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Rudolf Amelunxen (1888-1969) / Düsseldorf, Landtag Nordrhein-Westfalen - Archiv
FAMILIEAmelunxen
VORNAMERudolf
TITELDr. jur. utr.
BERUF / FUNKTIONRegierungspräsident von Münster, Oberpräsident von Westfalen, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen


GESCHLECHTmännlich
GEBURT DATUM1888-06-30   Suche
GEBURT ORTKöln
KONFESSIONkath.
TOD DATUM1969-04-21   Suche
TOD ORTKrankenhaus im Kloster Grafschaft, Kreis Meschede
BEGRÄBNIS ORTDüsseldorf, Nordfriedhof


VATERAmelunxen, Joseph, Rechnungsrat


ÄMTER / FUNKTIONEN | Münster, Regierungsbezirk | Regierungspräsident/in (RP) | 15 | 1926-07-20 - 1932-07-21
20.07.1926: Bestallung; 21.07.1932: Amtsenthebung durch Franz von Papen als "Reichskommissar für Preußen", Versetzung in den einstweiligen Ruhestand; zum 01.12.1933: Versetzung in den Ruhestand nach § 6 BBG
| Westfalen, Provinz (Preußen) <1815-22.08.1946> | Oberpräsident (OP) | 15 | 1945-07-05 - 1946-07-24
05.07.1945: kommissarisch


BIOGRAFIEIn seinen "Erlebnissen und Betrachtungen", die der Zweiundsiebzigjährige 1960 unter dem nicht alltäglichen, aber bei seiner Vorliebe für provokante Formulierungen für ihn charakteristischen Titel "Ehrenmänner und Hexenmeister" veröffentlichte, finden sich folgende Sätze:
"Wer zwölf Jahre Minister war - gleich an welchem Punkt unseres Erdballs - und keine Feinde hat, der muß sein Amt schlapp geführt und nicht immer so ministriert haben, wie die Interessen des Volkes es verlangen. Allen gefallen zu wollen, das ist nach dem ewigen Weisen von Weimar eine lächerliche Prätention. Wer in seinem langen Leben gar, wie ich es für meine Pflicht hielt, jedem, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, klar seine Meinung vor die Stirne sagte und alle Konventionen der Heuchelei ablehnte, der darf sich nicht wundern, wenn viele Menschen ihm gram sind."
Diese Sätze lesen sich auf den ersten Blick wie eine nachträgliche Rechtfertigung, sie offenbaren aber auch ein gehöriges Maß an Selbstgewißheit und Selbstzufriedenheit mit dem eigenen Tun und Lassen im Amte. Man muß Amelunxen bescheinigen, daß er, solange er an exponierter Stelle im öffentlichen Leben stand, Entscheidungen weniger unter taktischen und opportunistischen. Gesichtspunkten getroffen hat als vielmehr auf der Basis grundsätzlicher politischer, rechtlicher und sozialer Überzeugungen. Sein Eintreten für als wichtig erkannte politische Aufgaben maß er nicht daran, ob sie politisch angebracht waren oder in der Öffentlichkeit "ankamen". Amelunxen hatte die strenge Disziplin der preußischen Ministerialverwaltung kennengelernt und schätzte ihr Arbeits- und Leistungsethos, aber er lehnte gleichzeitig das in der höheren preußischen Beamtenschaft stark ausgeprägte Elite- und Klassenbewußtsein ab. Er besaß wenig Respekt vor überkommenen sozialen Hierarchien und Privilegien, die er oft in sarkastischen Formulierungen attackierte. Gleichwohl ließ Amelunxen, der schon durch sein äußeres Erscheinungsbild Autorität und Distanz ausstrahlte, in allen ihm übertragenen Ämtern nie einen Zweifel an seiner Chef-Stellung aufkommen. Ungemein selbstbewußt und von einer unverhohlenen inneren Arroganz, was seine eigenen Auffassungen betraf, hat er in seinen Ämtern nie Unsicherheit zu erkennen gegeben. Mit sichtbarem Stolz verwies er später darauf, mit 38 Jahren zum jüngsten Regierungspräsidenten Preußens in der Weimarer Republik ernannt worden zu sein. Es deutete also alles auf eine beachtliche Karriere in der preußischen Staatsverwaltung hin. Doch die politische Entwicklung und damit. auch die berufliche Laufbahn von Amelunxen verlief anders. So war es alles andere als voraussehbar, daß ihm nach 1945 das Amt des westfälischen Oberpräsidenten übertragen werden und er wenig später in das Amt des ersten, von der britischen Besatzungsmacht ernannten Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen aufrücken sollte.


1.


Wilhelm Rudolf Amelunxen wurde am 30.06.1888 in Köln geboren, doch wollte er seine Herkunft nicht auf diese Landschaft allein beschränkt wissen. So hat er wegen der westfälischen Abstammung seiner Eltern immer halb spöttisch, halb ernsthaft auf seine zweifache landsmannschaftliche Verwurzelung verwiesen und damit ihm nachgesagte oder tatsächlich eigene Charakterzüge erklärt. Rudolf, der noch zwei Geschwister hatte, wuchs in gutbürgerlichen, wirtschaftlich soliden Verhältnissen auf. Versetzungen des Vaters, der Rechnungsrat bei der königlich-preußischen Eisenbahndirektion in Köln war, brachten für den Jungen jedes Mal Schulwechsel mit sich. Seine Volksschulzeit begann er zunächst in Köln und setzte sie in Münster fort. Die höhere Schule besuchte er wieder in Köln und bestand (wie fünfzehn Jahre vor ihm auch Konrad Adenauer) das Abitur auf dem Apostel-Gymnasium, das er mit dem gleichen Abschluß absolviert hatte.

Amelunxen hat nie ein Hehl daraus gemacht, ein mittelmäßiger Schüler gewesen zu sein. An seine Schulzeit erinnerte er sich nur ungern. Der weitverbreitete Kasernenhofton und die quasi-militärische Disziplin in der Klasse stießen ihn ab. Noch in seinen Reden als Oberpräsident und als Minister charakterisierte er das preußische Gymnasium als seelenlose Drillanstalt, die den jungen Menschen bloß Wissensstoff eingepaukt habe, anstatt ihnen "den Glauben an die Menschenwürde", an "moralische und soziale Ideen" zu vermitteln. 1909 an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg in der juristischen Fakultät mit Geschichte und Psychiatrie als Zusatzfächern immatrikuliert, besuchte er bevorzugt die Vorlesungen des Staatsrechtlers Richard Schmidt, des Nationalökonomen Gerhart von Schulze-Gaevernitz und des Historikers Friedrich Meinecke, ohne daß er sich mit besonderem Eifer seinem Studium gewidmet hätte. Amelunxen fühlte sich zu der noch in den Anfängen stehenden sozialstudentischen Bewegung Carl Sonnenscheins hingezogen und trat einer sozialakademischen Vereinigung bei, "die zusammen mit den jugendlichen Mitgliedern des Freiburger Kolpingvereins Vortragsabende veranstaltete und soziale Besichtigungen unternahm". Auf diese Weise kam er zum ersten Mal in unmittelbaren Kontakt mit Angehörigen der Arbeiterschicht und erhielt einen Einblick in Probleme, die ihm, der ohne materielle Sorgen aufgewachsen war, neu waren. Diese Erfahrungen beeindruckten ihn nachhaltig. Fortan engagierte er sich mehr und mehr in der sozialstudentischen Arbeit, und er behielt zeitlebens den Blick für soziale Probleme und Nöte.

Nach drei Semestern wechselte Amelunxen an die Berliner Universität und ein Jahr später nach Bonn über, wo er seine Studien abschloß. 1912 legte er vor der Justizkommission in Köln das Referendarexamen ab. Bei einer durchschnittlichen wissenschaftlichen Qualifizierung bestand er beide Staatsexamina mit "ausreichend". 1914 erwarb er mit einer Arbeit über "Die Verletzung der Unterhaltspflicht des unehelichen Vaters vom strafrechtlichen und armenpolizeilichen Standpunkt" mit dem untersten Prädikat den Doktortitel an der Universität Erlangen, "wo man damals", wie Amelunxen später freimütig bekannte, "ebenfalls so bequem promovieren konnte wie später in Mainz und Innsbruck". Die üblichen Ausbildungsstationen des preußischen Justizdienstes führten den Referendar sowohl an ein abgelegenes ländliches Amtsgericht als auch an das Landgericht seiner Vaterstadt Köln. Seine Vorgesetzten bewerteten seine Leistungen durchweg als zufriedenstellend und hoben allgemein seine. schriftliche und mündliche Gewandtheit hervor. In Köln übernahm er den Vorsitz einer sozial akademischen Vereinigung, in der junge Juristen, Mediziner, Theologen und Pädagogen Kurse und Vorträge für Nichtakademiker organisierten. Gleichzeitig veröffentlichte Amelunxen sozialpolitische und sozialrechtliche Artikel in der angesehenen "Kölnischen Volkszeitung", dem Sprachrohr der rheinischen Zentrumspartei, und entfaltete eine vielseitige Vortragstätigkeit, die ihn unter anderem nach Holland und Belgien führte.

Diese Artikel und vor allem ein Aufsatz, den er 1913 in den von Carl Sonnenschein herausgegebenen Flugschriften des 1908 gegründeten Berliner Sekretariats sozialer Studentenarbeit unter dem Titel "Großstadtelend" veröffentlichte, vermitteln einen Einblick in seine damaligen politischen und sozialpolitischen Vorstellungen. Amelunxen beschreibt am Beispiel des Wohnungselends in der Reichshauptstadt die sozialen, kulturellen, religiösen und sittlichen Konsequenzen einer Industrialisierung und Urbanisierung, die hastig, ohne Grundlagenplanung und nach krassen kapitalistischen Prinzipien erfolgte. Dabei wählte er die Form der Reportage. Dadurch wird seine Darstellung des Themas, das damals auf vielen Ausstellungen und Tagungen in akademischer Weise behandelt wurde, wirklichkeitsnah und einprägsam. Die drastische Sprache des Artikels spiegelt das Elend und die Verzweiflung der Menschen wider, die in Mietskasernen und Hinterhöfen oder anderswo unter katastrophalen hygienischen Bedingungen leben mußten. Er attackiert das Mißverhältnis der Entwicklung in den Wohnbezirken der Wohlhabenden und Reichen im Berliner Westen einerseits, den Elendsquartieren der Unter- und unteren Mittelschichten im Osten der Stadt andererseits. Die realistische Schilderung des Berliner Milieus verraten den Einfluß Carl Sonnenscheins, in dessen Umgebung Amelunxen als Berliner Student und auch später noch als Ministerialbeamter ehrenamtlich gearbeitet hat. Amelunxen beschreibt die sozialen Mißstände nicht ohne Anteilnahme, und er sucht zu ergründen, wie es dazu kommen kann. Er greift die damals gängigen Argumente sozialidealistischer Reformer, wie sie Adolf Damaschke vertreten hat, auf und kritisiert distanziert, manchmal überheblich die städtische Zivilisation:
"Drängen wir uns durch die hochgestapelten Verkaufstische eines Warenhauses! Greifbar liegt alles zur Schau. Man kauft über die verfügbaren Mittel. Die Frauen erliegen dem lockenden Anreiz des Flitters. Vieles gleitet stillschweigend mit. Die Gelegenheitsdiebinnen werden gezüchtet... Die Geschäftswelt versteht es, durch die ausgeklügelten Lockmittel, durch Aufstellen von Automaten und verheißungsvolle Ankündigungen von Vergnügungsgelegenheiten die Jugend zum Geldausgeben zu verleiten... Phantasieeregender Kinobesuch und nervenaufreizender Leseschund üben vereint ihre vergiftende Wirkung auf die kindliche Psyche."

Es fällt auf, daß Amelunxen über die Beschreibung der proletarischen Wohn- und Lebensverhältnisse hinaus nicht zu Analyse und Kritik der Ursachen ansetzt und mögliche Wege zu ihrer radikalen Veränderung aufzeigt. Aber gerade diese Form der Behandlung sozialer Fragen war charakteristisch für den Kreis um den Berliner "Großstadtapostel" Carl Sonnenschein. Innerhalb des deutschen Katholizismus des auslaufenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts galt dieser als der populärste und zugleich umstrittenste Repräsentant einer relativ kleinen Gruppe von katholischen Geistlichen, die sich mit beispielhaftem persönlichen Einsatz um die Verbesserung der sozialen Lage der benachteiligten Bevölkerungsschichten bemühten. Sonnenschein arbeitete für eine Erneuerung des sozialen Bewußtseins, das von den Katholiken ausgehen sollte. Das primäre Ziel der von ihm ins Leben gerufenen und inspirierten sozialstudentischen Bewegung hat er selbst so definiert: "Erzeugung sozialen Wissens, sozialer Gesinnung und sozialer Praxis." Folglich blieb die grundlegende Frage nach dem Bedingungszusammenhang von politischer und wirtschaftlicher Macht und wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen ausgeklammert. Jedenfalls wurde sie weder von Amelunxen noch von seinen Gesinnungsgenossen als Problem formuliert und vertreten. Vielmehr verstand man die soziale Frage in erster Linie als eine sittlich-moralische Aufgabe, die, so Amelunxen, die "gebildeten Massen" beschämen und durch "praktische Liebe" gelöst werden müsse. Er schloß mit dem Appell: "Die nackten Tatsachen des Großstadtelends... zwingen uns zur Revision unserer Stellungnahme in den brennenden Tagesfragen, zwischen denen wir pendeln." Aus der heutigen Kenntnis der Probleme mag diese Sichtweise als zu kurz und politisch nicht konsequent genug erscheinen. Gemessen an den wirtschaftlichen und sozialen Zeitgeist von 1913 indessen war dies durchaus eine gesellschaftspolitisch fortschrittliche Position, die konservativen gesellschaftlichen Gruppen zum Teil als revolutionär und ketzerhaft erschien.


2.


Ein kurzer Militärdienst im Jahre 1913 und der Erste Weltkrieg unterbrachen die Referendarausbildung Amelunxens, der wegen der Folgen eines Unfalls nicht Soldat wurde. Nach vorübergehender Tätigkeit als Pflichtverteidiger an einem außerordentlichen Kriegsgericht wurde er 1915 zur Zivilverwaltung nach Belgien abkommandiert und mit dem Amt des stellvertretenden Zivilkommissars von Namur beauftragt. Dort erlebte er auch das Kriegsende. In Köln schloß er seinen Referendardienst ab und bestand vor der zentralen Prüfungskommission in Berlin am 9. August 1919 sein Assessorexamen. In den Kriegsjahren hatte Amelunxen mit dem Gedanken gespielt, ein Theologiestudium anzuschließen. Er entschied sich aber nun für den Dienst im preußischen Staat.

Es ist nicht bekannt, wie Amelunxen über die revolutionären Vorgänge im November 1918 gedacht hat, die zur Republik von Weimar führten, und wie er die überaus schwierige Aufgabe beurteilte, eine neue politische Ordnung zu errichten. Doch steht außer Frage, daß er der Monarchie nicht nachtrauerte und große Hoffnungen in die neue demokratische Staatsordnung setzte. Diese Haltung drückte sich nicht zuletzt in seinem Eintritt in den preußischen Ministerialdienst sowie in die Zentrumspartei aus. Nach kurzer Tätigkeit im Innenministerium wechselte er 1919 in das neugeschaffene Wohlfahrtsministerium über, an dessen Spitze der christliche Gewerkschaftsführer Adam Stegerwald stand. Es spricht einiges dafür, daß bei Amelunxens Anstellung sein sozialpolitischer Mentor Carl Sonnenschein die Hand im Spiel gehabt hat. Denn dieser verfolgte den ehrgeizigen Plan, nach dem Sturz der Monarchie fachlich qualifizierte Katholiken aus seinem Umkreis in hohe Staatsämter zu bringen mit dem Ziel, eine "katholische Elite im öffentlichen Leben" zu etablieren. Eine günstigere Gelegenheit konnte sich Sonnenschein gar nicht erhoffen als jetzt, da das Wohlfahrtsministerium vor seiner "Personellen Erstausrüstung" stand. Heute ist bekannt, daß namentlich in diesem Ministerium der Anteil von katholischen Zentrumsbeamten besonders hoch war. Für ihre Einstellung hat sich in vielen Fällen Sonnenschein verwandt. Das bedeutendste Beispiel ist der spätere Reichskanzler Heinrich Brüning. Amelunxen besaß für den Ministerialdienst im neuen Staat und speziell für das Wohlfahrtsministerium zweifellos günstige Voraussetzungen. Nach Bildungsgang, fachlicher Qualifikation und politischer und sozialpolitischer Grundeinstellung erfüllte er in geradezu idealtypischer Weise die Kriterien einer republikanischen Beamtenpolitik, die Preußen insgesamt wichtiger nahm als andere Länder.

Gerade im Amt, erhielt Amelunxen die ebenso schwierige wie undankbare Aufgabe, die aus verschiedenen Ministerien herausgelösten Arbeitsgebiete in das Wohlfahrtsministerium überzuleiten und einen Organisations- und Geschäftsverteilungsplan zu entwerfen. Mit seinem organisatorischen Talent, seiner taktischen Wendigkeit und seiner Fachkenntnis machte er sich schnell über das eigene Ministerium hinaus einen Namen. Ende 1922 veranlaßte Ministerpräsident Otto Braun seine Versetzung in das preußische Staatsministerium und befürwortete, obwohl Amelunxen die vorgeschriebene Altersgrenze von 35 Jahren noch nicht erreicht hatte, die Ernennung zum Ministerialrat. Anschließend berief ihn Braun zu seinem persönlichen Referenten. Nicht zuletzt diese Entscheidung des Sozialdemokraten Braun, einen Zentrumsangehörigen zu seinem persönlichen Referenten zu machen, unterstreicht das fachliche und politische Ansehen, das sich dieser in den drei Jahren seines Ministerialdienstes erworben hatte.

In seiner neuen Stellung saß Amelunxen "im Vorzimmer der Macht" des preußischen Staates. Von hier aus gewann er Einblicke in die politischen Abläufe und Entscheidungsprozesse, in die taktischen Finessen der Parteien- und Verbandsvertreter, in die Intrigen und die Unsicherheiten des in der Weimarer Republik immer nur mit Schwierigkeiten funktionierenden parlamentarischen Systems. Er lernte eine Vielzahl von Personen kennen und knüpfte Verbindungen, die sich nicht zuletzt für seine politischen Tätigkeiten nach 1945 als vorteilhaft erwiesen. Der nahezu tägliche Umgang mit Braun bestärkte ihn in seiner Auffassung, daß die Weimarer Verfassung eine historische Chance darstellte, und er trat im deutschen Katholizismus dafür ein, sich zu der umstrittenen Verfassung überzeugend zu bekennen.

Nach seiner Übersiedlung in das Ministerpräsidentenbüro war es die Aufgabe von Amelunxen, die Zusammenarbeit mit den preußischen Ministerien und der Reichskanzlei zu koordinieren und die Kontakte zu den politischen Parteien zu pflegen; daneben hatte er die Angelegenheiten der besetzten Westgebiete zu bearbeiten. Später übernahm er noch das landwirtschaftliche und das handelspolitische Referat. Vor allem mit dem Referat für die besetzten westlichen Gebiete war Amelunxen für ein hochpolitisches Aufgabengebiet zuständig. Kurz nach seinem Amtsantritt rückten am 11.01.1923 französische und belgische Truppen in das Ruhrgebiet ein, ein Ergebnis, das die Regierungen im Reich wie in Preußen in erhebliche außen- und innenpolitische Bedrängnis brachte. In dieser Zeit war Amelunxen viel unterwegs, um ein genaueres Bild von den okkupierten Gebieten und ihren Problemen zu gewinnen. 1924 verhandelte er mit der interalliierten Rheinlandkommission, der nach dem frühzeitigen Ausscheiden Amerikas noch Franzosen, Briten und Belgier angehörten. Bei dieser Gelegenheit lehnte er auch Sir Henry Vaughan Berry kennen, der 1945 Militärgouverneur von Westfalen wurde. Außerdem begleitete Amelunxen wiederholt Reichspräsident Ebert, später auch Hindenburg auf Staatsreisen durch Preußen, die diese unter anderem nach Westfalen und ins Rheinland unternahmen. Auf diese Weise konnte er sich einen guten Einblick in die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse gerade der preußischen Westgebiete verschaffen.

Als Anfang 1926 der Regierungspräsident von Münster, Dr. Heinrich Haslinde, im zweiten Kabinett von Reichskanzler Luther das Ernährungsministerium übernahm, war es keine Überraschung, daß sich Braun und der preußische Innenminister Severing schnell auf Amelunxen als Nachfolger von Haslinde einigten. Die Entscheidung konnte aber noch nicht veröffentlicht werden, da Haslinde offenbar ein baldiges Scheitern der Regierung Luther nicht ausschloß und sich für diesen Fall die Rückkehr nach Münster offen gelassen hatte; auch war bei der Ernennung des Regierungspräsidenten der Provinzialausschuß der Provinz Westfalen zu beteiligen. Ungeachtet dessen wurde vor allem in der westfälischen Öffentlichkeit über die Neubesetzung spekuliert. Am 15.05.1926 meldeten die dem Zentrum nahestehende Dortmunder "Tremonia", einen Tag später münsterische Zeitungen die Berufung Amelunxens als vollendete Tatsache und lösten damit bei den staatlichen und provinziellen Instanzen in Berlin und Münster eine erhebliche Verstimmung aus. Um die Personaldiskussion in der Öffentlichkeit zu beenden, aber auch, weil das Regierungspräsidium nunmehr seit einem halben Jahr vakant war, drängte Oberpräsident Gronowski bei Braun und Severing wiederholt energisch auf die Besetzung der Stelle, die am 06.07.1926 vollzogen wurde. Noch am selben Tage informierte Gronowski den Landeshauptmann Franz Dieckmann mit der Bitte, dem am nächsten Tag zusammentretenden Provinzialausschuß den Beschluß des Staatsministeriums mitzuteilen und sein Einverständnis herbeizuführen.

Jetzt aber legte sich dieser quer. Das Gremium, verärgert darüber, daß es seine Zustimmung zu einer wichtigen ministeriellen Personalentscheidung geben sollte, die in der Öffentlichkeit schon als feststehende Tatsache diskutiert wurde, vertagte sich einstimmig um zwei Wochen. Die Reaktion des Provinzialausschusses war nicht ganz grundlos. Und es war auch nicht das erste Mal, daß er (wie dieses auch Provinzialausschüsse anderer Provinzen getan haben) kritisch oder sogar negativ auf Personalvorschläge der preußischen Regierung reagierte, bei denen er ein Mitwirkungsrecht besaß. So hatte der westfälische Provinzialausschuß 1922 den von der Regierung als Regierungspräsident für Münster vorgesehenen Landrat in Düren und späteren Oberbürgermeister von Aachen, Wilhelm Rombach, abgelehnt und seinen Kandidaten Haslinde bei Severing durchgesetzt. Artikel 86 der preußischen Verfassung besagte unter anderem, daß die Oberpräsidenten und die Regierungspräsidenten "im Einvernehmen" mit dem Provinzialausschuß zu berufen seien. Das Hinauszögern der Entscheidung durch den Provinzialausschuß richtete sich also nicht gegen die Person Amelunxens. Es hatte mehr den Charakter einer Demonstration, die ausdrücken sollte, daß der Ausschuß seine Mitwirkungsrechte nach Artikel 86 voll auszuschöpfen gedachte und sich nicht als Akklamationsorgan verstand. Nach zwei Wochen stimmte der Ausschuß der Berufung Amelunxens mit großer Mehrheit zu.


3.


Mit Amelunxen übernahm ein republikanisch gesinnter Beamter die Leitung des Regierungsbezirkes Münster. Seine Ernennung begründete das Innenministerium gegenüber der Öffentlichkeit so: "Insbesondere dürfte er (Amelunxen) in der Stelle des Regierungspräsidenten in Münster am Platze sein, da er seiner Abstammung nach Westfale ist und durch seine langjährige Beschäftigung in den verschiedensten Angelegenheiten der westlichen Provinzen insbesondere während des Rhein- und Ruhrkampfes mit den westlichen Verhältnissen durchaus vertraut ist." Dies war offenbar auch die Auffassung in Westfalen, denn Proteste wie 1922 anläßlich der Berufung von Gronowski zum Oberpräsidenten blieben aus. Freilich konnte Amelunxen nicht auf vorbehaltlose Zustimmung rechnen. Reserviert und skeptisch begegneten ihm weite Teile des münsterländischen Adels, die in dieser Region in vieler Hinsicht tonangebend und einflußreich waren und natürlich lieber, wie dies vor 1918 überwiegend der Fall gewesen war, einen Angehörigen ihres Standes auf dem Präsidentenstuhl gesehen hätten als jemand, der sich ausdrücklich zu den politischen und sozialen Vorstellungen des linken Zentrumsflügels bekannte. Dieses Mißbehagen kam in einem Artikel der deutschnationalen "Westfälischen Landeszeitung" zum Ausdruck, die schrieb:
"Auch die Parteizugehörigkeit... ist ein ausschlaggebender Faktor für die Frage der Eignung oder Nichteignung. Je weniger der Chef der Regierung sich von parteilichen Gesichtspunkten leiten läßt, desto freudiger werden auch wir ihm in seinem neuen Amt unsere Unterstützung geben können."

Dazu ist es allem Anschein nach jedoch nicht gekommen. Zumindest das Verhältnis zu dem Teil des westfälischen Adels, der deutschnational orientiert war, blieb kühl und distanziert. Wie frostig die Beziehung gewesen sein muß, lassen Bemerkungen Amelunxens in seinen "Erlebnissen und Betrachtungen" ahnen: "Dem Adel des Münsterlandes war der Zugang zur modernen Zeit schwergefallen. Die Barone saßen verärgert auf ihren protzigen Schlössern und verschlammten Wasserburgen. Schon der alte Reichsfreiherr vom Stein war auf diesen Adel schlecht zu sprechen gewesen. In einem Brief an den Freiherrn von Vincke aus dem Jahre 1814 hatte er das summarische Urteil gefällt, der Adel des Münsterlandes habe sich in der Vergangenheit elend betragen, er könne sich mit Neuerungen nicht abfinden und trauere immer noch der damaligen adeliggeistlichen Verfassung nach. Auch nach dem Jahre 1918 huldigten die westfälischen Adeligen noch ihrer religiös unterbauten Überzeugung, sie seien die geborenen Führer des Volkes. Das sprachen sie in ihrem intransigenten Illusionismus auch offen aus, sobald sie gemerkt hatten, daß die Novemberereignisse keine Revolution gewesen waren und sie im Besitz ihrer Latifundien belassen hatten."

Seit dem 21.07.1926 stand Amelunxen an der Spitze eines traditionsreichen Verwaltungsraumes, der für die sozialökonomische Strukturkrise der zwanziger Jahre besonders anfällig war. Diese war zwar international, doch machte sie sich wegen der Belastungen durch den verlorenen Ersten Weltkrieg mit seinen finanziellen und außenpolitischen Rückwirkungen, aber auch durch die relative Rückständigkeit des gesellschaftlichen Bewußtseins und der politischen Verfassung in Deutschland verschärft bemerkbar. Betroffen von den damit verbundenen Krisenerscheinungen waren in besonderer Weise die stark industriell geprägten, bis in das Ruhrgebiet hineinragenden südlichen Kreise des Regierungsbezirks. Amelunxen waren diese spezifischen Schwierigkeiten durchaus bekannt, und er wußte, daß sie nicht in kurzer Zeit zu beheben sein würden. So formulierte er bei seiner Amtseinführung als Nahziel, der Wirtschaftskrise wenigstens "in ihren schlimmsten Formen Herr zu werden". Zugleich warnte er vor radikalen Demagogen, die eine rasche Lösung aller Probleme verspräche, und bekannte sich nachdrücklich zum parlamentarisch-demokratischen System: "Nicht nur, weil ich den Eid auf die Verfassung geleistet habe, sondern auch aus Erlebnis und innerster Überzeugung und in wohlüberlegter Einschätzung der nationalen Interessen unseres Volkes bejahe ich den republikanischen Staat, in dem der Träger der Staatsgewalt die Gesamtheit des Volkes ist und wie er durch das Staatsgrundgesetz vom 30. November 1920 seine verfassungsmäßige Grundlage und Verankerung gefunden hat".

In dieser Überzeugung hat Amelunxen sein Amt als Regierungspräsident ausgeübt, und es lag ihm viel daran, auch die ihm unterstellten Beamten für die neue Staatsordnung zu gewinnen. Dabei gab er sich keinen Illusionen hin, daß ein hoher Prozentsatz der älteren, aus der Monarchie übernommenen Beamten der neuen staatlichen Ordnung reserviert bis ablehnend gegenüberstand. Bei der Amtseinführung eines Landrates erklärte er, der Eid auf die Verfassung bedeute "nicht nur Duldung der Republik und Heraushängen der Nationalfahne, wenn es von Berlin aus befohlen wird, er bedeutet den kraftvollen Willen zur Durchtränkung der Verwaltung und des öffentlichen Lebens mit dem Geist der Verfassung".

Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang eine Kontroverse zwischen ihm und dem Befehlshaber der in Münster stationierten 6. Division, General von Ledebur. Der General hatte Anfang 1928 Repräsentanten ziviler und militärischer Behörden zu einem .Empfang in das Offizierskasino eingeladen. Amelunxen war mit dem ihm durch die Tischordnung zugewiesenen Platz nicht einerstanden und beanstandete dies am nächsten Tag bei Ledebur. Als Privatmann halte er zwar die noch "vielfach herrschenden gesellschaftlichen Sitten und Gepflogenheiten in Deutschland für völlig veraltet", als Regierungspräsident aber müsse er "entscheidendes Gewicht darauf legen, so behandelt zu werden", wie es seiner staatlichen Stellung entspreche. "In der Vorkriegszeit hätte jeder Regierungspräsident in gleicher Situation sofort den Saal verlassen... Ich beehre mich daher, Ihnen, Herr General, mitzuteilen, daß ich künftig, um mich nicht nochmals einer solchen, im höchsten Maße peinlichen Lage auszusetzen, an ähnlichen Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen werde." Diese Reaktion mag auf den ersten Blick als überzogen erscheinen, hatte aber durchaus einen ernsten politischen Hintergrund. Amelunxen war natürlich bekannt, daß gerade in den Reihen des Offizierskorps sorgfältig auf äußere Formen und Rangordnungen geachtet wurde. Insofern wertete er die ihm zugewiesene Plazierung zu Recht als nicht zufällig und bedeutungslos, sondern als Indiz für die Geringschätzung, die man bis in die höchsten militärischen Ränge der Reichswehrführung hinein für den Staat empfand, den Amelunxen an diesem Abend als Regierungspräsident repräsentierte. Dieser Vorgang und andere zeigen, daß Amelunxen in der Sache wie in der Form selbstbewußt und offensiv auftrat. Und es läßt sich leicht ausmalen, daß er sich dadurch den Zorn vor allem der dezidiert rechten politischen Gruppen zuzog, die "jedes Eintreten für Verfassung und Regierung als Parteipolitik und damit als Verletzung der Pflicht zur parteipolitischen Neutralität bewerteten" und nur darauf warteten, der in ihren Augen mutwilligen Unterhöhlung des Berufsbeamtentums in Preußen ein Ende zu setzen.

Am 20.07.1932 war es soweit. Der gerade seit sechs Wochen amtierende Reichskanzler Franz von Papen enthob unter Berufung auf den Notstandsartikel 48 der Weimarer Reichsverfassung und mit Hilfe der Reichswehr die preußische Regierung ihres Amtes und unterstellte die Verwaltung des größten deutschen Landes dem Reich. Schon damals war klar, daß die zur Rechtfertigung herangezogenen bürgerkriegsähnlichen Straßenkämpfe zwischen SA und Kommunisten nur fadenscheinige Vorwände waren. In erster Linie zielte die Aktion, wie der eigentliche Initiator des "Staatsstreich gegen Preußen", General von Schleicher, intern zugab, darauf ab, "dem unerträglichen Dualismus zwischen Reich und Preußen ein Ende zu machen". Noch am selben 20.07. veranlaßten Papen als Reichskommissar für Preußen und sein Innenminister, der frühere Oberbürgermeister von Essen, Franz Bracht, eine erste Säuberungswelle unter den politischen Beamten Preußens. Ihr fielen zunächst 33 hohe Beamte zum Opfer. Einer von ihnen, übrigens der einzige Angehörige der Zentrumspartei, war Rudolf Amelunxen.

Die Reaktionen auf den "Massenhinauswurf republikanischer Beamter" (so der sozialdemokratische "Vorwärts") waren in Westfalen unterschiedlich. Während die deutschnationale "Westfälische Landeszeitung" ihre Genugtuung in der Schlagzeile ausdrückte: "Mit eisernem Besen! Die Säuberung der Verwaltung von Parteibuchbeamten beginnt", verurteilten die dem Zentrum nahestehenden Zeitungen in Münster die Dienstenthebung von Amelunxen einmütig. In Solidaritätsbekundungen von katholischen Verbänden, Geistlichen und christlichen Gewerkschaften wurde seine Wiedereinsetzung gefordert. Es zeigte sich aber auch, daß man nicht zuletzt deshalb empört war, weil es einen Katholiken getroffen hatte. So hieß es in der münsterischen "Morgenpost": "Herr Reichskanzler... wir verlangen Aufklärung, was die Reichsregierung dazu bewogen hat, den hervorragenden Katholiken und Verwaltungsbeamten (Amelunxen) in eine Linie zu stellen mit den 24 Sozialdemokraten und Dissidenten... Das westfälische und besonders das katholische Volk des Münsterlandes verlangt Klarheit." All diese Proteste vermochten freilich ebensowenig auszurichten wie die von Amelunxen eingelegte Rechtsverwahrung. Das Regierungspräsidium wurde zunächst von Oberpräsident Gronowski mitverwaltet, bis es am 17.10.1932 der langjährige Staatssekretär in der Reichskanzlei Dr. Hermann Pünder übernahm.

Die Hintergründe der Abberufung von Amelunxen konnten bis heute nicht restlos aufgeklärt werden. Aber es besteht kein Zweifel, daß die Amtsenthebung in erster Linie gegen den exponierten Republikaner gerichtet war und auf Betreiben von Papen, nicht von Bracht erfolgte, wie Papen in seinen 1952 veröffentlichten Memoiren glauben machen wollte. Dabei dürften auch persönliche Spannungen mit im Spiel gewesen sein, die noch aus der Zeit Papens als Ehrenbürgermeister der Gemeinde Merfeld bei Dülmen herrührten. 1929 hatte sich Papen die für einen Bürgermeister ungewöhnlich hohe Summe von 400 RM Aufwandsentschädigung bewilligen lassen, die Amelunxen als Regierungspräsident beanstandete und auf 150 RM herabdrückte. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war Papen nur noch schlecht auf Amelunxen zu sprechen. Münsterische Zeitungen ließen in ihrer Berichterstattung über die Amtsenthebung Amelunxens durchblicken, daß Papen offenbar nur auf den Moment gewartet habe, um mit Amelunxen eine Privatrechnung zu begleichen: "Herr von Papen - Dr. Amelunxen: das muß schon peinlich in persönlicher Hinsicht wirken...".


4.


Während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes blieb Amelunxen von politischen Pressionen so gut wie unbehelligt. Gleichwohl wechselte er mehrmals seinen Wohnort. Das Kriegsende erlebte er im sauerländischen Fredeburg, wo ihn britische Soldaten im April 1945 ausfindig machten. Am 05.07.1945 ernannte ihn die britische Militärbehörde kommissarisch, im November endgültig zum Oberpräsidenten von Westfalen.

Amelunxen war keineswegs der erste Anwärter für das Amt des Oberpräsidenten, obwohl er von Anfang an mit in der engeren Wahl stand. Neben ihm waren noch Gronowski und Pünder im Gespräch, Männer also, die wie Amelunxen in der Weimarer Republik hohe Verwaltungsämter bekleidet hatten und nicht durch ihre Haltung zum Nationalsozialismus diskreditiert waren. Die Entscheidung fiel erst zugunsten von Amelunxen, als Pünder nicht aufzutreiben war (er hielt sich zu dieser Zeit noch in Italien auf) und Gronowski, der den sondierenden Engländern von mehreren Seiten empfohlen war, aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt hatte.

Seit dem 05.07.1945 stand Amelunxen an der Spitze einer Verwaltung, die nach dem Willen der Militärregierung zur höchsten deutschen Verwaltungsinstanz in der Provinz Westfalen sowie in den Ländern Lippe und Schaumburg-Lippe erklärt worden war. Berichte von Dienststellen, die früher an die Ministerialbehörden in Berlin gingen, mußten jetzt dem Oberpräsidenten vorgelegt werden. Allerdings machte die britische Militärregierung von Anfang unmißverständlich klar, daß sie sich in allen Fragen die letzte Entscheidungsbefugnis vorbehielt. Dementsprechend war der Spielraum des Oberpräsidenten denkbar eng begrenzt. So hieß es in der Anweisung des Militärgouverneurs Ledingham vom 06.07.1945 in militärisch knapper Form, daß sowohl Amelunxen als auch die von ihm berufenen Beamten ihr Amt "lediglich nach dem Belieben der Militärregierung innehaben", daß "Ungehorsam gegen die Anordnungen der Militärregierung ... nicht geduldet" werde und alle Beamte "allein auf Anweisung der Militärregierung handeln". Der schon in dieser ersten Direktive angeschlagene schroffe Befehlston war charakteristisch für die Erlasse der Militärbehörden und erzeugte auf deutscher Seite nicht selten Unmut und Widerspruch.

Angesichts dieser Bedingungen war Amelunxen um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Sie verlangte ein erhebliches Maß an politischem Geschick und Anpassungsfähigkeit sowie einen Blick für das, was in der katastrophalen, von der existentiellen Not der Menschen bestimmten Situation nach Kriegsende besonders vordringlich und realisierbar war. Amelunxen konzentrierte sich zunächst darauf, die für die Umgestaltung des Oberpräsidiums in eine Provinzialregierung notwendigen organisatorischen und personellen Voraussetzungen zu schaffen. Jetzt kamen ihm die Verbindungen und Personalkenntnisse aus den Zeiten seines Berliner Ministerialdienstes und als Regierungspräsident zugute. Amelunxen unterteilte seine Behörde in neun Generalreferate. An ihre Spitze berief er Männer, die er bis auf eine Ausnahme aus der Weimarer Zeit kannte und für die er die Amtsbezeichnung "Generalreferent" wählte. Die von der Militärregierung offerierte und von Amelunxen allem Anschein nach zunächst selbst ins Auge gefaßte Möglichkeit, die Abteilungen als Ministerien zu bezeichnen und selbst als Ministerpräsident zu firmieren, lehnte er schließlich ab. Solche Amtstitel wären angesichts der tatsächlichen Kompetenzen in der Tat irreführend gewesen und einer politischen Hochstapelei gleichgekommen, zumal der Militärgouverneur den von Amelunxen vorgelegten Organisationsplan unter anderen mit der Bemerkung kommentierte: "Sie als Oberpräsident und ihre Beamten sind lediglich ausführende Behörde..., die zur Ausführung der Anweisungen der Mil(itär) Regierung eingesetzt ist." Ende des Jahres 1945 war - nach wiederholten Änderungswünschen der Militärregierung - die Umbildung des Oberpräsidiums in eine Provinzialregierung Westfalen abgeschlossen.

Amelunxen war gut beraten, daß er seine Amtsführung peinlich genau an den englischen Direktiven ausrichtete, wollte er nicht Gefahr laufen, von der Militärregierung wieder entlassen zu werden. Im Umgang mit ihr hatte er durchaus eine glückliche Hand, und er zeigte gegenüber den oft schulmeisterlich und unduldsam auftretenden Besatzungsoffizieren ein bemerkswertes Einfühlungsvermögen. Dies schloß freilich nicht aus, daß es zu gelegentlichen Zusammenstößen kam und Amelunxen wiederholt sogar Rücktrittsabsichten hegte.

An oberster Stelle rangierte in Westfalen wie überall in Deutschland die Sorge für das Existenzminimum der Bürger. Ihre Situation war gekennzeichnet von Wohnungsnot, Lebensmittel-Rationierung und Zwangsbewirtschaftung aller Versorgungsgüter. Was zu verwalten war, das waren Not, Mangel und Trümmer. Diese Form der Erbschaft des nationalsozialistischen Regimes überlagerte zunächst die Debatte um den politischen Wiederaufbau. Gleichwohl hat man sich gerade in Westfalen frühzeitiger und intensiver als etwa im Rheinland Gedanken über die zukünftige politische Gestalt der Provinz gemacht.

In diesem Zusammenhang kommt dem Versuch Amelunxens eine besondere Bedeutung zu, den westfälischen Provinzialverband aufzulösen und dessen Aufgaben und Beamtenapparat seiner Behörde zu übertragen. Amelunxen begründete seinen Schritt erstens mit dem durchsichtigen Argument der Verwaltungsvereinfachung, zweitens mit dem sogenannten Oberpräsidentengesetz vom 15.12.1933. Gerade dieses Gesetz hatte nicht zuletzt deshalb die parlamentarischen Organe des Provinzialverbandes aufgelöst und dessen Zuständigkeiten auf die Person des Oberpräsidenten, nicht aber auf seine Behörde übertragen, um das nationalsozialistische Führerprinzip auch in die provinzielle Selbstverwaltung hineinzubringen. Amelunxen stieß jedoch auf den energischen Widerstand des am 02.06.1945 von den Briten zum Landeshauptmann, also zum Chef der Provinzialverwaltung ernannten Bernhard Salzmann. Wie sehr sich der Konflikt zwischen den beiden Männern zuspitzte, ist daran ablesbar, daß Amelunxen Salzmann kurzfristig von seinem Amt suspendierte, ohne sich aber durchsetzen zu können. Salzmann nahm den Erlaß von Amelunxen zur Kenntnis und ging zur Tagesordnung über, indem er die Amtsgeschäfte unverändert weiterführte.

Amelunxens Initiative hatte auch zur Folge, daß fortan die Provinzialverwaltung unter Salzmann und dem Landesrat Dr. Helmut Naunin, unterstützt durch den Oberstadtdirektor von Münster, Dr. Karl Zuhorn, in ungleich stärkerem Maße die Debatten der Alliierten über die politische und territoriale Neugestaltung Deutschlands unter dem Blickwinkel möglicher Rückwirkungen auf Westfalen und speziell auf den Provinzialverband verfolgten. Dies wurde spätestens augenfällig, als die britische Zeitung "The Observer" am 14.04.1946 auf französische und englische Überlegungen hinwies, nach denen Westfalen auf einen neu zu bildenden Ruhrstaat im Westen und ein Land Hannover im Osten aufgeteilt werden sollte. Amelunxen, den Naunin auf den Artikel erst aufmerksam machte und auf die Konsequenzen hinwies, gab sich gelassen und tat den Bericht als bedeutungslos ab. Er hielt es für überflüssig, die Militärregierung um genauere Informationen zu bitten, und wollte erst nach Aufforderung durch die Briten aktiv werden.

Wenn er sich in den folgenden Wochen mehr abwartend verhielt, so hing das vor allem damit zusammen, daß ihm und seinen Generalreferenten ein selbstständiges Land Westfalen vorschwebte und daß sie glaubten, nur so Westfalen als Einheit retten zu können. Dafür hat er sich öffentlich eingesetzt, und er konnte in der Zurückweisung von Neugliederungsplänen auf Kosten Westfalens auf die unbedingte Unterstützung aller politischen Gruppen der Provinz rechnen. Dagegen gingen die Auffassungen über die einzuschlagende Taktik und Strategie erheblich auseinander. Während Salzmann, Naunin und Zuhorn zusammen mit der nordrheinischen Provinzialregierung in Düsseldorf und unterstützt vom Deutschen Städtetag unter dem Eindruck der sich verdichtenden Teilungsgerüchte fieberhaft nach Alternativlösungen suchten, blieb Amelunxen unbeweglich und setzte auf seine Westfalen-Lösung. Es mag sein, daß er sich in dieser Haltung durch die britische Militärregierung in Münster bestätigt fühlte, die im Gegensatz zu den zonalen Instanzen allem Anschein nach ebenfalls zur Bildung eines Landes Westfalens tendierte. Gleichwohl fällt auf, wie unflexibel Amelunxen in dieser zentralen politischen Frage operierte; er war nicht bereit oder nicht fähig, hypothetisch in alternativen Modellen zu denken und sich vorsorgend auf eventuelle andere politische Entwicklungen einzustellen.

Um so mehr mußte es überraschen, daß die Briten, als ihre Entscheidung für ein Land Nordrhein-Westfalen gefallen war, mit Amelunxen ausgerechnet den Mann zum ersten Ministerpräsidenten ernannten, der sich der Gründung des Landes nachdrücklich widersetzt hatte. Die Berufung Amelunxens war eine personalpolitische Sensation, und es hat damals wie später zahlreiche Spekulationen und Versuche gegeben, die Beweggründe der Engländer zu erklären. Heute wissen wir, soweit die englischen Quellen bekannt sind, daß Amelunxen mehr oder weniger ein Verlegenheitskandidat gewesen ist, für den aber gerade aus englischer Sicht gute Gründe sprachen. Auf britischer Seite hätte man einen "völlig neuen Mann" vorgezogen, wie es in einem Schreiben der Kontrollkommission an das Kontrollamt in Berlin vom 01.07.1946 hieß, "aber es sei schwer, jemanden zu finden". Wenn man zu wählen hätte zwischen den beiden Oberpräsidenten Amelunxen und Robert Lehr in Düsseldorf, dann spräche für Amelunxen, daß er und seine Westfalen dem Projekt Nordrhein-Westfalen weniger aufgeschlossen gegenüberstünden. Aus dem Schreiben geht klar hervor, daß die Ernennung in erster Linie als Entschädigung für die westfälischen Gruppen gedacht war, die auf ein eigenständiges Land gehofft hatten. Hinzu kam sicherlich auch die für die Engländer positive Erfahrung, daß sich Amelunxen in seinem Oberpräsidentenamt nicht politisch exponiert hatte, sondern loyal gegenüber der Militärregierung und zugleich unabhängig in seinem Urteil und Entschluß aufgetreten war, sein Amt also mehr im Stile eines bestimmten Typus des preußischen höheren Beamtentums alter Schule ausgefüllt hatte.

Amelunxen selbst betonte später in "Ehrenmänner und Hexenmeister", er habe das Angebot erst angenommen, als ihm von den Provinzgouverneuren William Asbury (Düsseldorf) und Sir Henry Vaughan Berry (Münster) versichert worden war, "die maßgeblichen, von der Militärregierung befragten Männer des öffentlichen Lebens im rheinisch-westfälischen Raum seien einmütig für seine Berufung. Die Skepsis, die schon Walter Först 1970 in seiner "Geschichte Nordrhein-Westfalens" gegenüber dieser Version äußerte, wird zusätzlich gestützt durch eine Stellungnahme von Johannes Gronowski, der seit dem 30.03.1946 Parteivorsitzender der CDU von Westfalen war. Von seinen Parteifreunden auf die Berufung Amelunxens angesprochen, urteilte er: "Amelunxen ist ernannt, nicht gewählt worden. Wenn über ihn in Westfalen abgestimmt werden sollte, bekäme er heute kaum 10% aller Stimmen."


5.


Zum Zeitpunkt seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten am 24.07.1946 gehörte Amelunxen noch nicht wieder einer politischen Partei an. Da er selbst nie eindeutig Stellung bezogen hatte, wußte keine Seite so richtig, woran sie mit ihm war. Seine anfängliche Zurückhaltung fand zwar die volle Sympathie der Militärregierung, war aber für das Zentrum und die CDU, die beide hätten in Frage kommen können, ärgerlich und irritierend zugleich. Beide Parteien hätten gern den ersten Ministerpräsidenten des Landes in ihren Reihen gehabt. Amelunxen entschied sich Anfang 1947 für das Zentrum. Seine persönlichen Motive dafür sind bis heute umstritten. Sie hängen sicherlich damit zusammen, daß die Zentrumsprogrammatik seinen politischen und sozialen Grundvorstellungen mehr entsprach als die der CDU. Andererseits war die Entfremdung Amelunxens von den politischen Weggefährten des alten Zentrums, die 1945 zur CDU stießen, auf beiden Seiten von tiefgreifenden, oft beschämenden persönlichen Zerwürfnissen begleitet, an denen er selbst einen nicht unerheblichen Anteil hatte. Die britische Militärregierung soll ihm diskret zu verstehen gegeben haben, "daß er seine Regierungstätigkeit nur fortsetzen könne, wenn er einer politischen Partei beitreten" würde. In den folgenden Jahren wurde Amelunxen zu einem Aushängeschild des Zentrums, ohne sich selbst aber in der Parteiarbeit sonderlich zu engagieren. Sieht man einmal von dem kurzen Zwischenspiel des Ministers für Angelegenheiten der Landschaftsverbände im zweiten Kabinett Arnold, Dr. Josef Weber (1953/1954), ab, so blieb er der einzige Minister, den das Zentrum in den Landeskabinetten stellte, bis die Partei in den Landtagswahlen 1958 an der Fünf-Prozent-Klausel scheiterte und von der parlamentarischen Bühne verschwand.

Die Ernennung von Amelunxen zum Ministerpräsidenten und der Auftrag, eine Kabinettsliste für die erste Landesregierung zusammenzustellen, markierten einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des neuen Landes zur politischen Autonomie. Noch handelte es sich freilich um eine kontrollierte und genau definierte Selbständigkeit. In dem Memorandum des britischen Landesbeauftragten für Nordrhein-Westfalen (Regional Commissioner of Land North-Rhine-Westphalia), Asbury, vom 01.08.1946 hieß es, "daß die deutsche Landesregierung nur diejenigen Vollmachten hat, die ihr durch mich übertragen werden". Auch hatte sich Asbury das letzte Wort über die personelle und politische Zusammensetzung des Kabinetts vorbehalten, das ein Allparteienkabinett sein und die politischen Kräfteverhältnisse widerspiegeln sollte, wie sie die Briten einschätzten. Dazu ist es nicht gekommen, da sich die CDU unter dem Einfluß Konrad Adenauers nicht beteiligte.

Von vornherein war klar, daß das erste Kabinett Amelunxen, das sich am 30.08.1946 im Mannesmannhaus in Düsseldorf konstituierte, nur eine Regierung auf Zeit war. Sie sollte bis zu den Wahlen amtieren, deren Zeitpunkt aber noch unbestimmt war. Ein erster Landtag, zusammengesetzt aus je 100 ernannten Vertretern aus dem rheinischen und dem westfälischen Landesteil, sollte die Regierung beraten; über legislative Vollmachten verfügte er dagegen nicht. Wie erwartet, bestätigten die Gemeinde- und Kreiswahlen am 15.09. und 13.10. die von den Briten angenommenen politischen Mehrheitsverhältnisse nicht. Die CDU wurde die mit Abstand stärkste Partei, was eine Umbildung des Kabinetts wie des Landtags unausweichlich machte. Sie erhielt in der neuen, neunköpfigen Allparteienregierung, die im Dezember 1946 von Amelunxen gebildet wurde, vier Ministerposten zugebilligt. Aber auch das zweite Kabinett Amelunxen war nur für kurze Zeit, genau bis zum 16.06.1947, im Amt. Bei den ersten Landtagswahlen am 20.04.1947 wurde die CDU mit 92 (42,6 %) von insgesamt 216 Mandaten die stärkste Fraktion, während das Zentrum mit seinem Spitzenkandidaten Amelunxen 20 (9,3 %) Sitze errang. Der Wahlausgang machte somit die Möglichkeit eines dritten Kabinetts Amelunxen zunichte, zumal ihn die CDU als Ministerpräsidenten ohnehin nur widerwillig und ungeduldig ertragen hatte.

Fragt man nach der politischen Bedeutung des Ministerpräsidenten Amelunxen, so sind zum einen die allgemeinen Zustände sowie der Zeitfaktor in Rechnung zu stellen. Er regierte insgesamt nur neuneinhalb Monate, also eine doch zu kurze Spanne, um markante und bleibende Spuren hinterlassen zu können. Zum anderen verdankte er seine zweimalige Berufung zum Ministerialpräsidenten besonderen politischen, vor allem besatzungspolitischen Umständen, die ihm enge Grenzen zogen und ihn von vornherein zu einem Regierungschef auf Abruf machten.

Wenn heute auf Grund neuerer Forschungen zur Nachkriegsgeschichte die Gültigkeit der oft und gern zitierten Formel von der "Stunde Null" unter dem Blickwinkel der historischen Kontinuität mehr und mehr angezweifelt wird, so ändert dies nichts an der Tatsache, daß viele der Männer und Frauen, die nach Kriegsende politische Verantwortung übernahmen, das Gefühl hatten, an einem Nullpunkt deutscher Geschichte zu stehen. Dies gilt insbesondere für Rudolf Amelunxen. Die Überzeugung, mit der inneren Ausgestaltung des Landes an einem historischen Wendepunkt zu stehen und die Chance eines grundlegenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Neuaufbaus zu haben, zieht sich wie ein roter Faden durch seine zahlreichen Reden als Ministerpräsident. Sein geistiger und politischer Standort wird bereits in einzelnen Sätzen der Rede ersichtlich, die er auf der Eröffnungssitzung des Landtags am 02.10.1946 im Düsseldorfer Opernhaus hielt: "Nach den mißlungenen Versuchen von Frankfurt und Weimar steht heute das deutsche Volk bei seinem dritten Versuch, einen gesunden, auf Gerechtigkeit und Wahrheit beruhenden Volksstaat aufzurichten. Dieser Versuch ist eine letzte Möglichkeit. Sein Erfolg oder Mißerfolg entscheidet über die deutsche Zukunft. Wir wissen, daß eine Demokratie, die den europäischen Nachbarvölkern seit langem zur politischen Selbstverständlichkeit geworden ist, in einem verstörten, verbitterten und hungernden Volk nicht über Nacht errichtet werden kann." In seiner Regierungserklärung vom selben Tag erklärte er:
"Demokratie... bietet, weil sie mit den natürlichen Rechten der Menschen nicht in Widerspruch steht, die optimale Gewähr, daß das, was war, sich nie wiederholt. Aufklärung tut not über das, was war, was ist und was sein muß. Wir wollen das verfälschte Geschichtsbild eines Treitschke, das im letzten Jahrhundert in allen Schulen und auf allen Hochschulen uns aufgezeigt wurde, der geschichtlichen Wahrheit entsprechend zurechtrücken. Es ist notwendig, die nazistische und militaristische Ideologie, die das Unterbewußtsein vieler Zeitgenossen noch belastet, auszumerzen."

Die Neigung Amelunxens, historische Vergleiche als Argumente in politische Auseinandersetzungen einzubringen, entsprang seiner Vorliebe für historische Themen; aber der geschichtlich gebildete Verwaltungsjurist und Politiker sah auch die Gefahren, die in einem voraussetzungslosen Wiederaufbau und im Verdrängen der historischen Wurzeln des "Dritten Reiches" lagen. Es war für sein Geschichtsbild bezeichnend, daß er den preußischen Historiker Heinrich von Treitschke mit der nazistischen und militaristischen Ideologie in Verbindung brachte. In ihm sah er einen ideologischen Wegbereiter der Politik, die seiner Auffassung nach mehr oder weniger zwangsläufg über die Reichsgründung von 1870/1871 zum 30.01.1933 und zum 08.05.1945 geführt hatte. Amelunxen war beherrscht von einem Preußen-Syndrom. Die preußische Geschichte reduzierte er auf "den unbedingten Autoritätsglauben, den Militärkoller und die starre Disziplin, die Fülle der Ehrenzeichen und Märsche, die Militärkapellen und den in einem der Testamente Friedrichs des Zweiten verankerten Grundsatz, daß der Soldat den Vorgesetzten mehr fürchten muß als den Feind". Für ihn waren die Repräsentanten des Preußentums und des Nazismus austauschbar, und er pflichtete nachdrücklich der These bei: "Wer sich zu Bismarck bekennt, der bekennt bewußt oder unbewußt sich zu Hitler!"

Wichtiger als diese historischen Deutungsversuche Amelunxens, die in ihrer Monokausalität ohnehin nicht haltbar sind, ist sein politisch-pädagogisches Ziel, daß sich die Deutschen ihrer Geschichte und ihren nationalen Traditionen stellen sollten. Den Vorwurf der "Nestbeschmutzung" hat er entschieden zurückgewiesen. Auf der anderen Seite war Amelunxen ein dezidierter Gegner der Kollektivschuldthese und kritisierte das Entnazifizierungsverfahren der Alliierten als naiv, undurchdacht und daher ineffektiv. Er verlangte dessen Einstellung und plädierte für ein zweijähriges Moratorium in der Hoffnung, so "eine einmütige und leidenschaftlose Beurteilung" der Schuldfrage zu erreichen. Den Schulen und insbesondere den Universitäten wies er eine zentrale Rolle für den Aufbau und die Stabilisierung eines demokratischen Gemeinwesens zu. Sie waren für ihn bis 1933 "die Brutstätten der Reaktion" gewesen, die "den Dünger für das Nazitum geliefert" hatten. Er forderte eine rigorose Durchforstung der Lehrpläne und von den Lehrern und Professoren so wie von jedem Beamten ein eindeutiges Bekenntnis zur Demokratie. Schon sehr früh sprach Amelunxen sich für den europäischen Gedanken aus. Er war skeptisch gegenüber aggressiven nationalen Parolen, wie sie vor dem Hintergrund des sich herausbildenden Gegensatzes zwischen Ost und West und der deutschen Teilung formuliert wurden. Er befürwortete die Westorientierung der deutschen Politik, lehnte aber die mit ihr verbundene Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ab. In den fünfziger Jahren gehörte er zu den Unterzeichnern eines Memorandums gegen eine Atomrüstung der Bundeswehr.

Es waren also alles anderes als populäre Positionen, denen Amelunxen anhing und die er in der ihm eigenen apodiktischen Weise vertrat. Aber es waren zweifellos fruchtbare Anstöße, die, weil sie unbequem waren, zum Widerspruch herausforderten. Wenn Amelunxen auch nie ganz den peniblen, oft autoritär auftretenden preußischen Verwaltungsbeamten verleugnen konnte, so war er doch kein trockener, farbloser Bürokrat. Die Rolle eines "Landesvaters" hätte er wohl kaum ausfüllen können, auch wenn seine Amtszeit als Ministerpräsident von längerer Dauer gewesen wäre.

Geprägt war seine Amtszeit von der Bewältigung der Alltagsprobleme. Darunter fielen der Wiederaufbau der zertrümmerten Städte und Fabriken, die Integration der Flüchtlingsströme sowie der Kampf gegen Hunger und Obdachlosigkeit. Es liegt auf der Hand, daß diese Aufgaben Jahre beanspruchten und Amlunxen oft nicht mehr als Hoffnungen und Absichten formulieren konnte. Hinzu kam die nicht weniger schwierige Aufgabe, einen arbeitsfähigen Regierungsapparat aufzubauen und die Reorganisation der Verwaltung, sofern dies noch nicht geschehen war, anzupacken. Auch hier lag es in der Natur der Sache, daß vieles zunächst nur auf den Weg gebracht werden konnte. Deswegen und auf Grund der Richtlinien und der Entscheidungskompetenz der Besatzungsmacht konnte von Regieren im strengen Sinne keine Rede sein. Die Regierung Amelunxen nahm, wie alle anderen von den Alliierten eingesetzten Regierungen, eine Auftragsverwaltung wahr. Damit hatte es erst ein Ende, als aus dem ersten, am 20.04.1947 frei gewählten Landesparlament das erste Kabinett Arnold gebildet worden war, jetzt nahm der Integrationsprozeß des Landes seinen eigentlichen Anfang. Die Phase des Übergangs war abgeschlossen. Von einer "Ära Amelunxen" in der Frühgeschichte des neuen Landes konnte deshalb nicht gesprochen werden.


7.


Mit dem Ende der Amtszeit als Ministerpräsident begann der dritte und letzte Abschnitt der Nachkriegskarriere des Rudolf Amelunxen. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem politischen und öffentlichen Leben im Jahre 1958 war er Minister in den Kabinetten von Karl Arnold und in der Regierung von Fritz Steinhoff. Von 1947 bis 1950 leitete er das Sozialministerium, dann bis zum Juli 1958 das Justizministerium. Bei der Wahl des ersten Bundespräsidenten im September 1949 trat er als Bewerber des Zentrums gegen Theodor Heuss und Kurt Schumacher an, ohne indes mehr als ein "Zählkandidat" zu sein. Kurz vorher hatte er sich erfolgreich um ein Mandat für den Bundestag beworben, das er aber aus Rücksicht auf sein Ministeramt schon bald wieder niederlegte.

Bei der Übernahme des Sozialministeriums sah es so aus, als sollte Amelunxen seine Laufbahn dort beenden, wo sie 1919 begonnen hatte: im Bereich des Sozial- und Wohlfahrtswesens. Hier gab es in der Wiederaufbauphase eine Fülle von Aufgaben und Problemen, denen er sich mit großer Energie und innerem Engagement widmete. Stellvertretend sei auf das Flüchtlingsgesetz verwiesen, das der Landtag am 02.06.1948 verabschiedete und das ganz wesentlich zur gesellschaftlichen Festigung des Landes beigetragen hat. Das Gesetz bildete die Grundlage für die Integration der Flüchtlinge - im August 1949 waren es über eine Million -, für die Kapitalhilfen und Fürsorgeleistungen bereitgestellt wurden.

Nach den Landtagswahlen vom 18.06.1950 bildete die CDU mit dem Zentrum eine Minderheitsregierung; Amelunxen übernahm das Justizministerium, das er über acht Jahre leitete. In dieser Zeit vermochte er eine bemerkenswerte Anzahl von Reformen durchzubringen, mit denen er neue Maßstäbe setzte. Dazu gehörten die Reform des Gnadenrechts, Maßnahmen zur Resozialisierung von Strafgefangenen, die Anstellung von hauptamtlichen Bewährungshelfern sowie eine Neuregelung der juristischen Ausbildung. Über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung fanden die 1951 eingeführten jährlichen Juristenwochen für Richter, Staatsanwälte und Referendare. Die Veranstaltungen waren interdisziplinär organisiert und sollten die Teilnehmer auf die enge Verzahnung von juristischen Problemen mit Wirtschaft, Theologie, Philosophie, Naturwissenschaft und Kunst aufmerksam machen.

Als Amelunxen am 30.06.1958 seinen 70. Geburtstag feiern konnte, war er der dienstälteste Minister der Bundesrepublik, weil er seit zwölf Jahren ununterbrochen ein Ministeramt bekleidete. Das Scheitern des Zentrums in den Landtagswahlen vom 06.07. bedeutete auch das Ende der politischen Karriere von Amelunxen. Er trennte sich nur schweren Herzens von seinem Amt und lebte fortan zurückgezogen in Düsseldorf. Von seinen vielfältigen schriftstellerischen Plänen konnte er nur noch seine schon wiederholt zitierten "Erinnerungen und Betrachtungen" publizieren, die im strengen Sinne nicht zur politischen Memoirenliteratur gezählt werden können.

Mit Rudolf Amelunxen schied 1958 ein Mann aus der Politik und der öffentlichen Verantwortung, der mit sich und seiner Leistung zufrieden war und dies aufs Ganze gesehen auch durchaus sein konnte. Selbstzweifel und Skrupel über die Richtigkeit seines politischen Weges und seines Wirkens scheint er nicht gekannt zu haben. Er erweckte gern den Eindruck, als sei ihm der öffentliche Beifall gleichgültig, und er bespöttelte jene, die staatliche Ordensauszeichnungen annahmen. Doch kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich bei Amelunxen preußische Tugenden mit persönlichen Eitelkeiten verbanden, die er in der Regel mit Humor, Ironie oder auch mit Zynismus zu überspielen suchte. Er war eine politisch integre, nicht aber eine politisch integrierende Persönlichkeit. Amelunxen gehört mit zu den Männern und Frauen, die das politische, soziale und rechtliche Gefüge des Landes Nordrhein-Westfalen in den ersten zehn Jahren entscheidend geformt haben. Ob er indessen staatsmännisches Format besessen hat, wie es in öffentlichen Würdigungen zu lesen ist, kann angesichts seines politischen und geistigen Profils in Zweifel gezogen werden.

Amelunxen starb am 21.04.1969 im Alter von fast 81 Jahren. Das Land ehrte ihn mit einem Staatsbegräbnis. Sein Grab fand er auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof.


Das Porträt Rudolf Amelunxen erschien zuerst in verkürzter Fassung als WDR-Sendung (21.04.1979). Es basiert auf ungedruckten Quellen in: Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Staatsarchiv Münster, Geheimes Staatsarchiv Berlin-Dahlem, Verwaltungsarchiv des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, Münster, Archiv des Landtags von Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Darüber hinaus wurden Gespräche mit Zeitgenossen von Amelunxen geführt. Berücksichtigt wurden außerdem die Publikationen von Rudolf Amelunxen sowie seine Reden als Ministerpräsident und als Minister. Von Amelunxen erschienen u. a.: Ehrenmänner und Hexenmeister - Erlebnisse und Betrachtungen (München 1960); Das Kölner Ereignis (Essen 1952); Kleines Panoptikum - Acht Männer und eine Frau (Essen 1957).

Karl Teppe
 
AUFNAHMEDATUM2004-03-26
 
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DATUM ÄNDERUNG2014-09-22
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