrophe", wie der Angriff auf deutscher Seite bis heute bezeichnet wird, wiederum nicht unterschätzt werden. Die Zerstörung und der Ausfall von Wasser- und Elektrizitätswerken im Ruhrtal führten zum Beispiel in den benachbarten großen Rüstungsstandorten Dortmund, Hagen und Bochum zu mehrtägigen Produktionsausfällen. Auch die Wasserversorgung blieb einige Wochen lang beeinträchtigt. Bis Juli 1943 konnten diese indirekten Angriffsfolgen aber vollständig beseitigt werden. Die Reparatur von Industrie-, Verkehrs- und Versorgungsanlagen sowie die Behebung der gewaltigen Wasserschäden führten allerdings zu einer starken Bindung von Arbeitskräften und Material. Allein für die Beseitigung der Schäden in Ruhrtal wurden Tausende ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene herangezogen. Hinzu kamen zahlreiche Wehrmachtstruppen, die Technische Nothilfe und viele weitere Einheiten. Diese Arbeitskräfte fehlen natürlich bei der Schadensbehebung in anderen bombardierten Städten und in der Rüstungsindustrie.

So gesehen erweist sich der Angriff auf die Talsperren, vor allem auf den Möhne-Staudamm, durchaus als ein "schwerer Schlag" gegen die Ruhrindustrie. Aber auch die direkten Produktionsschäden waren nicht unerheblich. Im Überschwemmungsgebiet der oberen und mittleren Ruhr wurden zahlreiche metallverarbeitende Firmen getroffen. Sie dienten der Rüstungsindustrie als Zulieferwerke und stellten zum Teil wichtige Bau- und Montageteile her. Im Raum Schwerte fiel nach Angaben des Rüstungskommandos Dortmund für das zweite Quartal 1943 z.B. 45 Prozent des gesamten Liefersolls von Ketten (u.a. Ankerketten) im Deutschen Reich für mehrere Wochen aus.

Um den von dem Reichminister für Bewaffnung und Munition, Albert Speer, forciert betriebenen Wiederaufbau der Möhne-Talsperre zu ermöglichen, wurde die Organisation Todt (OT) aus den besetzten Ländern in West- und Osteuropa, vor allem von den Baumaßnahmen für den "Atlantikwall", herangezogen. Speer war bereits wenige Stunden nach dem Angriff an der Möhne-Talsperre erschienen und bereiste anschließend das überflutete Ruhrtal. Mit bis zu 4.000 überwiegend ausländischen Arbeitskräften führte die OT den Wiederaufbau der im mittleren Teil der Staumauer zerstörten Möhne-Talsperre durch. Im Juni 1943 etablierte Speer den Stab der OT-Oberbauleitung Möhne mit Sitz in der damals noch unzerstörten Stadt Hagen. Die OT koordinierte auch die Reparaturarbeiten im Ruhrtal.

Da die bis Ende Juli 1943 fortgesetzte "Battle of the Ruhr" im gesamten rheinisch-westfälischen Industriegebiet schwere Schäden verursachte, richtete Speer im August 1943 in Essen-Kettwig den "Ruhrstab" sowie in Villigst bei Schwerte den Stab einer eigenen OT-Einsatzgruppe Rhein-Ruhr ein. Als gegen Ende September 1943 der Wiederaufbau der Möhne-Talsperre - übrigens unter den "Augen" der alliierten Luftbildaufklärung - beendet war, hatte sich die Industrie an Rhein und Ruhr bereits weitgehend von den Folgen der vorausgegangenen britischen Bombardierungen erholt. Dennoch blieb die OT nun ständig im "Heimatkriegsgebiet" präsent. Um das am 22.6.1943 bei einem US-amerikanischen Tagesangriff schwer beschädigte Buna-Werk der IG Farben AG in Mark-Hüls wiederaufzubauen, waren dort bis Herbst 1943 über 700 Arbeitskräfte unter Aufsicht der OT beschäftigt. Auch die bei einem britischen Flächenangriff auf Hagen stark zerstörte Accumulatoren Fabrik AG wurde bis März 1944 von der OT wiederhergestellt und in Teilen neu errichtet.

Eine weitere Folge der Talsperren-Angriffe des britischen Bomber Command war der forcierte Ausbau eines umfangreichen Flakschutzes. Bis Mai 1943 besaßen die energie- und wasserwirtschaftlichen Anlagen einen wenn überhaupt völlig unzureichenden Flakschutz. Nach den Angriffen wurden bei Talsperren, Schleusen, Schiffshebe- und Wasserkraftwerken zahlreiche Flakbatterien stationiert. Zuständig für den Flakschutz der südwestfälischen Talsperren und Wasserwirtschaftsanlagen war das im Mai 1943 als Flakgruppe Hagen gebildete Flak-Regiment 189. Für den Schutz der Talsperren und Wasserwirtschaftsanlagen entlang der Ruhr und im Sauerland waren bis Kriegsende u.a. die Batterien der leichten Flak-Abteilungen 892 und 924 verantwortlich. So befand sich an der Sorpe-Talsperre auch ein Zug mit drei modernen 5-cm-Flakgeschützen, die nach ihrer Entwicklung 1941 bei Rheinmetall und Krupp nicht in die Serienfertigung gelangten.

Im Mai und Juni 1944 erhielt der Flakschutz an der Möhne-Talsperre durch zusätzliche stationierte schwere Flakbatterien, die unter anderem aus Hagen abgezogen wurden, eine temporäre Verstärkung. Anscheinend befürchtete die Luftwaffenführung genau ein Jahr nach dem Angriff einen wiederholten Luftschlag gegen die Staumauer. Umfangreiche Tarnmaßnahmen, Annäherungshindernisse, Sperrballone und anderes mehr sollte die Möhne-Talsperre, aber auch die anderen größeren Talsperren im Sauerland vor ähnlichen Operationen wie am 16.05./17.05.1943 schützen.
 
 
 

Rezeption und Gedenkkultur

 
 
 
Die "Operation Chastise" gegen die Talsperren im Sauerland und in Nordhessen erfährt bis heute eine umfangreiche Rezeption. Zum Teil fokussiert sich die Rezeption auf militärische und technische Aspekte; selbst ein Computerspiel namens "Dambuster" ist inzwischen erschienen. Auf der anderen Seite wird die Erinnerung an die katastrophalen Auswirkungen der "Möhne-Katastrophe" und das Gedenken an die rund 1.600 Todesopfer des Angriffs gepflegt. Anders als bei den Städtebombardierungen, wo das offizielle Gedenken die ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen als "Bombenopfer" fast vollständig ausgeklammert hat, können die über 1.000 getöteten Zwangsarbeiter nach der Bombardierung der Möhne-Talsperre schon allein wegen ihres Anteils von fast 70 Prozent unter den Todesopfern des Angriffs nicht übersehen werden. Dennoch wird die Erinnerung auf deutscher Seite vorwiegend vom Gedenken an die deutschen Opfer geprägt. Wenn ausländische Opfer berücksichtigt werden, dann geschieht das vor allem im Zusammenhang mit dem "Möhneschatz", der in Neheim aufgefunden und seit Mai 1945 nach Übergabe an einen Offizier des US-amerikanischen Counter Intelligence Corps (CIC) verschollen ist. Er wird dem Eigentum einer in der Angriffsnacht ertrunkenen ukrainischen Ärztin aus dem "Gemeinschaftslager" in Neheim zugeschrieben.

1954 erschien der englische Spielfilm "The Dam Busters" (Associated British Picture Corporation, Regie: Michael Anderson), der im Wesentlichen auf das hinterlassene Buch "Enemy Coast Ahead"(1946, Neuauflage z.B. 1998) des im September 1944 gefallenen Guy Gibson sowie auf das 1951 veröffentlichte Buch von Paul Brickhill "Dam Buster" stützte. Einige Szenen des Films inspirierten übrigen 1977 den Regisseur George Lucas bei seinem berühmten Epos "Star Wars". Aber auch in den deutschsprachigen TV-Dokumentationen über den Bombenkrieg, angefangen von der mehrteiligen ARD-Serie "Krieg der Bomber" (1985, Jochen von Lang) über die ZDF-Produktionen "Der Bombenkrieg" (2003, Guido Knoop) und "Feuersturm" (2006, Alexander Berkel, Ursula Nellessen und Annette Tewes) sowie der Dokumentation "Der Bombenkrieg" der ARD (2004, Norddeutscher Rundfunk) bis hin zur Produktion "Feuersturm. Der Bombenkrieg gegen Deutschland" von Spiegel TV (2003, Michael Kloft) ist die Bombardierung der Möhne-Talsperre am 16./17.05.1943 stets ein mehr oder weniger ausführlich behandeltes Thema.

Die literarische Überlieferung ist ebenfalls breit gestreut. Hans Rumpf veröffentlichte 1954 in der Zeitschrift "Ziviler Luftschutz" einen ersten Aufsatz über die Talsperrenangriffe. Rumpf zählte zu den frühen Apologeten des Luftschutzes, der sich bereits in der Weimarer Republik mit Luftschutzfragen beschäftigte. Als SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei wurde er im September 1943 zum Generalinspekteur der Feuerschutzpolizei und Feuerwehren im Hauptamt Ordnungspolizei ernannt. In dem 1969 erschienenen Buch von Fritz Schumacher wurde das Thema "Möhne-Katastrophe" zum ersten Mal lokalgeschichtlich zusammenhängend dargestellt. Doch erst das 1975 erstmalig veröffentlichte und seitdem in bisher vierzehn Auflagen erschienene Buch "Als Deutschlands Dämme brachen" von Helmut Euler, einem Fotografen und Heimatforscher aus Werl, machte das Geschehen am 16./17.05.1943 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Euler benutzte vor allem einige wenige britische Quellen, um die Vorbereitungen und den Ablauf des Angriffs zu rekonstruieren. Grundlagen waren die Recherchen für einen Dokumentarfilm, der Euler 1973 anlässlich der dreißigjährigen Wiederkehr des Ereignisses erstellt hatte. Trotz der vielen methodischen und inhaltlichen Mängel, die sich vor allem im Bereich der historischen Einordnung und Bewertung zeigen, ist das Buch "Als Deutschlands Dämme brachen" immer noch das deutschsprachige "Standardwerk" zum Thema. Hingegen stellt eine fundierte historische Studie zu den Talsperren-Angriffen und ihren Folgen bis heute ein Desiderat dar.

Die 1982 von John Sweetman, Militärhistoriker und damals Direktor für ‚Defence and International Affairs’ an der Royal Military Academy in Sandhurst, vorgelegte Veröffentlichung "The Dams Raid - Epic or Myth?" untersuchte auch die Legendenbildung und Rezeption der Talsperrenangriffe, wobei der Fokus auf die britische Überlieferung liegt. Eine 1990 unter dem Titel "The Dambusters Raid" verlegte und überarbeitete Ausgabe enthält eine ausführliche militärhistorische Darstellung aus britischer Sicht. 1983 erschien unter dem bezeichnenden alttestamentarisch anmutenden Titel "Die Sintflut im Ruhrtal" eine von Gerhard Hallen und Joachim Ziegler bearbeitete Bilddokumentation. Sie stützt sich vor allem auf eine von dem früheren Leiter des Ruhrtalmuseums in Schwerte, Josef Spiegel, ab 1943 aufgebaute Foto- und Dokumentensammlung zur "Möhne-Katastrophe". Die Publikation besticht durch eine sorgfältige Bildauswahl der zahlreichen zeitgenössischen Fotografien.

Zur 50. Wiederkehr der Talsperrenangriffe 1993 publizierte der Luftkriegsautor Alan W. Cooper sein Buch "Men who breached the Dams". 2003 erschien unter dem Titel "The Dambusters" eine von John Sweetmann, David Coward und Gary Johnstone erarbeitete Publikation. Sie stellte wiederum aus britischer Sicht und unter dem Fokus militärtaktischer Aspekte die Operation zusammenfassend dar. Die monographische Überlieferung wird ergänzt durch zahlreiche Aufsätze in lokal- und regionalgeschichtlichen Zeitschriften in Westfalen sowie Presseveröffentlichungen, die regelmäßig an den "Jahrestagen" erscheinen.

Am 16.05.1993 wurde bei der Pfarrkirche St. Johannis in Neheim auf Initiative der Kirchengemeinde das Denkmal "Totenleuchte" (Bernhard Kleinhans, Sendenhorst) aufgestellt. Es soll an die Opfer und an das Geschehen in der Nacht des 16./17.05.1943 erinnern. Zu den Jahrestagen finden besonders in Neheim regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt, zuletzt in einem größeren Umfang am 70. Jahrestag. Denkmäler an die "Möhne-Nacht" finden sich ebenfalls auf dem Friedhof in Neheim sowie an der Stelle des zerstörten Klosters Himmelpforten im Möhnetal.

Das Gedenken und die Erinnerung an die Talsperrenangriffe des britischen Bomber Command befindet sich derzeit in einem Wandlungsprozess. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die Erinnerung wird von den folgenden Generationen tradiert. Historiker und vor allem Laien in der so genannten Heimatforschung nehmen sich verstärkt des Themas an. Die Intentionen, der fachliche Hintergrund und die Perspektiven erweisen sich dabei häufig als sehr unterschiedlich. Wie das Gedenken und die Rezeption des Kriegsgeschehens in Nacht des 16.05./17.05.1943 im Jahre 2013 und siebzig Jahre nach dem Ereignis aussehen mag, ist eine interessante Frage.
 
 
Ressourcen
Weitere Ressourcen zum Thema

Texte
Ausgewählte Quellen
  • National Archives, Kew/London
    AIR 9/96 - War Plans
    AIR 9/102 - Western Air Plans
    AIR 14/3762 - Interpretation Reports: Dams Eder and Mohne, Urft at Heimbach, Kembs River Barrage, Sorpe near Arnsberg.
    AIR 14/3410 - Bomber Command Night Raid Report, May 16/17, 1943.
    AIR 19/383 - Attacks on the Ruhr dams and defence of U.K dams and reservoirs
    AIR 20/300 - Air Intelligence paper. Ruhr industries, Germany (1937-1939).
    AIR 20/5820 - Electric power objectives in the Ruhr area
    AIR 34/609 - Target Folder Möhne Dam.
    DSIR 27/48/MAP 155 - Inspection of the Möhne and Eder dams, September 1945.
  • Stadtarchiv Hagen
    Bestand Hagen 1: Vorgang "Möhne-Katastrope”.
    Zeitungssammlung (Hagener Zeitung, Westfälische Landeszeitung "Rote Erde", Westfälisches Tageblatt).

Literatur
  • Blank, Ralf / Sollbach, Gerhard E.: Das Revier im Visier. Bombenkrieg und "Heimatfront" im Ruhrgebiet 1939-1945. Hagen 2005.
  • Blank, Ralf: Ruhrschlacht. Das Ruhrgebiet im Kriegsjahr 1943. Essen 2013.
  • Cooper, Alan W.: Men who breached the Dams. Shrewsbury 1993.
  • Does, Karl-Heinz (Bearb.), Die Möhnetalsperre im Wandel der Zeit. Mosaiksteine, Daten und Fakten zu Wasser, Natur und Landschaft. Möhnesee 2013.
  • Euler, Helmut: Als Deutschlands Dämme brachen. Die Wahrheit über die Bombardierung der Möhne-Eder-Sorpe-Staudämme 1943. Stuttgart 1975 (14. Auflage 1999).
  • Euler, Helmut: Wasserkrieg: 17. Mai 1943. Rollbomben gegen die Möhne-Eder-Sorpestaudämme. Stuttgart 2007.
  • Hallen, Gerhard / Ziegler, Joachim: Die Sinflut im Ruhrtal. Eine Bilddokumentation zur Möhne-Katastrophe. Meinerzhagen 1983.
  • Schumacher, Fritz: Heimat unter Bomben. Der Kreis Arnsberg im Zweiten Weltkrieg, Arnsberg 1969.
  • Sweetman, John: The Dams Raid - Epic or Myth? Operation Chastise. London 1982.
  • Sweetman, John: The Dambusters Raid. London 1990 (5. Auflage 2004).
  • Sweetman, John/Coward, David/Johnstone, Gary: The Dambusters. New York 2003.
  • Webster, Tim: The Dam Busters - Success or Sideshow, in Air Power Review 7 (2004) H. 1, S. 59-75.

Linkhinweise