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PERSON

FAMILIEGiesler
VORNAMEPaul
BERUF / FUNKTIONNS-Gauleiter von Westfalen-Süd und München-Oberbayern, Bayerischer Ministerpräsident


GESCHLECHTmännlich
GEBURT DATUM1895-06-15   Suche
GEBURT ORTSiegen
KONFESSIONev., dann gottgläubig
TOD DATUM1945-05-08   Suche
TOD ORTStanggaß [Bischofswiesen-Stanggaß]
TODESURSACHESuizid


ÄMTER / FUNKTIONEN  Westfalen-Süd, Gau Gauleiter | 1941-11-09 - 1943-01-26
  Westfalen-Süd, Gau Reichsverteidigungsbezirk Westfalen-Süd | 1942-12-01 - 1943


BIOGRAFIEPaul Giesler wurde am 15.06.1895 in Siegen als Sohn eines Architekten geboren. Im August 1914 meldete sich der Unterprimaner Giesler freiwillig zum Fronteinsatz und beendete den Ersten Weltkrieg als Leutnant und Kompanieführer eines Garde-Pionierbataillons. Zwischen 1919 und 1921 besuchte Giesler, der seit 1919 Mitglied des paramilitärischen Stahlhelms/Bund der Frontkämpfer war, die Höhere Landesbauschule in Darmstadt. 1922 wurde er nach eigenem Bekunden Mitglied der NSDAP-Ortsgruppe in Siegen und Mitbegründer der SA im Siegerland. Giesler, seit 1922 freischaffender Architekt, betätigte sich seit 1924 als Partei- und Gauredner, SA-Führer und Ortsgruppenleiter. Der offizielle Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnr. 72741) ist jedoch erst für den 01.01.1928 belegt. Am 05.03.1933 als Abgeordneter für den Wahlkreis 18 (Westfalen-Süd) in den Reichstag gewählt, war Giesler zwischen 1933 und Juni 1934 hauptamtlicher SA-Führer im Siegerland sowie Stadtrat in Siegen.

Anläßlich der Niederschlagung des "Röhm-Putsches" entging Giesler am 30.6.1934 urlaubsbedingt nur knapp einer Verhaftung bzw. möglichen Ermordung. Am 30.07.1934 wurde er dann aber vom Gauleiter von Westfalen-Süd, Josef Wagner, vor dem Obersten Parteigericht als mutmaßlicher Anhänger des zwischenzeitlich ermordeten früheren SA-Stabschefs Ernst Röhm angeklagt. Vom Parteigericht erfolgte jedoch am 10.04.1935 ein Freispruch Gieslers mangels Beweisen, aber mit der Auflage, sich von seinem Geburtsort Siegen sowie von seinem früheren Wirkungskreis fernzuhalten. Daraufhin übernahm Giesler die Führung der SA-Brigade 63 (Oldenburg-Ostfriesland), um 1936 zum Stabsführer der SA-Gruppe Hochland in München ernannt zu werden. Am 09.02.1937 erfolgte die Beförderung zum SA-Gruppenführer (30.01.1943: SA-Obergruppenführer) und ein Jahr später die Leitung der SA-Gruppe Alpenland mit Sitz in Linz an der Donau. 1938 meldete sich Giesler als Reserveroffizier freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht und nahm als Kompaniechef, zuletzt als Hauptmann eines "österreichischen" Infanterie-Regiments, 1939 und 1940 am Angriffskrieg gegen Polen und am "Westfeldzug" teil. Während seines Wehrdiensts wurde Giesler im August 1941 von M. Bormann in die Partei-Kanzlei zwecks einer "Überprüfung seiner Fähigkeiten" zur Dienstleistung abgeordnet. Im September des Jahres avancierte er in den Dienstrang eines Stellvertretenden Gauleiters (Hauptdienstleiter der NSDAP).

Die von Hitler am 09.11.1941 in München in Gegenwart der dort versammelten Gau- und Reichsleiter sowie NS-Führungsspitzen auf absichtlich entwürdigender Weise schlagartig vollzogene Absetzung des langjährigen Gauleiters von Westfalen-Süd, Josef Wagner (12.01.1899-22.04.1945), nach einer von Bormann, Himmler und Goebbels gemeinsam inszenierten Verschwörung bedeutete für Giesler indessen einen Aufstieg im NS-Führerkorps. Giesler wurde von Hitler mit sofortiger Wirkung zum Nachfolger seines "alten Feindes" bestimmt und zum Gauleiter von Westfalen-Süd sowie zum Preußischen Staatsrat ernannt. Gieslers rund achtmonatige Amtszeit im Gau Westfalen-Süd erweist sich im Rückblick jedoch offenbar zu kurz, um größere und einschneidende Rückwirkungen hinterlassen zu haben. Am 23.06.1942 setzte Hitler Giesler auf Empfehlung von Bormann als geschäftsführenden Gauleiter im "Traditionsgau" Oberbayern und München in Vertretung für den schwer erkrankten Gauleiter Adolf Wagner ein. Im November 1942 übernahm Giesler zusätzlich das Amt des Reichsverteidigungskommissars sowie des federführenden Bayerischen Ministerpräsidenten sowie des Bayerischen Wirtschafts- und Finanzministers. Wohl aufgrund dieser Anhäufung von Ämtern und Aufgaben erfolgte auf Betreiben von M. Bormann Anfang 1943 durch Hitler in der Person von Albert Hoffmann (1907-1972) die Einsetzung eines geschäftsführenden Stellvertreters für Giesler im Gau Westfalen-Süd.

Die ständige Vertretung von Giesler durch seinen Stellvertreter, der Hagener Oberbürgermeister H. Vetter, (wie z.B. seit 1940 im Gau Essen praktiziert) kam für den Gau Westfalen-Süd nicht in Frage, da Vetter aus Sicht der Partei-Kanzlei für die selbständige Leitung eines Gaues nicht geeignet erschien. Demgegenüber nahm Giesler bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes im Personalkarussell immer wieder die Position eines Ersatzkandidatens für hohe Staats- und Parteiämter ein. So führte der Tod des SA-Stabschefs Victor Lutze im Mai 1943 bei einem Verkehrsunfall bei Hitler im Sommer des Jahres zu Überlegungen, dieses vakant gewordene Amt Hermann Giesler zu übertragen. Auch als möglicher Anwärter für eine Nachfolge des in Ungnade gefallenen Baldur v. Schirach als Gauleiter in Wien spielte Gieseler bei Hitler und Goebbels eine Rolle. Nach A. Wagners Tod im April 1944 wurde Giesler von Hitler dann aber offiziell als Gauleiter von München-Oberbayern sowie Bayerischer Ministerpräsident bestätigt. In München hatte sich Giesler bereits im Frühjahr 1943 bei der Niederschlagung der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" und der Ermordung ihrer Mitglieder einen Namen als Verfechter brutaler Terrormethoden gemacht. Im April 1945 erfolgte Gieslers Ernennung zum federführenden Reichsverteidigungskommissars-Süd im süddeutschen Raum. Mit Hilfe von SS-Einheiten schlug Giesler die binnen Stunden zusammengebrochene "Freiheitsaktion Bayern" unter Hauptmann Dr. Rupprecht Gerngross wenige Tage vor dem amerikanischen Einmarsch in München brutal nieder. In Hitlers politischen Testament vom 29.04.1945 wurde Giesler in der Nachfolger von H. Himmler mit dem Amt des Reichsinnenministers in einer längst nicht mehr existenten deutschen Reichsregierung bedacht. Am 08.05.1945 verstarb der frühere Gauleiter von Westfalen-Süd und München-Oberbayern auf der Flucht vor den sich nähernden US-Truppen in Berchtesgaden an den Folgen eines wenige Tage zuvor gemeinsam mit seiner Ehefrau verübten Selbstmordversuchs.

Quellen:
Zum Lebenslauf und zur Parteikarriere von Paul Giesler; BA Berlin, Bestand Reich (ehem. Bestand Berlin Document Center), Personalunterlagen Paul Giesler; Akten der Partei-Kanzlei, 103 006614: Schreiben des Generalbevollmächtigen für die Reichsverwaltung an Gauleiter Giesler v. 13.4.1943 betr. Entbindung von der Funktion des Reichsverteidigungskommissars für Westfalen-Süd. Zur angeblichen Verstrickung Gieslers in die sog. Röhm-Affaire s. Hüttenberger 1969, S. 87f. sowie zur Absetzung von Josef Wagner s. Hüttenberger 1989, S. 208 u. Rebentisch 1989, S. 197f. Zum Tod Giesler u. sein Verhalten in der Endphase der Krieges sowie zur "Freiheitsbewegung Bayern" s. Höffkes 1986, S. 89f. sowie Hildebrand Troll: Aktionen zur Kriegsbeendigung im Frühjahr 1945. In: Bayern in der NS-Zeit, Bd. IV. München 1981, hier bes. S. 669.

Ralf Blank
 
AUFNAHMEDATUM2003-10-10
 
Weitere Biografie/n:
  Lilla, Joachim | Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918-1945/46) | S. 158


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QUELLE    Lilla, Joachim | Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918-1945/46) | S. 158

SYSTEMATIK  
Zeit3.8   1850-1899
3.9   1900-1949
3.9.40   Nationalsozialismus <1933-1945>
3.9.50   Zweiter Weltkrieg <1939-1945>
3.10   1950-1999
Ort3   Westfalen-Süd, Gau
Sachgebiet3.18   Parteien
5.2   Militärorganisation, Wehrverfassung
5.9   Kriege, militärische Konflikte
AUFNAHMEDATUM2003-10-10
AUFRUFE GESAMT1873
AUFRUFE IM MONAT2